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	<title>Das Schönste an Deutschland ist die Autobahn</title>
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	<description>Das Georg-Seeßlen-Blog</description>
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		<title>Kleinigkeiten (2)</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Jul 2010 17:13:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Denken]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Wenn man sagt: Der Sinn des Lebens ist das Leben (und fast alle nicken bedächtig und verständig mit dem Kopf), so macht man sich den Abgrund nicht recht klar zwischen dem Satz: &#8220;Selbstverständlich lebe ich.&#8221; und der Frage: &#8220;Wie verständlich lebe ich?&#8221; (Für mich und für die anderen.) Mehr als selbstverständlich, und zugleich weniger, nämlich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn man sagt: Der Sinn des Lebens ist das Leben (und fast alle nicken bedächtig und verständig mit dem Kopf), so macht man sich den Abgrund nicht recht klar zwischen dem Satz: &#8220;Selbstverständlich lebe ich.&#8221; und der Frage: &#8220;Wie verständlich lebe ich?&#8221; (Für mich und für die anderen.) Mehr als selbstverständlich, und zugleich weniger, nämlich verständlich zu leben, dürfte einem alten Griechen, auch wenn er nicht allzu großen philosophischen Ehrgeiz besaß, als erstrebenswert erschienen sein. Vor dem Anspruch verständlich zu leben flüchten wir Heutigen uns lieber, wenn auch in die unterschiedlichsten Richtungen.</p>
<p>Was uns auf die schmerzhafte Frage bringt: Warum eigentlich waren diese alten Griechen so klug? Und warum sind wir so hemmungslos blöde?<span id="more-733"></span><!--more--></p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>Als Angela Merkel eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand sie sich in ihrem Bett zu einer ungeheuren Birne verwandelt.</p>
<p>Die Birne als politische Metapher entstammt einerseits einer gewissen Kopfform von Herrschern, etwa der des französischen „Bürgerkönig“, der übrigens sowohl den verbliebenen Adel als auch etwas geistreichere Bürger in das trieb, was damals zum ersten Mal so genannt wurde, nämlich eine „innere Emigration“, oder der des deutschen Kanzlers vor dem Agenda-G. Schröder. Sie bezeichnet aber allgemeiner brisanter „viel Bauch und wenig Hirn“. Auch bei Helmuth Kohl ging es nicht bloß um eine Kopfform, es war viel mehr gewiss: Dieser Mensch denkt <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Birnenförmig" target="_blank">birnenförmig</a>. Wenn er es denn tut.</p>
<p>Angela Merkel sieht nicht aus wie eine Birne. Dazu ist sie zu sehr protestantische Pastorentochter, von der wir nach Max Weber annehmen dürfen, dass sie den Kapitalismus nicht so sehr genießt als ihn als einzige Form der Bewegung in einer leeren (vor allem sinn- und erleuchtungslosen) Welt akzeptiert. Sie ist gewissermaßen ein Birne ohne Bauch. Es mag durchaus schwierig sein, birnenförmig zu denken, aber keine Birne werden zu dürfen.</p>
<p>Vielleicht müssen wir uns die Sache daher einmal genau anders herum vorstellen:</p>
<p>Als die Birne eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand sie sich vom Baum geschüttelt und zu einer ungeheuren Angela Merkel verwandelt.</p>
<p>Wie traurig das Leben doch manchmal ist.</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>Wo wird sie hinführen, die Diktatur der Fiesen und der Blöden? Die Leute glauben, man muss nur unverschämt und doof genug sein, dann kommt man ins Fernsehen, und dann kommt die BILD-Zeitung und schon hat man sein Glück gemacht. Sie bemühen sich unentwegt zu beweisen, dass sie die Macht haben, über jegliche Form von Bildung, Intelligenz und Skepsis zu triumphieren: Das Internet gibt der Diktatur der Fiesen und der Blöden (es sind ja auch die Feigen allemal) das richtige Instrument: Das versteh ich nicht!, blöken sie jedem halbwegs interessanten Text hinterher, das ist mir zu hoch, das ist intellektuelle Scheiße, Fremdwörter-Onanie, Besserwisserei, Spekulation: Wir „normalen“ Leute, wir wollen mit „schwierigen Texten“ nichts anfangen. Und wir dürfen die Intellektuellen hassen und beschimpfen, BILD und Fernsehen machen es ja vor.</p>
<p>Und dann? Wir sehen uns vor den Jobcentern und den Gratisläden wieder. Wir sehen die Ackermänner, die das Wissen und die Klugheit eingekauft haben und jene, denen BILD, Werbung und Fernsehen die Grenzen ihrer Welt sind, die sich nicht mehr wehren, höchstens ein paar Sündenböcke suchen (und schnell folgen die Blöden den Fiesen, zu den Nazis, wenn es sich eben so ergibt). Die Diktatur der Fiesen und der Blöden läuft zuallererst auf die soziale Vernichtung der Blöden (das heißt jener, die es für klug halten, den Blöden zu spielen) hinaus. Eine winzige Schicht der Eliten entsteht, die nun ihrerseits in eine innere Emigration geht; nicht vor birnenförmigen Herrschern, sondern vor einer Mehrheit, die sich Blödheit als Religion und Ideologie gleichermaßen hält. Und wer gewinnt am Ende? Sollte verschmähte Intelligenz nicht die Wärme der Herrschaft suchen?</p>
