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	<title>Das Schönste an Deutschland ist die Autobahn &#187; Krise</title>
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	<description>Das Georg-Seeßlen-Blog</description>
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		<title>Kapitalismus für DUMMIES (Redux)</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Sep 2010 16:27:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Oder Warum müssen eigentlich alle mitmachen, ob sie es wollen oder nicht?
I
Der alte Spruch „Geld stinkt nicht“ hat natürlich immer noch seine Berechtigung, insofern man es einem Hundert-Euro-Schein nicht anriecht, ob er mit Kaltgetränken oder Kalaschnikows verdient wurde, ob er Teil einer Wahlkampfspende, einer Lohnausgleichszahlung oder eines Manager-Bonus ist. Aber es stimmt auch das beinahe [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Oder Warum müssen eigentlich alle mitmachen, ob sie es wollen oder nicht?</strong></p>
<p style="text-align: center;"><em>I</em></p>
<p>Der alte Spruch „Geld stinkt nicht“ hat natürlich immer noch seine Berechtigung, insofern man es einem Hundert-Euro-Schein nicht anriecht, ob er mit Kaltgetränken oder Kalaschnikows verdient wurde, ob er Teil einer Wahlkampfspende, einer Lohnausgleichszahlung oder eines Manager-Bonus ist. Aber es stimmt auch das beinahe genau so alte Sprichwort: „Hier riecht’s nach Geld“.</p>
<p>Leider riecht es immer lauter und immer obszöner nach Geld, und für besonders feine Nasen beginnt die Unterscheidung zwischen Riechen und Stinken zweifelhaft zu werden. Zum Beispiel so wie bei dem jungen Bankangestellten, der sich Anlageberater nennt und offensichtlich ein kleines Vermögen für die richtigen Krawatten, das richtige Haargel und das richtige Rasierwasser ausgibt. Also, für ihn scheint es das Richtige, für uns Dummies des Kapitalismus, riecht es, wenn es so nach Geld riecht, vor allem laut und obszön.<span id="more-857"></span></p>
<p>Aber dafür sind wir ja auch die Dummies, denen der Anlageberater gerade erklärt, dass unser bisschen Geld, wenn es nur auf seiner Bank herumliegt, sehr schnell seinen Wert verliert, denn dass seine Bank uns überhaupt noch ein, ja vielleicht sogar eineinhalb Prozent Zinsen zahlt, damit sie damit machen kann was sie will, das verdanken wir ausschließlich ihrem Wohlwollen. Man sehe das übrigens schon daran, dass der Anlagenberater ausnahmsweise über Summen mit so wenig Nullen verhandele. Wenn es nach dem Weltmarkt der Finanzen gehe, jedenfalls, so fährt der junge Anlagenberater fort &#8211; von seinem Rasierwasser haben wir Kopfweh, die Krawatte hat unser ästhetisches Empfinden auf Stand By gestellt, und seine Wörterkaskaden haben uns so verwirrt, dass wir ohne weiteres glauben würden, Eidechsenzucht am Nordpol sei das große kommende Ding für mittelständische Investitionen -  wenn es also nach dem Weltmarkt gehe, von dem wir &#8211; der Bankangestellte benutzt natürlich nicht dieses Wort &#8211; wir Dummies offensichtlich keine Ahnung haben, dann müsste man dafür, dass man sein Geld den Bankleuten zur Verfügung stellt, sogar bezahlen. Ich weiß, das klingt absurd, sagt der Anlagenberater nachsichtig, das hat eben mit der Geldpolitik zu tun, und dann kommt er auf die Vorzüge von Immobilienfonds, Aktienpaketen, Obligationen und wertberichtigten, EU-gestützten Warentermingeschäften in Kasachstan zu sprechen. Die tapfersten unter uns Kapitalismus-Dummies sagen dann verzweifelt: Nein, ich will nicht mitspekulieren. Ich will nicht mit Schuld sein an der nächsten geplatzten Imobilienblase, ich will nicht Schuld sein, wenn mit meinem bisschen Geld Existenzen ruiniert, Städte und Landschaften in Profitarchitekturen verwandelt werden. Ich will verdammt noch mal kein Kapitalist werden, nicht einmal im knapp fünfstelligen Euro-Bereich. Die tapfersten unter uns Kapitalismus-Dummies rufen aus: Wir würden ja den Kapitalismus in Ruhe lassen, wenn er nur, bitte sehr, auch uns in Ruhe lassen würde. Ja dann, sagt der Bankangestellte, und angesichts einer schwindenden Bonuszahlung und der mit einem halsstarrigen Kapitalismus-Dummie verlorenen Zeit &#8211; und Zeit ist Geld &#8211; beginnt sein Geld-Geruch sich ins wirklich Üble zu drehen, ja, dann kann ich Ihnen auch nicht helfen. Mit einem Seufzer, teils verzweifelt, teils erleichtert, verlässt der Kapitalismus-Dummie die Bank. Ratlos, was die eigenen paar hart ersparten Euros anbelangt, die er für die Ausbildung der Kinder oder für den so genannten Lebensabend zurücklegen wollte, noch ratloser indessen, gegenüber der Gesamtsituation.</p>
<p style="text-align: center;"><em> </em><em>II</em></p>
<p>Man kann vom Kapitalismus ja halten, was man will. Aber zur Zeit, das muss man schon sagen, übertreibt er’s ein bisschen. Er übertreibt das Aufeinanderfolgen von bedrohlicher Krise und schwindelerregendem Aufstieg. Er übertreibt es mit der Produktion von Superreichtum auf der einen Seite und Armut auf der anderen Seite. Er übertreibt’s mit seinen Blubber-Sprechblasen von Aufschwung und Effizienz und Exportweltmeister. Er übertreibt, wenn er oben ein paar Millionen als Peanuts fallen lässt und unten an den Löhnen, den Renten, an der Bildung und an der Kultur gespart werden muss. Der Kapitalismus übertreibt, wenn er Angela Merkel sagen lässt, <em>wir </em>hätten über unsere Verhältnisse gelebt. Kennen wir nicht allzu viel Leute, die gar keine Verhältnisse haben, <em>über</em> die man auch noch leben könnte? Hat unser geruchsintensiver Bankangestellte nicht eben mit einem grinsenden Bedauern den Lebensplan einer Familie vernichtet, die so dumm war, seinem Ratschlag zu folgen? Der Kapitalismus derzeit übertreibt, wenn er mit Kriegen, Krisen und Katastrophen Profit macht, wenn er Regierungen, Religionen und Rassen für seine Zwecke mobilisiert. Und vor allem übertreibt der Kapitalismus es mit einem totalen Anspruch, noch die kleinste Nische, noch den abgelegensten Winkel der Welt, noch den unschuldigsten Gedanken, noch die Welt von Kindern und Greisen, von Narren und Weisen zu infiltrieren und zu beherrschen.</p>
<p>Globalisierten Neoliberalismus nennt man das wohl, oder Turbokapitalismus, manche sagen auch Spätkapitalismus dazu, weil die zerstörerischen und selbstzerstörerischen Kräfte so ausgeprägt sind, dass auch wir Dummies, die von Eigenkapitalrendite und Hedgefonds nicht die geringste Ahnung haben, das Gefühl bekommen: Das kann auf Dauer nicht gut gehen.</p>
<p><em> </em></p>
<p style="text-align: center;"><em> </em><em>III</em></p>
<p><em> </em></p>
<p>Mögen die Zocker da oben doch mit ihren Millionen und Milliarden spielen, wenn es ihnen dann besser geht, mag sich die eine oder der andere denken, aber könnten sie nicht wenigstens uns in Ruhe lassen? Wenigstens Kindergärten, Universitäten, Krankenhäuser, Bibliotheken, Wanderwege, Eisenbahnen, Murmeltiere und Punkbands von der Frage befreien: Wo liegt der Profit, und wer darf ihn einstreichen? Könnte man dem Kapitalismus nicht insoweit Manieren beibringen, als dass er uns ein verlässlich-stetiges Leben gönnte, wo man es durch fleißige Arbeit zu einem bescheidenen Wohlstand bringen würde, wo man sich nach einem mehr oder weniger erfüllten Leben, zurücklehnen dürfte, wo man sich um Krankheit und Hunger keine Sorgen machen müsste, denn wir fühlten uns in einer Solidargemeinschaft, die der gütige Staat behütet, der für Wohlfahrt und Gemeinwohl sorgt? Wo ein Arzt eine Krankheit heilt, weil er gerne Menschen hilft, ein Philosoph über das Leben, die Liebe und den Tod nachdächte, und ein Künstler nicht superironisch daherkommen muss, weil er seinen eigenen Marktwert zum Thema macht? Wir bräuchten keine Yacht im Mittelmeer und keine tägliche Dosis Kokain, Börsenkurse und Devisenhandel gingen uns am Sitzfleisch vorbei, ein Mischwald wäre uns lieber als ein neues Shopping Center, eine Bank wäre was zum Hinsetzen in der Abendsonne. Wir gingen allerdings bitteschön gern zum Arzt, ohne dass der arme Kleinunternehmer der Heilkunst uns vorrechnet, dass er sich gerade unsere Krankheit gar nicht leisten kann, abrechnungstechnisch, wir hätten gern das Buch eines Menschen gelesen, das es nicht darauf abgesehen hat, ein Millionenseller zu werden, weil Philosophie viel zu kompliziert und positives Denken effizient ist und man auch nicht mehr so viel kritisches Nachdenken braucht, wir würden gerne einmal eine Nachrichtensendung ansehen ohne vorgeschalteten Börsen-Porno. Die besten Dinge im Leben, ein Spaziergang, ein Gespräch über Gott und die Welt, und eben nicht über Geld, das Verliebtsein, das Nachdenken, das Träumen zum Beispiel, kosten sowieso nichts. Deshalb wird es zunehmend verachtet.</p>
