KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 7/15: Der Tod des Merz-Hasen

Derzeit fällt es, jenseits von Geheimdiensten und Universitäten, schwer, ein System zu finden, das so panzerfest, unbeirrbar und kritikresistent den neoliberalen Mantras folgt wie der Kunstbetrieb. Und das meint nicht nur den presse-üblichen „verrückten Kunstmarkt“ der Spitzen-Auktionen, es hat die mittleren Galerien so sehr erfasst wie die staatlichen Museen und Sammlungen, die Kunstwissenschaft wie die Kritik. Sobald sich das Unbehagen, das es weiß der Kunsthimmel genügend gibt, irgendwo zu artikulieren droht, und geschehe es in noch so moderater Form, schließen sich die Reihen, verschließen sich Ohren und Geist, verknoten sich die Netzwerke. Auch da ist der Kunstbetrieb nur noch perfektes Abbild des Neoliberalismus als apokalyptisch-geile Weltanschauung. Man weiß, dass das System an die Wand fährt, aber man hofft, vorher noch ein Karriere- oder Besitz-Schnäppchen zu machen. Wir haben keine Alternative, es war schon immer so, was wollt ihr denn, uns geht’s doch gut…Blahblahblah.

Dieser Betrieb ist zu keiner Geste der Selbstaufklärung, ja nicht einmal zu einer der Selbstironisierung mehr in der Lage. Man kann ihn, mit den bescheidenen Mitteln von Kritik und Satire, nicht aus der bleiernen Mechanik bringen, denn hier wird schon längst über alles gelacht, nur nicht über sich selbst.

Stellen wir uns vor, es ginge in der Kunst, vielleicht nicht allein aber doch vorrangig, um Kontingenz. Das heißt um Vorgänge von Produktion, Performance und Kommunikation, die nicht vorgegeben, nicht abgeschlossen, nicht berechenbar sind. Man beträte den Raum der Kunst mit einem Hochgefühl: Alles kann geschehen. Von stiller Ergriffenheit über eigene Phantasietätigkeit bis hin zu energetischer Explosion. Oder zu etwas, für das wir gar keinen Begriff haben. Wo sich dieses (Alles) Mögliche ereignet, ob im Werk selbst, zwischen Werk und Adressat, im Raum oder in der Zeit. Das ist lange nicht so wesentlich, wie es die unentwegte Methodendiskussion erscheinen lässt, sondern viel mehr abhängig von einer Grundverfassung zwischen Kunst und Gesellschaft. Denn was nutzte eine Kunst des Möglichen in einer Gesellschaft der Unmöglichkeiten? Was könnte das Stück Kontingenz in einer Überwachungs- und Manipulationsgesellschaft anders als Beute sein? Die Macht des Besitzes, als Individuum wie als Betrieb, bedeutet, der Kunst die Kontingenz für alle auszutreiben und sie sich privat anzueignen. Mir, sagt ein Kauf, ist alles möglich, weil ich es den anderen unmöglich mache. Weiterlesen

Das ABC der Ordnung des 1-Euro-Ladens

Ein Gast aus der chinesischen Vergangenheit besuchte mit mir einen 1-Euro-Laden und konnte auf Anhieb die verborgene Ordnung all jener Dinge erstellen, die für einen einzigen Euro, wie man so sagt: den Besitzer wechseln. Er zählte auf:

a) Dinge die gelb sind, b) Dinge, die sich sofort verzehren lassen, c) Dinge, die an andere Dinge erinnern, d) Dinge, die eine Marke repräsentieren, die aus der Mode gekommen ist, e) Dinge für die Küche, f) Dinge, die sich gut anfühlen, wenn man darüber streicht, g) Dinge, die sehr stark verpackt sind, h) verblassende Dinge in Plastik, i) Spielzeug, das rasch verloren gehen soll, j) Dinge, deren Funktionsweisen im Unklaren bleibt, k) unappetitliche Dinge, l) Dinge, die Herren im Alter ab 50 Lachen machen sollen, m) Dinge aus Holz, n) Musik, die niemand hören will, o) Dinge, die sich über andere Dinge lustig machen, p) Dinge, die die Verkäuferin nicht erklären kann, q) Dinge aus China, r) Dinge, deren Namen den Buchstaben r enthält, s) Dinge, die zur Aufbewahrung anderer Dinge dienen sollen, t) Dinge, von denen es zu viel gibt, u) Dinge, die sehr unhandlich sind, v) Dinge, die an andere Dinge angeschlossen werden, w) Dinge, die an andere Dinge angeschlossen werden sollen, die es aber nicht gibt, x) Dinge, die an Tierbabies erinnern, y) Dinge denen nicht zu trauen ist, z) Dinge mit einem Schalter …

Mein Gast aus der chinesischen Vergangenheit hätte die Ordnung des 1-Euro-Ladens gerne weiter ausgeführt. Doch er bemerkte, dass er an das Ende des westlichen Alphabets gelangt war. Einmal mehr dachte er (ohne es zu sagen, denn er ist ein sehr höflicher Mensch), wie einfältig und limitiert diese Kultur doch sei.