<p>Die Großeltern der militanten Blödheitsverbreiter trafen sich, oft nach mehr als einem verdammten Acht-Stunden-Tag, um Texte zu lesen, die heute manchem Studenten Schwierigkeiten bereiten. Sie wussten, dass sie Wissen brauchten, wenn sie die Verhältnisse verändern wollten; für jedes bisschen Recht und Würde brauchten sie neben der Tapferkeit und dem Fleiß das Wissen. Sich Blöd-Stellen und darauf gar noch stolz sein, mag schnelle Befriedigung geben, aber morgen kann man sich den Breitbildschirmfernseher nicht mehr leisten, und übermorgen keine frischen Vitamine mehr. Die Verhältnisse ändern sich nicht, wenn die, die sie verändern könnten und müssten, zu blöd geworden sind, um sie überhaupt noch zu begreifen. Anti-Intellektualismus und die militanten Feiern der Blödheit sind die besten Waffen gegen den politische Widerstand.</p>
<p>Die Religion der militanten Blödheit hat das Kanonenfutter für den Neoliberalismus geschaffen.</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>Gegen die Dummheit, heißt es, kämpfen selbst die Götter vergeblich. Aber welche Götter haben das eigentlich je versucht? Unsere nicht, so viel ist sicher.</p>
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		<title>Marktwirtschaft für Afghanistan!</title>
		<link>http://www.seesslen-blog.de/2010/07/27/marktwirtschaft-fur-afghanistan/</link>
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		<pubDate>Tue, 27 Jul 2010 15:40:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Der, nun ja, FDP-Haushaltspolitiker Koppelin erkannte angesichts der Lage in Afghanistan, die nun auch noch leckt, butterflymesserscharf: „Wir haben zu viel Planwirtschaft in der Bundeswehr“. Endlich begehrt mal jemand gegen diese verborgene Form des geistigen Sozialismus bei unserer Verteidigung der Freiheit am Hindukusch auf! Auch für den Krieg muss nämlich gelten: Das regelt der Markt! [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der, nun ja, FDP-Haushaltspolitiker Koppelin erkannte angesichts der Lage in Afghanistan, die nun auch noch leckt, butterflymesserscharf: „Wir haben zu viel Planwirtschaft in der Bundeswehr“. Endlich begehrt mal jemand gegen diese verborgene Form des geistigen Sozialismus bei unserer Verteidigung der Freiheit am Hindukusch auf! Auch für den Krieg muss nämlich gelten: Das regelt der Markt! Was verballert wird, schafft Nachfrage. Das Schlachtfeld ist auch nur ein Markplatz, wenn auch ein etwas riskanter Bereich. Es gilt den Markt zu pflegen, wenn es sein muss, mit kleinen Waffen-Geschenken. Ein Bonus-System muss her für wirtschaftlich geführte Massaker. Wenn der Krieg schon eine PR-Veranstaltung der Rüstungsindustrie ist, dann sollen auch die richtigen Leute daran verdienen, unsere neoliberalen Herzchen zuerst. Und sozial ist, was Profit, quatsch, was Arbeit schafft. Schafft also ein, zwei viele Afghanistan, macht das Militär marktfähig (hey, vielleicht gehen wir demnächst damit an die Börse!) und lasst endlich, nun ja, FDP-Haushaltspolitiker den Wehr-Etat verteilen!</p>
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		<title>Vom Ficken reden</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Jul 2010 05:16:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Es war ein Seitenprojekt der Aufklärung, auch dem Körperlichen, Geschlechtlichen und Lustvollen eine Sprache zu geben, gegen die Heuchelei und das Verbergen vor einer gewaltigen „moralischen“ Instanz, der christlichen Kirche.
Eine Kirche ist der Ausdruck dessen, was an einer Religion nicht stimmt (und „Fundamentalismus“ wiederum ist der Ausdruck dessen, was an einer Kirche nicht stimmt). Drückte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es war ein Seitenprojekt der Aufklärung, auch dem Körperlichen, Geschlechtlichen und Lustvollen eine Sprache zu geben, gegen die Heuchelei und das Verbergen vor einer gewaltigen „moralischen“ Instanz, der christlichen Kirche.</p>
<p>Eine Kirche ist der Ausdruck dessen, was an einer Religion nicht stimmt (und „Fundamentalismus“ wiederum ist der Ausdruck dessen, was an einer Kirche nicht stimmt). Drückte die Kirche also Augustinische Leibfeindlichkeit und Frauenfurcht aus, oder hatte sie vielmehr das Machtpotential einer Hysterisierung des Körpers erkannt?<span id="more-722"></span> Wie dem auch sei, ein unproblematischer Übergang zu einem auch sprachlich „entspannten“ Verhältnis war so leicht nicht zu haben.</p>
<p>„Was hat“, schrieb Montaigne in seinen Essais (Buch 3), „das arme Zeugungsgeschäft, das so natürlich, so notwendig, so gerecht ist, den Menschen zuleide getan, dass sie, ohne schamrot zu werden, davon zu sprechen sich nicht erlauben, und es aus ernsthaftem, ehrbaren Gesprächen verbannen?  Wir sagen ohne alles Bedenken: töten, stehlen, verraten, und jenes würden wir nicht ohne entsetzliches Maulspitzen nennen.“</p>
<p>Mittlerweile reden wir ohne schamrot zu werden vom Ficken, Vögeln, Pudern, Stopfen (vornehmer: Sex haben, guten oder schlechten). Besonders glücklich hat uns das nicht gemacht, denn offensichtlich ist es uns zwar gelungen, die Rede freizugeben, aber nicht, die Hysterisierung zu überwinden. Über Sexualität sprechen ist immer noch skandalös, nur haben wir gelernt, das Skandalöse als Alltäglichkeit zu behandeln.</p>
