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	<title>Das Schönste an Deutschland ist die Autobahn &#187; Krise</title>
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	<description>Das Georg-Seeßlen-Blog</description>
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		<title>Kritik &amp; Zukunft</title>
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		<pubDate>Tue, 25 May 2010 15:10:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Denken]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Die offene Kritik
Wenn man die Dinge kritisiert, wie sie sind, müsste man es im Namen einer besseren Möglichkeit oder gar im Namen der offenen Zukunft machen. Was aber, wenn es keine Zukunft gibt? (Und unendlich viele Möglichkeiten, die sich nicht als „richtig“ und „falsch“ ausweisen können.)
No Future – nicht in der Form, dass es kein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die offene Kritik</strong></p>
<p>Wenn man die Dinge kritisiert, wie sie sind, müsste man es im Namen einer besseren Möglichkeit oder gar im Namen der offenen Zukunft machen. Was aber, wenn es keine Zukunft gibt? (Und unendlich viele Möglichkeiten, die sich nicht als „richtig“ und „falsch“ ausweisen können.)</p>
<p>No Future – nicht in der Form, dass es kein Morgen gibt. Keine Entwicklung mehr, keine Geschichte. Sondern in der Form, dass es keine lineare Entwicklung, kein Projekt, in Wahrheit nicht einmal eine Hoffnung gibt. (Auf diesen Teil der philosophischen Grundfragen, „Was darf ich hoffen?“, fällt uns derzeit nicht wirklich etwas ein.)<span id="more-695"></span></p>
<p>Andere Frage: Das System bestehe aus Elementen, Positionen, Beziehungen und Dimensionen. Das kritische Element in einem System erzeugt eine kritische Beziehung. Wird sie das System verändern, stabilisieren, zerstören oder immunisieren? Joseph Schumpeter glaubte, der Kapitalismus würde durch ein Übermaß von selbst produzierten kritischen Elementen zum Einsturz gebracht. Offensichtlich ist das Gegenteil eingetreten: Kritik ist so weit verschwunden, dass das System selber darunter zu leiden beginnt. Der Kapitalismus ohne Kritik verliert eine Dimension. (Aber welcher Kritiker möchte schon so eindeutig dem System dienen, das er kritisiert? Kritisier mich! Schreit der masochistische Kapitalismus zur Zeit der Krise. Nein! Sagt der sadistische Kritiker.)</p>
<p>Ohne Zukunft erscheint bemerkenswerterweise alle Kritik als reaktionär. Muss, wer nicht im Namen der Zukunft spricht, in dem der Vergangenheit sprechen (und erntet die Häme: „Ja, ja, früher war alles besser!“) oder zustimmend murmeln in einem endlos „praktischen“ Heute? Hier könnte man das System noch ein wenig besser machen, dort droht es ein wenig die Dimensionen zu verlieren. (So verlangt die Kritik des Kapitalismus derzeit ein wenig Keynes zurück. Nun ja.)</p>
<p>Präsens-Kritik besteht aus Vorschlägen zum Weitermachen; we can handle it. Sie ist ein Eingriff in die Symptome. Radikale Kritik nennt die Krankheit. Allerdings ist sie sich ihrer Diagnose nicht sicher. (Und mit der Therapie ist das sowieso so eine Sache.) So wird sich der Arzt selber zum Thema. Man muss sehr aufrichtig sein, um außerhalb des Gesetzes zu leben. Sagt Bob Dylan. Man muss sehr systematisch denken um außerhalb des Systems zu denken.</p>
<p>Zweifellos gibt es auch eine Kritik ins Offene hinein (die bessere Art, ohnehin, damit wir Kritik nicht als Maske des Besserwissens missverstehen); aber ins Leere?</p>
<p>Es ist leicht, beim Kritisieren zynisch zu werden. Aber noch viel leichter ist es, jeder Art der Kritik ins Offene hinein Zynismus zu unterstellen.</p>
<p>Man müsste wohl eine Position der „offenen Kritik“ – in Analogie zu Umberto Ecos „offenem Kunstwerk“ – bestimmen, eine Kritik der „veränderlichen Lektüren“, die gleichwohl alles Mögliche nur nicht beliebig und belanglos wäre: „Vielheit und Gleichwertigkeit der Beschreibungen der Welt“ (Eco).</p>
<p>Offene Kritik kann sich selbst mit-kritisieren, ohne in sich selbst zu verschwinden. Sie bleibt der unterschiedlichen Lektüre offen, indem sie zwischen Elementen, Beziehungen und Positionen ihres Gegenstandes zu unterscheiden weiß. Und offene Kritik beschreibt sehr genau die eigenen Beziehungen und Positionen, mag man sich innerhalb oder außerhalb des Systems (eines Kunstwerks, eines Herrschaftssystems) befinden.</p>
<p>Daher kann die offene Kritik „unmögliche“ Positionen einnehmen (das heißt: ihre erste Frage ist nicht die nach der Nützlichkeit, nicht die nach der Machbarkeit sondern die nach der Vorstellbarkeit).</p>
<p>Die Kritik der Phantasien setzt selber Phantasie frei.</p>
<p>Offene Kritik kann nur funktionieren, insofern sie Macht ausschließt. (Jede Form von Macht ist Gegenstand der Kritik. Auch die eigene.)</p>
<p>Umgekehrt hat die offene Kritik wenig prinzipielle Probleme mit einer Verschwesterung mit einem Gegenstand: Das Kunstwerk ist nicht nur Gegenstand der Kritik, sondern auch Verbündeter bei der Kritik der Welt.</p>
<p>Kritik der Welt? Ja, auch die offene Kritik, wenngleich sie ehrlich genug ist, sich weder auf eine verpflichtende Vergangenheit noch auf eine projizierte Zukunft zu berufen, will, dass es nicht so bleibt, wie es ist.</p>
<p>Der tückischste Gegner der offenen Kritik ist die Mode. Hat sich nicht ein Begriff, mag er noch so präzis sein, hoffnungslos „verbraucht“; ist nicht eine Denkmethode, brauchbar meinethalben, zu „altmodisch“ geworden, um noch zu wirken? Kritik auf dem Meinungsmarkt muss immer in der jeweils hippen Sprache vorgetragen werden. Oder?</p>
<p>Der Mode misstrauen ohne zu erstarren!</p>
<p>Der eigenen Zeit auf Augenhöhe begegnen (das heißt auch: Sich nichts von ihr gefallen lassen!).</p>
<p>Aber welches Medium könnte die offene Kritik denn noch benutzen? Das Feuilleton zerbröselt; das Internet ertränkt jeden Gedanken, den es zulässt, in der schieren Menge der verschleuderten Blödheiten; die Subversion ist ein Werbe-Gag.</p>
<p>Bis zu einem gewissen Grad muss sich daher die offene Kritik selber medial herstellen. Um es mit einem altmodischen Wort zu sagen: nomadisch. Oder auch: archipelagisch.</p>
<p>Da sie es schwerer hat, nimmt sie es leichter.</p>
<p>Denn der offenen Kritik braucht man gar nicht erst mit ihrer „Wirksamkeit“ kommen. Solche Wirksamkeit wäre Teil des kritisierten Systems.</p>
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		<title>Sprichwörter (2)</title>
		<link>http://www.seesslen-blog.de/2010/05/12/sprichworter-2/</link>
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		<pubDate>Wed, 12 May 2010 06:41:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>

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		<description><![CDATA[„Geld regiert die Welt.“ (sagte meine Großmutter seufzend, als man ihr die Hälfte des Gartens nahm, damit eine Garagenzufahrt entstehen konnte.) Damals meinte das vor allem: Geld ist das Mittel jener, die sich Macht und Vorteil zu verschaffen verstehen, weil sie, woher auch immer, dieses Mittel besaßen. Aber es steckte ein klein wenig wohl schon [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>„Geld regiert die Welt.“</strong> (sagte meine Großmutter seufzend, als man ihr die Hälfte des Gartens nahm, damit eine Garagenzufahrt entstehen konnte.) Damals meinte das vor allem: Geld ist das Mittel jener, die sich Macht und Vorteil zu verschaffen verstehen, weil sie, woher auch immer, dieses Mittel besaßen. Aber es steckte ein klein wenig wohl schon zur Zeit meiner Großmutter darin, dass möglicherweise nicht allein diejenigen, die es haben und die es einigermaßen skrupellos einsetzen, die Welt regieren, sondern das Geld an sich.</p>
