Archiv für die 'Gesellschaft'-Kategorie

Sep 11 2011

Kleinigkeiten (13)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Wir wissen nicht genau, was andere Nationen in Zeiten schwieriger Probleme machen, das ist eine kulturelle Gemengelage. Wir wissen nur, was Deutschland in Zeiten schwieriger Probleme macht. Man wirft die größten, beinahe schon vergessenen politischen Dumpfbacken in die rhetorische Schlacht und lässt sie brachialpopulistischen Unfug verbreiten. Brüderle, Oettinger, die gibt’s noch, echt jetzt. Und Wolfgang Schäuble, der eine „mentale Abkehr“ vom „extremem Pumpkapitalismus“ fordert, während Oettinger pumpkapitalistische Sünder an den Fahnenhalbmast-Pranger stellen will (warum fallen Deutschen eigentlich immer als erstes Fahnen ein?). Die alte Frage: Sind die so blöd, oder halten sie nur uns für so blöd? Und man weiß immer noch nicht, was von beidem schlimmer ist.

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Neues aus dem Kulturleben. Til Schweiger soll „Tatort“-Kommissar werden. Super. Weiterlesen »

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Sep 08 2011

Non olet

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Wir leben ja, sagt man, im „post-ideologischen Zeitalter“. Da ist es sehr schön zu wissen, wie das politische Praxis wird, hierzulande. Nicht, dass Thilo Sarrazin 5.000 Euro dem Kreisverband Berlin-Neukölln der SPD spendet ist besonders überraschend. Aber die „Non olet“-Begründung der stellvertetenden SPD-Kreisvorsitzenden Kirsten Flesch (der taz gegenüber geäußert) ist schon aufschlussreich dreist: „Wir sind nicht so ideologisch verbohrt, dass wir im Wahlkampf eine solche Spende ablehnen“. Das ist vielleicht ein Schlüsselsatz für unsere Politik derzeit.

Wir sind nicht so ideologisch verbohrt, um nicht mit jedem blutsäuferischen Diktator Waffengeschäfte zu machen. Unsere Universitäten sind nicht so ideologisch verbohrt, dass sie die freundlichen Übernahmeangebote der Wirtschaft ablehnten. Weiterlesen »

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Sep 03 2011

Zirkus Capitali (2)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Wenn wir den Kapitalismus erst einmal in Entertainment verwandelt haben, dann verwandeln sich die Zyklen auch in „Nummern“. So folgt, nicht nur bei Air Berlin auf den dummen August des (Kaputt-) Wachsens, Hunoldo zum Beispiel, der Weiße Clown des (Kaputt-) Sanierens, Mehdornino zum Beispiel. Weil eine Börsenkapitalisierung von unter 250 Milliarden Euro so weit unter der der Konkurrenz liegt und Hunoldo seinen Trick, das Geldverbrennen mit läppischen 3,7 Milliarden Euro Jahresumsatz und 8.900 Mitarbeitern, als one trick pony absolvierte, wirbelt der weiße Clown im Circus Kapitali nun mit Arbeitsplätzen, Angeboten und Service herum und spricht, wie wir es von den weißen Clowns kennen, böse Machtworte. Der dumme August im Circus Kapitali frisst, klaut und stopft sich die Taschen voll, das Publikum staunt, und dann kommt der weiße Clown, und er sagt: Es gibt nichts mehr. Weiterlesen »

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Sep 01 2011

Kapitalismus & Chaos

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

„Zornig“, so Richard Sennett, bei dem er zitiert wird, notierte der Journalist Walter Lippman kurz vor dem Ersten Weltkrieg über den Stand der Dinge in seiner Heimat – das Verschwinden der kleinen Firmen und der Privatinitiativen unter der Macht der Konzerne, den Diskurswechsel der Regierung von einem Handeln im Interesse des öffentlichen Interesses zum Handeln im Interesse der Wirtschaft, die Verelendung der Arbeiterklasse und des unteren Mittelstandes – über die Kritik und die Reformkräfte: „Ihre  Vertreter wussten, wogegen sie waren, nicht aber wofür sie waren“. Hundert Jahre später scheinen die Vertreter der Kritik und, sofern es so etwas überhaupt noch gibt, der Reformkräfte nicht einmal mehr zu wissen, wogegen sie sein können.

