Archiv für die 'Kultur'-Kategorie

Feb 03 2010

CONTRA NATURAM, oder Die Weltordnung und das Wunder

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft, Kultur.

Anmerkungen zum Phantastischen

In der Zeit der Renaissance begann eine verhängnisvolle Zweiteilung der Wahrnehmung, die uns noch heute bestimmt. Die Welt war einerseits jene in sich ruhende Ordnung, von der Aristoteles gesprochen hatte, und die es zu erforschen galt. Jedes Phänomen, das sich vor den eigenen Augen entfaltete, wurde auf ihren Platz innerhalb dieser Ordnung hin untersucht. Unglücklicherweise aber ließen sich nicht alle Phänomene in diese Ordnung der Natur eingliedern, so dass man mit Dingen zu leben lernte, die staunenswerterweise „contra naturam“ waren. Diese Verstöße gegen die Natur konnten nur einerseits religiös erklärt werden (schließlich war auch die Religion ein geordnetes System, das zu dieser Zeit längst nicht mehr darauf gründete, sich stets durch Wunder neu zu erfinden und neu zu legitimieren, sondern im Gegenteil ihre eigene Statik zur übergeordneten Botschaft zu machen), so musste man mit einem Rest dessen leben, was „gegen die  Natur“ war, ein radikal anderes, das seinen Platz in der Wahrnehmung verlangte. Weiterlesen »

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Jan 13 2010

Der Charakter ist das Schicksal

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft, Kultur.

Der Charakter ist das Schicksal, das hat der Schauspieler Oskar Werner gesagt; damals probte er gerade seinen „Hamlet“. Mit Francois Truffaut geriet er bei den Dreharbeiten zum „Fahrenheit“-Film in Streit, weil der Regisseur seiner Meinung nach nicht genug betonte, dass sein „Feuerwehrmann“ einen faschistischen Charakter hatte. Wer Bücher verbrennt, verbrennt auch Menschen. Oskar Werner, dem als Deserteur Verfolgten, wäre es weiß der Himmel nicht leicht gefallen, sich in einen Faschisten zu verwandeln, für die Dauer der Dreharbeiten. Trotzdem war er zu dem Opfer eher bereit als dafür, die Beziehung zwischen Charakter und Schicksal zu verwässern, wie es seiner Meinung nach der unentschlossene Menschenfreund Truffaut machte. Weiterlesen »

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Dez 22 2009

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 3/09

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Kultur, Kunst.

Von Differenz und dummen Dingen

Die Frage, warum eigentlich etwas ist, und nicht vielmehr nichts, das ist das eine. Das andere aber ist: Warum gibt es eigentlich so vieles und nicht eines? Warum zum Beispiel gibt es nicht ein Tier und eine Pflanze, die sich auf endlosem Kreis voneinander ernähren? Oder warum gibt es Kulturen, Klassen, Geschlechter und nicht einfach den einen, multikulturellen, metrosexuellen und arbeitend-zufriedenen Menschen? Historisch gesehen ist das so einfach wie den Tod erklären: Es ist nützlich (vielleicht nützlich genug, um das ganze System überhaupt am Laufen zu halten). Aber das Historische ist ja keine Antwort, außer, dass es so ist, weil es so geht. Weiterlesen »

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Okt 27 2009

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 2/09

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Kultur, Kunst.

Von der Subversion zur parasitären Strategie

Parasiten und alles, was mit solchen ungebetenen und schmarotzenden Wesen am Tisch oder im Körper zu tun hat, haben denkbar schlimme Images, auch und gerade, wenn es um kreative, geistige oder ästhetische Arbeit geht. Mittlerweile, mit ein bisschen Kenntnis von Biologie und Systemtheorie, sickert es auch zur kulturellen Mitte durch, dass parasitäre Lebensformen nicht nur nützlich, manchmal sogar überlebensnotwendig, sondern auch im höchsten Maß selber kreativ sein können. Kreativ im eigenen Sinn, kreativ aber auch, was System oder Organismus anbelangt, die parasitär besetzt sind. Ein System ist auf Dauer ohne Parasiten nicht überlebensfähig. Weiterlesen »

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Okt 18 2009

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 1/09

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Kultur, Kunst.

Wie Kunst zur Kunst wird, oder: Die Kunst der Kunst ist ihr eigenes Überleben

Die schwierigste Frage an die Kunst ist die, ob es sie überhaupt gibt. Sie könnte ebenso gut eine gewaltige Schimäre, ein sich selbst zeugendes, sich selbst kannibalisierendes, ein sich selbst enthaltendes System sein wie, ganz anders, Unterhaltung für besser verdienende, besser gebildet und sich besser wähnende Stände, nebst der erwünschten Erzeugung „kleiner Unterschiede“ als Symptome von Herrschaft.

Tatsächlich wird Kunst zur Kunst weder im Atelier noch in der Galerie, weder im Museum noch beim Sammler, sondern in den Katalogen, Reproduktionen, Rezensionen. Kunst wird zur Kunst erst außerhalb des Kunst-Raumes. Es kann keine bilaterale Verabredung zwischen einem sein, der einen Haifisch in ein Formaldehyd-Becken platziert und einem, der die entstandene Skulptur für einen Millionenpreis ankauft, wenn es nicht zugleich ein Millionenpublikum gibt, von dem, gewiss, eine Mehrheit lieber in ein Event-Aquarium geht als ins Museum, wenn man einen Haifisch sehen will. Weiterlesen »

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Aug 31 2009

PRODUZIERENDER KONSUM, KONSUMIERENDE PRODUKTION

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft, Kultur.

Menschen, die miteinander oder für sich Spaß haben, und gleichzeitig etwas „herstellen“, das für sich selber oder für einen Dritten Profit erzeugt, das war früher ein Nischen-Dasein (kulminierend in der erheiterten Aussage des Pornostars, man werde im Business für das bezahlt, was die meisten Menschen aus purem Spaß machen). Im öffentlichen Raum wird dies weiter geführt in jenen Events, in denen Teilnehmer zugleich Zuschauer und Zuschauer zugleich Teilnehmer sind. Im Internet schließlich ist der konsumierende Produzent der Normalfall. Weiterlesen »

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