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	<title>Das Schönste an Deutschland ist die Autobahn &#187; Politik</title>
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	<description>Das Georg-Seeßlen-Blog</description>
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		<title>Kleinigkeiten (2)</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Jul 2010 17:13:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Denken]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Wenn man sagt: Der Sinn des Lebens ist das Leben (und fast alle nicken bedächtig und verständig mit dem Kopf), so macht man sich den Abgrund nicht recht klar zwischen dem Satz: &#8220;Selbstverständlich lebe ich.&#8221; und der Frage: &#8220;Wie verständlich lebe ich?&#8221; (Für mich und für die anderen.) Mehr als selbstverständlich, und zugleich weniger, nämlich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn man sagt: Der Sinn des Lebens ist das Leben (und fast alle nicken bedächtig und verständig mit dem Kopf), so macht man sich den Abgrund nicht recht klar zwischen dem Satz: &#8220;Selbstverständlich lebe ich.&#8221; und der Frage: &#8220;Wie verständlich lebe ich?&#8221; (Für mich und für die anderen.) Mehr als selbstverständlich, und zugleich weniger, nämlich verständlich zu leben, dürfte einem alten Griechen, auch wenn er nicht allzu großen philosophischen Ehrgeiz besaß, als erstrebenswert erschienen sein. Vor dem Anspruch verständlich zu leben flüchten wir Heutigen uns lieber, wenn auch in die unterschiedlichsten Richtungen.</p>
<p>Was uns auf die schmerzhafte Frage bringt: Warum eigentlich waren diese alten Griechen so klug? Und warum sind wir so hemmungslos blöde?<span id="more-733"></span><!--more--></p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>Als Angela Merkel eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand sie sich in ihrem Bett zu einer ungeheuren Birne verwandelt.</p>
<p>Die Birne als politische Metapher entstammt einerseits einer gewissen Kopfform von Herrschern, etwa der des französischen „Bürgerkönig“, der übrigens sowohl den verbliebenen Adel als auch etwas geistreichere Bürger in das trieb, was damals zum ersten Mal so genannt wurde, nämlich eine „innere Emigration“, oder der des deutschen Kanzlers vor dem Agenda-G. Schröder. Sie bezeichnet aber allgemeiner brisanter „viel Bauch und wenig Hirn“. Auch bei Helmuth Kohl ging es nicht bloß um eine Kopfform, es war viel mehr gewiss: Dieser Mensch denkt <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Birnenförmig" target="_blank">birnenförmig</a>. Wenn er es denn tut.</p>
<p>Angela Merkel sieht nicht aus wie eine Birne. Dazu ist sie zu sehr protestantische Pastorentochter, von der wir nach Max Weber annehmen dürfen, dass sie den Kapitalismus nicht so sehr genießt als ihn als einzige Form der Bewegung in einer leeren (vor allem sinn- und erleuchtungslosen) Welt akzeptiert. Sie ist gewissermaßen ein Birne ohne Bauch. Es mag durchaus schwierig sein, birnenförmig zu denken, aber keine Birne werden zu dürfen.</p>
<p>Vielleicht müssen wir uns die Sache daher einmal genau anders herum vorstellen:</p>
<p>Als die Birne eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand sie sich vom Baum geschüttelt und zu einer ungeheuren Angela Merkel verwandelt.</p>
<p>Wie traurig das Leben doch manchmal ist.</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>Wo wird sie hinführen, die Diktatur der Fiesen und der Blöden? Die Leute glauben, man muss nur unverschämt und doof genug sein, dann kommt man ins Fernsehen, und dann kommt die BILD-Zeitung und schon hat man sein Glück gemacht. Sie bemühen sich unentwegt zu beweisen, dass sie die Macht haben, über jegliche Form von Bildung, Intelligenz und Skepsis zu triumphieren: Das Internet gibt der Diktatur der Fiesen und der Blöden (es sind ja auch die Feigen allemal) das richtige Instrument: Das versteh ich nicht!, blöken sie jedem halbwegs interessanten Text hinterher, das ist mir zu hoch, das ist intellektuelle Scheiße, Fremdwörter-Onanie, Besserwisserei, Spekulation: Wir „normalen“ Leute, wir wollen mit „schwierigen Texten“ nichts anfangen. Und wir dürfen die Intellektuellen hassen und beschimpfen, BILD und Fernsehen machen es ja vor.</p>
<p>Und dann? Wir sehen uns vor den Jobcentern und den Gratisläden wieder. Wir sehen die Ackermänner, die das Wissen und die Klugheit eingekauft haben und jene, denen BILD, Werbung und Fernsehen die Grenzen ihrer Welt sind, die sich nicht mehr wehren, höchstens ein paar Sündenböcke suchen (und schnell folgen die Blöden den Fiesen, zu den Nazis, wenn es sich eben so ergibt). Die Diktatur der Fiesen und der Blöden läuft zuallererst auf die soziale Vernichtung der Blöden (das heißt jener, die es für klug halten, den Blöden zu spielen) hinaus. Eine winzige Schicht der Eliten entsteht, die nun ihrerseits in eine innere Emigration geht; nicht vor birnenförmigen Herrschern, sondern vor einer Mehrheit, die sich Blödheit als Religion und Ideologie gleichermaßen hält. Und wer gewinnt am Ende? Sollte verschmähte Intelligenz nicht die Wärme der Herrschaft suchen?</p>
<p>Die Großeltern der militanten Blödheitsverbreiter trafen sich, oft nach mehr als einem verdammten Acht-Stunden-Tag, um Texte zu lesen, die heute manchem Studenten Schwierigkeiten bereiten. Sie wussten, dass sie Wissen brauchten, wenn sie die Verhältnisse verändern wollten; für jedes bisschen Recht und Würde brauchten sie neben der Tapferkeit und dem Fleiß das Wissen. Sich Blöd-Stellen und darauf gar noch stolz sein, mag schnelle Befriedigung geben, aber morgen kann man sich den Breitbildschirmfernseher nicht mehr leisten, und übermorgen keine frischen Vitamine mehr. Die Verhältnisse ändern sich nicht, wenn die, die sie verändern könnten und müssten, zu blöd geworden sind, um sie überhaupt noch zu begreifen. Anti-Intellektualismus und die militanten Feiern der Blödheit sind die besten Waffen gegen den politische Widerstand.</p>
<p>Die Religion der militanten Blödheit hat das Kanonenfutter für den Neoliberalismus geschaffen.</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>Gegen die Dummheit, heißt es, kämpfen selbst die Götter vergeblich. Aber welche Götter haben das eigentlich je versucht? Unsere nicht, so viel ist sicher.</p>
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		<title>Marktwirtschaft für Afghanistan!</title>
		<link>http://www.seesslen-blog.de/2010/07/27/marktwirtschaft-fur-afghanistan/</link>
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		<pubDate>Tue, 27 Jul 2010 15:40:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Der, nun ja, FDP-Haushaltspolitiker Koppelin erkannte angesichts der Lage in Afghanistan, die nun auch noch leckt, butterflymesserscharf: „Wir haben zu viel Planwirtschaft in der Bundeswehr“. Endlich begehrt mal jemand gegen diese verborgene Form des geistigen Sozialismus bei unserer Verteidigung der Freiheit am Hindukusch auf! Auch für den Krieg muss nämlich gelten: Das regelt der Markt! [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der, nun ja, FDP-Haushaltspolitiker Koppelin erkannte angesichts der Lage in Afghanistan, die nun auch noch leckt, butterflymesserscharf: „Wir haben zu viel Planwirtschaft in der Bundeswehr“. Endlich begehrt mal jemand gegen diese verborgene Form des geistigen Sozialismus bei unserer Verteidigung der Freiheit am Hindukusch auf! Auch für den Krieg muss nämlich gelten: Das regelt der Markt! Was verballert wird, schafft Nachfrage. Das Schlachtfeld ist auch nur ein Markplatz, wenn auch ein etwas riskanter Bereich. Es gilt den Markt zu pflegen, wenn es sein muss, mit kleinen Waffen-Geschenken. Ein Bonus-System muss her für wirtschaftlich geführte Massaker. Wenn der Krieg schon eine PR-Veranstaltung der Rüstungsindustrie ist, dann sollen auch die richtigen Leute daran verdienen, unsere neoliberalen Herzchen zuerst. Und sozial ist, was Profit, quatsch, was Arbeit schafft. Schafft also ein, zwei viele Afghanistan, macht das Militär marktfähig (hey, vielleicht gehen wir demnächst damit an die Börse!) und lasst endlich, nun ja, FDP-Haushaltspolitiker den Wehr-Etat verteilen!</p>
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		<title>Ist es reaktionär, komisch zu sein?</title>
		<link>http://www.seesslen-blog.de/2010/06/08/ist-es-reaktionar-komisch-zu-sein/</link>
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		<pubDate>Tue, 08 Jun 2010 06:20:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Komische, na klar, hat einerseits einen unbezweifelbar therapeutischen Zweck (wer sich krank lacht, will sich in Wahrheit gesund lachen); es hilft dem Unterdrückten (was Sexualität, Politik, Religion, Mamma und den Polizisten anbelangt) zum hinterrücksen Ausdruck. Aber genau da haben wir es schon. Die komische Umgehung der Zensur ist immer auch ihre Bestätigung.
