Archiv für die 'Gesellschaft'-Kategorie

Apr 16 2015

Aufruf! – KAUFBEUREN GEGEN TTIP – Aktionstag gegen TTIP und CETA am 18.4.2015

Veröffentlicht von + unter Gesellschaft.

Info -Stand in der Fußgängerzone

Salzmarkt 2

in der Zeit von 10 – 13 Uhr 

am globalen Aktionstag gegen TTIP und CETA  am 18.4.15

 

Wir rufen die Unterstützer-Organisationen des Bündnisses und Einzelpersonen auf, sich an der Durchführung des Info-Standes und der Unterschriften-Sammlung für das Anliegen der Europäischen Bürgerinitiative zu beteiligen.

Die geplanten Abkommen geben den Groß-Konzernen noch mehr Einfluss auf Gesetzgebungsverfahren. Sie sind geeignet, das politische System und den sozialen Frieden in Europa zu gefährden. Die EU-Kommission will den zunehmenden Widerstand der Bürger ausbremsen.

Die Europäische Bürgerinitiative hat sich zum Ziel gesetzt, diese Abkommen zu verhindern.

Die Zahl der Unterschriften soll von 1.6 auf 2 Millionen gesteigert werden, um den politischen Druck gegen TTIP etc. zu erhöhen.

Dazu wollen wir einen Beitrag leisten.

Wir hoffen auf Unterstützung von Naturschützern, Gewerkschaftern, Piraten, Grünen, Linken und allen,

denen diese geplanten Abkommen ein Dorn im Auge sind.

Der Info-Stand ist überparteilich und verwendet die Info-Materialien von Campact.

Wir wünschen uns, dass er gemeinsam von allen Bündnis-Organisationen die die Europäische Bürgerinitiative unterstützen

getragen wird.

Wir freuen uns, wenn Ihr teilnehmt und die Aktion in Eurem Umkreis und weiter bekannt macht.

 

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Apr 04 2015

JOE UND DER SOHN GOTTES – 2. Buch (VIII)

Veröffentlicht von + unter Gesellschaft.

(Dieses Kapitel liest sich vielleicht leichter, wenn man dazu das Gemälde »Andrew Meets the Holy Broccoli Family in the mountains of India, 1857« von Andrew Gilbert (2010) betrachtet. Vielleicht aber auch nicht.)

 

Als der Sohn Gottes erwachte, sah er zunächst ein paar blankgeputzte Stiefel, und dann einen Gewehrlauf, der auf ihn gerichtet war.

»Da haben wir ja noch so einen Judenlümmel, der geglaubt hat, sich vor uns in diesem Wald verstecken zu können.«

Der Uniformierte, der das sagte, schlug den Sohn Gottes mit dem Gewehrkolben ins Gesicht. »Es wird wirklich Zeit, dass ihr merkt, wer hier das Sagen hat.«

Der Sohn Gottes verspürte zugleich einen heftigen Schmerz und gar keinen. Wie kann so etwas sein, dachte er. Nur weil ich auf dem Planeten Brocoli das Wort »egal« zu denken gelernt habe? Blut rann ihm übers Gesicht, und doch musste er lachen.

»Los, rüber zu den anderen, Du Judenlümmel«, schrie der Mann mit den Stiefeln und dem Gewehr. Und er trat ihm in die Seite.

Der Sohn Gottes sprang auf. Er versuchte, sich vor den nächsten Schlägen, Tritten und Stößen zu schützen. Er lief vorwärts. Er spürte das Blut, das an seiner Schläfe herunterlief, und es gefiel ihm nicht. Er griff mit den Händen in den Waldboden und fühlte, wie sich Dornen in seine Hände bohrten. Ihm war kotzelend. Er hatte auf den Mann mit dem Gewehr und den Stiefeln einen solchen Hass, dass er ihn angegriffen hätte, egal was dann geschehen wäre. Aber er hatte einfach die Kraft dazu nicht mehr.

»Warum bin ich so schwach?«, fragte der Sohn Gottes.

Er sah, dass etwa ein Dutzend junger Leute, Kinder eher, in einer Reihe vorwärts getrieben wurden. Sie waren so mager, so elend. Von noch mehr Männern mit Stiefeln und Gewehren erhielten sie Tritte und Schläge, obwohl sie sich kaum auf den Beinen halten konnten. Weiterlesen »

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Apr 02 2015

Beute und Gespenst – Eine Skizze

Veröffentlicht von + unter Demokratie,Denken,Gesellschaft.