<p>Oh, wir Dummies! Wir haben aber auch gar nichts verstanden! Dass Geld bewegt werden muss, und dass der Markt zugleich die irrationale Natur des Menschen und die klarste Rationalität der Zahlen bietet, dass alles andere sowieso noch viel schlimmer ist, und dass, wer so unberaten sein Bankhaus verlässt, selber schuld ist, wenn die Superrendite und das Glück an ihm vorbeigehen. Wir indes, die man auch die kleinen Leute nennt, werden durch unsere Unwissenheit nicht vor der Strafe geschützt. Einst waren wir gute Bürger in einer netten kleinen Demokratie, mit einem, nun ja, etwas anrüchigen Kapitalismus. Wer wollte, konnte sich rausreden, raushalten, rausträumen. Jedenfalls sieht man einem Gartenzwerg die kapitalistische Produktionsweise nicht auf den ersten Blick an. Und ein Bausparvertrag schien der verlässlichste Pakt zwischen dauerhaftem Familienglück und Gesellschaftsinteresse. Bausparverträge sind nicht mehr rentabel und Gartenzwerge von heute halten nicht einmal einen gewöhnlichen Sommer durch.</p>
<p><em> </em></p>
<p style="text-align: center;"><em> </em><em>IV</em></p>
<p>Der Sieg der Ökonomie über alle anderen Bereiche des bürgerlichen Lebens wird am Ende die bürgerliche Gesellschaft selber zerstören, wenn er es nicht schon getan hat. Es gibt Leute, an sehr unterschiedlichen Positionen der Geistesgeschichte, die darüber gar nicht mal so unglücklich sind. Gestört vor allen Dingen ist das Verhältnis zwischen uns Kapitalismus-Dummies und der Regierung. Die scheint in den letzten Jahren ganz offensichtlich auf die Seite der Wirtschaft und ihrer Interessen geschwenkt. Früher versprachen demokratische Regierungen, das Volk vor allzu viel Kapitalismus zu beschützen, heute dagegen scheinen Regierungen vor allem dazu da, den Kapitalismus vor allzu viel Volk zu beschützen. Was aber, könnten wir uns vorstellen, was wäre ein ideales Verhältnis zwischen Regierung und Markt?</p>
<p>Zum Beispiel A) Wenig Staat, wenig Markt. Charmante Idee. Statt uns um Dividenden und tendenziell fallende Profitraten zu kümmern, könnten wir ein gutes Buch lesen oder eine Teeparty im Grünen veranstalten. Und statt um Steuern, Vorschriften und Polizei ging es um Gemeinschaft, Glück und Frieden. Vielleicht dürfte sogar der Rasen betreten werden. Die blanke Anarchie also. Ist nicht unser Ding. Denn das können Sie uns Dummies glauben: Die Herrschaft des Kapitalismus basiert nicht bloß auf der Gier, wie es immer wieder gesagt wird. Sie basiert noch viel mehr auf der Angst. Und wir ahnen tief im Herzen, dass unser Anlageberater auch deswegen so nach Geld riechen muss, weil uns sonst sein Angstschweiß auffiele. Vor lauter Angst schreien wir also zur gleichen Zeit nach beidem, nach dem Staat und nach dem Markt, ob das nun ein Widerspruch in sich ist oder ein fieser Fall von abgekartetem Spiel.</p>
<p>Große anarchistische Weltentwürfe gibt es daher in aller Regel höchstens im tückischen Doppelpakt mit religiösen, tyrannischen und terroristischen Modellen. Es gab die verrückte Idee, man könne die Menschen zum Gutsein und zur Freiheit zwingen, notfalls mit Gewalt. Sie ist glücklicherweise hierzulande etwas aus der Mode gekommen. Stattdessen erlaubt sich der Markt kleine Anarchismen, die die fatale Eigenschaft haben, früher oder später vom Mainstream aufgesogen zu werden: Underground, Pop, Subkultur, Internet-Aktivismus, Do-It-Yourself-Punk, Ghetto, Kunst. Am Ende ist das alles wieder ein Label, das den immer gleichen Leuten Geld bringt. Der Turbokapitalismus scheint seine eigenen Anarcho-Szenen zu erzeugen und sie zugleich auszubeuten; mit dem Neoliberalismus kommen auch diese in die Krise. Symptome dafür sind die Krise der Pop-Kritik oder das öffentliche Widerrufen der Internet-Heilserwartungen durch ihre ernüchterten Propheten. Vielleicht hätten wir es ahnen sollen, meinen sie, statt der erwarteten elektronischen Demokratie bekamen wir den semantischen Müll der Marktwirtschaft. Naja, demnächst erfinden wir wieder neue Medien.</p>
<p>Versuchen wir es also B) mit etwas anderem. Viel Staat, wenig Markt. Der Staat, der die Menschen vor dem Markt schützen soll und der dabei, aus inneren wie äußeren Gründen, die Finger von terroristischen Mitteln nicht lassen kann, weil ihm sonst die Menschen abhanden kommen (eine Mehrheit in Richtung Konsum, eine Minderheit in Richtung „Freiheit“, was immer das sein mag), scheint eine wundersame Mischung aus Verblödung und Brutalität auszubilden. Diese extreme Lösung gilt mit dem Realsozialismus als „zusammengebrochen“ – bis auf kleine, sehr unangenehme Areale. Menschen, die keinen Markt haben, scheinen unzufrieden und grau. Wer Kritik am Kapitalismus wagt, muss hierzulande stets beteuern, dorthin wolle er gewiss nicht zurück. Und natürlich wissen auch wir Dummies: Wer sich vor zu viel Kapitalismus fürchtet, sollte nicht ausgerechnet auf den Staat als Institution des Vertrauens setzen. Und zu viel Markt scheint uns immer noch ein kleines bisschen menschlicher als zu viel Staat.</p>
<p>Bleibt Variante drei: Wenig Staat, viel Markt. Der Staat soll sich aus den Privatsachen möglichst heraus halten, vor allem aber aus den privaten Geschäften. Der Markt regelt alles prächtig, ungefähr so wie Fahrpläne und Reisekomfort bei der Deutschen Bahn.</p>
<p>Wenn aber der Markt alles regelt, was er übrigens nicht tut, wie jeder weiß, der sich schon mal im Wald verlaufen oder in den falschen Menschen verliebt hat, dann bleibt die Frage: Wer zum Teufel regelt dann den Markt? Denn das glaubt ja nun auch der dümmste Dummie nicht, dass es ohne äußeres Zutun gerecht oder auch nur halbwegs zivilisiert auf dem Markt zugehen würde. Irgend jemand muss auch einem Al Capone sagen, dass man mit Menschen, Mord und Morphium nicht genau so handeln kann wie mit Brillianten und Schnürsenkeln. Und irgendwer sollte der Deutschen Bahn&#8230;, aber das ist eine andere Geschichte.</p>
<p>Dann ist nur noch eine Variante übrig, nämlich viel Markt in einem starken Staat, der dafür sorgt, dass möglichst alle was davon haben, und der Markt nicht den Rest der Welt kaputt macht und sich die Anzahl von Obdachlosen und Amokläufern in kontinentaleuropäischen Grenzen hält. Irgendwann, bilden wir Dummies uns ein, gab es einmal so genannte Sozialdemokraten, die so etwas ähnliches im Sinn gehabt haben müssen. Aber dann ist ihnen was dazwischen gekommen und sie haben sich’s anders überlegt. Nun soll sich das ganze immerhin ein bisschen ausbalancieren; wenn Krise ist, ist der Staat da, wenn der Laden läuft, kümmert er sich um sich selbst, da gibt es genug zu tun. Aber der Keynesianismus, die „soziale Marktwirtschaft“, der rheinische Kapitalismus, dieser Kapitalismus mit menschlichem Antlitz, der sich um uns Öko-Dummies nicht weiter gekümmert hat, das alles hat zwei Nachteile. Er muss in erheblichem Maße verwaltet werden, kann also nur von einem wohlhabenden und wohlmeinenden Staat mit einem Heer von Beamten garantiert werden, die nicht alle so gemütlich aussehen wie einst Heinz Erhardt. Und es ist langweilig.</p>
<p style="text-align: center;"><em>V</em></p>
<p>Wir Dummies des Kapitalismus haben nämlich mitgelacht, als es schick wurde, über Bausparverträge, Gartenzwerge und Gewerkschaftsabende zu lachen. Auch uns erschien der zivilisierte Kapitalismus zu verschnarcht, auch wir wollten ein bisschen Sex &amp; Drugs &amp; Rock’n’Roll, ja, wir durften uns ein bisschen amüsieren, und dafür sollten wir es nicht mehr so genau nehmen mit Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit. Oder anders gesagt, mit der Demokratie als moralischer Regelung des Marktes.</p>