Unsere mediale Lachkultur [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Komische, na klar, hat einerseits einen unbezweifelbar therapeutischen Zweck (wer sich krank lacht, will sich in Wahrheit gesund lachen); es hilft dem Unterdrückten (was Sexualität, Politik, Religion, Mamma und den Polizisten anbelangt) zum hinterrücksen Ausdruck. Aber genau da haben wir es schon. Die komische Umgehung der Zensur ist immer auch ihre Bestätigung.</p>
<p>Unsere mediale Lachkultur freilich (und sie geht einer nicht unerheblichen Anzahl von Menschen zunehmend auf die Nerven) leidet erst einmal unter einem sehr erheblichen Mangel an Zensur. Das widerspricht dem ollen Sigmund Freud doch fundamental, der behauptet hat, auch diesbezüglich sei das Komische vor allem eine Antwort auf die Repression. Nun sehen wir, dass in einer Gesellschaft, in der was Sexualität, das Bild und den Text dazu, anbelangt, eigentlich beinahe nichts verboten ist, alle Welt in Zoten, Obszönitäten und lustspielhaften Umkreisungen der Geschmacklosigkeit schwelgt.<span id="more-698"></span> Erinnern wir uns an Freud, der behauptete, die Zote sei ein sexuelles Gespräch mit einem abwesenden Gegenüber (das war zu seiner Zeit in der Regel so, dass Männer Zoten erzählten, während Frauen woanders waren). Ebenso, nehmen wir an, funktionierten, zweischneidig, die entsprechenden Zoten um Homosexualität: Man spricht nicht nur mit dem Abwesenden, man spricht auch die Abwesenheit. Anwesenheit und Abwesenheit in unserer Gesellschaft sind freilich nicht mehr durch geschlossene Türen in der Wohnung der Bel Etage zu definieren.</p>
<p>Und ähnlich wie mit der Sexualität geht es mit der Politik. Wenn man „politische Satire“ betreibt, dann spricht man mit dem abwesenden Herrscher und zugleich spricht man die Abwesenheit des Herrschers aus. Die ambivalente Form dieses Witzes funktioniert nur, wenn ein Schutzmann oder ein Vertreter von Horch &amp; Guck um die Ecke lauert. Zwanghafte Witzigkeit oder die Politik in einer einzigen Vorstellbarkeit, nämlich als Satire, spricht etwas anderes. Man versichert sich wechselseitig des Unernstes in der Entzweiung.</p>
<p>Natürlich lacht auch der Herrscher, und er lacht vor allem über die Dummheit des beherrschten Volkes. So bleibt auch die erste Aufforderung an uns, und zwar die, über uns selber lachen zu können, zweischneidig. Einerseits macht es uns im Umgang mit den anderen sympathischer; man kann einfach besser umgehen mit Leuten, die sich nicht so tierisch ernst nehmen (wir unterstellen, übrigens durchaus nicht immer gerechtfertigt, dass solche Personen sich nicht über die anderen erhöhen, ihre Ziele nicht mit „blutiger“ Konsequenz verfolgen würden). Andrerseits versetzt uns der Lachzwang aber auch in die gespenstische Position, mit dem Ausgelacht-werden einverstanden zu sein. Im endlosen Gelächter der medialen Spaßkultur lachen uns die Verhältnisse aus. Und die Kollegen, diese Schweine, lachen mit.</p>
<p>Die Satire bezeichnet, eher paradox, eine Situation, die dringend geändert werden müsste (Heuchelei, Korruption, Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Bürokratie, Despotismus etc.), und zugleich bezeichnet sie, da man diese und keine andere Form der Darstellung benutzt, auch ihre Unveränderbarkeit. Erst im Hingenommenen werden Machtverhältnisse zum Witz, so wie sie im Witz zu Hingenommenem werden.</p>
<p>Als in den sechziger Jahren für die demokratischen Politiker Pflicht wurde, etwa zu den Vorstellungen der Münchner Lach- und Schießgesellschaft zu erscheinen, um sich dort – „gute Miene zum bösen Spiel“ &#8211; ein paar verbale Ohrfeigen einzufangen, sah man dem Pflicht-Lachen der Politikerinnen, Wirtschaftsbossen und, nun ja, Kulturschaffenden noch ein wenig von den Schmerzen an, die das bereitete. Mittlerweile ist diese rituelle Form der Anwesenheit jenes Abwesenden, dem die satirische Zote gilt, populistischer Alltag (auch wenn er gelegentlich durch Spielverderber der Art von Guido Westerwelle durchbrochen ist: der Mann ist sich selber Witz genug). Die lachende Peinigung als Spiel des öffentlichen (Hin-) Richtens ist nun Alltag geworden. Und solche Karnevalisierung hat die Politik offensichtlich in den letzten Jahren nicht daran gehindert, schlimmeres zu betreiben als die Satiriker ausdenken konnten. Mit anderen Worten: Nicht nur der Gehalt an Aufklärung sondern auch der an kritischer Erziehung ist höchst zweifelhaft. (Wahrscheinlich erkennen die Politiker in der medialen Spaßkultur, dass das Volk es ohnehin nicht ernst meint, und noch weniger, wenn man ihm Grund zur guten Laune gibt.)</p>
<p>Und doch wieder: Sollte uns das Lachen vergehen, so gefährdeten wir nicht nur die Herrschaft, sondern auch uns selbst. Denn natürlich ist das politische Witzemachen auch ein Archiv und eine Sprache unseres Wissens von der Herrschaft. Dampf ablassen (um dann weiter zu funktionieren) ist das eine, das andere ist es, zu sagen, was längst in den „ernsthaften“ Kanälen der Information und der Kritik nicht mehr gesagt werden kann. Nicht weil es ein despotischer Herrscher verböte (dem wir dann mit einer Verfeinerung der satirischen Mittel begegnen könnten), sondern weil die Spaßkultur ein lukrativer Markt ist.</p>
<p>In der Satire wird die Welt indes unbeschreiblich (dumm). Und im Gelächter erklären wir uns einverstanden mit Verhältnissen, die man nicht einmal ernsthaft darstellen kann. Unseren aufklärerischen Vorfahren war die Satire immer ein Mittel unter vielen, uns Heutigen scheint sie dagegen das Endlager aller vergeblichen Hoffnungen und kritischer Energie. Dabei ist die Illusion, in der Satire wenigstens hätten wir eine Teilhabe, die wir im demokratischen Prozedere längst nicht mehr real haben, so oft vor unseren Augen zerplatzt, und die Macht, die wir, nach Brechts Worten, in der Karikatur „zur Kenntlichkeit entstellen“ könnten, beweglicher als unser Witz. Das ist eine der Metapointen unserer Spaßkultur: Das Kabarett, das alles darf und nur wenig fürchten müsste, hinkt der politischen und ökonomischen Wirklichkeit hoffnungslos hinterher.</p>
<p>Unter anderem, weil die Damen und Herren Kabarettisten auf die Lacher aus dem Publikum warten müssen. Man will ja nicht arrogant, elitär oder insiderisch sein, nicht wahr. Deswegen sehen wir Kabarettisten derzeit bei ihrer zähen Arbeit zu, das Publikum aus der Mitte „abzuholen“. Selbst die kritischsten unter ihnen, so viele gibt es da nicht mehr, bedienen und füttern es, bis sie selber nicht mehr wissen, ob das Bedienen und Füttern (für ein Lachen, das sie selber, wir sehen es ihnen gelegentlich an, als Ausdruck bösen und falschen Bewusstseins erkennen müssen) nicht zum Hauptzweck geworden ist. Nicht mehr über die kenntlich gemachte Herrschaft und nicht mehr „über sich selbst“ lacht dieses Publikum dann, sondern über alle, die vermeintlich noch ärmer dran, noch blöder gemacht, noch hilf- und geschmackloser sind.</p>
