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	<title>Das Schönste an Deutschland ist die Autobahn &#187; Politik</title>
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	<description>Das Georg-Seeßlen-Blog</description>
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		<title>Preiskreis</title>
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		<pubDate>Mon, 18 Apr 2011 13:15:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Klasse! Necla Kelek, unsere „Islamkritikerin“ vom Dienst, bekommt erst einmal einen „Freiheitspreis der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit“, hält dann in der Frankfurter Paulskirche (wie war das mit dem „Besetzen“ der Begriffe und Räume des Gegners in der postmodernen Rhetorik?) eine Dankesrede, und bekommt gleich für diese Dankesrede den nächsten Preis, diesmal von der bundesweit tätigen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Klasse! Necla Kelek, unsere „Islamkritikerin“ vom Dienst, bekommt erst einmal einen „Freiheitspreis der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit“, hält dann in der Frankfurter Paulskirche (wie war das mit dem „Besetzen“ der Begriffe und Räume des Gegners in der postmodernen Rhetorik?) eine Dankesrede, und bekommt gleich für diese Dankesrede den nächsten Preis, diesmal von der bundesweit tätigen Denkfabrik namens „re:publik &#8211; Institut für Zukunftspolitik“, und zwar als „Bester Redner“ (als „Bester Redner“ wird Christian Lindner, der Generalsekretär der FDP ausgezeichnet; Sigmar Gabriel war auch schon dran, und Jürgen Trittin hat die Laudatio gehalten, ja, das nennen wir eine Demokratie). Wer oder was ist aber das  Jede Postdemokratie hat die politische Kultur, die sie verdient. Es bedarf einer politischen Unkultur, um die Verwandlung von Demokratie in Postdemokratie zu bewerkstelligen. <em>Institut für Zukunftspolitik</em>? Wir erfahren, abgesehen davon, dass es regelmäßig ein „Journalistenfrühstück“ gibt (die Jungs kriegen sonst aber auch wirklich nichts zu beißen!) zumindest mal, wer bislang zu den Sponsoren von re:publik (ein junger, innovativer think tank, der sich für eine zukunftsfähige Politik in Deutschland einsetzt) gehört: Deutsche BP, Deutsche Post AG, Außenministerium der Republik Österreich, Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung der Republik Österreich, Bundesministerium für Bildung und Forschung der Bundesrepublik Deutschland, Bundesarbeitsgemeinschaft der Berufsbildungswerke (BAG BBW), Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V.. Sagen wir mal: Nicht gerade der Club der lauteren nichtkommerziellen Philanthropen.<span id="more-1148"></span></p>
<p>Man darf wohl sagen: So entsteht „politische Kultur“ in der Postdemokratie. Zur „Philosophie“ des Unternehmens erfahren wir dies: „Wenn wir es verstehen die dreifache Herausforderung unserer Zeit &#8211; Demografie, Schuldenfalle, Klimawandel &#8211; mutig anzugehen und Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltig ausrichten, gelingt der Wandel. Das heißt aber auch: Abschied nehmen von alten Gewissheiten und Besitzständen, Mut haben zu grundlegenden Reformen. Besonders im Blick haben wir dabei die Zukunftsthemen Bildung, Familie, Energie, Sozialstaat, Netzpolitik und nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung.“ Die Gesamtsituation eben. Wenn es allerdings, beim Freiheitspreis einer Stiftung für die Freiheit, so vorrangig um Demografie geht, braucht man dazu offensichtlich „Instrumente“, und den „Instrumenten“ sind hierzulande noch die „Begriffe“ vorgeschaltet. „Islamkritik“ ist offensichtlich so ein Begriff, aus dem man, früher oder später, ein Instrument zu machen gedenkt.</p>
<p>Was wir verstehen ist auf jeden Fall dieses: „Islamkritik“ (oder sonst ein Stuss in dieser Richtung) liegt offensichtlich im Interesse der deutschen Wirtschaft, vertreten sowohl durch ein lobbyistisches „Institut für Zukunftspolitik“ (schon der Titel ist eigentlich einen Preis der Real-Science Fiction-Satire-Kommission wert!) und durch die „parteinahe“ <em>Friedrich-Naumann-Stiftung</em> der FDP, die übrigens, laut Eigenaussage, zu nahezu 90 Prozent aus Mitteln der Bundesministerien finanziert wird. Weitere finanzielle Zuwendungen stammen in großen Teilen von den Ländern und anderen Gebietskörperschaften. Die <em>Friedrich-Naumann-Stiftung </em>wird somit hauptsächlich aus Steuermitteln finanziert.</p>
<p>Nehmen wir also der Einfachheit einmal an, man möchte mit solch kreisenden Preisen eine „Botschaft“ lancieren, haben wir wiederum ein perfektes Bild postdemokratischer Propaganda vor uns: Gehirnwäsche, die wir noch selber bezahlen. So können wir also davon ausgehen, dass unsere Steuermittel in die Islamkritik gehen, während die Wirtschaft wieder ihre Gelder in diese Kultur investieren kann. Staat und Wirtschaft treffen sich in dieser öffentlichen Politik-Verkörperung, die unter anderem etwa folgendes von sicht gibt: „Es gibt kein Land in der muslimischen Welt, wo der Islam nur ein Glaube und die Gesellschaft eine Demokratie ist, wo neben dem Islam ein Rechtsstaat existiert“. Und: „In Deutschland leben 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, aber gerade die muslimischen Gruppen haben Probleme, ein Teil der demokratischen Gesellschaft zu werden. Das ist für mich kein Zufall.“ Hier sehen wir, wie postwissenschaftliche Rhetorik funktioniert: Man gibt als Analyse aus, was man erzeugen will.</p>
<p>Es geht offensichtlich darum, eine Kernaussage („Der Islam ist eine Fortschrittsbremse und gehört hier nicht her, und einen Sündenbock haben wir auch gleich.“) durch eine kreisförmige Bepreisung von Partei (immerhin „an der Regierung“, wie man so sagt) und Wirtschaftslobby (wie man schon wieder sagt)zu „verankern“, in einer Gesellschaft, die sich das gern gefallen lässt. So entsteht ein „politisches Klima“ und eine „politische Kultur“. „Kultur“ ist, nach Jean-Luc Godard jene Regelhaftigkeit, die Kunst und Kritik stören müssen, wenn man sie noch ernst nehmen soll. Jede Postdemokratie hat die politische Kultur, die sie verdient. Es bedarf einer politischen Unkultur, um die Verwandlung von Demokratie in Postdemokratie zu bewerkstelligen.</p>
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		<title>Projekt der Selbstauflösung des guten Bürgertums in Deutschland</title>
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		<pubDate>Wed, 13 Oct 2010 08:58:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Projekt der Selbstauflösung des guten Bürgertums in Deutschland ist auch an scheinbaren Kleinigkeiten abzulesen. Manche von ihnen lösen indes dieses „Man fasst es einfach nicht“-Gefühl aus, Da druckt die Süddeutsche Zeitung doch glatt eine Anzeige der „Jungen Freiheit“, dem publizistischen U-Boot der Rechtsextremen, und als engagierte Menschen in einem Brief dagegen protestieren, wird das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Projekt der Selbstauflösung des guten Bürgertums in Deutschland ist auch an scheinbaren Kleinigkeiten abzulesen. Manche von ihnen lösen indes dieses „Man fasst es einfach nicht“-Gefühl aus, Da druckt die <em>Süddeutsche Zeitung </em>doch glatt eine Anzeige der „Jungen Freiheit“, dem publizistischen U-Boot der Rechtsextremen, und als engagierte Menschen in einem Brief dagegen protestieren, wird das einfach ignoriert. Ja, hören denn Demokratie und Humanismus jetzt schon bei so wenig Geld auf?</p>
<p>Dass bei <em>Amazon.de</em> der Thilo Sarrazin die Verkaufsliste anführt, das wundert nicht so sehr. Aber man reibt sich doch die Augen, wenn 62 % der taz-Leser der Meinung sind, Horst Seehofer habe recht.<span id="more-926"></span> Entweder haben sie einen sehr, sehr merkwürdigen Sinn für Humor, oder aber: Demokratie und Humanismus hören eben auch bei taz-LeserInnen bei der Klassenlage auf. (Wir haben nichts gegen Migranten, einige unserer besten Freunde sind Migranten, aber wenn es um die Ausbildung unserer Kinder geht&#8230;)</p>
<p>Dass die BILD-Zeitung einen älteren Mann, der bei den Demonstrationen in Stuttgart durch den Polizei-Einsatz so verletzt wird, dass er um sein Augenlicht bangen muss, als „Protest-Opa“ verhöhnt – wir wundern uns darüber so wenig wie dass Alice Schwarzer und Stephanie zu Guttenberg mit diesem Blatt paktieren. Aber darüber, dass nichts und niemand bereit scheint, irgendwo eine Grenzlinie der institutionellen und persönlichen Korruption zu ziehen schon.</p>
<p>Das Projekt der Selbstauflösung des guten Bürgertums in Deutschland ist vor allem an seiner medialen Verkommenheit zu sehen.</p>
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		<title>Deutschland kauft wieder ein Buch!</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Sep 2010 16:54:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Sarrazin, sagte eine Buchhändlerin zur anderen in meiner Lieblingsbuchhandlung, das ist bei uns der neue Harry Potter. Das kaufen die nicht ein Mal, das kaufen sie gleich mehrere Male. Zum Verschenken und so. Das Buch muss man einfach haben als Deutscher. Damit man mitreden kann.
