Kleinigkeiten (45)

Unsere medialen Erzählmaschinen scheinen derzeit einem gewaltigen Irrtum aufzusitzen. Sie sind offenbar der Meinung, dass man eine halbwegs diesen Namen verdienende demokratische Zivilgesellschaft nur schützen kann, wenn man sie zugleich zu einer Konsensgesellschaft erzieht. Daher ergibt sich dieses etwas degoutante Bild von einer Presse, die alles daran setzt, eine gemeinsame Erzählung zu generieren, Abweichler rasch und heftig zu desintegrieren, und den Mainstream der Meinungen so weit als eben verträglich nach rechts zu lenken, weil es nun eben der Markt halt so will.

Einer dieser Konsenskonstruktionen lautet in etwa: Donald Trump ist ein so grotesker rechter Idiot, dass nur Hillary Clinton ihn bezwingen kann und den politischen Frieden wieder herstellen. Der linke Kandidat Bernie Sanders kann da nur als Störenfried gelten, den es kleinzuschreiben gilt. Von seinen AUSSAGEN ist in der hiesigen Presse so gut wie nichts zu lesen.

Umgekehrt wird auch ein kognitives Beschweigen vermittelt; dass seinerzeit mit der Ukraine-Berichterstattung mit ihrem leicht ins Hysterische lappendem Mainstreaming ziemlich schief gelegen ist, mag niemand hören oder lesen. Daher Schwamm drüber.

Das Mainstreaming der Flüchtlings-Erzählung freilich überschreitet im Wesentlichen bereits den Rahmen zivilgesellschaftlicher Codes. Das Aber im Ja, aber wird nicht nur lauter, es wird zum eigentlichen Inhalt. Weiterlesen

GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND VOM HERRN KAINER UND VOM HERRN N’BEMBÉ (33)

Wie die Daunen einer schlecht gerupften Gans fielen die späten Schneeflocken, als die Herren Reiner und N’Bembé das Wirtshaus ihres Vertrauens erreichten.

„In Zukunft“, sagte Herr Reiner, „werde ich nichts mehr auf den Wetterbericht geben“.

„Ja, ja, die Zukunft“, meinte Herr N’Bembé und nahm am von ihm bevorzugten Fenstersitz Platz, während Herr Reiner umständlich und ein wenig dramatisch Mantel und Hut zu säubern versuchte.

„Ich habe noch nie so viel von Zukunft reden hören und so wenig davon gespürt“, meinte Herr N’Bembé dann.

„Ach“, seufzte Herr Reiner, sichtlich erleichtert, nachdem die Kellnerin (die nicht „Zenzi“ genannt werden will), mit den Weißbiergläsern erschienen war. „In unserem Alter sollte man froh sein, wenn man überhaupt noch eine hat.“

„Eine was?“, fragte die Kellnerin freundlich.

„Eine Zukunft“, grinste Herr Reiner.

„Man hat immer eine Zukunft“, sagte die Kellnerin, „weil, wenn man keine Zukunft hat, dann hat man auch keine Vergangenheit, und dann ist eh’ schon alles egal.“ Weiterlesen

Unterwegs (12)

AUS DEN MEMOIREN EINES FUSSGÄNGERS

Wenn die Götter mich einst fragen werden, was ich denn auf Erden so getrieben habe, um mir ein Recht auf ein glückliches Leben zu verdienen, so werde ich antworten: Ich bin zu Fuss gegangen.

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Es gibt natürlich Städte, die ein Paradies für Fußgänger sind, und solche, die die schiere Hölle bieten. In manchen Städten, sagen wir: Madras, begegnen sich die beiden Extreme. Dort jedenfalls ist die Überquerung einer Straße ein hübsches Abenteuer. Es geht hier nicht darum, einen „Überweg“ zu finden als vielmehr darum, eine möglichst große Anzahl von Mitmenschen, die das selbe Ziel, nämlich die Überquerung dieser Straße, zu verfolgen. Sie versammeln sich so lange, bis gleichsam eine kritische Masse entstanden ist, aus der sich ein besonders mutiger Mensch löst, um die Überquerung zu wagen, in der riskanten Vermutung, die Menge werde ihm folgen und ihn auf diese Weise gegen den heranbrausenden Strom der dem Fußgänger so an Kraft und Geschwindigkeit überlegenen Fahrzeuge schützen. Es heißt nun, nicht zu weit vorn, aber auch nicht zu weit hinten zu sein, wenn die kritische Masse sich gebildet und, einer dunklen Wolke gleich, die Fußgänger sich auf die Straße ergießen. Wo dem einzelnen Fußgänger gegenüber kein Pardon gegeben wird, da zeigt man sich als Wagen- oder Zweiradlenker von der Menge doch beeindruckt; der Verkehr kommt ins Stocken, bis dann wieder die Jagd auf die Nachzügler beginnt.