<p>Der Satire entzieht sich also nicht nur das Objekt, geschmeidig wie postdemokratisch-neoliberale Herrschaft nun mal ist, auch das Subjekt, der empörte oder skeptische Bürger, scheint zu verschwinden. Das Werk aber ist getan: Zwischen der Herrschaft und den Beherrschten, so unscharf ihre Trennung sein mag, jedenfalls wenn man keinen Einblick in Bankkonten hat, ist ein medialer „Freiraum“ der schieren Beliebigkeit entstanden, in den der Bürger zwecks Amüsemang und der Herrscher zwecks Beliebtheit gehen kann. Dieser Freiraum schafft Illusionen von Partizipation und Freiheit unter der Voraussetzung, dass sie außerhalb nicht eingefordert werden. Satire darf dies und jenes (<em>alles</em> ganz bestimmt nicht), aber sie darf ihren medial, politisch und ökonomisch geformten Raum nicht verlassen. So ist sie, wie die Zote in der neuen sexuellen Ökonomie, die auf eine Vulgarisierung der sozialen Beziehungen hinausläuft (um ihnen die politischen Impulse zu nehmen, unter anderem, um sich als voyeuristisches Objekt dem medialen Zugriff zu unterwerfen: Big Brother, das sind die anderen, die darauf warten, dass du die genau richtige Version von Obszönität ablieferst), ist auch die politische Satire zum Instrument der Mikrophysik der Macht geworden. Jetzt lachen wir uns wirklich krank.</p>
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		<title>Kritik &amp; Zukunft</title>
		<link>http://www.seesslen-blog.de/2010/05/25/kritik-zukunft/</link>
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		<pubDate>Tue, 25 May 2010 15:10:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Denken]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Die offene Kritik
Wenn man die Dinge kritisiert, wie sie sind, müsste man es im Namen einer besseren Möglichkeit oder gar im Namen der offenen Zukunft machen. Was aber, wenn es keine Zukunft gibt? (Und unendlich viele Möglichkeiten, die sich nicht als „richtig“ und „falsch“ ausweisen können.)
No Future – nicht in der Form, dass es kein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die offene Kritik</strong></p>
<p>Wenn man die Dinge kritisiert, wie sie sind, müsste man es im Namen einer besseren Möglichkeit oder gar im Namen der offenen Zukunft machen. Was aber, wenn es keine Zukunft gibt? (Und unendlich viele Möglichkeiten, die sich nicht als „richtig“ und „falsch“ ausweisen können.)</p>
<p>No Future – nicht in der Form, dass es kein Morgen gibt. Keine Entwicklung mehr, keine Geschichte. Sondern in der Form, dass es keine lineare Entwicklung, kein Projekt, in Wahrheit nicht einmal eine Hoffnung gibt. (Auf diesen Teil der philosophischen Grundfragen, „Was darf ich hoffen?“, fällt uns derzeit nicht wirklich etwas ein.)<span id="more-695"></span></p>
<p>Andere Frage: Das System bestehe aus Elementen, Positionen, Beziehungen und Dimensionen. Das kritische Element in einem System erzeugt eine kritische Beziehung. Wird sie das System verändern, stabilisieren, zerstören oder immunisieren? Joseph Schumpeter glaubte, der Kapitalismus würde durch ein Übermaß von selbst produzierten kritischen Elementen zum Einsturz gebracht. Offensichtlich ist das Gegenteil eingetreten: Kritik ist so weit verschwunden, dass das System selber darunter zu leiden beginnt. Der Kapitalismus ohne Kritik verliert eine Dimension. (Aber welcher Kritiker möchte schon so eindeutig dem System dienen, das er kritisiert? Kritisier mich! Schreit der masochistische Kapitalismus zur Zeit der Krise. Nein! Sagt der sadistische Kritiker.)</p>
<p>Ohne Zukunft erscheint bemerkenswerterweise alle Kritik als reaktionär. Muss, wer nicht im Namen der Zukunft spricht, in dem der Vergangenheit sprechen (und erntet die Häme: „Ja, ja, früher war alles besser!“) oder zustimmend murmeln in einem endlos „praktischen“ Heute? Hier könnte man das System noch ein wenig besser machen, dort droht es ein wenig die Dimensionen zu verlieren. (So verlangt die Kritik des Kapitalismus derzeit ein wenig Keynes zurück. Nun ja.)</p>
<p>Präsens-Kritik besteht aus Vorschlägen zum Weitermachen; we can handle it. Sie ist ein Eingriff in die Symptome. Radikale Kritik nennt die Krankheit. Allerdings ist sie sich ihrer Diagnose nicht sicher. (Und mit der Therapie ist das sowieso so eine Sache.) So wird sich der Arzt selber zum Thema. Man muss sehr aufrichtig sein, um außerhalb des Gesetzes zu leben. Sagt Bob Dylan. Man muss sehr systematisch denken um außerhalb des Systems zu denken.</p>
<p>Zweifellos gibt es auch eine Kritik ins Offene hinein (die bessere Art, ohnehin, damit wir Kritik nicht als Maske des Besserwissens missverstehen); aber ins Leere?</p>
<p>Es ist leicht, beim Kritisieren zynisch zu werden. Aber noch viel leichter ist es, jeder Art der Kritik ins Offene hinein Zynismus zu unterstellen.</p>
<p>Man müsste wohl eine Position der „offenen Kritik“ – in Analogie zu Umberto Ecos „offenem Kunstwerk“ – bestimmen, eine Kritik der „veränderlichen Lektüren“, die gleichwohl alles Mögliche nur nicht beliebig und belanglos wäre: „Vielheit und Gleichwertigkeit der Beschreibungen der Welt“ (Eco).</p>
<p>Offene Kritik kann sich selbst mit-kritisieren, ohne in sich selbst zu verschwinden. Sie bleibt der unterschiedlichen Lektüre offen, indem sie zwischen Elementen, Beziehungen und Positionen ihres Gegenstandes zu unterscheiden weiß. Und offene Kritik beschreibt sehr genau die eigenen Beziehungen und Positionen, mag man sich innerhalb oder außerhalb des Systems (eines Kunstwerks, eines Herrschaftssystems) befinden.</p>
<p>Daher kann die offene Kritik „unmögliche“ Positionen einnehmen (das heißt: ihre erste Frage ist nicht die nach der Nützlichkeit, nicht die nach der Machbarkeit sondern die nach der Vorstellbarkeit).</p>
<p>Die Kritik der Phantasien setzt selber Phantasie frei.</p>
<p>Offene Kritik kann nur funktionieren, insofern sie Macht ausschließt. (Jede Form von Macht ist Gegenstand der Kritik. Auch die eigene.)</p>
<p>Umgekehrt hat die offene Kritik wenig prinzipielle Probleme mit einer Verschwesterung mit einem Gegenstand: Das Kunstwerk ist nicht nur Gegenstand der Kritik, sondern auch Verbündeter bei der Kritik der Welt.</p>
