Archiv für die 'Kunst'-Kategorie

Aug 15 2014

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 2/14

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Ob es die Kunst gibt oder nicht, darüber mag man verschiedener Meinung sein, nicht nur der eine so und die andere so, sondern auch mit sich selber; das kommt, wie man so sagt, auf den Zusammenhang an. Was es aber zweifelsfrei gibt, ist die Frage nach der Kunst, die sich immer wieder neu stellt, wenngleich mit etlichen Konstanten.

Die Kunst mag nämlich im anthropoligischen Sinne immer das gleiche sein, mehr oder weniger, insofern sie einem menschlichen Grundbedürfnis von Ausdruck und Freiheit entspricht. Der Mensch ist das Wesen, das Kunst macht, und der Mensch ist das Wesen, das Kunst sieht (auch da, wo sie nicht „gemacht“ ist), sind zwei leidlich umfassende Definitionen. Andererseits ist die Kunst, was das Soziale, das Kulturelle und vor allem das Politisch-Ökonomische anbelangt, mitnichten immer das gleiche. Was dies anbelangt überwiegen die Diskontinuitäten bei weitem die Kontinuitäten.

Was zwischen beidem, der anthropologischen Kontiniutät und der politisch-ökonomischen Diskuntinuität vermitteln soll, ist eine Kunstgeschichte, die Kontinuität und Diskontinuität in ein Narrativ zu bringen hat. Ein Narrativ ist eine aus Dokumenten zusammengesetzte Fiktion. Das Narrativ der Kunstgeschichte besteht in erster Linie in der Konstruktion der anthroplogischen Konstante als (teilweise unsichtbares) Skelett und historischen, soziologischen, philosophischen etc. Variablen. Die Ästhetik (als Schatten der Kunst) übernimmt indes den Ansatz einer verlässlichen Konstante, die in Historisches gespreizt wird: Jedes Kunstwerk, behauptet dieses Narrativ (und seine Protagonisten selber sind mehrheitlich davon überzeugt), ist eine Reaktion auf andere Kunstwerke (in bewusster Kontinuität bzw. bewusster Diskontinuität), so dass es die Kunst nun nicht nur als „Fixpunkt“ des Mensch-Seins, sondern auch als Linie einer konstanten Entwicklung gibt, die sich territorial und kulturell in verschiedene Linien aufspalten kann, in aller Regel aber einer Hauptlinie entlang erzählt wird. Weiterlesen »

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Apr 10 2014

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 1/14

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Was macht das Bild zur Kunst, und was macht die Kunst so begehrenswert für das Kapital?

Das Wesen des Bildes als Kunstwerk, so viel ist klar, liegt in einer Mehrdeutigkeit. Es zeigt etwas, und es ist etwas. Es zeigt etwas, das es ist, und es ist etwas, das es zeigt. Daher öffnet es den Raum der Suche, die nicht gelingen will und nicht gelingen kann, denn was es zeigt, entfernt, was es ist, und was es ist, entfernt das, was es zeigt. Der Vorgang ist mehr oder weniger „unendlich“.

Es ist zugleich Vergangenheit und Gegenwart (eine Trauer um das, was vergangen ist, und eine Lust am Gegenwärtigen). Oder, um es mit den Worten von Walter Benjamin zu sagen: Das Bild der Kunst ist „das dialektische Bild“, also eines, in dem das Vergangene mit dem Gegenwärtigen „mit einem Schlag“ zusammenfällt. Man könnte auch sagen, es ist eine Sache, die zugleich da und nicht da ist. Alles, was ich unternehme, um es zu einem endgültigen Da-Sein zu zwingen, ist zum Scheitern verurteilt. Zugleich ist es unmöglich, es nicht zu versuchen. Im religiösen Kontext würde man wohl von einer Offenbarung sprechen.