<p>Im Augenblick sind wir diesem Regenten auf eine Weise unterworfen, wie wir es zumindest noch nie gespürt haben: Alle sind betroffen, kein außerhalb mehr möglich (weder das Verfassen eines Haiku noch eine Liebesgeschichte denkbar ohne Geld), andere, auch nicht viel sympathischere Formen von Macht und Gewalt, Regierung, Militär, Terror, ganz und gar dem Geld unterworfen. Was kein Geldgeschäft ist, ist obskur und obszön.<span id="more-681"></span> (Fiel nicht einer famosen deutschen Politikerin als erstes zu den Missbrauchsfällen in der Kirche und in den Internaten ein, die Schuld in Geldform zu begleichen?)</p>
<p>Dieser Regent wird um so mächtiger, je fiktiver er wird. Stellen wir uns vor, jene Summe, die man eben mal in Brüssel als „Schutzschirm“ über „unser“ Geld gespannt hat, und die Zeitungen gerne ausdrücken, indem sie sie über mehrere Seiten dehnen, würde tatsächlich „fällig“, dann wäre wohl das Ende dieses Regenten (zumindest in seiner Euro-Form) gekommen, mehr noch aber wäre es das Ende seines Volkes. Denn schon jetzt ist klar, dass jede Regierung, um ihren wahren Regenten (eine „Realabstraktion“, wie wir von Karl Marx wissen, das heisst: Geld gibt es nicht „wirklich“, aber es hat beständig unwiderlegbar wirkliche Folgen) zu schützen, über Leichen geht. Wenn es gilt, den Euro zu schützen (der auf einmal „unser“ Geld ist, in einer Welt, in der alles plärrt: „Meins! Meins! Meins!“), sind Menschen nichts mehr wert. Wir sollen arbeiten und sparen, zugleich konsumieren wie die Deppen und verzichten wie noch größere Deppen, um das Geld zu schützen, zu stützen, zu „stabilisieren“. Sehr viel Gnade kennt dieser Regent nicht.</p>
<p>Eine nicht zu verachtende Methode ein Problem zu behandeln, ist es, die Frage voranzustellen, wer es geschaffen hat und aus welchem Grund. Aber natürlich fällt unter der Regentschaft des Geldes den Apologeten nichts anderes ein, als sich Sündenböcke zu suchen: Die faulen und verlogenen Griechen, wie es die BILD-Zeitung in ihrer Kampagnen-Widerlichkeit macht (sie haben sich geweigert, dem Geld zu geben was des Geldes ist, nämlich ihre Lebens- und Arbeitskraft, sie haben ihre Steuern nicht bezahlt, sie haben die Erzählung des Geldes nicht korrekt wiedergegeben etc.), die Regierungen, die nicht schnell genug bemerkten, wie ungehalten der Regent ist (hat der Regent Fieber? Hat er Hunger? Braucht er neue Bataillone?), die „Spekulanten“, die sich am Hof des Regenten bereichern, durch falsche Ratschläge, tückische Schranzen-Spiele. In der Mitte des Volkes herrscht die Meinung, der Regent sei im Kern gut, weise und gerecht, man darf ihn nur nicht kritisieren, betrügen, ignorieren oder sonst wie kränken.</p>
<p>Regierung ist mittlerweile kaum noch etwas anderes als die Kunst, die Totalität und die Absurditäten, vor allem aber: die Schwäche des Regierenden Geldes zu vertuschen. Was ist, wenn dieser König stirbt (und ist er nicht dabei, sich zu Tode zu regieren)? Wird er sein Volk mit in den Abgrund reißen, oder kann es verdutzt und erleichtert aufatmen: Was waren wir doch für Narren!</p>
<p>Geld regiert die Welt. Und es zeigt sich uns, wie jener Kaiser einst, der von seiner eigenen Pracht überzeugt war. Nackt.</p>
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		<title>Was die &#8220;Rettung von Griechenland&#8221; anbelangt&#8230;</title>
		<link>http://www.seesslen-blog.de/2010/05/05/was-die-rettung-von-griechenland-anbelangt/</link>
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		<pubDate>Wed, 05 May 2010 18:36:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Komplexreduzierung daily
Was die „Rettung von Griechenland“ anbelangt, bescheißt uns die Regierung gerade wieder nach Strich und Faden; selbst der F.A.Z. fällt auf, dass eine Politik, die ausschließlich im Interesse der Banken funktioniert, gleichsam automatisch eine Politik gegen das eigene Volk sein muss (man sagt es nur nicht so). Und die BILD-Zeitung formuliert das diesbezügliche Unbehagen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Komplexreduzierung daily</strong></p>
<p>Was die „Rettung von Griechenland“ anbelangt, bescheißt uns die Regierung gerade wieder nach Strich und Faden; selbst der F.A.Z. fällt auf, dass eine Politik, die ausschließlich im Interesse der Banken funktioniert, gleichsam automatisch eine Politik gegen das eigene Volk sein muss (man sagt es nur nicht so). Und die BILD-Zeitung formuliert das diesbezügliche Unbehagen nach dem Muster seltsam rassistisch anmutender Kampagnen um (als müsste um jeden Preis der Welt verhindert werden, dass die Beschissenen dieser Erde sich solidarisieren).</p>
<p>Die Art, wie demokratische Regierungen die Bevölkerung bescheißen, funktioniert am Ende in der Regel immer, denn sie bedienen sich dabei der Medien, die sie perfekt zu bedienen gelernt haben (wenn auch mal, wie man so sagt, über die Bande). Politiker, die es lernen, mit Medien umzugehen, verlernen zuerst, mit echten Menschen umzugehen, und dann verlieren sie die Fähigkeit, überhaupt noch mit der Wirklichkeit umzugehen. Außer natürlich mit der Wirklichkeit des Kapitals.</p>
<p>Bei jeder solchen Krise, so scheint es, kann auch die demokratische oder eben postdemokratische Herrschaft nachher genau so weiter machen wie bisher. Aber jedes Mal erzeugt sie eine nächste Gruppe von Menschen, die nicht mehr mitmachen, die das alles nichts mehr angeht, die leer gewordene Rituale der Demokratie nicht mehr füllen wollen.</p>
<p>Die Geschichte der Demokratie ist dann zu Ende, wenn die Anzahl jener, die nicht mehr mitmachen, mehr oder weniger identisch mit der Anzahl der Wahlberechtigten in einer Gesellschaft ist (abzüglich von Mafia- und Parteimitgliedern). Lang kann das nicht mehr dauern. Dann muss eine demokratische Regierung wohl tatsächlich Brechts Vorschlag befolgen, das Volk auflösen und sich ein neues wählen. Naja, wenn es noch eines gibt jedenfalls.</p>
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		<title>I HIRED A FREMDSCHÄMER</title>
		<link>http://www.seesslen-blog.de/2009/09/28/i-hired-a-fremdschamer/</link>
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		<pubDate>Mon, 28 Sep 2009 16:21:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>

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		<description><![CDATA[Ist es Ihnen schon aufgefallen? Dieses Wort hat Konjunktur: „Fremdschämen“. Das soll heißen, dass sich jemand geniert, weil jemand anderes so furchtbar peinlich und daneben ist. Sozialpsychologisch gesehen war „Fremdscham“ bislang eher ein Nebenschauplatz. Aber jetzt wird es Mode, Kult, nein, viel mehr, es wird soziale Praxis. Und warum?