<p>Kritik der Welt? Ja, auch die offene Kritik, wenngleich sie ehrlich genug ist, sich weder auf eine verpflichtende Vergangenheit noch auf eine projizierte Zukunft zu berufen, will, dass es nicht so bleibt, wie es ist.</p>
<p>Der tückischste Gegner der offenen Kritik ist die Mode. Hat sich nicht ein Begriff, mag er noch so präzis sein, hoffnungslos „verbraucht“; ist nicht eine Denkmethode, brauchbar meinethalben, zu „altmodisch“ geworden, um noch zu wirken? Kritik auf dem Meinungsmarkt muss immer in der jeweils hippen Sprache vorgetragen werden. Oder?</p>
<p>Der Mode misstrauen ohne zu erstarren!</p>
<p>Der eigenen Zeit auf Augenhöhe begegnen (das heißt auch: Sich nichts von ihr gefallen lassen!).</p>
<p>Aber welches Medium könnte die offene Kritik denn noch benutzen? Das Feuilleton zerbröselt; das Internet ertränkt jeden Gedanken, den es zulässt, in der schieren Menge der verschleuderten Blödheiten; die Subversion ist ein Werbe-Gag.</p>
<p>Bis zu einem gewissen Grad muss sich daher die offene Kritik selber medial herstellen. Um es mit einem altmodischen Wort zu sagen: nomadisch. Oder auch: archipelagisch.</p>
<p>Da sie es schwerer hat, nimmt sie es leichter.</p>
<p>Denn der offenen Kritik braucht man gar nicht erst mit ihrer „Wirksamkeit“ kommen. Solche Wirksamkeit wäre Teil des kritisierten Systems.</p>
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		<title>Was die &#8220;Rettung von Griechenland&#8221; anbelangt&#8230;</title>
		<link>http://www.seesslen-blog.de/2010/05/05/was-die-rettung-von-griechenland-anbelangt/</link>
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		<pubDate>Wed, 05 May 2010 18:36:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Komplexreduzierung daily
Was die „Rettung von Griechenland“ anbelangt, bescheißt uns die Regierung gerade wieder nach Strich und Faden; selbst der F.A.Z. fällt auf, dass eine Politik, die ausschließlich im Interesse der Banken funktioniert, gleichsam automatisch eine Politik gegen das eigene Volk sein muss (man sagt es nur nicht so). Und die BILD-Zeitung formuliert das diesbezügliche Unbehagen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Komplexreduzierung daily</strong></p>
<p>Was die „Rettung von Griechenland“ anbelangt, bescheißt uns die Regierung gerade wieder nach Strich und Faden; selbst der F.A.Z. fällt auf, dass eine Politik, die ausschließlich im Interesse der Banken funktioniert, gleichsam automatisch eine Politik gegen das eigene Volk sein muss (man sagt es nur nicht so). Und die BILD-Zeitung formuliert das diesbezügliche Unbehagen nach dem Muster seltsam rassistisch anmutender Kampagnen um (als müsste um jeden Preis der Welt verhindert werden, dass die Beschissenen dieser Erde sich solidarisieren).</p>
<p>Die Art, wie demokratische Regierungen die Bevölkerung bescheißen, funktioniert am Ende in der Regel immer, denn sie bedienen sich dabei der Medien, die sie perfekt zu bedienen gelernt haben (wenn auch mal, wie man so sagt, über die Bande). Politiker, die es lernen, mit Medien umzugehen, verlernen zuerst, mit echten Menschen umzugehen, und dann verlieren sie die Fähigkeit, überhaupt noch mit der Wirklichkeit umzugehen. Außer natürlich mit der Wirklichkeit des Kapitals.</p>
<p>Bei jeder solchen Krise, so scheint es, kann auch die demokratische oder eben postdemokratische Herrschaft nachher genau so weiter machen wie bisher. Aber jedes Mal erzeugt sie eine nächste Gruppe von Menschen, die nicht mehr mitmachen, die das alles nichts mehr angeht, die leer gewordene Rituale der Demokratie nicht mehr füllen wollen.</p>
<p>Die Geschichte der Demokratie ist dann zu Ende, wenn die Anzahl jener, die nicht mehr mitmachen, mehr oder weniger identisch mit der Anzahl der Wahlberechtigten in einer Gesellschaft ist (abzüglich von Mafia- und Parteimitgliedern). Lang kann das nicht mehr dauern. Dann muss eine demokratische Regierung wohl tatsächlich Brechts Vorschlag befolgen, das Volk auflösen und sich ein neues wählen. Naja, wenn es noch eines gibt jedenfalls.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Der Idiot der Familie (4)</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Mar 2010 16:24:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Versuch über negative Karnevalisierung der Politik
In Wahrheit ist Guido Westerwelle wohl die Wiederkehr von Möllemann in anderer Form. ER hat wohl versucht, mit der karnevalisierten Politik ernst zu machen. Haider hatte Erfolg, Berlusconi hat Erfolg, Dressmänner haben Erfolg, wie viel Erfolg muss ein teutonischer Haider-Berlusconi haben (auch wenn er, two dressmen dressing, gegen seinen Konkurrenten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Versuch über negative Karnevalisierung der Politik</strong></p>
<p>In Wahrheit ist Guido Westerwelle wohl die Wiederkehr von Möllemann in anderer Form. ER hat wohl versucht, mit der karnevalisierten Politik ernst zu machen. Haider hatte Erfolg, Berlusconi hat Erfolg, Dressmänner haben Erfolg, wie viel Erfolg muss ein teutonischer Haider-Berlusconi haben (auch wenn er, two dressmen dressing, gegen seinen Konkurrenten zu Guttenberg als Dressman keine echte Chance hat). Die Karnevalisierung der Politik ist deswegen „nötig“, weil die notwendige Klientel (diejenigen Menschen, die eine FDP nicht aus „Überzeugung“ sondern aus Interesse wählen) und die notwendige Stimmenzahl nicht übereinstimmen.<span id="more-609"></span> Eine Partei wie die FDP (oder auch jede Partei in der Postdemokratie) muss also eine erhebliche Anzahl von Menschen dazu bringen, ihre Stimme für sie abzugeben, auch wenn das gegen das eigene Interesse verstößt. Eine „Spaßpartei“ war dafür das angemessene Instrument: Zugleich mit der Klientel-Politik konnte man ein Reservoir der Trash-Politik abfischen. Möllemann arbeitete unter dem Deckmantel der Karnevalisierung an der Faschisierung seiner Partei (und so was hat Tradition in Deutschland, wo die Nazis den Karneval vereinnahmten und die Karnevalisten später dem jubelnden Volk karnevalisierte Formen von Einmärschen, rassistischen Scherzen, deutschen Grüßen und betrunkenen Reichsparteitagen servierten). Möllemann und Westerwelle waren für geraume Zeit zugleich einzig mögliche Verbündete und Kerle, die nur darauf warteten, sich gegenseitig den (politischen) Dolch in den Rücken zu stoßen. Aber sie waren zwei Erscheinungsformen des „neuen Politiker-Typus“: Menschen, die in ihrem ganzen Leben nichts anderes kennen lernten und taten als interne und externe Machtkämpfe, und das mit allen Mitteln. Damals vermöllemannisierte und verbarschelte die deutsche Politik (und