<p>Und so ist schließlich entstanden, was schlecht gelaunte Soziologen die Postdemokratie nennen. Für uns Dummies sieht das, grob gesagt so aus, dass sich die Regierung zwar immer noch vom Volk wählen lässt, aber keine Lust mehr hat, dieses Volk gegen den, wie sagt man: „deregulierten“ Markt zu beschützen. Auch in den Regierungen riecht man jetzt das Geld, bei den einen mehr und bei den anderen weniger. Nicht, dass Politiker vorher Engel oder auch nur Ehrenmenschen gewesen sein mussten. Aber hätten sie früher so gestrahlt, wenn sie verlautbaren: „Der Wirtschaft geht es gut“, und damit meinen, dass es eher zweitrangig ist, wie es den lästigen Menschen dabei geht, Hauptsache sie haben genügend Fernsehen, zahlen Steuern, machen sich statistisch gut und mucken auch sonst nicht auf? Nein noch etwas: Mitmachen sollen sie, und das nennt die postdemokratische Regierung sehr schön „Eigenverantwortung“.  Das heißt, der anständige Bürger kann nun nicht mehr wie im guten alten Gartenzwerg-Kapitalismus ein bisschen sparen und ein bisschen fürs Sparen belohnt werden, sondern er muss sein kleines Geld dem großen Zocker-Kapital einverleiben, vielleicht hat er ja Glück. Wir sind Kapitalismus heißt die Parole. Mitgegangen, mitgehangen. Ihr wollt es doch auch, ziert euch nicht so. Und darum darf man jetzt die Dummies des Kapitalismus auch Dummies nennen. Sollen sie doch Marx und Kant lesen bis sie sich nicht mal mehr eine Fiehlmann-Brille leisten können. Und keine Ahnung, warum sie gestern hätten in Goldreserven einsteigen sollen!</p>
<p><em> </em></p>
<p style="text-align: center;"><em> </em><em>VI</em></p>
<p>Jetzt also kann man sehr genau sagen, warum wir Dummies die Dummies des Kapitalismus sind. Weil es nämlich zum Mitmachen keine Alternative gibt. Nur eben: Man kann nicht mal mehr Pausen machen, man kann sich vom Kapitalismus nicht ausruhen, man kann sich von ihm nicht zurückziehen, seit einiger Zeit.</p>
<p>Und das kam tückischerweise genau durch eine so genannte Krise zustande, von der wir Dummies natürlich langsam den Eindruck gewinnen, es handele sich um einen gewaltigen Trick, mit dem Regierung und Kapital die Umverteilung von unten nach oben beschleunigen.</p>
<p>Trotzdem scheint eine breite Strömung in unserer Kultur die Rückverlagerung von Turbokapitalismus zu „netten rheinischen Kapitalismus“ zu verlangen, eine (neuerliche) Umwandlung des „Marktradikalismus“ in einen keynesianisch regulierten und weniger aggressiven „Kapitalismus mit menschlichem Antlitz“. Ein bisschen wenigstens. Eine beinah gleich breite Strömung möchte genau das Gegenteil, den Neoliberalismus für alle. Die Akzeptanz des „amoralischen“ Verhaltens nicht nur oben, sondern auch unten, und schließlich gar in der guten Mitte. Nach einer Renaissance des Staatssozialismus, vielleicht auch in netterer Form, sehnen sich nur Minderheiten, und ebenso wenige sind es, die auf das nächste Projekt der anarchistischen Subversion hoffen – vielleicht in Form einer Gegenkultur der Transhumanen und Androiden oder doch einer hippen Organisation von uns Kapitalismus-Dummies. Wir laden ein zur öffentlichen Verbrennung der FAZ-Wirtschaftsseiten! Wir rufen den geldfreien „Laß Stecken“-Tag aus. Wir betreten den Rasen der Deutschen Bank! Und wir spielen bissige Lieder über den Kapitalismus, bis der nicht so wohlriechende Kundenberater aus seiner Bank tritt und murmelt: „Weicheier! Kindsköpfe!“</p>
<p>Und recht hat er, der Arme. Wissen Sie, was so eine Krawatte, so ein Aftershave kostet? Doch wie auch immer, unsere Kultur wird von einer Notwendigkeit geplagt, der gegenüber sie nur bedingt abwehrbereit ist: Sie muss nicht nur kapitalistisch denken. Sie muss auch, nach langer Zeit mal wieder, den Kapitalismus denken. Weil es ja sonst niemand mehr tut. Das macht sie in der ihr eigenen Art, hysterisch und seriell. Nicht allein mit der halben Million von Büchern, die erklären, wer schon immer alles über die Krise wusste, sondern auch in jener tastenden Suche, die bis hinein in Songtexte und Soap Operas führt: Was tun? Wie weiter? Und ist die Welt wirklich nur alles, was der Markt ist?</p>
<p><em> </em></p>
<p>Die Produktion der Mitschuld ist paradoxerweise noch deutlicher als bei den kleinen Gruppen der Gewinner bei der großen der Verlierer zu sehen. Wer wenig Geld hat, der ernährt sich bei den großen Zwangsernährungsfabriken der Discounter, die die Landwirtschaft im Preiskampf ruinieren und die Zutaten-Phantasie der Tütennahrungshersteller und die Gewinnoptimierung von Gammelfleisch anregen, der kleidet sich bei den Textilmärkten, die ihre Tiefstpreise und Schnäppchenware auf Arbeitsmärkten fertigen lassen, auf denen das Leben eines Kindes nicht viel mehr wert ist, als ein T-Shirt, der richtet sich sein Eigenheim im 1-Euro-Laden ein, in denen der globale Schund zirkuliert. Den postdemokratischen Staat freut’s, der, wie gesagt, schon längst seine Wirtschaft mit seinem Volk verwechselt, denn das Tiefpreissegment unserer Spaßgesellschaft hält jene Leistungen niedrig, die der Staat für seine von der Wirtschaft verschmähten oder sonst wie ausgesonderten Kinder bereitstellen muss. Da ist die Lebensqualität Hartz 4 geteilt durch Lidl plus Wahlkampf. So zwingen der Staat und die Mega-Konzerne neben der schrumpfenden Mittelschicht, die verzweifelt versucht, die Früchte ihrer Arbeit in Sicherheit zu bringen, auch die neue wachsende Unterschicht zur moralischen Komplizenschaft. Wer ein bisschen hat, der muss sein Geld ins Verderben stecken, und wer nichts hat, der bekommt das Verdorbene. Natürlich schön bunt verpackt.</p>
<p style="text-align: center;"><em>VII</em></p>
<p>Mit jeder seiner Krisen breitet sich der Kapitalismus weiter aus, in der Welt, in den einzelnen Gesellschaften wie letztlich in den inneren Topografien des Subjekts. Mit jeder Krise zwingt der Kapitalismus der Regierung und der Kultur mehr von sich selber auf; es ist an nichts anderes, so scheint’s, mehr zu denken. Die Krise macht die Kapitalisten reicher und die Regierungen ärmer, die Regierten werden noch weiter nach unten und nach oben gedrückt; unwiderstehlich zieht die Krise das Geld und die Macht von unten nach oben, vor allem aber ergreift in ihr und nach ihr der Kapitalismus Lebensbereiche und Gesellschaftsschichten, die vordem noch halbwegs geschützt waren, Alm-Öhis, Schrottplastiker und Gutmenschen inbegriffen. Um die nötigen Ressourcen für das Weiterspielen zu bekommen, werden Menschen zum Dasein als Marktsubjekte gezwungen, die subjektiv oder objektiv gar nicht in der Lage dazu sind, die Spielregeln zu erkennen. In etwas besseren Zeiten hätte man das einfach Betrug, Ausbeutung, Korruption und Räuberei genannt. Aber wen nenne ich Räuber in einer räuberischen Gesellschaft, wen Betrüger in einer Welt, die nach dem Erfolg fragt, und nicht nach den Mitteln, mit denen er erzielt wurde? Die Antwort des Kapitalismus auf seine Krise ist es, neben noch mehr Opfern noch mehr Mitschuldige zu schaffen.</p>
<p><em> </em></p>
<p>So oder so ähnlich schimpft er, der Kapitalismus-Dummie, wenn er aus der Bank kommt und den schneidenden Geruch des Geldes loszuwerden versucht. Es nutzt ihm nicht viel. Und dann immer dieses Gefühl: Vielleicht bin ich ja doch nur zu blöd für den Kapitalismus. Und mir geschieht es ganz recht, wenn mein bisschen Geld, das ich nicht zum Anschaffen auf die Finanzplätze und Immobilienmärkte schicken will, seinen Wert verliert. Die ökonomisierte Welt kommt viel besser ohne uns Kapitalismus-Dummies aus als wir ohne sie. Vielleicht sollte ich doch noch mal einen Termin mit dem Anlageberater machen. Lernen, sich nicht mehr zu beklagen und den Geruch des Geldes zu lieben. Zur richtigen Espresso-Sorte die Financial Times lesen. Weil aussteigen – aussteigen lässt uns dieser Kapitalismus nicht mehr.</p>
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		<title>Die FAZ Schlagzeile (2)</title>
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		<pubDate>Fri, 06 Aug 2010 17:54:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krise]]></category>

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Schlagzeile der F.A.Z. vom Freitag, den 6. August 2010:
„Commerzbank überrascht im ersten Halbjahr mit Milliardengewinn“
Wie gesagt, wir haben Humor, ehrlich. Aber bei Laurel &#38; Hardy, unter anderem, kann man lernen, dass man es auch übertreiben kann.
