Archiv für die 'Gesellschaft'-Kategorie

Jun 30 2011

Nachschriften zu den “BLÖDMASCHINEN” (2)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

I. FUSSNOTEN ZUR PRODUKTION DES KLEINBÜRGERTUMS

„Der Kleinbürger“, schreibt Roland Barthes in den „Mythen des Alltags“, „ist ein Mensch, der unfähig ist, sich den Anderen vorzustellen“.  So ist er, in der Geschichte und in der Biographie, geworden. Um – ökonomisch und sozial – als Kleinbürger zu überleben, als Mensch, der nicht allein seine „nackte“ Arbeitskraft zu Markte trägt, sondern auch mit Bildung, Tradition, ein wenig Besitz, ein wenig Distinktion aufwarten kann, musste man also, es mag im 18. Jahrhundert begonnen haben, eben dieser Fähigkeit, sich den Anderen vorzustellen, nach und nach entledigen. Möglicherweise entstand das dadurch, dass man sich verbieten musste „nach oben“ zu schauen (in die Welt von „denen da oben“, die nicht nur unerreichbar sondern auch moralisch inakzeptabel war), und zugleich verbieten musste nach unten zu schauen, in den Abgrund der niederen Klassen, in die man durch Unglück oder Fehlverhalten hinunter fallen könnte (und möglicherweise ohne als gefallener Kleinbürger vom Proletariat aufgefangen zu werden). Sich den Anderen unvorstellbar zu machen gehörte gleichsam zur Sicherung der Klassenerhalts im Kleinbürgertum. Weiterlesen »

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Jun 13 2011

Alptraum S 21

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Ich hatte letzte Nacht einen schweren Traum. Die Deutsche Bahn setzt ihre Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof fort, nicht obwohl, sondern gerade weil zu erwarten ist, dass der „Stresstest“ negativ ausfallen wird. „Realistisch betrachtet“, erklärte schließlich vor kurzem der Physiker Christoph M. Engelhardt, wäre dieser Stresstest „selbst mit zehn Bahngleisen nicht zu bestehen“. Man kann zugleich davon ausgehen, dass die Kosten mittlerweile in solch schwindelerregende Höhen geklettert sind (wir kennen das etwa vom Transrapid-Projekt), dass es darin weder politische noch ökonomische Vernunft mehr zu bewahren gibt. Dann wäre die brutale Wiederaufnahme der Bauarbeiten nichts anderes als ein Erpressungsversuch, durch den die Kosten für den Ausstieg in die Höhe getrieben und neu verteilt werden. Weiterlesen »

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Jun 12 2011

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 2/11

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft, Kunst, Medien.

HEINRICH KLEY: EIN BILDPRODUZENT DES BEGINNENDEN 20. JAHRHUNDERTS IST ZU ENTDECKEN

Was sind das für Zeiten, in denen der Besuch einer Kunstausstellung ein Verbrechen geheißen werden müsste, weil er das Absehen von so vielen Dingen beinhaltet? Aber so, wie jedes Gespräch über Bäume nun immer auch ein politisches Gespräch ist, so ist auch der Besuch einer Kunstausstellung sehr häufig ein Versuch, die Augen anders als von der Medienherrschaft erhofft, zu öffnen. Und wenn man die Bilder von Heinrich Kley, ausgestellt im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover (vom 22. Mai bis 21. August 2011) betrachtet, die in den ersten beiden Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts entstanden, kann man sich des Eindrucks eines Déja Vu nicht erwehren: Krisen, Katastrophen und Korruptionen des Jahres 1911 ähneln wahrhaft verteufelt den Krisen, Katastrophen und Korruptionen des Jahres 2011. Und wir könnten ebenso verteufelt gut den einen oder anderen Heinrich Kley unter unseren Bilderproduzenten brauchen. (Teufel sind, nebenbei gesagt, etwas, das Heinrich Kley einfach gern gemalt und gezeichnet hat.) Weiterlesen »

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Jun 08 2011

Der Polizist als “Kinderschänder”?

