Mai
17
2010
Kunst & Verbrechen
Verflechtungen im Maquis der (mehr oder weniger) schönen Dissidenz
In jedem Künstler, sagt man, steckt ein Mörder, der heraus will. Und in jedem Mörder ein Künstler, dem man nicht bei der Arbeit zusehen soll, der aber wohl das Werk präsentieren will. Der eine versteckt seine Todeswünsche in einem Bild, der andere versteckt sein Bild in einer Leiche. Der eine ist der Schatten des anderen. Aber haben nicht alle die bürgerlichen Rollen, der Wissenschaftler, der Offizier, der Kaufmann und sogar der Kardinal ihre dunklen Wiedergänger? Als Verschwörer, Triebtäter oder Wahnsinnige. Sie sind nicht ganz bei sich, in all ihrer Macht, so fängt das an. Und was entsteht, als düstere Legende, ist nichts als ein Mythos, der das Unvereinbare zusammenbringt. Der Künstler, nur zum Beispiel, ist in der bürgerlichen Gesellschaft dringend notwendig und zugleich unmöglich. Man muss ihn fürchten, und er muss sich vor der eigenen Aufgabe fürchten. Mindestens. Denn während er das Unbehagen in seiner Kultur zu bändigen versucht, lockt er es erst recht hervor.
Obwohl die besseren Geschichten dazu definitiv aus früheren Zeiten stammen, ist die Idee einer grundsätzlichen inneren Verwandtschaft zwischen Kunst und Verbrechen wohl ein Fantasma des neunzehnten Jahrhunderts. Weiterlesen »
Mai
12
2010
„Geld regiert die Welt.“ (sagte meine Großmutter seufzend, als man ihr die Hälfte des Gartens nahm, damit eine Garagenzufahrt entstehen konnte.) Damals meinte das vor allem: Geld ist das Mittel jener, die sich Macht und Vorteil zu verschaffen verstehen, weil sie, woher auch immer, dieses Mittel besaßen. Aber es steckte ein klein wenig wohl schon zur Zeit meiner Großmutter darin, dass möglicherweise nicht allein diejenigen, die es haben und die es einigermaßen skrupellos einsetzen, die Welt regieren, sondern das Geld an sich.
Im Augenblick sind wir diesem Regenten auf eine Weise unterworfen, wie wir es zumindest noch nie gespürt haben: Alle sind betroffen, kein außerhalb mehr möglich (weder das Verfassen eines Haiku noch eine Liebesgeschichte denkbar ohne Geld), andere, auch nicht viel sympathischere Formen von Macht und Gewalt, Regierung, Militär, Terror, ganz und gar dem Geld unterworfen. Was kein Geldgeschäft ist, ist obskur und obszön. Weiterlesen »
Mai
11
2010
Zwei lachende Herren überquerten bei strahlendem Himmel die Ismanninger Straße, was andere Verkehrsteilnehmer zu unerwünschten Hormonausschüttungen und semiotischen Entgleisungen führte.
Was mochte die beiden Herren so erheitert haben?
Vielleicht hatte der eine von ihnen gesagt: „Die Welt ist alles, was der Fall ist“.
Und der andere hatte geantwortet: „Und der kommt bekanntlich immer gleich nach dem Hochmut“.
Vielleicht war es aber auch etwas ganz anderes, was die Herrn Reiner und Kainer amüsierte.
Wie dem auch sei. Strahlendem Himmel und lachenden Herrn ist, wie ein altes Sprichwort weiß, nie zu trauen. Besonders nicht im modernen Straßenverkehr.
Mai
05
2010
Komplexreduzierung daily
Was die „Rettung von Griechenland“ anbelangt, bescheißt uns die Regierung gerade wieder nach Strich und Faden; selbst der F.A.Z. fällt auf, dass eine Politik, die ausschließlich im Interesse der Banken funktioniert, gleichsam automatisch eine Politik gegen das eigene Volk sein muss (man sagt es nur nicht so). Und die BILD-Zeitung formuliert das diesbezügliche Unbehagen nach dem Muster seltsam rassistisch anmutender Kampagnen um (als müsste um jeden Preis der Welt verhindert werden, dass die Beschissenen dieser Erde sich solidarisieren).
Die Art, wie demokratische Regierungen die Bevölkerung bescheißen, funktioniert am Ende in der Regel immer, denn sie bedienen sich dabei der Medien, die sie perfekt zu bedienen gelernt haben (wenn auch mal, wie man so sagt, über die Bande). Politiker, die es lernen, mit Medien umzugehen, verlernen zuerst, mit echten Menschen umzugehen, und dann verlieren sie die Fähigkeit, überhaupt noch mit der Wirklichkeit umzugehen. Außer natürlich mit der Wirklichkeit des Kapitals.
Bei jeder solchen Krise, so scheint es, kann auch die demokratische oder eben postdemokratische Herrschaft nachher genau so weiter machen wie bisher. Aber jedes Mal erzeugt sie eine nächste Gruppe von Menschen, die nicht mehr mitmachen, die das alles nichts mehr angeht, die leer gewordene Rituale der Demokratie nicht mehr füllen wollen.
Die Geschichte der Demokratie ist dann zu Ende, wenn die Anzahl jener, die nicht mehr mitmachen, mehr oder weniger identisch mit der Anzahl der Wahlberechtigten in einer Gesellschaft ist (abzüglich von Mafia- und Parteimitgliedern). Lang kann das nicht mehr dauern. Dann muss eine demokratische Regierung wohl tatsächlich Brechts Vorschlag befolgen, das Volk auflösen und sich ein neues wählen. Naja, wenn es noch eines gibt jedenfalls.