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 3/15: Auf dem Weg zu einem fragmentarischen Theorem zum Vergnügen am Unsinn der Kunsttheorien

Niemand weiß genau, was Kunst ist. Mit diesem Einleitungssatz hat man schon halb gewonnen, und eben auch halb verloren.

Die Wahrheit einer Theorie besteht in ihrer umstürzlerischen Kraft. Was sie wert ist, mag man später ermessen, im Augenblick ist sie so gut als sie „stunning“ ist. Die Theorie ist so stark wie der Unterschied zwischen dem Vorher und dem Nachher.

Das Theorem gegen die Theorie hat da, machen wir uns nichts vor, wenig Aussichten. Es ist wohl der wilden aber zumindest hierzulande akademisch und überhaupt nicht übermäßig geschätzten Form des Essay zuzuschlagen.

Eine Theorie ist der Versuch (aha!) eine (neue) Ordnung in einen Verhau zu bringen, den man mithilfe ihrer als solchen erkannt hat.

Über das, was eine Theorie ist, gibt es nur Theorien.

Wenn man sagt, dass nichts so praktisch ist, wie eine gute Theorie, möchte man, dass sich Theorie und Praxis umarmen. Geschwisterlich, sozusagen. Weil man, nur zum Beispiel, über Kunst gar nicht reden kann, wenn man keine Theorie zu ihr hat.

In der Praxis nämlich verhält es sich so, dass die meisten Menschen mit einem Haufen Theorien herumlaufen, ohne es zu wissen.

Theorien, die nicht wissen, dass sie Theorien sind, sind oft geistige Krankheitserreger.

Der Mensch besteht zu einem großen Teil aus Theorien. Das fängt schon in frühester Kindheit an. Die anderen Menschen, zumeist mit der Mutter angefangen, sind zuerst die Bausteine einer Theorie der Welt.

Die Kunst ist das Ende der Theorie, nicht nur, weil sie, nach landläufiger Auffassung, aus Prinzip jeder Theorie von ihr widersprechen muss, sondern auch, weil sie den Verhau, den die Theorie ordnen will, viel mehr liebt. Die Kunst ist die Verteidigung des Verhaus gegen die Theorie.

Das Leben ist mehr als Verhau und Theorie, sagt T. (Manchmal gibt es Zitronenmarmelade zu Schwarzbrotscheiben.)

Theorie ist eine Organisation von Wissen und Nichtwissen. Dumme Theorien sind Organisationen von lauter Wissen oder Organisationen von lauter Nichtwissen Weiterlesen

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 2/15: Kunst & Glamour

Heute, da das Bewusstsein der Herrschenden

mit der Gesamttendenz der Gesellschaft zusammenzufallen beginnt,

zergeht die Spannung von Kultur und Kitsch.

Theodor W. Adorno

 

„Nächstes Wochenende rollen sie wieder durch die Stadt – die dunklen Limousinen, mit denen das Berliner Gallery Weekend seine VIPs befördert. Aufgereiht werden die Wagen vor den Galerien und den Locations der Empfänge bereitstehen, in diesem Jahr vor dem Kino International und dem 1968 wieder aufgebauten Kronprinzenpalais: Renommierbauten der DDR als Alleinstellungsmerkmale im internationalen Kunstbetrieb.“ So beginnt der Bericht der Süddeutschen Zeitung über den mittlerweile etablierten Halb-Luxus- und Halb-Trash-Karneval der Kunstszene in Berlin.

Natürlich war Kunst schon immer mehr als Kunst. Nicht nur als Drumherum sondern auch als Mittendrin. Immer mischte sich in die Aura von Freiheit und Befreiung die Idee von entfesseltem Hedonismus, hemmungsloser Emotion und Karnevalisierung. Und immer wieder nahm das Drumherum solch groteske Züge an, dass Menschen sich empören mussten. Die einen, gewiss, weil ihnen sauertöpfisch und neidig das Zuviel an Sex & Drugs & Rock’n’Roll aufstieß, oder auch an Arroganz, Snobismus und performativer Distinktion, die anderen aber, eher mittendrin, mussten argwöhnen, dass das Eigentliche, nämlich die Kunst selber, nur noch Vorwand und Maske wäre. Künstler liebten es, sich snobistisch unter Snobs zu verhalten, betont unrasiert unter Menschen zu erscheinen, deren Rasierwasser das Jahresgehalt eines Straßenbahnfahrers ausmachen soll, genau so „ordinär“ daherzureden wie die, von denen sich die oligarchen Insassen des Events so aggressiv unterscheiden wollen. Viele hielten diese weitere Umdrehung der Karnevalisierung schon für so etwas wie Subversion. Eine Zeit lang jedenfalls.