Die Offenbarung zeigt etwas, was vorher nicht gesehen werden konnte oder gesehen werden durfte. Einen Abdruck der Götter zum Beispiel. Als „Kunst“ könnte man jenen Abdruck des Nicht-Gesehenen verstehen, in dem etwas, das schon immer da war mit etwas zusammentrifft, das vollkommen flüchtig, eben durch und durch gegenwärtig ist.

Die Offenbarung wirft die Schöpfung und die Apokalypse in eins. Sie steht im Widerspruch zu jenen Göttern, mit denen man „handeln“ kann (wie mit dem christlichen Gott, dem man durch ein ihm „gefälliges“ Leben, durch gute Taten und schlichte Zahlungen an seine Vertreter, Strafen im Jenseits und nach dem „jüngsten Gericht“ abhandeln kann). Weiterlesen »

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Jan 12 2013

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 1/13

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Um ein Bild zu verstehen, muss man zwei Dinge gleichzeitig tun: Die Dinge auseinanderhalten – sie unter-scheiden – und sie „zusammen sehen“. So gibt es also keine Trennung zwischen „Lesen“ und „Sehen“. In der Praxis. Wohingegen es sehr große Unterschiede macht, wie über das Bild gesprochen werden kann. Die Lesbarkeit des Bildes (seine Dechiffrierung) und die Sichtbarkeit (seine Gegenwart) bilden eine gespannte Einheit. So gibt es Bilder, die so lesbar sind, dass sie unsichtbar werden, und (nicht nur in der Kunst) Bilder, die so gegenwärtig sind, dass sie undechiffrierbar sind. Da hätten wir an den Enden „Information“ und „Erhabenheit“, meinetwegen, doch die Sache wird komplizierter, wenn wir sie unter bestimmten Aspekten betrachten. Nehmen wir das soziale Signal. Oder „die Propaganda“. Weiterlesen »

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Dez 04 2012

Was ist eigentlich Kritik, und warum steht es derzeit bei uns so schlecht damit?

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Wenn wir uns ein reiches und erfülltes Leben in einer demokratischen Zivilgesellschaft vorstellen – und augenblicklich scheint dies das Schönste, was wir uns auf Erden vorzustellen vermögen – dann spielt Kultur dabei eine nicht unerhebliche Rolle. Ein Zusammenspiel von Kunst, Alltagsleben und Wissenschaft. Kultur besteht einerseits aus schönen, interessanten, provozierenden und neuen Dingen und Ideen, die auf verschiedenste, nie ganz erklärbare Weise hervorgebracht werden, und andrerseits aus Menschen, die auf diese neuen Dinge und Ideen reagieren. Mit Wohlgefallen, Widerspruch oder Skepsis. Aber noch etwas gehört zur Kultur. Etwas, das zwischen beidem vermittelt, etwas, das beidem eine gemeinsame Sprache gibt, etwas, das aus vielen individuellen Begegnungen einen gesellschaftlichen Diskurs macht. Nennen wir es: die Kritik.

Im richtigen Leben ist Kritik etwas eher Lästiges, echt wahr. Man kann Leute nicht ausstehen, die dauernd an etwas herumzukritisieren haben. Ehepaare und Familien werden unausstehlich, wenn man einander permanent kritisiert. Und Erziehung, diese notwendige Traumatisierung – besteht sie nicht aus einer vollkommen ungleichen Verteilung des Rechtes auf Kritik und der Pflicht, sich ihr zu unterwerfen? Nichts ist am Ende demütigender, als öffentlich zur (politischen) Selbstkritik gezwungen zu werden.

