Nov
23
2011
Zwei oder drei mal (die Quellenlage ist auch hier ein wenig problematisch) nahm der postsituationistische Lyriker Edgar P. Kuchensucher auch an den seinerzeit populären „Schwabinger Nachtlesungen“ teil. Sein Programm begann damals mit dem Lautgedicht
ROMANZE IN MOLL
Tschiggeddy Tschiggeddy
Tschug
Tschiggedy Tschiggeddy
Tschug
Tschug
Tschiggedy
Tschug Weiterlesen »
Nov
22
2011
Die Idee der Kunst in der bürgerlichen Epoche war die Erhabenheit sowohl des Senders als auch des Empfängers. Kunst richtete sich an die Menschheit, und vielleicht sogar noch mehr, an eine Menschheit im Werden, an die Zukünftigkeit im Menschen, und sie richtete sich an sich selbst. Zweimal freilich ergaben sich damit Unbestimmtheiten des Austauschs, die niemals dem näheren Blick standhielten: Ein unbegrenztes Alles als Objekt und ein hoch konzentriertes Subjekt (kein Wunder, dass die niederen Stände und die Kinder spotten mussten über die Heiligkeit der Kunst).
Was man vom Künstler gerade noch (aber selten genug) verlangen kann, nämlich sich selber nicht allzu ernst zu nehmen, ist von der Kunst an sich unter keinen Umständen zu erwarten. Was würde geschehen, wenn die Kunst sich nicht ernst nimmt? Neben vielem anderen wäre sie sehr rasch Opfer anderer sozialer Diskurse, würde im Spektakel, in der sozialen Bewegung, in der Werbung, in der Erziehung usw. verschwinden. So bleibt die Heiligkeit als Selbstschutz erhalten, auch wenn die Kunst längst nicht mehr die Funktion erfüllt, die sie in der bürgerlichen Gesellschaft hatte. Weiterlesen »
Aug
23
2011
Im Jahr 1954 veröffentlichte der postsituationistische Lyriker Edgar P. Kuchensucher in der leider nur kurzlebigen, auflagenschwachen Zeitschrift „Candid Comunist“ das Gedicht
STAATSREGIERUNG
Doof bleibt doof
Da helfen
Keine Pillen
Selbst Aspirin
Versagt.
Der „ewige Rivale“ Kuchensuchers, Eichenweich ließ sich davon zu einem Essay in der ungleich erfolgreicheren Zeitschrift „Akzente“ inspirieren, der unter dem Titel „Die Grenzen der Apropriation in der Poesie“ erschien, den Ruhm des ihm zugrunde liegenden Gedichtes weit überragte und noch heute zur Pflichtlektüre von Germanistik-Studenten gehört. („Mal wieder typisch“, hätte Kuchensucher selbst wohl gesagt, der in dem Essay übrigens namentlich nicht genannt wurde.) Weiterlesen »
Jul
03
2011
Erst im Jahr 1998 tauchte folgendes polemische Gedicht im Nachlass von Edgar P. Kuchensucher auf, dessen Editionsgeschichte, bzw. die Geschichte seiner Nicht-Edition, einmal mehr die manchmal durchaus tragische Konkurrenz/Freundschaft zwischen Kuchensucher und Eichenweich beleuchtet.
Ein Deutscher Beamter
Un a)bkömmlich
Un b)irrbar
Un c)rstörbar
Un d) was sagt unse dasse?
Ursprünglich war dieses Gedicht zur Veröffentlichung in dem Band „Kuchensucher: VergeblIch“ vorgesehen, doch da kam Eichenweich mit der Publikation eines Gedichtes zuvor, Weiterlesen »
Jun
12
2011
HEINRICH KLEY: EIN BILDPRODUZENT DES BEGINNENDEN 20. JAHRHUNDERTS IST ZU ENTDECKEN
Was sind das für Zeiten, in denen der Besuch einer Kunstausstellung ein Verbrechen geheißen werden müsste, weil er das Absehen von so vielen Dingen beinhaltet? Aber so, wie jedes Gespräch über Bäume nun immer auch ein politisches Gespräch ist, so ist auch der Besuch einer Kunstausstellung sehr häufig ein Versuch, die Augen anders als von der Medienherrschaft erhofft, zu öffnen. Und wenn man die Bilder von Heinrich Kley, ausgestellt im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover (vom 22. Mai bis 21. August 2011) betrachtet, die in den ersten beiden Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts entstanden, kann man sich des Eindrucks eines Déja Vu nicht erwehren: Krisen, Katastrophen und Korruptionen des Jahres 1911 ähneln wahrhaft verteufelt den Krisen, Katastrophen und Korruptionen des Jahres 2011. Und wir könnten ebenso verteufelt gut den einen oder anderen Heinrich Kley unter unseren Bilderproduzenten brauchen. (Teufel sind, nebenbei gesagt, etwas, das Heinrich Kley einfach gern gemalt und gezeichnet hat.) Weiterlesen »
Mai
07
2011
Ein Friedhof wäre ein so wundervoller Ort, wenn da nur nicht so viele Tote herumliegen würden.
