Archiv für die 'Kunst'-Kategorie

Mai 04 2011

Weitere Bemerkungen über das Schöne

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Kultur, Kunst, Semiotik.

Schönheit entsteht aus einer Diskrepanz zwischen Aufwand und Wirkung. Daher mögen wir die „anstrengungslose“ Schönheit ebenso bewundern wie die „überanstrengte“. Anstrengungslos, also mit einem Minimum von Aufwand erzeugte Schönheit erscheint uns als die „natürliche“ (und in der „Natur“ kommt schließlich selbst eine mögliche Absichtslosigkeit hinzu). Die angestrengte Schönheit dagegen ist ein Werk der Kultur und wird gern auch als „Kunst“ bezeichnet.

Da wir der Natur gerne eine umfassende Vernunft unterstellen (weiß der Teufel warum) sind wir der Meinung, Schönheit könne nur im Blick des Menschen (der nicht vollständig Natur sei) entstehen, während sie innerhalb der Natur nichts anderes als nützlich (bei der Fortpflanzung und ihren Wahlmechanismen zum Beispiel) sei: „Schöne“ Blumen, sollen Bienen anlocken, die Schönheit des Pfauenrades oder des Hirschgeweihs die jeweiligen „Weibchen“ beeindrucken. Weiterlesen »

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Apr 20 2011

AUS DEM LYRISCHEN GESAMTWERK VON EDGAR P. KUCHENSUCHER (4)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Kunst.

Ewige Lyrik

Morgen

Schreib’ ich ein Gedicht.

Heute

Mach ich’s lieber nicht.

Gestern

Gab’s Zucchini-Auflauf.

Mit diesem „Gelegenheitsgedicht“ beteiligte sich Edgar P. Kuchensucher (vergeblich) am Lyrik-Wettbewerb der „Passauer Neuesten Nachrichten“. Der Redakteur schickte (damals tat man so was noch) das Blatt zurück mit der Bemerkung, es sei für Passauer Verhältnisse „doch allzu gewagt“, in seinen „freien Formen“. Außerdem wisse er nicht – woran man sieht, wie sich die Zeiten ändern – was er sich unter Zucchini vorzustellen habe. Gerüchtehalber verlautbarte, der Vertreter des örtlichen Bischofs in der Jury habe Zucchini für „ein Werk des Teufels“ gehalten. Was sie, unzureichend zubereitet, denn ja auch sind.

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Apr 13 2011

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 1/11

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft, Kunst, Medien.

KÖNNEN FILME SOZIALE PLASTIK WERDEN?

Kleine Anmerkung zu Christoph Schlingensief

Die soziale Skulptur, gleichgültig ob im Film, ob in anderen Medien, in einem der traditionellen Kunst-Räume wie dem Museum oder schließlich im öffentlichen Raum, verändert das Verhältnis des Künstlers zu seinem Publikum entschieden. Die Anwesenheit des Künstlers in seiner Arbeit ist dringend erforderlich, und zwar gleich auf mehrere Weisen:

1. Als biographischer Reflex. Das bedeutet: Der Künstler ist nicht als Institution, nicht, wie man so schön sagt, als Schöpfergott-Instanz gegenwärtig, sondern als Mensch. Das Kunstwerk hebt ihn nicht über die Zyklen und Formen der menschlichen Kommunikation hinaus, sondern ganz im Gegenteil, das Kunstwerk schafft einen eigenen Raum, in dem sich Menschen begegnen. Und schon da wird sichtbar, dass auch das Spiegelbild erforderlich ist: Die Gegenwart des Publikums, die Anwesenheit des Adressaten. Auf den Film bezogen kann das heißen: Die Schönheit eines Films von, sagen wir Wim Wenders, besteht sehr wahrscheinlich auch dann, wenn niemand zuschaut. Die Schönheit eines Films von Christoph Schlingensief existiert erst durch den Zuschauer. Durch das doppelte Empfinden von Anwesenheit. Weiterlesen »

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Mrz 09 2011

AUS DEM LYRISCHEN GESAMTWERK VON EDGAR P. KUCHENSUCHER (3)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Kunst.

