Archiv für die 'Kunst'-Kategorie

Aug 31 2015

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 7/15: Der Tod des Merz-Hasen

Veröffentlicht von unter Allgemeines,Gesellschaft,Kultur,Kunst.

Derzeit fällt es, jenseits von Geheimdiensten und Universitäten, schwer, ein System zu finden, das so panzerfest, unbeirrbar und kritikresistent den neoliberalen Mantras folgt wie der Kunstbetrieb. Und das meint nicht nur den presse-üblichen „verrückten Kunstmarkt“ der Spitzen-Auktionen, es hat die mittleren Galerien so sehr erfasst wie die staatlichen Museen und Sammlungen, die Kunstwissenschaft wie die Kritik. Sobald sich das Unbehagen, das es weiß der Kunsthimmel genügend gibt, irgendwo zu artikulieren droht, und geschehe es in noch so moderater Form, schließen sich die Reihen, verschließen sich Ohren und Geist, verknoten sich die Netzwerke. Auch da ist der Kunstbetrieb nur noch perfektes Abbild des Neoliberalismus als apokalyptisch-geile Weltanschauung. Man weiß, dass das System an die Wand fährt, aber man hofft, vorher noch ein Karriere- oder Besitz-Schnäppchen zu machen. Wir haben keine Alternative, es war schon immer so, was wollt ihr denn, uns geht’s doch gut…Blahblahblah.

Dieser Betrieb ist zu keiner Geste der Selbstaufklärung, ja nicht einmal zu einer der Selbstironisierung mehr in der Lage. Man kann ihn, mit den bescheidenen Mitteln von Kritik und Satire, nicht aus der bleiernen Mechanik bringen, denn hier wird schon längst über alles gelacht, nur nicht über sich selbst.

Stellen wir uns vor, es ginge in der Kunst, vielleicht nicht allein aber doch vorrangig, um Kontingenz. Das heißt um Vorgänge von Produktion, Performance und Kommunikation, die nicht vorgegeben, nicht abgeschlossen, nicht berechenbar sind. Man beträte den Raum der Kunst mit einem Hochgefühl: Alles kann geschehen. Von stiller Ergriffenheit über eigene Phantasietätigkeit bis hin zu energetischer Explosion. Oder zu etwas, für das wir gar keinen Begriff haben. Wo sich dieses (Alles) Mögliche ereignet, ob im Werk selbst, zwischen Werk und Adressat, im Raum oder in der Zeit. Das ist lange nicht so wesentlich, wie es die unentwegte Methodendiskussion erscheinen lässt, sondern viel mehr abhängig von einer Grundverfassung zwischen Kunst und Gesellschaft. Denn was nutzte eine Kunst des Möglichen in einer Gesellschaft der Unmöglichkeiten? Was könnte das Stück Kontingenz in einer Überwachungs- und Manipulationsgesellschaft anders als Beute sein? Die Macht des Besitzes, als Individuum wie als Betrieb, bedeutet, der Kunst die Kontingenz für alle auszutreiben und sie sich privat anzueignen. Mir, sagt ein Kauf, ist alles möglich, weil ich es den anderen unmöglich mache. Weiterlesen »

Ein Kommentar

Jul 21 2015

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 6/15: Der Konflikt zwischen Markt und Kultur der Kunst geht in die nächste Runde

Veröffentlicht von unter Gesellschaft,Kunst.

Der Künstler Georg Baselitz hat seine Werke aus dem Albertinum in Dresden zurück gezogen. Er will damit ein politisches Zeichen setzen. Wogegen? Es gab Zeiten, da wollten Künstler Zeichen setzen gegen den Krieg, gegen den Hunger, gegen die Ungerechtigkeit oder wenigstens gegen den guten Geschmack. Nichts davon.

Wogegen Baselitz und andere Künstler demonstrieren ist das neue Gesetz, das Kulturministerin Monika Grütters einbringt, und das Restriktionen für den Kunstmarkt vorsieht. Kunstwerke, die mindestens 50 Jahre alt sind und einen Warenwert von 150 000 Euro überschreiten, könnten dann zum „nationalen Kulturgut“ oder etwas in der Art erklärt werden, und damit wäre der Verkauf ins Ausland untersagt.

Der Verkauf der Warhols durch die Spielbanken in Nordrhein-Westfalen ist noch in Erinnerung. Einige der Museumsleiter sind für das neue Gesetz – Sammler, Galeristen, Kunstauktionäre usw. dagegen, das ist nicht so wahnsinnig schwer verständlich. Weiterlesen »

Noch keine Kommentare

Jul 18 2015

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 5/15: Das Elend der Kunstkritik

Veröffentlicht von unter Gesellschaft,Kunst.