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			<content:encoded><![CDATA[<div style="background-image: initial; background-attachment: initial; background-origin: initial; background-clip: initial; background-color: #ffffff; font: normal normal normal 13px/19px Georgia, 'Times New Roman', 'Bitstream Charter', Times, serif; font-family: Arial; line-height: normal; font-size: small; padding: 0.6em; margin: 0px;">
<p>Schlagzeile der F.A.Z. vom Freitag, den 6. August 2010:</p>
<p><em style="font-style: italic;">„Commerzbank überrascht im ersten Halbjahr mit Milliardengewinn“</em></p>
<p>Wie gesagt, wir haben Humor, ehrlich. Aber bei Laurel &amp; Hardy, unter anderem, kann man lernen, dass man es auch übertreiben kann.</p></div>
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		</item>
		<item>
		<title>Kritik &amp; Zukunft</title>
		<link>http://www.seesslen-blog.de/2010/05/25/kritik-zukunft/</link>
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		<pubDate>Tue, 25 May 2010 15:10:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Denken]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Die offene Kritik
Wenn man die Dinge kritisiert, wie sie sind, müsste man es im Namen einer besseren Möglichkeit oder gar im Namen der offenen Zukunft machen. Was aber, wenn es keine Zukunft gibt? (Und unendlich viele Möglichkeiten, die sich nicht als „richtig“ und „falsch“ ausweisen können.)
No Future – nicht in der Form, dass es kein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die offene Kritik</strong></p>
<p>Wenn man die Dinge kritisiert, wie sie sind, müsste man es im Namen einer besseren Möglichkeit oder gar im Namen der offenen Zukunft machen. Was aber, wenn es keine Zukunft gibt? (Und unendlich viele Möglichkeiten, die sich nicht als „richtig“ und „falsch“ ausweisen können.)</p>
<p>No Future – nicht in der Form, dass es kein Morgen gibt. Keine Entwicklung mehr, keine Geschichte. Sondern in der Form, dass es keine lineare Entwicklung, kein Projekt, in Wahrheit nicht einmal eine Hoffnung gibt. (Auf diesen Teil der philosophischen Grundfragen, „Was darf ich hoffen?“, fällt uns derzeit nicht wirklich etwas ein.)<span id="more-695"></span></p>
<p>Andere Frage: Das System bestehe aus Elementen, Positionen, Beziehungen und Dimensionen. Das kritische Element in einem System erzeugt eine kritische Beziehung. Wird sie das System verändern, stabilisieren, zerstören oder immunisieren? Joseph Schumpeter glaubte, der Kapitalismus würde durch ein Übermaß von selbst produzierten kritischen Elementen zum Einsturz gebracht. Offensichtlich ist das Gegenteil eingetreten: Kritik ist so weit verschwunden, dass das System selber darunter zu leiden beginnt. Der Kapitalismus ohne Kritik verliert eine Dimension. (Aber welcher Kritiker möchte schon so eindeutig dem System dienen, das er kritisiert? Kritisier mich! Schreit der masochistische Kapitalismus zur Zeit der Krise. Nein! Sagt der sadistische Kritiker.)</p>
<p>Ohne Zukunft erscheint bemerkenswerterweise alle Kritik als reaktionär. Muss, wer nicht im Namen der Zukunft spricht, in dem der Vergangenheit sprechen (und erntet die Häme: „Ja, ja, früher war alles besser!“) oder zustimmend murmeln in einem endlos „praktischen“ Heute? Hier könnte man das System noch ein wenig besser machen, dort droht es ein wenig die Dimensionen zu verlieren. (So verlangt die Kritik des Kapitalismus derzeit ein wenig Keynes zurück. Nun ja.)</p>
<p>Präsens-Kritik besteht aus Vorschlägen zum Weitermachen; we can handle it. Sie ist ein Eingriff in die Symptome. Radikale Kritik nennt die Krankheit. Allerdings ist sie sich ihrer Diagnose nicht sicher. (Und mit der Therapie ist das sowieso so eine Sache.) So wird sich der Arzt selber zum Thema. Man muss sehr aufrichtig sein, um außerhalb des Gesetzes zu leben. Sagt Bob Dylan. Man muss sehr systematisch denken um außerhalb des Systems zu denken.</p>
<p>Zweifellos gibt es auch eine Kritik ins Offene hinein (die bessere Art, ohnehin, damit wir Kritik nicht als Maske des Besserwissens missverstehen); aber ins Leere?</p>
<p>Es ist leicht, beim Kritisieren zynisch zu werden. Aber noch viel leichter ist es, jeder Art der Kritik ins Offene hinein Zynismus zu unterstellen.</p>
<p>Man müsste wohl eine Position der „offenen Kritik“ – in Analogie zu Umberto Ecos „offenem Kunstwerk“ – bestimmen, eine Kritik der „veränderlichen Lektüren“, die gleichwohl alles Mögliche nur nicht beliebig und belanglos wäre: „Vielheit und Gleichwertigkeit der Beschreibungen der Welt“ (Eco).</p>
<p>Offene Kritik kann sich selbst mit-kritisieren, ohne in sich selbst zu verschwinden. Sie bleibt der unterschiedlichen Lektüre offen, indem sie zwischen Elementen, Beziehungen und Positionen ihres Gegenstandes zu unterscheiden weiß. Und offene Kritik beschreibt sehr genau die eigenen Beziehungen und Positionen, mag man sich innerhalb oder außerhalb des Systems (eines Kunstwerks, eines Herrschaftssystems) befinden.</p>
<p>Daher kann die offene Kritik „unmögliche“ Positionen einnehmen (das heißt: ihre erste Frage ist nicht die nach der Nützlichkeit, nicht die nach der Machbarkeit sondern die nach der Vorstellbarkeit).</p>
<p>Die Kritik der Phantasien setzt selber Phantasie frei.</p>
<p>Offene Kritik kann nur funktionieren, insofern sie Macht ausschließt. (Jede Form von Macht ist Gegenstand der Kritik. Auch die eigene.)</p>
<p>Umgekehrt hat die offene Kritik wenig prinzipielle Probleme mit einer Verschwesterung mit einem Gegenstand: Das Kunstwerk ist nicht nur Gegenstand der Kritik, sondern auch Verbündeter bei der Kritik der Welt.</p>
<p>Kritik der Welt? Ja, auch die offene Kritik, wenngleich sie ehrlich genug ist, sich weder auf eine verpflichtende Vergangenheit noch auf eine projizierte Zukunft zu berufen, will, dass es nicht so bleibt, wie es ist.</p>
<p>Der tückischste Gegner der offenen Kritik ist die Mode. Hat sich nicht ein Begriff, mag er noch so präzis sein, hoffnungslos „verbraucht“; ist nicht eine Denkmethode, brauchbar meinethalben, zu „altmodisch“ geworden, um noch zu wirken? Kritik auf dem Meinungsmarkt muss immer in der jeweils hippen Sprache vorgetragen werden. Oder?</p>
<p>Der Mode misstrauen ohne zu erstarren!</p>
<p>Der eigenen Zeit auf Augenhöhe begegnen (das heißt auch: Sich nichts von ihr gefallen lassen!).</p>
<p>Aber welches Medium könnte die offene Kritik denn noch benutzen? Das Feuilleton zerbröselt; das Internet ertränkt jeden Gedanken, den es zulässt, in der schieren Menge der verschleuderten Blödheiten; die Subversion ist ein Werbe-Gag.</p>
<p>Bis zu einem gewissen Grad muss sich daher die offene Kritik selber medial herstellen. Um es mit einem altmodischen Wort zu sagen: nomadisch. Oder auch: archipelagisch.</p>
<p>Da sie es schwerer hat, nimmt sie es leichter.</p>
<p>Denn der offenen Kritik braucht man gar nicht erst mit ihrer „Wirksamkeit“ kommen. Solche Wirksamkeit wäre Teil des kritisierten Systems.</p>
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		<title>Sprichwörter (2)</title>
		<link>http://www.seesslen-blog.de/2010/05/12/sprichworter-2/</link>
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		<pubDate>Wed, 12 May 2010 06:41:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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		<description><![CDATA[„Geld regiert die Welt.“ (sagte meine Großmutter seufzend, als man ihr die Hälfte des Gartens nahm, damit eine Garagenzufahrt entstehen konnte.) Damals meinte das vor allem: Geld ist das Mittel jener, die sich Macht und Vorteil zu verschaffen verstehen, weil sie, woher auch immer, dieses Mittel besaßen. Aber es steckte ein klein wenig wohl schon [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>„Geld regiert die Welt.“</strong> (sagte meine Großmutter seufzend, als man ihr die Hälfte des Gartens nahm, damit eine Garagenzufahrt entstehen konnte.) Damals meinte das vor allem: Geld ist das Mittel jener, die sich Macht und Vorteil zu verschaffen verstehen, weil sie, woher auch immer, dieses Mittel besaßen. Aber es steckte ein klein wenig wohl schon zur Zeit meiner Großmutter darin, dass möglicherweise nicht allein diejenigen, die es haben und die es einigermaßen skrupellos einsetzen, die Welt regieren, sondern das Geld an sich.</p>