Alles vorbei

Arsch

Eremit

Wucher

Dem Vernehmen nach war dieses Gelegenheitsgedicht zum Karnevalsende von Edgar P. Kuchensucher neben zwanzig anderen einem Schreiben des Dichters an Raymond Queneau beigefügt, mit dem er um den Status eines korrespondierenden Mitglieds in der OuLiPo, der Werkstatt für potentielle Literatur, nachsuchte. Queneau antwortet ihm freundlich:

Toux fini

Art

Serve Mits

E Vos Chères

(Aus der korrespondierenden Mitgliedschaft in der sprachwissenschaftlichen Organisation des Raymond Queneau wurde für Edgar P. Kuchensucher dennoch nichts, zumal auch Eichenweich mit einem ganz ähnlichen Anliegen an den französischen Dichter herangetreten war. Daher wartet Deutschland noch heute auf die Begründung einer Werkstatt für potentielle Literatur.)

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Mrz 06 2011

AUS DEM LYRISCHEN GESAMTWERK VON EDGAR P. KUCHENSUCHER (2)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Kunst.

Späte Einsicht

Fairbrechen

Lohnt sich

Nicht

Dieses kurze Gedicht stammt aus der minimalistischen Spätphase des Dichters. Parallel übrigens zu dem ebenfalls sehr kurzen „Lyrischen Manifest“ Kuchensuchers, das leider, außer der Automatenaufsteller-Mafia Niederbayerns so gut wie niemand zur Kenntnis genommen hat: „Ein Gedicht muss den Punkt sprengen, auf den die Gesellschaft ihre Dummheit gebracht hat“.

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Feb 10 2011

AUS DEM LYRISCHEN GESAMTWERK VON EDGAR P. KUCHENSUCHER

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Kunst.

In ewigem Holz (1956?)

Rose ist eine Rose ist eine

Rose ist eine Rose ist

Eine Rose ist eine Rose

Ist eine Rose ist eine Rose ist eine

Rose ist eine dumme Pute

Eine Rose ist eine Rose ist eine

Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine

Rose ist eine Rose ist eine Rose ist

Eine Rose ist eine Rose ist

Weg.

Edgar P. Kuchensucher war ein Vertreter des leider nur kurzlebigen „Bäuerlichen Radikalformalismus“, der sich als Abspaltung der von Kuchensuchers ehemaligem Mitstreiter und Freund Kurt Eichenweich begründeten Schule der „Drastischen Naturlyrik“ in den fünfziger Jahren rund um die „Mönckersheimer Literaturtage“ entwickelte. Das Gesamtwerk von Kuchensucher so wie die Dokumente der Eichenweich/Kuchensucher-Debatte, die seinerzeit unter Germanisten und Kritikern für Gesprächsstoff sorgte, galten lange Zeit als verschollen. Ein aufsehenerregender Fund im Mönckersheimer Heimat-Archiv macht es nun möglich, diesen bedeutenden aber verdrängten Teil der deutschen Literaturgeschichte der Forschung wie der literarisch interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Aus finanziellen Gründen bat die Mönckersheimer „Kuchensucher-Gesellschaft“ die kommentierte Publikation dieser Funde auf meinem blog vorzunehmen, bis ein namhafter deutscher Verlag für die Edition einer Gesamtausgabe gewonnen werden kann. Auf juristischen Einspruch der „Eichenweich-Gesellschaft“ (ebenfalls Mönckersheim) hin dürfen allerdings einige Dokumente entweder gar nicht oder nur in gekürzter Form veröffentlicht werden. Wir bitten um Verständnis.

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Aug 07 2010

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 5/10

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft, Kunst.