Wenn sich jemand gar die Kritik als Beruf wählt, dann dürfen sie oder er nicht gerade mit einem Sympathie-Bonus rechnen. Und was haben wir für Bilder von Kritikern! Ignorante Stümper, deren Anmaßung im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Sachkenntnis steht. Sadistische Besserwisser, denen nichts solch großes Vergnügen bereitet wie die „Vernichtung“ eines Kunstwerkes durch das tückisch geschliffene Wort. Wichtigtuer und Wechsler in den Tempeln der Kultur. Weiterlesen »

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Dez 02 2012

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 7/12

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Nehmen wir einmal an, das Verhältnis zwischen Kunst und Gesellschaft sei eine moralische Frage. Dann muss es, wie Roland Barthes in seinem Text „Ist die Malerei eine Sprache?“ vorschlägt, eine „gedämpfte“ Antwort geben, denn jede moralische Frage führt, früher oder später und bei ernsthafter Untersuchung, in ein Dilemma.

Moralisch wird die Frage nach dieser Beziehung durch den Umweg über das „Verstehen“ eines Kunstwerks. Verstehen könnte man (aus seiner Gesellschaft heraus) das Kunstwerk entweder als das, was außerhalb des Diskurses steht, als das, was im Inneren des Diskurses verborgen blieb, oder/und als das, was vom Diskurs (noch) nicht erreicht wurde, obwohl es ersehnt war.

Sobald wir von Kunst sprechen, machen wir genau die Unterscheidungen von wahr/gelogen, gut/schlecht, gut/böse, wohltuend/geschmacklos, tief/flach undsoweiter, von denen die Kunst uns für ein paar Augenblicke absehen ließ.

Verstehen kann nur geschehen durch die Texte, die das Bild erzeugen und diejenigen, die durch das Bild erzeugt werden („Ein Gemälde ist immer nur seine eigene vielfältige Beschreibung“ – sagt Roland Barthes), Verstehen kann nur geschehen durch ein gesellschaftliches Abgleichen dieser Texte.

Kunst muss ja gar nicht verstanden werden. Es sei denn, sie wollte hinaus in die Gesellschaft. Das ist für manche so furchtbar wie es für den armen Cardillac war, seine Schmuckstücke an die falschen Hälse verkaufen zu müssen. Weiterlesen »

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Okt 25 2012

Kleinigkeiten (23)

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Unrast und Stille

Im 18. Jahrhundert verliert die Seele ihre Gegebenheit. Sie muss, wie John Locke postuliert, gleichsam gefüttert werden durch Empfindungen und dazu angehalten, Gedanken zu produzieren. Zumindest theoretisch könne die Seele absterben, wenn man ihr nicht beständig etwas zu tun gäbe. Doch glücklicherweise gibt es eine angeborene „uneasiness“, die Unrast, die den Menschen zu neuen Erfahrungen triebe, um der Leere zu entkommen.

Der Gedanke indes ist grauenerregend genug, und er wird, wie verborgen im Nächtlichen auch, bleiben. Es gibt Dinge, wie die Blässe des Adelsprivilegs oder das Eingeschlossensein, die die Seele sterben lassen, ohne dass der Mensch dazu schon mit gestorben sei. So haben wir einen Motor dessen, was dann nur noch als „Kapitalismus“ übrig blieb, ein Tun gegen das Sein.

Diese Dynamik und die Vorgabe einer beständigen Beschäftigung des Geistes bilden eine dialektische Einheit mit der Entdeckung der Langeweile. Die Unrast entsteht aus einer Angst vor der Langeweile, und die Langeweile entsteht aus der Furcht vor der Bewegung, der keine Pause gilt. Denn der Mensch ist nun nicht mehr erfüllt von Gott oder von sich selbst, sondern muss einem leidenschaftlichen Hunger folgen, nach Vergnügungen ebenso wie nach Erkenntnissen. Weiterlesen »

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Okt 18 2012

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 6/12

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Die Praxis jeder Kunst lacht über jede Theorie der Kunst. Was schön ist und möglicherweise auch gut. Allerdings hat es nichts mit der sozialen Wirklichkeit der Kunst zu tun, die immer eine Begegnung von Theorie und Praxis ist, oder anders gesagt, die aufregende Begegnung eines Begehrens nach Autonomie und eines Begehrens nach Einverleibung.