Vorwand für was? Für die kultivierte Verachtung der Wohlhabenden gegenüber dem Rest der Welt? Für die Erzeugung eines Milieus, in dem sich gefahrlos überschüssige, mehr oder weniger kreative und sexuelle Energie der herrschenden Klasse entsorgen ließe? Für jene urbane Dynamik, an deren plot points doch immer wieder nur das eine steht: Die Verdrängung der Habenichtse durch die Gewinner? Für die Wichtigtuereien einer Spezial-Journaille, die atemlos die Hypes aneinander reiht und der Szene ansonsten konsequent alles Störende vom Leib hält? Als Maskenball geschmeidiger Beziehungen zwischen Politik und Wirtschaft? Als Spiegelsaal des Finanzkapitalismus und Modenschau für Spät-Luxus in einer entluxurifizierten Welt? Als Inszenierung für ein Schauspiel des „Geht doch“? Weiterlesen

Kleinigkeiten (26)

Und was liest man in Deutschland so, wenn kein neuer Sarrazin auf den Markt kommt und „Mein Kampf“ noch auf die Veröffentlichung wartet? Zum Beispiel: „Rote Lügen in grünem Gewand: Der kommunistische Hintergrund der Öko-Bewegung [Gebundene Ausgabe].“ Darin belegt ein gewisser Torsten Mann etwa folgendes, laut PR-Text: dass die „Klimakatastrophe“ genau so eine Lüge ist wie zuvor schon das „Waldsterben“ und das „Ozonloch“. Der grünen Politik liegen nicht etwa ökologische Absichten zugrunde, sondern rein ideologische Motive, die ausschließlich darauf abzielen, die Marktwirtschaft der westlichen Nationalstaaten in den Ruin zu treiben. An ihrer Stelle soll ein globaler Umverteilungsstaat nach dem Vorbild der Sowjetunion errichtet werden, der von einer zur Weltregierung ausgebauten UNO planwirtschaftlich kontrolliert wird.

Die Nationalstaaten sollen immer enger in die Zwangsjacke überstaatlicher Gebilde eingebunden werden. Von der Öffentlichkeit unbemerkt, befinden wir uns auf dem Weg in eine ökosozialistische Diktatur, die jedem einzelnen Menschen vorzuschreiben gedenkt, wie er zu leben und zu arbeiten hat.

Dieses Buch reißt den Protagonisten der Ökobewegung die Maske vom Gesicht. Es dokumentiert ihre Herkunft, ihre politischen Anschauungen und die verblüffenden Ähnlichkeiten zwischen den Planungen der einst sowjetischen Kommunisten und was kein Widerspruch ist der US-amerikanischen Hochfinanz anhand von zahlreichen Zitaten und Quellen. Unter dem Deckmantel des Umwelt- und Klimaschutzes droht die größte Umverteilung von Wohlstand in der Geschichte der Menschheit und eine Neue Weltordnung, die die Freiheit des Einzelnen nach den Prinzipien des Sozialismus massiv beschränken will.

Das haben wir uns doch gedacht, dass die Kommunisten dahinter stecken, wenn wir viel zu kleine Autos bauen, überall Bäume im Weg stehen und die Weltmeere voller Walfische sind. Vielleicht wollen die Kommunisten uns ja auch vergiften, mit Bio-Joghurt und linksdrehendem Schimmelkäse! Weiterlesen

Was ist eigentlich Kritik, und warum steht es derzeit bei uns so schlecht damit?

Wenn wir uns ein reiches und erfülltes Leben in einer demokratischen Zivilgesellschaft vorstellen – und augenblicklich scheint dies das Schönste, was wir uns auf Erden vorzustellen vermögen – dann spielt Kultur dabei eine nicht unerhebliche Rolle. Ein Zusammenspiel von Kunst, Alltagsleben und Wissenschaft. Kultur besteht einerseits aus schönen, interessanten, provozierenden und neuen Dingen und Ideen, die auf verschiedenste, nie ganz erklärbare Weise hervorgebracht werden, und andrerseits aus Menschen, die auf diese neuen Dinge und Ideen reagieren. Mit Wohlgefallen, Widerspruch oder Skepsis. Aber noch etwas gehört zur Kultur. Etwas, das zwischen beidem vermittelt, etwas, das beidem eine gemeinsame Sprache gibt, etwas, das aus vielen individuellen Begegnungen einen gesellschaftlichen Diskurs macht. Nennen wir es: die Kritik.