Das erinnert mich, sagt die andere (manchmal zweifelt sie an ihrer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sarrazin, sagte eine Buchhändlerin zur anderen in meiner Lieblingsbuchhandlung, das ist bei uns der neue <em>Harry Potter</em>. Das kaufen die nicht ein Mal, das kaufen sie gleich mehrere Male. Zum Verschenken und so. Das Buch muss man einfach haben als Deutscher. Damit man mitreden kann.</p>
<p>Das erinnert mich, sagt die andere (manchmal zweifelt sie an ihrer Berufswahl), an das Buch, das unsere Großeltern alle haben mussten. Wie hieß es doch gleich?</p>
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		<title>Politische Ökonomie</title>
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		<pubDate>Sat, 11 Sep 2010 09:02:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[„Zur Strecke gebracht“ (Überschrift der F.A.Z.  auf Seite 1 vom 11. September zum Rücktritt von Thilo Sarrazin: „Die Eile, in der das Staatsoberhaupt die ‚einvernehmliche’ Lösung begrüßte, spricht Bände“, und „Die Bank halte ihre früheren wertenden Äußerungen zu Sarrazin nicht aufrecht, erklärte der Vorstand. Sie behauptet also nicht mehr, dass seine Thesen ‚diskriminierend’, ‚provozierend’, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>„Zur Strecke gebracht“</strong> (Überschrift der F.A.Z.  auf Seite 1 vom 11. September zum Rücktritt von Thilo Sarrazin: „Die Eile, in der das Staatsoberhaupt die ‚einvernehmliche’ Lösung begrüßte, spricht Bände“, und „Die Bank halte ihre früheren wertenden Äußerungen zu Sarrazin nicht aufrecht, erklärte der Vorstand. Sie behauptet also nicht mehr, dass seine Thesen ‚diskriminierend’, ‚provozierend’, ‚abwertend’ seien und dass er dem Ansehen der Bundesbank Schaden zugefügt habe“).<span id="more-889"></span></p>
<p><strong>„Aufatmen in der Bankenszene nach dem Rücktritt Sarrazins“</strong> (Überschrift der F.A.Z. auf Seite 13 vom 11. September – Wirtschaftsteil: „’Ich halte das für eine sehr honorige, einvernehmliche Lösung, die viel quälende Diskussionen für alle Beteiligten beendet hat’, sagte der Geschäftsführende Vorstand des Deutschen Aktieninstituts, Rüdiger von Rosen, Gerüchte, die Einigung sei zustande gekommen, weil Sarrazin eine Abfindung erhalte, bezeichnete ein ehemaliges Vorstandsmitglied der Bundesbank als völlig unplausibel. Er erwarte, dass eine Regelung für die Pensionsansprüche gefunden werde und weiter nichts. Dafür gebe es bewährte Verfahren, von denen die Bundesbank auch gar nicht abweichen könne“.)</p>
<p>Aufatmende Empörung: Über den Zusammenhang des semantischen und des ökonomischen Preises für honorige Beendigungen quälender Diskussionen. </p>
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		<title>Meinungsfreiheit</title>
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		<pubDate>Fri, 10 Sep 2010 11:11:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Schön, dass die F.A.Z. wieder mal, wie sagt man in diesen Kreisen: „Flagge zeigt“. Wenn die BILD schon riesentitelt: „Das wird man doch noch sagen dürfen“, dann will das, nun ja, bürgerliche Blatt nicht hinten anstehen und benutzt für den selben Unfug ein paar Worte mehr: „Was darf man in dieser Republik sagen und schreiben, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Schön, dass die F.A.Z. wieder mal, wie sagt man in diesen Kreisen: „Flagge zeigt“. Wenn die BILD schon riesentitelt: „Das wird man doch noch sagen dürfen“, dann will das, nun ja, bürgerliche Blatt nicht hinten anstehen und benutzt für den selben Unfug ein paar Worte mehr: „Was darf man in dieser Republik sagen und schreiben, ohne die mitunter bis zur Existenzgefährdung reichende ‚Menschenverachtung’ zu erfahren, die Sarrazins Kritiker nur bei ihm erkennen können?“  Und schon ruft der Fall wieder „die Frage auf, wie weit in Deutschland die Meinungsfreiheit reicht“. Interessanterweise taucht diese Frage in, nun ja, bürgerlichen deutschen Zeitungen stets auf, wenn wieder mal einer oder eine von rechtsaußen „Tabus bricht“, „politische Korrektheit vermissen lässt“ oder eben „Denkanstöße gibt“.<span id="more-885"></span> Aber, Deutschland ist noch nicht verloren, der F.A.Z.-Kommentator Berthold Kohler berichtet von „mutigen Blättern, die sein (Sarrazins) Buch in Auszügen vorab druckten“.</p>
<p>Teufel auch, was haben wir für mutige Verleger und Redakteure! Nicht achten sie der Gefahr, die laut F.A.Z von Künstlern in Potsdam ausgeht, die die Meinungsfreiheit mit Füßen treten und allen Ernstes nicht mehr ihre Bühne betreten wollen, wenn Sarrazin dort „seine Thesen verteidigen dürfe“. Und natürlich muss auch wieder die arme Rosa Luxemburg herhalten wenn es um die Freiheit der „Andersdenkenden“ geht, von Voltaire ganz zu schweigen. Darf ich an einen klugen Satz von ihm erinnern: „Je öfter eine Dummheit wiederholt wird, desto mehr bekommt sie den Anschein der Klugheit.“</p>
<p>Das ist der ganze Trick dieses Diskurswechsels in Sachen Sarrazin: War er am Anfang noch ein amüsanter Rüpel, mit dem man mit ein bisschen Huch und Hach das Spätsommerschwein durchs Mediendorf jagen konnte, so wird er nun, bevor endgültig der News-Wert beim Teufel ist, zum Schlüsselbild, ausgerechnet, für Meinungsfreiheit.</p>
<p>Noch etwas hat Voltaire geschrieben: „Wenn Sie einen Bankier aus dem Fenster springen sehen, springen Sie hinterher. Es gibt bestimmt was zu verdienen.“ Die Abwandlung davon: Wenn Journalisten in, nun ja, bürgerlichen deutschen Zeitungen sich vor einen Vollidioten stellen, stellen Sie sich dazu, es dient bestimmt der Karriere.</p>
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		<title>DER FALL SARRAZIN, oder WIE MAN EINEN RECHTSPOPULISTEN HERSTELLT (REDUX)</title>
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		<pubDate>Thu, 09 Sep 2010 07:21:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Jede Kultur bekommt die Skandale die sie verdient. Und jede politische Kultur bekommt die populistischen Zündler, die sie verdient. Wie die einen ihm dann klammheimlich zustimmen, die anderen sich empört zeigen, allesamt ihm aber das Brennmaterial liefern, das hat mittlerweile seine feste Dramaturgie in den europäischen Demokratien. In den Erscheinungen der Rechtspopulisten bündeln sich nicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Jede Kultur bekommt die Skandale die sie verdient. Und jede politische Kultur bekommt die populistischen Zündler, die sie verdient. Wie die einen ihm dann klammheimlich zustimmen, die anderen sich empört zeigen, allesamt ihm aber das Brennmaterial liefern, das hat mittlerweile seine feste Dramaturgie in den europäischen Demokratien. In den Erscheinungen der Rechtspopulisten bündeln sich nicht nur die verborgenen Impulse von Missgunst, Aggression und ganz einfach Dummheit, sie scheinen, wie andernorts die begnadeten Komiker etwas von der verborgenen Seele einer Gesellschaft auszudrücken, etwas, von dem man nicht gern spricht, und dem man doch auf Schritt und Tritt begegnet, genau das, was einem gebildeten Menschen am eigenen Land so furchtbar peinlich ist.<span id="more-877"></span> Jörg Haider verkörperte das finstere Herz der österreichischen Gesellschaft, Jean-Marie LePen war es für Frankreich, Pim Fortuyn für die Niederlande, Christoph Blocher für die Schweiz, Alaska hat immerhin Sarah Palin. So unterschiedlich alle diese politischen Charaktere auch sein mögen, unterschiedlich wohl auch im Grad ihrer politischen und menschlichen Bösartigkeit, sie alle haben auch etwas erschreckend komisches an sich. Und bei allen von ihnen vergeht einem das Lachen, wenn man bemerkt, auf wie viele offene Ohren ihre absurden Hasspredigten treffen.</p>