Die Kunst verhandelt das Unbekannte. Metaphern, die noch nicht wissen können, was sie meinen, Zeichen, die nicht wissen, was sie bezeichnen, Räume, die ihre Ordnung schon verloren oder noch nicht gefunden haben. Deshalb kann man von der Kunst im Allgemeinen und vom Kunstwerk im Besonderen nie etwas sagen, was nicht in irgendeiner Weise „irgendwie“ richtig ist, und schon gar nichts, was nicht in irgendeiner Weise „irgendwie“ falsch ist. Wenn Kunstkritik auf nichts anderes als auf ein Urteil hinaus läuft (und wer sich ein wenig mit der Kunst beschäftigt hat, vermag ungefähr so treffsicher zu sagen, was „etwas taugt“, wie ein Weinkenner mit einer gewissen – keineswegs indes verlässlichen – Genauigkeit einen Qualitätswein von einem Fusel unterscheiden kann), dann ist sie lächerlich. Kunstkritik wäre vielmehr zunächst einmal nichts anderes als ein Textraum für den Diskurs. Das Museum hinter dem Museum, die Galerie hinter der Galerie.

Die Frage nach dem von der Metapher gemeinten, vom durch das Bezeichnen Bezeichnete könnte demnach als semantische oder philosophische Zerstörung des Kunstwerkes verstanden werden. Anders gesagt: Ein Kunstwerk „verstehen“ ist grundsätzlich ein Missverstehen. Nicht weniger destruktiv freilich ist der Verzicht auf die Frage, eine anti-aufklärerische Heiligung des Unbekannten. Der Dialog ist demnach von vorneherein prekär, fragmentarisch und, nun ja, „tragisch“. Weiterlesen »

Noch keine Kommentare

Mai 09 2015

Weitere Bemerkungen zur Theorie der Kunst

Veröffentlicht von unter Kunst.

Die Voraussetzung dafür, dass ein Bild „lesbar“ sei, wäre, dass es sich dabei um nichts anderes handele als um eine Anordnung von Zeichen. Da es sich dabei natürlich in aller Regel um verschiedene Zeichen-Arten handelt, die einen, die durch Analogie gebildet werden, die anderen, die durch eine Setzung gebildet werden etwa, liegt es auf der Hand, dass Bilder eher theoretisch als praktisch vollständig lesbar sind. Der linguistische Aufwand, ein Bild vollständig zu lesen, wäre vollkommen unverhältnismäßig gegenüber dem intuitiven oder alltäglichen Gebrauch, den wir von Bildern machen.

Von dieser pragmatischen Begrenzung unterschieden ist eine prinzipielle: Jedes Bild ist mehr und anderes als eine Anordnung von Zeichen auf einer Fläche. Die Lesbarkeit ist eine kultivierte Mitte, die von einem direkten, sinnlichen Erfassung auf der einen, von einem „raffinierten“ ästhetischen Empfinden auf der anderen Seite umfasst ist.

Das Wort „König“ kann niemals den Herrscher so repräsentieren wie sein Bild. Und nie kann ein Satz mit seinem Gegenstand so verschmelzen, wie es ein Bild tut. Im Jahr 1997 wurde das Gemälde „Portrait der Kindermörderin“ in der Ausstellung der Royal Academy of Arts durch einen Farbbeutel-Anschlag beschädigt. Der Anschlag galt ganz offensichtlich der Kindermörderin. Oder galt er der Tatsache, dass sie zum Bild werden sollte? Weiterlesen »

Noch keine Kommentare

Mai 04 2015

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 3/15: Auf dem Weg zu einem fragmentarischen Theorem zum Vergnügen am Unsinn der Kunsttheorien

Veröffentlicht von unter Gesellschaft,Kultur,Kunst.

Niemand weiß genau, was Kunst ist. Mit diesem Einleitungssatz hat man schon halb gewonnen, und eben auch halb verloren.

Die Wahrheit einer Theorie besteht in ihrer umstürzlerischen Kraft. Was sie wert ist, mag man später ermessen, im Augenblick ist sie so gut als sie „stunning“ ist. Die Theorie ist so stark wie der Unterschied zwischen dem Vorher und dem Nachher.

Das Theorem gegen die Theorie hat da, machen wir uns nichts vor, wenig Aussichten. Es ist wohl der wilden aber zumindest hierzulande akademisch und überhaupt nicht übermäßig geschätzten Form des Essay zuzuschlagen.

