Okt
30
2011
12 Anmerkungen zum Verhältnis von Kunst und sozialer Bewegung
1
Jede soziale Bewegung ist zugleich eine ästhetische Bewegung. Es ist daher nicht die Frage, ob die Kunst etwas für die Bewegung tun kann (ob man, mit Bildern, mit Liedern, mit Theater oder Film, zum Beispiel, „die Welt verändern“ kann); das eine ist schlicht ohne das andere nicht denkbar.
2
Warum wird die Kunst in bestimmten Situationen und in bestimmten (politischen, ökonomischen, kulturellen) Milieus von solcher Bedeutung? Ganz offensichtlich ist die Spannung zwischen dem Kunstmarkt und der gesellschaftlichen Konstruktion der Kunst um etliches größer als in vielleicht „ruhigeren“ Zeiten. Die Frage ist mehr denn je: Wem gehört die Kunst. Weiterlesen »
Sep
09
2011
In meiner Liebingsrubrik „titelschutz“ im Börsenblatt des deutschen Buchhandels begann mal wieder alles mit einem Stück konkreter Poesie:
Schatz, wir müssen reden. Oder wenigstens lesen:
„Wir sind schwanger!“
„Ich bin schwanger!“
„Kinder, Kinder“
„klein und groß“
„keine und große“
„männergesundheit“
Ansonsten lernen Manager demnächst aus der Heiligen Schrift:
„Führungsprinzipien der Bibel“ Weiterlesen »
Jul
12
2011
Manchmal erscheinen Titelschutz-Listen im Börsenblatt des deutschen Buchhandels wie verschollene Gedichte des post-situationistischen Lyrikers Edgar P. Kuchensucher, so etwa die des akademos-Verlags:
Wunschkind
Kinderwunsch
Lieblingskind
Wechseljahre.
Diese vier Titel sind, wohlgemerkt, geschützt „in allen Schreibweisen, Weiterlesen »
Jun
01
2011
Glauben wir etwa, zum Thema Kochen sei alles gesagt, und man könnte für den Rest des Tages den „Fernsehköchen“ die publizistischen Geldmaschinen überlassen? Weit gefehlt! Denn nach dem Titelschutz-Register im Börsenblatt des deutschen Buchhandels haben wir in nächster Zeit folgendes zu erwarten:
„Anständig kochen“
aber auch
„Braten mit Potentaten – Das Kochbuch für den angehenden Diktator“.
So werden wohl in absehbarer Zeit Gutmenschen und Terroristen um die Wette kochen, was, wie wir zugeben müssen, ein Riesenschritt in Richtung menschlicher Welt wäre. (Es sei denn, die Potentaten mischen Anthrax in den Braten Weiterlesen »
Mai
07
2011
Ein Friedhof wäre ein so wundervoller Ort, wenn da nur nicht so viele Tote herumliegen würden.
Kunst ist, was du machst, Kultur ist, was mit dir gemacht wird. Nur, dass es so fataler- wie glücklicherweise Kunst weder ohne Kultur gibt, noch Kultur ohne Kunst.
Der dümmste Gedanke der Welt ist derjenige, der behauptet, man sei nach etwas angestrengtem Nachdenken wieder genau da, wo man vorher war.
Mai
06
2011
Natürlich gibt es unter den zu schützenden Titeln in der „Titelschutz“-Liste im Börsenblatt des deutschen Buchhandels solche, denen man insofern nur dankbar sein kann, da sie einem Menschen mit gesundem Menschenverstand signalisieren, was er getrost ungelesen sein lassen kann. Das reicht von
„Der Hund in deinem Kopf“
über
„Das geheime Wissen der Yoga-Hunde“
„Katzen. Französische Landsitze und ihre Bewohner“
„Gebrauchsanleitung Gast – Gäste begeistern, geschickt verkaufen“
„Gott kann alles“ (auch Mercedes-Benz? Flachbildfernseher?)
„Meine Zukunft in Listen“
bis zu
„Herzlichen Glückwunsch, mit Wünschen die von Herzen kommen“ (ich denk’ aus’m Buch?).
Allerdings gibt es auch Titel, die einen wirklich neugierig machen. Doch doch.
Zum Beispiel:
„Liebling, wo hast du die Eier versteckt?“
Also, hinter so einem Titel muss doch irgendwas stecken. Und sei’s die Erkenntnis, dass die Beknacktheit auf dem Gebiet deutscher Druckwaren immer noch nicht an ihre Grenzen gestoßen ist.