<p>Was den Rechtspopulismus in Deutschland anbelangt haben wir ein paar  deftige Fehlversuche hinter uns. Schönhuber war vielleicht doch ein wenig zu historisch, Peter Gauweiler zu süddeutsch, Ronald Schill verkokste seine Karriere, und der furchtbare Spaßpolitiker Möllemann erledigte sich selbst. Nun also Thilo Sarrazin. Vielleicht wird es Zeit, die Dramaturgie des politischen Skandals zu verlassen und die schlichte Frage zu stellen: Womit haben wir den verdient?</p>
<p>Zu einem anständigen Rechtspopulisten gehören eine Geschichte, ein Bild und ein paar Begriffe, die er auswirft wie Köder und die bizarre Verbindungen von Altem und Neuen erzeugen, wie sagen wir die Verbindung von geheimnisvollen neuen Nachrichten über wissenschaftliche Gen-Entschlüsselungen und uralten rassistischen Phantasmen. Fangen wir</p>
<p>1. mit der Geschichte an. Es ist eine deutsche Biographie, die etliche Widersprüche zu vereinen scheint. Sohn eines Arztes und der Tochter einer ehemaligen westpreussischen Gutsbesitzerfamilie, genau so steht es in den Biographien, humanistisches Gymnasium, Wehrdienst, Studium der Volkswirtschaftslehre und dann gleich die politische Karriere als SPD-Mitglied: wissenschaftlicher Angestellter bei der Friedrich Ebert-Stiftung, Referent im Bundesministerium der Finanzen, dann Arbeit für die Treuhandanstalt und die Deutsche Bahn, wo er sich mit Hartmut Mehdorn öffentliche Schmähungen lieferte. Berliner Senator für Finanzen; dort erzielte er mit 46 Nebentätigkeiten den Rekord unter allen Senatsmitgliedern. Im August 2009 nahm die Berliner Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wegen Untreue auf. Er soll dem Golf- und Landclub Berlin-Wannsee e.V. einen Golfplatz zu unverhältnismäßig niedrigem Preis verpachtet haben. Im selben Jahr Wechsel in den Vorstand der Bundesbank.</p>
<p>Es ist das Schillernde, das Befleckte, das Zwielichtige der politischen Karriere, was dem Mythos des Rechtspopulisten offenbar stets nutzt. Bemerkenswerterweise sehen die Anhänger einem Rechtspopulisten persönliche wie politische Verfehlungen leichter nach als einem normalen Politiker, was uns auf den Verdacht bringt, es könne sich auch gerade umgekehrt verhalten. Rechtspopulismus als Plan B des gekränkten Karrieristen.</p>
<p>2. Die Erscheinung. Thilo Sarrazin ist weder so ein durchgestylter Feschist wie es Jörg Haider war, noch hat er etwas so provinziell verschlamptes wie LePen. Alles an ihm scheint den Geist jenes deutschen Mittelstandes zu atmen, der mit unschuldig-ignorantem Augenaufschlag sein Reden beginnt mit „Man wird doch noch mal sagen dürfen“. Thilo Sarrazin ginge als Versicherungsvertreter durch, der es mit Fleiß und ein bisschen Intrigieren zum Bezirksleiter gebracht hat. Wenn nur nicht dieser Schnauzer wäre! Thilo Sarrazin macht uns auf die Dringlichkeit einer semantischen Untersuchung über die Rolle des Schnauzbarts in der deutschen Nachkriegspolitik aufmerksam. Der leichte Anflug von Zerzausung schließlich signalisiert: Dieser Mann gehört nicht zu den glatten und geschniegelten, den Politikern mit den Betonfrisuren und dem Gefriergrinsen. Dieser Mann ist vielleicht nicht besonders sympathisch, aber so was von authentisch – oder?</p>
<p>3. Die Rhetorik. Im Kern jeder rassistischen Argumentation steckt neben Angst und narzisstischer Kränkung auch das Sexuelle. Die Bühne des Rechtspopulismus betrat Thilo Sarrazin deswegen sehr gekonnt mit dem Hinweis auf die, wie wir ahnen, einigermaßen lustvolle Erzeugung von Kopftuchmädchen. Danach geht es um die Stärkung eines irrealen Überlegenheitsgefühls. Es scheint sich hier mit der Vorstellung von der Erblichkeit der deutschen Intelligenz und der der migrantischen Dummheit zu verbinden. Der nächste Schritt besteht darin, die verbotenen Worte gleichsam durch die semiotische Hintertür wieder einzuführen; Auslese, Selektion, kulturell bedingte Mentalität, dysgenisch. Gestern noch waren die Begriffe im Wörterbuch des Unmenschen gut aufgehoben.</p>
<p>Der erfolgreiche Rechtspopulist kann ab einem bestimmte Punkt seiner Karriere, in der sein Bild und seine Botschaft medial einmal verankert ist, kaum noch etwas falsch machen. Wird Thilo Sarrazin aus der SPD ausgeschlossen, so wird ihm sein Opferstatus nutzen. Wird er es nicht, hat der Rechtspopulismus einen festen Platz in einer sogenannten Volkspartei. Verliert Thilo Sarrazin seinen Job bei der Bank, darf er sich ganz seinem publizistischen Werk widmen. Behält er ihn, ist die Verbindungslinie von Rechtspopulismus und deutscher Wirtschaft gezogen. Bekommt einer wie Thilo Sarrazin intellektuellen Gegenwind, mobilisiert sich die anti-intellektuelle Stimmung für ihn, wird er von der intellektuellen Kritik ignoriert oder gar verspottet so mobilisiert sich der gekränkte Narzissismus. Kommt er im Fernsehen gut rüber, hat er’s allen gezeigt, ist er, wie jüngst bei „Beckmann“, sagen wir mal höflich: so wie immer, dann ist eben das Medium unfair.</p>
<p>Das erste, was dem Rechtspopulisten zum Opfer fällt, ist das Niveau der Debatten. Würden wir allen Ernstes ein Buch lesen, in dem eine Kapitel-Überschrift lautet: „Mehr Kinder von den Klugen, bevor es zu spät ist“.? Nein, das würden wir nicht, wir haben schließlich noch Lektürerückstand bei Immanuel Kant, Thomas Mann und Donald Duck-Sonderheften. Aber leider: Nun ist der Rechtspopulist bereits ein feuilletonistisches und massenmediales Phänomen. Nun kann man sich der Auseinandersetzung gar nicht mehr entziehen, auch wenn sie sich in einer Sphäre bewegt, in der von intellektuellem Anspruch und Redlichkeit nicht mehr die Rede ist.</p>
<p>Was Thilo Sarrazin zum echten Rechtspopulisten noch fehlt, ist eine Organisation. Ein paar Verbündete, ein paar Lakaien, ein paar Mitläufer, am besten solche mit einem gewissen Promi-Status. Irgendein Fernseh-Idiot wird sich doch finden lassen, der in seiner Koch- oder Talk Show Thilo Sarrazin preist, schließlich haben sich ja schon allen Ernstes Wissenschaftlerinnen und Publizisten gefunden, die wie die Berliner Soziologin Necla Kelek behaupten (Zitat): „Die Thesen von Thilo Sarrazin zu Bildung und Zuwanderung sollte man diskutieren, nicht den Autor verteufeln“. Denn: „Der Eindruck drängt sich auf, hier solle eine überfällige Debatte mit den bewährten Begriffen wie Rassismus und Populismus kontaminiert werden“. Es ist aber auch <em>zu</em> giftig, wenn man Rassismus „Rassismus“ und Populismus „Populismus“ nennt.</p>