Das hat zunächst einmal zwei Gründe:
1. Kann [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ist es Ihnen schon aufgefallen? Dieses Wort hat Konjunktur: „Fremdschämen“. Das soll heißen, dass sich jemand geniert, weil jemand anderes so furchtbar peinlich und daneben ist. Sozialpsychologisch gesehen war „Fremdscham“ bislang eher ein Nebenschauplatz. Aber jetzt wird es Mode, Kult, nein, viel mehr, es wird soziale Praxis. Und warum?<span id="more-356"></span></p>
<p>Das hat zunächst einmal zwei Gründe:</p>
<p>1. Kann sich in einer medienpopulistischen Gesellschaft niemand mehr für sich selber schämen. Schamlosigkeit ist vielmehr die Voraussetzung für jede Karriere. Wer Erfolg haben will, und wollen wir das nicht alle, darf keinesfalls verschämt daherkommen. Haben Sie vielleicht schon einmal einen Finanzberater, einen Fernsehmoderator oder einen Wirtschaftsminister gesehen, der sich schämt? Das lassen die von anderen machen. Denn damit, dass man sich seiner selbst nicht mehr schämen darf, soll und kann, ist ein gewisses Scham-Bedürfnis des Menschen ja nicht vollständig aus der Welt geschafft. Die Lösung: Fremdscham.</p>
<p>2. Kann man umgekehrt in einer medienpopulistischen Gesellschaft auch niemanden einfach so verachten, bloß weil er oder sie brunzdumm, obszön, peinlich, aufdringlich oder sonstwie unerträglich ist. Das wäre nämlich arrogant und elitär. Die Lösung auch hier: Zeigt sich der Mitmensch als mehr oder weniger gewöhnliches Arschloch, dann verachten wir ihn nicht, wir schämen uns für ihn. Und zwar am besten so, dass er oder sie persönlich gar nichts davon merken. Eben das nennt man Fremdscham.</p>
<p>Fremdscham ist die neue emotionale Vernetzung der Gesellschaft. Sie verbindet perfekt die Erlaubnis, wirklich jeden Scheiß zu treiben, und bigott herum zu maulen, nur eben, dass beides voneinander nicht unmittelbar betroffen ist. Es heißt ja eben Fremdscham und nicht Nächstenscham.</p>
<p>Die einfachste Form dieser neuen sozialen Praxis ist die duale Fremdscham. Ich schäme mich für dich und du schämst dich für mich, da müssen wir gar nicht groß darüber reden. Zum Beispiel in einer so genannten Wirtschaftskrise: Die Verlierer schämen sich für die Gewinner, und die Gewinner schämen sich für die Verlierer. Der Hartz4-Empfänger schämt sich für Josef Ackermann, und der, wenn er mal Zeit und Scham-Bedarf hat, schämt sich für den Hartz4-Empfänger. Oder, statt eines Religionskrieges: Die Katholiken schämen sich für die Protestanten und die Protestanten schämen sich für die Katholiken. Seit sich Männer für Frauen und Frauen für Männer schämen ist das Verhältnis der Geschlechter schon wesentlich entspannter. Fußgänger können sich für Autofahrer, und Autofahrer für Fußgänger schämen. Leute mit Gürteln für Leute mit Hosenträgern und umgekehrt. Anything goes. Man könnte zum Beispiel gewisse modische Accessoires, Sonnenbrillen, Handtaschen, Trachtenkleider bereits mit einer Fremdscham-Garantie auf Gegenseitigkeit verkaufen. Das geht zum Beispiel so: Ich bekomme eine Ray Ban-Sonnenbrille mit der Garantie, dass sich sofort jemand für mich schämt, wenn ich sie in der Öffentlichkeit aufsetze. Dafür muss ich mich im Gegenzug zu einer ordentlichen Portion Fremdscham verpflichten, sobald ich eines Menschen mit Birkenstock-Sandalen ansichtig werde.</p>
<p>Viel besser austariert und dynamischer als die Fremdscham auf Gegenseitigkeit ist freilich eine vernetzte Fremdscham, in der nämlich tatsächlich Subjekt und Objekt der Fremdscham keine direkte Beziehung mehr zueinander haben. In unserem religiösen Beispiel geht das so: Der Protestant schämt sich für den Katholiken, der schämt sich für den Hindu, der schämt sich für den Buddhisten, der schämt sich für den Moslem, der schämt sich für den Ungläubigen, der schämt sich für den Abergläubischen, der schämt sich für den Agnostiker, der schämt sich für den Protestanten. Das ist zwar variabel, man muss aber darauf achten, dass das eine gewisse Linie behält. Beim Fremdschämen ist es wichtig, dass man sich nicht wild durcheinander schämt. Bei Menschen, die zu unkontrollierten Fremdschäm-Attacken tendieren, kann es schon einmal vorkommen, dass sie sich für die gesamte Menschheit schämen, nur nicht für sich selber.</p>
<p>Aber dazu haben wir ja eben unsere famose Presse, die immer wieder erklärt, wer sich gerade für wen schämen sollte. Zum Beispiel nach der Wahl: Die CDU-Wähler schämen sich für die FDP-Wähler, die FDP-Wähler schämen sich für die Grünen-Wähler, die Grünen-Wähler schämen sich für Linken-Wähler, die Linken-Wähler schämen sich für die SPD-Wähler, die SPD-Wähler schämen sich für die Nichtwähler, und die Nichtwähler schämen sich für die CSU-Wähler. So muss sich niemand mehr für das schämen, was er gewählt hat, und die Regierung kann sich vollständig  verschämt zurückziehen.</p>
<p>Als Fremdschämer nimmt man doch auch wieder viel mehr Anteil an seiner Umwelt. Nehmen Sie einmal an, Sie würden gern einmal ein bisschen fernsehen. Aber einfach so fernsehen ist ausgesprochen schlecht für Ihren Geisteszustand. Allerdings: Sie sagen, es geht mir nicht um’s Fernsehen, ich möchte vielmehr eine intensive Runde Fremdschämen erledigen, dann hat das doch wieder seinen kulturellen Sinn. Oder Nachbar Müller. Der ist so langweilig und so peinlich, das hältst du nicht aus. Jetzt schon. Du gehst sogar ein Bier mit dem Müller trinken, weil du dich dabei so perfekt fremdschämen kannst.</p>
<p>Der Gruß der neuen sozialen Bewegung soll sein: „Heute schon fremdgeschämt?“ Und die Antwort lautet „Aber hallo!“ (was natürlich sofort erneuter Anlass zur Fremdscham ist).</p>
<p>Ich sage wie es ist: Die Zukunft der Gesellschaft liegt in der Fremdscham. Deshalb werde ich morgen etwas über Fremdscham zum Münchner Oktoberfest erzählen.</p>
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		<title>COACH STEINI! CAST ANGELA! RATE OSCAR!</title>