<p>Im Augenblick sind wir diesem Regenten auf eine Weise unterworfen, wie wir es zumindest noch nie gespürt haben: Alle sind betroffen, kein außerhalb mehr möglich (weder das Verfassen eines Haiku noch eine Liebesgeschichte denkbar ohne Geld), andere, auch nicht viel sympathischere Formen von Macht und Gewalt, Regierung, Militär, Terror, ganz und gar dem Geld unterworfen. Was kein Geldgeschäft ist, ist obskur und obszön.<span id="more-681"></span> (Fiel nicht einer famosen deutschen Politikerin als erstes zu den Missbrauchsfällen in der Kirche und in den Internaten ein, die Schuld in Geldform zu begleichen?)</p>
<p>Dieser Regent wird um so mächtiger, je fiktiver er wird. Stellen wir uns vor, jene Summe, die man eben mal in Brüssel als „Schutzschirm“ über „unser“ Geld gespannt hat, und die Zeitungen gerne ausdrücken, indem sie sie über mehrere Seiten dehnen, würde tatsächlich „fällig“, dann wäre wohl das Ende dieses Regenten (zumindest in seiner Euro-Form) gekommen, mehr noch aber wäre es das Ende seines Volkes. Denn schon jetzt ist klar, dass jede Regierung, um ihren wahren Regenten (eine „Realabstraktion“, wie wir von Karl Marx wissen, das heisst: Geld gibt es nicht „wirklich“, aber es hat beständig unwiderlegbar wirkliche Folgen) zu schützen, über Leichen geht. Wenn es gilt, den Euro zu schützen (der auf einmal „unser“ Geld ist, in einer Welt, in der alles plärrt: „Meins! Meins! Meins!“), sind Menschen nichts mehr wert. Wir sollen arbeiten und sparen, zugleich konsumieren wie die Deppen und verzichten wie noch größere Deppen, um das Geld zu schützen, zu stützen, zu „stabilisieren“. Sehr viel Gnade kennt dieser Regent nicht.</p>
<p>Eine nicht zu verachtende Methode ein Problem zu behandeln, ist es, die Frage voranzustellen, wer es geschaffen hat und aus welchem Grund. Aber natürlich fällt unter der Regentschaft des Geldes den Apologeten nichts anderes ein, als sich Sündenböcke zu suchen: Die faulen und verlogenen Griechen, wie es die BILD-Zeitung in ihrer Kampagnen-Widerlichkeit macht (sie haben sich geweigert, dem Geld zu geben was des Geldes ist, nämlich ihre Lebens- und Arbeitskraft, sie haben ihre Steuern nicht bezahlt, sie haben die Erzählung des Geldes nicht korrekt wiedergegeben etc.), die Regierungen, die nicht schnell genug bemerkten, wie ungehalten der Regent ist (hat der Regent Fieber? Hat er Hunger? Braucht er neue Bataillone?), die „Spekulanten“, die sich am Hof des Regenten bereichern, durch falsche Ratschläge, tückische Schranzen-Spiele. In der Mitte des Volkes herrscht die Meinung, der Regent sei im Kern gut, weise und gerecht, man darf ihn nur nicht kritisieren, betrügen, ignorieren oder sonst wie kränken.</p>
<p>Regierung ist mittlerweile kaum noch etwas anderes als die Kunst, die Totalität und die Absurditäten, vor allem aber: die Schwäche des Regierenden Geldes zu vertuschen. Was ist, wenn dieser König stirbt (und ist er nicht dabei, sich zu Tode zu regieren)? Wird er sein Volk mit in den Abgrund reißen, oder kann es verdutzt und erleichtert aufatmen: Was waren wir doch für Narren!</p>
<p>Geld regiert die Welt. Und es zeigt sich uns, wie jener Kaiser einst, der von seiner eigenen Pracht überzeugt war. Nackt.</p>
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		<title>Was die &#8220;Rettung von Griechenland&#8221; anbelangt&#8230;</title>
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		<pubDate>Wed, 05 May 2010 18:36:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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		<description><![CDATA[Komplexreduzierung daily
Was die „Rettung von Griechenland“ anbelangt, bescheißt uns die Regierung gerade wieder nach Strich und Faden; selbst der F.A.Z. fällt auf, dass eine Politik, die ausschließlich im Interesse der Banken funktioniert, gleichsam automatisch eine Politik gegen das eigene Volk sein muss (man sagt es nur nicht so). Und die BILD-Zeitung formuliert das diesbezügliche Unbehagen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Komplexreduzierung daily</strong></p>
<p>Was die „Rettung von Griechenland“ anbelangt, bescheißt uns die Regierung gerade wieder nach Strich und Faden; selbst der F.A.Z. fällt auf, dass eine Politik, die ausschließlich im Interesse der Banken funktioniert, gleichsam automatisch eine Politik gegen das eigene Volk sein muss (man sagt es nur nicht so). Und die BILD-Zeitung formuliert das diesbezügliche Unbehagen nach dem Muster seltsam rassistisch anmutender Kampagnen um (als müsste um jeden Preis der Welt verhindert werden, dass die Beschissenen dieser Erde sich solidarisieren).</p>
<p>Die Art, wie demokratische Regierungen die Bevölkerung bescheißen, funktioniert am Ende in der Regel immer, denn sie bedienen sich dabei der Medien, die sie perfekt zu bedienen gelernt haben (wenn auch mal, wie man so sagt, über die Bande). Politiker, die es lernen, mit Medien umzugehen, verlernen zuerst, mit echten Menschen umzugehen, und dann verlieren sie die Fähigkeit, überhaupt noch mit der Wirklichkeit umzugehen. Außer natürlich mit der Wirklichkeit des Kapitals.</p>
<p>Bei jeder solchen Krise, so scheint es, kann auch die demokratische oder eben postdemokratische Herrschaft nachher genau so weiter machen wie bisher. Aber jedes Mal erzeugt sie eine nächste Gruppe von Menschen, die nicht mehr mitmachen, die das alles nichts mehr angeht, die leer gewordene Rituale der Demokratie nicht mehr füllen wollen.</p>
<p>Die Geschichte der Demokratie ist dann zu Ende, wenn die Anzahl jener, die nicht mehr mitmachen, mehr oder weniger identisch mit der Anzahl der Wahlberechtigten in einer Gesellschaft ist (abzüglich von Mafia- und Parteimitgliedern). Lang kann das nicht mehr dauern. Dann muss eine demokratische Regierung wohl tatsächlich Brechts Vorschlag befolgen, das Volk auflösen und sich ein neues wählen. Naja, wenn es noch eines gibt jedenfalls.</p>
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		<title>I HIRED A FREMDSCHÄMER</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Sep 2009 16:21:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>

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		<description><![CDATA[Ist es Ihnen schon aufgefallen? Dieses Wort hat Konjunktur: „Fremdschämen“. Das soll heißen, dass sich jemand geniert, weil jemand anderes so furchtbar peinlich und daneben ist. Sozialpsychologisch gesehen war „Fremdscham“ bislang eher ein Nebenschauplatz. Aber jetzt wird es Mode, Kult, nein, viel mehr, es wird soziale Praxis. Und warum?
Das hat zunächst einmal zwei Gründe:
1. Kann [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ist es Ihnen schon aufgefallen? Dieses Wort hat Konjunktur: „Fremdschämen“. Das soll heißen, dass sich jemand geniert, weil jemand anderes so furchtbar peinlich und daneben ist. Sozialpsychologisch gesehen war „Fremdscham“ bislang eher ein Nebenschauplatz. Aber jetzt wird es Mode, Kult, nein, viel mehr, es wird soziale Praxis. Und warum?<span id="more-356"></span></p>
<p>Das hat zunächst einmal zwei Gründe:</p>
<p>1. Kann sich in einer medienpopulistischen Gesellschaft niemand mehr für sich selber schämen. Schamlosigkeit ist vielmehr die Voraussetzung für jede Karriere. Wer Erfolg haben will, und wollen wir das nicht alle, darf keinesfalls verschämt daherkommen. Haben Sie vielleicht schon einmal einen Finanzberater, einen Fernsehmoderator oder einen Wirtschaftsminister gesehen, der sich schämt? Das lassen die von anderen machen. Denn damit, dass man sich seiner selbst nicht mehr schämen darf, soll und kann, ist ein gewisses Scham-Bedürfnis des Menschen ja nicht vollständig aus der Welt geschafft. Die Lösung: Fremdscham.</p>