<p>Wir wollen nicht verhehlen, dass umgekehrt Thilo Sarrazin sich vordem gern lobend auf die auf ganz eigene Weise islamkritische Soziologin bezog und diese ihre sonderbare Verteidigungsrede in der gutbürgerlichen Zeitung F.A.Z. veröffentlichen darf. Am selben Tag formuliert die BILD-Zeitung ganz im Sinne der Opfer-Mythologie auf Seite eins: „Alle gegen Sarrazin“. Und Tags darauf: „Angst um Sicherheit. Sarrazin-Auftritt abgesagt: Angst vor Randale, Sorge um Sicherheit“. Ein drittklassiger PR-Agent hätte es nicht anders aufgezogen. Sind sie nicht geschickt, unsere Medien, die der selbsternannten bürgerlichen Elite wie die der selbsternannten anständigen kleinen Leute? Wenn es darum geht, sich den Rechtspopulisten zu basteln, den man nun endlich auch haben will, dann spielt man gerne über Bande, lässt andere die Drecksarbeit erledigen, will es nachher nicht gewesen sein. Aber soviel ist sicher: Wir bekommen den Rechtspopulisten, den wir verdienen, weil wir die Medien haben, die wir verdienen. Weil wir die Intellektuellen haben, die wir verdient haben. Weil wir die politische Kultur haben, die wir verdient haben. Und weil uns immer „Meinungsfreiheit“ einfällt, wenn es um eine klare Sprache geht, und so schreit es die BILD-Zeitung denn auch hinaus: DAS WIRD MAN DOCH WOHL NOCH SAGEN DÜRFEN.</p>
<p>Als würde es um das Recht gehen, gehässigen Blödsinn zu reden. In Wahrheit geht es dem Rechtspopulismus um das Verbot, den gehässigen Blödsinn gehässigen Blödsinn zu nennen.</p>
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		<title>Kapitalismus für DUMMIES (Redux)</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Sep 2010 16:27:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Oder Warum müssen eigentlich alle mitmachen, ob sie es wollen oder nicht?
I
Der alte Spruch „Geld stinkt nicht“ hat natürlich immer noch seine Berechtigung, insofern man es einem Hundert-Euro-Schein nicht anriecht, ob er mit Kaltgetränken oder Kalaschnikows verdient wurde, ob er Teil einer Wahlkampfspende, einer Lohnausgleichszahlung oder eines Manager-Bonus ist. Aber es stimmt auch das beinahe [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Oder Warum müssen eigentlich alle mitmachen, ob sie es wollen oder nicht?</strong></p>
<p style="text-align: center;"><em>I</em></p>
<p>Der alte Spruch „Geld stinkt nicht“ hat natürlich immer noch seine Berechtigung, insofern man es einem Hundert-Euro-Schein nicht anriecht, ob er mit Kaltgetränken oder Kalaschnikows verdient wurde, ob er Teil einer Wahlkampfspende, einer Lohnausgleichszahlung oder eines Manager-Bonus ist. Aber es stimmt auch das beinahe genau so alte Sprichwort: „Hier riecht’s nach Geld“.</p>
<p>Leider riecht es immer lauter und immer obszöner nach Geld, und für besonders feine Nasen beginnt die Unterscheidung zwischen Riechen und Stinken zweifelhaft zu werden. Zum Beispiel so wie bei dem jungen Bankangestellten, der sich Anlageberater nennt und offensichtlich ein kleines Vermögen für die richtigen Krawatten, das richtige Haargel und das richtige Rasierwasser ausgibt. Also, für ihn scheint es das Richtige, für uns Dummies des Kapitalismus, riecht es, wenn es so nach Geld riecht, vor allem laut und obszön.<span id="more-857"></span></p>
<p>Aber dafür sind wir ja auch die Dummies, denen der Anlageberater gerade erklärt, dass unser bisschen Geld, wenn es nur auf seiner Bank herumliegt, sehr schnell seinen Wert verliert, denn dass seine Bank uns überhaupt noch ein, ja vielleicht sogar eineinhalb Prozent Zinsen zahlt, damit sie damit machen kann was sie will, das verdanken wir ausschließlich ihrem Wohlwollen. Man sehe das übrigens schon daran, dass der Anlagenberater ausnahmsweise über Summen mit so wenig Nullen verhandele. Wenn es nach dem Weltmarkt der Finanzen gehe, jedenfalls, so fährt der junge Anlagenberater fort &#8211; von seinem Rasierwasser haben wir Kopfweh, die Krawatte hat unser ästhetisches Empfinden auf Stand By gestellt, und seine Wörterkaskaden haben uns so verwirrt, dass wir ohne weiteres glauben würden, Eidechsenzucht am Nordpol sei das große kommende Ding für mittelständische Investitionen -  wenn es also nach dem Weltmarkt gehe, von dem wir &#8211; der Bankangestellte benutzt natürlich nicht dieses Wort &#8211; wir Dummies offensichtlich keine Ahnung haben, dann müsste man dafür, dass man sein Geld den Bankleuten zur Verfügung stellt, sogar bezahlen. Ich weiß, das klingt absurd, sagt der Anlagenberater nachsichtig, das hat eben mit der Geldpolitik zu tun, und dann kommt er auf die Vorzüge von Immobilienfonds, Aktienpaketen, Obligationen und wertberichtigten, EU-gestützten Warentermingeschäften in Kasachstan zu sprechen. Die tapfersten unter uns Kapitalismus-Dummies sagen dann verzweifelt: Nein, ich will nicht mitspekulieren. Ich will nicht mit Schuld sein an der nächsten geplatzten Imobilienblase, ich will nicht Schuld sein, wenn mit meinem bisschen Geld Existenzen ruiniert, Städte und Landschaften in Profitarchitekturen verwandelt werden. Ich will verdammt noch mal kein Kapitalist werden, nicht einmal im knapp fünfstelligen Euro-Bereich. Die tapfersten unter uns Kapitalismus-Dummies rufen aus: Wir würden ja den Kapitalismus in Ruhe lassen, wenn er nur, bitte sehr, auch uns in Ruhe lassen würde. Ja dann, sagt der Bankangestellte, und angesichts einer schwindenden Bonuszahlung und der mit einem halsstarrigen Kapitalismus-Dummie verlorenen Zeit &#8211; und Zeit ist Geld &#8211; beginnt sein Geld-Geruch sich ins wirklich Üble zu drehen, ja, dann kann ich Ihnen auch nicht helfen. Mit einem Seufzer, teils verzweifelt, teils erleichtert, verlässt der Kapitalismus-Dummie die Bank. Ratlos, was die eigenen paar hart ersparten Euros anbelangt, die er für die Ausbildung der Kinder oder für den so genannten Lebensabend zurücklegen wollte, noch ratloser indessen, gegenüber der Gesamtsituation.</p>
<p style="text-align: center;"><em> </em><em>II</em></p>
<p>Man kann vom Kapitalismus ja halten, was man will. Aber zur Zeit, das muss man schon sagen, übertreibt er’s ein bisschen. Er übertreibt das Aufeinanderfolgen von bedrohlicher Krise und schwindelerregendem Aufstieg. Er übertreibt es mit der Produktion von Superreichtum auf der einen Seite und Armut auf der anderen Seite. Er übertreibt’s mit seinen Blubber-Sprechblasen von Aufschwung und Effizienz und Exportweltmeister. Er übertreibt, wenn er oben ein paar Millionen als Peanuts fallen lässt und unten an den Löhnen, den Renten, an der Bildung und an der Kultur gespart werden muss. Der Kapitalismus übertreibt, wenn er Angela Merkel sagen lässt, <em>wir </em>hätten über unsere Verhältnisse gelebt. Kennen wir nicht allzu viel Leute, die gar keine Verhältnisse haben, <em>über</em> die man auch noch leben könnte? Hat unser geruchsintensiver Bankangestellte nicht eben mit einem grinsenden Bedauern den Lebensplan einer Familie vernichtet, die so dumm war, seinem Ratschlag zu folgen? Der Kapitalismus derzeit übertreibt, wenn er mit Kriegen, Krisen und Katastrophen Profit macht, wenn er Regierungen, Religionen und Rassen für seine Zwecke mobilisiert. Und vor allem übertreibt der Kapitalismus es mit einem totalen Anspruch, noch die kleinste Nische, noch den abgelegensten Winkel der Welt, noch den unschuldigsten Gedanken, noch die Welt von Kindern und Greisen, von Narren und Weisen zu infiltrieren und zu beherrschen.</p>