„Kapitalismuskritik“ hat daher etwas gespenstisches an sich (und versteht sich eher als kulturkritische denn als „politische“ Geste); und sie zieht scheinbar mechanisch etwas noch gespenstischeres nach sich, den „Antikommunismus“. Weiterlesen »

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Aug 27 2011

Zirkus Capitali (1)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Was bedeutet es, wenn Kapitalismus sich in der Gesellschaft in der Form von Unterhaltung verbreitet? Zunächst denkt man ja an nicht viel mehr als an „Vereinfachung“, schlechten Geschmack, Regression und Sensationen: Zirkus Capitali. (Vor allem, weil man auf das Phantasma der untergegangenen „bürgerlichen Kultur“ hereingefallen ist, Unterhaltung sei so etwas wie „herabgesunkenes“ Kulturgut. Es ist offensichtlich auch unter intelligenteren Menschen schwer zu vermitteln: Unterhaltung ist eine Art zu bedeuten.)

In der klassischen Form der „göttlichen“ Ökonomie ist das Chaos menschlicher Begierden und Interessen durch eine übergeordnete Struktur bestimmt, die nur eben außer Gott selber niemand als ganzes sehen kann (weil man sie nur „von ganz oben“ erkennt); in der modernen Form dagegen ist Ökonomie das Paradoxon, das als Ordnung eben aus den chaotischen Begierden und Interessen entsteht: nicht obwohl, sondern gerade weil die Menschen so eigensüchtig, heimtückisch und asozial sind, entsteht das große und ganze des Marktes als „vernünftiges“ System (nichts anderes, vermutlich, meinte Gordon Gekko, als er sagte: „Gier ist gut“). Weiterlesen »

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Aug 21 2011

Kleinigkeiten (12)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Von Stanislaw Lem wissen wir, dass die Albernheit einer Aussage keineswegs ihren Wahrheitsgehalt verringern muss. Fatalerweise gilt das auch genau umgekehrt: Eine Aussage, die sich als vollkommen wahr erweist, muss deswegen nicht weniger albern sein. Nun denke man sich diesen Umstand angewandt auf, sagen wir, Aussagen über unsere Regierung. Dann könnte es geschehen, dass wir über sie gewissen Wahrheiten gar nicht aussprechen können, weil sie uns zu albern erscheinen.

Aber das ist natürlich nicht der einzige Grund für die Krise, in der sich Satire hierzulande und augenblicklich befindet. Es hat auch mit einem strukturell bedingten Mangel an talentierten Satirikern zu tun. Stellen Sie sich doch einmal hin vor eine Menge von Leuten, die um jeden Preis lachen wollen, weil fürs Lachen sind sie gekommen und fürs Lachen haben sie schließlich bezahlt, und überhaupt ist Lachen gesund und Lachen zeigt, dass wir noch mitdenken – und vor dieser Menge von Leuten, sollten Sie „Satire“ machen. Das ist doch albern. Weiterlesen »

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Aug 19 2011

Kleinigkeiten (11)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Endlich hat jemand die Lösung für das Problem gefunden, das wir derzeit mit „den Finanzmärkten“ haben, und zwar die Hochglanzbeilage „golf spielen“ der Süddeutschen Zeitung: „Wer täglich Golf spielt, kann in der Firma keinen Schaden anrichten“. Das ist es: Wir schicken die so genannte „ökonomische Elite“ mitsamt ihren Promi-Prostituierten zum Golfspielen und fangen noch mal von vorne an. Warum ist da bloß niemand vorher draufgekommen?

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Politik, so sagt es Jacques Rancière, „kann sich durch kein Subjekt definieren, das ihr vorausgegangen ist“. Sie ist eine Reaktion auf Differenzen, „eine Beziehung zwischen zwei einander widersprechenden Termen“. Aristoteles beschreibt sie als Teilhaben eines Subjekts an einer Handlungsweise und am Tragen oder „Erleiden“ (archesthai) dieser Handlungsweise. Insofern müssten wir möglicherweise davon ausgehen, dass sich Politiker in der Postdemokratie nicht mehr politisch verstehen. Um so mehr sie dem „Erleiden“ aus dem Weg gehen, versuchen sie genau dies, ein Subjekt zu finden, das ihr vorausgeht. Wir könnten es die religiöse Ökonomie nennen, die letztlich behauptet, „der Bürger“, dürfe zwischen Teilhaben und Erleiden keine Differenz mehr sehen, da er sonst gegen die „Systemrelevanz“ verstoße.