Eine Theorie ist der Versuch (aha!) eine (neue) Ordnung in einen Verhau zu bringen, den man mithilfe ihrer als solchen erkannt hat.

Über das, was eine Theorie ist, gibt es nur Theorien.

Wenn man sagt, dass nichts so praktisch ist, wie eine gute Theorie, möchte man, dass sich Theorie und Praxis umarmen. Geschwisterlich, sozusagen. Weil man, nur zum Beispiel, über Kunst gar nicht reden kann, wenn man keine Theorie zu ihr hat.

In der Praxis nämlich verhält es sich so, dass die meisten Menschen mit einem Haufen Theorien herumlaufen, ohne es zu wissen.

Theorien, die nicht wissen, dass sie Theorien sind, sind oft geistige Krankheitserreger.

Der Mensch besteht zu einem großen Teil aus Theorien. Das fängt schon in frühester Kindheit an. Die anderen Menschen, zumeist mit der Mutter angefangen, sind zuerst die Bausteine einer Theorie der Welt.

Die Kunst ist das Ende der Theorie, nicht nur, weil sie, nach landläufiger Auffassung, aus Prinzip jeder Theorie von ihr widersprechen muss, sondern auch, weil sie den Verhau, den die Theorie ordnen will, viel mehr liebt. Die Kunst ist die Verteidigung des Verhaus gegen die Theorie.

Das Leben ist mehr als Verhau und Theorie, sagt T. (Manchmal gibt es Zitronenmarmelade zu Schwarzbrotscheiben.)

Theorie ist eine Organisation von Wissen und Nichtwissen. Dumme Theorien sind Organisationen von lauter Wissen oder Organisationen von lauter Nichtwissen Weiterlesen »

Noch keine Kommentare

Mai 04 2015

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 2/15: Kunst & Glamour

Veröffentlicht von unter Gesellschaft,Kultur,Kunst.

Heute, da das Bewusstsein der Herrschenden

mit der Gesamttendenz der Gesellschaft zusammenzufallen beginnt,

zergeht die Spannung von Kultur und Kitsch.

Theodor W. Adorno

 

„Nächstes Wochenende rollen sie wieder durch die Stadt – die dunklen Limousinen, mit denen das Berliner Gallery Weekend seine VIPs befördert. Aufgereiht werden die Wagen vor den Galerien und den Locations der Empfänge bereitstehen, in diesem Jahr vor dem Kino International und dem 1968 wieder aufgebauten Kronprinzenpalais: Renommierbauten der DDR als Alleinstellungsmerkmale im internationalen Kunstbetrieb.“ So beginnt der Bericht der Süddeutschen Zeitung über den mittlerweile etablierten Halb-Luxus- und Halb-Trash-Karneval der Kunstszene in Berlin.

Natürlich war Kunst schon immer mehr als Kunst. Nicht nur als Drumherum sondern auch als Mittendrin. Immer mischte sich in die Aura von Freiheit und Befreiung die Idee von entfesseltem Hedonismus, hemmungsloser Emotion und Karnevalisierung. Und immer wieder nahm das Drumherum solch groteske Züge an, dass Menschen sich empören mussten. Die einen, gewiss, weil ihnen sauertöpfisch und neidig das Zuviel an Sex & Drugs & Rock’n’Roll aufstieß, oder auch an Arroganz, Snobismus und performativer Distinktion, die anderen aber, eher mittendrin, mussten argwöhnen, dass das Eigentliche, nämlich die Kunst selber, nur noch Vorwand und Maske wäre. Künstler liebten es, sich snobistisch unter Snobs zu verhalten, betont unrasiert unter Menschen zu erscheinen, deren Rasierwasser das Jahresgehalt eines Straßenbahnfahrers ausmachen soll, genau so „ordinär“ daherzureden wie die, von denen sich die oligarchen Insassen des Events so aggressiv unterscheiden wollen. Viele hielten diese weitere Umdrehung der Karnevalisierung schon für so etwas wie Subversion. Eine Zeit lang jedenfalls.