<p>Globalisierten Neoliberalismus nennt man das wohl, oder Turbokapitalismus, manche sagen auch Spätkapitalismus dazu, weil die zerstörerischen und selbstzerstörerischen Kräfte so ausgeprägt sind, dass auch wir Dummies, die von Eigenkapitalrendite und Hedgefonds nicht die geringste Ahnung haben, das Gefühl bekommen: Das kann auf Dauer nicht gut gehen.</p>
<p><em> </em></p>
<p style="text-align: center;"><em> </em><em>III</em></p>
<p><em> </em></p>
<p>Mögen die Zocker da oben doch mit ihren Millionen und Milliarden spielen, wenn es ihnen dann besser geht, mag sich die eine oder der andere denken, aber könnten sie nicht wenigstens uns in Ruhe lassen? Wenigstens Kindergärten, Universitäten, Krankenhäuser, Bibliotheken, Wanderwege, Eisenbahnen, Murmeltiere und Punkbands von der Frage befreien: Wo liegt der Profit, und wer darf ihn einstreichen? Könnte man dem Kapitalismus nicht insoweit Manieren beibringen, als dass er uns ein verlässlich-stetiges Leben gönnte, wo man es durch fleißige Arbeit zu einem bescheidenen Wohlstand bringen würde, wo man sich nach einem mehr oder weniger erfüllten Leben, zurücklehnen dürfte, wo man sich um Krankheit und Hunger keine Sorgen machen müsste, denn wir fühlten uns in einer Solidargemeinschaft, die der gütige Staat behütet, der für Wohlfahrt und Gemeinwohl sorgt? Wo ein Arzt eine Krankheit heilt, weil er gerne Menschen hilft, ein Philosoph über das Leben, die Liebe und den Tod nachdächte, und ein Künstler nicht superironisch daherkommen muss, weil er seinen eigenen Marktwert zum Thema macht? Wir bräuchten keine Yacht im Mittelmeer und keine tägliche Dosis Kokain, Börsenkurse und Devisenhandel gingen uns am Sitzfleisch vorbei, ein Mischwald wäre uns lieber als ein neues Shopping Center, eine Bank wäre was zum Hinsetzen in der Abendsonne. Wir gingen allerdings bitteschön gern zum Arzt, ohne dass der arme Kleinunternehmer der Heilkunst uns vorrechnet, dass er sich gerade unsere Krankheit gar nicht leisten kann, abrechnungstechnisch, wir hätten gern das Buch eines Menschen gelesen, das es nicht darauf abgesehen hat, ein Millionenseller zu werden, weil Philosophie viel zu kompliziert und positives Denken effizient ist und man auch nicht mehr so viel kritisches Nachdenken braucht, wir würden gerne einmal eine Nachrichtensendung ansehen ohne vorgeschalteten Börsen-Porno. Die besten Dinge im Leben, ein Spaziergang, ein Gespräch über Gott und die Welt, und eben nicht über Geld, das Verliebtsein, das Nachdenken, das Träumen zum Beispiel, kosten sowieso nichts. Deshalb wird es zunehmend verachtet.</p>
<p>Oh, wir Dummies! Wir haben aber auch gar nichts verstanden! Dass Geld bewegt werden muss, und dass der Markt zugleich die irrationale Natur des Menschen und die klarste Rationalität der Zahlen bietet, dass alles andere sowieso noch viel schlimmer ist, und dass, wer so unberaten sein Bankhaus verlässt, selber schuld ist, wenn die Superrendite und das Glück an ihm vorbeigehen. Wir indes, die man auch die kleinen Leute nennt, werden durch unsere Unwissenheit nicht vor der Strafe geschützt. Einst waren wir gute Bürger in einer netten kleinen Demokratie, mit einem, nun ja, etwas anrüchigen Kapitalismus. Wer wollte, konnte sich rausreden, raushalten, rausträumen. Jedenfalls sieht man einem Gartenzwerg die kapitalistische Produktionsweise nicht auf den ersten Blick an. Und ein Bausparvertrag schien der verlässlichste Pakt zwischen dauerhaftem Familienglück und Gesellschaftsinteresse. Bausparverträge sind nicht mehr rentabel und Gartenzwerge von heute halten nicht einmal einen gewöhnlichen Sommer durch.</p>
<p><em> </em></p>
<p style="text-align: center;"><em> </em><em>IV</em></p>
<p>Der Sieg der Ökonomie über alle anderen Bereiche des bürgerlichen Lebens wird am Ende die bürgerliche Gesellschaft selber zerstören, wenn er es nicht schon getan hat. Es gibt Leute, an sehr unterschiedlichen Positionen der Geistesgeschichte, die darüber gar nicht mal so unglücklich sind. Gestört vor allen Dingen ist das Verhältnis zwischen uns Kapitalismus-Dummies und der Regierung. Die scheint in den letzten Jahren ganz offensichtlich auf die Seite der Wirtschaft und ihrer Interessen geschwenkt. Früher versprachen demokratische Regierungen, das Volk vor allzu viel Kapitalismus zu beschützen, heute dagegen scheinen Regierungen vor allem dazu da, den Kapitalismus vor allzu viel Volk zu beschützen. Was aber, könnten wir uns vorstellen, was wäre ein ideales Verhältnis zwischen Regierung und Markt?</p>
<p>Zum Beispiel A) Wenig Staat, wenig Markt. Charmante Idee. Statt uns um Dividenden und tendenziell fallende Profitraten zu kümmern, könnten wir ein gutes Buch lesen oder eine Teeparty im Grünen veranstalten. Und statt um Steuern, Vorschriften und Polizei ging es um Gemeinschaft, Glück und Frieden. Vielleicht dürfte sogar der Rasen betreten werden. Die blanke Anarchie also. Ist nicht unser Ding. Denn das können Sie uns Dummies glauben: Die Herrschaft des Kapitalismus basiert nicht bloß auf der Gier, wie es immer wieder gesagt wird. Sie basiert noch viel mehr auf der Angst. Und wir ahnen tief im Herzen, dass unser Anlageberater auch deswegen so nach Geld riechen muss, weil uns sonst sein Angstschweiß auffiele. Vor lauter Angst schreien wir also zur gleichen Zeit nach beidem, nach dem Staat und nach dem Markt, ob das nun ein Widerspruch in sich ist oder ein fieser Fall von abgekartetem Spiel.</p>
<p>Große anarchistische Weltentwürfe gibt es daher in aller Regel höchstens im tückischen Doppelpakt mit religiösen, tyrannischen und terroristischen Modellen. Es gab die verrückte Idee, man könne die Menschen zum Gutsein und zur Freiheit zwingen, notfalls mit Gewalt. Sie ist glücklicherweise hierzulande etwas aus der Mode gekommen. Stattdessen erlaubt sich der Markt kleine Anarchismen, die die fatale Eigenschaft haben, früher oder später vom Mainstream aufgesogen zu werden: Underground, Pop, Subkultur, Internet-Aktivismus, Do-It-Yourself-Punk, Ghetto, Kunst. Am Ende ist das alles wieder ein Label, das den immer gleichen Leuten Geld bringt. Der Turbokapitalismus scheint seine eigenen Anarcho-Szenen zu erzeugen und sie zugleich auszubeuten; mit dem Neoliberalismus kommen auch diese in die Krise. Symptome dafür sind die Krise der Pop-Kritik oder das öffentliche Widerrufen der Internet-Heilserwartungen durch ihre ernüchterten Propheten. Vielleicht hätten wir es ahnen sollen, meinen sie, statt der erwarteten elektronischen Demokratie bekamen wir den semantischen Müll der Marktwirtschaft. Naja, demnächst erfinden wir wieder neue Medien.</p>
