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	<title>Das Schönste an Deutschland ist die Autobahn</title>
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	<description>Das Georg-Seeßlen-Blog</description>
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		<title>POLT! EIN DIALOG.</title>
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		<pubDate>Fri, 11 May 2012 19:57:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bayern]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[„Sagen’s, was fällt Ihnen jetzt dazu ein, dass der Polt auch schon Siebezige wird?“
„Ja mei, wir werden alle net jünger, gell.“
„Und sonst?“
„Ja, was soll ich sagen. Zu einem Gescheiten fällt einem so leicht nichts Gescheites ein. Zu einem Dummen, da fiele mir genug Gescheites ein. Zu einem Gescheiten fällt einem meistens nur was Dummes ein.“
„Oh [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Sagen’s, was fällt Ihnen jetzt dazu ein, dass der Polt auch schon Siebezige wird?“</p>
<p>„Ja mei, wir werden alle net jünger, gell.“</p>
<p>„Und sonst?“</p>
<p>„Ja, was soll ich sagen. Zu einem Gescheiten fällt einem so leicht nichts Gescheites ein. Zu einem Dummen, da fiele mir genug Gescheites ein. Zu einem Gescheiten fällt einem meistens nur was Dummes ein.“</p>
<p>„Oh –oh! Da müsst uns hier aber viel Gescheites einfallen.“</p>
<p>„Müsste. Müsste! Es <em>muss</em> einem ja nie was einfallen. Es <em>kann</em> einem nur was einfallen. Das ist es ja, wenn einem etwas einfallen muss, dann kommt meistens etwas Dummes heraus. Wenn einem aber etwas Gescheites einfallen könnte, dann hat man meistens gerade keine Zeit, oder es gibt einen Schweinsbraten, oder die Trambahn ist im Moment davon gefahren.<span id="more-1522"></span> Nana&#8230; Außer natürlich es fragt wer von der Polizei oder ein Lehrer, oder ein Fremder fragt nach dem Weg. Da muss einem schon was Gescheites einfallen, sonst steht man schön dumm da.“</p>
<p>„Jaja, schön dumm kann man schon dastehen. Gut dass man im Biergarten sitzen kann.“</p>
<p>„Und dass wir ein Weißbier haben. Bei einem Weißbier fällt mir leicht was Gescheites ein. Dann nehm ich noch einen Schluck, und dann ist mir klar, dass ich es auch gar nicht erst sagen muss, das Gescheite, weil es war ja da, und jetzt muss es vielleicht noch woanders hin.“</p>
<p>„Wird schon gescheiter sein, dass Sie es für sich behalten“.</p>
<p>„Will ich ja grad nicht! Aber sagen Sie, warum haben Sie denn einen solchenen Grant?“</p>
<p>„No, der Polt wird siebezig, und ich hab auch Rheumatismus, und gestern ist mein Kanarienvogel gestorben.“</p>
<p>„Ja, das ist natürlich alles, also schon irgendwie. Verstehen’s schon.“</p>
<p>„Ich weiß Ihr Mitgefühl durchaus zu schätzen. Danke.“</p>
<p>„Es ist ja auch mit der Politik. Oder nehmen Sie zum Beispiel die Kultur.“</p>
<p>„Genau. So was Saudummes.“</p>
<p>„Oder die Trambahn.“</p>
<p>„Ja, die Trambahn ganz besonders.“</p>
<p>„Und das Fernsehen.“</p>
<p>„Hören Sie mir auf mitm Fernsehen&#8230; Obwohl natürlich: Wenn der Polt kommt!“</p>
<p>„Ja, wenn der Polt im Fernsehen kommt. Vielleicht kommt der Polt ja jetzt wieder im Fernsehen, weil er doch siebezige worden ist.“</p>
<p>„Dann hätt sich das natürlich gelohnt, dass er so alt werden hat müssen. Jetzt ist er sozusagen im Wiederholungsalter. Jetzt wird der Polt dauernd wiederholt. Und auch sonst.“</p>
<p>„Genau. Sonst auch. Ein jeder soll etwas Schlaues über den Polt sagen. Weil siebezig, das ist doch ein respektables Alter. Werden’s schon sehen. Demnächst kriegt der Polt einen gescheiten Orden.“</p>
<p>„Schmarrn. Orden san net gescheit. So was Dummes wie einen Orden habe ich meiner Lebtag nicht gesehen. Brunzdumm ist ein jeder Orden. Und überhaupt: Was tut der Polt mit einem Orden? Der hat doch alles was er braucht.“</p>
<p>„Ja mei.“</p>
<p>„Ich weiß schon: Bevor ihn jemand anders kriegt&#8230;“</p>
<p>„Den Polt mit einem Orden, den kann ich mir gar nicht vorstellen.“</p>
<p>„Vielleicht meinen die, dass er dann ordentlich wird. Haa, Haa, Haa.“</p>
<p>„Mit siebezige!“</p>
<p>„Was meinen Sie? Soll ich uns noch zwei Weißbier bestellen?“</p>
<p>„Schauen Sie, jetzt ist Ihnen doch noch was Gescheites eingefallen!“</p>
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		<title>GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER</title>
		<link>http://www.seesslen-blog.de/2012/04/26/geschichten-vom-herrn-reiner-und-herrn-kainer-20/</link>
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		<pubDate>Thu, 26 Apr 2012 18:00:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Herren Reiner und Kainer saßen in einem schattigen Biergarten, von dem  (wer’s mag!) das Massiv eines ziemlich großen Alpenberges im Föndurchlicht gut zu sehen ist, dessen Namen jeder kennt, mir aber gerade entfallen ist. Behaglich sahen sie abwechselnd auf ihre frisch gefüllten Weißbiergläser und die Natur im linden Frühlingswind. Behaglichkeit ist die kleine, kluge, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Herren Reiner und Kainer saßen in einem schattigen Biergarten, von dem  (wer’s mag!) das Massiv eines ziemlich großen Alpenberges im Föndurchlicht gut zu sehen ist, dessen Namen jeder kennt, mir aber gerade entfallen ist. Behaglich sahen sie abwechselnd auf ihre frisch gefüllten Weißbiergläser und die Natur im linden Frühlingswind. Behaglichkeit ist die kleine, kluge, etwas rundliche Schwester des Glücks.</p>
<p>„Stellen Sie sich vor“, sagte Herr Reiner, „man müsste jetzt auf diese Berg hinauf.“</p>
<p>„Warum?“, fragte Herr Kainer.</p>
<p>„Na, weil er da ist. Leute, die auf einen Berg hinauf müssen antworten auf die Frage, warum sie das tun, immer genau so: Weil er da ist. Der verfluchte schöne Berg. Mir gelangt er ja von unten“.</p>
<p>„Ja Sie!“, lachte Herr Kainer. „Sie steigen ja auf den Berg gerade deswegen nicht hinauf, weil er da ist. Wenn er nicht da wäre, wäre das was anderes. Wäre er nicht da, der Berg, dann würden Sie wahrscheinlich sofort hinaufsteigen wollen. Mit Fleiß.“<span id="more-1516"></span></p>
<p>„Vollkommen richtig“, pflichtete Herr Reiner bei, besah ein Eichkatzel das auf einen Baum hinauf musste, nicht weil er da war, sondern aus pragmatischen Erwägungen, Nüsse und Schutz betreffend. „Wer auf einen Berg hinauf muss, weil er da ist, hat den Sinn des Da-Seins nicht begriffen.“</p>
<p>„Und wie steigen Sie auf einen Berg, der nicht da ist?“</p>
<p>„Auf einen Berg steigen, der da ist, kann ein jeder.“</p>
<p>„<em>Muss</em> fast ein jeder!“</p>
<p>„Wir nicht“, grunzte Herr Reiner in sein Bierglas. „Aber wenn der Berg plötzlich nicht mehr da wäre! Dann müssten wir natürlich hinauf.“</p>
<p>„<em>Sie</em> müssen hinauf. Ich bleibe unten. Ich schaue mir das ganze an. Und dann kann ich es dem Fernsehen oder den Zeitungen berichten. Der Reiner ist auf einen Berg gestiegen, der nicht da ist, und Kainer hat’s gesehen!“</p>
<p>„Jetzt ist es ja so“, sagte Herr Reiner ernst, „ein Berg, der nicht da ist, ist für mich eine echte Herausforderung.“</p>
<p>„Ich verstehe schon“, erwiderte sein Freund. „Die Berge sind überhaupt nur deswegen da, damit Sie nicht hinaufsteigen müssen. Womit man wieder einmal sieht, wie wohlgestalt die Schöpfung doch ist“.</p>
<p>Die nächste halbe Stunde gaben sich Herr Reiner und Herr Kainer unbedingt der Behaglichkeit hin.</p>
<p>Als die Kellnerin (sie war übrigens klein, rundlich und klug, was mancher für einen Zufall halten hätte können) mit dem nächsten Weißbier kam, meinte Herr Reiner versonnen:</p>
<p>„Neugierig wäre ich aber schon&#8230;“</p>
<p>„Worauf?“</p>
<p>„Wie es so ist auf einem Berg. Ich meine, ich weiß wirklich nicht, ob ich mich davon abhalten lassen soll, auf einen Berg zu steigen, bloß weil er da ist. Ich könnte ja auch eine Seilbahn nehmen. Aber was denke ich da oben? Dass ich jetzt da bin, weil der Berg auch da ist. Wenn aber der Berg nicht da wäre, dann gäbe es ziemlich wahrscheinlich auch gar keine Seilbahn. Weil, eine Seilbahn muss sich ja rentieren. Wenn ich nur ein einziges mal und als einziger auf einen Berg hinauf fahren täte, der nicht da ist, dann täte sich eine Seilbahn auf keinen Fall rentieren.“</p>
<p>„Auf gar keinen Fall“, pflichtete Herr Kainer bei. „Das wäre ein Pleiteunternehmen. Und dann: Es ist ja noch nicht einmal ausgemacht, dass Sie auf den Berg, der nicht da ist, überhaupt mit der Seilbahn fahren wollten. So wie ich Sie kenne, würden sie auf den Berg klettern wollen, weil er nicht da ist.“</p>
<p>„Bloß, dass ich überhaupt nicht klettern kann.“</p>
<p>„Ich sag’ ja, die Vorhersehung ist eine gute Sache. Sie hat die Berge gemacht, damit Leute, die überhaupt nicht klettern können, nicht auf die Idee kommen, auf sie zu klettern.“</p>
<p>Es folgte eine weitere Runde der Behaglichkeit, dann erwachte der Widerspruchsgeist wieder in Herrn Reiner.</p>
<p>„Bloß haben wir das mit der Marktwirtschaft nicht bedacht“, nahm dann Herr Reiner einen der losen Fäden ihrer vorherigen Betrachtung wieder auf. „Wegen der Seilbahn, meine ich.“</p>
<p>„Wieso jetzt das?“</p>
<p>„In einer Marktwirtschaft kommt zuerst die Seilbahn, und dann der Berg. Erst wird spekuliert, dann wird gebaut, und dann kommt das Wachstum.“</p>
<p>„Verstehe. Sie wollen damit sagen, der Kapitalismus ist das System, das Seilbahnen baut auf Berge, die nicht da sind.“</p>
<p>„Genau. Weil in der Marktwirtschaft der Berg für die Seilbahn da ist, und nicht die Seilbahn für den Berg.“</p>
<p>„Ja, ja“ sinnierte Herr Kainer. „Der Glaube an den Profit versetzt Berge.“</p>
<p>„Und in Castrop-Rauxel üben sie das Klettern in der Halle. Es ist schon ein Gipfelkreuz mit den Bergen. Das Klettern, der Berg und die Seilbahn passen einfach nicht mehr zusammen.“</p>
<p>Die Herren Reiner und Kainer nickten sich wissend zu. Und es war wieder eine Zeit für schweigende Behaglichkeit. Dann aber überkam Herrn Reiner wieder eine gewisse Unruhe. Der Diskurs war einfach noch nicht an seinem natürlichen Ende angelangt.</p>
<p>„Es fallen ja permanent Leute von den Bergen herunter, die hinaufgeklettert sind, bloß weil sie da sind“, sagte er.</p>
<p>Herr Kainer schwieg zustimmend.</p>
<p>„Haben Sie je von jemandem gehört, der von einem Berg gefallen ist, der nicht da war?“</p>
<p>„Sagen Sie nur, Sie wollen bloß auf Berge steigen, die nicht da sind, weil Sie dann wissen, dass Sie nicht herunterfallen können! Sie enttäuschen mich.“</p>