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Die Geschichte geht so: Ein Demonstrant an jenem schwarzen Donnerstag in Stuttgart, dem 30. September 2010, sieht sich und seine Freunde, darunter Kinder und Rentner, dem Angriff von vermummten und hoch gerüsteten Polizisten ausgesetzt, die die Menschen mit Schlagstöcken und Pfeffersprays maltraitieren. In seiner Empörung ruft er diesen Polizisten zu: „Ihr Arschlöcher!“ Mag schon sein: ein kleiner Fall von „Beamtenbeleidigung“, und den Richter oder die Richterin in Deutschland wollen wir sehen, der oder die in seinem bzw. ihrem Urteil zu dem Ergebnis käme, dass sich Beamte und Beamtinnen an jenem schwarzen Donnerstag tatsächlich wie Arschlöcher aufgeführt hätten. („Arschloch“ ist, politisch gesehen, leider ein sehr unscharfer Begriff.)

Aber die Geschichte geht weiter. In der Version des Angeklagten habe ein Freund ihn besänftigend umarmt und aus der Konfliktzone am Stahlgitter weggeführt. Und das war’s. In der Geschichte des beleidigten Beamten indes geht es weiter: Der Angeklagte sei noch einmal ans Stahlgitter zurück gekehrt, und nun habe er es nicht mehr mit einem „Arschloch“ bewenden lassen, sondern ein noch viel schlimmeres Schimpfwort benutzt: „Kinderschänder“.

Oha!

Der Angeklagte bestreitet dieses Wort benutzt zu haben, ihm wäre der Zusammenhang zwischen prügelnden Polizisten und sexuellen Straftätern auch gar nicht recht eingängig. Schließlich ist nicht jeder Mensch, der zornig ist, auch ein Idiot, im Gegenteil. Weiterlesen »

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Jun 04 2011

Deutsche Gebührenordnung

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Wie wir lernen, positiv zu denken

Radio-Nachricht, Donnerstag 2. Juni 2011, 18:30:

„Die Deutschen müssen sich auf höhere Rechtsanwalt-Gebühren gefasst machen.“

Radio-Nachricht, Donnerstag 2. Juni 2011, 19:30

„Die Rechtsanwälte in Deutschland dürfen sich auf höhere Gebühren freuen.“

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Jun 01 2011

AUFRUF! – AN ALLE DEMOKRATEN, FREISCHWIMMER UND WASSERRATZEN IN BAYERN!

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Aufruf, Gesellschaft.

Liebe Freunde der Demokratie und des Wassersports!

Es ist soweit.

Die Verhandlungen des Vereins Das andere Bayern“ mit dem Wittelsbacher Ausgleichsfonds,dem Landratsamt Starnberg und der örtlichen Polizei haben ergeben, dass wir unsere staatsbürgerlich wertvolle, aber auch witzige Veranstaltung “Bayern geht Baden“ am

13. Juni, Pfingstmontag, Weiterlesen »

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Mai 31 2011

Nachschriften zu den “BLÖDMASCHINEN” (1)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

In unserem Buch „Blödmaschinen – Die Fabrikation der Stupidität“ haben Markus Metz und ich versucht, eine neue Herrschaftsform in Postdemokratie und Finanzkapitalismus zu beschreiben, die offensichtlich vor nichts und niemandem halt macht. Ab nun wollen wir in unregelmäßiger Folge neue Indizien und Methoden der kapitalen Verblödung unserer Gesellschaft hinzufügen.

Leserinnen und Leser dieses Blogs sind herzlich eingeladen, sich an dieser Materialsammlung zu beteiligen.


