Jul
10
2011
Thilo Sarrazin, der offensichtlich im Zweitberuf Taxis mit iranischen, türkischen oder sonstwie muselmanischen Fahrern benutzt, um sich von ihnen bestätigen zu lassen, wie „begeistert“ sie von seinem Buch sind, wird, so scheint’s, derzeit zu einem Hausautor der F.A.Z. Törrrööö! Mit der Armee von Taxifahrern, die Thilo Sarrazin ja so was von recht geben, könnte man den nächsten Dschihad gegen die zwanzig verbliebenen Linksintellektuellen in Deutschland gewinnen. Jedenfalls dürfen wir jetzt so etwas lesen:
„Der rührende Versuch von Bade und Kollegen, unangenehme Nachrichten von der Integrationsfront zu relativieren, erinnert an die Kriegsberichterstattung im Dritten Reich: Wer BBC hörte, um die Wahrheit über den Frontverlauf zu erfahren, war kein Wahrheitssucher, er machte sich der ‚Wehrkraftzersetzung’ schuldig. Necla Kelek, Thilo Sarrazin und andere sind in diesem Sinne der ‚Integrationskraftzersetzung’ anzuklagen“.
Triumphal führt der Autor dann eine „aktuelle repräsentative Umfrage“ an (natürlich verschont Herr Sarrazin uns mit näheren Angaben über diese Umfrage), in der es von „türkischen Migranten in Deutschland“ (was immer das sein mag) heiße: „Nicht einmal die Hälfte von ihnen bezeichnet ihre Deutschkenntnisse als gut“. Weiterlesen »
Jul
09
2011
Aus der „Allgäuer Zeitung“ vom 9./10. Juli 2011:
„Ignaz Walter, einstiger Chef des 2005 pleitegegangenen gleichnamigen Augsburger Baukonzerns, sieht die Zukunft der Branche heute kritischer als früher. Aus Anlass seines 75. Geburtstages am Sonntag sagte er unserer Zeitung: ‚Wenn ich vor 50 Jahren gewusst hätte, was ich heute weiß, würde ich unter keinen Umständen versuchen, in der Bauindustrie Karriere zu machen’. Der frühere Lenker einer der größten Baukonzerne Europas würde sich für den Beruf des Investmentbankers entscheiden.“
Al Capone, einstiger Chef des Chicagoer Syndikats, sah die Zukunft seiner Branche kritischer als zuvor. „Weißt du“, sagte Capone aus Anlass seines Geburtstags dem Chicago Colt Daily, „wenn ich früher gewusst hätte, was ich heute weiß, würde ich unter keinen Umständen versuchen, mit dem Alkoholschmuggel Karriere zu machen“. Der frühere Lenker eines der größten Dienstleistungsunternehmen Amerikas würde sich für den Beruf des Geldwäschers entscheiden.
Jul
07
2011
In der F.A.Z. durfte vor einiger Zeit, genauer gesagt am 8. Juni 2011, Rupert Murdoch, ja, genau der Rupert Murdoch eine dreiviertel Seite lang sein Bildungsideal in der Rubrik „Forschung und Lehre“ ausbreiten und, wie man so sagt, auf den Punkt bringen: „So werden wir der Wirtschaft all die Talente und Energien zur Verfügung stellen, die sie braucht, um zu florieren“.
Und, wer weiß, vielleicht kommen da ja auch die „Wirtschaftsweisen“ der Zukunft heraus. Seltsam, dass das niemandem so recht auffällt, dass wir diesen Begriff der Weisheit nur noch für die blödeste aller Wissenschaften anwenden. Ist das nun „Ironie“? „Sarkasmus“? Wann hat man zuletzt eine Philosophin oder einen Historiker als „weise“ bezeichnet? Und wäre das denen, ganz im Gegensatz zu den Wirtschaftsweisen, nicht ausgesprochen peinlich? Nun ja, im Zweifelsfall reden sie sich mit eben der Ironie heraus, die ihnen in der Beschreibung der Funktionsweise ihres Faches gänzlich abgeht.