An die Stelle der Politik tritt eine melodramatisierte Form der Zeitgeschichte. Darin konstruieren sich vor allem Differenzen zu Fiktionen und Phantasmen. „Politik“ ist, dass sich das Deutschland von jetzt differenziert von der BRD und (vor allem) von der „DDR“ (nur echt mit Anführungszeichen). Weiterlesen »

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Aug 19 2011

Captain America

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Filmkritik, Gesellschaft.

Kinderquatsch mit Sternen und Streifen, oder ein Comic-Film für die Tea-Party?

Wer sieht sich, heute und hierzulande, schon einen Film an, der „Captain America“ heißt, und dessen PR-Schleuderbilder genau so aussehen, wie man es befürchtet? Pathetisch-patriotischer Kinderkram, CGI-Effekte, ein bisschen 3-D, eher vernachlässigbar (zwei, drei mal kommt einem Caps Schild entgegen geflogen, und einmal schneit es im Kinosaal), Retro-Techno-Design (Regisseur Joe Johnston hat auch den Steampunk-Film „Rocketeer“ gemacht: auf solche Bildwuchereien versteht er sich, und da macht auch das einfache Gucken durchaus Spaß), allenfalls etwas Comic-Nostalgie für die Nerds, schließlich wurde Captain America, anfänglich einer von den Propaganda-Superhelden bei Amerikas Kriegseintritt, später in den sechziger Jahren wiedergeboren als einer von Marvels „Heroes with a problem“. Und das Problem von Captain America war Amerika. Weiterlesen »

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Aug 17 2011

Nachschrift zu den „BLÖDMASCHINEN“ (5)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

Ecotainment und Kränkung

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Das „Ecotainment“, die Vermischung von Ökonomie und Unterhaltung, die in der Wandlung des Casino-Kapitalismus zum Medienkapitalismus als letzte „Erklärung“ blieb, nachdem in der Krise die rationalen Erklärungsmodelle einigermaßen nachhaltig versagten, geht von einer klassischen „Auslagerung“ gesellschaftlicher Probleme in die Pop-Kultur aus. Wovon man nicht mehr vernünftig reden kann, das muss man in den Kasperiaden des Entertainment behandeln. Und so wie in Japan aus der Angst vor der Atomkraft eine Riesenechse namens Godzilla geworden war, so wird in Deutschland aus der Angst vor der nächsten Finanzkrise die heitere Börsensendung vor der Tagesschau, in der Moderator oder Moderatorin die Geschehnisse auf küchenpsychologische Allgemeinplätze herunter brechen und das Auf und Ab der Börsenkurse mit dem begeisterten Vergnügen eine fernsehüblichen „Wetterfroschs“ kommentieren. Man mag hoffen, den Kapitalismus im Griff zu haben, weil Nachrichtensendungen, wenn keine Katastrophe zu berichten ist, seit geraumer Zeit vorwiegend mit Wirtschaftsnachrichten „aufmachen“. Weiterlesen »

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Aug 12 2011

Kleinigkeiten (10)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Gesellschaft.

In der Mitgliederzeitschrift meines Automobilclubs fand ich eine Beilage der ERGO Direkt Versicherungen aus Nürnberg, die zum zufriedenen Lächeln einer netten älteren Dame den Slogan bietet: „Ich möchte, dass man um mich weint. Und nicht um das Geld für meine Beerdigung!“ Weshalb eben eine Sterbegeld-Vorsorge dringlich zu empfehlen sei. Und weil es bei der Auszahlung immer auch eine versprochene „Bonus-Zahlung“ gibt, kann man getrost abtreten. Der Schnaps, mit dem die Angehörigen ihre Freudentränen herunterspülen, geht auch aufs ERGO-Haus.

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Im Jahr 1696 postulierte ein gewisser Nicholas Barbon: „Was man im Geld betrachtet, ist nicht so sehr die Silbermenge, die es enthält, sondern die Tatsache, dass es in Umlauf ist“. Es hat vierhundert Jahre gedauert, bis wir begannen, diesen Satz zu verstehen. Möglicherweise steht er nicht nur am Anfang, sondern auch am Ende des Kapitalismus.

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Am Freitag dem 23. September wird in der ARD ungewöhnlicherweise ein „Polizeiruf“ um 22 Uhr abends ausgestrahlt. Der Programmdirektor des BR folgte einem Ansuchen des Jugendschutzbeauftragten, Weiterlesen »

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