<p>Aber was hat uns denn das Zeugungsgeschäft in der Tat zuleide getan? Jedenfalls scheint der Widerspruch zwischen Lust und Bindung noch lange nicht aufgehoben. Es ist nun mal mehr Begehren als Liebe in der Menschenwelt, und so verwandt das eine mit dem anderen ist, so kannibalistisch führt es sich gegeneinander auch auf. Ist „guter Sex“ das Paradoxon des „vernünftigen Fickens“? Oder das des „verliebten Fickens“? Die Widersprüche, so geht das bei uns zu, müssen mit Macht gefüllt werden. Was will ich? Was willst du? Was wollen die anderen? Und das andere, die Regel, die Gewohnheit, die Macht, das Bild, die Erzählung, der Staat, die Gesellschaft, was wollen die, und was wollen die, dass ich will? Und was geschieht dann mit dir und uns? Die sexuelle Moral ist weder abgeschafft noch neu formuliert, sondern verknäuelt und zerrissen. Und so ist die Sprache.</p>
<p>Daher ist statt einer befreiten eine obszöne Gesellschaft entstanden, und statt ohne Maulspitzen davon zu reden, ist das Maulspitzen selber zum Code und zum Genre geworden. In den nimmermüden Versuchen, doch noch Skandalisierung und Erregung zu erzeugen, beginnt es, furchtbar zu nerven. Die allfällige sexuelle Rede, zur Befreiung in kleinster Münze geworden, wurde zum Gegenteil dessen, was Aufklärung sich zu erhoffen wagte. Es ist die neue Form des Schweigens über eine Form des Begehrens und des Sehnens, über das man ehrlich nicht sprechen kann. Nicht weil es ein großes anderes verböte (war das nicht eine wundervolle Ausrede, und liebten wir nicht intensiver, als es noch verboten war?). Sondern weil man darüber so leicht verrückt wird.</p>
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		<title>Kleinigkeiten (1)</title>
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		<pubDate>Fri, 09 Jul 2010 13:06:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Etwas aus der Mode gekommen ist der biblische Gedanke vom Menschen, der „verdirbt“. Vielleicht spielt die bürgerliche Umdeutung in moralischem Sinn dabei eine Rolle. Vielleicht haben wir nur andere Bezugspunkte: Der Mensch geht kaputt (mechanisch), er baut ab (Zirkus), er gibt den Löffel ab (sarkastisch-kulinarisch-sozialstaatlich), er verfällt (architektonisch), er lässt nach (sportlich). Dabei scheint mir [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Etwas aus der Mode gekommen ist der biblische Gedanke vom Menschen, der „verdirbt“. Vielleicht spielt die bürgerliche Umdeutung in moralischem Sinn dabei eine Rolle. Vielleicht haben wir nur andere Bezugspunkte: Der Mensch geht kaputt (mechanisch), er baut ab (Zirkus), er gibt den Löffel ab (sarkastisch-kulinarisch-sozialstaatlich), er verfällt (architektonisch), er lässt nach (sportlich). Dabei scheint mir das Verderben immer noch das genaueste Bild. Menschen, die durch äußere Einflüsse das wesentliche verlieren: genießbar zu sein. Nahrung für die anderen und die kommenden. Der verdorbene Mensch muss im Angesicht des Todes Angst vor seinem zurückliegenden Leben haben.<span id="more-720"></span></p>
<p>Warum besiegt Asterix die Römer (und warum tut er das, obschon so offensichtlich zur Spaß-Gewalt tendierend, auf so sympathische Weise)? Unter anderem, weil die Römer auf Gehorsam, die Gallier aber auf Vertrauen setzen. Darum denken die Einwohner des bekannten kleinen Dorfes nicht im Traum daran, ihren Widerstand etwa auf weitere Dörfer auszudehnen, während umgekehrt die Römer über die Welt expandieren müssen. Gehorsam ist grenzenlos, Vertrauen sehr beschränkt. Im Grunde könnten wir Asterix und seinen Dorfgenossen den Vorwurf nicht ersparen, höchst selbsttich zu sein. Warum geben sie den anderen Galliern nicht von ihrem Zaubertrank ab und jagen die Römer aus dem Land. Gibt es in der Kultur des (streitsüchtigen) Vertrauens denn keine Solidarität? Wir ahnen Fürchterliches: Die Gallier unseres Dorfes brauchen, um ihre Kultur des Vertrauens aufrecht zu erhalten, die Römer ringsumher so sehr, wie die Römer, um immer neue Formen von Effizienz, Korruption und Technologie zu entwickeln, diese Gallier brauchen.</p>
<p>Wenn es Natur gibt, kann es kein Bild der Natur geben. Gibt es ein Bild der Natur, so ist unser Begriff davon falsch. Was zwischen dem Blick und der Natur vermitteln kann, ist einzig der Mythos. Bewege dich ganz natürlich, sagt der Regisseur zum Schauspieler. Und wie er das tut, das schafft seinen Mythos.</p>
<p>„Heimat ist da, wo ich meinen Hut aufhänge“, sagt der Cowboy. Wenn wir einen Western genau ansehen, erkennen wir, dass es sehr viel leichter ist, ein paar Menschen totzuschießen, als irgendwo seinen Hut aufzuhängen. Es handelt sich also um einen tragischen Satz.</p>
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		<title>Titelschutz für Griller</title>
		<link>http://www.seesslen-blog.de/2010/06/17/titelschutz-fur-griller/</link>
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		<pubDate>Thu, 17 Jun 2010 11:48:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>

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		<description><![CDATA[Meiner Lieblingsrubrik „Titelschutz“ im „Börsenblatt des deutschen Buchhandels“ entnehme ich, dass endlich, endlich auch die „Lesekultur“ auf den deutschen Nationalsport eingeht. So wird Titelschutz beansprucht für
eine Reihe mit dem Titel „Grillen wie in&#8230;“ (ich freue mich auf „Grillen wie in Darmstadt“; das wird ein Knüller; von „Grillen wie in Afghanistan“ rate ich ab).
