Archiv für die 'Semiotik'-Kategorie

Okt 06 2011

Anmerkungen über “Atmosphäre”

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Filmwissenschaft, Semiotik.

1: Vom Atmen der Bilder

Atmosphäre. Das ist eines jener merkwürdigen Worte mit mehrfacher Bedeutung, die erst in einem merkwürdigen Medium wie dem Kino wieder ein Ganzes meinen. Es spricht, ganz materiell, von jenem Raum um die Erde, in dem wir atmen können, ganz ideell von der Aura eines Raumes, und schließlich von der Stimmung eines Kommunikationsvorgangs. (Übrigens war früher die Atmosphäre eines Gespräches vielleicht angenehm, während heute eher die „Chemie“ zwischen zwei Politikern nicht stimmt, und auch im Kino bewerten wir gern die Chemie zwischen Stars, wenn es nicht gleich darum geht, ob es zwischen ihnen „knistert“: Physik!) Atmosphäre ist zugleich nicht sichtbar und eine Voraussetzung der Sichtbarkeit. Man kann sagen: Atmosphäre ist das Kino der Wirklichkeit.

Es ist das Unsichtbare, das durch das Sichtbare ausgedrückt wird. Die Einstellung der Kamera und ihre Bewegung auf Objekte, Architekturen, Landschaften und Personen, die uns auf der einen Seite in einer bestimmten Form vertraut sind, auf der anderen Seite uns auch etwas zu sagen haben (die also in dem Versuch gezeigt werden, ihre Fremdheit zu überwinden). Für die Kamera werden die Dinge arrangiert, um einerseits Informationen zu übermitteln, wobei Zeichen und Bezeichnetes beinahe identisch sein sollen. Weiterlesen »

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Aug 02 2011

Ikon & Hyperikon im Bild

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Denken, Gesellschaft, Semiotik.

Das Ikon ist das Zeichen, das durch Ähnlichkeit auf das Lebende (das „Original“) verweist. Ein Bild kann Ikon sein oder Ikone enthalten oder nicht.

Das Hyperikon ist das durch Ähnlichkeit erzeugte Zeichen des Bezeichnens (das Bild des Bildermachens). Es funktioniert also anders als das Indiz des Bezeichnens (die Gegenwart eines „Strichs“ oder eines „Farbauftrags“ in einem Bild, die sich nicht verbergen). Es „ähnelt“ dem Akt des Bildermachens.

Wenn zwei identische Farblithographien, sagen wir von Andy Warhol, nebeneinander hängen, ist so wenig zu sagen, welches Ikon und welches Hyperikon ist wie es nicht zu sagen ist, welches eine „echte“ und welches eine „geklonte“ Zelle ist. Noch schlimmer wird es, wenn Ikon und Hyperikon ineinander „flackern“. Weiterlesen »

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Jul 31 2011

Kleinigkeiten (9)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Denken, Gesellschaft, Medien, Semiotik.

„Ausnahmen bestätigen die Regel“ ist eine Regel, deren Ausnahmen ihrerseits keineswegs die Regel bestätigen können, sonst wären es ja keine Ausnahmen. Was folgt daraus?

Die Frage ist zunächst, was eine Regel ist. Beschreiben wir sie empirisch als schrittweise Verwandlung einer „regelmäßigen Wiederkehr“ („Gewohnheit“) in eine „Regelhaftigkeit“ (eine „Konvention“) in eine „Spielregel“ (Abseits, Tiefschlag verboten etc.) von wo aus wir weitere Transformationen in „Systeme“, „Sprachen“ und „Gesetze“ verfolgen können. Der unscharfe Begriff „Regel“ enthält also einerseits eine Geschichte der Verwandlung von Natur in Kultur (so wie zum Beispiel, durch Beobachtung von Regelhaftigkeiten „Naturgesetze“ werden, auf die man sich mehr oder weniger verlassen kann, weshalb es hier auch keine „Ausnahmen“ geben kann, sondern nur Anlässe, sie neu zu fassen), andererseits eine Verwandlung von Beobachtung in Ordnung, und dieser Ordnung in Zwang. Weiterlesen »

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Jul 06 2011

WARUM MAN BILDER ZUGLEICH SEHEN UND LESEN MUSS, UND WARUM DAS NICHT GANZ EINFACH IST

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Semiotik.

1.1
Ein BILD ist ein System von Zeichen, die allesamt in mehreren anderen Systemen „bedeuten“ (Politik, Moral, Religion, Ästhetik, Logik, Sexualität usw.). Das System des Bildes kann die Bedeutungen der anderen Systeme  entweder verstärken oder abschwächen. Die Systeme können sich „verstehen“, „kommentieren“, „negieren“ oder sogar „ignorieren“.

1.2
Jedes Element eines Bildes kann mehreren Systemen zugeordnet werden (Sexualität, Religion und Ästhetik in einem „Madonnen“-Bild) und deren Widersprüche mythisch aufheben, aneinander spiegeln oder hinter einander verbergen. Das Bild muss davon nichts wissen (es hatte ja über alledem auch noch ein „reales“ „Modell“).

1.3
Das Bild „bedeutet“ weder eine Summe noch eine Gleichung seiner Elemente. Ein Bild also ist keine Ansammlung, sondern ein System von Systemen von Zeichen, Weiterlesen »

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Mai 04 2011

Weitere Bemerkungen über das Schöne

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Kultur, Kunst, Semiotik.