<p>„Ich glaube, ich muss da irgendwo einen Denkfehler machen“, sagte Herr Reiner eine Spur kleinlaut. „Wenn es gar keine große Sache ist, auf einen Berg zu steigen, der nicht da ist, dann will ich das gar nicht tun.“</p>
<p>„Der Punkt ist, dass es vollkommen egal ist, ob der Berg da ist oder nicht. Sie steigen hinauf oder auch nicht, einfach weil sie es wollen. Der Berg dazu ist bloß ein Felsklotz mit Geröll.“</p>
<p>„Genau. Der Berg wird überschätzt. Ich täte ja vorschlagen: Wir verkaufen die Zugspitze oder den Watzmann nach Abu Dhubai. Da haben die dort etwas zum Tun.“</p>
<p>„Die müssen auf einmal klettern, weil der Berg da ist. Das ist für die ein ganz neues Gefühl“.</p>
<p>„Und wir, wir machen an die Stelle wo die Zugspitze war, oder der Watzmann, einfach eine riesengroße Müllhalde mit der größten Kletterwand der Welt. Ich sag’ Ihnen, das ist eine Win-Win-Situation.“</p>
<p>„Ja, und wir? Dann sitzen wir hier und trinken ein Weißbier&#8230;“</p>
<p>„Oder zwei.“</p>
<p>„Oder zwei, soviel wir halt wollen. Und schauen auf einen Müllberg und eine Kletterwand.“</p>
<p>„Nein wir drehen uns herum und schauen auf den Berg, der nicht da ist. Ich muss jetzt da auch nicht mehr hinauf, nur weil er nicht da ist, ich muss überhaupt nichts.“</p>
<p>Nach einer kurzen Pause frug Herr Kainer:</p>
<p>„Wissen Sie eigentlich, was die letzte Erleuchtung des Buddha war?“</p>
<p>„Ehrlich gesagt, nein.“</p>
<p>„Die letzte Erleuchtung des Buddha war: Die können mich mal, die Buddhisten.“</p>
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		<title>Nachschrift zu den „BLÖDMASCHINEN“ (8)</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Mar 2012 16:14:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[DER DOPPELCHARAKTER DER KULTUR UND DIE ERZEUGUNG VON TRASH
Zum einen erscheint „Kultur“, nach einem bekannten anthropologischen Modell, die Art des Menschen, nicht nur die „vererbten“, sondern auch frisch erworbene Informationen zu bewahren und weiterzugeben. Zum anderen aber ist Kultur auch eine Form der Ordnung, die „Herden“ zusammenzuhalten oder zu bewegen, „Diskurse“ zu entfalten, in denen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>DER DOPPELCHARAKTER DER KULTUR UND DIE ERZEUGUNG VON TRASH</p>
<p>Zum einen erscheint „Kultur“, nach einem bekannten anthropologischen Modell, die Art des Menschen, nicht nur die „vererbten“, sondern auch frisch erworbene Informationen zu bewahren und weiterzugeben. Zum anderen aber ist Kultur auch eine Form der Ordnung, die „Herden“ zusammenzuhalten oder zu bewegen, „Diskurse“ zu entfalten, in denen man sich darüber einigt, was als „richtig“, „vernünftig“ oder „angenehm“ empfunden wird, und was nicht.</p>
<p>Beide Funktionen indes sind nicht einfach „für die Menschen“ da, sondern werden nach Machtverhältnissen verwaltet und verteilt.</p>
<p>Nehmen wir nun an, mehrere Klassen oder auch eine wachsende Anzahl von einzelnen werde zugleich unter einen extremen Druck der Ordnungen gesetzt, und zur gleichen Zeit von der Archivierung und Informationsweitergabe ausgeschlossen. Das hat einerseits äußere Gründe, nämlich den strukturellen Ausschluss von Menschen von „Bildung“ im allgemeinen, aber auch von Diskursen, politischer, moralischer und ästhetischer Art. <span id="more-1508"></span>Es hat aber auch Gründe innerhalb der Kultur selber, die sich unter dem Einfluss ihrer eigenen Markt-Abhängigkeit zunehmend weigert, sich mit den unattraktiven Aufgaben der Archivierung abzuplagen, wo es doch „Events“ viel leichter haben.</p>
<p>Kultur, die nach Profitinteressen funktioniert, funktioniert in ihren beiden Aufgaben zumindest „korrupt“. Denn ihr kommen nun zwei neue Aufgaben zu: Die Verwandlung der kulturellen Arbeit in Ware und die Festigung der Macht.</p>
<p>Der Prozess der Aneignung der Natur durch den Menschen geschieht durch Arbeit, die ihrerseits Objekte erzeugt, durch (scheinbar) sanfte – aus Blumen wird ein Strauß – oder aggressive Methoden – aus Rosen wird Rosenöl gepresst oder auch destruktive – aus einem Wald wird Wärme und Wüste. Schließlich durch die Arbeit der Simulation – die Erzeugung von „Aromastoffen“ aus Gift.</p>
<p>Es gibt also Anteile an der Natur, die in Kultur verwandelt werden, und andere, die „konsumiert“ werden. Letztendlich war dieses „Konsumieren“ schon immer ein Problem der Menschen. (Man kann wohl auch behaupten: der Grund für Religion, Ideologie oder Philosophie, zumal stets deutlicher werden musste, dass auch der Mensch selber zu den Natur-Elementen gehört, die seine Gesellschaft teils in Kultur verwandelt, teils konsumiert. Der furchtbarste Vorstellung, und zugleich noch stets gesellschaftlicher Konsens, Grundlage von Reichtum und Muße waren und sind jene Menschen, die ausschließlich dem Konsum, dem Verkonsumiert-Werden zugeschrieben werden. Sklaven, Prostituierte, Gefangene etc.)</p>
<p>Zunächst scheint ein Teil des Materials, das man benutzt, einfach zu verschwinden (es wird, genauer gesagt, in Energie verwandelt, wie zuerst das getötete Tier, die dem Boden entrissene Pflanze, die im Bauch des Menschen verschwindet, und wie dann das Holz im Feuer, auf dem das eine wie das andere gekocht wird). Dann aber kommt dieses Verschwundene der Aneignung der Natur zunächst als Abfall zurück (als Scheiße und Asche), am Ende aber sogar in einer Doppelfunktion: als Gift und als Mangel. (Ein „guter“ Grund für den Krieg!)</p>
<p>Der Konsum wird in Kauf genommen für den Fortschritt, das ist gleichsam der Motor jeder historischen Gesellschaft (einer Gesellschaft, die sich selbst als eine sich entwickelnde versteht). Je mehr die (kulturellen) Objekte, die dabei produziert werden, zum Fetisch werden, desto gleichgültiger werden die Menschen gegenüber dem Konsum und den Folgen.</p>
<p>Die historische Gesellschaft will wachsen, dominieren, akkumulieren. Sie ist ihrer „Natur“ nach aggressiv. (Zugleich erträumt sie sich „Naturgesellschaften“, die all dies nicht sind.)</p>
<p>Was von diesem anthropologischen Urmodell zu einem Innehalten, zum Beispiel in Bezug auf „Grenzen des Wachstums“, „Verteilungsgerechtigkeit“ oder „nachhaltiges Wirtschaften“ führen könnte, sind:</p>
<p>a) Unübersehbar negative, schließlich durchaus apokalyptische Folgen des Konsums.</p>
<p>b) Eine neue Dialektik zwischen Überfluss und Mangel, möglicherweise ein Bedeutungsverlust der erzeugten Objekte</p>
<p>c) Die militärischen und sozialen Folgen des Kampfes um die knapper werdenden Ressourcen werden schrecklicher als alles andere</p>
<p>d) Eine Erschöpfung in dem „ewigen“ Verwandlungsprozess von Natur in Kultur. Die erzeugten Objekte produzieren weder in der einen noch in der anderen Funktionsweise, weder als „Archiv der Informationen“ noch als (symbolische) Ordnung genügend Sinn, um den Konsum zu rechtfertigen. Es gibt keinen Zuwachs an Wissen außer in den Methoden, den Konsum anzuheizen und die militärischen (oder Bürgerkriegs-) Waffen in den Verteilungskämpfen weiter zu entwickeln.</p>
<p>e) Die Verwandlung von Natur in Kultur wird selber zu einem kontaminierten Denkmodell (beginnend mit einem schlichten „Zurück zur Natur“, so diskursiv ungeklärt diese Forderung auch sein mag).</p>
<p>f) Womöglich ist ein Punkt denkbar, an dem es gar keine Natur mehr gibt, die sich noch in Kultur verwandeln ließe. Die Restnatur ist mit anderen Worten im Sinne der Wachstums- und Fortschrittsgesellschaft gleichsam vollständig zum „Abfall“ geworden.</p>
<p>Hinzu kommt freilich möglicherweise auch ein tiefer Wandel im anthropologischen Modell selber; der Glaube an ein „akkumuliertes“ kulturelles Wissen im Gegensatz zu einem „natürlichen“, genetischen Wissen beginnt zu wanken. Villem Flusser erklärt es schon aus einem einfachen Grund: „Der kummulative Charakter des Modells – der Kulturspeicher wird immer größer – widerspricht dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Danach neigen alle Systeme – in letzter Analyse auch die sogenannten ‚offenen’ – dazu, sich in Entropie aufzulösen“.</p>
<p>Die kumulierten Informationen also müssen auch wieder verschwinden, damit das höherwertige System einer/der Kultur in seiner Entropie in ein niederwertigeres übergehen kann. Seit es „Kultur“ als Vorstellung gibt, gibt es auch die Vorstellung vom „Kulturverfall“, unglücklicherweise wurde dafür bislang stets etwas oder jemand verantwortlich gemacht, nicht aber das System Kultur selber.</p>
<p>(Verblödete Politiker unserer Tage benutzen das Bild der „Dekadenz“ noch immer, um vor einer Gesellschaft zu warnen, die nicht mehr arbeiten und nicht mehr wachsen will.)</p>
<p>Das Zerfallen der Kultur ist paradoxerweise also „natürlich“. Die höherwertigen kulturellen Systeme der Kultur zerfallen durch ihren Konsum (ihre Kannibalisierung, gleichsam). Wobei natürlich „höherwertig“ keine moralische oder ästhetische oder sonst irgendeine Bewertung bedeutet, sondern einfach den Grad an „komplexer“ Organisation bzw. Selbstorganisation. (Und „Dekadenz“ wäre demnach nicht allein eine Verlagerung des Augenmerks von der Pflicht zum Wachsen auf das Genießen der Macht bzw. auf den Konsum, sondern auch das Abspalten von komplexreduzierten Teilen aus einer Kultur.)</p>
<p>Der „Fall der Profitrate“ ist nichts anderes als der rapide Wertverlust des kulturellen Objektes, der, möglicherweise, auch jenseits des Marktgeschehens stattfände, zumindest in einer Gesellschaft, die „wachsen“ will. (Eine Neuverteilung der Gewinne und Verluste des Wachsens/der Akkumulation von Objekten und Wissen mag ein humaner Fortschritt sein, das Grundproblem löst es indes nicht: Ein Parallelprojekt zur Bekämpfung des Falls der Profitrate bzw. deren Folgen, ist der Kampf gegen den „Zerfall der Kultur“.)</p>
<p>Die Kultur, die das Objekt (den Fetisch der gespeicherten Information und zugleich den Diskurspunkt der symbolischen Ordnung) bewahren will, bringt zugleich die Impulse dazu hervor, sie zu konsumieren. (Der Fetisch-Charakter des Objekts führt dazu, dass es hier und dort nicht allein „beschützt“ wird, wie das Bild im Museum, angeeignet wie das Kunstwerk durch den „privaten Sammler“, sondern oft regelrecht verborgen: In der Kultur sind alle Objekte auf ein anderes, ein „verborgenes“ Objekt bezogen; aber auch alles Wissen ist auf ein anderes Wissen, ein „verborgenes“ Wissen bezogen, in der Religion ohnehin, aber auch in der Wissenschaft, wo neben dem „verheißenen“ Wissen, das durch das Wachstum in der Zukunft errungen werden kann, ein „absolutes“ und daher unmögliches Wissen in die Gleichung vom Wissen-Wollen und Wissen-Können eingeführt ist.)</p>