Vorwand für was? Für die kultivierte Verachtung der Wohlhabenden gegenüber dem Rest der Welt? Für die Erzeugung eines Milieus, in dem sich gefahrlos überschüssige, mehr oder weniger kreative und sexuelle Energie der herrschenden Klasse entsorgen ließe? Für jene urbane Dynamik, an deren plot points doch immer wieder nur das eine steht: Die Verdrängung der Habenichtse durch die Gewinner? Für die Wichtigtuereien einer Spezial-Journaille, die atemlos die Hypes aneinander reiht und der Szene ansonsten konsequent alles Störende vom Leib hält? Als Maskenball geschmeidiger Beziehungen zwischen Politik und Wirtschaft? Als Spiegelsaal des Finanzkapitalismus und Modenschau für Spät-Luxus in einer entluxurifizierten Welt? Als Inszenierung für ein Schauspiel des „Geht doch“? Weiterlesen »

Ein Kommentar

Apr 18 2015

AUS DEM LYRISCHEN GESAMTWERK VON EDGAR P. KUCHENSUCHER (9)

Veröffentlicht von unter Kunst.

KUCHENSUCHERS KUNSTGEDICHTE

 

Tage des Herrn D.

Am ersten Tage malt der Otto

Schwere Köppe nach sei’m Motto:

Die Welt ist hässlich wie sie ist

Am zweiten Tag zeigt er den Mist,

Den Menschen mit ihr angestellt

Am dritten Tag Spitzhund, der bellt

Kriegsgewinnler und Versehrte

Der Maler uns darauf verehrte

Am fünften ist er selber dran

Schonungslos schaut er sich an

Am sechsten zeigt die Pinselei

Eine Riesenschweinerei

Am siebten Tag malt Otto Dix

Mal nix.

 

Museumsbesuch

Auf einmal malte Emil Nolde

So wie keiner malen sollte

Gelbe Fratzen, schwerer Himmel

Man fragt sich doch: Was will der Lümmel?

Sind Damenwangen etwa weiß?

Ich bitte Sie: Was soll der Scheiß! Weiterlesen »

Ein Kommentar

Mrz 20 2015

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 1/15: Nachschrift zu „Kunst frisst Geld – Geld frisst Kunst“ (3)

Veröffentlicht von unter Gesellschaft,Kunst.

Es war eine vergleichsweise kurze Zeit, in der Kunsthandel als honoriges Unternehmen gelten durfte. Ein Unternehmen wie Christie’s, gegründet als Christie, Manson und Woods, in der King Street von London, florierte, weil es die Not französischer Adeliger auszunutzen verstand, die im Exil nach der Flucht vor der Revolution ihr Hab und Gut versetzen mussten. Im 19. Jahrhundert etwa widmete sich die angesehene Bonner Arztfamilie Hanstein nebenher diesem Gewerbe. Da dies aber als durchaus anrüchig galt, besorgte man sich lieber einen maskierenden Firmennamen: „Matthias Lempertz“, unter dieser Bezeichnung geraume Zeit die Nummer eins unter den Kunsthäusern im westlichen Nachkriegsdeutschland. Die Anonymität war zu dieser Zeit von den Vermittlern auf die Kunden übergegangen. Im August 1965 formulierte das Bildungsbürger-Brevier „Westermanns Monatshefte“ das so: „Ihre Namen werden von den Händlern mit äußerster Diskretion wie ein Steuergeheimnis gehütet, um die Finanzämter nicht auf die Vermehrung des Privatvermögens der Sammler hinzuweisen.“

Das alles hat also seine Geschichte, nur über die Summen, die damals als „Rekorde“ galten, würden wir heute lachen, und die rekordigsten der Rekorde zahlten damals noch die Museen. Weiterlesen »

Noch keine Kommentare

Sep 23 2014

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 4/14: Nachschrift zu „Kunst frisst Geld – Geld frisst Kunst“ (2)

Veröffentlicht von unter Kunst.

Die fünf Sphären der Kunst

Kleiner Vorschlag für eine Diskurs-Architektur

Es ist durchaus möglich, dass es in der Kunst eine Sphäre gibt, die sich mehr oder weniger nur wiederum dem Künstler (oder, ein wenig allgemeiner, immerhin dem „künstlerisch empfindsamen“ Menschen) erschließt. Nennen wir dies den „heißen Kern“. Was darin geschieht, kann ebenso gut das Großartigste von allem oder eine Angelegenheit von wenig Belang für den Rest der Welt sein. Es ist, für den Kunst-Diskurs, die Kritik zum Beispiel, so abenteuerlich wie gefährlich in diese Sphäre einzudringen (weshalb man schon von einer außergewöhnlich wagemutigen Angelegenheit sprechen darf, wenn diese innerste Sphäre auch nur gestreift wird). Es ist der Drang, dass etwas entstehe, etwas eigenes und neues. Ohne diesen heißen Kern existiert die Kunst nicht, aber für ihn allein tut sie es auch nicht.