Angela Merkel war die perfekte Antwort auf solche Verwahrlosung: langweilig, ignorant, zäh und reaktionär, aber wohl doch nicht kriminell); Guido Westerwelle schien als Überlebender der „bessere“ Teil, aber eine dialektische Einheit wie Westerwelle und Möllemann lässt sich auf solche Weise nicht teilen. So kommt nun der Möllemann in Westerwelle zum Vorschein, und zwar heftig. Der „neue Politiker-Typus“, der um zur Macht zu kommen und an ihr zu bleiben alles, wirklich alles tut, ist mit Barschel und Möllemann nicht gestorben, sondern er hat nur die Gestalt gewechselt. Es ist, das demonstriert Guido Westerwelle nun so grandios, ein Politiker, der immense Intelligenz im Kampf um die Macht zu mobilisieren weiß, doch dann, wenn er sie hat, gar nicht weiß, was er damit anfangen soll. Was soll einer wie Westerwelle als Außenminister machen, wenn er doch nichts gelernt hat außer Intrigieren, Manipulieren und Manövrieren? Klar: Er intrigiert gegen das eigene Volk, denn mit einer staatsmännischen Macht eines Ministeriums kann er nichts anfangen. Der Politiker neuen Schlages kann Macht nur als Manövriermasse mit einem Wert für sich selbst begreifen; man kann das auch Macht ohne Verantwortung nennen (Macht ohne Klugheit ist es sowieso).</p>
<p>Das allfällige Westerwelle-Bashing freilich führt nur eines vor Augen: Dass er damit durchkommt. Die Empörung über einen wie ihn, der so offensichtlich mit dem Amt nicht, aber auch gar nicht zu wachsen bereit ist, ein Laufbursche der Wirtschaft als Außenminister, erzeugt zugleich offenbar ein Wachstum seiner beiden Unterstützer-Gruppen: seines Interessen-Klientels (bitte keine Korruption ohne uns) und der Fraktion der Karnevalsfaschisten, die zu jedem „Man wird doch noch sagen dürfen“ schenkelklopfen und johlen.</p>
<p>Es ist nicht der Westerwelle, der Idiot der Familie, es ist die Verwesterwellung der Politik, gegen die man sich zur Wehr setzen muss.</p>
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		<title>Der Idiot der Familie (3)</title>
		<link>http://www.seesslen-blog.de/2010/03/06/der-idiot-der-familie-3/</link>
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		<pubDate>Sat, 06 Mar 2010 11:01:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Zu Guido Westerwelle fällt mir nichts mehr ein.
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Zu Guido Westerwelle fällt mir nichts mehr ein.</p>
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		<title>Der Idiot der Familie (2)</title>
		<link>http://www.seesslen-blog.de/2010/02/15/der-idiot-der-familie-2/</link>
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		<pubDate>Mon, 15 Feb 2010 15:05:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Auf dem Weg zur Verhaiderung der FDP, oder Jenseits der Staatsräson (und jenseits des Westerwelle-Bashings als Tagesaufgabe)
Der Liberalismus, so wie ihn Guido Westerwelle vertritt, ist eine am Markt orientierte politische Praxis, die, soweit vernünftig, Regierung auf ein Minimum beschränkt. Wo diese Beschränkung aufhört ist das, was sich in den letzten vierhundert Jahren als „Staatsräson“ herausgebildet [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Auf dem Weg zur Verhaiderung der FDP, oder Jenseits der Staatsräson (und jenseits des Westerwelle-Bashings als Tagesaufgabe)</strong></p>
<p>Der Liberalismus, so wie ihn Guido Westerwelle vertritt, ist eine am Markt orientierte politische Praxis, die, soweit vernünftig, Regierung auf ein Minimum beschränkt. Wo diese Beschränkung aufhört ist das, was sich in den letzten vierhundert Jahren als „Staatsräson“ herausgebildet hat (ob man’s mag oder nicht). Giovanni Antonio Palazzo schrieb, es war im Venedig des Jahres 1606, in seinem „Discorso del governo e della ragione vera di Stato“, Staatsräson sei „eine Methode oder eine Kunst, die uns einzusehen gestattet, wie man die Herrschaft von Ordnung und Frieden innerhalb der Republik verwirklichen kann“. So alt also ist die Erkenntnis, wie Ordnung, Frieden und Republik miteinander zusammen hängen! Die Staats-&#8217;Räson&#8217; ist nichts anderes als eine besondere Form der Vernunft, die angewandt wird, um diese Ziele zu erreichen. Die Kunst der Staatsräson wäre demnach eine Minimalforderung an einen Politiker oder eine Politikerin.</p>
<p>Natürlich „wählen“ wir einen wie Westerwelle nicht mehr mit dem Gedanken daran, ob er der rechte Mensch für die Praxis der Staatsräson wäre. Wir wählen ihn wie eine Figur in einer Soap Opera:<span id="more-578"></span> Da war doch so ein seltsam kläffender Kerl im Hintergrund, von dem man nie wusste ob er aus Selbstverliebtheit oder Angst vor den echten großen Politik-Kerlen gleich platzen würde, jedenfalls wollten wir ihn durch die Wahl für ein paar Folgen der Berliner Soap zum Selbstausdruck zwingen. Und jetzt haben wir es. Jetzt würden wir ihn gern wieder los. Und jetzt platzt er erst recht.</p>
<p>Wie eine Bombe im sozialen Bürgerkrieg. Denn mit seiner Rhetorik, die schwankt zwischen neoliberalem Fundamentalismus, Nazi-Anklängen und reiner, ungefilterter Blödheit kann er nun wohl nur noch zwei Dinge tun: Zurücktreten (ein paar Schritte oder lieber gleich ganz) oder aber die FDP „verhaidern“. Der Erfolg des alpinen „Feschisten“ dürfte diese Option nicht vollständig ausschließen. Das bedeutet nicht nur einen mächtigen Schritt nach rechts (den vielleicht einige seiner Parteigenossen nicht ganz so öffentlichkeitswirksam unternommen hätten und andere in eine kleine Sinnkrise stürzen könnte), es geht vielmehr darum, dass sich eine Partei bzw. ihre Repräsentanten und Protagonisten, von der Staatsräson als vernünftigem Ziel der Politik verabschieden, um eine Art des postdemokratischen Macht-Spiels zu initiieren, in dem die Interessen einzelner Gruppen der Gesellschaft und die Machtgelüste Einzelner wichtiger sind als Staat und Gesellschaft als Ganzes und vor allem deren Zusammenhalt. Für diesen Zustand, der unweigerlich zum Auseinanderbrechen, zu Unordnung und Unfrieden führen muss, da das System von check &#038; balance zwischen gesellschaftlichen Gruppen und Regierung nicht mehr funktioniert, haben die Alten einen Begriff gehabt, das Paradoxon der anarchistischen Herrschaft.</p>