<p>Verfielen demnach die Kulturen vordem horizontal, was uns „Geschichte“ als ein Auf und Ab modellierte, da der Niedergang der einen Kultur mit dem Aufstieg der anderen zusammenhing, so verfallen sie nun, nach weiteren Prozessen der „Globalisierung“ eher vertikal; es zerfallen Kulturen innerhalb der Wirtschaftsräume, Kulturen der Klassen, Geschlechter, Religionen usw.</p>
<p>Warum aber soll es ein „Naturgesetz“ der Kulturen sein, dass sie zerfallen? Etwa nur weil das Umhüllende der Kultur, das Land, die Welt, der Kosmos ebenso wie der Kern der Kultur, der Mensch selber, seine „Haustiere“, seine Gärten, bedingungslos dem Zweiten Hauptsatz der Thermophysik unterworfen sind?</p>
<p>Informationen „existieren“ nur, insofern sie von Menschen „verarbeitet“ werden können. Dem widerspricht nicht unbedingt, dass längst gelernt wurde, mit „irrealen“ Informationen zu arbeiten (wie im Börsenhandel Computer Finanzmärkte generieren und abschöpfen, in Beobachtungs- und Rechenoperationen, die jedes menschliche Maß überschreitet, und so wie in der Wissenschaft Berechnungen angestellt werden können, die „kein Mensch versteht“).</p>
<p>Nicht-menschliches Wissen kann nur in nicht-menschlichen Objekten archiviert werden. So geht das Wachstum einer Kultur über den Menschen selber hinaus. In den Maschinenpark.</p>
<p>Eine entscheidende Aktualisierung des Wissens ist das „Urteil“. Das meint: Das Urteil, das ein Gericht spricht (und den Weg, auf dem es dazu gelangt), also das Recht als Sprache und Praxis, das meint aber auch die ethische Beurteilung einer Entwicklung, einer Entscheidung (und wiederum: eines Urteils), und schließlich sogar das „Geschmacksurteil“.</p>
<p>Könnten wir daher annehmen, eine Gesellschaft von schlechtem Geschmack habe in letzter Konsequenz auch ein schlechtes Recht (oder doch eine schlechte Praxis in der Anwendung)? In jedem Fall wächst die Anzahl jener Menschen, denen das Recht nicht mehr nach ihrem Geschmack ist. Im Fernsehen, nur zum Beispiel, wird unentwegt dieses Auseinanderbrechen von Urteilen in der einen und Urteilen in der anderen Sphäre behandelt. (Und zur gleichen Zeit wird dieses Auseinandergehen auch intensiviert.)</p>
<p>Der Maßstab des Subjekts ist seine Urteilskraft. Entmachtet ist, wer nicht urteilen kann. Für das Nicht-Urteilen-Können gibt es eine Vielzahl von Ursachen.</p>
<p>Die einzige Verbindung der beiden Aspekte der Kultur, die Speicherung des Wissens und die symbolische Ordnung, die die Bezeichnung „menschlich“ verdient, ist die aus beidem gewonnenen Fähigkeit, richtig zu urteilen.</p>
<p>(Aber selbst das „richtige Urteil“ setzt die Akkumulation voraus: Es ist stets noch das in der Zukunft angewachsene Wissen, das angeblich über das richtige oder falsche Urteil richten wird, handele es sich um die richtige Beurteilung der Kriegsgefahr, die vom Iran ausgeht, oder die richtige Beurteilung der Bedeutung der Zusammenarbeit von Lou Reed und Metallica für die Entwicklung der Rockmusik.)</p>
<p>Wer urteilt steht in einer horizontalen (das Urteil der anderen) und in einer vertikalen Kette der Urteile (das „Urteil der Geschichte“, das in Wahrheit nichts anderes als das Urteil der „nächsten Menschen“ in der Genealogie ist).</p>
<p>Das Urteil bezieht sich auf das gespeicherte Wissen, einschließlich seines „verborgenen“ Teils. Es ergeht immer im Namen von etwas. Im Namen des Volkes, im Namen der Revolution, im Namen des Marktes, im Namen des Christentums, im Namen des Rechts etc. Und es entsteht „Kraft etwas“, „Kraft meines Amtes“, Kraft des gesunden Menschenverstandes, Kraft der Mehrheit, Kraft des Gesetzes usw. Das Urteil ist stets frei und gebunden zugleich. In einer Gesellschaft darf es kein „willkürliches Urteil“ geben, auch nicht über den Geschmack von Himbeereis.</p>
<p>Die meisten Fehlurteile indes bleiben unentdeckt, weil beide Sub-Systeme der Kultur, das Wissen und die symbolische Ordnung, ungeheure Energien darin entwickeln, sich selbst zu schützen, voreinander und sogar vor sich selbst. Kraft und Namen virtualisieren sich in Neoliberalismus und Postdemkratie zunehmend. Es ist das Interesse, was nicht allein das Urteil bestimmt, sondern nicht zuletzt jene Felder, in denen es überhaupt zu Urteilen kommt.</p>
<p>Es wachsen die Felder, in denen man kein Urteil fällen kann, weil man „davon nichts versteht“. Eine postdemokratische Regierung wie die unsere, kann aber auch mit sehr schlichten Mitteln verhindern, dass Urteile gefällt werden, zum Beispiel was die Schuld von einzelnen Bankern bei der Erzeugung der Krise und der Abschöpfung der Profite dabei anbelangt: Es genügt in diesem Fall, die Rechtspraxis („Personalmangel“ an der richtigen Stelle) gegen das Recht selber zu mobilisieren. Voraussetzung dafür freilich ist ein manipulativer Umgang mit dem Wissen. Die Verwaltung des Wissens, das zu Urteilen führen kann, wird korrupt.</p>
<p>So gehört es zum Wesen einer Kultur, Informationen nicht nur zu verbergen, sondern regelrecht zu vernichten. Auch das kann nur in der Form einer Arbeit geschehen, die am einzelnen Objekt negativ wiederholt, was sich als zentrale Kraft der Kultur überhaupt zu erkennen gab: Das kulturelle Objekt wird transformiert in ein neues („niederwertigeres“ oder nieder-komplexeres) unter Erzeugung von Konsum auf der einen, Abfall, Gift auf der anderen Seite.</p>
<p>Das hat wiederum nichts mit einem moralischen Wert zu tun, im Gegenteil. Das neue Objekt kann durchaus „klüger“ und „schöner“ sein als das vorherige. Es wurde ja erzeugt, „um Klarheit zu schaffen“. Genau so gut aber kann, die Kunst macht uns das vor, auch der „Abfall“ von einst wieder in den Status eines magischen Objektes erhoben werden.</p>
<p>Erzeugung und Verbreitung eines kulturellen Objekts befinden sich in einer unauflöslichen Spannung zueinander. Die Verbreitung eines kulturellen Objekt, so könnte man demnach sagen, führe nicht nur am Ende zu dessen Auflösung, sondern hinterlasse auch eine Spur der Verwüstung. Sobald es sich von selbst versteht, hat es sich auch selbst in Abfall verwandelt. Wie oft wir diesen Vorgang – als „Recycling“ oder als Aufwertung der „Trash Kultur“ – wiederholen, verändern wir doch sein Wesentliches nicht. Die unaufhörliche Spaltung von Natur in Kultur und Abfall, und des weiteren die unaufhörliche entropische Spaltung der Kultur selbst. Sie „verlandet“ am Ende.</p>
<p>Der Doppelcharakter der Kultur, zugleich Speicher des Wissens (und damit Speicher der Urteile) zu sein, und symbolische Ordnung (und damit „Unterwerfung“) macht ihre Dynamik aus: Sie ist immer repressiv und emanzipativ zugleich, so dass jede Form von Herrschaft Kultur zugleich benutzen und fürchten muss.</p>
<p>Der emanzipative Charakter der Kultur (die Verbreitung, Aneignung und Weitergabe des kulturellen Objektes) und die unterdrückende Charaktere (bis hin zur Verbreitung, Aneignung und Weitergabe der „Sitte“, des „Glaubens“, der „Überzeugung“ in Form von Angst) dienen einander nicht zuletzt wechselseitig als „Ausrede“. Der inhärente Wahnsinn dieser Konstruktion drückt sich etwa in dem grotesken Gebrauch eines Wortes wie „Leitkultur“ aus.  Eine Leitkultur ist offensichtlich eine Kultur, die stolz auf ihre unterdrückenden, ausschließenden und geschlossenen Anteile ist. So könnte man eine Leitkultur ebenso eine Anti-Kultur nennen, oder einen besonderen Fall des kulturellen Zerfalls. (Als böte uns die Geschichte nicht Bilder genug für einen Kulturzerfall, der durch ihre Nationalisierung, Hegemonialisierung oder Exklusierung beschleunigt wurde!)</p>
<p>Für den Neoliberalismus und die Postdemokratie ist es ein Herrschaftsziel: Kultur muss abgebaut werden. Und zwar in der Form einer Entropie von einer allgemeinen zu speziellen Kulturen (die dazu erkoren sind, Märkte zu generieren), von einer Kultur der Emanzipation zu einer Leitkultur, und letztlich von Kultur als Allgemeingut (commons) zur privatisieren Kultur bzw. zur „Massenkultur“ als Warengeneration.</p>
<p>Das Archiv leert sich, und die Symbole werden verschleudert.</p>
<p>Das Archiv des Wissens, um es genauer zu sagen, leert sich von Menschen (während es in einem nie gekannten Sinne materiell wächst in eine Form von Datenmengen und Spezialwissen hinein), und die Symbole werden industriell, ökonomisiert und privatisiert verschleudert. Die Menschen einer neoliberalen und postdemokratischen Gesellschaft müssen dafür, dass sie einer symbolischen Ordnung unterworfen werden, selber bezahlen.</p>
<p>Schon vordem wanderte der emanzipative Anteil der Kultur gerne aus, in die „Avantgarde“, in die „Bohème“, in den „Underground“ etc. Nun ist er in ein vollends nomadisches Dasein verbannt, ins Ausgestoßene und Abgelehnte.</p>
<p>TRASH.</p>
<p>Der Widerstand gegen die Entropie der Kultur, die der Markt ebenso wie die Politik forciert, kommt aus dem Abfall dieser Kultur. Nicht unbedingt, weil er ein „Programm“ dazu hätte, außer die „Urteile“ des Mainstreams zu verhöhnen, sondern vor allem, weil Trash-Kultur den Doppelcharakter negiert: Es gibt kein Wissen, was es zu speichern und weiter zu geben gäbe, und die symbolische Ordnung hat sich in die organische Anarchie eines Müllberges verwandelt. Auf dem Müllberg wird der Abfall der Kultivation wieder zur „wilden“ Natur. Der symbolischen Ordnung fällt dazu der Begriff der „Rache der Natur“ ein, und Phantasien von der Rache der Natur sind denn auch ein wesentliches, wiederkehrendes Motiv aller Trash-Kultur.</p>
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		<title>Kleinigkeiten (17)</title>
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		<pubDate>Sun, 25 Mar 2012 17:04:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[CHINAS VERSICHERUNGSMARKT WÄCHST DYNAMISCH. Das Schaden- und Unfallversicherungsgeschäft sieht rosigen Zeiten entgegen.
So lautet eine Schlagzeile der Neuen Zürcher Zeitung (Internationale Ausgabe) vom 23. März 2012. Und auf einem Bild sehen wir Menschen, die bei einem Hochwasser möglicherweise Haus, Heimat und Arbeit verloren haben.