Die zweite Sphäre bildet eine grandiose, immerwährende und immer erneuerte Metapher, das Schöpferische und die Freiheit betreffend. Nach den Worten von Plato ist das, was aus dem Zustand des Nicht-Seienden in den des Seienden gerät, nicht zu denken ohne jenes Schaffen, das bei ihm „poiesis“ hieß. Wenn also Poesie das ist, wodurch ein Nicht-Seiendes zu einem Seienden wird, dann ist Kunst der wesentliche Ausdruck einer ursprünglichen und unbedingten Schöpferkraft des Menschen und steht schon deshalb in einer ausgesprochen prekären Situation zu anderen Sinn-Systemen wie vor allem der Religion oder allen Systemen, die religionsähnliche Züge annehmen können.[1]

Diese Metapher funktioniert, weil sie einen Schöpfungsakt vor allem anderen oder jenseits alles anderen, kurz eine unbedingte Schöpfung ansieht, im Sinne der großen Anmaßung: Der Mensch ist das Wesen, das etwas erschafft. (Eine Eigenschaft, die zugleich ausgesprochen unheimlich ist, weshalb man, neben und sogar in der Kunst, die Götter zu Hilfe ruft.) Wie immer man Allianzen ausrufen mag, Kunst kann in dieser Metapher nicht durch Technik, durch Geld oder durch Organisation erzeugt werden, wenn sie sich nicht selbst aufheben will.

Es entsteht also eine zweite Gefährdung der Kunst nach der ersten: Der Unterdrückung, der Einkerkerung, der Verbannung und gar der Ermordung von Künstlern bzw. kunstempfindlichen Menschen, vor der, zum Beispiel, weder der deutsche Faschismus noch die maoistische „Kulturrevolution“ zurückschreckte. Weiterlesen »

Noch keine Kommentare

Sep 17 2014

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 3/14: Nachschrift zu „Kunst frisst Geld – Geld frisst Kunst“ (1)

Veröffentlicht von unter Kunst.

Der Preis eines Kunstwerks

Die Exaltationen des Kunstmarktes und die Korruption des Betriebes, den wir in „Kunst frisst Geld – Geld frisst Kunst“ zu beschreiben versuchten, sind einerseits Symptom einer Transformation der kapitalistisch-postdemokratischen Gesellschaft, andrerseits aber auch ein Symptom der Krise zwischen Kunst und Gesellschaft.

Der Preis ist eine „dezentrale Information“ über den Wert eines Dings oder einer Dienstleistung. Es soll zugleich die Informationen (nicht nur) über den Wert eines Dings oder einer Dienstleistung sammeln, sondern diesen Wert auch wieder bestimmen. (Der Preis ist ein sich zyklisch öffnendes und schließendes System.) Welche Art von Informationen in diesen Transformationsprozess einfließen, lässt sich in unterschiedlichen Modellen darstellen: Angebot und Nachfrage; Tauschwert, Gebrauchswert, Sinnwert und Prestigewert; Nützlichkeit, Schönheit, Seltenheit, Neuheit; Bedeutung und kulturelle Distinktion; Identität und Exotik (Kolonialismus), und vieles mehr.

Umgekehrt ist der Preis eine Voraussetzung für die Arbeitsteilung. Nur über den Preis lässt sich der Wert einer Ware oder eine Dienstleistung über die Macht und das Bedürfnis eines einzelnen, primären Produzenten hinaus entwickeln. Damit, natürlich, ist der Preis zugleich Schlüssel zur Entwicklung der Produktion und zur sozialen Ungleichheit. Alles, was seinen Preis hat, ist etwas fundamental anderes als das, was im Angelsächsischen in schöner Ambivalenz „free“ genannt wird.

Das Kunstwerk wird nur einerseits vom Künstler produziert, von Galeristen verkauft, vom Betrieb verwaltet und von den Käufern (anders: den Besuchern) bewertet. Das ist der Objekt-Charakter (den wir in unserem Buch als „Fetisch“ begriffen haben). Andrerseits wird das Kunstwerk, was seine soziale Wirkung anbelangt, arbeitsteilig erzeugt, und der Künstler selbst muss nicht einmal den größten Anteil an dieser Arbeit haben. Das ist der Dienstleistungs-Charakter der Kunst.

Weder der Objekt-Charakter noch der Dienstleistungscharakter eines Kunstwerks bilden eine hinreichende Erklärung und eine hinreichende Legitimation. Weiterlesen »

8 Kommentare

Weiter »