<p>2. Kann man umgekehrt in einer medienpopulistischen Gesellschaft auch niemanden einfach so verachten, bloß weil er oder sie brunzdumm, obszön, peinlich, aufdringlich oder sonstwie unerträglich ist. Das wäre nämlich arrogant und elitär. Die Lösung auch hier: Zeigt sich der Mitmensch als mehr oder weniger gewöhnliches Arschloch, dann verachten wir ihn nicht, wir schämen uns für ihn. Und zwar am besten so, dass er oder sie persönlich gar nichts davon merken. Eben das nennt man Fremdscham.</p>
<p>Fremdscham ist die neue emotionale Vernetzung der Gesellschaft. Sie verbindet perfekt die Erlaubnis, wirklich jeden Scheiß zu treiben, und bigott herum zu maulen, nur eben, dass beides voneinander nicht unmittelbar betroffen ist. Es heißt ja eben Fremdscham und nicht Nächstenscham.</p>
<p>Die einfachste Form dieser neuen sozialen Praxis ist die duale Fremdscham. Ich schäme mich für dich und du schämst dich für mich, da müssen wir gar nicht groß darüber reden. Zum Beispiel in einer so genannten Wirtschaftskrise: Die Verlierer schämen sich für die Gewinner, und die Gewinner schämen sich für die Verlierer. Der Hartz4-Empfänger schämt sich für Josef Ackermann, und der, wenn er mal Zeit und Scham-Bedarf hat, schämt sich für den Hartz4-Empfänger. Oder, statt eines Religionskrieges: Die Katholiken schämen sich für die Protestanten und die Protestanten schämen sich für die Katholiken. Seit sich Männer für Frauen und Frauen für Männer schämen ist das Verhältnis der Geschlechter schon wesentlich entspannter. Fußgänger können sich für Autofahrer, und Autofahrer für Fußgänger schämen. Leute mit Gürteln für Leute mit Hosenträgern und umgekehrt. Anything goes. Man könnte zum Beispiel gewisse modische Accessoires, Sonnenbrillen, Handtaschen, Trachtenkleider bereits mit einer Fremdscham-Garantie auf Gegenseitigkeit verkaufen. Das geht zum Beispiel so: Ich bekomme eine Ray Ban-Sonnenbrille mit der Garantie, dass sich sofort jemand für mich schämt, wenn ich sie in der Öffentlichkeit aufsetze. Dafür muss ich mich im Gegenzug zu einer ordentlichen Portion Fremdscham verpflichten, sobald ich eines Menschen mit Birkenstock-Sandalen ansichtig werde.</p>
<p>Viel besser austariert und dynamischer als die Fremdscham auf Gegenseitigkeit ist freilich eine vernetzte Fremdscham, in der nämlich tatsächlich Subjekt und Objekt der Fremdscham keine direkte Beziehung mehr zueinander haben. In unserem religiösen Beispiel geht das so: Der Protestant schämt sich für den Katholiken, der schämt sich für den Hindu, der schämt sich für den Buddhisten, der schämt sich für den Moslem, der schämt sich für den Ungläubigen, der schämt sich für den Abergläubischen, der schämt sich für den Agnostiker, der schämt sich für den Protestanten. Das ist zwar variabel, man muss aber darauf achten, dass das eine gewisse Linie behält. Beim Fremdschämen ist es wichtig, dass man sich nicht wild durcheinander schämt. Bei Menschen, die zu unkontrollierten Fremdschäm-Attacken tendieren, kann es schon einmal vorkommen, dass sie sich für die gesamte Menschheit schämen, nur nicht für sich selber.</p>
<p>Aber dazu haben wir ja eben unsere famose Presse, die immer wieder erklärt, wer sich gerade für wen schämen sollte. Zum Beispiel nach der Wahl: Die CDU-Wähler schämen sich für die FDP-Wähler, die FDP-Wähler schämen sich für die Grünen-Wähler, die Grünen-Wähler schämen sich für Linken-Wähler, die Linken-Wähler schämen sich für die SPD-Wähler, die SPD-Wähler schämen sich für die Nichtwähler, und die Nichtwähler schämen sich für die CSU-Wähler. So muss sich niemand mehr für das schämen, was er gewählt hat, und die Regierung kann sich vollständig  verschämt zurückziehen.</p>
<p>Als Fremdschämer nimmt man doch auch wieder viel mehr Anteil an seiner Umwelt. Nehmen Sie einmal an, Sie würden gern einmal ein bisschen fernsehen. Aber einfach so fernsehen ist ausgesprochen schlecht für Ihren Geisteszustand. Allerdings: Sie sagen, es geht mir nicht um’s Fernsehen, ich möchte vielmehr eine intensive Runde Fremdschämen erledigen, dann hat das doch wieder seinen kulturellen Sinn. Oder Nachbar Müller. Der ist so langweilig und so peinlich, das hältst du nicht aus. Jetzt schon. Du gehst sogar ein Bier mit dem Müller trinken, weil du dich dabei so perfekt fremdschämen kannst.</p>
<p>Der Gruß der neuen sozialen Bewegung soll sein: „Heute schon fremdgeschämt?“ Und die Antwort lautet „Aber hallo!“ (was natürlich sofort erneuter Anlass zur Fremdscham ist).</p>
<p>Ich sage wie es ist: Die Zukunft der Gesellschaft liegt in der Fremdscham. Deshalb werde ich morgen etwas über Fremdscham zum Münchner Oktoberfest erzählen.</p>
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		<title>COACH STEINI! CAST ANGELA! RATE OSCAR!</title>
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		<pubDate>Sat, 05 Sep 2009 17:51:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Mensch unserer Zeit wird erst gecoacht, dann gecasted und schließlich gerated. Und dann wieder von vorn. (Früher war das Erziehung, Konkurrenz und Erfolg und auch nicht viel besser. Man wusste nur, dass es ungerecht, gewalttätig und demütigend war.) Neben der politischen und der ökonomischen Macht geht das, was wir früher einmal „Definitionsmacht“ nannten, in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Mensch unserer Zeit wird erst gecoacht, dann gecasted und schließlich gerated. Und dann wieder von vorn. (Früher war das Erziehung, Konkurrenz und Erfolg und auch nicht viel besser. Man wusste nur, dass es ungerecht, gewalttätig und demütigend war.) Neben der politischen und der ökonomischen Macht geht das, was wir früher einmal „Definitionsmacht“ nannten, in die Hände jener über, die coachen, casten und raten. Die Macht der Coacher, Caster und Rater entsteht einerseits durch eine populistisch-mediale Rückkopplung, andererseits durch Akte der Selbstermächtigung. Die Antwort auf ökonomische Krisen ist das Anwachsen der Coaching-, Casting- und Rating-Industrie. <span id="more-316"></span>Man kann nicht nur Menschen coachen, casten und raten, sondern auch Unternehmen, Regierungen und ganze Staaten. Geschichte ist eine Rating Show, im schlimmsten Fall eine militärische Rating Show.</p>
<p>Torsten Hinrichs, Geschäftsführer der Ratingagentur „<em>Standard &amp; Poor’s</em>“ antwortete in einem Interview der <em>Frankfurter Allgemeinen Zeitung</em> auf die Frage, ob die  definitiv falsch eingeschätzte Entwicklung auf dem amerikanischen Immobilien- und Hypothekenmarkt <strong><span style="font-weight: normal;">ein Versagen der S&amp;P gewesen ist, </span></strong>„Wir haben in diesem Bereich dem Anspruch an uns selbst nicht genügt.“. Der Anspruch von anderen kommt dabei nicht mehr vor.</p>
<p>Coacher, Caster &amp; Rater, im Trash-Fernsehen wie in den Zyklen des Finanzkapitalismus, wachsen seitwärts der traditionellen Macht-Linien. Die Coacher raten die Caster; die Caster coachen die Rater; die Rater casten die Coacher. Wenn die Coacher sich nicht selbst coachen, und die Rater sich nicht selbst raten. Eine Wahl ist besonders lustig, weil sie nämlich alles zugleich ist: Eine Coaching Show, eine Casting Show und eine Rating Show.</p>
<p>Wer hat Sie gecoacht? Wo sind Sie gecasted worden? Wie ist Ihr rating? Gell, da müssen Sie lachen, Herr Westerwelle.</p>
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		<title>GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER</title>
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		<pubDate>Fri, 04 Sep 2009 08:02:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bayern]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Werbung]]></category>

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		<description><![CDATA[Auf der Homepage der Bavaria GmbH finden Sie alle aktuellen Werbemittel und Geschenkideen der CSU, die Sie dort auch online bestellen können.
Wir würden uns freuen, wenn Sie auch dadurch Ihr Interesse an der Politik der CSU und an der Partei zum Ausdruck bringen.