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Kapitalisierung ist, seit dem, was wir uns eher mythisch als „ursprüngliche Akkumulation“ (nämlich den Gewaltakt der Entwendung und der Versklavung) vorstellen, ein unabgeschlossener und unabschließbarer Vorgang. Der Kapitalismus braucht etwas, das er „erobern“ kann. In jedem Jahrhundert seines Bestehens und in jeder seiner Erscheinungsformen scheint das etwas anderes zu sein: Ländereien, Rohstoffe, Arbeitskräfte, Ideen schließlich. In dem Stadium, in dem wir uns befinden, der Peak des „Finanzkapitalismus“, spielt die „innere Landnahme“, von der schon Rosa Luxemburg sprach, eine wichtige Rolle. Kapitalisierung greift nach den „Naturkapitalien“, wie Luft, Wasser, Bewegung etc. Nach den inneren „Werten“, der Phantasie, den Träumen, der Kunst, der Information und so weiter und zugleich übernimmt die Ökonomie, vollständiger als je, auch das Feld der Kunst. Kapitalisierung, mit einem Wort, betrifft nun nicht mehr allein das, was man umfassend genug „Gesellschaft“ nennt, sondern noch mehr das, was man früher „Seele“ nannte.

Das Nicht-Eroberte ist dem Kapitalismus zugleich Beute und Gespenst. Genau gesagt nicht Beute und Gespenst nacheinander oder gleichzeitig, sondern Gespenst als Beute, und Beute als Gespenst.

Alles Eroberte lebt als Gespenst und Beute weiter, von der Magie bis zum Kommunismus. Daher ist der Kapitalismus auch als ein gewaltiges Spukhaus zu beschreiben. Genauer gesagt, er beschreibt sich selber als solches. Er nennt das seine „Kultur“.

Diese Kultur produziert industriell, und dann postindustriell (digital) Bilder, Begriffe und Erzählungen, die von Beute und Gespenst in allen Dingen sprechen. Wenn man Beute und Gespenst denkt, „versteht“ man nahezu alles, was an Bildern, Begriffen und Erzählungen im Kapitalismus produziert werden kann. Allerdings: Das Geheimnis besteht in der Unzahl der Beute / Gespenst-Beziehungen.

Die „Arbeit“ des Kapitals besteht darin, das Gespenst in der Beute einzumauern; jede Revolte (gleichwohl sie stets wieder eingefangen und zur Produktion neuer Terrains für die innere Landnahme missbraucht werden wird) versucht, das Gespenst aus der Beute zu befreien. Dabei entstehen neue Gespenster, und damit entsteht neue Beute.

Geld ist „reine Beute“, „reines Gespenst“ und „reine Beziehung“, das heißt das zu Transformierende, die Transformation und das Transformierte, immer in neuer Gestalt (und immer in der alten: Das Geld von heute ist Beute und Gespenst des Geldes von gestern).

(Beute und Gespenst sind die  Motoren der Geschichte. Wird ihr Verhältnis prekär, so wird die Geschichte suspendiert. Geschichtslosigkeit ist ein Wesenszug des Finanzkapitalismus. Sie zu überwinden ist wohl nicht automatisch, wie man hier und da erhofft, die Überwindung auch des Kapitalismus’, sondern kann ebenso auch nur nächste Transformation bedeuten.)

Dass wir aus Angst und Lust zusammengesetzte Wahrnehmungsmuster pflegen, die wir wahlweise „freisetzen“ und zu „kontrollieren“ versuchen, in einer Form des Managements, ist der natürliche Rohstoff des Beute / Gespenst-Schemas, in dem die Lust des Seins zum Fetisch des Habens, und die Furcht vor der wirklichen Welt zur Angst vor der Unwirklichkeit in allem geworden ist. Anders als Lust und Angst ist Beute und Gespenst über-individuell zu managen. Der Beute-Aspekt und der Gespenst-Aspekt eines Dings trifft auf ein Wir, ein Ich und ein Es gleichermaßen. Zwar nimmt am Ende einer die Beute, doch haben „wir“ vordem das Ding durch seine Beutehaftigkeit identifiziert und gezähmt bzw. gelähmt. Das Ding, das auf diese Weise zur Beute geworden ist, ist für das Leben verloren. Beides, Beute und Gespenst, sind „untot“. Weiterlesen »

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Apr 01 2015

Kleinigkeiten (42)

Veröffentlicht von + unter Gesellschaft.

In der taz (vom 20. 03.15) steht folgendes: „Karl Valentin, der große Münchner Komödiant mit Vogel-V, brachte die Verwirrung um Zeit, Raum und das ganze Gedöns einst auf den einzig wahren Punkt; ‚Wir treffen uns nach dem Krieg um halb vier’.“ Also, ich möchte jetzt nicht besserwisserisch sein, aber alles kann man nun dem Valle auch nicht in die Schuhe schieben. Nein, worum es natürlich geht ist: Eine kleine Lese-Erinnerung. Das ist natürlich aus dem „Schwejk“ (und es ist auch um sechs, und nicht um vier, und vielleicht sogar ein bissel später, für wenn man sich verspäten möcht’). Will sagen: Es wird viel zu wenig Hasek gelesen, bei dem ist manches zu finden zu dieser Zeit. Und Valentin wird auch viel zu wenig gelesen – und viel zu viel „zitiert“.

