DIE EINSCHLÄGE KOMMEN NÄHER (2)

„Pressekrise“ gibt es beinahe überall auf der Welt. Und überall ist ganz gewiss nicht allein „das Internet“ daran schuld, sondern auch ein Diskurswechsel in der politischen Ökonomie und im „kulturellen Klima“, wie man so sagt.

Die Beispiele Ukraine und Griechenland haben es schmerzlich gezeigt: Wir verfügen nicht mehr über das demokratische Instrument einer „freien Presse“. Es geht dabei nicht um eine hegemoniale „Meinung“, die einmal entsteht, wenn Volk und Regierung sich gleichsam rauschhaft einigen (so etwas pflegt in aller Regel beim „Ausbruch“ von Kriegen stattzufinden, und wenn wir das gerade beobachten, lässt es sich möglicherweise auch als Symptom dafür verstehen, dass hier wie dort das Empfinden vorherrscht, sich in einem kriegsähnlichen Zustand zu befinden); vielmehr geht es um einen strukturellen Wandel, der uns als „Zeitungskrise“ und Modernisierungsproblem bei der Digitalisierung verkauft wird.

In Wahrheit geht es um einen fundamentalen Wandel der publizistischen Öffentlichkeit in einem Klima, das man als „post-diskursiv“ bezeichnen könnte. An die Stelle der Verhandlung von Werten, Absichten und Zielen sind die Abgleichungen von Geschmacksfragen getreten.

Alle fundamentalen Impulse des Menschen sind dem Wandel unterzogen: Die Arbeit, die Liebe, die Familie, die Kritik, die Schönheit, die Freiheit, die Vernunft …

Das Wesentliche ist nicht, dass alle diese Begriffe unter geänderten Bedingungen etwas anderes bedeuten; das, natürlich, haben sie immer getan, in der dialektischen Beziehung zwischen Diskurs und Praxis. Das Wesentliche ist vielmehr, dass sie anders bedeuten, dass die Funktion der Diskurs-Attraktoren eine andere wird. Weiterlesen

Geheimprojekt Freihandelsabkommen

Sigmar Gabriel ist zweifelsfrei ein Meister der politischen Rhetorik. Er regt sich über die Kritiker des im Geheimen verhandelten Freihandelsabkommens zwischen den USA und der EU auf, die ja gar nicht wissen können, worüber da verhandelt wird. „470 000 Menschen haben gegen etwas unterschrieben, was es noch gar nicht gibt.“ Wir sind aber auch Dummies. Warum warten wir nicht ab, bis es das TTIP gibt und unterschreiben dann! Eine Abdankungsurkunde für den angeblichen Souverän der Macht in der Demokratie vielleicht?

„Hört endlich auf, Lügen zu verbreiten!“ schmettert er uns entgegen. Das sollten wir uns von einem „Sozialdemokraten“ wirklich nicht zweimal sagen lassen. Sagen wir also die reine Wahrheit: Was dem Volk nicht mitgeteilt wird, darüber soll es sich auch nicht das Maul zerreißen!

Was immer an Konflikten und Gefahren aus politischen und ökonomischen Handlungszentren öffentlich ruchbar wird, es folgt mit hoher Präzision und Wahrscheinlichkeit die große mediale Glocke, die darüber gestülpt werden soll. Weiterlesen

Nachschriften zu „Kapitalismus als Spektakel“

Im „alten“ Kapitalismus galt immerhin als ausgemacht: Die Finanz-Spekulation war ein Sektor des Lebens, an dem ein gewisser Teil der Bevölkerung, ein wohlhabender und mehr oder weniger professioneller, mitspielen konnte oder auch nicht, und auf dem man hohe Gewinne erzielen und genau so auch alles verlieren konnte. Bürgerliche Biographien zeichneten sich durch Brüche aus: Jemand hatte spekuliert und verloren, während ein anderer noch reicher geworden war (und vielleicht das Verlieren der nächsten Generation überließ). Industrie und Handwerk, Fleiß und Bescheidung im Kleinbürgertum, schienen davon nicht betroffen. In unserem Buch „Kapitalismus als Spektakel“ schilderten wir einen Paradigmenwechsel zu einem „neuen“ Kapitalismus, in dem das Geld noch aus den allerbescheidensten Lebensumständen, die Altersvorsorge, das kleine Erbe, die bescheidene Rücklage, das Geld, mit dem man möglicherweise dem Nachwuchs ein Studium finanzieren wollte, die Sicherung des Minibetriebs und der Ich-AG etc. zwangsweise in Spekulationskapital verwandelt. Der Finanzkapitalismus besorgt sich dieses frische Spielgeld mit der tätigen Hilfe der zwei bis drei derzeit größten Blödmaschinen, nämlich des postdemokratischen Staates und seiner Rhetorik der Ökonomisierung, der populären Medien, die den Finanzkapitalismus in ein Entertainment-Format und eine Reality-Show verwandeln, und schließlich eines Experten- und Ratgeber-Karussels, das für die geschmeidige Verbindung von beidem sorgt. Wer sich dagegen wehrt, dass seine „Spargroschen“ unbarmherzig zum Börsenspiel verzockt werden (oft genug bemerkt man diese Enteignung nicht einmal, weil sie hinter den Bürotürmen der Versicherungen und Banken verborgen bleibt), der wird sie verlieren. Weiterlesen