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		<pubDate>Sat, 05 Sep 2009 17:51:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Mensch unserer Zeit wird erst gecoacht, dann gecasted und schließlich gerated. Und dann wieder von vorn. (Früher war das Erziehung, Konkurrenz und Erfolg und auch nicht viel besser. Man wusste nur, dass es ungerecht, gewalttätig und demütigend war.) Neben der politischen und der ökonomischen Macht geht das, was wir früher einmal „Definitionsmacht“ nannten, in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Mensch unserer Zeit wird erst gecoacht, dann gecasted und schließlich gerated. Und dann wieder von vorn. (Früher war das Erziehung, Konkurrenz und Erfolg und auch nicht viel besser. Man wusste nur, dass es ungerecht, gewalttätig und demütigend war.) Neben der politischen und der ökonomischen Macht geht das, was wir früher einmal „Definitionsmacht“ nannten, in die Hände jener über, die coachen, casten und raten. Die Macht der Coacher, Caster und Rater entsteht einerseits durch eine populistisch-mediale Rückkopplung, andererseits durch Akte der Selbstermächtigung. Die Antwort auf ökonomische Krisen ist das Anwachsen der Coaching-, Casting- und Rating-Industrie. <span id="more-316"></span>Man kann nicht nur Menschen coachen, casten und raten, sondern auch Unternehmen, Regierungen und ganze Staaten. Geschichte ist eine Rating Show, im schlimmsten Fall eine militärische Rating Show.</p>
<p>Torsten Hinrichs, Geschäftsführer der Ratingagentur „<em>Standard &amp; Poor’s</em>“ antwortete in einem Interview der <em>Frankfurter Allgemeinen Zeitung</em> auf die Frage, ob die  definitiv falsch eingeschätzte Entwicklung auf dem amerikanischen Immobilien- und Hypothekenmarkt <strong><span style="font-weight: normal;">ein Versagen der S&amp;P gewesen ist, </span></strong>„Wir haben in diesem Bereich dem Anspruch an uns selbst nicht genügt.“. Der Anspruch von anderen kommt dabei nicht mehr vor.</p>
<p>Coacher, Caster &amp; Rater, im Trash-Fernsehen wie in den Zyklen des Finanzkapitalismus, wachsen seitwärts der traditionellen Macht-Linien. Die Coacher raten die Caster; die Caster coachen die Rater; die Rater casten die Coacher. Wenn die Coacher sich nicht selbst coachen, und die Rater sich nicht selbst raten. Eine Wahl ist besonders lustig, weil sie nämlich alles zugleich ist: Eine Coaching Show, eine Casting Show und eine Rating Show.</p>
<p>Wer hat Sie gecoacht? Wo sind Sie gecasted worden? Wie ist Ihr rating? Gell, da müssen Sie lachen, Herr Westerwelle.</p>
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		<title>GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER</title>
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		<pubDate>Fri, 04 Sep 2009 08:02:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bayern]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Werbung]]></category>

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		<description><![CDATA[Auf der Homepage der Bavaria GmbH finden Sie alle aktuellen Werbemittel und Geschenkideen der CSU, die Sie dort auch online bestellen können.
Wir würden uns freuen, wenn Sie auch dadurch Ihr Interesse an der Politik der CSU und an der Partei zum Ausdruck bringen.
&#8220;Und, Herr Kainer, was wählen Sie?&#8221;
&#8220;Ich glaub, ich wähle die Freiheit, lieber Herr Reiner.&#8221;
&#8220;Was für [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Auf der Homepage der Bavaria GmbH finden Sie alle aktuellen Werbemittel und Geschenkideen der CSU, die Sie dort auch online bestellen können.</strong></p>
<p><strong>Wir würden uns freuen, wenn Sie auch dadurch Ihr Interesse an der Politik der CSU und an der Partei zum Ausdruck bringen.</strong></p>
<p>&#8220;Und, Herr Kainer, was wählen Sie?&#8221;</p>
<p>&#8220;Ich glaub, ich wähle die Freiheit, lieber Herr Reiner.&#8221;</p>
<p>&#8220;Was für eine Freiheit wollen Sie denn wählen? Wir haben doch schon lauter Freiheiten. Und eine ist freier als die andere!&#8221;<span id="more-302"></span></p>
<p>&#8220;Ja, seltsam, nicht wahr. So viele Freiheiten, und es ist keine dabei, die man gebrauchen kann.&#8221;</p>
<p><em><strong>Was Deutschland jetzt braucht ist eine starke CSU in Berlin!</strong></em></p>
<p>&#8220;Aber doch, Herr Kainer. Wir haben die Freiheit der Wahl. Von der dürfen Sie Gebrauch machen. Sie sollen es sogar. Das ist Ihr demokratisches Recht. Und ein bisschen ist es auch eine Pflicht.&#8221;</p>
<p>&#8220;Eine Pflicht ist keine Freiheit, Herr Reiner.&#8221;</p>
<p>&#8220;Deswegen sag’ ich ja: &#8216;ein bisschen Pflicht&#8217;.“</p>
<p>&#8220;Damit es ein bisschen Freiheit gibt?&#8221;</p>
<p><em><strong>Die CSU ist mit ihrer Politik &#8220;näher am Menschen&#8221; tief in der Bevölkerung verwurzelt. Wir haben eine klare christlich-soziale Wertordnung, wir sind die politische Heimat für alle Bevölkerungsschichten und wir sind die Volkspartei mit konservativen Werten und der Kraft zur Zukunft. Die CSU ist die kraftvolle Stimme Bayerns im Bund und will Europa aktiv mitgestalten.</strong></em></p>
<p>&#8220;Man muss jedes bisschen Freiheit verteidigen!&#8221;</p>
<p>&#8220;Gegen ein bisschen mehr Freiheit?&#8221;</p>
<p>&#8220;Gegen immer noch ein bisschen weniger Freiheit! Herr Kainer, deswegen wähle ich das kleinere Übel.&#8221;</p>
<p>&#8220;So sehen Sie auch aus. Wie jemand der von kleineren Übeln regiert wird.&#8221;</p>
<p><em><strong>Über 160.000 Menschen in Bayern haben sich für eine Mitgliedschaft in der Christlich-Sozialen Union entschieden. Sie sind die Parteibasis, die die Politik der CSU trägt. An der Spitze arbeiten der CSU-Vorsitzende und seine vier Stellvertreter und sowie der Generalsekretär für eine starke CSU in Bayern, Deutschland und Europa.</strong></em></p>
<p><em><strong>Unsere 92 Landtagsabgeordneten, 46 Bundestagsabgeordneten, neun Europaabgeordneten und über 12.000 Mitglieder in den kommunalen Parlamenten geben der CSU in Bayern, Berlin und Brüssel Gesicht und Stimme.</strong></em></p>
<p><em><strong>Unsere acht Arbeitsgemeinschaften, zehn Arbeitskreise und sieben Kommissionen dienen als Interessenvertretung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen und als Impulsgeber und Berater im Sinne einer modernen Volkspartei.</strong></em></p>