Kunst ist, was du machst, Kultur ist, was mit dir gemacht wird. Nur, dass es so fataler- wie glücklicherweise Kunst weder ohne Kultur gibt, noch Kultur ohne Kunst.
Der dümmste Gedanke der Welt ist derjenige, der behauptet, man sei nach etwas angestrengtem Nachdenken wieder genau da, wo man vorher war.
Mai
04
2011
Schönheit entsteht aus einer Diskrepanz zwischen Aufwand und Wirkung. Daher mögen wir die „anstrengungslose“ Schönheit ebenso bewundern wie die „überanstrengte“. Anstrengungslos, also mit einem Minimum von Aufwand erzeugte Schönheit erscheint uns als die „natürliche“ (und in der „Natur“ kommt schließlich selbst eine mögliche Absichtslosigkeit hinzu). Die angestrengte Schönheit dagegen ist ein Werk der Kultur und wird gern auch als „Kunst“ bezeichnet.
Da wir der Natur gerne eine umfassende Vernunft unterstellen (weiß der Teufel warum) sind wir der Meinung, Schönheit könne nur im Blick des Menschen (der nicht vollständig Natur sei) entstehen, während sie innerhalb der Natur nichts anderes als nützlich (bei der Fortpflanzung und ihren Wahlmechanismen zum Beispiel) sei: „Schöne“ Blumen, sollen Bienen anlocken, die Schönheit des Pfauenrades oder des Hirschgeweihs die jeweiligen „Weibchen“ beeindrucken. Weiterlesen »
Apr
20
2011
Ewige Lyrik
Morgen
Schreib’ ich ein Gedicht.
Heute
Mach ich’s lieber nicht.
Gestern
Gab’s Zucchini-Auflauf.
Mit diesem „Gelegenheitsgedicht“ beteiligte sich Edgar P. Kuchensucher (vergeblich) am Lyrik-Wettbewerb der „Passauer Neuesten Nachrichten“. Der Redakteur schickte (damals tat man so was noch) das Blatt zurück mit der Bemerkung, es sei für Passauer Verhältnisse „doch allzu gewagt“, in seinen „freien Formen“. Außerdem wisse er nicht – woran man sieht, wie sich die Zeiten ändern – was er sich unter Zucchini vorzustellen habe. Gerüchtehalber verlautbarte, der Vertreter des örtlichen Bischofs in der Jury habe Zucchini für „ein Werk des Teufels“ gehalten. Was sie, unzureichend zubereitet, denn ja auch sind.
Apr
13
2011
KÖNNEN FILME SOZIALE PLASTIK WERDEN?
Kleine Anmerkung zu Christoph Schlingensief
Die soziale Skulptur, gleichgültig ob im Film, ob in anderen Medien, in einem der traditionellen Kunst-Räume wie dem Museum oder schließlich im öffentlichen Raum, verändert das Verhältnis des Künstlers zu seinem Publikum entschieden. Die Anwesenheit des Künstlers in seiner Arbeit ist dringend erforderlich, und zwar gleich auf mehrere Weisen:
1. Als biographischer Reflex. Das bedeutet: Der Künstler ist nicht als Institution, nicht, wie man so schön sagt, als Schöpfergott-Instanz gegenwärtig, sondern als Mensch. Das Kunstwerk hebt ihn nicht über die Zyklen und Formen der menschlichen Kommunikation hinaus, sondern ganz im Gegenteil, das Kunstwerk schafft einen eigenen Raum, in dem sich Menschen begegnen. Und schon da wird sichtbar, dass auch das Spiegelbild erforderlich ist: Die Gegenwart des Publikums, die Anwesenheit des Adressaten. Auf den Film bezogen kann das heißen: Die Schönheit eines Films von, sagen wir Wim Wenders, besteht sehr wahrscheinlich auch dann, wenn niemand zuschaut. Die Schönheit eines Films von Christoph Schlingensief existiert erst durch den Zuschauer. Durch das doppelte Empfinden von Anwesenheit. Weiterlesen »
Mrz
09
2011
Alles vorbei
Arsch
Eremit
Wucher
Dem Vernehmen nach war dieses Gelegenheitsgedicht zum Karnevalsende von Edgar P. Kuchensucher neben zwanzig anderen einem Schreiben des Dichters an Raymond Queneau beigefügt, mit dem er um den Status eines korrespondierenden Mitglieds in der OuLiPo, der Werkstatt für potentielle Literatur, nachsuchte. Queneau antwortet ihm freundlich:
Toux fini
Art
Serve Mits
E Vos Chères
(Aus der korrespondierenden Mitgliedschaft in der sprachwissenschaftlichen Organisation des Raymond Queneau wurde für Edgar P. Kuchensucher dennoch nichts, zumal auch Eichenweich mit einem ganz ähnlichen Anliegen an den französischen Dichter herangetreten war. Daher wartet Deutschland noch heute auf die Begründung einer Werkstatt für potentielle Literatur.)