Desweiteren wird es [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Meiner Lieblingsrubrik „Titelschutz“ im „Börsenblatt des deutschen Buchhandels“ entnehme ich, dass endlich, endlich auch die „Lesekultur“ auf den deutschen Nationalsport eingeht. So wird Titelschutz beansprucht für</p>
<p>eine Reihe mit dem Titel <em>„Grillen wie in&#8230;“ </em>(ich freue mich auf „Grillen wie in Darmstadt“; das wird ein Knüller; von „Grillen wie in Afghanistan“ rate ich ab).</p>
<p>Desweiteren wird es voraussichtlich geben:<span id="more-715"></span></p>
<p><em>Grillen rund um den Globus</em></p>
<p><em>Grillen rund um die Welt</em></p>
<p><em>Die Welt des Grillens</em></p>
<p>(Die Welt ist alles was der Grill fasst)</p>
<p>Das kann man noch überbieten:</p>
<p><em>Die ganze Welt des Grillens</em></p>
<p>sowie</p>
<p><em>Grillträume aus aller Welt</em></p>
<p>Ich schlage für intellektuelle Nachbehandlung das Verfassen einer <em>Grilltraumdeutung</em> vor, eine <em>Grillweltmusik</em> muss auf den Player, vielleicht am <em>Grillweltfriedenstag</em>, wie auch immer: Wenigstens die Grillwelt ist noch in Ordnung. Im Buchladen Ihres Vertrauens wenigstens.</p>
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		<title>KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 4/10</title>
		<link>http://www.seesslen-blog.de/2010/06/17/kunstzeitschrift-nr-410/</link>
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		<pubDate>Thu, 17 Jun 2010 07:50:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>

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		<description><![CDATA[Egal was es ist, wenn es Kunst ist, muss es besprochen werden in einer Art, in der man weiß, dass es nie zu Ende besprochen ist. Eine Kritik, die behauptet, sie hätte so etwas wie ein endgültiges Urteil parat, kann man ohne weiteres in die Mülltonne klopfen. Alle dreißig bis vierzig Jahre, sagt man, gibt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Egal was es ist, wenn es Kunst ist, muss es besprochen werden in einer Art, in der man weiß, dass es nie zu Ende besprochen ist. Eine Kritik, die behauptet, sie hätte so etwas wie ein endgültiges Urteil parat, kann man ohne weiteres in die Mülltonne klopfen. Alle dreißig bis vierzig Jahre, sagt man, gibt es ein große Revision, ein Neubewerten und Verstehen. Dann geht die Sache wieder von vorne los.</p>
<p>Doch die zyklische Neu-Entdeckung und Neu-Interpretation bedeutet nicht, dass es keine nachhaltigen Diskurswechsel in der Kunst und ihrer Theorie (mehr) geben könne.<span id="more-710"></span></p>
<p>Kunst ist unter anderem eine Erzählung mit einer Grammatik. Sie erzählte in den sechziger Jahren definitiv in die Zukunft hinein, sie konzentrierte sich aufs Gegenwärtige in der Folgezeit, und sie meint das Mögliche und Unmögliche in der Millenniumszeit. Was aber erzählt die Kunst (nicht das Kunstwerk) im Jahr 2010? Sie will sich, so scheint es, vorsichtig von ihrer „marktradikalen“ Position verabschieden (und sie ist in diesem Abrücken vom Kunstmarkt als allein selig machenden Impulsgeber so vorsichtig und unkonsequent wie der Rest der Gesellschaft). Von Neo Rauchs Galeristen hört man, dass sie bewusst gegen die Auktions-Rekorde arbeiten; man versucht die Preiskurve „stetig aber nicht steil“ nach oben zu lenken. Kapitalistische Verrücktheit gegen Kunstmarktplanung? Nein, der Kunst-Diskurswechsel muss woanders stattfinden. Die Kunst wird manchenorts politisch sogar überladen: Sie soll einspringen, wo die populären Medien so offensichtlich als Institution von Kritik und Interesse versagen: Aber zweifellos tut die Kunst (und ihre Reflexion) gut darin, sich nicht erneut als Instrument der Gesellschaftskritik zu reduzieren. (Ihre Kritik freilich besteht schon darin, dass sie „verstörend“ in das eindringt, was man den öffentlichen Raum gerade noch so nennen kann.)</p>
<p>Der Diskurswechsel ist dennoch radikal politisch und politisch radikal. Er verlangt die Kunst vom Kapitalismus zurück. Das ist eine utopische Forderung. Wo, wenn nicht in der Kunst, kann man Utopisches verlangen? Das Verlangen nach der Utopie ist selber utopisch. Oder eben Kunst.</p>
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		<title>DIE SANDKASTEN-PROTOKOLLE (VI)</title>
		<link>http://www.seesslen-blog.de/2010/06/16/die-sandkasten-protokolle-vi/</link>
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		<pubDate>Wed, 16 Jun 2010 19:10:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[-       Nicht das Fähnchen so in den Dreck, Peterle!
-       Das gibt man ja auch eigentlich keinem Kind zum Spielen. So eine Deutschlandfahne. Das ist für Fußball oder für Politik.
-       Ja mei, was soll ich machen. Wir haben ja so viel. Sogar da in der Micky Maus war eine drin, oder so was. Deutschlandfahne mein ich. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>-       Nicht das Fähnchen so in den Dreck, Peterle!</p>
<p>-       Das gibt man ja auch eigentlich keinem Kind zum Spielen. So eine Deutschlandfahne. Das ist für Fußball oder für Politik.</p>
<p>-       Ja mei, was soll ich machen. Wir haben ja so viel. Sogar da in der Micky Maus war eine drin, oder so was. Deutschlandfahne mein ich. Und mein     Schwiegersohn hat doch schon alles so mit Fahnen. Die Autos, vor dem Fenster, sogar im Wohnzimmer und auf die Fernseher. Ich sag Ihnen, ich kann’s schon bald nicht mehr sehen.</p>
<p>-       Also das dürfen Sie jetzt nicht sagen. Aber schon wahr: Mein Schwiegersohn hat sie auch überall.</p>
<p>-       So, ist das auch ein Fußballfan?</p>
<p>-       Nein, ich glaub, der hat einfach so gern Fahnen. Der sieht sie halt gern flattern, da fühlt er sich immer gleich besser, hat er gesagt.</p>
<p>-       Jetzt tust aber das Fähnchen einmal aus dem Dreck, gell!</p>