Daher gibt es keinen sinnvollen Diskurs um die Frage, was Kunst soll und was sie nicht soll, was sie dürfen kann und müssen will. Der Diskurs entwickelt sich einzig und allein aus der Frage, was sich über Kunst sagen lässt.

Kunstkritik also, nur zum Beispiel, könnte sich sowohl als Agentur der Autonomie als auch als Agentur der Einverleibung verstehen. Da beides ziemlich dogmatisch-langweilig ist, wird sie ein Dazwischen suchen. Das ist insofern ein wenig problematisch, als wir von Mittelwegen wissen, die in Gefahr und höchster Not den Tod bringen.

Was vermutlich die Idee einer Dialektik der Kunstkritik befördert: Texte mithin, die sowohl das Begehren nach Autonomie als auch das Begehren nach Einverleibung, vor allem aber eine Beziehung zwischen beidem vermitteln.

Auch dies ist natürlich kein Dogma, sondern höchstens eine Methode.

*

Möglicherweise haben wir es mit drei großen Epochen des Kunstverständnisses zu tun; der der Selbstverständlichkeit (in der Antike), der der Rechtfertigung (vom Mittelalter zur Neuzeit) und schließlich der des Verstehens (in der Moderne mit allen ihren Wissenschaften und Hilfswissenschaften, einschließlich Psychologie, Soziologie und Semantik). Weiterlesen »

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Sep 25 2012

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 5/12

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Neulich zog ich ein interessantes Buch aus dem Flohmarktstand. Es fehlte in meiner kleinen Sammlung, und so erstand ich es, obwohl es voller handschriftlicher Anmerkungen in verschiedenen Formen war, manchmal bis an den Rand der Lesbarkeit. „So ein Blödsinn“, stand da, zum Beispiel. Oder: „Wo er recht hat, hat er recht“. Manchmal war auch ein ganzer Absatz rot durchgestrichen und am Rand fand sich dafür wohl so etwas wie ein Gegenvorschlag oder ein Zitat aus einem anderen Buch.

Mein Buch war offensichtlich einst in die Hände arger Besserwisser gefallen. Sie schienen ihre Macht genossen zu haben, den Autor nach Herzenslust zu zensurieren, zu maßregeln, zu verspotten. Sie waren mit ihm allein, und er konnte sich nicht wehren.

Woran erinnern mich diese Kritzeleien nur? An Schullektüren, gewiss. Der Lehrer kritzelte in unsere Aufsätze, und wir kritzelten in die Bücher, über die man sie zu schreiben hatte. Wir lebten in einer Kultur der verkritzelten Texte. Was war ich froh, dieser Kultur entkommen zu sein, und aus Dankbarkeit schwor ich, nie im Leben mehr in einen Text zu kritzeln. (Das zerkritzelte Buch, das ich auf dem Flohmarkt erstanden hatte, musste denn auch mit einem prekären Platz in der Sammlung zufrieden sein.)

Aber diese Kritzeleien erinnern mich noch an etwas anderes. An die Kommentar-Funktionen im Internet. Herrscht dort nicht oft der selbe Kritzel-Geist, der einem Autor, mit dem man sich allein wähnt und der sich nicht wehren kann, ein „So ein Blödsinn“ zum Text fummelt? Weiterlesen »

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Sep 14 2012

Kassel Punch Drunk

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Massenmedien, sag’ ich mal, sind Medien zur Verhinderung von Massen. Sag’ ich mal, ist ein Medium zur Verhinderung von Ich spreche. Also spreche ich nicht, und keine Masse nimmt mich auf. Wer zum Kuckuck bin ich dann? Ein Medium. Würde ich mal sagen.