Wenigstens wird gar nicht mehr versucht, zu vertuschen, dass Profit mit dem Elend [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>CHINAS VERSICHERUNGSMARKT WÄCHST DYNAMISCH. Das Schaden- und Unfallversicherungsgeschäft sieht rosigen Zeiten entgegen.</p>
<p>So lautet eine Schlagzeile der Neuen Zürcher Zeitung (Internationale Ausgabe) vom 23. März 2012. Und auf einem Bild sehen wir Menschen, die bei einem Hochwasser möglicherweise Haus, Heimat und Arbeit verloren haben.</p>
<p>Wenigstens wird gar nicht mehr versucht, zu vertuschen, dass Profit mit dem Elend der anderen gemacht wird. Manchmal, zweifellos, zeigt uns das Econotainment nichts als die pure Wahrheit.</p>
<p style="text-align: center;"><span style="font-size: medium;">***</span></p>
<p>Hans  Heinrich Driftmann, Kölln-Flocken-Unternehmer und Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags beugt, im Interview mit der F.A.Z. (23. März) schon mal vor. Auf die Frage: „Was würden Sie tun, wenn, wie von Oskar Lafontaine vorgeschlagen, der Spitzensteuersatz auf 75 Prozent stiege?“ antwortet er: „Ich würde mir was einfallen lassen. Da gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten. Die Politik ist europäisiert, die Wirtschaft globalisiert. Da gibt es viele Wege“. Noch deutlicher kann man es ja nun wirklich nicht sagen: Es ist vollkommen wurst, was eine Regierung unter solchen Unternehmern und Präsidenten macht, deren Geld kriegt sie eh nicht.</p>
<p style="text-align: center;"><span style="font-size: medium;"> *** </span></p>
<p>ANGST IST DER SCHLÜSSEL</p>
<p>Die amerikanische Angst ist externalisiert, die europäsiche internalisiert; die amerikanische Angst ist topographisch, die europäische Angst ist chronographisch; die amerikanische Angst beginnt immer an einer Grenze, und sei’s die Grenze des eigenen Gartens, der eigenen Wohnung, der eigenen Haut; die europäische Angst beginnt immer im Jetzt-und-schon-zu-spät. Oder fast.<span id="more-1502"></span></p>
<p>Dass die Angst globalisiert werden muss, liegt ja nun so was von auf der Hand, dass man schon wieder misstrauisch werden könnte.</p>
<p style="text-align: center;"><span style="font-size: medium;"> ***</span></p>
<p style="text-align: center;"><span style="font-size: medium;"><br />
</span></p>
<div>ALLTAGSTRAUM &amp; GESELLSCHAFTSVERTRAG</div>
<p>AFFIRMATION ALS MEDIEN-SPIEL</p>
<p style="text-align: right;"><em>Man schreibt mit dem Begehren </em><em>und endlos ist mein </em><em>Begehr&#8230;</em></p>
<p style="text-align: right;"><em>(Roland Barthes)</em></p>
<p><span style="font-size: medium;"><strong>1</strong></span></p>
<p>Pst. Nicht umschauen. Ich erkläre Ihnen die Sache von hier aus. Sie brauchen mich gar nicht zu erkennen. Sie haben nach dem „Affirmativen“ in der Kultur gefragt. Wussten Sie nicht, wie gefährlich das ist?</p>
<p>Gewiss. Indem es erkannt wird, ist etwas bereits affirmativ, jeder Mensch, jeder Gedanke, jeder Einspruch gegen das System. (Nicht dass das System allmächtig ist, es hat nur den einen entscheidenden Vorteil, die entscheidende Chance mehr, wie die Null beim Roulette-Spiel. Die Bank kann nicht verlieren, verstehen Sie, jedenfalls nicht, wenn genügend Zeit und Kapital auf ihrer Seite steht.) Was gegen das System gesagt werden kann, wird früher oder später Teil des Systems. Sie verstehen: Der Terror, das verzweifeltste und kränkeste von allen Mitteln, dem Affirmativen zu entgehen, ist der Höhepunkt der Affirmation. Und die querste Sexualität, die ihren Ausdruck findet, ist bester Diener des sexuellen Mainstreaming.</p>
<p>Aber muss sie denn ihren Ausdruck finden? Kann sie nicht doppeldeutiges, angedeutetes Zwischen den Zeilen, Hinter den Bildern, Neben der Tonalität  bleiben? Nicht, wenn sie sich erhalten will. Die Dissidenz muss Ware werden, so wie das Begehren Pornographie werden muss. Jenseits des Marktes ist nichts, merken Sie sich das!</p>
<p>Es gibt also gar keine anderen als Doppel-Agenten. Dissidenz dient der Macht, und Macht produziert Dissidenz. Wir wissen es seit 1984. Ich meine, seit dem fiktiven Jahr 1984. Wirklich wissen können wir es nur schon immer oder nie. Es ist ein ziemlich alter Hut. Fragt sich nur, wer ihn gerade aufhat.</p>
<p>Sowohl die allfällige Affirmation (jene Vergötzung des Da-Seienden, von den, etwas pathetisch, die kritische Theorie spricht, oder das, was Barthes schlichter den „Mythos des Alltags“ nennt), als auch ihre moralische Kritik entspricht einem eklatanten Mangel an Romantik. Man kann nicht romantisch und affirmativ sein, wohl aber kann man so romantisch glotzen, dass dies auch schon egal ist.</p>
<p>Affirmation, soviel ist von vornherein klar, besteht aus Gesten und Phantasien des Einverständnisses. In seiner allgemeinen Form ist es geträumte Ideologie, in seiner narzisstischen Einzelform „positives Denken“. Das Gegenteil wäre die Kritik, die mehr ist als eine Kontrolle, und ein „negatives Denken“, das keineswegs das Schlechte denken (das Schlechte denken gehört, strategisch angewandt, sogar unabdingbar zur Affirmation, die sich das Apokalyptische zum Sub-Medium gemacht hat) bedeuten, sondern zum unversöhnten Grund hin. Der negativste (und anti-affirmativste) Satz ist: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. Der zweite Teil des Satzes ist an sich überflüssig. Da es augenblicklich immer nur falsches Leben gibt, gibt es also gar kein richtiges Leben. Der theoretische Satz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ ist für das richtige Leben praktisch unbrauchbar ohne, sagen wir, als radikale Poesie das falsche Leben irgendwie zu stören. Ebenso erscheint eine „radikale“ Ablehnung des Affirmativen in der Kultur nachgerade unmenschlich.</p>
<p>Ist es also nicht der Fehler, etwas gegen das System zu sagen, statt etwas für die Menschen zu sagen? Sprechen wir doch vom Glück! Das richtige Leben findet doch statt in der Liebe, in einem Sonnentag, in einem Blick, oder? Das richtige Leben ist so augenblicklich, dass wir es immer gleich wieder verlieren. Aber es spukt durch unsere Träume, durch die Kunst, durch das Denken&#8230;</p>
<p>Wenn es Ihnen dann besser geht. Von unruhiger Affirmation träumen wir doch alle, Beglaubigung und Verweigerung in autonomer Mischung, vertikal (ja früher, da war ich noch dagegen, egal was es war) und horizontal (ich mache doch nicht jeden Blödsinn mit). Unsere Affirmationsmaschinen sind immer auch Maschinen zur Begrenzung der Affirmation. Purer Jubel bringt ja nichts, und Affirmation ist keine Propaganda-Veranstaltung. Affirmation ist nicht die lustvolle Unterwerfung des Subjekts unter die Macht (die rauschhaft und mörderisch über uns kommen mag), sondern die paradoxe Situation einer Begegnung von Subjekt und Macht auf Augenhöhe und in vollem Bewusstsein. Man tauscht, in gewissen Gesten und Phantasien, Vertrauen aus.<br />
Vertrauen, das als Diskurs jedenfalls nicht zu erzeugen ist. Denken Sie sich eine „sozialistische Anthropologie“. Oder ist das ein Widerspruch in sich? Kann man dem Menschen ein besseres Gesellschaftssystem zuschreiben, ohne von ihm selber abzusehen? Denken Sie sich eine „anarchistische Anthropologie“. Oder sogar, höchster Widerspruch, eine „humanistische Anthropologie“. Sie lachen? Nicht so laut, bitte.</p>
<p><strong><span style="font-size: medium;">2</span></strong></p>
<p>Wenn man an den Menschen glaubt, darf man nicht zu viel von ihm wissen; wenn man an die Macht glaubt, darf man nicht zu viel von ihr wissen. (Das ist die alte Rechts/Links-Geschichte: pure Fiktion, nebenbei). Aber was heißt schon glauben?</p>
<p>Der Beginn aller Affirmation ist Religion. Aber alle Religion produziert Macht und vergrößert damit den Widerspruch zwischen dem begehrenden Subjekt und der absorbierenden Struktur, und macht daher noch mehr Religion notwendig. Alles, was wir später als Affirmation zwischen Individuum und Staat, zum Beispiel, kennen lernen, ist in der Religion vorgezeichnet: der große Text, der Tempel, der Ritus, die Bilder (einschließlich der Bilderverbote), die Historisierung, der Auftrag, am Ende der Krieg gegen die Ungläubigen. Daher gibt es keine „gute Religion“, sie hat als notwendiges Zentrum das Opfer und das Blutbad. Und wahrscheinlich gibt es auch die kleine Form nicht als gute. Es gibt keine gute Affirmation, aber ohne Affirmation kann man nicht leben. Die humanistische Chance der Affirmation ist der Wechsel aller schwerer Zeichen von Religion und Nation in leichtere Münze. Wir sind affirmativ bis zur Frivolität! Wir sind auf eine so kluge Weise affirmativ, dass dagegen die dumme Revolte abstinkt. Wir affirmieren das System zu Tode.</p>
<p>Das glauben Sie doch selber nicht.</p>
<p><strong><span style="font-size: medium;">3</span></strong></p>
<p>DIE AFFIRMATION DES LEIDENS, ODER VIELE, DIE EINE AHNUNG HABEN VON IHREN MÖGLICHKEITEN UND IHREN BEDÜRFNISSEN UND DENNOCH DAS HERRSCHENDE SYSTEM IN IHREM KOPF AKZEPTIEREN DURCH IHRE TATEN UND ES SOMIT FESTIGEN UND DURCHAUS BESTÄTIGEN</p>
<p>Das Obige ist, ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern, der Untertitel von Rainer Werner Fassbinders Film FONTANE, EFFIE BRIEST. Er behauptet, dass man das herrschende System durch seine Taten in seinem Kopf festigt. Damit ist die Idee, affirmativ handeln und nicht-affirmativ denken oder sogar umgekehrt, auch das ist eine Möglichkeit, die man sich schon vorgestellt hat, und sei es in der Gestalt eines Serienmörders, obsolet. (Daher sind auch die meisten Morde ziemlich affirmativ.)</p>
<p>Jetzt lassen Sie uns doch versuchen, Ordnung in diese Wirrnis zu bringen. Wovon reden wir denn?</p>
<p>Die politische Grundlage der Affirmation ist eine besondere Form der Identifikation, die ihren Gehalt an Unterwerfung zumindest nicht erkennt. Es gibt diese Untersuchung, die zeigt, dass die Arbeiter in einem Atomkraftwerk keine signifikant anderen Entscheidungen treffen würden als die Manager. (Riskante Entscheidungen, damit keine Missverständnisse entstehen, Entscheidungen, die das Funktionieren und Weiterbestehen des Systems weit über die Sicherheit des einzelnen Mitarbeiters stellen.) Ödeste Ahnung: Die Herrscher sind immer noch demokratischer, fürsorglicher und sozialer als es die Beherrschten sind. (Affirmation ist daher in unseren Medien unter anderem auch als vorsichtige Staatsbürgerkunde zu haben: Bitte nicht gleich „Rübe ab“, „Wegsperren“, „Auf der Flucht erschießen“.)</p>
<p>Wenn wir uns auf Affirmation als wenn nicht demokratische so doch wenigstens populistische Form des Ausgleichs zwischen begehrendem Subjekt und systematischer Macht einigen, müssen wir uns von der Vorstellung vom guten Menschen und dem bösen Staat verabschieden. (Und gleichzeitig das Mantra der Ablehnung alles „Populistischen“ in der Demokratie als pure Heuchelei beiseite legen.)</p>
<p>Die ökonomische Grundlage der Affirmation ist das Interesse an Dingen, die zwar nicht in der gleichen Quantität oder Qualität verteilt werden, wohl aber in der gleichen „Sprache“. Demokratie als affirmativen Akt kann man als den kontrollierten und ritualisierten Genuss von Macht begreifen wie man den Besitz eines Mobiltelefons als affirmativen Akt der Teilhabe an einem Kommunikations- und Kontrollsystem und den Besitz eines Automobils als affirmative Teilhabe an „Bewegung“ begreifen mag. Affirmation ist zugleich der Rohstoff als auch der Mehrwert der kapitalistischen Produktionsweise. Wir produzieren weder Dinge noch Geschichte, weder Glück noch Zukunft, wir produzieren Einverständnis. Die Metaware des Kapitalismus ist Affirmation, und jedes Ding und jede Dienstleistung ist zugleich Verarbeitung und Wucherung von Affirmation: Wir produzieren nicht nur Einverständnis mit dem, was ist, sondern das was ist, erlaubt selber nichts anderes als die Produktion des Einverständnisses. (Wie wir sehen werden, macht diese Produktion der Affirmation als Ware in der Ware weder die Ideologie noch die Gewalt überflüssig – auch wenn genau dies das Versprechen war: Affirmation, das Aushandeln und Beglaubigen von Einverständnis zwischen Subjekt und System, als zivilisatorische Überwindung von Terror und Sklaverei.)</p>