<p>Versuchen wir es also B) mit etwas anderem. Viel Staat, wenig Markt. Der Staat, der die Menschen vor dem Markt schützen soll und der dabei, aus inneren wie äußeren Gründen, die Finger von terroristischen Mitteln nicht lassen kann, weil ihm sonst die Menschen abhanden kommen (eine Mehrheit in Richtung Konsum, eine Minderheit in Richtung „Freiheit“, was immer das sein mag), scheint eine wundersame Mischung aus Verblödung und Brutalität auszubilden. Diese extreme Lösung gilt mit dem Realsozialismus als „zusammengebrochen“ – bis auf kleine, sehr unangenehme Areale. Menschen, die keinen Markt haben, scheinen unzufrieden und grau. Wer Kritik am Kapitalismus wagt, muss hierzulande stets beteuern, dorthin wolle er gewiss nicht zurück. Und natürlich wissen auch wir Dummies: Wer sich vor zu viel Kapitalismus fürchtet, sollte nicht ausgerechnet auf den Staat als Institution des Vertrauens setzen. Und zu viel Markt scheint uns immer noch ein kleines bisschen menschlicher als zu viel Staat.</p>
<p>Bleibt Variante drei: Wenig Staat, viel Markt. Der Staat soll sich aus den Privatsachen möglichst heraus halten, vor allem aber aus den privaten Geschäften. Der Markt regelt alles prächtig, ungefähr so wie Fahrpläne und Reisekomfort bei der Deutschen Bahn.</p>
<p>Wenn aber der Markt alles regelt, was er übrigens nicht tut, wie jeder weiß, der sich schon mal im Wald verlaufen oder in den falschen Menschen verliebt hat, dann bleibt die Frage: Wer zum Teufel regelt dann den Markt? Denn das glaubt ja nun auch der dümmste Dummie nicht, dass es ohne äußeres Zutun gerecht oder auch nur halbwegs zivilisiert auf dem Markt zugehen würde. Irgend jemand muss auch einem Al Capone sagen, dass man mit Menschen, Mord und Morphium nicht genau so handeln kann wie mit Brillianten und Schnürsenkeln. Und irgendwer sollte der Deutschen Bahn&#8230;, aber das ist eine andere Geschichte.</p>
<p>Dann ist nur noch eine Variante übrig, nämlich viel Markt in einem starken Staat, der dafür sorgt, dass möglichst alle was davon haben, und der Markt nicht den Rest der Welt kaputt macht und sich die Anzahl von Obdachlosen und Amokläufern in kontinentaleuropäischen Grenzen hält. Irgendwann, bilden wir Dummies uns ein, gab es einmal so genannte Sozialdemokraten, die so etwas ähnliches im Sinn gehabt haben müssen. Aber dann ist ihnen was dazwischen gekommen und sie haben sich’s anders überlegt. Nun soll sich das ganze immerhin ein bisschen ausbalancieren; wenn Krise ist, ist der Staat da, wenn der Laden läuft, kümmert er sich um sich selbst, da gibt es genug zu tun. Aber der Keynesianismus, die „soziale Marktwirtschaft“, der rheinische Kapitalismus, dieser Kapitalismus mit menschlichem Antlitz, der sich um uns Öko-Dummies nicht weiter gekümmert hat, das alles hat zwei Nachteile. Er muss in erheblichem Maße verwaltet werden, kann also nur von einem wohlhabenden und wohlmeinenden Staat mit einem Heer von Beamten garantiert werden, die nicht alle so gemütlich aussehen wie einst Heinz Erhardt. Und es ist langweilig.</p>
<p style="text-align: center;"><em>V</em></p>
<p>Wir Dummies des Kapitalismus haben nämlich mitgelacht, als es schick wurde, über Bausparverträge, Gartenzwerge und Gewerkschaftsabende zu lachen. Auch uns erschien der zivilisierte Kapitalismus zu verschnarcht, auch wir wollten ein bisschen Sex &amp; Drugs &amp; Rock’n’Roll, ja, wir durften uns ein bisschen amüsieren, und dafür sollten wir es nicht mehr so genau nehmen mit Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit. Oder anders gesagt, mit der Demokratie als moralischer Regelung des Marktes.</p>
<p>Und so ist schließlich entstanden, was schlecht gelaunte Soziologen die Postdemokratie nennen. Für uns Dummies sieht das, grob gesagt so aus, dass sich die Regierung zwar immer noch vom Volk wählen lässt, aber keine Lust mehr hat, dieses Volk gegen den, wie sagt man: „deregulierten“ Markt zu beschützen. Auch in den Regierungen riecht man jetzt das Geld, bei den einen mehr und bei den anderen weniger. Nicht, dass Politiker vorher Engel oder auch nur Ehrenmenschen gewesen sein mussten. Aber hätten sie früher so gestrahlt, wenn sie verlautbaren: „Der Wirtschaft geht es gut“, und damit meinen, dass es eher zweitrangig ist, wie es den lästigen Menschen dabei geht, Hauptsache sie haben genügend Fernsehen, zahlen Steuern, machen sich statistisch gut und mucken auch sonst nicht auf? Nein noch etwas: Mitmachen sollen sie, und das nennt die postdemokratische Regierung sehr schön „Eigenverantwortung“.  Das heißt, der anständige Bürger kann nun nicht mehr wie im guten alten Gartenzwerg-Kapitalismus ein bisschen sparen und ein bisschen fürs Sparen belohnt werden, sondern er muss sein kleines Geld dem großen Zocker-Kapital einverleiben, vielleicht hat er ja Glück. Wir sind Kapitalismus heißt die Parole. Mitgegangen, mitgehangen. Ihr wollt es doch auch, ziert euch nicht so. Und darum darf man jetzt die Dummies des Kapitalismus auch Dummies nennen. Sollen sie doch Marx und Kant lesen bis sie sich nicht mal mehr eine Fiehlmann-Brille leisten können. Und keine Ahnung, warum sie gestern hätten in Goldreserven einsteigen sollen!</p>
<p><em> </em></p>
<p style="text-align: center;"><em> </em><em>VI</em></p>
<p>Jetzt also kann man sehr genau sagen, warum wir Dummies die Dummies des Kapitalismus sind. Weil es nämlich zum Mitmachen keine Alternative gibt. Nur eben: Man kann nicht mal mehr Pausen machen, man kann sich vom Kapitalismus nicht ausruhen, man kann sich von ihm nicht zurückziehen, seit einiger Zeit.</p>
<p>Und das kam tückischerweise genau durch eine so genannte Krise zustande, von der wir Dummies natürlich langsam den Eindruck gewinnen, es handele sich um einen gewaltigen Trick, mit dem Regierung und Kapital die Umverteilung von unten nach oben beschleunigen.</p>
<p>Trotzdem scheint eine breite Strömung in unserer Kultur die Rückverlagerung von Turbokapitalismus zu „netten rheinischen Kapitalismus“ zu verlangen, eine (neuerliche) Umwandlung des „Marktradikalismus“ in einen keynesianisch regulierten und weniger aggressiven „Kapitalismus mit menschlichem Antlitz“. Ein bisschen wenigstens. Eine beinah gleich breite Strömung möchte genau das Gegenteil, den Neoliberalismus für alle. Die Akzeptanz des „amoralischen“ Verhaltens nicht nur oben, sondern auch unten, und schließlich gar in der guten Mitte. Nach einer Renaissance des Staatssozialismus, vielleicht auch in netterer Form, sehnen sich nur Minderheiten, und ebenso wenige sind es, die auf das nächste Projekt der anarchistischen Subversion hoffen – vielleicht in Form einer Gegenkultur der Transhumanen und Androiden oder doch einer hippen Organisation von uns Kapitalismus-Dummies. Wir laden ein zur öffentlichen Verbrennung der FAZ-Wirtschaftsseiten! Wir rufen den geldfreien „Laß Stecken“-Tag aus. Wir betreten den Rasen der Deutschen Bank! Und wir spielen bissige Lieder über den Kapitalismus, bis der nicht so wohlriechende Kundenberater aus seiner Bank tritt und murmelt: „Weicheier! Kindsköpfe!“</p>