Sind sowohl die Vorhut (sie besteht meistens aus jungen Männern) als auch die Nachzügler (oft ältere Damen mit schwerem Gepäck) gefährdet, so ist doch auch die Mitte einer solchen kritischen Straßenüberquerungsfußgängermasse kein sicherer Ort. So geschah es mir einmal, Weiterlesen

Von der Unmöglichkeit des leichten Denkens an diesem Ort zu dieser Zeit

Schön, sehr schön wäre es gewesen, wenn auch in Deutschland sich hätte Französisches ereignen können. Mit solch poetischer Leichtigkeit zu denken wie Roland Barthes, so unabgelenkt wie Claude Lévi-Strauss, so luftig wie Gilles Deleuze. Das Leichte aber konnte nicht gelingen, weil man ja für diese Zeit oder die Ewigkeit, aber nichts dazwischen dachte. Nur Hans Blumenberg konnte einen immer wieder mit Leichtigkeit auf Pfade des Denkens locken, die nicht von den Elefanten der deutschen Geistesgeschichte breit getrampelt worden waren.

Da war und ist diese Unmöglichkeit, über etwas zu reden und von etwas anderem zu schweigen.

Jetzt geht uns die verpasste Chance einer Leichtigkeit des Denkens ab, wo wir bemerken, wie das Schwerdenken geradezu prädestiniert scheint, in Windeseile nach rechts hinüber zu schwenken, wo selbst das Leichtgewichtigste sich schwer macht.

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Ach die deutschen Medien. Die Hochburgen des Liberalismus und der kritischen Nüchternheit! Jahrzehntelang haben sie sich gegenüber jeder Kritik von links als resistent erwiesen. Ignorieren war noch die respektvollste Art damit umzugehen.

Und nun, da die Kritik von rechts kommt, Lügenpresse und so weiter, da ist man Schockschwerenot aufgeschreckt und braucht Legitimation und Verteidigung; keiner, der da irgendwas mit Medien an irgendwas Universitärem treibt, bleibt unbefragt und unaufgerufen, die freie Presse zu verteidigen.

Da sehen wir eine Sau, die sich selbst durchs Dorf jagt. Weiterlesen

DEMOCRACY FIRST, oder WIE PESSIMISTISCH DARF (ODER MUSS) MAN SEIN?

Angesichts des an allen Ecken und Enden aufsprießenden Halb- und Ganzfaschismus in unserer Gesellschaft, dem Begräbnis der Hoffnungen auf ein nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch (demokratisch) und kulturell geeinigtes Europa, angesichts der hässlichen Machtkämpfe, die unsere politische Klasse ausruft, statt ihrer humanistischen und zivilisatorischen Pflicht zu folgen, angesichts einer Intelligenz, die verzweifelt oder lieber gleich zu den Halbnazis wechselt, einer von allen Seiten bedrohten, und doch tapfer sich wehrenden Zivilgesellschaft, die schon eine Minderheit im eigenen Land bildet, angesichts eines offenbar unabwendbaren „Handelsabkommens“ TTIP, das die Welt, so wie sie ist und mit allem drum und dran, den Weltkonzernen zum Fraß vorwirft und in Geheimverhandlungen die Entmachtung der parlamentarischen Demokratie, der kritischen Öffentlichkeit und der unabhängigen Justiz beschließt, angesichts der Unfähigkeit und des Unwillens wenigstens Minimalziele zur Erhaltung von Umwelt und Klima zu erreichen, angesichts aber auch der alltäglichen Erfahrung von Gleichgültigkeit, Roheit und Verblödung der Mitmenschen – wie viel Optimismus kann man sich da noch gönnen ohne diesen Gesichtsausdruck, den schon ein Kind durchschauen kann: Das glaubt der/die doch selber nicht!

Aber halt! Ist das nicht „Jammern“? Und sind, jedenfalls im richtigen Leben, nicht Menschen, die jammern schon hinreichend als lästig, langweilig und kontraproduktiv erkannt? Jammern ist die Waffe der Feiglinge. Richtig? Und weil man sich schon so schön an das „Fremdschämen“ gewöhnt hat… (Ach, wenn wir doch jedesmal einen Euro bekämen, wenn jemand „Fremdschämen“ sagt, der sich weder für sich selber noch für irgendjemand anderen noch zu schämen in der Lage ist!) Wie wäre es nun mit „Fremdjammern“?