<p>&#8220;Verstehen Sie, Herr Kainer. Eine moderne Volkspartei dient als  Interessenvertretung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen. Gehören Sie etwa zu diesen bestimmten gesellschaftlichen Gruppen? Dann müsste ich Ihnen, so leid mir’s täte, hier und jetzt die Freundschaft aufkündigen.&#8221;</p>
<p>&#8220;Reden Sie doch keinen Unfug! Man kann eine Wahlstimme doch auch in eine Gegenstimme verwandeln. Nichtwählen hilft immer den größten Übeln!</p>
<p><em><strong>Das Motto des Parteivorsitzenden der CSU, Horst Seehofer: &#8220;Politiker sind für die Menschen da, nicht die Menschen für die Politiker&#8221;. Seit 1971 ist Seehofer Mitglied der CSU. Seit Oktober 2008 ist Horst Seehofer Parteivorsitzender und Bayerischer Ministerpräsident. Seehofer betont: &#8220;Ich will die Freiheitsrechte der Bürger stärken und erweitern, wo es um ihre Lebensführung, ihr wirtschaftliches und ehrenamtliches Engagement geht. Und dort, wo es um Recht und Ordnung, um Daseinsvorsorge geht, brauchen wir einen starken Staat.&#8221;</strong></em></p>
<p>&#8220;Wenn ich’s mir recht überlege, Herr Kainer, vielleicht haben Sie doch recht.&#8221;</p>
<p>&#8220;Und, was wählen Sie?&#8221;</p>
<p>&#8220;Kalbsbries mit Kartoffeln, glaube ich.&#8221;</p>
<p> </p>
<p><object classid="clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000" width="580" height="360" codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=6,0,40,0"><param name="allowFullScreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><param name="src" value="http://www.youtube.com/v/u-Bn7cKcXP4&amp;hl=de&amp;fs=1&amp;rel=0&amp;border=1" /><param name="allowfullscreen" value="true" /><embed type="application/x-shockwave-flash" width="580" height="360" src="http://www.youtube.com/v/u-Bn7cKcXP4&amp;hl=de&amp;fs=1&amp;rel=0&amp;border=1" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true"></embed></object><br />
 </p>
<p><em>Kursive Texte zitiert aus:</em></p>
<p><em>- Wahlaufruf der Christlich-Sozialen Union zur Bundestagswahl 2009 (Beschluss des Parteitags der Christlich-Sozialen Union am 17./18. Juli 2009) </em></p>
<p><em>- website csu.de/partei/unsere_koepfe</em></p>
<p><em>- website csu.de/partei/unsere_politik</em></p>
<p><em><br />
</em></p>
<p style="margin: 0.0px 0.0px 0.0px 0.0px; font: 20.0px Helvetica;"> </p>
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		<title>DUMMHEIT ALS KAPITAL</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Sep 2009 17:10:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Wenn die Dummheit mehrheitsfähig geworden ist, und zwar in eben jener Form, die unentwegt nicht nur Dummheit, sondern auch das Bekenntnis zur Dummheit verlangt, dann ist Nicht-Dummheit (was immer das sein mag, vielleicht beginnt es mit nicht mehr als einem kleinen Unbehagen daran, dass es offensichtlich gesellschaftliche Apparate gibt, in denen jeder, der Geld oder [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn die Dummheit mehrheitsfähig geworden ist, und zwar in eben jener Form, die unentwegt nicht nur Dummheit, sondern auch das <em>Bekenntnis zur Dummheit</em> verlangt, dann ist Nicht-Dummheit (was immer das sein mag, vielleicht beginnt es mit nicht mehr als einem kleinen Unbehagen daran, dass es offensichtlich gesellschaftliche Apparate gibt, in denen jeder, der Geld oder Macht oder einen sogenannten Promi-Status hat, einen Blödsinn vor sich hinreden darf – der Moderator hat immer den andächtigen Dackelblick dazu -, den wir in einem Face-to-Face-Gespräch mit Nachbarn nicht hinnehmen würden) keine Auszeichnung, sondern ein Stigma. Es geht nicht mehr allein darum, dass etwas Dummes gesagt werden <em>kann</em>, sondern dass die Form der Gespräche bereits Dummheit implizieren <em>muss</em>. Würde irgend jemand irgendwann bei Anne Will, nur zum Beispiel, etwas Kluges sagen, so hätte er nicht nur etwas Skandalöses getan, sondern auch das ganze Sendeformat in Frage gestellt, was durchaus einem unflätigen Benehmen in einer Kirche gleichkäme. Jede Talk Show definiert den in einem Segment des Publikums verbindlichen Grad an Dummheit. Und daran sehen wir auch, dass selbst eine durch und durch dumme Gesellschaft selbst in ihren Dummheitsmaschinen immer noch eine Klassengesellschaft ist, in der sich, wer die Dummheit bei Anne Will genießt, sich als etwas Besseres fühlen darf als jener, der sich nachmittägliche Schmuddel-Talkshows „reinzieht“.<span id="more-285"></span></p>
<p>Gehen wir also davon aus, dass die Dummheit im Spätkapitalismus eine Religion im Stadium des differenzierten Fundamentalismus ist. Das heißt, sie ist beileibe keine Privatsache mehr, sie ist weder Empfindung, noch Erfahrung, weder Metapher noch Flucht, sondern offensiv vertretene Lebenspraxis, die Dissidenz bestrafen muss und in der jedes dumme Wort auch in dumme Praxis umgesetzt werden muss. Seit dem „Narrenschiff“ wissen wir, dass die Dummen gerne herzhaft über die Nicht-Dummen lachen, aber erst die neoliberalen Medienmaschinen machen das Lachen der Dummheit zur mechanischen Pflicht. Umgekehrt lebt die Dummheit von Hansi Hinterseer und einigen seiner volkstümlichen Zeitgenossen eben dadurch, dass sie gegen alle Nicht-Dummheit verteidigt werden muss. So wie die Dummheit von Rosamunde Pilcher-Schmiere vielleicht gegen eine weibliche Form der Nicht-Dummheit verteidigt werden muss. Dummheit als mediale Ideologie lebt zu gleichen Teilen vom Empfinden der Macht in der Mehrheit und von der Ahnung der Kränkung durch Spuren der Nicht-Dummheit.</p>
<p>So ist klar, dass in der derzeitigen Krise des Kapitalismus (übrigens unabhängig davon, wie sehr diese „Krise“ auch Inszenierung ist) genau die Leute die größten Verlierer sind, die sie beschrieben und erklärt haben, die vom Interesse der Menschen gegen das Kapital erzählten. Nicht nur, dass sie, nachdem sie zuvor „Spielverderber“ waren, nun in den Rang der „Besserwisser“ gelangt sind (niemand ist unsympathischer als jemand, der es „schon immer gewusst“ hat), sie wollen ja auch verhindern, dass das einzige, was aus der Krise entsteht, ein Bläschen des „dummen“ Antikapitalismus ist. In der Religion der Dummheit kann eine Krise des Kapitalismus gar nicht anders beantwortet werden als mit noch mehr Kapitalismus, und wenn noch mehr Kapitalismus gerade nicht geht, dann eben mit noch mehr Dummheit.</p>