<p>Die FDP gehörte so lange zu einer „gesunden“ Demokratie, als sie offen die Interessen ihrer Klientel vertrat, Besserverdienende oder solche, die sich dorthin träumen, dies aber innerhalb einer sozialen und demokratischen Ordnung, die sich auf humane und solidarische Standards geeinigt hatte. Besserverdienen machte früher nur Spaß wenn die Wenigerverdienenden nicht gleich verhungern oder sonst einen unschönen Anblick bieten würden. Wir Wähler waren offensichtlich jahrzehntelang vernünftig genug, ihr daher die Rolle eines Korrektivs oder einer „Ergänzung“ zu lassen. Dass die FDP indes schon immer mehr Macht hatte als es eine andere Partei mit ihren Wählern wäre, mag sich verstehen: Das gehört sich eben so bei Besserverdienenden. Bislang also mochte die FDP ein kleines, in sich überaus widersprüchliches Element der demokratischen Balance sein, in dem sich Liberalismus als Wirtschaftsliberalismus im Interesse der ökonomischen Machthaber, aber auch als kultureller Liberalismus im Interesse der Bürgerrechte begegneten.</p>
<p>Nun zeigte freilich das Beispiel Österreich, wie sehr sich das Konzept einer solchen liberalen und daher auch zur Selbstregulierung befähigten Partei unter den Bedingungen der Postdemokratie  überlebt hat. Der Feschist Haider hätte das Etikett und die Logistik nicht so leicht übernehmen können, wenn nicht der politische Liberalismus vorher intern bereits seine moralische Bankrott-Erklärung abgegeben hat. Von einem Jörg Haider unterscheidet sich Westerwelle nicht nur, dass er unter den Augen der Weltöffentlichkeit den unseren als Staat ohne Räson präsentieren darf, sondern auch dadurch, dass er, ungeduldig einerseits, in die Enge getrieben andrerseits, die politische Bankrotterklärung des politischen Liberalismus selber erledigt.</p>
<p>Beinahe alle Theoretiker des Staates begreifen „Staatsräson“ als „Kunst“. Es ist also eine Mischung aus Talent, Fleiß und Selbstreflexion. Natürlich kann man diese drei Elemente auch demokratisch untereinander aufteilen. Aber was geschieht mit einem Land, dessen Außenminister und Vizekanzler nicht nur offensichtlich von der Kunst der Staatsräson keine Ahnung hat, sondern gar ein Konzept der Enträsonierung des Staatswesens betreibt? Nachdem die Spaßpartei FDP die Bankrotterklärung des politischen Liberalismus trefflich vorbereitet hatte, Möllemann den kindischen Feschisten gab, vollzieht der mehr oder weniger ernsthafte Feschist Westerwelle sie in einer Volte des Rechts-Anarchismus. Er hat die Verwandlung der Demokratie in eine Postdemokratie einen guten Schritt voran gebracht, und eben darin macht er seinen Job verdammt gut. Auch wenn er sie selber politisch nicht recht überleben sollte. Allein die Spaltung und Entsolidarisierung, die er in wenigen Wochen in die Wege leitete, ein Stimmengewirr zwischen Gesellschaft und Regierung, die erst an eine Räson, dann eigentlich auch an einen Staat gar nicht mehr denken lässt (sehen wir von einem geldgierigen System ab, das sich Recht nach Gutdünken spricht und sich in Richtung Berlusconistan entwickelt, wo die Reichen, die Regierung und die Mafia sich solange bereichern bis der Staat bankrott und die Gesellschaft zurück in der Unterentwicklung ist).</p>
<p>Die Verhaiderung der FDP färbt schließlich auf die demokratische Regierung als solche ab. Guido Westerwelle vergeht sich öffentlich an der Staatsräson. Und was tut die Kanzlerin? Macht einen kleinen Schritt zur Seite, lässt ihn ansonsten aber gewähren. Das macht: Auch ihre Art von Regierung hat längst nichts mehr mit Staatsräson sondern nur mit Machterhalt zu tun. Das hat sie, natürlich, von ihrem Lehrmeister Kohl gelernt. Aber der hat in den letzten Ausläufern des rheinischen Kapitalismus regiert (oder eben nicht regiert); im Neoliberalismus bedeutet Mangel an Staatsräson das Anheizen des Bürgerkriegs. Die echten Faschisten wollen einen anderen Staat, einen Terrorstaat. Die Feschisten wollen nur einen Staat ohne Verantwortung. Und ohne Vernunft.</p>
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		<title>Der Idiot der Familie (1)</title>
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		<pubDate>Fri, 12 Feb 2010 08:33:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Guido Westerwelle ist das Clownsgesicht des späten Neoliberalismus. Allerdings sorgt er dafür, dass einem das Lachen immer wieder, wie man so sagt, im Halse stecken bleibt. Und jetzt hat er es wieder getan. Eine rhetorische Lachnummer abgeliefert, die an sozialer Bösartigkeit nichts zu wünschen übrig lässt.
 
Ab jetzt wird auf diesem Blog dem bösen Clown [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Guido Westerwelle ist das Clownsgesicht des späten Neoliberalismus. Allerdings sorgt er dafür, dass einem das Lachen immer wieder, wie man so sagt, im Halse stecken bleibt. Und jetzt hat er es wieder getan. Eine rhetorische Lachnummer abgeliefert, die an sozialer Bösartigkeit nichts zu wünschen übrig lässt.</strong></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>Ab jetzt wird auf diesem Blog dem bösen Clown Westerwelle eine regelmäßige Beobachtung zuteil.</em></p>
<p><em><span style="font-style: normal;">Guido Westerwelle, wie schon gesagt, ist der Idiot der Familie in der schwarzgelben Regierung. (Übrigens: Ist Ihnen eigentlich schon aufgefallen, wie hässlich die Farben-Kombination schwarz und gelb ist, wenn man sie so direkt und barbarisch aufeinander streift wie es Herrn Westerwelles Krawatte tut? Crime scene, do not cross!) Jedenfalls scheint er felsenfest entschlossen, diese Rolle nach bestem Vermögen auszufüllen. Nun bringt er gleich wieder alle Blödheiten der politischen Rhetorik des rechtspopulistischen Medienzirkus in wenigen Worte zusammen, das muss ihm erst mal jemand nachmachen. Es beginnt mit der deutsch-gekränkten „Man wird doch in diesem Land noch mal sagen dürfen&#8230;“ Als wären überall kommunistische Islamisten mit Verbindungen zur Russenmafia unterwegs, um anständigen Deutschen den Mund zu verbieten. Und dann die Wiederholung des kreuzdoofen Modells von den Arbeitenden, denen es doch besser gehen soll als den Hartz IV-Empfängern.<span id="more-550"></span> Ja freilich, wenn man schon diese protestantisch-kapitalistische Arbeitsgläubigkeit anwendet (gute Vorbilder indes geben sie nicht ab, unsere Politikerinnen und Politiker, denen schon das Erscheinen im Plenarsaal zu viel Arbeit ist), dann wäre doch die einzig richtige Schlussfolgerung: Die Arbeitenden müssen mehr Geld für ihre Arbeit verdienen. Aber nein, billiger für das System ist es natürlich, den Hass der Arbeitenden auf diejenigen zu schüren, die, wenn man nur genauer hinschaut, doch noch viel weniger haben. Das ist nicht mehr blöd, das ist schon unanständig.</span></em></p>