Würde ich mal sagen ist ein Mittel zur Verhinderung von Deutschlehrer-Glück. Das Deutschlehrer-Unglück ist ein Mittel zur Verhinderung des Bildungsbürgers. Dabei hatten wir ihm (und ihr) gerade alles verziehen. Naja, beinahe alles. Dass in möglicherweise interessanten Büchern immer noch Passagen in Altgriechisch zitiert werden, das natürlich nicht. Aber sein massives Auftreten in Kassel schon. Wir sind ja nicht so.

Massenmedien verwandeln Massen in Zahlen und Zahler. Aber wer soll das bezahlen, ein betrunkenes Ich, das nur aus dem Fenster schaut und schon glaubt, damit wäre der Haustierschutz überflüssig? Ich habe keinen Hund, ich habe keine Katze, ich habe nur einen Kater. Und einen Fernseher. Wenn man betrunken ist, wie Charles Bukowski, dann sieht man freilich gerne aus dem Fenster. Aber wenn man einen Kater hat, ist ein Fernseher besser. Auch aus hygienischen Gründen.

Oder nehmen Sie zum Beispiel die Kunst. Ja, nehmen Sie sie nur, sie ist heute, äh, umsonst. Oder doch sehr preiswert. In Kassel begegnen sich die Kunst und die Leute, das kann doch nicht gut gehen.

Das ist so was von; Also wie soll ich sagen, genau so ist es.

Manchmal ist es natürlich auch genau anders herum. Aber das ist eher selten.

Aber andrerseits. In Kassel sieht man Leute, die sich gegenseitig die Kunst erklären. Wenn das nicht schön ist. Weiterlesen »

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Aug 02 2012

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 4/12

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Die Kunst ist noch stets dasjenige verrichtende Geschehen, das die Natur nachahmt. Nur geht es nun nicht mehr darum, wie einst, mit möglichst viel verschiedener prozessualer Technik die Erscheinungen des Natürlichen nachzuahmen, sondern vielmehr darum, eben das Prozessuale des natürlichen Lebens nachzuahmen. Die Kunst will nicht mehr einen Körper nachmachen (als Zeichnung, Gemälde oder Skulptur), sondern sie will so körperlich wie möglich sein (beim Herstellen von allem möglichen, oder doch mehr des Gerade-noch-unmöglichen). Das Technische in der Kunst wiederum ahmt hier nicht die Technik der zweiten Natur (der Industrie und Kommunikation) nach, sondern das Technisch-Prozessuale des wirklichen Lebens.

Natur, natürlich, gibt es nicht. Allerdings gibt es tausende von Grenzen zwischen „Natur“ und, nun, etwas anderem.

Eine der Grenzen liegt gewiss in der Sprachlosigkeit. Natur, Kunst und Technik sind „sprachlos“, aber auf sehr verschiedene Weisen. Während die Natur mehr oder weniger auf ewig „sprachlos“ sein soll, soll sich die Technik auf die Sprache zu bewegen (sie soll früher oder später als Diskurs ein Bewusstsein bekommen), während sich die Kunst von der Sprache weg bewegen soll, im Sinne eines „Über-Sprache-Hinausgehens“: Die Kunst ist eine Explosion der Sprachlichkeit, die Technik eine Implosion.

Die Frage ist stets: Würden Natur, Technik und Kunst auch ohne Sprache „funktionieren“? Bei der Natur nehmen wir es gar als moralische Prämisse: Ökologisches Empfinden entsteht aufgrund des, nun ja, Dogmas: Die Natur kann ohne den Menschen auskommen, aber der Mensch nicht ohne Natur.

Bei der Technik genießen wir gelegentlich die Un-Sprachlichkeit ihrer Protagonisten, die Hilflosigkeit der Bedienungsanleitungen, den Kürzel-Jargon etc.

Bei der Kunst geraten wir, mit einer gewissen Wollust, an den Punkt, an dem man „eigentlich in Worten nicht mehr ausdrücken“ kann, was einen in Beziehung auf das Werk bewegt. Weiterlesen »

Ein Kommentar

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