<p>Die ästhetische Grundlage der Affirmation ist eine allgemeine Produktion des Wissens oder genauer gesagt des Nicht-Wissens in der Form von Ritualen. Affirmation ist Verbildlichung. Affirmation hat man nicht, Affirmation muss man zeigen. Das Einverständnis nimmt die Form von Bildern an, auch der lebenden Bilder des Alltags. Das Glück der Affirmation ist das lesbare Zeichen und die Dechiffrierung als Vorhalt. Die endlosen Erzählungen und Bilderzählungen der „affirmativen Kultur“ sind affirmativ primär nicht durch das, wovon sie handeln, sondern durch das, wie sie es tun: Als Endlosschleife der Gewissheiten. (Der endlos laufende Fernsehfilm, zum Beispiel, verhält sich affirmativ zur Welt, weil er sich zunächst einmal affirmativ zu sich selber verhält: Er ist sich seiner gewiss, über allen Zweifel seiner Protagonisten. Nicht dass es gut ausgeht, ist das Versprechen des ewig laufenden Fernsehfilms, sondern dass es überhaupt nicht ausgeht sondern immer so weiter geht. Die Ästhetik der Affirmation ist die Drehung der Langeweile um die Achse der Faszination.</p>
<p>Sie haben es nicht erfunden (wir sprachen ja schon von Religion), aber die technischen Medien haben die Dialektik von Angst und Affirmation zu einer neuen Perfektion gebracht. Das Seiende verlangt und produziert so viel Einverständnis, weil alles andere als katastrophal gedacht werden muss, und in den Fluß der Affirmation tauchen beständig die Feuerbälle der realen und der fiktiven Katastrophen. So wird die Sache erhitzt; wenn sich das begehrende Subjekt und die systemische Macht als Traumpaar empfinden, von, nun ja, kleinen Streitereien abgesehen, dann ist es die erste Aufgabe der Ästhetik der Affirmation, die Kälte und Langeweile dieser Beziehung zu überdecken (und weil man dazu auch immer wieder ein äußeres oder inneres Böses braucht, darf Affirmation möglicherweise als notwendig, aber keinesfalls als „harmlos“ begriffen werden).</p>
<p>Die mediale Grundlage der Affirmation ist die Vernetzung in Realzeit. (Und auch hier gilt: Keine Affirmation zu einer Harmonie von Subjekt und Kollektiv ohne Angst – die Angst ausgeschlossen zu werden ebenso wie die Angst vor den Eindringlingen.) Das Medium ist durch seine politische Ökonomie zu nichts anderem mehr fähig als zur Affirmation, es ist Ausdruck der Affirmation des Kapitalismus und produziert an den Rändern absurde Untergangsszenarien und ebenso absurde Hoffnungen (das Internet als demokratische Kommunikationsmaschine: Das kommt davon, wenn man „Affirmation“, wenn schon nicht mehr radikal ablehnt, wie weiland Marcuse, aber auch nicht weiter „behandelt“). In der Mitte gibt es einen gewissen Ausgleich der Affirmation auf dem Markt; wer sich die Affirmationsware nicht leisten kann, der bekommt im Medium eine Überdosis. Dabei funktioniert, sagen wir „Die lustigen Volksmusikanten“ in etwa so wie gewisse Süßigkeiten im Supermarkt, die für wenig Geld den Trostgeschmack in höchster Dosierung bieten, und überheblich mag sich verhalten, wer sich die kultivierteren Formen der Affirmation leisten kann. Ja, es ist leicht, einverstanden zu sein, wenn man eine Bibliothek besitzt und ins Theater geht und in die Toscana fährt: Die Medien haben die Affirmation nicht allgemein verbreitet, sie halten sie nur in verschiedenen Flüssen bereit.</p>
<p>Nehmen wir den Begriff der „Kulturindustrie“ von Horkheimer und Adorno ernst, und also nicht im Sinne des neuesten Kulturpessimismus (als wäre Kultur vor ihrer Industrialisierung prinzipiell besser gewesen), dann heißt das zugleich Unterwerfung unter den Markt, also Einengung und Öffnung der Verkäuflichkeit (also Befreiung). Es entsteht dabei so etwas wie „ein Überbau der Unverbindlichkeit“. Die Kultur produziert im Namen der Verkäuflichkeit die Ideologie und die Subversion, die Gleichschaltung und die Diversifikation (nur „das Individuelle“ natürlich, scheint in der industriellen Produktion nicht möglich), zugleich Befangenschaft und Autonomie. So ist Affirmation fast schon wieder eine Erlösung in einem System, das zwischen Langeweile und Sensation sich zunehmend auch terroristisch geriert. Wenn man die Beziehungen der Zwangsprostituierung, der sadistischen Schaukämpfe oder der medialen Opferrituale ansieht, mag man von einer „guten alten Affirmation“ sprechen, die gegenüber der neuen Form des Opfers altmodisch ist. Sie verspricht schließlich, dass Isaak seinen Sohn nicht opfert; sie besänftigt den Zorn zwischen den Göttern, der Geschichte und dem Subjekt. Hat nicht der Engel, oder war es Gott selber, das Messer von dem Knaben genommen, fatalerweise nur, weil Isaak ja bereit war, den Sohn zu opfern. Vielleicht begreifen wir in diesem Bild, was Affirmation bedeutet: Der Verzicht auf das Opfer aufgrund der Bereitschaft zum Opfer. (Auch das Medium also kann nicht umhin, beständig mit dem Opfer zu drohen; wenn die Affirmation nicht durch das Opfer beschleunigt wird, dann taugt sie nichts mehr – und dann geht der ganze Unfug wieder von vorne los.)</p>
<p>Affirmation ist, mit anderen Worten, nicht die Erzählung des Mediums, Affirmation ist das widerspruchsvolle Erzählen des Mediums selbst. (Eine Affirmation, die sich aus Kult, Subversion, Dissidenz, Perversion und vielem anderen zusammensetzen mag.)</p>
<p>Die Wissenskluft zwischen den Schichten freilich wird eher größer als geringer, da die Rezeption an den sozialen Status gebunden ist: Die kleinen Unterschiede werden durch die Massenmedien nicht eingeebnet sondern verstärkt. Die Massenmedien umspannen die gesamte Gesellschaft (wie der Himmel), wirken auf die Menschen verschieden ein, so wie auch die Waren in einem Supermarkt nicht wirklich für alle Menschen das gleiche bedeuten.  Man könnte sogar behaupten: Je gleicher alles aussieht im Verbund von Kulturindustrie und Waren, desto unterschiedlicher wirkt es. Die wahre Affirmation also besteht darin, zu akzeptieren, dass mehrer Kulturen der Affirmation gleichzeitig in der selben Sprache wirken: Mein fernseh-erzeugtes Einverständnis ist nicht das gleiche fernseh-erzeugte Einverständnis des Nachbarn, obwohl es durch die gleichen Bilder und Worte erzeugt wurde. Oder doch durch einander sehr verwandte, denn natürlich gibt es „kleine Unterschiede“ auch im Affirmationsprogramm der Medien.</p>
<p>Man sollte, meinte einst der Filmregisseur Wolfgang Staudte, gar nicht meinen, „wie schwer es ist, die Welt verbessern zu wollen mit dem Geld von Leuten, die Welt in Ordnung finden“. Vielleicht ist es ja mehr als schwer, nämlich unmöglich. Aber dennoch ist diese alte Form der Affirmation (die Affirmation der Botschaft) schon Geschichte. Die neue Form der Affirmation geht vom Empfänger aus.</p>
<p>Es geht nicht um Wahrheit oder um Verlässlichkeit, es geht um eine Verbindung der beiden höchsten Güter. Das eine ist Aufmerksamkeit (und sie ist denkbar schwer zu erzielen, ohne einen Verstoß, ohne den Kult der Subversion), das andere ist Vertrauen (und das wiederum ist schwer zu erzielen ohne eine gehörige Portion Regression). Die Affirmation 2000 entsteht also durch eine Verknüpfung von Aufmerksamkeit und Vertrauen. Das einmal an die Medien delegierte Vertrauen kann ohne weiteres nicht mehr durch „barbarische“ Formen der Kontrolle wie Terror, Zensur oder Bedrohung ersetzt werden, aber andrerseits ist die Unverbindlichkeit aus Aufmerksamkeit und Vertrauen auch wieder so unsicher, dass man sich (symbolisch oder real angeboten) nach ihnen sehnen mag.</p>
<p>Vertrauen kann ich unter anderem auch durch Distanz gewinnen, ja sogar durch einen Verfremdungseffekt, Aufmerksamkeit auch durch Verweigerung. Die Medien sind daher gekennzeichnet durch gewisse Erregungszyklen. Es genügt keineswegs, ständig wieder eine „neue Sau durchs Dorf zu treiben“, vielmehr gibt es da Dramaturgien die von Vorbereitung, Retardierung, Hysterisierung und schließlich Abkühlung führen. (Man muss den Kopf nicht nur füllen, sondern ihn auch wieder leeren.) Das entscheidende ist: Der Mittler wird auch hier zum Inhalt. Wenn wir den Fernseher wegnehmen, dann ist uns begehrenden Subjekten die Gesellschaft nicht allein schwer verständlich geworden (keine Affirmation, nirgends), sie ist ganz einfach nicht mehr da. Weg.</p>
<p>Denn die Gesellschaft erzeugt nicht mehr Affirmation. Die Affirmation erzeugt Gesellschaft.</p>
<p>Ist „Affirmation“ also nichts anderes als eine neue Form des Gesellschaftsvertrages als work in progress, der Tag für Tag neu durch das Aufschlagen der Zeitung, das Einschalten der Fernsehers, das Betreten des Kaufhauses geschlossen wird (und so, als hätte ich den Vertrag vom Vortag schon wieder vergessen)?</p>
<p>Eigentlich gibt es keinen Grund mehr für den Staat, und der Staat kann sich nicht mehr begründen. Herrschaft hat andere Formen, im kleinen wie im großen, aber der Staat ernährt sich, nicht mehr so sehr, indem er, wie früher, in auch nicht so guten alten Tagen, wiederum Menschen ernährt. Der Staat war noch nie so parasitär wie im Spätkapitalismus. Er ist reines Da-Sein, erzeugt durch Terror und Affirmation, eine unübersichtliche Bündelung von Macht und Interesse, mit der man sich, scheinbar paradoxerweise, gar nicht einverstanden zeigen kann, weder politisch, noch diskursiv, noch ästhetisch noch medial, weil er weder sich selbst versteht noch von seinen – ja was: Untertanen? Mitgliedern? Bürgerinnen und Bürgern? – verstanden werden kann. So wie das Medium zwischen Faszination und Langeweile so switcht der Staat zwischen Verschwinden und Hysterie.</p>
<p>Affirmation wird in dieser prekären Situation vom Einverständnis zur Vergebung. Das begehrende Subjekt und die systemische Macht vergeben in den (medialen) Gesten der Affirmation, dass sie miteinander herzlich wenig anfangen und sich gegenseitig eigentlich überflüssig sind. Der Staatsbürger muss durch Affirmation ebenso erfunden werden, wie Familie erfunden wird, oder Verkehr, oder Gesetz, oder Geschlecht und so weiter. Affirmation als medialer, bilderzählerischer und mythischer Gesellschaftsvertrag in Form des work in progress führt beide Seiten nicht nur zusammen sondern hält sie auch auf Distanz. Das Medium erfindet zum Beispiel noch einmal die längst verlorene Privatsphäre, die der moderne Staat längst zerstört hat, und es erfindet – wohlgemerkt: in affirmativer Weise – noch einmal den Raum der politischen Öffentlichkeit, den das begehrende Subjekt längst zersetzt hat. (Nicht allein, weil ich die Worte der Herrschaft nicht höre, wenn mir das Bild der nackten Nachbarin geboten wird.)</p>
<p>Nun aber stellt sich die Frage: Wird in den Medien des Marktes (andere gibt es nicht) der Gesellschaftsvertrag, der jeden Tag neu zur Unterschrift vorgelegt wird, auch „verhandelt“? Dann nämlich wäre in diesem work in progress, das viel genauer wirkt als eine „demokratische Wahl“ und viel demokratischer als ein „politisches Bewusstsein“, ja in der Tat der zivilisatorische Fortschritt nicht zu übersehen.</p>
<p>Die Möglichkeit, die Unterschrift zu verweigern, besteht jedenfalls zunächst einmal nicht. Man kann „die Medien“ nicht einfach ausschalten, schon gar nicht in der Art des Selbstgerechten, der den Fernseher „abgeschafft“ hat (und seht: Seitdem sind wir glücklich, schön und klug). Jede Verweigerung wird mit einer hartnäckigen Verfolgung durch die Affirmationsriten bestraft, und wer das Medium nicht „nutzt“ wird selber Medium.</p>
<p>Wir können an die „Verhandlung“ in den Affirmationsgesten und –phantasien der Medien glauben oder nicht, das ist egal. Denn es gibt Grenzen für die Verhandlungsmöglichkeiten mit einem Spiegel.</p>
<p><strong><span style="font-size: medium;">4</span></strong></p>
<p>Ist auch nichts durchgesickert?</p>
<p>Alle Systeme, die zueinander affirmative Beziehungen entwickeln, erzeugen auch Verschwörungen. Die Verschwörung ist die Kehrseite der Affirmation. Oder auch ein Extremfall: Die Geste der Affirmation als Maske des schieren Gegenteils. (Das vergiftete Geschenk. Der Diener, der vor dem Herrscher nur in den Staub sinkt, um die Schwäche seiner Herrschaftsarchitektur zu erspähen. Das Loblied, das den verborgenen Mördercode enthält.)</p>
<p>Ein Machtsystem geht leichter an der Affirmation seiner Mitglieder zugrunde als an ihrer Revolte. Das Mitmachen ist gefährlicher als die Verweigerung, die Erfüllung tödlicher als der Widerspruch. Der Terror des Machtsystems dient der Begrenzung der Affirmation wie umgekehrt die Affirmation der Begrenzung des Terrors diente. Jemand wie der deutsche Innenminister Schäuble weiß das sehr genau, wenn er den Terror wieder erzeugt, zäh und unbeirrt, bis er ihn hat und niemand mehr weiß, woher er kommt, wobei beinahe gleichgültig ist ob er das aus Angst oder aus Lust tut. Er sieht in der Affirmation selber die Gefahr; als Maske des Terrors (was natürlich Unfug ist: allenfalls das terroristische Subjekt kann Affirmation als Maske verwenden) wähnt er überall Verschwörung (und wer weiß, auf welch seltsame Weise er damit recht hat).</p>