Schönheit entsteht aus einer Diskrepanz zwischen Aufwand und Wirkung. Daher mögen wir die „anstrengungslose“ Schönheit ebenso bewundern wie die „überanstrengte“. Anstrengungslos, also mit einem Minimum von Aufwand erzeugte Schönheit erscheint uns als die „natürliche“ (und in der „Natur“ kommt schließlich selbst eine mögliche Absichtslosigkeit hinzu). Die angestrengte Schönheit dagegen ist ein Werk der Kultur und wird gern auch als „Kunst“ bezeichnet.

Da wir der Natur gerne eine umfassende Vernunft unterstellen (weiß der Teufel warum) sind wir der Meinung, Schönheit könne nur im Blick des Menschen (der nicht vollständig Natur sei) entstehen, während sie innerhalb der Natur nichts anderes als nützlich (bei der Fortpflanzung und ihren Wahlmechanismen zum Beispiel) sei: „Schöne“ Blumen, sollen Bienen anlocken, die Schönheit des Pfauenrades oder des Hirschgeweihs die jeweiligen „Weibchen“ beeindrucken. Weiterlesen »

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Aug 04 2010

Der Körper und die Komödie (1)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Filmwissenschaft, Semiotik.

„Der Mensch“, so schrieb Georg Lucacs 1913 über das Kino, „hat seine Seele verloren, aber dafür den Körper gewonnen.” Aber natürlich war der Körper schon damals ein verteufelt widersprüchliches Empfinden; sehr einfach konnte man unterscheiden zwischen seinem Funktionieren von Arbeit und Lust, von der materiellen Nützlichkeit und der moralischen Verworfenheit, die in den Körperbildern auch des Kinos so schwer sich nur aufheben ließen.

Ein einfaches Modell besagt, die „proletarische“ Abbildung des Körpers im Kino zeige den Stolz darauf, was der Körper kann, während die „bürgerliche“ Abbildung des Körpers im Kino zeige, was der Körper will. Nicht erst seit es weder Proletariat noch Bürgertum mehr gibt ist klar, dass es nicht so einfach ist, dennoch sind „Können“ und „Wollen“ geeignete Koordinaten, um die Beziehung zwischen Körper und Welt im Bewegungsbild zu beschreiben: Impuls, Aktion, Reaktion, Ruhe. Wie aber „erstarrt“ der Körper im Bewegungsbild, wenn nicht zum Ding und Fetisch (zum Untoten)?

Immerhin: Der Körper scheint auch in den Kino-Geschichten aus 1001 einer Projektionsnacht Ausdruck der revoltierenden Macht; Kino-Geschichten handeln vom Aufstand des Körpers gegen die Ordnung, halbnackte Piraten im Kampf gegen Gouverneure, overdressed gewöhnlich, und was kann die jeweils nächste Generation gegen Unterdrückung durch die vorherige anderes einsetzen als den Körper? Weiterlesen »

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Jul 29 2009

SCHÖNHEIT UND REVOLTE

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft, Semiotik.

Das Schöne ist in der Welt der Zeichen das, was „Charisma“ in der Welt der Menschen und ihrer Beziehungen ist: Eine Möglichkeit, aus eigener Kraft die Macht der Regeln, der Unterdrückungen, der Ordnungen, der Bürokratien, der Konventionen, der kleinen und großen Unterschiede, der Bildung, der Sprache und so weiter zu überwinden. Die Faszination, die vom Schönen ausgeht, ist stärker als die Macht der etablierten Herrschaft, die sich ausdrückt in einer Ordnung der Zeichen. Weiterlesen »

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Jul 25 2009

WEITERE NOTIZEN ZUR ABSCHAFFUNG DES DENKENS

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft, Semiotik.

Die bürgerliche Kultur zu retten, ist es vermutlich zu spät

Das Grauen gegenüber den stets neuen Geschmacklosigkeiten und Debilitäten der populären Kultur im Allgemeinen und des vergehenden Leitmediums Fernsehen im Besonderen ist vor allem die andere Seite des Grauens gegenüber dem Verschwinden der bürgerlichen Kultur. Diese wiederum besteht aus nichts anderem als aus Differenzierung: Sie ist entfernt vom Kindischen, Regressiven, Sexuellen, Rohen, Gewalttätigen, Dummen, sie ist, mit einem Wort, vom Körperlichen entfernt. Aber sie differenziert sich nur auf der Ebene der Codes, auf einer tieferen Schicht der ästhetisch-politischen Praxis schließt sie sie nicht aus, sondern umschließt sie auch. Das Lustige und Spannende an der „bürgerlichen Kultur“ ist es, dass genau das, was sie sich äußerlich vom Leibe hält, in ihrem Inneren immer wieder aufbricht. Weshalb sie sich ja auch, ganz zu Recht, selber nicht geheuer ist. Weiterlesen »

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Jul 14 2009

DIE SCHÖNE SORGE: NOTIZEN ZUR FILMKRITIK

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Filmkritik, Filmwissenschaft, Semiotik.

„Einige wollten den Roman als eine Art kinematographisches défilé der Dinge. Diese Vorstellung war absurd“. So schrieb Marcel Proust. Einige andere aber wollten das Kino als eine Art romanesken Reigen der Dinge. Diese Vorstellung war genau so absurd.

Sherlock Holmes und das Denkverbot: Man kam überein, das Richtige nur dadurch zu erhalten, dass das Falsche ausgeschlossen wurde. Schritt für Schritt werden alle Alternativen beiseite gelegt, und was am Ende übrig bleibt, das wäre, nun ja, die Wahrheit. Die Welt ist das sorgsam geschiedene Material, das erschöpfend behandelt wird. So wurde die Sherlock-Holmes-Wissenschaft zum Todfeind intellektueller Offenheit: Die Widersprüche sind nicht nur zwischen den Dingen, sondern in den Dingen zu beschreiben. Weiterlesen »

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