Mai
01
2010
Ordnungsrufe im Frühling
Erste längere Sonnenstrahlen freuten neben den Solarzellenherstellern und ihren Werbespezialisten auch Passanten und Faulenzer. Es war das große Hocken und Defilieren im wiedererwachten Menschenzoo, Fütterungszeit, Paarungszeit, Schlafzeit. Weißbierzeit für unsere wohlbekannten Herren.
„Ist Ihnen das schon aufgefallen?“, fragte Herr Kainer, „Was einen so verstört, oder auch so langweilt, wie man es nimmt, das ist, dass nichts an einem rechten Ort ist. Alles ist halt da, hier ein Auto mit einem Aufkleber ‚Kleiner Feigling’, dort eine Irokesenfrisur über einer Aktentasche, und da redet einer vor sich hin, vielleicht hat er ein Handy im Kragen, oder er ist verrückt, oder beides, denn das ist ja egal, weil alles verbunden ist aber auch alles nur für sich. Verstehen Sie, was ich meine? Die Dinge sind genau dort miteinander verknüpft, wo man es nicht sieht. Verbunden mit etwas weit entferntem und getrennt vom allernächsten. Alles ist möglich, solange es nur keinen Sinn ergibt.“ Weiterlesen »
Apr
29
2010
In meiner Lieblingsrubrik im „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel“, nämlich dem „titelschutz“ (kleingeschrieben, da seht Ihr mal, wie modern der deutsche Buchhandel noch ist), finden sich, neben den unzähligen Erbauungsschriften für den Christenmenschen (Ich sag’ mal: ein todsicheres Geschäft) und schöner konkreter Titel-Poesie („Gattin aus Holzabfällen“, „Bewusstseinsdiamanten“, „Märchen-Pärchen“) auch das Passende zur Krise: „Unter Hinweis auf §§5, 15 MarkenG nehmen wir Titelschutz in Anspruch für „Geld verdienen mit…“, „Geld machen mit…“, „Reich werden mit…“ in allen Kombinationen , Darstellungsformen, Schreibweisen und Medien; insb. in Verbindung mit Sammel- und Wertobjekten wie Briefmarken, Münzen, Ansichtskarten, Kunst, Edelsteinen etc.“ Versuchen Sie es also gar nicht erst mit „Geld verdienen mit Überraschungseiern“, „Geld machen mit Promi-Schamhaaren“ oder „Reich werden mit Datenschrott“. Da werden schon andere im deutschen Buchhandel mit reich.
Gibt es eigentlich schon das Buch „Geld machen mit bescheuerten Buchtiteln“? Wir bleiben dran.
Mrz
30
2010
Das zweifache Objekt. Ein Spielfilm, natürlich, erzählt in der Regel eine Geschichte. Eine Geschichte ist einerseits die Kunst, auf eine Weise Menschen und Objekte im Raum und in der Zeit zu bewegen, die für den Empfänger so oder so einen Sinn erzeugt, in einem moralischen, ästhetischen und kulturellen Bezugsfeld. Und andrerseits hat diese Geschichte selber eine Form, sie hat eine Topographie, eine Architektur, einen Rhythmus der Bewegung, sie ist selber Körper und Objekt. (Ob die Bewegung den Raum oder der Raum die Bewegung erzeugt, sei für den Augenblick einmal dahingestellt.)
In einer Geschichte bewegen sich Menschen zwischen Objekten und Objekte zwischen Menschen. (Der Schatz, der Brief, das Indiz oder das Dokument wechseln mehrfach den Besitzer; fertig ist der Kino-Plot.) Ein Erzählziel unter vielen anderen kann es sein, lustvoll die Grenze zwischen Menschen und Objekten zu überschreiten, um sie am Ende angstvoll wieder zu ziehen, die Zauberbesen in die Ecke zu stellen. Das übergeordnete Erzählziel aber ist es, eine Einheit zwischen den Menschen und den Dingen zu schaffen; eine Geschichte erklärt, warum der Mensch erst vollständig ist als Ensemble von Körpern und Objekten. Weiterlesen »
Mrz
24
2010
Als der Künstler, genannt Schroeder, in dieser Nacht aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Mumienwesen verwandelt. Er lag auf seinem von Laken und Tüchern umwickelten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten Bauch mit den gefesselten Händen, Weiterlesen »
Mrz
23
2010
“Der frühe Vogel fängt den Wurm!” Das heißt wohl auch: Frühe Würmer werden von frühen Vögeln gefressen. Deswegen bleiben kluge Würmer morgens länger liegen. Die frühen Vögel wären damit schon mal ausgetrickst. Wenn aber nun späte Vögel einfach die späten Würmer fressen? Dann nutzt dem Wurm weder Intelligenz noch Erfahrung, und dem Vogel nutzt das Frühaufstehen nichts. Vor allem aber nutzen Sprichwörter nichts.
Mrz
21
2010
Aus dem Angebot der AZ-Jugendleserreise der Augsburger Zeitung: „Jugend-Sommerferienlager 2010, Italien XXL“:
Grillabend
Unterkunft im Großzelt mit einer Belegung von maximal 8 Personen
„Lichterfahrt“ durch Rom
- Papstaudienz (sofern der Papst zu Hause ist) Weiterlesen »