<p>Der Schrecken der Finanzkrise liegt darin, dass man aufhören müsste, sich in der eigenen Dummheit zu genießen. Aber das wird nicht geschehen, da wir nicht in einer allgemeinen Stimmung der Dummheit leben, die bei Impulsen von außen und Verwerfungen von innen auch, wie jede Stimmung, „umkippen“ könnte (und die Menschen in Deutschland wie die Weltmeister die Schriften von Marx und Engels, die Romane des neunzehnten Jahrhunderts und das Gesamtwerk von Michel Foucault durcharbeiteten), sondern in einer ausgeformten Kultur der Dummheit, in der eine Sprache der Dummheit gesprochen wird, und in der die Dummheit eine Herrschaftsform ist. Allein um etwas weniger dumm zu sein, müssten wir so etwas Ungeheuerliches wie „radikale Veränderungen“ herbeiführen. Das genaue Gegenteil aber ist der Fall. Seit „Finanzkrise“ ein allgemein verbreiteter Begriff geworden ist, und die Politik sich auf ebenso unmoralische wie unvernünftige Weise mit ihr, sollen wir sagen: „beschäftigt“, ist offensichtlich die Akzeptanz von Dummheit in jedwelcher Argumentation ins Grenzenlose gestiegen. Unsere Reaktion auf das Desaster ist nicht: Wir glauben nichts mehr, von dem, was Ihr uns erzählt. Unsere Reaktion ist stattdessen: Jetzt glauben wir einfach alles. Da wir es nicht mit der Dummheit von Subjekten zu tun haben (obwohl uns die ja weiß der Himmel schon reichen würde), sondern mit der Dummheit ganzer semiotischer und sozialer Systeme – im Fernsehen, nur zum Beispiel, produziert das Aufeinandertreffen von durchaus klugen Menschen nichts anderes als Dummheit, ja es ist schon verblüffend, wie rasch und scheinbar unbemerkt sich intelligente Menschen der Dummheit des Apparates fügen, – und so ist jeder nicht-dumme Gedanke bereits eine Form des Aufstandes. Und das ist wie die Kunst: Es ist schön, macht aber viel Arbeit.</p>
<p>So ist also, nach allem, was wir bislang beobachten können, die sogenannte Finanzkrise mit einer anschließenden Rezession auch ein gewaltiges Projekt, die allgemeine Dummheit des Kapitalismus von einem noch an manchen Stellen offenen in ein geschlossenes System zu verwandeln. Das geht einher mit einer einfachen Erfahrung: Es reicht keineswegs, dass jeder, der sich in dieser „Krise“ und ihrem „Management“ dissident verhält, ein Objekt von Schäubles Apparaten wird und von seinen Arbeitskollegen gemobt wird, nein, er oder sie müssen definitiv ihre Ohnmacht akzeptieren. Weil es nichts nützt, zu wissen, wie die Krise erzeugt und benutzt wird, ist dieses Wissen nicht nur gefährlich, sondern auch wieder „dumm“, während die Dummheit, mit der man sich für das Weitermachen wappnet, ausgesprochen schlau ist. Es wird ja Überlebende, ach was, es wird Gewinner auch dieser Krise geben.</p>
<p>Denn es muss ja nur die Dummheit des Kapitals selber reorganisiert werden: Wir haben behauptet, dass die Dummheit im Kapitalismus nichts anderes ist als direkter Ausdruck der Dummheit des Kapitals. Da ist auf der einen Seite das erfreulicherweise gleich sogenannte <em>silly money</em>, jenes dumme Geld, das sich nicht im geringsten darum schert, in welche Produktion oder welches Produktionsloch es fließt, weil es hauptsächlich beiseite geschafft werden muss, einem anderen Kreislauf entzogen, und womöglich geopfert und verbrannt wird, um an anderer Stelle nicht ganz so dummes Geld zu sichern. Dass <em>silly money</em> dumm ist, braucht man nicht weiter zu erklären, wenn es das System schon selber so bezeichnet. Der Zweite Strom des Geldes ist das <em>bloody mone</em>y, jenes Geld, das aus dem organisierten Verbrechen, dem Drogenhandel, den staatlich-ökonomischen Korruptionszyklen etc. stammt und dringend einer Wäsche bedarf. Zwar steckt in dem Vorgang der Wäsche selber enorme Intelligenz, das zu waschende Geld selber freilich bleibt wiederum dumm. Es vermehrt und vermindert sich unablässig auf einer Schleimspur der Korruption, es sucht indes nicht die Orte der Produktivität, sondern jene der Verschwiegenheit. Wenn das <em>silly money </em>geopfert wird (zum Beispiel für die Produktion unverkäuflicher Waren, deren eigentlicher Wert materielles Abbild von Bilanz-Zaubern ist), so fordert das <em>bloody money</em> umgekehrt Opfer. Das Zocker-Kapital. Es ist dumm, weil es nur mitnehmen und abräumen kennt, es hinterlässt Leere, und schließlich muss das Geld in der Blase explodieren. Bleibt noch ein Segment des alten Kapitals, das irgendwie dem Fall der Profitrate entkam (sei es durch seine schiere Menge, sei es durch eine Rückbindung an alte Formen wie Besitz und Geographie) – dem „neuen“ und „schnellen“ Kapital kann dieses Kapital nur dumm erscheinen.</p>
<p>Das alles füllt nur einen Satz, an den wir uns einigermaßen besinnungslos gewöhnt haben, ohne zu verstehen, dass er, wie viele solcher Sätze ganz und gar wörtlich zu nehmen ist: Das Kapital, einmal in Bewegung gesetzt, verdient sich dumm und dämlich.</p>
<p><object classid="clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000" width="445" height="364" codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=6,0,40,0"><param name="allowFullScreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><param name="src" value="http://www.youtube.com/v/8Lz_qPvKCsg&amp;hl=de&amp;fs=1&amp;border=1" /><param name="allowfullscreen" value="true" /><embed type="application/x-shockwave-flash" width="445" height="364" src="http://www.youtube.com/v/8Lz_qPvKCsg&amp;hl=de&amp;fs=1&amp;border=1" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true"></embed></object></p>
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		<title>GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER</title>
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		<pubDate>Mon, 10 Aug 2009 18:30:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
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		<description><![CDATA[Qualitätsmerkmale
Der Himmel bewölkte sich wieder einmal, und mit den Worten „verschissene Klimakatastrophe“ flüchteten die Menschen aus dem Park in ihr Wägen.