Weil mir niemand mehr zuhören will, wenn ich über meinen eigenen Zustand jammere, dann jammere ich eben über den Zustand der Gesellschaft, des Staates, der Welt. Weiterlesen

Winzigkeiten (4)

MAINSTREAM IST BESSER ALS DEIN STREAM!: Die 32 reichsten Menschen der Welt haben ein Vermögen, das größer ist als das aller anderen Menschen zusammen.

Adeles Album „25“ verkauft sich besser als alle anderen CDs auf der Chartliste zusammen.

Der neue Asterix verkauft sich besser als alle anderen auf der französischen Bestsellerliste des Jahres versammelten Bücher zusammen.

Bevor der Science Fiction-Alptraum Wirklichkeit wird, in dem nur noch zwei, drei Konzerne die Weltmacht teilen haben Kapital und Pop die totale Reduktion bereits vorweg genommen.

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Die Apokalypse kommt, das wissen die Menschen seit es sie gibt. Aber dass sie aussehen wird wie Sigmar Gabriel, Ursula von der Leyen oder Uli Hoeneß, das hätte kein noch so verzweifelter Prophet sich vorauszusagen getraut. Nicht dass sie irgendwie schlimmer wären als ihre Vorgänger bei den apokalyptischen Reitern der politischen und kulturellen Vulgarität. Es ist ihre Entgrenztheit, die sie so furchtbar macht. Von einem Franz Beckenbauer konnte man noch sagen: So einer bin ich nicht, so einer will ich nicht werden. Ja, man konnte gar eine gewisse Einzelhandelsfiliale meiden – wegen der Franz Beckenbauerhaftigkeit ihres Filialleiters. Einer Uli Hoeneßhaftigkeit dagegen ist nicht zu entkommen. So wie es bei Ursula von der Leyen kein „so“ gibt, was man nicht sein und nicht werden wollen könnte. Und Sigmar Gabriel drückt schlicht nichts anderes aus als den Umstand, dass wirklich alles egal ist.

Und trotzdem werden die Hoeneßleyengabriels das alte Mädchen, unsere Bundeskanzlerin, das verblassende Gesicht Deutschlands, zwischenbeerben (bevor die noch Schlimmeren kommen, die wir uns hinter den Bildzeitungszäunen vorstellen). Weiterlesen

GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND VOM HERRN KAINER UND VOM HERRN N’BEMBÉ (32)

Die Dunkelheit senkte sich über die Stadt wie eine alte Zeitung über einen Dreckhaufen. Was das gnädigste war, das ihr an diesem Tag passierte. Aber unsere Freunde, der Herr Reiner und der Herr Kainer, saßen im Wirtshaus ihres Vertrauens und betrachteten andächtig ihre Weißbiergläser, aus denen die ersten Schlucke schon genommen waren. Und sie warteten auf ihren gemeinsamen Freund, den Herrn N’Bembé, der sich ein wenig zu verspäten schien.

„Manchmal“, sagte Herr Reiner bedächtig, „beschleicht mich ein sonderbares Gefühl.“

„Was mich anbelangt“, warf Herr Kaiser obenhin ein, „brauchen die sonderbaren Gefühle gar nicht zu schleichen.“

Wieder folgte eine längere Pause, in der draußen die große Zeitung mit dem genau so großen Dreckhaufen kämpfte, und drinnen die Ecken in ein andächtiges Halbdunkel versanken, weil, zuviel putzen ist auch nicht gesund.

Dann kehrte Herr Reiner zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen zurück und sagte entschieden: „Ich mein’ ja nur.“

„Ja, genau“, pflichtete ihm sein Freund bei.

Und dann war es auch schon Zeit, das nächste Weißbier bei der Kellnerin zu bestellen, die nur eines nicht vertragen konnte: Wenn man sie „Zenzi“ rief. Und jemand, der sich gar zu „Zenzi, Zahlen!“ verstieg, durfte manchmal lang warten. Sehr lang. Aber weder Herr Reiner noch Herr Kainer noch Herr N’Bembé hatte die Kellnerin jemals „Zenzi“ gerufen.

Nach dem ersten Schluck aus dem zweiten Glas, soviel Realismus muss sein, kam der Herr Reiner doch noch damit heraus: „Der Herr N’Bembé, so ein netter, humorvoller, verständiger und bei alledem so unaufgeregter Mensch – manchmal hab’ ich eben diesen Verdacht.“

„Was für einen Verdacht?“, fragte Herr Kainer ruhig. Weiterlesen

SPLITTER: Fragen über Fragen

Bevor man eine Frage stellt, muss man sich fragen, was sie bedeutet (ob sie von Bedeutung ist/wohin sie führt). Wie vieles, zum Beispiel, kann die Frage bedeuten:

Was gibt es heute abend zu essen?