<p>-       Ich sag’s ja: Nicht einmal beim Hitler ham wir so viel Fahnen gehabt.<span id="more-704"></span></p>
<p>-       Da waren sie aber auch noch teurer. Jetzt werden einem die Deutschland-Fahnen ja nachgeschmissen. Aus China kommen die, hab ich gehört.</p>
<p>-       Also, wo die herkommen ist mir gleich. Aber was mach ich mit denen, wenn die Weltmeisterschaft vorbei ist? Gibt es dann so eine Altfahnensammlung, oder was?</p>
<p>-       Jetzt Peterle, tu die Fahne da weg, hab ich gesagt, des ist pietätlos.</p>
<p>-       Meine Mutter hat noch selber Fahnen genäht. Und diese Hakenkreuzbinden da.</p>
<p>-       Wie haben die unsrigen eigentlich gespielt?</p>
<p>-       Wann jetzt?</p>
<p>-       So, Peterle, jetzt ist Schluss. Jetzt schmeißen wir gleich die Fahne in den Papierkorb da. Das ist ja nicht zum Ansehen.</p>
<p>-       Jaja, der Patriotismus. Letzthin ist einer mit einer griechischen Fahne am Auto bei uns umeinandergefahren. Dem sein Auto ham sie aber zugerichtet, frage nicht.</p>
<p>-       Für so was haben die ein Geld! So weit kommts noch. Dass wir den Griechen ihre Fahnen zahlen dürfen. Bloß wegen dem Europa.</p>
<p>-       Peterle, jetzt gehen wir. Willst was Süßes? Ich hab aber nur noch ohne Fußball. Ohne Fußball mag er nicht.</p>
<p>-       Ohne Fußball gibt’s doch gar nicht.</p>
<p>-       So, des ist nett. Schauns wie er mit der Fahne winkt! Ich sag immer: Um unsere Jugend, da brauchen wir uns keine Sorgen machen.</p>
<p>-       Da hams recht. Dann bis morgen.</p>
<p>-       (Jetzt flackt die Scheißfahne immer noch im Sand. Und wer macht das alles wieder sauber? Wenn dann alles vorbei ist. Wir Deutschen sind halt immer die Dummen.)</p>
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		<item>
		<title>Der Mensch als Instrument</title>
		<link>http://www.seesslen-blog.de/2010/06/11/der-mensch-als-instrument/</link>
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		<pubDate>Fri, 11 Jun 2010 16:24:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Was soll der Mensch in der Welt, wenn er nicht arbeiten kann? Arbeiten und Leben ist so aufeinander bezogen, dass selbst die Alternativen – Ausruhen, Faulenzen, Dolce Far Niente – darauf bezogen sind. Die Welt bearbeiten mit immer besseren Werkzeugen, Natur unendlich zu verwandeln, bis, nach der Vorstellung von Karl Marx sie vollends menschlich geworden [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Was soll der Mensch in der Welt, wenn er nicht arbeiten kann? Arbeiten und Leben ist so aufeinander bezogen, dass selbst die Alternativen – Ausruhen, Faulenzen, Dolce Far Niente – darauf bezogen sind. Die Welt bearbeiten mit immer besseren Werkzeugen, Natur unendlich zu verwandeln, bis, nach der Vorstellung von Karl Marx sie vollends menschlich geworden ist, oder bis sie, nach den Vorstellungen des Dagobert Duck-Kapitalisten alles Profit bringt, auch am Hindukusch.</p>
<p>Menschen, eben deswegen, haben nicht nur Instrumente, sie sind auch welche. Einer (der Reichere und Mächtigere) bedient sich des anderen (des Ärmeren und Ohnmächtigeren), und um das zu erreichen muss er zwei Dinge tun: den anderen unterwerfen und den anderen „effizient“ machen. Ein Sklave muss mehr einbringen als er an Nahrung und Kleidung kostet, sonst könnte man ihn ja gleich freilassen (bzw. in einen Lohnarbeiter verwandeln, der genau dann entlassen werden kann, wenn diese Rechnung nicht mehr aufgeht, und wieder eingestellt, wenn sich die Verhältnisse ändern). Deshalb kamen Sklavenhalter schon früh auf die Idee, ihre menschlichen Arbeitsinstrumente nicht nur zu rauben, sondern auch zu „züchten“.<span id="more-702"></span> (Mandingo nannte man das im amerikanischen Süden des neunzehnten Jahrhunderts, und wir haben die entsprechenden Phantasien dazu.) Lohnarbeiter haben in der Regel für ihre Effizienz selber zu sorgen, sie können sich durch Sport, gesunde Lebensführung und Geschicklichkeitstraining an ihren Instrumenten für den „Arbeitsmarkt“ verbessern.</p>
<p>Das Instrument wurde zur Maschine, die Maschine zum Roboter, der Roboter zum denkenden und handelnden System, das den Lohnarbeiter ergänzt und ersetzt. Während das Instrument immer menschlicher wird, wird der Mensch immer instrumentaler. Seine Überlebenschance, soweit wir bei der Gleichung von Leben und Arbeit bleiben, besteht darin, zu einer Einheit mit der Maschine zu werden. Wir „kleben“ an unseren Computern, das sagt sich so, und ist doch eine genauer besehen unheimliche Wahrheit.</p>
<p>Die Phantasien der Sklavenhalter indes kehren ständig wieder. Im Jahr 1983, nur zum Beispiel, prophezeite der Leiter der Humangenetischen Beratungsstelle in Bremen, Dr. Werner Schloot, im Deutschen Ärzteblatt, dass man im Jahr 2000 in der Lage sei, Mischwesen aus Tieren und Menschen herzustellen, die man dann „zur Verrichtung einfacher Arbeiten“ einsetzen könnte. Ganz so schnell ging es nicht. Das größte Problem aber scheint auf Dauer nicht die Erzeugung des neuen Sklaven-Wesens, sondern eher seine Art – Mensch/Maschine, Mensch/Tier oder Super-Mensch – bzw. die Suche nach eben jener „einfachen Arbeit“, die der Sklave der Zukunft verrichten sollte.</p>
<p>Schon in der Zeit des Ersten Weltkrieges arbeiteten Wissenschaftler und Mediziner bei der „Wiederherstellung“ der verwundeten und verkrüppelten Soldaten daran, ihre Prothesen so zu fertigen, dass sie ausschließlich für die Interaktion mit bestimmten Maschinen geeignet waren. Statt also wieder zum „ganzen Menschen“ gemacht zu werden, sah sich dieser Soldat in einen Teil der Maschine (praktischerweise in der Rüstungsindustrie) verwandelt.</p>