Einen hab’ ich noch:
„Wie kam die Katze auf das Sofa?“
Mai
04
2011
Schönheit entsteht aus einer Diskrepanz zwischen Aufwand und Wirkung. Daher mögen wir die „anstrengungslose“ Schönheit ebenso bewundern wie die „überanstrengte“. Anstrengungslos, also mit einem Minimum von Aufwand erzeugte Schönheit erscheint uns als die „natürliche“ (und in der „Natur“ kommt schließlich selbst eine mögliche Absichtslosigkeit hinzu). Die angestrengte Schönheit dagegen ist ein Werk der Kultur und wird gern auch als „Kunst“ bezeichnet.
Da wir der Natur gerne eine umfassende Vernunft unterstellen (weiß der Teufel warum) sind wir der Meinung, Schönheit könne nur im Blick des Menschen (der nicht vollständig Natur sei) entstehen, während sie innerhalb der Natur nichts anderes als nützlich (bei der Fortpflanzung und ihren Wahlmechanismen zum Beispiel) sei: „Schöne“ Blumen, sollen Bienen anlocken, die Schönheit des Pfauenrades oder des Hirschgeweihs die jeweiligen „Weibchen“ beeindrucken. Weiterlesen »
Mrz
18
2011
Manchmal, wenn ich die „Titelschutz“-Liste im Börsenblatt des deutschen Buchhandels durchstreife, überkommt mich das tiefe Glück des tataistischen Dao:
„Dann bist du seelenruhig. Mein Leben als Ritzerin“
„Movie Star – Küssen bis zum Happy End“
„Ausprobiert – Gott entdeckt“
„Du: Angedacht von A bis Z“
„Nicht der Typ für Gott“
„Das Bondage-Handbuch Spezial – Japan Bondage“ Weiterlesen »
Jan
29
2011
Wenn man wissen will, wie sich der Konsumgüter-Markt eine gaanz, gaanz tolle Zukunft vorstellt, muss man ab und an einen Blick in das „Red Bulletin“ werfen, das so intelligenten Zeitungen wie der F.A.Z. beigelegt ist, damit die dicker aussieht, wenigstens am Wochenende. Es nennt sich ein „fast unabhängiges Monatsmagazin“, wird von, logisch, dem Getränkehersteller Red Bull herausgegeben und handelt, ja, verflixt, wovon handelt das Ding eigentlich? Ich glaube, es handelt irgendwie von Extrem- und Trendsportarten, von Leuten, die echt nichts anderes zu tun haben als möglichst teuren Blödsinn möglichst überall in der Welt zu treiben, oder „Sport, Kunst, …, Abenteuer. Der lebhafte Mix über alle thematischen Grenzen hinweg“, so heißt das im Impressum; man könnte aber auch sagen, es handele sich um ein Magazin, dem es gelingt, sehr elegant, sehr teuer und einigermaßen aufgedreht unterhalb dessen zu bleiben, was man ein Thema nennen könnte. Weiterlesen »
Jan
28
2011
Trash ist eine Art von Pop-Produktion, die ökonomisch, „kulturell“ und sozial am unteren Ende der Skala angesiedelt ist (A-Film, B-Film, C-Film, Trash Movie) und dort unten die Möglichkeit hat, sich so viele Freiheiten herauszunehmen, dass man die ganze Hierarchie auf den Kopf stellt: Trash ist daher meistens an Kunst näher als an „guter Unterhaltung“.
Aber nicht jedes Pop-Produkt, Film, Literatur, Comics etc. das am Ende der Produktions- und Handwerksskala angesiedelt ist, darf sich gleich mit dem Ehrentitel „Trash“ schmücken, und auch eine ganze Genre-Bezeichnung in einem Medium wie, sagen wir, Trash-Fernsehen oder Trash-Metal, ist ganz und gar keine Garantie, echten, guten Trash zu erhalten.
Daher also zehn Kriterien, um guten Trash von Pseudo-Trash zu unterscheiden:
1. Trash wird mit Leidenschaft gemacht; Berechnung (sexploitation z.B.), Low oder No Budget, handwerkliche Limitierung, „schlechter Geschmack“ und Bekenntnis zum guilty pleasure sind also allein noch nicht ausschlaggebend. Weiterlesen »