Nachschrift zu den „BLÖDMASCHINEN“ (9)

HAZ-Hetze oder: Die Fabrikation der Stupidität

(Gesendet im „Nachtflug“ von Radio Flora, 11.6.2012)

In der Nacht vom 6. auf den 7. Juni, wurde in Hannover ein Brandanschlag auf Militärfahrzeuge verübt. Auf dem Gelände des Dienstleistungszentrums der Bundeswehr brannten 6 LKW, 3 VW-Busse und 4 PKW. Die Täter  kannten sich erstaunlich gut aus: Sie überwanden den Zaun an einer Stelle, der von den Überwachungskameras nicht erfasst werden konnte und sie schlugen exakt zu einem Zeitpunkt zu, als eine Flotte fabrikneuer Fahrzeuge für eine Nacht auf dem Platz abgestellt war. So die Presse. (HAZ-Online. 7.6.2012)

Zwei Tage später ging bei mehreren Medien ein anonymes Bekennerschreiben ein, von dem die Polizei den Eindruck habe, dass es authentisch sei – wie es hieß. Weiterlesen

Das Imperium lässt zurück schlagen

Wir werden, wohin wir auch kommen, auf die substanz- und würdelose „Kritik“  des „Econotainment“-Buches durch Johan Schloemann in der Süddeutschen Zeitung * angesprochen. Um eine solche „Buchkritik“ zu begreifen, muss man sich vermutlich nur die erste Viertelseite des Vorworts ansehen, und man mag zu dem Schluss kommen: Das Imperium lässt zurückschlagen.

„Dass an Anti-Kapitalismus, wie Slavoj Zizek meint, derzeit kein Mangel herrscht, ist das eine. (Eine „Überflutung durch Kritiken an den Schrecken des Kapitalismus“ ist freilich wohl nicht an allen Ecken und Enden von Kultur und Gesellschaft gleichermaßen zu diagnostizieren; man könnte wohl sagen, diese mehr oder weniger feuilletonistische Kritik werde eben überall dort eingesetzt, wo sie dem System garantiert keinen Schaden verursacht). Das andere ist, dass diese Kritik in aller Regel zu einer Forderung führt, diesen „wild gewordenen“ Kapitalismus zu „zügeln“. Wer oder was wäre dazu in der Lage, wenn nicht der Staat? Doch dieser Staat, die liberal-demokratischen (oder doch schon postdemokratischen) Regierungen, haben sich nicht nur entschieden, in der Krise für das Finanzsystem und gegen die Menschen zu handeln, sie waren auch und gerade in ihrer mehr oder weniger „sozialdemokratischen“ Form, maßgeblich an den Entwicklungen dieses „wild gewordenen“ Neoliberalismus beteiligt. Und nicht viel anderes können wir für jene Medien konstatieren, die „eigentlich“ die Aufgabe hätten, mehr als gerade einmal die „Auswüchse“ des Systems zu kritisieren. Feuilletonistischer Anti-Kapitalismus führt zielgerichtet ins Leere und darf deshalb nicht bloß ein Vokabular benutzen, für das man als tätiger Anti-Kapitalist vor Ort ins Gefängnis kommen kann, sondern in einer hybriden ironisch-gebildeten Volte auch an die allzu lang verschmähten Klassiker des Sozialismus, jedenfalls mal an Marx und Engels, anzuknüpfen. Es kostet ja nichts.“

Offensichtlich soll man so etwas im deutschen Diskurs-Zirkus nicht ungestraft sagen. Die „bürgerlichen“ Medien an ihre Aufgaben zu erinnern, ihnen gar ein Versagen, eine Mitschuld an den herrschenden Zuständen zu geben, ihren Opportunismus zu kritisieren, zu erwägen, dass nicht die Bild-Zeitung an allem Schuld ist, und das schreckliche „Unterschichtfernsehen“, sondern die gehobenen Medien bürgerlicher Bildung und Selbstverständigung – eine Süddeutsche Zeitung kostet heute auch schon 2 Euro und zwanzig Cent: Die echten Verlierer können sich das schon lange nicht mehr leisten, in der Bibliothek werden die Zeitungen auch immer knapper – als Blödmaschinen zur Erzeugung der „kleinen Unterschiede“ (und der kulturellen Grabesruhe) vorführen – das geht zu weit. Touché! Was wollen wir mehr? Der clevere Teil des Imperiums schweigt, und irgendein Dummer eben schlägt zurück.