<p>Den Vogel schießt Westerwelle natürlich mit dem tollen Ausdruck „geistiger Sozialismus“ ab. Wir hatten zuvor schon „geistiger Landesverrat“ für kritische Schriftsteller. Die Nazis sprachen vom „geistigen Judentum“ der Intellektuellen. Indem „geistig“ einem Begriff vorgeordnet wird, konstruiert diese Rhetorik eine Mittäterschaft. Geistiger Sozialismus impliziert etwas wie Vorbereitung zu einer strafbaren Handlung, Mittäterschaft, natürlich wieder „Verrat“.</p>
<p>Nun könnte jemand wie ich, der keineswegs gekränkt wäre, wenn man ihn einen geistigen Sozialisten nennte (ist denn ein geistiger Sozialist nicht wesentlich mehr something to be als ein geistloser Neoliberalist?), dem Idioten der Familie einfach ironischerweise Recht geben. Die Arbeit nämlich, die die Westerwelles dieser Welt „verrichten“ (ist nicht das Zweite ihrer Weltformel „das Geld arbeiten lassen“?) ist wesentlich destruktiver als das Faulenzen eines Hartz IV-Empfängers in der sozialen Hängematte. Die Arbeit, von denen die Westerwelles sprechen, ohne sie je kennengelernt zu haben, ist Pflicht und Strafe. Durch ihre bizarre, bösartige Rhetorik vernichten sie eine Utopie (und ich unterstelle: Sie wissen, was sie da tun), nämlich die von der Arbeit, die Menschen glücklich und entwickelter macht. Es ist, was Westerwelle betreibt „geistige Arbeitsvernichtung“.</p>
<p>Guido Westerwelle gehört einer Regierung an, die statt Arbeit zu schaffen, Arbeit lebenswert zu machen, Arbeit zu zivilisieren und zu demokratisieren, Arbeitslose beschimpft (die sie selber geschaffen haben in ihrer Hörigkeit gegenüber dem Kapital). Das bekommt nun einen besonderen Geschmack, weil dieser Politiker nicht Innenminister oder sonst ein Spezialist (der Ausbeutung) ist, sondern Vizekanzler und Außenminister.</p>
<p>Guido Westerwelle ist offensichtlich der erste deutsche Außenminister der Nachkriegszeit, der nicht mit seinem Amt und also über sich selbst hinaus wächst (haben wir nicht gestaunt über den einen oder anderen in dieser Position, der sich mit einem mal als reifer, diplomatischer Weltmensch zu inszenieren verstand und sich allenfalls höchst dezent noch in die Grabenkämpfe daheim mischte), sondern seine provinzielle Bösartigkeit erst richtig entfaltet. Damit beschädigt er nicht nur den inneren Frieden, sondern auch sein Amt. Die Idee dabei ist nämlich klar; sie hat, wenn man so will, eine demokratische Tradition: Ein Außenminister soll möglichst das gesamte Land nach außen hin vertreten. Er muss wenigstens so tun als existierte in seinem Land eine Gemeinschaft der Interessen. Ein Außenminister dagegen, der sich im sozialen Bürgerkrieg so schamlos positioniert wie Westerwelle, bringt das Kunstwerk zustande, die Anzahl jener zu vermehren, in deren Namen er eben nicht spricht, wenn er mit Kolleginnen und Kollegen verhandelt. Was aber geschieht mit einer Außenpolitik, die nicht im Namen der Gesellschaft spricht, deren Vertreter der Außenminister ist? Wenn soziale Bösartigkeit dazu führt, dass dieser Politiker „uns“ nicht mehr vertreten kann? Das Prinzip des demokratischen Regierens ist empfindlich gestört. (Übrigens macht dann auch Wählen noch weniger Sinn als zuvor.) Westerwelle hat billigend einen radikalen Bruch eines informellen demokratischen „Vertrags“ in Kauf genommen. Und dies eben ist mehr, als sich auch ein Idiot der Familie leisten können sollte.</p>
<p>Oder: Es handelt sich um einen Idioten, den sich die Familie nicht mehr leisten könnte.</p>
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		<title>Die Götter der Dummheit</title>
		<link>http://www.seesslen-blog.de/2010/01/22/die-gotter-der-dummheit/</link>
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		<pubDate>Fri, 22 Jan 2010 12:43:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Dialektik der Dummheit in der spätkapitalistischen Gesellschaft sieht folgendermaßen aus: Es ist eine Dummheit, die nicht aus einem Mangel ersteht, sondern die im Gegenteil aus dem Überfluss produziert wird: Alles, was man bräuchte, um nicht dumm zu sein, ist nicht nur vorhanden, sondern mehr oder weniger auch kostenlos – Information, Lehre, Vorbilder, Anschauungsmaterial, Freizügigkeit, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Dialektik der Dummheit in der spätkapitalistischen Gesellschaft sieht folgendermaßen aus: Es ist eine Dummheit, die nicht aus einem Mangel ersteht, sondern die im Gegenteil aus dem Überfluss produziert wird: Alles, was man bräuchte, um nicht dumm zu sein, ist nicht nur vorhanden, sondern mehr oder weniger auch kostenlos – Information, Lehre, Vorbilder, Anschauungsmaterial, Freizügigkeit, sogar, bis zu einem gewissen Grad: Zensurlosigkeit. Na schön, ich bin erschöpft, na schön, ich hab’ da jetzt keinen Kopf für, na schön, Alltag und Beruf machen mich fix und fertig. Die Sucht nach Unterhaltung entsteht als auf den Kopf gestellter Kapitalismus-Protestantismus: Weil Arbeit so sehr Pflicht, Strafe und Selbstdisziplinierung ist (und natürlich, ein bisschen Spaß muss da doch auch sein: Vor allem Disziplinierung <em>der anderen</em>), weil Arbeit so hundeelend anstrengend ist, muss der Rest des Lebens das Gegenteil von anstrengend sein. Ist aber Thomas Gottschalk, Big Brother oder Traumschiff das Gegenteil von anstrengend? Ist die BILD-Zeitung das Gegenteil von anstrengend, nur weil es keine Nebensätze gibt?<span id="more-520"></span> Wenn man diese Unterhaltungsformen als Imitationen von sozialen Kontakten ansieht, sind sie doch eigentlich verflixt anstrengend, ganz zu schweigen von den Anstrengungen der sinnlichen Wahrnehmung: Diese Farben, diese Lautstärke, diese Hektik! Glauben Sie mir, Nicht-Anstrengung sieht anders aus.</p>
<p>Es geht also offensichtlich um etwas anderes als, wie man so sagt: Entspannung. Entspannen können Sie bei Beethoven oder bei Thomas Mann. Es geht offenkundig aber um eine besondere Form der Anstrengung, nämlich einerseits um ein Dazugehören (wo ich doch tagsüber ausgeschlossen war), und dann darum, die Illusion zu genießen, zugleich alles unter Kontrolle zu haben und für nichts verantwortlich zu sein. Glücklicherweise geht es doch auch um nichts, ein paar Leute, die sich mehr oder weniger freiwillig zum Affen machen. Na und?</p>