<p>Die ethische Auseinandersetzung um „post-humane“ und „trans-humane“ Lebensformen konzentriert sich auf erschreckte „Darf man das“ im Schatten religiöser und wissenschaftlicher Großerzählungen, Schöpfungsgeschichte und Evolution. Indes ist das eigentlich Grauenhafte an einer maschinell-organischen Parallelschöpfung, einem Blechkumpel, Zombie oder Androiden, nicht seine Erscheinung, sondern der Gedanke daran, wem er „gehört“, was er „bringen“ soll, und wo er eingesetzt wird. Die Probleme mit dem Posthumanen liegen nicht in der Zukunft sondern sie liegen in der Gegenwart.</p>
<p>Was dieses Grauen anbelangt, so werden wir durch unsere populären Mythen besser aufgeklärt als durch Staat, Wirtschaft und Wissenschaft selber. Der posthumane, äh, Arbeitnehmer ist ein Sprung wie der zwischen Sklave und Lohnarbeiter, ein Wesen, dessen Effizienz „beliebig“ gesteigert werden kann, dessen „Bewusstsein“ Streik und Revolution nicht umfasst, und das bei entsprechenden Verhältnissen entweder einfach abgeschaltet oder in eine „effiziente“ Kriegs- oder Polizeimaschine verwandelt werden kann.</p>
<p>So wird verständlich, warum in einer Gesellschaft, der die Arbeit ausgeht, so fieberhaft an posthumanen Arbeitssklaven gebastelt wird: Sie sind gedacht als die Verlängerung der derzeitig herrschenden politischen Ökonomie in die Zukunft. Als möglichst endgültige Verwandlung des Menschen in eine Vielzahl von Instrumenten und eine „Elite“ der Nutzer. Dass bei so etwas, auch dafür haben wir unsere Science Fiction-Phantasien, eine ganze Menge schief gehen kann (und, nur zum Beispiel, eine in unserem Sinne denkende Maschine früher oder später auch ihre eigene Entrechtung und Unterdrückung denken müsste und daher seinen Schöpfern an den Kragen ginge) ist so evident wie die destruktiven und selbstdestruktiven Kräfte der kapitalistischen Konkurrenz.</p>
<p>Gemacht wird, sagte Stanislav Lem, was man sich vorstellen kann und was sich technisch realisieren lässt. Wir müssen dem etwas hinzufügen: Gemacht wird, was sich verkaufen lässt. Wenn die Herstellung von Monstern Profit verspricht, dann werden Monster hergestellt. (Monster, nicht wie im Kino, sondern unglückliche Wesen, deren Leben sich in der Arbeit erschöpft. Also so, wie wir alle, nur ohne Hoffnung und ohne Zorn.)</p>
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		<title>Ist es reaktionär, komisch zu sein?</title>
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		<pubDate>Tue, 08 Jun 2010 06:20:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Komische, na klar, hat einerseits einen unbezweifelbar therapeutischen Zweck (wer sich krank lacht, will sich in Wahrheit gesund lachen); es hilft dem Unterdrückten (was Sexualität, Politik, Religion, Mamma und den Polizisten anbelangt) zum hinterrücksen Ausdruck. Aber genau da haben wir es schon. Die komische Umgehung der Zensur ist immer auch ihre Bestätigung.
Unsere mediale Lachkultur [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Komische, na klar, hat einerseits einen unbezweifelbar therapeutischen Zweck (wer sich krank lacht, will sich in Wahrheit gesund lachen); es hilft dem Unterdrückten (was Sexualität, Politik, Religion, Mamma und den Polizisten anbelangt) zum hinterrücksen Ausdruck. Aber genau da haben wir es schon. Die komische Umgehung der Zensur ist immer auch ihre Bestätigung.</p>
<p>Unsere mediale Lachkultur freilich (und sie geht einer nicht unerheblichen Anzahl von Menschen zunehmend auf die Nerven) leidet erst einmal unter einem sehr erheblichen Mangel an Zensur. Das widerspricht dem ollen Sigmund Freud doch fundamental, der behauptet hat, auch diesbezüglich sei das Komische vor allem eine Antwort auf die Repression. Nun sehen wir, dass in einer Gesellschaft, in der was Sexualität, das Bild und den Text dazu, anbelangt, eigentlich beinahe nichts verboten ist, alle Welt in Zoten, Obszönitäten und lustspielhaften Umkreisungen der Geschmacklosigkeit schwelgt.<span id="more-698"></span> Erinnern wir uns an Freud, der behauptete, die Zote sei ein sexuelles Gespräch mit einem abwesenden Gegenüber (das war zu seiner Zeit in der Regel so, dass Männer Zoten erzählten, während Frauen woanders waren). Ebenso, nehmen wir an, funktionierten, zweischneidig, die entsprechenden Zoten um Homosexualität: Man spricht nicht nur mit dem Abwesenden, man spricht auch die Abwesenheit. Anwesenheit und Abwesenheit in unserer Gesellschaft sind freilich nicht mehr durch geschlossene Türen in der Wohnung der Bel Etage zu definieren.</p>
<p>Und ähnlich wie mit der Sexualität geht es mit der Politik. Wenn man „politische Satire“ betreibt, dann spricht man mit dem abwesenden Herrscher und zugleich spricht man die Abwesenheit des Herrschers aus. Die ambivalente Form dieses Witzes funktioniert nur, wenn ein Schutzmann oder ein Vertreter von Horch &amp; Guck um die Ecke lauert. Zwanghafte Witzigkeit oder die Politik in einer einzigen Vorstellbarkeit, nämlich als Satire, spricht etwas anderes. Man versichert sich wechselseitig des Unernstes in der Entzweiung.</p>
<p>Natürlich lacht auch der Herrscher, und er lacht vor allem über die Dummheit des beherrschten Volkes. So bleibt auch die erste Aufforderung an uns, und zwar die, über uns selber lachen zu können, zweischneidig. Einerseits macht es uns im Umgang mit den anderen sympathischer; man kann einfach besser umgehen mit Leuten, die sich nicht so tierisch ernst nehmen (wir unterstellen, übrigens durchaus nicht immer gerechtfertigt, dass solche Personen sich nicht über die anderen erhöhen, ihre Ziele nicht mit „blutiger“ Konsequenz verfolgen würden). Andrerseits versetzt uns der Lachzwang aber auch in die gespenstische Position, mit dem Ausgelacht-werden einverstanden zu sein. Im endlosen Gelächter der medialen Spaßkultur lachen uns die Verhältnisse aus. Und die Kollegen, diese Schweine, lachen mit.</p>