„Sehen Sie,“, sagte Herr Reiner und deutete auf eine ganzseitige Anzeige, die französische Automobile betrafen, welche einen ersten Platz im „J. D. Power Kundenzufriedenheit-Report“ erzielt hätten, und zeigte auf die großflächige Überschrift: „Qualität ist, wenn [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Qualitätsmerkmale</strong></p>
<p>Der Himmel bewölkte sich wieder einmal, und mit den Worten „verschissene Klimakatastrophe“ flüchteten die Menschen aus dem Park in ihr Wägen.</p>
<p>„Sehen Sie,“, sagte Herr Reiner und deutete auf eine ganzseitige Anzeige, die französische Automobile betrafen, welche einen ersten Platz im „J. D. Power Kundenzufriedenheit-Report“ erzielt hätten, und zeigte auf die großflächige Überschrift: <strong>„Qualität ist, wenn Deutsche zufrieden sind“</strong>.<span id="more-226"></span> Dann faltete er die Zeitung zusammen, hinter die er seinen klugen Kopf glücklicherweise nicht allzu lang gesteckt hatte.</p>
<p>„Zu diesem Satz“, seufzte Herr Kainer, „fällt mir nichts ein, was sich innerhalb der Grenzen meines guten Geschmacks sagen ließe. Allerdings scheint mir ein ‚Kundenzufriedenheitsreport’ ein höchst bemerkenswertes Stück Wirtschafts- und Herrschaftsprosa zu versprechen.“</p>
<p>„Vielleicht sollten die vielen Journalisten, die in der Krise ihre Arbeit verloren haben, zu ‚Zufriedenheitsreportern’ umgeschult werden. Sie finden heraus, was Qualität ist, indem sie deutsche Zufriedenheit aufspüren“.</p>
<p>Gemächlich faltete Herr Reiner bei diesen Worten die Zeitung so zusammen, dass er damit sein Haupt bedecken konnte. Von Eile hielten die beiden Herren ansonsten wenig.</p>
<p>„Wahrscheinlich“ spann Herr Reiner den Faden fort, „könnten wir uns dann auch die aufwändigen Wahlen sparen, zu denen sowieso niemand mehr gern geht. Und an ihre Stelle setzen wir politische ‚Kundenzufriedenheitsreports’.  Für das gesparte Geld könnte die Bundesregierung dann auch die Elektro-Automobile fördern, für die jetzt wegen der Abwrackprämien das nötige fehlt“.</p>
<p>„Aber nein, Herr Reiner, da haben Sie zu kurz gedacht.“ Man erhob sich, um sich dann doch vom einsetzenden Regen freundlich zu verabschieden. „Lesen Sie doch genauer! Der Kundenzufriedenheitsreport zeigt doch, dass Qualität, also deutsche Zufriedenheit, 110 PS und 10,4 Liter Sprit in der Stadt bedeutet. Nach ihrem Zufriedenheitsreport gäbe es wahrscheinlich eine große Regierungs-Koalition der Brauereien mit dem ADAC, mit Dieter Bohlen als Bundespräsident und Kommissar Rex als Innenminister“ .</p>
<p>„Da sehen sie es: So ein Kundenzufriedenheitsreport würde die Verhältnisse kaum verändern. Stabilität, das ist deutsche Zufriedenheit. Und wenn wir uns dafür ein französisches Auto für 17.900 Euro (ohne Sonderausstattung) kaufen müssen.“</p>
<p>Herr Reiner nahm das durchgeweichte Zeitungspapier vom Kopf und schüttelte denselben: „Wenn die FAZ so weiter macht, sieht es schlecht aus mit dem Kundenzufriedenheitsreport.“</p>
<p>Beschämt brach gerade der städtische Nahverkehr zusammen. Wahrscheinlich, weil er nicht Gegenstand von Kundenzufriedenheitsreports ist.</p>
<p>Alles was wir empfinden, sagt Herr Reiner, erzählt sich durch den Kontrast. Glücklich ist man hier nur im Übergang. Mehrere Male Glück ist langweilig, mehrere Male Unglück ist komisch, wie tragisch der einzelne Unglücksfall auch ist.</p>
<p>Na klar, „man möchte sagen, dass der Mensch glücklich sei, ist im Schöpfungsplan nicht vorgesehen“. (Sigmund Freud)</p>
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		<title>GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER</title>
		<link>http://www.seesslen-blog.de/2009/07/10/geschichten-vom-herrn-reiner-und-herrn-kainer-4/</link>
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		<pubDate>Fri, 10 Jul 2009 10:19:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bayern]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>

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Zweiter Klasse
Es war der schiere Übermut, der Herrn Reiner und Herrn Kainer veranlasste, an einem halbschönen Sommertag einen Ausflug unternehmen zu wollen, und zwar mit der Deutschen Bahn.
„Sehen Sie sich nur diesen Bahnhof an!“, staunte Herr Reiner, der die einstige Schalterhalle nach ihrem Umbau bewunderte. „Was es hier alles zu kaufen gibt! Hier ist ein Spielplatz [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><!--StartFragment--></p>
<p class="MsoNormal"><strong>Zweiter Klasse</strong></p>
<p class="MsoNormal"><span>Es war der schiere Übermut, der Herrn Reiner und Herrn Kainer veranlasste, an einem halbschönen Sommertag einen Ausflug unternehmen zu wollen, und zwar mit der Deutschen Bahn.</span></p>
<p class="MsoNormal">„Sehen Sie sich nur diesen Bahnhof an!“, staunte Herr Reiner, der die einstige Schalterhalle nach ihrem Umbau bewunderte. „Was es hier alles zu kaufen gibt! Hier ist ein Spielplatz für Kinder. Dort gibt es Probeabonnements<span>  </span>für „Christ und Hund“. Und dort kann man sogar ein Automobil gewinnen“.</p>
<p class="MsoNormal">„Wie passend“, warf Herr Kainer ein. „Wer Glück hat, muss nicht mehr Eisenbahn fahren“.<span id="more-148"></span></p>
<p class="MsoNormal">„Bücher. Kräuter. Asiatische Spezialitäten. Italienische Spezialitäten. Lassen Sie uns einen original italienischen Espresso nehmen und dieses kleine Paradies bewundern.“</p>
<p class="MsoNormal">„Ja“, meinte Herr Kainer, „jetzt müsste man nur noch diese lästigen Züge abschaffen“.</p>
<p class="MsoNormal">„Was reden Sie denn da! Ein Bahnhof ohne Züge. Da könnte man für den Espresso höchstens noch die Hälfte verlangen. Kein Mensch würde ein Auto gewinnen wollen. Und die schönen Fahrkartenautomaten. Die Informationsbeamten. Die Schalter&#8230;“</p>
<p class="MsoNormal">„Ich sage ja nicht, dass es keine Fahrkarten mehr geben sollte. Nur die Züge sollte man abschaffen.“</p>
<p class="MsoNormal">„Aber Fahrkarten ohne Züge sind doch unsinnig!“</p>
<p class="MsoNormal">„Sagen Sie das nicht. Schauen Sie, bei uns im Viertel hat die Deutsche Post, weil sie ja Personal sparen muss, den letzten Briefkasten abmontiert. Das sah jetzt natürlich hässlich aus, der leere Fleck an der Mauer. Also haben sie etwas anderes hingehängt.“</p>
<p class="MsoNormal">„Und zwar?“</p>
<p class="MsoNormal">„Einen Briefmarkenautomaten. Jetzt kann man da, wo man früher seine Briefe eingeworfen hat, Briefmarken für Briefe kaufen, die man nicht mehr einwerfen kann.“</p>
<p class="MsoNormal">„Das ist eine Logik!“</p>
<p class="MsoNormal">„Ja, nicht wahr. Man ging von der vollkommen richtigen Annahme aus, dass eine Briefmarke nur einerseits ein Zettelchen ist, das die Berechtigung zur Inanspruchnahme einer postalischen Dienstleistung bescheinigt. <span>Andererseits</span> ist nämlich eine Briefmarke nichts <span>anderes</span> als der sichtbare Ausweis eines tief empfundenen Begehrens: Ich will einen Brief schreiben. Und Sie wissen ja, wie das ist. Wenn man ein tief empfundenes Begehren nur richtig ausdrücken kann, dann ist man schon halb zufrieden. Schatz, ich wollte Dir ja schreiben, da schau: Ich habe eine Briefmarke gekauft. Übrigens gibt unser neuer Briefmarkenautomat aus Prinzip kein Rückgeld, so dass derjenige, welcher seinem tief empfundenen Begehren, einen Brief zu schreiben, Ausdruck verleihen will, gern einmal ein paar Euro-Cent zusätzlich zahlt.“</p>