<p>Und recht hat er, der Arme. Wissen Sie, was so eine Krawatte, so ein Aftershave kostet? Doch wie auch immer, unsere Kultur wird von einer Notwendigkeit geplagt, der gegenüber sie nur bedingt abwehrbereit ist: Sie muss nicht nur kapitalistisch denken. Sie muss auch, nach langer Zeit mal wieder, den Kapitalismus denken. Weil es ja sonst niemand mehr tut. Das macht sie in der ihr eigenen Art, hysterisch und seriell. Nicht allein mit der halben Million von Büchern, die erklären, wer schon immer alles über die Krise wusste, sondern auch in jener tastenden Suche, die bis hinein in Songtexte und Soap Operas führt: Was tun? Wie weiter? Und ist die Welt wirklich nur alles, was der Markt ist?</p>
<p><em> </em></p>
<p>Die Produktion der Mitschuld ist paradoxerweise noch deutlicher als bei den kleinen Gruppen der Gewinner bei der großen der Verlierer zu sehen. Wer wenig Geld hat, der ernährt sich bei den großen Zwangsernährungsfabriken der Discounter, die die Landwirtschaft im Preiskampf ruinieren und die Zutaten-Phantasie der Tütennahrungshersteller und die Gewinnoptimierung von Gammelfleisch anregen, der kleidet sich bei den Textilmärkten, die ihre Tiefstpreise und Schnäppchenware auf Arbeitsmärkten fertigen lassen, auf denen das Leben eines Kindes nicht viel mehr wert ist, als ein T-Shirt, der richtet sich sein Eigenheim im 1-Euro-Laden ein, in denen der globale Schund zirkuliert. Den postdemokratischen Staat freut’s, der, wie gesagt, schon längst seine Wirtschaft mit seinem Volk verwechselt, denn das Tiefpreissegment unserer Spaßgesellschaft hält jene Leistungen niedrig, die der Staat für seine von der Wirtschaft verschmähten oder sonst wie ausgesonderten Kinder bereitstellen muss. Da ist die Lebensqualität Hartz 4 geteilt durch Lidl plus Wahlkampf. So zwingen der Staat und die Mega-Konzerne neben der schrumpfenden Mittelschicht, die verzweifelt versucht, die Früchte ihrer Arbeit in Sicherheit zu bringen, auch die neue wachsende Unterschicht zur moralischen Komplizenschaft. Wer ein bisschen hat, der muss sein Geld ins Verderben stecken, und wer nichts hat, der bekommt das Verdorbene. Natürlich schön bunt verpackt.</p>
<p style="text-align: center;"><em>VII</em></p>
<p>Mit jeder seiner Krisen breitet sich der Kapitalismus weiter aus, in der Welt, in den einzelnen Gesellschaften wie letztlich in den inneren Topografien des Subjekts. Mit jeder Krise zwingt der Kapitalismus der Regierung und der Kultur mehr von sich selber auf; es ist an nichts anderes, so scheint’s, mehr zu denken. Die Krise macht die Kapitalisten reicher und die Regierungen ärmer, die Regierten werden noch weiter nach unten und nach oben gedrückt; unwiderstehlich zieht die Krise das Geld und die Macht von unten nach oben, vor allem aber ergreift in ihr und nach ihr der Kapitalismus Lebensbereiche und Gesellschaftsschichten, die vordem noch halbwegs geschützt waren, Alm-Öhis, Schrottplastiker und Gutmenschen inbegriffen. Um die nötigen Ressourcen für das Weiterspielen zu bekommen, werden Menschen zum Dasein als Marktsubjekte gezwungen, die subjektiv oder objektiv gar nicht in der Lage dazu sind, die Spielregeln zu erkennen. In etwas besseren Zeiten hätte man das einfach Betrug, Ausbeutung, Korruption und Räuberei genannt. Aber wen nenne ich Räuber in einer räuberischen Gesellschaft, wen Betrüger in einer Welt, die nach dem Erfolg fragt, und nicht nach den Mitteln, mit denen er erzielt wurde? Die Antwort des Kapitalismus auf seine Krise ist es, neben noch mehr Opfern noch mehr Mitschuldige zu schaffen.</p>
<p><em> </em></p>
<p>So oder so ähnlich schimpft er, der Kapitalismus-Dummie, wenn er aus der Bank kommt und den schneidenden Geruch des Geldes loszuwerden versucht. Es nutzt ihm nicht viel. Und dann immer dieses Gefühl: Vielleicht bin ich ja doch nur zu blöd für den Kapitalismus. Und mir geschieht es ganz recht, wenn mein bisschen Geld, das ich nicht zum Anschaffen auf die Finanzplätze und Immobilienmärkte schicken will, seinen Wert verliert. Die ökonomisierte Welt kommt viel besser ohne uns Kapitalismus-Dummies aus als wir ohne sie. Vielleicht sollte ich doch noch mal einen Termin mit dem Anlageberater machen. Lernen, sich nicht mehr zu beklagen und den Geruch des Geldes zu lieben. Zur richtigen Espresso-Sorte die Financial Times lesen. Weil aussteigen – aussteigen lässt uns dieser Kapitalismus nicht mehr.</p>
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		<title>Für ein Hynkel-Soziologie-Seminar in Berlin</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Aug 2010 17:23:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[„Die Thesen von Thilo Sarrazin zu Bildung und Zuwanderung sollte man diskutieren, nicht den Autor verteufeln“, schreibt Necla Kelek in der F.A.Z. Na, Bravo! Vielleicht sollte man auch noch mal die Ansprachen eines gewissen Hynkel, alias Charles Chaplin aus „The Great Dictator“ (Sie erinnern sich: „Sauerkraut mit de Wiener Schnitzel. Und de Jüden! Ah, de [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Die Thesen von Thilo Sarrazin zu Bildung und Zuwanderung sollte man diskutieren, nicht den Autor verteufeln“, schreibt Necla Kelek in der F.A.Z. Na, Bravo! Vielleicht sollte man auch noch mal die Ansprachen eines gewissen Hynkel, alias Charles Chaplin aus „The Great Dictator“ (Sie erinnern sich: „Sauerkraut mit de Wiener Schnitzel. Und de Jüden! Ah, de Jüden!“) dahingehend befragen, ob man sie nicht diskutieren müsse, statt darüber zu lachen. Und die BILD, scheinheilig wie immer: „Alle gegen Sarrazin!“. Das ist gemein! Alle gegen Hynkel, auch gemein. „Der Eindruck drängt sich auf, hier solle eine überfällige Debatte mit den bewährten Begriffen wie Rassismus und Populismus kontaminiert werden“. Schreibt Frau Kelek, die eine Soziologin in Berlin ist. Vielleicht möchte sie ein Sauerkraut-und-Wiener- Schnitzel-Seminar einrichten, um zu beweisen, dass man Rassismus und Populismus ganz übel kontaminiert, wenn man sie bewährterweise „Rassismus“ und „Populismus“ nennt. Oder Sauerkraut „Sauerkraut“.</p>
<p>Heil Hynkel, Frau Kelek, und frohes Schaffen noch, wenn Sie mit Thilo Sarrazin „die Diskussion um Armut aus der materiellen Abhängigkeit befreien“ möchten. Wo die Armut doch eindeutig in den Genen liegt.</p>
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		<title>Schon wieder: Sitten- und Sinnverfall der intellektuellen Debatte</title>
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		<pubDate>Tue, 17 Aug 2010 00:35:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>„Die Linke, die sich zu verlieren drohte, rückt gegen den gefährlichen Indianer da draußen zusammen. Aber vielleicht wollte Sloterdijk genau das, uns den reaktionären Reduktionismus einer überlebten geistigen Formation, einer Schwund-Linken vor Augen führen“, so endet eine, nun ja, Rezension des Bändchens „Angriff der Leistungsträger?“ Das Buch zur Sloterdijk-Debatte in der F.A.Z., in der der Autor, Wolfgang Kersting, mir, der ich das Buch noch nicht gelesen habe, konsequent verweigert, eines der Argumente darin, die es ihm offensichtlich zu zerfetzen Herzensangelegenheit ist, einmal vorzustellen. Schreibt man jetzt so? Behauptet man einfach, „nahezu alle Texte unterbieten das Niveau ihres Anlasses eklatant“ ohne diesen Texten die Chance zur Selbstverteidigung zu geben? Oder gilt nicht nach wie vor, dass man jemandem, der Blödsinn schreibt den Blödsinn auch nachweist, bevor man es Blödsinn nennt?  Und gälte es nicht sowieso, durch einen Zeitungsartikel, nur zum Beispiel, Feuer und Vergnügen in eine Debatte zu bringen, statt bloß ein Weltbild zu rahmen?<span id="more-835"></span> Und ganz nebenbei: Man kann von Sloterdijk ja halten was man mag, aber wenn er seine doch nicht unbeträchtlichen Textmengen produzierte, um irgend jemand den reaktionären Reduktionismus der Schwund-Linken vor Augen zu führen, dann, ja dann hätte man doch lieber ein paar Bäume geschont, die der Papiergewinnung zum Opfer fielen.</p>