Übrigens ist Ironie eine höchst ambivalente Angelegenheit. Ohne Ironie kann man in einer komplexen Kultur weder denken noch sprechen. Weiterlesen »
Jul
06
2011
1.1
Ein BILD ist ein System von Zeichen, die allesamt in mehreren anderen Systemen „bedeuten“ (Politik, Moral, Religion, Ästhetik, Logik, Sexualität usw.). Das System des Bildes kann die Bedeutungen der anderen Systeme entweder verstärken oder abschwächen. Die Systeme können sich „verstehen“, „kommentieren“, „negieren“ oder sogar „ignorieren“.
1.2
Jedes Element eines Bildes kann mehreren Systemen zugeordnet werden (Sexualität, Religion und Ästhetik in einem „Madonnen“-Bild) und deren Widersprüche mythisch aufheben, aneinander spiegeln oder hinter einander verbergen. Das Bild muss davon nichts wissen (es hatte ja über alledem auch noch ein „reales“ „Modell“).
1.3
Das Bild „bedeutet“ weder eine Summe noch eine Gleichung seiner Elemente. Ein Bild also ist keine Ansammlung, sondern ein System von Systemen von Zeichen, Weiterlesen »
Jul
03
2011
Erst im Jahr 1998 tauchte folgendes polemische Gedicht im Nachlass von Edgar P. Kuchensucher auf, dessen Editionsgeschichte, bzw. die Geschichte seiner Nicht-Edition, einmal mehr die manchmal durchaus tragische Konkurrenz/Freundschaft zwischen Kuchensucher und Eichenweich beleuchtet.
Ein Deutscher Beamter
Un a)bkömmlich
Un b)irrbar
Un c)rstörbar
Un d) was sagt unse dasse?
Ursprünglich war dieses Gedicht zur Veröffentlichung in dem Band „Kuchensucher: VergeblIch“ vorgesehen, doch da kam Eichenweich mit der Publikation eines Gedichtes zuvor, Weiterlesen »
Jun
30
2011
I. FUSSNOTEN ZUR PRODUKTION DES KLEINBÜRGERTUMS
„Der Kleinbürger“, schreibt Roland Barthes in den „Mythen des Alltags“, „ist ein Mensch, der unfähig ist, sich den Anderen vorzustellen“. So ist er, in der Geschichte und in der Biographie, geworden. Um – ökonomisch und sozial – als Kleinbürger zu überleben, als Mensch, der nicht allein seine „nackte“ Arbeitskraft zu Markte trägt, sondern auch mit Bildung, Tradition, ein wenig Besitz, ein wenig Distinktion aufwarten kann, musste man also, es mag im 18. Jahrhundert begonnen haben, eben dieser Fähigkeit, sich den Anderen vorzustellen, nach und nach entledigen. Möglicherweise entstand das dadurch, dass man sich verbieten musste „nach oben“ zu schauen (in die Welt von „denen da oben“, die nicht nur unerreichbar sondern auch moralisch inakzeptabel war), und zugleich verbieten musste nach unten zu schauen, in den Abgrund der niederen Klassen, in die man durch Unglück oder Fehlverhalten hinunter fallen könnte (und möglicherweise ohne als gefallener Kleinbürger vom Proletariat aufgefangen zu werden). Sich den Anderen unvorstellbar zu machen gehörte gleichsam zur Sicherung der Klassenerhalts im Kleinbürgertum. Weiterlesen »
Jun
13
2011
Ich hatte letzte Nacht einen schweren Traum. Die Deutsche Bahn setzt ihre Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof fort, nicht obwohl, sondern gerade weil zu erwarten ist, dass der „Stresstest“ negativ ausfallen wird. „Realistisch betrachtet“, erklärte schließlich vor kurzem der Physiker Christoph M. Engelhardt, wäre dieser Stresstest „selbst mit zehn Bahngleisen nicht zu bestehen“. Man kann zugleich davon ausgehen, dass die Kosten mittlerweile in solch schwindelerregende Höhen geklettert sind (wir kennen das etwa vom Transrapid-Projekt), dass es darin weder politische noch ökonomische Vernunft mehr zu bewahren gibt. Dann wäre die brutale Wiederaufnahme der Bauarbeiten nichts anderes als ein Erpressungsversuch, durch den die Kosten für den Ausstieg in die Höhe getrieben und neu verteilt werden. Weiterlesen »