„Kunst ist eine Form des Tuns, nicht des Denkens“, behauptete der französische Autor, der sich nur „Alain“ nannte, am Beginn des Jahrhunderts. Tatsächlich spricht (und denkt) die Kritik nicht die Kunst, sondern „Kunst und Gesellschaft“. (Eben das, was Kunst nicht denken kann; was der Künstler denkt, ist dagegen seine eigene Sache.)

Kunst „drückt“ nichts „aus“, das Entschlüsseln (ein soziales Geschehen) führt nicht zum Zentrum des Kunstwerkes, sondern schafft ein Umfeld, eben jene Zone, in der sich Kunst und Gesellschaft begegnen können (demütig voreinander, und stolz zugleich).

Sorgfaltspflicht hingegen herrscht vor der Wirklichkeit des Kunstwerks. Weiterlesen »

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Jun 17 2010

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 4/10

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft, Kunst.

Egal was es ist, wenn es Kunst ist, muss es besprochen werden in einer Art, in der man weiß, dass es nie zu Ende besprochen ist. Eine Kritik, die behauptet, sie hätte so etwas wie ein endgültiges Urteil parat, kann man ohne weiteres in die Mülltonne klopfen. Alle dreißig bis vierzig Jahre, sagt man, gibt es ein große Revision, ein Neubewerten und Verstehen. Dann geht die Sache wieder von vorne los.

Doch die zyklische Neu-Entdeckung und Neu-Interpretation bedeutet nicht, dass es keine nachhaltigen Diskurswechsel in der Kunst und ihrer Theorie (mehr) geben könne. Weiterlesen »

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Mai 17 2010

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 3/10

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft, Kunst.

Kunst & Verbrechen

Verflechtungen im Maquis der (mehr oder weniger) schönen Dissidenz

In jedem Künstler, sagt man, steckt ein Mörder, der heraus will. Und in jedem Mörder ein Künstler, dem man nicht bei der Arbeit zusehen soll, der aber wohl das Werk präsentieren will. Der eine versteckt seine Todeswünsche in einem Bild, der andere versteckt sein Bild in einer Leiche. Der eine ist der Schatten des anderen. Aber haben nicht alle die bürgerlichen Rollen, der Wissenschaftler, der Offizier, der Kaufmann und sogar der Kardinal ihre dunklen Wiedergänger? Als Verschwörer, Triebtäter oder Wahnsinnige. Sie sind nicht ganz bei sich, in all ihrer Macht, so fängt das an. Und was entsteht, als düstere Legende, ist nichts als ein Mythos, der das Unvereinbare zusammenbringt. Der Künstler, nur zum Beispiel, ist in der bürgerlichen Gesellschaft dringend notwendig und zugleich unmöglich. Man muss ihn fürchten, und er muss sich vor der eigenen Aufgabe fürchten. Mindestens. Denn während er das Unbehagen in seiner Kultur zu bändigen versucht, lockt er es erst recht hervor.

Obwohl die besseren Geschichten dazu definitiv aus früheren Zeiten stammen, ist die Idee einer grundsätzlichen inneren Verwandtschaft zwischen Kunst und Verbrechen wohl ein Fantasma des neunzehnten Jahrhunderts. Weiterlesen »

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Feb 02 2010

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 2/10

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Kunst.

Eines der schöneren Probleme der Kunst ist, dass man zu ihr zugleich schweigen und von ihr sprechen muss. Spricht einer von einem Kunstwerk, würde man ihm am liebsten sagen: Halt den Mund! Schweigt er indes vor ihm, treibt es uns um: Nun sag’ doch was! Schweigen und Sprechen ist gleichermaßen „falsch“ (und „richtig“); Entweihung kämpft gegen Verschwinden. Es entsteht dabei wohl etwas, das wir „diskursive Unschärfe“ nennen können, und genau diese notwendige diskursive Unschärfe wird dem Kunst-Gespräch von Leuten, die sich gern auf Tatsachen und Relationen berufen, als Geschwätz vorgehalten. Weiterlesen »

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