&#8220;Und, Herr Kainer, was wählen Sie?&#8221;
&#8220;Ich glaub, ich wähle die Freiheit, lieber Herr Reiner.&#8221;
&#8220;Was für [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Auf der Homepage der Bavaria GmbH finden Sie alle aktuellen Werbemittel und Geschenkideen der CSU, die Sie dort auch online bestellen können.</strong></p>
<p><strong>Wir würden uns freuen, wenn Sie auch dadurch Ihr Interesse an der Politik der CSU und an der Partei zum Ausdruck bringen.</strong></p>
<p>&#8220;Und, Herr Kainer, was wählen Sie?&#8221;</p>
<p>&#8220;Ich glaub, ich wähle die Freiheit, lieber Herr Reiner.&#8221;</p>
<p>&#8220;Was für eine Freiheit wollen Sie denn wählen? Wir haben doch schon lauter Freiheiten. Und eine ist freier als die andere!&#8221;<span id="more-302"></span></p>
<p>&#8220;Ja, seltsam, nicht wahr. So viele Freiheiten, und es ist keine dabei, die man gebrauchen kann.&#8221;</p>
<p><em><strong>Was Deutschland jetzt braucht ist eine starke CSU in Berlin!</strong></em></p>
<p>&#8220;Aber doch, Herr Kainer. Wir haben die Freiheit der Wahl. Von der dürfen Sie Gebrauch machen. Sie sollen es sogar. Das ist Ihr demokratisches Recht. Und ein bisschen ist es auch eine Pflicht.&#8221;</p>
<p>&#8220;Eine Pflicht ist keine Freiheit, Herr Reiner.&#8221;</p>
<p>&#8220;Deswegen sag’ ich ja: &#8216;ein bisschen Pflicht&#8217;.“</p>
<p>&#8220;Damit es ein bisschen Freiheit gibt?&#8221;</p>
<p><em><strong>Die CSU ist mit ihrer Politik &#8220;näher am Menschen&#8221; tief in der Bevölkerung verwurzelt. Wir haben eine klare christlich-soziale Wertordnung, wir sind die politische Heimat für alle Bevölkerungsschichten und wir sind die Volkspartei mit konservativen Werten und der Kraft zur Zukunft. Die CSU ist die kraftvolle Stimme Bayerns im Bund und will Europa aktiv mitgestalten.</strong></em></p>
<p>&#8220;Man muss jedes bisschen Freiheit verteidigen!&#8221;</p>
<p>&#8220;Gegen ein bisschen mehr Freiheit?&#8221;</p>
<p>&#8220;Gegen immer noch ein bisschen weniger Freiheit! Herr Kainer, deswegen wähle ich das kleinere Übel.&#8221;</p>
<p>&#8220;So sehen Sie auch aus. Wie jemand der von kleineren Übeln regiert wird.&#8221;</p>
<p><em><strong>Über 160.000 Menschen in Bayern haben sich für eine Mitgliedschaft in der Christlich-Sozialen Union entschieden. Sie sind die Parteibasis, die die Politik der CSU trägt. An der Spitze arbeiten der CSU-Vorsitzende und seine vier Stellvertreter und sowie der Generalsekretär für eine starke CSU in Bayern, Deutschland und Europa.</strong></em></p>
<p><em><strong>Unsere 92 Landtagsabgeordneten, 46 Bundestagsabgeordneten, neun Europaabgeordneten und über 12.000 Mitglieder in den kommunalen Parlamenten geben der CSU in Bayern, Berlin und Brüssel Gesicht und Stimme.</strong></em></p>
<p><em><strong>Unsere acht Arbeitsgemeinschaften, zehn Arbeitskreise und sieben Kommissionen dienen als Interessenvertretung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen und als Impulsgeber und Berater im Sinne einer modernen Volkspartei.</strong></em></p>
<p>&#8220;Verstehen Sie, Herr Kainer. Eine moderne Volkspartei dient als  Interessenvertretung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen. Gehören Sie etwa zu diesen bestimmten gesellschaftlichen Gruppen? Dann müsste ich Ihnen, so leid mir’s täte, hier und jetzt die Freundschaft aufkündigen.&#8221;</p>
<p>&#8220;Reden Sie doch keinen Unfug! Man kann eine Wahlstimme doch auch in eine Gegenstimme verwandeln. Nichtwählen hilft immer den größten Übeln!</p>
<p><em><strong>Das Motto des Parteivorsitzenden der CSU, Horst Seehofer: &#8220;Politiker sind für die Menschen da, nicht die Menschen für die Politiker&#8221;. Seit 1971 ist Seehofer Mitglied der CSU. Seit Oktober 2008 ist Horst Seehofer Parteivorsitzender und Bayerischer Ministerpräsident. Seehofer betont: &#8220;Ich will die Freiheitsrechte der Bürger stärken und erweitern, wo es um ihre Lebensführung, ihr wirtschaftliches und ehrenamtliches Engagement geht. Und dort, wo es um Recht und Ordnung, um Daseinsvorsorge geht, brauchen wir einen starken Staat.&#8221;</strong></em></p>
<p>&#8220;Wenn ich’s mir recht überlege, Herr Kainer, vielleicht haben Sie doch recht.&#8221;</p>
<p>&#8220;Und, was wählen Sie?&#8221;</p>
<p>&#8220;Kalbsbries mit Kartoffeln, glaube ich.&#8221;</p>
<p> </p>
<p><object classid="clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000" width="580" height="360" codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=6,0,40,0"><param name="allowFullScreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><param name="src" value="http://www.youtube.com/v/u-Bn7cKcXP4&amp;hl=de&amp;fs=1&amp;rel=0&amp;border=1" /><param name="allowfullscreen" value="true" /><embed type="application/x-shockwave-flash" width="580" height="360" src="http://www.youtube.com/v/u-Bn7cKcXP4&amp;hl=de&amp;fs=1&amp;rel=0&amp;border=1" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true"></embed></object><br />
 </p>
<p><em>Kursive Texte zitiert aus:</em></p>
<p><em>- Wahlaufruf der Christlich-Sozialen Union zur Bundestagswahl 2009 (Beschluss des Parteitags der Christlich-Sozialen Union am 17./18. Juli 2009) </em></p>
<p><em>- website csu.de/partei/unsere_koepfe</em></p>
<p><em>- website csu.de/partei/unsere_politik</em></p>
<p><em><br />
</em></p>
<p style="margin: 0.0px 0.0px 0.0px 0.0px; font: 20.0px Helvetica;"> </p>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>DUMMHEIT ALS KAPITAL</title>
		<link>http://www.seesslen-blog.de/2009/09/01/dummheit-als-kapital/</link>
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		<pubDate>Tue, 01 Sep 2009 17:10:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Wenn die Dummheit mehrheitsfähig geworden ist, und zwar in eben jener Form, die unentwegt nicht nur Dummheit, sondern auch das Bekenntnis zur Dummheit verlangt, dann ist Nicht-Dummheit (was immer das sein mag, vielleicht beginnt es mit nicht mehr als einem kleinen Unbehagen daran, dass es offensichtlich gesellschaftliche Apparate gibt, in denen jeder, der Geld oder [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn die Dummheit mehrheitsfähig geworden ist, und zwar in eben jener Form, die unentwegt nicht nur Dummheit, sondern auch das <em>Bekenntnis zur Dummheit</em> verlangt, dann ist Nicht-Dummheit (was immer das sein mag, vielleicht beginnt es mit nicht mehr als einem kleinen Unbehagen daran, dass es offensichtlich gesellschaftliche Apparate gibt, in denen jeder, der Geld oder Macht oder einen sogenannten Promi-Status hat, einen Blödsinn vor sich hinreden darf – der Moderator hat immer den andächtigen Dackelblick dazu -, den wir in einem Face-to-Face-Gespräch mit Nachbarn nicht hinnehmen würden) keine Auszeichnung, sondern ein Stigma. Es geht nicht mehr allein darum, dass etwas Dummes gesagt werden <em>kann</em>, sondern dass die Form der Gespräche bereits Dummheit implizieren <em>muss</em>. Würde irgend jemand irgendwann bei Anne Will, nur zum Beispiel, etwas Kluges sagen, so hätte er nicht nur etwas Skandalöses getan, sondern auch das ganze Sendeformat in Frage gestellt, was durchaus einem unflätigen Benehmen in einer Kirche gleichkäme. Jede Talk Show definiert den in einem Segment des Publikums verbindlichen Grad an Dummheit. Und daran sehen wir auch, dass selbst eine durch und durch dumme Gesellschaft selbst in ihren Dummheitsmaschinen immer noch eine Klassengesellschaft ist, in der sich, wer die Dummheit bei Anne Will genießt, sich als etwas Besseres fühlen darf als jener, der sich nachmittägliche Schmuddel-Talkshows „reinzieht“.<span id="more-285"></span></p>
<p>Gehen wir also davon aus, dass die Dummheit im Spätkapitalismus eine Religion im Stadium des differenzierten Fundamentalismus ist. Das heißt, sie ist beileibe keine Privatsache mehr, sie ist weder Empfindung, noch Erfahrung, weder Metapher noch Flucht, sondern offensiv vertretene Lebenspraxis, die Dissidenz bestrafen muss und in der jedes dumme Wort auch in dumme Praxis umgesetzt werden muss. Seit dem „Narrenschiff“ wissen wir, dass die Dummen gerne herzhaft über die Nicht-Dummen lachen, aber erst die neoliberalen Medienmaschinen machen das Lachen der Dummheit zur mechanischen Pflicht. Umgekehrt lebt die Dummheit von Hansi Hinterseer und einigen seiner volkstümlichen Zeitgenossen eben dadurch, dass sie gegen alle Nicht-Dummheit verteidigt werden muss. So wie die Dummheit von Rosamunde Pilcher-Schmiere vielleicht gegen eine weibliche Form der Nicht-Dummheit verteidigt werden muss. Dummheit als mediale Ideologie lebt zu gleichen Teilen vom Empfinden der Macht in der Mehrheit und von der Ahnung der Kränkung durch Spuren der Nicht-Dummheit.</p>
<p>So ist klar, dass in der derzeitigen Krise des Kapitalismus (übrigens unabhängig davon, wie sehr diese „Krise“ auch Inszenierung ist) genau die Leute die größten Verlierer sind, die sie beschrieben und erklärt haben, die vom Interesse der Menschen gegen das Kapital erzählten. Nicht nur, dass sie, nachdem sie zuvor „Spielverderber“ waren, nun in den Rang der „Besserwisser“ gelangt sind (niemand ist unsympathischer als jemand, der es „schon immer gewusst“ hat), sie wollen ja auch verhindern, dass das einzige, was aus der Krise entsteht, ein Bläschen des „dummen“ Antikapitalismus ist. In der Religion der Dummheit kann eine Krise des Kapitalismus gar nicht anders beantwortet werden als mit noch mehr Kapitalismus, und wenn noch mehr Kapitalismus gerade nicht geht, dann eben mit noch mehr Dummheit.</p>