Sie kann das eine oder das andere aussagen (denn jede Frage bezieht sich auf eine Aussage, so wie die Frage „Wer bin ich?“ nur Sinn macht in Bezug auf die Aussage „Ich bin“). Die Frage „Was gibt es heute abend zu essen?“ kann zum Beispiel bedeuten: Ich habe Hunger. Sie kann bedeuten: Mir ist langweilig. Sie kann bedeuten: Ich interessiere mich für den kulinarischen Diskurs.

Als Ableitung kann sie verstanden werden als „Wann gibt es endlich etwas zu essen?“ oder aber auch „Heute gibt es hoffentlich etwas anderes als gestern“.

In der Alltagspraxis wissen wir, dass die Frage

„Was gibt es heute abend zu essen?“

kolossalen Sprengstoff enthält und manch ein schwer einzudämmender Streit mit ihr begann. Es ist aber auch ebenso empirisch nachweisbar, dass die selbe Frage zu hoch interessanten Gesprächen, die Zubereitung von, sagen wir, Risotto, führen kann.

Man kann sich aber auch eine Frage vornehmen wie

Ist der Marxismus eine Wissenschaft?

Und schon sind wir wieder bei Foucault.

Jetzt kommen wir nämlich nicht mehr darum herum, die Frage zu beantworten: Warum ist es eigentlich wichtig, zu unterscheiden, ob Marxismus eine Wissenschaft ist oder nicht? Weiterlesen

Unterwegs (11)

 Lektüren in Frühstücksräumen und Hotellobbies

 

Ein Hotel ist eine Welt für sich, manchmal ein safe space. Erst wenn man dort einmal länger warten muss erkennt man es. Wer nicht gerade kommt oder nicht gerade geht ist ein Gespenst. Die Hölle ist ein Hotel, und der Himmel natürlich auch. In diese Gespensterwelt, die man nur wahrnimmt, wenn man nun eben gerade nichts macht, und schon gar nicht kommt oder nicht geht (man könnte sich vielleicht ein bisschen wichtigmachen, um zu prüfen, ob man überhaupt noch unter den Lebenden weilt) reichen Druckwaren aus deutschen Landen um es besonders gespenstich zu machen.

 

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Wo lernen die eigentlich dieses Haifischgrinsen? Da denkt man nichts böses und gabelt dann so etwas zum Frühstück: „Top 100 – Die attraktivsten Arbeitgeber Deutschlands 2015“. Da gibt es einerseits ganz viele Frauen und Männer in Business-Klamotten, gern auch mal bei Sport und in der Freizeit, und sie alle (wirklich alle) haben dieses Grinsen, das so gar nichts freundliches an sich hat, sondern einfach Raubtiere zeigt, die bereit sind, sich den besten Teil aus der Beute zu reissen. Dann gibt es auch „die Universum Top 100 Rankings“ als „ideale Arbeitgeber“. Die ersten Plätze belegen übrigens BMW, Audi, Porsche, Google, Volkswagen, Daimler / Benz, Lufthansa und so weiter beim „Business“-Sektor. Im „Bereich Engineering“ sind es dagegen Audi, BMW, Porsche, Volkswagen, Daimler / Benz, Siemens, Lufthansa. Und so geht das weiter, Seite um Seite. Vielleicht ist das eine Art Karrieristen-Porno?

Alles für die entsprechenden Typen nach dem „Persönlichkeitsprofil“ wie „Harmoniser“, „Karrierist“, „Leader“ oder „Hunter“. Weiterlesen

Winzigkeiten (3)

Friedrich Schorlemmer hat ein Buch mit 768 Seiten herausgegeben, das der Verlag so bewirbt:

„Mit einem Wort in den Tag hineingehen. Den Tag mit einem Wort ausklingen lassen. Fünf Minuten innehalten“.

Da halte ich mit:

Guten Morgen. Scheißampel. Gute Nacht.

Gern geschehen.

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Geldanlage 2016. Der Münchner Bankengipfel. Das ist eine „Sonderveröffentlichung in der Süddeutschen Zeitung“. Das ist schon ohnehin Realsatire, wie man so sagt. Aber das Titelblatt ist echt eine Wucht: Zwölf Männer in Anzug und Schlips fummeln mehr oder doch eher weniger, sehr viel weniger fachgerecht an Steuer, Tauen und Kurbeln einer Yacht herum: „Kurs halten. Weiterlesen