<p>Daher muss das Machtsystem seinen Medien umso mehr misstrauen als sie Affirmation erzeugen. Die Gesten der Affirmation vernutzen sich, sie werden leer und verdächtig. Ist dem Jubel im Bierzelt noch zu trauen? Ist Rosamunde Pilcher noch ein affirmativer Traum des richtigen Da-Seins oder schon eine Strategie des Verschwindens für das begehrende Subjekt?</p>
<p>Das große Projekt der Affirmation in den Medien ist nur bedingt eine Propaganda für das, was ist. Das Medium sagt nicht, es ist gut, es sagt: Es gibt nichts anderes. Es sagt nicht, wir sind auf dem richtigen Weg, es sagt: Wir stecken alle im gleichen Labyrinth. Es sagt nicht, das kritische Denken ist verboten, es sagt: Denken macht einsam. Die allgemeine Begrenzung des Wissens lässt die Sprache der Affirmation zur lingua franca werden. Und umgekehrt.</p>
<p>Im Medium ist immer 1984.</p>
<p><strong><span style="font-size: medium;">5</span></strong></p>
<p>Aber das geht noch tiefer, nicht wahr?</p>
<p>Stellen wir uns drei Sphären der unbestreitbaren Wirklichkeit vor. Die erste ist die der Subjekt-Erfahrung: Dass ein Stuhl keine Illusion und kein Zeichen, sondern ein wirkliches Ding ist, erkennt man spätestens, wenn man sich neben ihn gesetzt hat, und dass Schmerz kein Traum sondern ein Symptom ist, erkennt man daran, dass ein blutender Riss oder eine Beule auf der Haut zu sehen ist.</p>
<p>Die zweite Sphäre der unbestreitbaren Wirklichkeit ist Macht und Geschichte. Es gibt Schlachten, es gibt Herrscher, die Steuern und Gesetze erlassen, es gibt Bauten und Massaker.</p>
<p>Die dritte Sphäre schließlich ist die kosmische Wirklichkeit. Äpfel fallen von oben nach unten auf die Erde, der Mond dreht sich um die Erde, das Weltall existiert auf die gleiche zugleich unvorstellbare wie unbestreitbare Weise wie ein Molekül aus Wasserstoff- und Sauerstoff-Atomen.</p>
<p>Aber diese drei unbestreitbaren Wirklichkeiten sind offenbar nicht mit ihren eigenen Mitteln zu verknüpfen. Die Verknüpfungen sind ungenau und fiktional. Zum Beispiel als Analogie: Die Gesellschaft (oder „der Markt“) verhält sich wie die Natur. Das Subjekt verhält sich als Ergebnis und Teil der Gesellschaft. Alles sei verbunden durch eine Schöpfung, eine Ordnung, eine Vernunft.</p>
<p>Jedes Kind weiß: Das ist gar nicht wahr. Die Beziehungen der drei Sphären der unbestreitbaren Wirklichkeiten sind entweder unverständlich komplex oder komplett verrückt. Die einzigen sinnvollen Verbindungen sind Imaginationen. Oder eben: Affirmationen.</p>
<p>Die andere Möglichkeit ist die radikale Herrschaft der einen über die anderen Sphären der unbestreitbaren Wirklichkeit. Einen Stalinisten kann man, unter vielem anderen, vielleicht auch als einen Menschen beschreiben, der Geschichte und Macht als einzig „reale“ Wirklichkeit zulässt, einen Kapitalisten als ein narzisstisches Subjekt, das die Welt nur als eine Projektion seines fetischistischen Begehrens zulässt, einen Wissenschaftler als einen, der die kosmische Wirklichkeit der „Naturgesetze“ bis in die Widersprüche der Gesellschaft und die Verästellungen des begehrenden Subjekts einzig wirksam sieht. Wenn wir etwas wissen, dann ist es dies: Menschen, die eine einzige Wirklichkeit erkennen, sind gefährlich und tendieren dazu, in der einen oder anderen Weise an Massenmorden beteiligt zu sein.</p>
<p>Für den „gewöhnlichen“ Menschen dagegen bestehen die Widersprüche zwischen den Wirklichkeitssphären in der Praxis in einer so stetigen Bearbeitung, dass sie als solche gar nicht mehr zur Kenntnis genommen wird. So gibt es die Affirmation zwischen dem Subjekt und der Macht und der Gesellschaft, die Affirmation zwischen der Macht und Natur und Kosmos und die Affirmation zwischen dem Subjekt und Natur und Kosmos, ein „ewiges Dreieck“, in dem sich, konfliktreich genug, die Seitenverhältnisse und Winkel verändern, das gleichwohl immer wieder in ein stabiles und harmonisches Verhältnis zurückkehren will.</p>
<p style="text-align: center;">Natur/Kosmos</p>
<p style="text-align: center;">Subjekt/Begehren                                                                     Macht/Geschichte</p>
<p>Wenn also Kultur darin besteht, Beziehungen zwischen den drei Eckpunkten herzustellen, kann man wohl nicht mehr davon ausgehen, dass es Affirmation in der Kultur (oder gar gegen sie) gebe. Vielmehr ist die ernüchternde Folgerung: Kultur ist Affirmation (wenn auch im Sinne einer „lebendigen Sprache“).</p>
<p>Sie besagt zunächst noch gar nicht, dass die Beziehung der Wirklichkeitssphären, sagen wir die zwischen dem Subjekt und der Macht, sinnvoll und glücklich sei, sie sagt vielmehr erst einmal, dass es überhaupt eine Beziehung gibt. So kann das Subjekt auf dem Schlachtfeld nicht einfach sagen „Was mache ich denn hier?“ und nachhause gehen. Es ist freilich eine Sache der Vernunft, wenn die Affirmation als Sprache im Gesprochenen Grammatik und damit Trost produziert. Daher erklären wir das Subjekt, dass keine positive Beziehung zur Macht entwickeln kann, als krank (obwohl es doch möglicherweise genau umgekehrt sein müsste: Muss nicht das begehrende Subjekt tief krank sein, dass sich einverstanden erklärt mit dem Zynismus der Macht und der Gleichgültigkeit des Kosmos?)</p>
<p>Wir können Affirmation als notwendige Krankheit der Kultur begreifen. Können wir das wirklich?</p>
<p><strong><span style="font-size: medium;">6</span></strong></p>
<p>Nehmen Sie kleine gebrauchte Scheine, und nicht fortlaufend nummeriert.</p>
<p>Das größte Projekt der Affirmation in der Menschheitsgeschichte ist das Kapital (das noch seinen Vorläufer, die Religion, zu kannibalisieren weiß). Und es offenbart das Wesen aller Affirmation, vom Medium zum Fetisch zu werden. Das Mittel, das Begehren und Macht als scheinhaftes Abbild von „Arbeit“ verband, wurde selber zum Begehren und zur Macht; das Bezeichnende nimmt Besitz vom Bezeichneten und lässt es mehr oder weniger verschwinden, so wie „Fernsehen“ im Extremfall nichts mehr abbildet, sondern im Gegenteil, das Abbildbare zum Verschwinden bringt.</p>
<p>Es ist eine Binsenweisheit: Zu wenig Affirmation macht krank, zu viel Affirmation macht dumm. Aber alle Affirmation (wir erinnern uns: als äußere Form einer Sprache) tendiert, wie das Geld, sich an bestimmten Stellen zu verklumpen, statt sich gleichmäßig zu verteilen. An zuviel oder zu wenig Affirmation kann nicht nur das System sondern auch das Subjekt erkranken.</p>
<p>Mit Geld kann man Affirmation kaufen, die eigene wie die Affirmation jener, die einem nützlich sein mögen (um wiederum selber noch mehr Affirmation zu kaufen). (Kann man eigentlich etwas anderes als Affirmation kaufen? Und ist nicht das höchste Gut im Kaufakt, die Distinktion, nur eine neuerliche Maske der Affirmation, der Luxus eines Berlusconi mit seinen Inseln und Schlössern und Flugzeugen und Swimming Pools nichts anderes als eine zwanghafte Manifestation der Affirmationsangebote, die der gleiche Berlusconi in seinen Medien und in seiner Macht den Massen macht? Das Teure ist nur der materielle Anteil der billigen Träume der Mythen des Alltags. Die „kleinen Unterschiede“ in den Codes (nicht die Rolex-Uhr, sondern die Art, sie zu tragen) funktionieren schließlich als Regulative der Affirmations-Gesten.</p>
<p><strong><span style="font-size: medium;">7</span></strong></p>
<p>Affirmation ist kein inneres Befinden, sondern eine äußere Form. Affirmation findet weder in der Seele noch im Geist statt. Ich kann mich oder die Welt heute nicht mehr oder weniger affirmativ empfinden, noch kann ich den einen oder anderen Gedanken als besonders affirmativ empfinden. Stattdessen gibt es Verbeugungen, Worte, Anreden, Kleidercodes, Warteregeln, und es gibt Bilder, Erzählungen und Begriffe. Affirmation gibt es nicht, außer sie wird erzeugt.</p>
<p>In der Affirmation begegnen sich das begehrende Subjekt und das fordernde Kollektiv, und zwar jenseits des reinen Terrors und ebenso weit jenseits bloßer Identifikation. Das Einschreiben der Nation durch Legende, Fahne, Hymne etc. in die Person ist so wenig „affirmativ“ wie das deutsche Hackenschlagen, das österreichische „Küss die Hand“ oder die tückische Verbeugung des autoritären Charakters.</p>
<p>Die wahre Affirmation findet in einem eigenen äußeren Raum statt. Sie ist, wie der Begriff oder wie der Mythos, ein System der Zeichen, oder anders gesagt: eine Sprache. Man kann sie lernen, man kann „auf Kriegsfuß mit ihr stehen“, man kann in ihr dichten und in ihr Todesurteile fällen.</p>
<p>Die Sprache der Affirmation kann man, wie jede andere Sprache, zum einen unterteilen in parole und langue, in das Gesprochene und die Sprache. Und damit beginnt recht eigentlich erst die Arbeit, die Syntagmen der Affirmation unterscheiden, ihre Montage zu beschreiben, eine Enzyklopädie der affirmativen Zeichenketten zusammenstellen. Undsoweiter. Wir haben noch viel vor.</p>
<p>Aber kann man diese Arbeit in der Kultur der Affirmation leisten, so wie man vielleicht richtig leben kann im falschen Leben, oder auch nicht? (Stellen wir zusammen, was uns daran hindert.)</p>
<p>Man kann Affirmation als Fremdsprache oder als Muttersprache begreifen. Aber Babylon ist auch nie fern.</p>
<p><strong><span style="font-size: medium;">8</span></strong></p>
<p style="text-align: right;"><em>Zum Glück haben auch Piraten Freunde: andere Piraten.</em></p>
<p style="text-align: right;"><em>(Roman Polanski: Piraten)</em></p>
<p>Affirmation ist andernorts eine Kulturtechnik, mit der man gar seelische und körperliche Gebrechen zu heilen gedenkt, jedenfalls eine rundere, glücklichere und vollständigere Person zu werden. Ohne Affirmation, so viel ist klar, bin ich des Todes.</p>
<p>Allerdings gibt es ein groteskes Ende der Affirmation, wo sie selber zum medialen Mantra wird. Affirmation, das behaupten die Händler der vier Glücksversprechen wie der lustige Joseph Murphy, verändere das Leben zum Guten. Man muss es sich nur vorsagen: „Ich bin glücklich, gesund, beliebt, erfolgreich, sexy und reich“. Und immer wieder.</p>
<p>Oder die negative Affirmation. Ich bin mit wenigem zufrieden. Ich kann mit meinen Defekten umgehen. Man braucht nur wenige echte Freunde. Erfolg ist nicht das wichtigste im Leben. Liebe ist bedeutender als Sex. Geld allein macht nicht glücklich.</p>
<p>Schließlich die irreale Affirmation. Unverhofft kommt oft. Wo Gefahr ist, da wächst das Rettende auch. Das Glück kommt, wenn du aufhörst, es zu suchen. Die besten Dinge im Leben sind gratis.</p>
<p>Sodann die moralische Affirmation. Jeder ist seines Glückes Schmied. Leistung muss sich wieder lohnen. Eine gute Beziehung ist ein Stück schwere Arbeit. Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen. Glück hat auf die Dauer nur der Tüchtige.</p>
<p>Mit der positiven und der negativen, der moralischen und der irrealen Affirmation ist, was eine Lebenspraxis oder eine Autobiographie anbelangt, durchaus ein harmonisches oder wenigstens „zufriedenes“ Verhältnis zwischen dem Subjekt und der Welt herzustellen.</p>
<p>Der Glückstraum der Medien besteht nun in der Mischung aus positiver und negativer Affirmation nach Maßgabe des Melodramatischen (gut und böse sind zum Selbstausdruck durch Handlung gezwungen).</p>
<p>Affirmation ist ein vergiftetes Lebensmittel, unter anderem.</p>
<p><strong><span style="font-size: medium;">9</span></strong></p>
<p>Und nun?</p>
<p>Weg hier!</p>
<p>Aber wohin?</p>
]]></content:encoded>
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		<title>AUS DEM LYRISCHEN GESAMTWERK VON EDGAR P. KUCHENSUCHER (8)</title>
		<link>http://www.seesslen-blog.de/2012/03/20/aus-dem-lyrischen-gesamtwerk-von-edgar-p-kuchensucher-8/</link>
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		<pubDate>Tue, 20 Mar 2012 16:48:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kunst]]></category>

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		<description><![CDATA[Was, so fragen wir uns, hätte der postsituationistische Lyriker Edgar P. Kuchensucher zur Wahl von Joachim Gauck zum Präsidenten der BRD gesagt?