<p>Der Schrecken der Finanzkrise liegt darin, dass man aufhören müsste, sich in der eigenen Dummheit zu genießen. Aber das wird nicht geschehen, da wir nicht in einer allgemeinen Stimmung der Dummheit leben, die bei Impulsen von außen und Verwerfungen von innen auch, wie jede Stimmung, „umkippen“ könnte (und die Menschen in Deutschland wie die Weltmeister die Schriften von Marx und Engels, die Romane des neunzehnten Jahrhunderts und das Gesamtwerk von Michel Foucault durcharbeiteten), sondern in einer ausgeformten Kultur der Dummheit, in der eine Sprache der Dummheit gesprochen wird, und in der die Dummheit eine Herrschaftsform ist. Allein um etwas weniger dumm zu sein, müssten wir so etwas Ungeheuerliches wie „radikale Veränderungen“ herbeiführen. Das genaue Gegenteil aber ist der Fall. Seit „Finanzkrise“ ein allgemein verbreiteter Begriff geworden ist, und die Politik sich auf ebenso unmoralische wie unvernünftige Weise mit ihr, sollen wir sagen: „beschäftigt“, ist offensichtlich die Akzeptanz von Dummheit in jedwelcher Argumentation ins Grenzenlose gestiegen. Unsere Reaktion auf das Desaster ist nicht: Wir glauben nichts mehr, von dem, was Ihr uns erzählt. Unsere Reaktion ist stattdessen: Jetzt glauben wir einfach alles. Da wir es nicht mit der Dummheit von Subjekten zu tun haben (obwohl uns die ja weiß der Himmel schon reichen würde), sondern mit der Dummheit ganzer semiotischer und sozialer Systeme – im Fernsehen, nur zum Beispiel, produziert das Aufeinandertreffen von durchaus klugen Menschen nichts anderes als Dummheit, ja es ist schon verblüffend, wie rasch und scheinbar unbemerkt sich intelligente Menschen der Dummheit des Apparates fügen, – und so ist jeder nicht-dumme Gedanke bereits eine Form des Aufstandes. Und das ist wie die Kunst: Es ist schön, macht aber viel Arbeit.</p>
<p>So ist also, nach allem, was wir bislang beobachten können, die sogenannte Finanzkrise mit einer anschließenden Rezession auch ein gewaltiges Projekt, die allgemeine Dummheit des Kapitalismus von einem noch an manchen Stellen offenen in ein geschlossenes System zu verwandeln. Das geht einher mit einer einfachen Erfahrung: Es reicht keineswegs, dass jeder, der sich in dieser „Krise“ und ihrem „Management“ dissident verhält, ein Objekt von Schäubles Apparaten wird und von seinen Arbeitskollegen gemobt wird, nein, er oder sie müssen definitiv ihre Ohnmacht akzeptieren. Weil es nichts nützt, zu wissen, wie die Krise erzeugt und benutzt wird, ist dieses Wissen nicht nur gefährlich, sondern auch wieder „dumm“, während die Dummheit, mit der man sich für das Weitermachen wappnet, ausgesprochen schlau ist. Es wird ja Überlebende, ach was, es wird Gewinner auch dieser Krise geben.</p>
<p>Denn es muss ja nur die Dummheit des Kapitals selber reorganisiert werden: Wir haben behauptet, dass die Dummheit im Kapitalismus nichts anderes ist als direkter Ausdruck der Dummheit des Kapitals. Da ist auf der einen Seite das erfreulicherweise gleich sogenannte <em>silly money</em>, jenes dumme Geld, das sich nicht im geringsten darum schert, in welche Produktion oder welches Produktionsloch es fließt, weil es hauptsächlich beiseite geschafft werden muss, einem anderen Kreislauf entzogen, und womöglich geopfert und verbrannt wird, um an anderer Stelle nicht ganz so dummes Geld zu sichern. Dass <em>silly money</em> dumm ist, braucht man nicht weiter zu erklären, wenn es das System schon selber so bezeichnet. Der Zweite Strom des Geldes ist das <em>bloody mone</em>y, jenes Geld, das aus dem organisierten Verbrechen, dem Drogenhandel, den staatlich-ökonomischen Korruptionszyklen etc. stammt und dringend einer Wäsche bedarf. Zwar steckt in dem Vorgang der Wäsche selber enorme Intelligenz, das zu waschende Geld selber freilich bleibt wiederum dumm. Es vermehrt und vermindert sich unablässig auf einer Schleimspur der Korruption, es sucht indes nicht die Orte der Produktivität, sondern jene der Verschwiegenheit. Wenn das <em>silly money </em>geopfert wird (zum Beispiel für die Produktion unverkäuflicher Waren, deren eigentlicher Wert materielles Abbild von Bilanz-Zaubern ist), so fordert das <em>bloody money</em> umgekehrt Opfer. Das Zocker-Kapital. Es ist dumm, weil es nur mitnehmen und abräumen kennt, es hinterlässt Leere, und schließlich muss das Geld in der Blase explodieren. Bleibt noch ein Segment des alten Kapitals, das irgendwie dem Fall der Profitrate entkam (sei es durch seine schiere Menge, sei es durch eine Rückbindung an alte Formen wie Besitz und Geographie) – dem „neuen“ und „schnellen“ Kapital kann dieses Kapital nur dumm erscheinen.</p>
<p>Das alles füllt nur einen Satz, an den wir uns einigermaßen besinnungslos gewöhnt haben, ohne zu verstehen, dass er, wie viele solcher Sätze ganz und gar wörtlich zu nehmen ist: Das Kapital, einmal in Bewegung gesetzt, verdient sich dumm und dämlich.</p>
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		<title>GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER</title>
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		<pubDate>Mon, 10 Aug 2009 18:30:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Georg Seeßlen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
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Der Himmel bewölkte sich wieder einmal, und mit den Worten „verschissene Klimakatastrophe“ flüchteten die Menschen aus dem Park in ihr Wägen.
„Sehen Sie,“, sagte Herr Reiner und deutete auf eine ganzseitige Anzeige, die französische Automobile betrafen, welche einen ersten Platz im „J. D. Power Kundenzufriedenheit-Report“ erzielt hätten, und zeigte auf die großflächige Überschrift: „Qualität ist, wenn [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Qualitätsmerkmale</strong></p>
<p>Der Himmel bewölkte sich wieder einmal, und mit den Worten „verschissene Klimakatastrophe“ flüchteten die Menschen aus dem Park in ihr Wägen.</p>
<p>„Sehen Sie,“, sagte Herr Reiner und deutete auf eine ganzseitige Anzeige, die französische Automobile betrafen, welche einen ersten Platz im „J. D. Power Kundenzufriedenheit-Report“ erzielt hätten, und zeigte auf die großflächige Überschrift: <strong>„Qualität ist, wenn Deutsche zufrieden sind“</strong>.<span id="more-226"></span> Dann faltete er die Zeitung zusammen, hinter die er seinen klugen Kopf glücklicherweise nicht allzu lang gesteckt hatte.</p>
<p>„Zu diesem Satz“, seufzte Herr Kainer, „fällt mir nichts ein, was sich innerhalb der Grenzen meines guten Geschmacks sagen ließe. Allerdings scheint mir ein ‚Kundenzufriedenheitsreport’ ein höchst bemerkenswertes Stück Wirtschafts- und Herrschaftsprosa zu versprechen.“</p>
<p>„Vielleicht sollten die vielen Journalisten, die in der Krise ihre Arbeit verloren haben, zu ‚Zufriedenheitsreportern’ umgeschult werden. Sie finden heraus, was Qualität ist, indem sie deutsche Zufriedenheit aufspüren“.</p>
<p>Gemächlich faltete Herr Reiner bei diesen Worten die Zeitung so zusammen, dass er damit sein Haupt bedecken konnte. Von Eile hielten die beiden Herren ansonsten wenig.</p>
<p>„Wahrscheinlich“ spann Herr Reiner den Faden fort, „könnten wir uns dann auch die aufwändigen Wahlen sparen, zu denen sowieso niemand mehr gern geht. Und an ihre Stelle setzen wir politische ‚Kundenzufriedenheitsreports’.  Für das gesparte Geld könnte die Bundesregierung dann auch die Elektro-Automobile fördern, für die jetzt wegen der Abwrackprämien das nötige fehlt“.</p>
<p>„Aber nein, Herr Reiner, da haben Sie zu kurz gedacht.“ Man erhob sich, um sich dann doch vom einsetzenden Regen freundlich zu verabschieden. „Lesen Sie doch genauer! Der Kundenzufriedenheitsreport zeigt doch, dass Qualität, also deutsche Zufriedenheit, 110 PS und 10,4 Liter Sprit in der Stadt bedeutet. Nach ihrem Zufriedenheitsreport gäbe es wahrscheinlich eine große Regierungs-Koalition der Brauereien mit dem ADAC, mit Dieter Bohlen als Bundespräsident und Kommissar Rex als Innenminister“ .</p>
<p>„Da sehen sie es: So ein Kundenzufriedenheitsreport würde die Verhältnisse kaum verändern. Stabilität, das ist deutsche Zufriedenheit. Und wenn wir uns dafür ein französisches Auto für 17.900 Euro (ohne Sonderausstattung) kaufen müssen.“</p>
<p>Herr Reiner nahm das durchgeweichte Zeitungspapier vom Kopf und schüttelte denselben: „Wenn die FAZ so weiter macht, sieht es schlecht aus mit dem Kundenzufriedenheitsreport.“</p>
<p>Beschämt brach gerade der städtische Nahverkehr zusammen. Wahrscheinlich, weil er nicht Gegenstand von Kundenzufriedenheitsreports ist.</p>
<p>Alles was wir empfinden, sagt Herr Reiner, erzählt sich durch den Kontrast. Glücklich ist man hier nur im Übergang. Mehrere Male Glück ist langweilig, mehrere Male Unglück ist komisch, wie tragisch der einzelne Unglücksfall auch ist.</p>
<p>Na klar, „man möchte sagen, dass der Mensch glücklich sei, ist im Schöpfungsplan nicht vorgesehen“. (Sigmund Freud)</p>
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