Die “Guttenberg-Universitäten”

Das ist die Crux an einem Buch wie „Die Blödmaschinen“. Da beschreibt man die schleichende Verwandlung der deutschen Universitäten in prächtig funktionierende Blödmaschinen, für die ihre Opfer auch noch gefälligst Eintritt zahlen sollen (denn man lernt hier zwar nicht mehr viel fürs Leben und das Denken, für die Karriere aber braucht man den Unfug doch noch: man lernt hier, wie man nach oben kommt, ohne sich anzustrengen – und wie man sich anstrengt, ohne nach oben zu kommen – wir sollten große Teile unseres akademischen Betriebes ehrlicherweise gleich „Guttenberg-Universitäten“ nennen). Und dann geht alles noch viel schneller, viel drastischer, und, nun ja, viel blöder. Weiterlesen »

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Mai 25 2011

GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Ist Dylan Gott?

Herr Kainer und Herr Reiner spazierten gemächlich die Isar entlang in Richtung auf den Biergarten ihres Vertrauens. Der Regen gestern war warm und weich gewesen, und die Frauen mit dem „Wachturm“ versuchten gute Miene zum blutigen Spiel ihres Herrn auf allen Spuren zu machen. Der Wind in den Bäumen hatte die Fragen vergessen zu den Antworten, die von ihm erwartet wurden. Im Untergrund war von Heimweh die Rede, und die Isar flüsterte von Steinen gegen die Einsamkeit.

„Tja“, sagte Herr Kainer. „Jetzt wird er also auch schon siebzig.“

„Wer?“ fragte Herr Reiner, der die Gedankensprünge seines Freundes kannte. (Denn gerade hatten sie noch von unsachgemäßen Füllungen von Waschmaschinen gesprochen.)

„Dylan. Bob Dylan.“

„Ach, der!  Der ist eigentlich ganz in Ordnung, finden Sie nicht?“ Weiterlesen »

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Apr 23 2011

Das Ästhetische und das Politische (I)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Die zwei Systeme, die an der Modellierung oder Kartographie der Welt arbeiten, haben sich immer wieder wie Komplizen und immer wieder wie Feinde verhalten. Nie ist es gelungen, das eine dem anderen zu unterwerfen, dagegen ist es immer wieder gelungen, das eine im anderen zu verstecken. Feindliche Geschwister, ließe sich wohl sagen.

Wäre nun das Ästhetische bloß die Form und das Politische der Inhalt, so wären beide trefflich vereint in einer „Ökonomie“, einer „ordentlichen Verwaltung des Hauses“ (die man den Göttern ebenso wie den Philosophen und den weisen Herrschern zugeschrieben hat, ehe die Kapitalisten sie in die Hände bekamen): Alles was sich lohnt zu errichten, um dem absehbaren und vorhergesagten Untergang entgegen zu wirken: Schönheit und Ordnung als Mittel, die Zeit vor dem Jüngsten Gericht zu verlängern.

So sagt eine einfache Formel, Faschismus sei zunächst eine „Ästhetisierung des Politischen“, auf die eine linke und humanistische Reaktion die „Politisierung des Ästhetischen“ sei. Das klingt einleuchtend, beschreibt aber noch lange nicht das Schlachtfeld, auf dem sich die beiden mehr oder weniger strategischen Impulse treffen. Weiterlesen »

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Apr 17 2011

DIE SANDKASTEN-PROTOKOLLE (VII)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

-  Jetzt schau’ dir des Kind an. Was die anhat. Die kann einem ja nur leid tun.

- Bei uns hat jetzt ein neuer C & A aufgemacht, da kommt jetzt bald bestimmt wieder so eine Werbung, das haben sie immer recht gern unsere Kinder. Sonst finde ich ja immer, es ist ein bissel billig, oder?

- Nein, das geht schon. Also für den Alltag.

- Ja, das ist nicht so ein Zeug vom, ach, du weißt schon. Also ich finde, man muss schon ein bissel aufpassen, was man den Kindern anzieht. Das bleibt irgendwie fürs Leben.

- Ist ja nicht so, dass man angeben möchte. Weiterlesen »

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