<p>Die Satire bezeichnet, eher paradox, eine Situation, die dringend geändert werden müsste (Heuchelei, Korruption, Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Bürokratie, Despotismus etc.), und zugleich bezeichnet sie, da man diese und keine andere Form der Darstellung benutzt, auch ihre Unveränderbarkeit. Erst im Hingenommenen werden Machtverhältnisse zum Witz, so wie sie im Witz zu Hingenommenem werden.</p>
<p>Als in den sechziger Jahren für die demokratischen Politiker Pflicht wurde, etwa zu den Vorstellungen der Münchner Lach- und Schießgesellschaft zu erscheinen, um sich dort – „gute Miene zum bösen Spiel“ &#8211; ein paar verbale Ohrfeigen einzufangen, sah man dem Pflicht-Lachen der Politikerinnen, Wirtschaftsbossen und, nun ja, Kulturschaffenden noch ein wenig von den Schmerzen an, die das bereitete. Mittlerweile ist diese rituelle Form der Anwesenheit jenes Abwesenden, dem die satirische Zote gilt, populistischer Alltag (auch wenn er gelegentlich durch Spielverderber der Art von Guido Westerwelle durchbrochen ist: der Mann ist sich selber Witz genug). Die lachende Peinigung als Spiel des öffentlichen (Hin-) Richtens ist nun Alltag geworden. Und solche Karnevalisierung hat die Politik offensichtlich in den letzten Jahren nicht daran gehindert, schlimmeres zu betreiben als die Satiriker ausdenken konnten. Mit anderen Worten: Nicht nur der Gehalt an Aufklärung sondern auch der an kritischer Erziehung ist höchst zweifelhaft. (Wahrscheinlich erkennen die Politiker in der medialen Spaßkultur, dass das Volk es ohnehin nicht ernst meint, und noch weniger, wenn man ihm Grund zur guten Laune gibt.)</p>
<p>Und doch wieder: Sollte uns das Lachen vergehen, so gefährdeten wir nicht nur die Herrschaft, sondern auch uns selbst. Denn natürlich ist das politische Witzemachen auch ein Archiv und eine Sprache unseres Wissens von der Herrschaft. Dampf ablassen (um dann weiter zu funktionieren) ist das eine, das andere ist es, zu sagen, was längst in den „ernsthaften“ Kanälen der Information und der Kritik nicht mehr gesagt werden kann. Nicht weil es ein despotischer Herrscher verböte (dem wir dann mit einer Verfeinerung der satirischen Mittel begegnen könnten), sondern weil die Spaßkultur ein lukrativer Markt ist.</p>
<p>In der Satire wird die Welt indes unbeschreiblich (dumm). Und im Gelächter erklären wir uns einverstanden mit Verhältnissen, die man nicht einmal ernsthaft darstellen kann. Unseren aufklärerischen Vorfahren war die Satire immer ein Mittel unter vielen, uns Heutigen scheint sie dagegen das Endlager aller vergeblichen Hoffnungen und kritischer Energie. Dabei ist die Illusion, in der Satire wenigstens hätten wir eine Teilhabe, die wir im demokratischen Prozedere längst nicht mehr real haben, so oft vor unseren Augen zerplatzt, und die Macht, die wir, nach Brechts Worten, in der Karikatur „zur Kenntlichkeit entstellen“ könnten, beweglicher als unser Witz. Das ist eine der Metapointen unserer Spaßkultur: Das Kabarett, das alles darf und nur wenig fürchten müsste, hinkt der politischen und ökonomischen Wirklichkeit hoffnungslos hinterher.</p>
<p>Unter anderem, weil die Damen und Herren Kabarettisten auf die Lacher aus dem Publikum warten müssen. Man will ja nicht arrogant, elitär oder insiderisch sein, nicht wahr. Deswegen sehen wir Kabarettisten derzeit bei ihrer zähen Arbeit zu, das Publikum aus der Mitte „abzuholen“. Selbst die kritischsten unter ihnen, so viele gibt es da nicht mehr, bedienen und füttern es, bis sie selber nicht mehr wissen, ob das Bedienen und Füttern (für ein Lachen, das sie selber, wir sehen es ihnen gelegentlich an, als Ausdruck bösen und falschen Bewusstseins erkennen müssen) nicht zum Hauptzweck geworden ist. Nicht mehr über die kenntlich gemachte Herrschaft und nicht mehr „über sich selbst“ lacht dieses Publikum dann, sondern über alle, die vermeintlich noch ärmer dran, noch blöder gemacht, noch hilf- und geschmackloser sind.</p>
<p>Der Satire entzieht sich also nicht nur das Objekt, geschmeidig wie postdemokratisch-neoliberale Herrschaft nun mal ist, auch das Subjekt, der empörte oder skeptische Bürger, scheint zu verschwinden. Das Werk aber ist getan: Zwischen der Herrschaft und den Beherrschten, so unscharf ihre Trennung sein mag, jedenfalls wenn man keinen Einblick in Bankkonten hat, ist ein medialer „Freiraum“ der schieren Beliebigkeit entstanden, in den der Bürger zwecks Amüsemang und der Herrscher zwecks Beliebtheit gehen kann. Dieser Freiraum schafft Illusionen von Partizipation und Freiheit unter der Voraussetzung, dass sie außerhalb nicht eingefordert werden. Satire darf dies und jenes (<em>alles</em> ganz bestimmt nicht), aber sie darf ihren medial, politisch und ökonomisch geformten Raum nicht verlassen. So ist sie, wie die Zote in der neuen sexuellen Ökonomie, die auf eine Vulgarisierung der sozialen Beziehungen hinausläuft (um ihnen die politischen Impulse zu nehmen, unter anderem, um sich als voyeuristisches Objekt dem medialen Zugriff zu unterwerfen: Big Brother, das sind die anderen, die darauf warten, dass du die genau richtige Version von Obszönität ablieferst), ist auch die politische Satire zum Instrument der Mikrophysik der Macht geworden. Jetzt lachen wir uns wirklich krank.</p>
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		<title>Kritik &amp; Zukunft</title>
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		<pubDate>Tue, 25 May 2010 15:10:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
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		<description><![CDATA[Die offene Kritik
Wenn man die Dinge kritisiert, wie sie sind, müsste man es im Namen einer besseren Möglichkeit oder gar im Namen der offenen Zukunft machen. Was aber, wenn es keine Zukunft gibt? (Und unendlich viele Möglichkeiten, die sich nicht als „richtig“ und „falsch“ ausweisen können.)