<p class="MsoNormal">„Und genau so wollen Sie es mit einem Bahnhof machen? Sie <span>kriegen</span> Fahrkarten, aber es fahren keine Züge?“</p>
<p class="MsoNormal">„Genau. Stellen Sie sich vor: Rom. Malmö. Gunzenhausen. Ganz wie es einem beliebt. Man kauft sich eine Fahrkarte und hat das tiefe Begehren, eine Bahnreise zu unternehmen, perfekt ausgedrückt. Und dann trinkt man seinen Kaffee&#8230;“</p>
<p class="MsoNormal">„Seinen sündhaft teuren Kaffee.“</p>
<p class="MsoNormal">„..sodass jeder sehen kann: Dieser Mensch hätte ohne weiteres eine Bahnreise nach Genua unternehmen können. Aber er verzichtet großzügig darauf. Das heisst: Wir alle, das System, verzichtet für ihn. Das ist gut für die Umwelt und noch besser für die Wirtschaft. Hat doch unlängst ein „Wirtschaftsweiser“ gemeint, dass der private Konsum nix bringt für die Wirtschaft. Die wirtschaftliche Zukunft gehört dem reinen Geldverkehr.“</p>
<p class="MsoNormal">„Wenn das Schule macht. Denken Sie nur: Sie kaufen sich eine Theaterkarte, aber es gibt keine Vorstellung. Keinen Faust.“</p>
<p class="MsoNormal">„Noch besser: Keine Publikumsbeschimpfung. Oder denken Sie an das Kino. Hunderte von Millionen Euro könnten da eingespart werden. ‚Terminator 5’ wird erst gar nicht mehr gedreht.“</p>
<p class="MsoNormal">„Gott sei Dank.“</p>
<p class="MsoNormal">„Und das Publikum ist hochzufrieden. Es hat sich eine Eintrittskarte gekauft und seinem tief empfundenen Begehren Ausdruck verliehen, es ordentlich krachen zu lassen. Fußball! Wie viel Beinbrüche und Miniskusschäden könnten da vermieden werden. Oder: Sie gehen in ein Bekleidungsgeschäft, zahlen 250 Euro und kommen unbekleidet wieder heraus.“</p>
<p class="MsoNormal">„Ja, da fühlen Sie sich wie ein Kaiser“.</p>
<p class="MsoNormal">„Beim Zahnarzt: Nie wieder bohren. Oder ein Polizist. Er sagt zum Einbrecher: Bitte sehr, mein Herr, bedienen Sie sich. Ich werde nämlich nicht etwa fürs Nichtstun bezahlt, sondern für das tief empfundene Begehren der deutschen Bevölkerung nach Sicherheit. Dazu habe ich extra eine Uniform.“</p>
<p class="MsoNormal">„Und jetzt kommt natürlich unsere Regierung&#8230;“</p>
<p class="MsoNormal">„Nein, die kommt eben nicht. Die bleibt daheim. Denn mit der Bezahlung unserer Steuern haben wir unserem tief empfundenen Begehren Ausdruck verliehen, regiert zu werden.“</p>
<p class="MsoNormal">„Wenn ich aber doch gar nicht regiert werden will!“</p>
<p class="MsoNormal">„Ja, mein Gott, dann zahlen Sie eben keine Steuern. Da werden Sie schon sehen, was Sie davon haben.“</p>
<p class="MsoNormal">„Wenn ich es mir recht überlege“, Herr Reiner studierte die wachsende Anzahl verzweifelter Menschen vor dem Fahrkartenautomaten, die Gesichter der Informationsbeamten und die Preistafel vor dem Cafè für Reisende, „dann will ich auch keine Fahrkarte kaufen“.</p>
<p class="MsoNormal">Herr Kainer stimmte zu, und die beiden Herren gingen, statt an den schönen Tegernsee zu fahren, in den Zoo, wo sie ihrem alten Freund, dem Orang Utan, das Neueste aus Politik, Wirtschaft und Verbrechen mitteilten, was dieser mit erstaunlicher Gelassenheit aufnahm.</p>
<p class="MsoNormal">Hätten Herr Reiner und Herr Kainer gewusst, was ihnen durch den Verzicht auf die Fahrt von München nach Tegernsee (und zurück) alles erspart blieb, das Weißbier im Zoologischen Garten hätte ihnen noch besser geschmeckt, als es dies ohnehin tat.</p>
<p class="MsoNormal"><span> </span></p>
<p class="MsoNormal"> </p>
<p><!--EndFragment--></p>
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		</item>
		<item>
		<title>GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER</title>
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		<pubDate>Fri, 03 Jul 2009 07:26:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bayern]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>

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		<description><![CDATA[
Zwischen Bankpark und Parkbank
Weiß und blau strahlte der Himmel über Bayern. Jedenfalls auf dem riesigen Plakat der Bier-Werbung, unter dem sich Herr Kainer und Herr Rainer auf einer Bank niedergelassen hatten.
„Wissen Sie eigentlich, Herr Reiner“, fragte Herr Kainer, „wie man dort, wo das Geld ist, die Krise nennt?“ 
„Die nennen die Krise nicht Krise?“, fragte Herr [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><!--StartFragment--></p>
<p class="MsoNormal"><strong>Zwischen Bankpark und Parkbank</strong></p>
<p class="MsoNormal">Weiß und blau strahlte der Himmel über Bayern. Jedenfalls auf dem riesigen Plakat der Bier-Werbung, unter dem sich Herr Kainer und Herr Rainer auf einer Bank niedergelassen hatten.</p>
<p>„Wissen Sie eigentlich, Herr Reiner“, fragte Herr Kainer, „wie man dort, wo das Geld ist, die Krise nennt?“ <br />
„Die nennen die Krise nicht Krise?“, fragte Herr Reiner zurück.<span id="more-136"></span> <br />
„Nur, wenn wir zuhören. Wenn sie unter sich sind, sagen die ‚Corporate Restructuring’ dazu. Schauen Sie, in der heutigen FAZ&#8230;“<br />
„Was lesen Sie denn da auch immer&#8230;“ warf Herr Reiner ein, „dieses Nihilistenblatt des Kapitals?“<br />
„Was wollen Sie,“ entgegnete Herr Kainer: „Das ist die ehrlichste Zeitung, die wir in Deutschland haben. Na jedenfalls, was die Werbung und den Wirtschaftsteil anbelangt. Also heute in der FAZ gibt es eine Beilage, die heißt eben ‚Corporate Restructuring’ und da können Sie lesen: &#8216;<em>der Branche derer, die Unternehmen restrukturieren, sie sanieren oder ihnen als Interimsmanager dienen, geht es gut.&#8217; </em>Ist doch prima, oder? Deswegen gibt es auch eine ‚Bundesvereinigung Restrukturierung, Sanierung und Interim Management’ (BRSI), es gibt den Beruf des ‚Chief Restructuring Officer, der macht dann ‚Leadership – Problem Solving – Value Creation&#8230;“<br />
„Ja, ja&#8230; und worker firing, tax spending, wage dumping und zwischendurch das berühmte fresh air snapping auf den Seychellen.“<br />
„Turnaround Managament, Performance-Optimierung in allen GuV-relevanten Positionen&#8230;“<br />
„Was um Himmels willen sind GuV-relevante Positionen?“<br />
„Musste ich auch erst nachschlagen: Wir sind aber auch Dummies, gell. Gewinn- und Verlustrechnung heißt das.“<br />
„Krise ist also, wenn die Unternehmen einen Turnaround in der Performance der Gewinn- und Verlustrechung unternehmen lassen, möglichst von einem Interim Manager, damit es nachher keiner war? Wissen Sie, Herr Kainer, wie man so etwas früher genannt hat?“<br />
„Sagen Sie es nicht, Herr Reiner. Von unseren Geldmenschen könnte man manches sagen. Aber<span>  </span>nicht, dass sie nicht die, nun ja, fähigsten Anwälte hätten“.</p>
<p>Die Ampel an der Kreuzung vor dem Park mit der Bank schaltete auf Rot. Alle Automobile hatten runde, farbige Plaketten auf denen ihr Schadstoff-Ausstoß zertifiziert wurde. Das ist ein schöner Beitrag für die Erhaltung des Blaus im Himmel über Bayern.</p>
<p class="MsoNormal"> </p>
<p><!--EndFragment--></p>
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