<p>Genau nachdenken mag ich darüber freilich nicht. Denn die mit solcher Art von Unterhaltung verbrachte Zeit ist verlorene Zeit, unwiderruflich. Zeit, in der ich nicht gelebt habe, und Zeit, in der ich nichts gelernt habe über das Leben. Es ist eben nur (vor mir selbst und dem Rest der leitkulturell markierten Menschen um mich herum) zu rechtfertigen durch die Mühe, die mir der Arbeitsalltag bereitet hat. Jeder darf sich seine Ration Schwachsinn abholen, wenn er fleißig gearbeitet hat. Etwas ganz anderes ist es mit jenen, die nicht arbeiten. Die Kinder. Mein Gott, lassen Sie doch die Kinder nicht so lange vor dem Fernseher sitzen. Die verblöden ja. Und Hausfrauen. So kann es nichts werden, mit der Emanzipation, wenn Frauen lieber daheim bleiben und bügeln, nur damit sie nebenbei „Desperate Housewifes“ oder „Verbotene Liebe“ sehen können. Oder ganz schlimm: Die Arbeitslosen. Warum ist unser Fernsehen so unerträglich? Genau, weil es hauptsächlich für Kinder, Hausfrauen und Arbeitslose gemacht wird. Obwohl der geballte Schwachsinn, anstrengend oder nicht, einmal als Belohnung für die Leistungsträger, na gut, sagen wir: für die Besitzer von Arbeitsplätzen gedacht war, haben es die Minder- bis Gar-nichts-Leister übernommen, und amüsieren sich auch noch in der Zeit zu Tode, wo unsereins malochen muss.</p>
<p>Die Blödheit des Fernsehens (zum Beispiel) wird erkannt, weil man sie sich gegenseitig neidet. Ein Arbeitslosen-verseuchtes Fernsehen wird auch für den Besitzer eines Arbeitsplatzes gefährlich; man weiß gar nicht mehr: Erzeugt die Arbeitslosigkeit das Blöd-Fernsehen, oder erzeugt das Blöd-Fernsehen die Arbeitslosigkeit. Jedenfalls ist einer, der den ganzen Tag ferngesehen hat, am Abend genau so fertig, bloß anders, wie einer der gearbeitet hat.</p>
<p>Aber zur gleichen Zeit muss man natürlich auch fernsehen, nicht bloß, weil man ja sonst nicht mehr mit der Welt verbunden ist. Man muss auch lernen, wie man sich verhält, im öffentlich-medialen Raum. Diesen Raum kann man nicht anders als mit dem eisernen Willen zu dargestellten wie zur praktizierten Dummheit betreten. Wir sehen es doch jeden Tag: Je dümmer, desto prominenter.</p>
<p>Und so kann die Dummheit nicht anders als sich ihrer selbst auf eine bestimmte Art bewusst sein, und zwar zu gleichen Teilen als „strategischer“ Wert (mit der Dummheit kommt man im Fernsehen und im Beruf weiter, genauer gesagt: Mit der Darstellung von Dummheit, die allerdings umso besser gelingt, je mehr authentischer Kern von diesem Rohstoff vorhanden ist) und als existentielle Not. (Ich wollte ein Mensch werden, doch ich wurde ein Fernseher! All diese Dinge da draußen, ein Vogel im Baum, die Bücher in der Bibliothek, das Spiel der Wolken, der Duft eines Gerichtes, das schreit dich an: Zu dumm! Zu blöd! Zu doof!, und wo noch könntest du Trost finden als in deinen Blödmaschinen?) Das Tückische an einer solch postmodern produzierten Dummheit ist: Sie produziert als Nebeneffekt aber in besorgniserregenden Quantitäten Angst, und damit wiederum jene Gewalt, die dumm und ängstlich macht, aber nun in einem anderen Code.</p>
<p>Immer ist es die Dummheit, die dem Terror vorangeht. Politiker wie Roland Koch sind es, die damit beginnen, die allgemein produzierte Dummheit in einen Terror der Mitte gegen die „Unterschicht“ zu verwandeln, aber sie können dieses Geschäft nur besorgen, weil ihnen selbst jene noch zuarbeiten, die statt ihre Funktion zu beschreiben, die Blödmaschinen hämisch ihre Arbeit tun lassen: Selber schuld! Wenn ihr nur Fernsehen und BILD im Kopf habt und in den Schlangen vor den Gratisläden und den Arbeitsämtern von doppelten Vergasern und Lipgloss schwärmt!</p>
<p>Der Mensch im neoliberalen Medienpopulismus genießt also seine Dummheit und leidet zugleich unter ihr. Erst dadurch wird seine Lähmung perfekt: Die Dummheit muss daher ständig reproduziert werden, und sie braucht das ständige Gegenbild, die Bestrafung der Klugheit, die Lächerlichkeit der Aufklärung. Alles, was an Waren, Bildern und Vorstellungen produziert wird, läuft auf die gleiche Aussage in der Mitte hinaus: Es ist klug, dumm zu sein. Und diesen Heiligen Text kann man im ewig laufenden Programm ebenso von der klugen wie von der dummen Seite her schreiben. Als Triumph der Dummheit oder als (Selbst-)Opfer der Nicht-Dummheit.</p>
<p>So also muss sich, anders als „Unwissenheit“ und anders womöglich auch als lineare „Verblendung“ diese Form der industriell und medial produzierten Dummheit wiederum erklären. Das tut sie zuallererst, indem sie unendlich von sich selber schwätzt. Wegen ihres Bekenntnis-Charakters muss diese Dummheit ständig auch verkündet werden, es gibt in unserem Fernsehprogramm ebenso wie in der Politik aber auch in jeder Nachbarschaft die „Götter der Dummheit“. Ein „Promi“ zum Beispiel, der von Talk Show zu Talk Show zieht um mit dem selben bedeutsamen Gesichtsausdruck die selben Dummheiten von sich zu geben, fungiert als solcher Dummheitsgott, oder wenigstens als Prophet und Messias einer fernen Dummheitsgottheit, deren erstes Gebot lautet: Du sollst nichts anderes haben in deinem Kopf als grenzenlose Dummheit. Und siehe: Wer dumm ist, den können wir erlösen, und wer sich lange genug dumm stellt, der wird auch wahrhaft dumm.</p>
<p>Dass jemand, der im Mediengebrauch ein „Promi“ ist – oder, mit den Worten von Karl Kraus: eine „Berufsberühmtheit“ – als Ablenkungsfaktor funktioniert, Teil einer Öffentlichkeit in der nichts, und schon gar nicht das Wesen und der Weg der eigenen Gesellschaft verhandelt wird, ist einsichtig. Wesentlich komplizierter freilich ist die Art, wie sich die Kultur eine „Berufsberühmtheit“ erwählt. (Allerdings: Wie der Begriff vermuten lässt &#8211; die Berufsberühmtheit ist ein Mensch, der seine Berühmtheit professionell benutzt, aber er ist womöglich auch einer, der sich seine Berühmtheit professionell erarbeitet.)</p>
<p>Natürlich wird der Status der Prominenz ab einem gewissen Punkt eine tautologische Angelegenheit. Prominent wird jemand durch die Gegenwärtigkeit in den Medien, und wer in den Medien gegenwärtig ist, ist prominent. In aller Regel ist neben der Geschäftstüchtigkeit für den Status eines Promis die öffentliche Bearbeitung einer mittelschweren Psychose ausschlaggebend. Einerseits muss er oder sie ja wirklich daran glauben, dass sich ungeheure Mengen von Menschen für die Verdauungsprobleme des eigenen Pudels oder für die Umstände, wie ein Arschloch das andere Arschloch betrog, interessieren, und was soll ich Ihnen sagen: Sie tun es wirklich!, andrerseits aber entflieht der Promi seiner eigenen Bedeutungslosigkeit an den einzigen Ort, wo man sie nicht bemerkt: in einem Fernsehstudio.</p>
<p>Und dort tut der Promi, was ihm aufgetragen ward: Er predigt die Dummheit. Er preist das Himmelreich der absoluten Blödheit! Er ist ergriffen von der eigenen Null- und Nichtigkeit. Und er wird, wie andere Prediger, wirklich nicht schlecht bezahlt dafür.</p>
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