No Future – nicht in der Form, dass es kein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die offene Kritik</strong></p>
<p>Wenn man die Dinge kritisiert, wie sie sind, müsste man es im Namen einer besseren Möglichkeit oder gar im Namen der offenen Zukunft machen. Was aber, wenn es keine Zukunft gibt? (Und unendlich viele Möglichkeiten, die sich nicht als „richtig“ und „falsch“ ausweisen können.)</p>
<p>No Future – nicht in der Form, dass es kein Morgen gibt. Keine Entwicklung mehr, keine Geschichte. Sondern in der Form, dass es keine lineare Entwicklung, kein Projekt, in Wahrheit nicht einmal eine Hoffnung gibt. (Auf diesen Teil der philosophischen Grundfragen, „Was darf ich hoffen?“, fällt uns derzeit nicht wirklich etwas ein.)<span id="more-695"></span></p>
<p>Andere Frage: Das System bestehe aus Elementen, Positionen, Beziehungen und Dimensionen. Das kritische Element in einem System erzeugt eine kritische Beziehung. Wird sie das System verändern, stabilisieren, zerstören oder immunisieren? Joseph Schumpeter glaubte, der Kapitalismus würde durch ein Übermaß von selbst produzierten kritischen Elementen zum Einsturz gebracht. Offensichtlich ist das Gegenteil eingetreten: Kritik ist so weit verschwunden, dass das System selber darunter zu leiden beginnt. Der Kapitalismus ohne Kritik verliert eine Dimension. (Aber welcher Kritiker möchte schon so eindeutig dem System dienen, das er kritisiert? Kritisier mich! Schreit der masochistische Kapitalismus zur Zeit der Krise. Nein! Sagt der sadistische Kritiker.)</p>
<p>Ohne Zukunft erscheint bemerkenswerterweise alle Kritik als reaktionär. Muss, wer nicht im Namen der Zukunft spricht, in dem der Vergangenheit sprechen (und erntet die Häme: „Ja, ja, früher war alles besser!“) oder zustimmend murmeln in einem endlos „praktischen“ Heute? Hier könnte man das System noch ein wenig besser machen, dort droht es ein wenig die Dimensionen zu verlieren. (So verlangt die Kritik des Kapitalismus derzeit ein wenig Keynes zurück. Nun ja.)</p>
<p>Präsens-Kritik besteht aus Vorschlägen zum Weitermachen; we can handle it. Sie ist ein Eingriff in die Symptome. Radikale Kritik nennt die Krankheit. Allerdings ist sie sich ihrer Diagnose nicht sicher. (Und mit der Therapie ist das sowieso so eine Sache.) So wird sich der Arzt selber zum Thema. Man muss sehr aufrichtig sein, um außerhalb des Gesetzes zu leben. Sagt Bob Dylan. Man muss sehr systematisch denken um außerhalb des Systems zu denken.</p>
<p>Zweifellos gibt es auch eine Kritik ins Offene hinein (die bessere Art, ohnehin, damit wir Kritik nicht als Maske des Besserwissens missverstehen); aber ins Leere?</p>
<p>Es ist leicht, beim Kritisieren zynisch zu werden. Aber noch viel leichter ist es, jeder Art der Kritik ins Offene hinein Zynismus zu unterstellen.</p>
<p>Man müsste wohl eine Position der „offenen Kritik“ – in Analogie zu Umberto Ecos „offenem Kunstwerk“ – bestimmen, eine Kritik der „veränderlichen Lektüren“, die gleichwohl alles Mögliche nur nicht beliebig und belanglos wäre: „Vielheit und Gleichwertigkeit der Beschreibungen der Welt“ (Eco).</p>
<p>Offene Kritik kann sich selbst mit-kritisieren, ohne in sich selbst zu verschwinden. Sie bleibt der unterschiedlichen Lektüre offen, indem sie zwischen Elementen, Beziehungen und Positionen ihres Gegenstandes zu unterscheiden weiß. Und offene Kritik beschreibt sehr genau die eigenen Beziehungen und Positionen, mag man sich innerhalb oder außerhalb des Systems (eines Kunstwerks, eines Herrschaftssystems) befinden.</p>
<p>Daher kann die offene Kritik „unmögliche“ Positionen einnehmen (das heißt: ihre erste Frage ist nicht die nach der Nützlichkeit, nicht die nach der Machbarkeit sondern die nach der Vorstellbarkeit).</p>
<p>Die Kritik der Phantasien setzt selber Phantasie frei.</p>
<p>Offene Kritik kann nur funktionieren, insofern sie Macht ausschließt. (Jede Form von Macht ist Gegenstand der Kritik. Auch die eigene.)</p>
<p>Umgekehrt hat die offene Kritik wenig prinzipielle Probleme mit einer Verschwesterung mit einem Gegenstand: Das Kunstwerk ist nicht nur Gegenstand der Kritik, sondern auch Verbündeter bei der Kritik der Welt.</p>
<p>Kritik der Welt? Ja, auch die offene Kritik, wenngleich sie ehrlich genug ist, sich weder auf eine verpflichtende Vergangenheit noch auf eine projizierte Zukunft zu berufen, will, dass es nicht so bleibt, wie es ist.</p>
<p>Der tückischste Gegner der offenen Kritik ist die Mode. Hat sich nicht ein Begriff, mag er noch so präzis sein, hoffnungslos „verbraucht“; ist nicht eine Denkmethode, brauchbar meinethalben, zu „altmodisch“ geworden, um noch zu wirken? Kritik auf dem Meinungsmarkt muss immer in der jeweils hippen Sprache vorgetragen werden. Oder?</p>
<p>Der Mode misstrauen ohne zu erstarren!</p>
<p>Der eigenen Zeit auf Augenhöhe begegnen (das heißt auch: Sich nichts von ihr gefallen lassen!).</p>
<p>Aber welches Medium könnte die offene Kritik denn noch benutzen? Das Feuilleton zerbröselt; das Internet ertränkt jeden Gedanken, den es zulässt, in der schieren Menge der verschleuderten Blödheiten; die Subversion ist ein Werbe-Gag.</p>
<p>Bis zu einem gewissen Grad muss sich daher die offene Kritik selber medial herstellen. Um es mit einem altmodischen Wort zu sagen: nomadisch. Oder auch: archipelagisch.</p>
<p>Da sie es schwerer hat, nimmt sie es leichter.</p>
<p>Denn der offenen Kritik braucht man gar nicht erst mit ihrer „Wirksamkeit“ kommen. Solche Wirksamkeit wäre Teil des kritisierten Systems.</p>
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