<p>Der Opportunismus, hat Oskar Negt gesagt, ist die Geisteskrankheit der Intellektuellen. Es gibt noch eine zweite. Es ist diese fade Respektlosigkeit voreinander, dieser eklatante Mangel an Neugier aufeinander, diese eigentliche Unlust am Disput.</p>
<p>Gegen seine Feinde, da kann er sich ja wehren, der Sloterdijk, auch nicht gerade mit den sympathischsten und anregendsten Mitteln, wie mir scheint. Aber an seinen „Freunden“, da erstickt man leicht.</p>
<p>So wie die Politiker durch ihr Verhalten an der von ihnen beklagten „Politikverdrossenheit“ schuld sein können, so können die Intellektuellen am Anti-Intellektualismus schuld sein. Denn es geht ja nur einerseits darum, das richtige zu sagen, wenigstens das vorläufig richtige, wenigstens das interessante oder eigenwillige, das kritische und widerständige; zum anderen aber geht es darum, zu zeigen, wie man miteinander redet, wie man miteinander umgeht, wie man, zum Beispiel während man gerade entgegengesetzte Positionen vertritt, einem gemeinsamen Ziel verpflichtet wäre, der Suche nach der Wahrheit – von der wir wissen, dass niemand sie „haben“ kann. Dass es eine Schönheit des geistigen Streits geben kann, das kann man doch nicht mit einer Mischung aus Bildungshuberei und Besserwisserei vermitteln, das kann man nur, wenn man sich gegenseitig ernst nimmt, und wie bei einem Boxkampf alter Schule (ist ja leider auch nicht mehr, was es einmal war), edle Regeln einhält.</p>
<p>Ich gebe ja zu: Die „Schwund-Linke“ wird ihre Gegner durch gnadenlose Höflichkeit kaum eines besseren belehren können. Sie möchten halt zu gerne beides: Dass das Pferd tot ist, und dass sie es trotzdem noch schlagen dürfen. Merkwürdigerweise geben sie gerade durch diese doppelte Verneinung zu erkennen, wie wenig sicher sie sich ihrer Sache sind.</p>
<p>Wonach ich mich als Schwund-Linker gelegentlich sehne: nach ehrbaren Gegnern.</p>
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		<title>Früher war alles besser</title>
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		<pubDate>Mon, 16 Aug 2010 10:06:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Wenn coole Leute Kritik hören, die sie nicht hören wollen, dann setzen sie eine Sonnenbrille und ein überlegenes Grinsen auf und sagen: „Ja, ja! Früher war alles besser!“. Sie unterschlagen damit den Gegenstand der Kritik (egal auf welchem Niveau und aus welcher Perspektive), nämlich dass es (was immer es ist) seit früher nicht im versprochenen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn coole Leute Kritik hören, die sie nicht hören wollen, dann setzen sie eine Sonnenbrille und ein überlegenes Grinsen auf und sagen: „Ja, ja! Früher war alles besser!“. Sie unterschlagen damit den Gegenstand der Kritik (egal auf welchem Niveau und aus welcher Perspektive), nämlich dass es (was immer es ist) seit früher nicht im versprochenen bzw. möglichen Maße besser geworden ist. Denn früher war in der Tat insofern immer alles besser, als ja noch mehr Möglichkeit, noch mehr „Zukunft“ war.<span id="more-826"></span></p>
<p>Die sarkastische Wendung restauriert den ansonsten glücklicherweise nicht mehr so einfach zu setzenden Fortschrittsglauben in der Negation, ganz so als wäre alle Kritik, die sich historisch verortet, notwendig schon konservativ, wenn nicht gar reaktionär.</p>
<p>Von der Philosophie hat Max Horkheimer einmal gesagt, sie sei die gedankliche Anstrengung, sich nicht dumm machen zu lassen. Er trennte also ein philosophisches Subjekt von der Kraft des Dumm-Machens. Ja, da scheint in der Tat früher etwas besser gewesen zu sein.</p>
<p>Die Dummheit hat sich nicht nur immer tiefer in den Körper der Gesellschaft sondern auch in den Einzelnen gefressen; offensichtlich ersetzt diese allgemeine Dummheit (von der speziellen wollen wir gar nicht reden, jedenfalls nicht in diesem Zusammenhang) den Gesellschaftsvertrag: Demokratie scheint derzeit nichts anderes zu bedeuten als dass wir mehr oder weniger alle gleich dumm sind.</p>
<p>Die Philosophie derzeit also muss zugleich tiefer ansetzen und radikaler sein. Sie fragt nach den inneren und äußeren Kräften des Dumm-Machens (ohne archimedischen Punkt, natürlich).  Es ist die Frage, die sich offensichtlich früher besser stellen ließ (oder gab es einfach nur bessere Antworten?): Nämlich, ob Menschen so weit dumm gemacht werden können, dass sie nicht nur die Freiheit, sondern die „Freiheitsfähigkeit“ selber verlieren.</p>
<p>So ist Philosophie ganz entschieden zu wichtig, um sie den Philosophen zu überlassen. Sie gehört auch nicht dem Überschuss an, sie ist kein Freizeitvergnügen und keine Unterhaltung (dazu ist sie, unter anderem, auch zu schön), sondern Teil des alltäglichen Kampfes um die Freiheit, die man zwar nicht abschaffen kann, wohl aber unnütz machen. Der vom Markt geregelte Mensch hat einerseits genau die Freiheit, die er nicht anwendet. Sie ist ein gesellschaftlicher Schatz, der nicht angerührt werden darf. Er muss zwangsläufig die Freiheit des Marktes mit der Freiheit des Menschen verwechseln; er hält sich für frei genug, zwischen Dutzenden von Fernsehprogrammen und einem halben Dutzend von „Parteien“ zu wählen.</p>
<p>Es gibt zwei Bruchstellen in der Gesellschaft des Dumm-Machens. Die eine ist die wachsende soziale Ungerechtigkeit. Niemand vermag zu sagen, wo die Mischung von Apathie und sektorialer Gewalt (Kriminalität und Schattenherrschaft) in den Bürgerkrieg umschlägt. Die andere aber ist der permanente Versuch der Ökonomie und der Regierung, das Dumm-Machen über jenen Punkt hinaus zu treiben, da die Kantsche Verpflichtung des Menschen zur Freiheit auf dem Spiel steht.</p>
<p>Eben hier treffen sich die soziale und die philosophische Erhebung. Es ist die Philosophie (Kritik, Theorie und Diskurs), welche allein verhindern könnte, dass sich der Aufstand gegen die soziale Ungerechtigkeit als schierer Terror ereignet, und dass sich die Postdemokratie gleichsam nahtlos in eine neue Form der Diktator fortsetzt (wir müssen nicht weit sehen, um zu beobachten wie das geht). Das Dumm-Machen muss als eine Form der Gewalt erkannt werden, die eine menschliche, humane und aufgeklärte Gesellschaft nicht dulden kann.</p>
<p>Früher war alles besser? Vielleicht insofern sich das Dumm-Sein vom Dumm-Gemacht-Werden unterscheidet, und dieses vom Dumm-Gemacht-Werden-Wollen.</p>
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