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Man merkt vielleicht: Ich ärgere mich trotzdem über die Abwertungskritik, so sehr man uns auch versichert, sie sei doch auch selber Beleg für unsere Thesen von den umfassenden Verblödungsmechanismen. Und  noch mehr ärgert es mich, dass es mich überhaupt ärgert. Weiterlesen

Preiskreis

Klasse! Necla Kelek, unsere „Islamkritikerin“ vom Dienst, bekommt erst einmal einen „Freiheitspreis der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit“, hält dann in der Frankfurter Paulskirche (wie war das mit dem „Besetzen“ der Begriffe und Räume des Gegners in der postmodernen Rhetorik?) eine Dankesrede, und bekommt gleich für diese Dankesrede den nächsten Preis, diesmal von der bundesweit tätigen Denkfabrik namens „re:publik – Institut für Zukunftspolitik“, und zwar als „Bester Redner“ (als „Bester Redner“ wird Christian Lindner, der Generalsekretär der FDP ausgezeichnet; Sigmar Gabriel war auch schon dran, und Jürgen Trittin hat die Laudatio gehalten, ja, das nennen wir eine Demokratie). Wer oder was ist aber das Jede Postdemokratie hat die politische Kultur, die sie verdient. Es bedarf einer politischen Unkultur, um die Verwandlung von Demokratie in Postdemokratie zu bewerkstelligen. Institut für Zukunftspolitik? Wir erfahren, abgesehen davon, dass es regelmäßig ein „Journalistenfrühstück“ gibt (die Jungs kriegen sonst aber auch wirklich nichts zu beißen!) zumindest mal, wer bislang zu den Sponsoren von re:publik (ein junger, innovativer think tank, der sich für eine zukunftsfähige Politik in Deutschland einsetzt) gehört: Deutsche BP, Deutsche Post AG, Außenministerium der Republik Österreich, Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung der Republik Österreich, Bundesministerium für Bildung und Forschung der Bundesrepublik Deutschland, Bundesarbeitsgemeinschaft der Berufsbildungswerke (BAG BBW), Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V.. Sagen wir mal: Nicht gerade der Club der lauteren nichtkommerziellen Philanthropen. Weiterlesen

Projekt der Selbstauflösung des guten Bürgertums in Deutschland

Das Projekt der Selbstauflösung des guten Bürgertums in Deutschland ist auch an scheinbaren Kleinigkeiten abzulesen. Manche von ihnen lösen indes dieses „Man fasst es einfach nicht“-Gefühl aus, Da druckt die Süddeutsche Zeitung doch glatt eine Anzeige der „Jungen Freiheit“, dem publizistischen U-Boot der Rechtsextremen, und als engagierte Menschen in einem Brief dagegen protestieren, wird das einfach ignoriert. Ja, hören denn Demokratie und Humanismus jetzt schon bei so wenig Geld auf?

Dass bei Amazon.de der Thilo Sarrazin die Verkaufsliste anführt, das wundert nicht so sehr. Aber man reibt sich doch die Augen, wenn 62 % der taz-Leser der Meinung sind, Horst Seehofer habe recht. Weiterlesen

Deutschland kauft wieder ein Buch!

Sarrazin, sagte eine Buchhändlerin zur anderen in meiner Lieblingsbuchhandlung, das ist bei uns der neue Harry Potter. Das kaufen die nicht ein Mal, das kaufen sie gleich mehrere Male. Zum Verschenken und so. Das Buch muss man einfach haben als Deutscher. Damit man mitreden kann.

Das erinnert mich, sagt die andere (manchmal zweifelt sie an ihrer Berufswahl), an das Buch, das unsere Großeltern alle haben mussten. Wie hieß es doch gleich?

Politische Ökonomie

„Zur Strecke gebracht“ (Überschrift der F.A.Z. auf Seite 1 vom 11. September zum Rücktritt von Thilo Sarrazin: „Die Eile, in der das Staatsoberhaupt die ‚einvernehmliche’ Lösung begrüßte, spricht Bände“, und „Die Bank halte ihre früheren wertenden Äußerungen zu Sarrazin nicht aufrecht, erklärte der Vorstand. Sie behauptet also nicht mehr, dass seine Thesen ‚diskriminierend’, ‚provozierend’, ‚abwertend’ seien und dass er dem Ansehen der Bundesbank Schaden zugefügt habe“). Weiterlesen

Meinungsfreiheit

Schön, dass die F.A.Z. wieder mal, wie sagt man in diesen Kreisen: „Flagge zeigt“. Wenn die BILD schon riesentitelt: „Das wird man doch noch sagen dürfen“, dann will das, nun ja, bürgerliche Blatt nicht hinten anstehen und benutzt für den selben Unfug ein paar Worte mehr: „Was darf man in dieser Republik sagen und schreiben, ohne die mitunter bis zur Existenzgefährdung reichende ‚Menschenverachtung’ zu erfahren, die Sarrazins Kritiker nur bei ihm erkennen können?“  Und schon ruft der Fall wieder „die Frage auf, wie weit in Deutschland die Meinungsfreiheit reicht“. Interessanterweise taucht diese Frage in, nun ja, bürgerlichen deutschen Zeitungen stets auf, wenn wieder mal einer oder eine von rechtsaußen „Tabus bricht“, „politische Korrektheit vermissen lässt“ oder eben „Denkanstöße gibt“. Weiterlesen