Im richtigen Leben ist Kritik etwas eher Lästiges, echt wahr. Man kann Leute nicht ausstehen, die dauernd an etwas herumzukritisieren haben. Ehepaare und Familien werden unausstehlich, wenn man einander permanent kritisiert. Und Erziehung, diese notwendige Traumatisierung – besteht sie nicht aus einer vollkommen ungleichen Verteilung des Rechtes auf Kritik und der Pflicht, sich ihr zu unterwerfen? Nichts ist am Ende demütigender, als öffentlich zur (politischen) Selbstkritik gezwungen zu werden.

Wenn sich jemand gar die Kritik als Beruf wählt, dann dürfen sie oder er nicht gerade mit einem Sympathie-Bonus rechnen. Und was haben wir für Bilder von Kritikern! Ignorante Stümper, deren Anmaßung im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Sachkenntnis steht. Sadistische Besserwisser, denen nichts solch großes Vergnügen bereitet wie die „Vernichtung“ eines Kunstwerkes durch das tückisch geschliffene Wort. Wichtigtuer und Wechsler in den Tempeln der Kultur. Weiterlesen

LEITKULTUR!

Aus der wundervollen Welt der Käsetheke des V-Marktes:

Hinterholzer Bio-Hornkäse. würzig, laktosefrei, 50% Fett i.Tr., aus Milch von Kühen, die ihre Hörner mit Stolz tragen dürfen.

*

Aus der wundervollen Welt des Fernsehens:

Das ARD-Programm vom Samstag, 1. Dezember 2012:

09:05 Nord. Komb: Skispringen

09:40 Ski alpin: Abfahrt (D) Weiterlesen

Weitere Notizen während der Abschaffung des Feuilletons

Meine Forderung zur Abschaffung des Feuilletons in den deutschen Großzeitungen findet offensichtlich Gehör in den Redak…, nein, Quatsch, in den Marketingabteilungen. Es wird allerdings eher so schleichend abgebaut. Bei 74 Zeitungsseiten der Süddeutschen Zeitung, PR-Beilagen nicht mitgerechnet, am 18. Oktober gibt es ganze zwei Seiten Feuilleton, plus eine Seite „Film“ und eine Seite „Literatur“. Weitere Stichproben ergeben: Das ist wohl ein Trend.

Am 29. Oktober sind es drei Seiten von 58 plus eine Seite Literatur, von 44 Seiten  am 30. Oktober, plus Fernsehprogramm, sind es 3 Seiten (Aufmacher: James Bond) plus eine Seite Literatur, von 80 Seiten am Wochenende zum 3./4. November sind es immerhin 5, plus 1 Seite Literatur, plus 1 Seite „Kunstmarkt“, dafür gibt’s aber auch ein paar schöne Anzeigen, damit man nicht so viel lästigen Text setzen muss.

Komm schon, liebe Süddeutsche Zeitung, die paar Seiten, die kriegen wir doch auch noch weg! Die Leute, die für 2,20 Euro eine Süddeutsche Zeitung kaufen, die brauchen Wirtschaft, Geld, Sport, Bayern, München, Immobilien –  aber doch keine Kultur.

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 3/11

12 Anmerkungen zum Verhältnis von Kunst und sozialer Bewegung

1

Jede soziale Bewegung ist zugleich eine ästhetische Bewegung. Es ist daher nicht die Frage, ob die Kunst etwas für die Bewegung tun kann (ob man, mit Bildern, mit Liedern, mit Theater oder Film, zum Beispiel, „die Welt verändern“ kann); das eine ist schlicht ohne das andere nicht denkbar.

2

Warum wird die Kunst in bestimmten Situationen und in bestimmten (politischen, ökonomischen, kulturellen) Milieus von solcher Bedeutung? Ganz offensichtlich ist die Spannung zwischen dem Kunstmarkt und der gesellschaftlichen Konstruktion der Kunst um etliches größer als in vielleicht „ruhigeren“ Zeiten. Die Frage ist mehr denn je: Wem gehört die Kunst. Weiterlesen

Titelschutz (10)

In meiner Liebingsrubrik „titelschutz“ im Börsenblatt des deutschen Buchhandels begann mal wieder alles mit einem Stück konkreter Poesie:

Schatz, wir müssen reden. Oder wenigstens lesen:

„Wir sind schwanger!“

„Ich bin schwanger!“

„Kinder, Kinder“

„klein und groß“

„keine und große“

„männergesundheit“


Ansonsten lernen Manager demnächst aus der Heiligen Schrift:

„Führungsprinzipien der Bibel“ Weiterlesen