Jun
12
2011
HEINRICH KLEY: EIN BILDPRODUZENT DES BEGINNENDEN 20. JAHRHUNDERTS IST ZU ENTDECKEN
Was sind das für Zeiten, in denen der Besuch einer Kunstausstellung ein Verbrechen geheißen werden müsste, weil er das Absehen von so vielen Dingen beinhaltet? Aber so, wie jedes Gespräch über Bäume nun immer auch ein politisches Gespräch ist, so ist auch der Besuch einer Kunstausstellung sehr häufig ein Versuch, die Augen anders als von der Medienherrschaft erhofft, zu öffnen. Und wenn man die Bilder von Heinrich Kley, ausgestellt im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover (vom 22. Mai bis 21. August 2011) betrachtet, die in den ersten beiden Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts entstanden, kann man sich des Eindrucks eines Déja Vu nicht erwehren: Krisen, Katastrophen und Korruptionen des Jahres 1911 ähneln wahrhaft verteufelt den Krisen, Katastrophen und Korruptionen des Jahres 2011. Und wir könnten ebenso verteufelt gut den einen oder anderen Heinrich Kley unter unseren Bilderproduzenten brauchen. (Teufel sind, nebenbei gesagt, etwas, das Heinrich Kley einfach gern gemalt und gezeichnet hat.) Weiterlesen »
Jun
08
2011
Die Geschichte geht so: Ein Demonstrant an jenem schwarzen Donnerstag in Stuttgart, dem 30. September 2010, sieht sich und seine Freunde, darunter Kinder und Rentner, dem Angriff von vermummten und hoch gerüsteten Polizisten ausgesetzt, die die Menschen mit Schlagstöcken und Pfeffersprays maltraitieren. In seiner Empörung ruft er diesen Polizisten zu: „Ihr Arschlöcher!“ Mag schon sein: ein kleiner Fall von „Beamtenbeleidigung“, und den Richter oder die Richterin in Deutschland wollen wir sehen, der oder die in seinem bzw. ihrem Urteil zu dem Ergebnis käme, dass sich Beamte und Beamtinnen an jenem schwarzen Donnerstag tatsächlich wie Arschlöcher aufgeführt hätten. („Arschloch“ ist, politisch gesehen, leider ein sehr unscharfer Begriff.)
Aber die Geschichte geht weiter. In der Version des Angeklagten habe ein Freund ihn besänftigend umarmt und aus der Konfliktzone am Stahlgitter weggeführt. Und das war’s. In der Geschichte des beleidigten Beamten indes geht es weiter: Der Angeklagte sei noch einmal ans Stahlgitter zurück gekehrt, und nun habe er es nicht mehr mit einem „Arschloch“ bewenden lassen, sondern ein noch viel schlimmeres Schimpfwort benutzt: „Kinderschänder“.
Oha!
Der Angeklagte bestreitet dieses Wort benutzt zu haben, ihm wäre der Zusammenhang zwischen prügelnden Polizisten und sexuellen Straftätern auch gar nicht recht eingängig. Schließlich ist nicht jeder Mensch, der zornig ist, auch ein Idiot, im Gegenteil. Weiterlesen »
Jun
04
2011
Wie wir lernen, positiv zu denken
Radio-Nachricht, Donnerstag 2. Juni 2011, 18:30:
„Die Deutschen müssen sich auf höhere Rechtsanwalt-Gebühren gefasst machen.“
Radio-Nachricht, Donnerstag 2. Juni 2011, 19:30
„Die Rechtsanwälte in Deutschland dürfen sich auf höhere Gebühren freuen.“