Vielleicht dies:
Üch loch mür önön Ost
Und höng müch doron ouf
Dann schaue ich nach West
Das ist des Lebens Life
Zugegeben. Es ist fast unmöglich, den authentischen Furor eines postsituationistischen Lyrikers zu imitieren. Aber war es nicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Was, so fragen wir uns, hätte der postsituationistische Lyriker Edgar P. Kuchensucher zur Wahl von Joachim Gauck zum Präsidenten der BRD gesagt?</p>
<p>Vielleicht dies:</p>
<p><em>Üch loch mür önön Ost</em></p>
<p><em>Und höng müch doron ouf</em></p>
<p><em>Dann schaue ich nach West</em></p>
<p><em>Das ist des Lebens Life</em></p>
<p>Zugegeben. Es ist fast unmöglich, den authentischen Furor eines postsituationistischen Lyrikers zu imitieren. Aber war es nicht der Wahlspruch dieser Bewegung: Das Unmögliche suchen und es tun!?<span id="more-1498"></span></p>
<p>Daher der zweite Versuch:</p>
<p><em>Ich: Schau! Du: Gauck!</em></p>
<p><em>Ich: Gauck? Du: Schau.</em></p>
<p><em>Gauck-Schau. Schau-Gauck.</em></p>
<p><em>Schagauck, Gaschauck.</em></p>
<p><em>Schaukelgau. Gaulschauckel.</em></p>
<p><em>Ich: GAU? Du: Schaug!</em></p>
<p><em>Ich: Gauschel. Du: Schaugel.</em></p>
<p><em>Schauke-GAU! Gauschel.</em></p>
<p><em>Gaschauck, Schagauck.</em></p>
<p><em>Gau-di, Gau-di, Gaudi Schauck.</em></p>
<p><em>Schau-di, Schau-di. Schau die</em></p>
<p><em>Gauck.</em></p>
]]></content:encoded>
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		<title>KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 2/12</title>
		<link>http://www.seesslen-blog.de/2012/03/19/kunstzeitschrift-nr-212/</link>
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		<pubDate>Mon, 19 Mar 2012 16:56:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kunst]]></category>

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		<description><![CDATA[In Betrachtung von Velazquez’ „Las Meninas“ (Die Hoffräulein), diesem tückischen Diskurs-Sprengbild aus dem Jahr 1656, schreibt Michel Foucault: „In dem Augenblick, in dem die Augen des Malers den Betrachter in ihr Blickfeld stellen, erfassen sie ihn, zwingen ihn zum Eindringen in das Bild, weisen ihm einen zugleich privilegierten und obligatorischen Platz zu, entnehmen ihm seine [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In Betrachtung von Velazquez’ „Las Meninas“ (Die Hoffräulein), diesem tückischen Diskurs-Sprengbild aus dem Jahr 1656, schreibt Michel Foucault: „In dem Augenblick, in dem die Augen des Malers den Betrachter in ihr Blickfeld stellen, erfassen sie ihn, zwingen ihn zum Eindringen in das Bild, weisen ihm einen zugleich privilegierten und obligatorischen Platz zu, entnehmen ihm seine lichtvolle und sichtbare Art und werfen sie auf die unzugängliche Oberfläche der Leinwand“. Nun aber ist entscheidend, und die Beobachtung seiner selbst oder anderer beim Betrachten von „Las Meninas“ scheint es zu bestätigen, dass das Eindringen zugleich mit einem Draußenbleiben verbunden ist. Der Blick wird unbehaglich, da er sich beobachtet fühlt, man könnte sogar sagen, der Maler drohe damit ihn, den Betrachter zu „malen“ (zu unterwerfen).</p>
<p>In der populären Kultur, im Comic, im Film, im Konzert, ist der Pakt nicht minder zentral: das Bild soll zwar alles aber niemals „etwas“ sehen. Dogma, von tückischen Meistern der Diskurs-Sprengung gebrochen: Du sollst als „Dargestellter“ niemals in die Kamera schauen.<span id="more-1492"></span> (Natürlich darf auch ein Regisseur auf einem PR-Bild nicht den Zuschauer ansehen; das würde ihn vermutlich dringlich daran hindern, unter diesem Blick ins Kino zu gehen!)</p>
<p>1656 also begann die Geschichte von der Auflösung der Repräsentation des Sehens-ohne-Gesehen-zu-werden als symbolische Ordnung, und sie ist bis heute nicht recht viel weiter gekommen, schon gar nicht zu einem „demokratischen“ Verhältnis zwischen Blick und Bild. Denn Velazquez sieht aus dem Bild nicht den Betrachter an sich, sondern das Subjekt. Umgekehrt guckt der Star, der Führer, der Comedian ins Publikum, indem er ein Wir konstruiert (noch im einzelnen, den er auf die Bühne holen mag, sieht er nichts als ein Repräsentierendes des Kollektivs).</p>
<p>Wir sehen daher „Las Meninas“ nicht durch den Blick des Malers, sondern im Gegenteil um ihn herum, als Ergebnis einer Blickkontaktvermeidung. Das „schärft“ womöglich den Blick, und macht ihn zugleich unruhig.</p>
<p>„Las Meninas“ wird auf diese Weise zum Bewegungsbild. Der beunruhigte Blick muss sich bewegen; das Eindringen ist zugleich Flucht.</p>
<p>Wahrscheinlich wollte sich Velazquez nur einen Scherz machen, einmal etwas ausprobieren, sich nicht langweilen oder sogar jemandem eins auswischen. So wischte er dem Bild als Kategorie eins aus, er begann damit das Bild selber auszuwischen. Damit sind wir noch heute beschäftigt.</p>
<p>Das sehende Bild macht den Blickenden blind.</p>
<p>Denn das nicht sehende Bild überträgt dem Blickenden Macht. Das nicht Subjekt-sehende dagegen erzeugt die kollektive Unterwerfung.</p>
<p>Velazequez sieht uns in „Las Meninas“ aber gar nicht wirklich an. Er könnte uns nur nicht einfach übersehen; er nimmt weniger das Subjekt in sein Bildfeld als dass er umgekehrt das Bildfeld subjektiviert. So entsteht diese zweite Angst, nach der Angst gesehen zu werden, die Angst nicht gesehen zu werden.</p>
<p style="text-align: center;"><span style="font-size: medium;">***</span></p>
<p>Es ist die Sehnsucht des Kunstwerks, nicht Fetisch zu werden, sein Pakt mit der Aufklärung. In der Post-Kunst, die nicht mehr von der Gesellschaft sondern von den Playern am Kunstmarkt definiert wird, ist dieser Pakt aufgehoben.</p>
<p style="text-align: center;"><span style="font-size: medium;">***</span></p>
<p>So beginnt Velazquez’ Kampf um die Emanzipation, um die Würde von Kunst und Künstler, erneut. Gegen einen Auftraggeber, der sie in Wahrheit verachtet und missbraucht.</p>
<p style="text-align: center;"><span style="font-size: medium;">***</span></p>
<p>(Wich nicht die römische Schule der Malerei in jenem Jahrhundert noch in den Faltenwurf aus? Darin, behauptete man, liege die eigentliche Kunst, da sie nicht durch das Vorbild der Natur und, würden wir hinzufügen, der Gesellschaft bestimmt seien. Natürlich hat auch die Kunstmarkt-Kunst von heute ihren Faltenwurf. Er liegt im Wesen des Fetisch selber, im Gebot der Einzigartigkeit. So verkommen die Kunstmarkt-Kunst auch sein mag, sie muss immer noch Einzigartiges hervorbringen.)</p>
<p style="text-align: center;"><span style="font-size: medium;">***</span></p>
<p>Velazquez <em>rebellierte</em> durch seinen Blick.</p>
]]></content:encoded>
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		<title>Nachrichten aus dem Buchland</title>
		<link>http://www.seesslen-blog.de/2012/03/02/nachrichten-aus-dem-buchland/</link>
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		<pubDate>Fri, 02 Mar 2012 18:36:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Diesmal nicht aus meiner Lieblingsrubrik, sondern aus der Bestseller-Liste des Börsenblattes des Deutschen Buchhandels, auf dem auf Platz 3, gleich nach dem Alzheimer-Buch von Rudi Assauer, Joachim Gauck mit dem Titel „Freiheit“ gelandet ist. Schön für ihn, weil nämlich mit der ganzen Bundespräsidentenchose sich auch das alte Buch als „Wiedereintritt“ auf Platz 14 geschoben hat: [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="margin-bottom: 0cm;">Diesmal nicht aus meiner Lieblingsrubrik, sondern aus der Bestseller-Liste des Börsenblattes des Deutschen Buchhandels, auf dem auf Platz 3, gleich nach dem Alzheimer-Buch von Rudi Assauer, Joachim Gauck mit dem Titel „Freiheit“ gelandet ist. Schön für ihn, weil nämlich mit der ganzen Bundespräsidentenchose sich auch das alte Buch als „Wiedereintritt“ auf Platz 14 geschoben hat: „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“. Also das mit den Jahreszeiten, das muss sich unser famoser Bundespräsident noch mal einprägen, schon aus protokollarischen Gründen: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Darauf haben sich Mensch und Natur irgendwie geeinigt, und daran sollte sich auch ein deutscher Bundespräsident halten!</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Übrigens hat der erste deutsche Verlag Titelschutz für das neue Wort „Wulffen“ angemeldet. Das wird ein Buch!</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">
]]></content:encoded>
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		<title>Frau Küpper von der Zeitung für Deutschland</title>
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		<pubDate>Fri, 02 Mar 2012 17:18:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[In der F.A.Z. gibt es heute einen Artikel über die Präsidentschaftskandidatur von Beate Klarsfeld unter dem Titel „Das Missverständnis“, der in seiner depperten Propaganda-Absicht schon wieder zur Kenntlichkeit vordringt: „Heute wirkt die Vorstellung, wie eine junge Frau sich mit einem Umzug nach Paris und einer Hochzeit mit einem Mann, dessen Vater in Auschwitz ermordet wurde, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="margin-bottom: 0cm; line-height: 150%;">In der F.A.Z. gibt es heute einen Artikel über die Präsidentschaftskandidatur von Beate Klarsfeld unter dem Titel „Das Missverständnis“, der in seiner depperten Propaganda-Absicht schon wieder zur Kenntlichkeit vordringt: „Heute wirkt die Vorstellung, wie eine junge Frau sich mit einem Umzug nach Paris und einer Hochzeit mit einem Mann, dessen Vater in Auschwitz ermordet wurde, radikal auf die Seite der Opfer schlägt und ‚eine exemplarische Deutsche’ sein will, fast ein wenig drollig“.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; line-height: 150%; widows: 0; orphans: 0;">Wirklich: Da wird in einem Satz von der Ermordung eines Menschen in Auschwitz und „drollig“ gesprochen! Was man an Niedertracht doch alles in einen einzigen Satz packen kann! Da ist der Werdegang der Autorin, Mechthild Küpper, durchaus interessant, und so steht er im faz net: <em>„Geboren 1954 in Beverungen an der Weser. 1972 Abitur, Studium der Geschichte und der Germanistik an der Freien Universität Berlin. 1982 bis 1988 Redakteurin der „tageszeitung“, von 1988 bis 1993 Redakteurin beim „Tagesspiegel“ und von 1993 an bei der „Wochenpost“. 1997 Wechsel zur „Süddeutschen Zeitung“. Seit 1999 Korrespondentin für Berlin, zunächst bei den Berliner Seiten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dazu kam 2004 das Land Brandenburg; seit 2005 ist sie auch für die Linkspartei zuständig“.</em></p>
<p style="margin-bottom: 0cm; line-height: 150%; widows: 0; orphans: 0;">So also sieht es aus, wenn jemand in der F.A.Z. für die Linkspartei „zuständig“ ist: „Linke-Politiker, die heute eine dicke Verfassungsschutzakte als erstrebenswertes Accessoire für Linke ansehen“ – so ein Satz muss einem erst einmal einfallen!). Anders als der Linkspartei und deren Mitgliedern, denen Frau Küpper offensichtlich in einer persönlichen Fehde gegenübersteht, bringt diese Autorin dem, nun ja, Autor Thilo Sarrazin etwas entgegen, was man in blogs, in denen  man Sarrazin „als tapferen Kämpfer“ bezeichnet, „gutmeinendes Verstehen“ nennt. Karrieren! <span id="more-1482"></span>Mit der Schnoddrigkeit, die man vielleicht bei der taz lernen kann und einem Tonfall, der sich keine Grenze zu persönlicher Beleidigung ziehen will, wird man das alles doch mal sagen dürfen, zum Beispiel dass eigentlich die Mitglieder der Linkspartei die Ohrfeigen verdienen, dass „mit der Kandidatur des Schauspielers Peter Sodann die Kandidatur Züge einer Kaffeefahrt für Senioren aus der Provinz“ erhalten habe, dass Gysi, Lötzsch &amp; Co sich des „kruden Antifaschismus der sechziger Jahre“ bedienen, oder?</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; line-height: 150%; widows: 0; orphans: 0;">Es sind also die drei Grund-Phantasmen der Rechten, die Frau Küpper in der „Zeitung für Deutschland“ zu bedienen hat:</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; line-height: 150%; widows: 0; orphans: 0;">1. Die Linken sind wie die Rechte, nur schlimmer.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; line-height: 150%; widows: 0; orphans: 0;">2. Mit dem Antifaschismus soll man es nicht übertreiben.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; line-height: 150%; widows: 0; orphans: 0;">3. Man wird doch noch mal sagen dürfen. Interessant dabei ist nur dieser journalistische Werdegang von, na ja, mehr oder weniger ein bisschen links über liberal nach rechts.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; line-height: 150%; widows: 0; orphans: 0;">Der Schlüssel findet sich vielleicht in diesen beiden Sätzen: „Sie recyclen lieber die jahrzehntealten Gut-böse-schuldig-unschuldig-Muster der frühen Jahre. Die haben den Vorteil, dass weder die DDR noch die stalinistischen Irrungen der Studentenbewegung und ihrer linksradikalen westdeutschen Nachhut darin vorkommen“.  An anderem Ort betont die Autorin (in einer F.A.Z. des Jahres 2009): „Der gewaltbereite „Schwarze Block“ ist ein Überbleibsel der Studentenbewegung der sechziger Jahre.“ Beim Antifaschismus muss man von den Schuldig-unschuldig-Mustern weg, und die 68er waren an allem schuld.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; line-height: 150%; widows: 0; orphans: 0;">Der Zusammenhang von persönlicher Neurose, Karriereplanung und Diskurs-Mainstreaming ist nicht besonders gut erforscht. Und natürlich noch weniger der Code-Transport im Zuge offenbar typischer deutscher Journalisten-Karrieren. So importiert sich der Mangel an Respekt und Würde, den man an der Peripherie lernte, in die Meinungszentren. Denn was immer man von den ungeheuren Massen der linksradikalen westdeutschen gewaltbereiten Nachhut der stalinistisch verirrten Studentenbewegung  und den „selbstgerechten“ Vertretern der Linken halten mag – sie haben eine anständige und kluge Kritik verdient. So wie, eigentlich, auch die Leserinnen und Leser der F.A.Z. anständige und kluge Texte erwarten sollten. Für Zwei Euro und zehn Cents pro Exemplar.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; line-height: 150%; widows: 0; orphans: 0;">
<p style="margin-bottom: 0cm; line-height: 150%;">
]]></content:encoded>
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		<item>
		<title>Anmerkung zum Bewegungsbild als möglichem Schlüssel für einen Diskurswechsel der Kunst</title>
		<link>http://www.seesslen-blog.de/2012/02/21/anmerkung-zum-bewegungsbild-als-moglichem-schlussel-fur-einen-diskurswechsel-der-kunst/</link>
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		<pubDate>Tue, 21 Feb 2012 08:10:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kunst]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Kunstwissenschaft tut sich schwer damit, das Bild in Bewegung zu sehen. Bewegung im Bild, Bewegung des Bildes und Bewegung zwischen (bewegten) Bildern. Film ist nur eine besondere technische Weise, das Bewegungsbild zu generieren, wurde aber gleichwohl zu einer kanonisierten Weise des Umgangs mit Bewegung &#38; Bild, vermutlich weil hier noch eindeutige Spielregeln auszumachen sind, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Kunstwissenschaft tut sich schwer damit, das Bild in Bewegung zu sehen. Bewegung im Bild, Bewegung des Bildes und Bewegung zwischen (bewegten) Bildern. Film ist nur eine besondere technische Weise, das Bewegungsbild zu generieren, wurde aber gleichwohl zu einer kanonisierten Weise des Umgangs mit Bewegung &amp; Bild, vermutlich weil hier noch eindeutige Spielregeln auszumachen sind, Geschichte, Gattungen, Genes, Stile, Autorenfilme etc. waren Instrumente, Kino und Kunst zusammen zu bringen, im Sinne eines hierarchisierten Gedächtnisses.</p>
<p>Doch das Bewegungsbild ist mehr als Film. Zunächst darf man sich beziehen auf andere Formen der ästhetischen Bewegung, zum Beispiel den Tanz, oder das Theater. Es geht dabei stets um die paradoxe Beziehung zwischen dem Einmaligen und dem Wiederholten. Eine Choreographie bedeutet eine Bewegung nach Vorschriften oder „Spielregeln“.<span id="more-1479"></span> Andrerseits hat jede Bewegung eines organischen Körpers einen Anspruch auf Einmaligkeit, insofern sie nicht dem Befehl von außen, sondern der Selbstorganisation des Körpers bzw. seines Dialogs mit der Umwelt entspricht.</p>
<p>Choreographie, die Bewegung einübt, will das Augenblickliche unsterblich machen (eine Tanz-Choreographie könnte man mit einem Versuch vergleichen, einen magischen Moment der Bewegung durch Wiederholbarkeit aufzuheben). Daher ist Choreographie stets zweischneidig, sie nimmt bereits ein Element der späteren Fotografie vorweg in Zeiten, da sie sich „unschuldig“ wähnt. Sie spricht nämlich nicht nur von der Ewigkeit des Augenblicks, sondern auch von Kontrolle. Deshalb ist Choreographie eine Funktion von Macht, es ist Ausdruck mehrfacher Kontrolle über den Körper. Nur der kontrollierte Körper (das kontrollierte Bewegungsbild mithin) kann den Tod überwinden. Der Preis dafür ist ein Verzicht auf Autonomie.</p>
<p>„Choreographie“, wenn sie nicht Kunst (oder Sport bzw. Unterhaltung) ist, macht uns zu Recht Angst. Sind nicht militärische Übungen, ja Kriege (im Anfangsstadium immerhin) „Choreographien“? Choreographiert nicht der Herrscher die Beherrschten, oder aber der Verkäufer die Kunden? Folgen wir nicht einer Choreographie des Alltagslebens? Immer geht es um die Wiederholbarkeit der Bewegung, die Erzeugung des Bewegungsbildes, und es kommt vorwiegend auf den Blick an, in dem man sich wähnt, ob es sich bei Choreographie um Genuss oder Katastrophe handelt. (Oder um die Verwandlung des einen in das andere.)</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Film ist a) dokumentierte Choreographie oder b) Fortsetzung der Choreographie mit anderen Mitteln, in der Regel eine Mischung aus beidem. Der Körper in Film ist zweifellos unsterblich aber zugleich verdinglicht, abgetötet. Die Drohung allen Bewegungsbildes ist evident: Man kann sie „anhalten“. Der Choreograph setzt ein Stopp (vielleicht aber gibt es auch einen Sturz), der Film bietet einen „freeze frame“ (vielleicht aber reißt er auch einfach).</p>
<p>Neben der Fotografie war das Bewegungsbild das Element, was die bürgerliche Kunstauffassung am meisten in Frage stellte, und natürlich um so mehr der Film als Verbindung von beidem. (So musste er durch Sprache beruhigt werden.)</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Die Theorien, die zum Bewegungsbild entstanden, waren daher nicht zufällig von Dissidenz geprägt. Die technische Reproduzierbarkeit kam als drittes hinzu. Das Verrückte an der Dreieinheit von Bewegungsbild, Fotografie und technischer Reproduktion war, wie es ihr gelang, die „bürgerliche Kunst“ zu imitieren (sich in sie einzuschreiben, wie man so sagt).</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Bevor es schon damals die Kunst zerrissen hätte, durften Fotografie, Film, serielle Grafik, Plakat, Comics undsoweiter eben Kunst werden.</p>
<p>Vereinfacht gesagt einigte man sich schließlich darauf, dass es bei der Kunst nicht auf das Medium ankäme, und so folgen weitere Eingemeindungen, Video, Computergame, Netzkunst, und immer folgt auf eine bloße Funktion von Wiedergabe eine Autonomisierung, von einer Kunst, die durch das Internet verbreitet wird, gelangen wir zu einer Kunst, die das Internet selbst zum Thema hat, und von dieser zu einer autonom internetalen Kunst.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Immer aber verändert sich nicht bloß die von der bürgerlichen Kunst einst so eng und manisch gezogene Grenze zum Vergnügen und zur Sinnlichkeit, zum Karnevalesken und Unterhaltsamen, sondern auch die gesellschaftliche Position von Kunst.</p>
<p>Die Kunst als gesellschaftlicher Diskurs hat sich dabei ein gewaltiges Kohärenzproblem eingehandelt. Denn es geht dabei nicht allein um Pluralität – was könnte sich eine „pluralistische Gesellschaft“ (was ist eigentlich aus der geworden?) besseres vorgestellt haben als eine pluralistische Kunst? Es geht immer auch um Hegemonialisierung der offenen Märkte.</p>
<p>Die Fragen „Wie verkauft man Kunst?“ und „Was kann man mit Kunst verkaufen?“ ändern sich mit den Medien-Wechseln, auch wenn die „Spielregeln der Kunst“ die gleichen zu bleiben scheinen.</p>
<p>Wo aber führen Diskurswechsel in der Kunst zu einem Diskurswechsel der Kunst?</p>
<p>Die panische Angst der Kunst vor dem Reaktionären führt die Kunst dazu, sich dieser Frage nicht zu stellen. Diese Angst vor der Reaktion freilich ist hoch berechtigt.  Kunst kann überall hin, nur nicht zurück.</p>
<p>Die andere Angst der Kunst freilich ist die vor ihrer eigenen Auflösung. Das Bewegungsbild erscheint da wie eine Metapher: Es droht beständig damit, das Bildhafte des Bildes aufzulösen. Zugleich aber, die Verhältnisse sind nun einmal ein wenig kompliziert, ist das Bewegungsbild die einzige Möglichkeit, das Bild zu bewahren in einer entsprechend in Bewegungen geratenen Gesellschaft.</p>
<p>Die in Bewegungen geratene Gesellschaft ist das Gegenteil einer in Bewegung geratenen Gesellschaft. Auch dies kratzt am Kohärenz-Traum der Kunst. Wie wenn „Kunst“ nur noch ein zunehmen hohles oder manipuliertes Wort für eine Vielzahl von ästhetischen und semantischen Bewegungen wäre, die miteinander so viel zu tun haben wie (um Karl Valentin zu zitieren) irgend etwas anderes.</p>
<p>Es ist offensichtlich notwendig, Kunst als einen gesellschaftlich produzierten Mythos zu betrachten. Und dies möglicherweise um so mehr, als man beobachten kann, wie sich dieser Mythos immer mehr breitmacht zwischen der ästhetischen Produktion und dem Menschen, der ihrer bedarf.</p>
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		<title>SCHEISSFRIEDEN!</title>
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		<pubDate>Sun, 19 Feb 2012 10:17:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[„Der größte europäische Waffenhersteller BAE Systems bekommt die Kürzungen in den Rüstungsetats der Vereinigten Staaten und Großbritannien zu spüren. Im vergangenen Jahr schrumpften die Erlöse des britischen Konzerns um 14 Prozent auf 19,154 Milliarden Pfund (rund 23 Milliarden Euro). Der Nettogewinn sank um 10 Prozent auf 1,260 Milliarden Pfund. Für 2012 sei mit ‚kaum Umsatzwachstum’ [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Der größte europäische Waffenhersteller BAE Systems bekommt die Kürzungen in den Rüstungsetats der Vereinigten Staaten und Großbritannien zu spüren. Im vergangenen Jahr schrumpften die Erlöse des britischen Konzerns um 14 Prozent auf 19,154 Milliarden Pfund (rund 23 Milliarden Euro). Der Nettogewinn sank um 10 Prozent auf 1,260 Milliarden Pfund. Für 2012 sei mit ‚kaum Umsatzwachstum’ und einem ‚bescheidenen Zuwachs’ des operativen Gewinns zu rechnen“. (F.A.Z. 17. Februar)</p>
<p>Was sind das nur für Zeiten, wo ein ordentlicher Waffenhersteller nicht mal mehr ganz 1,52 Milliarden Euro Nettogewinne machen darf &#8211; also nicht viel mehr als den zehnfachen Betrag des Sozialhaushalts der Bundesrepublik Deutschland  (141.485 Mio €)?</p>
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