Weil, das ist das furchtbare Schicksal solcher Künstler, dass man „schwejkelt“ und „valentinisiert“, und das ist dann eine Ausrede für gleich beides. Etwas gescheites zu tun und die Künstler gescheit zu behandeln.

*

Im Jahr 1966 schrieb Johannes Gaitanides über das Verhältnis der Griechen zu den Deutschen: „Was den Griechen zum Deutschen hinzieht, ist nicht das Gefühl einer gleichen Lebensgestimmtheit oder einer verwandten Lebensart, sondern vielmehr der Instinkt für die Fruchtbarkeit einer nur durch ihn vermittelten Spannung. Mit dem Engländer verbindet ihn die sportliche Einstellung zum Leben, die Lust am Spiel und Wettstreit, die Geringschätzung der Arbeit und die Fähigkeit zur positiven Faulheit. Am Romanen besticht ihn die Gemeinsamkeit der Fehler und Laster. Der Deutsche hingegen ist für ihn der schlechthin ‚Andere’, dessen harter Umgangston, dessen Disziplin und Sachlichkeit, die er oft als Kälte empfindet, ihm den Kontakt erschweren. Wo hat der Deutsche sein Herz?“

Fünfzig Jahre später gibt es da immer noch nichts zu finden. Weiterlesen »

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Mrz 25 2015

Unsortierte Gedanken zur Diskriminierung

Veröffentlicht von + unter Demokratie,Gesellschaft.

Wir hatten einen Traum. Manchmal. Den Traum von einer Gesellschaft der Freiheit und der Gerechtigkeit. Etwas sollte es in ihr ganz bestimmt nicht mehr geben: Diskriminierung. Menschen sollten als Menschen beurteilt werden, nicht ihres Geschlechts, ihres Alters, ihrer Kultur, ihrer Hautfarbe etc. wegen. Wir nannten diesen Traum: Demokratie. Aber dann mussten wir uns dem Alltag widmen, dem Überleben oder auch dem Besserleben. Und das hieß: dem Kapitalismus. Etwas, das immer viel mehr war, als nur eine besonders offene, besonders aggressive und manchmal auch besonders wahnsinnige Form des Wirtschaftens. Etwas, das einerseits nach der Macht über die Welt gierte und sich andererseits bis tief in jede einzelne Seele fraß.

Ob wir dem Traum einer Gesellschaft ohne Diskriminierungen näher gekommen sind oder nicht, kommt vielleicht auf den Standpunkt an. In manchen Feldern haben wir uns viel zu langsam nach vorwärts bewegt, zum Beispiel in der Gleichberechtigung der Geschlechter. In manchen ist aus der institutionellen nur die effektivere strukturelle Diskriminierung geworden: Was brauchen wir noch schurkische Chefs für die Diskriminierung wenn es doch die schurkischen lieben Kollegen via Mobbing genau so machen (und die Verbindung von beidem ist dann ohnehin unschlagbar). Und in manchen ist die Entwicklung offensichtlich nach rückwärts gegangen: Die gesellschaftliche Praxis im Deutschland des Jahres 2015 ist unübersehbar von mehr Rassismus und kultureller Diskriminierung durchzogen als die des Jahres 1975. Was rassistische Diskriminierung bedeutet, kann man bei jeder längeren Fahrt mit der Deutschen Bahn beobachten: Menschen mit dunkler Hautfarbe werden dort nicht nur besonders scharf kontrolliert – und wehe, wenn sie einen Fehler gemacht haben! („Die wissen genau, dass das hier bei uns nicht geht! Das wird teuer für die.“ – Originalton einer deutschen Zugbegleiterin gegenüber einem dunkelhäutigen Paar mit einem behinderten Kind, das in der falschen Zug-Art zur Klinik fahren wollte.)

Diskriminierung als Volkssport

Und dann haben sich auch noch neue Felder der Diskriminierung herausgebildet: Die Loser, Assis und Hartz-IVler, die faulen und gierigen Griechen, die Putinversteher und Wirtschaftsflüchtlinge. Es kann alles diskriminiert werden, was stört. Diskriminierung ist im Deutschland des Jahres 2015 zum Volkssport geworden. Man gönnt uns ja sonst nichts.

Diskriminierung heißt zunächst nichts anderes als ein bewertendes Trennen, die Erzeugung von Unterschieden in Wert, in Recht, in Bedeutung, in Qualität und Ästhetik.  In den alten Zeiten bedeutete es nichts anderes als Trennen an sich; erst im 20. Jahrhundert wurde es mit der negativen Handlung einer Herabwürdigung oder Zurücksetzung verbunden, bis „Diskriminieren“ schließlich (jedenfalls außerhalb naturwissenschaftlichen Fachjargons) zur Bezeichnung für einen verbalen und physischen Akt von hohem inneren Aggressionsgehalt wurde. Diskriminieren ist, mit anderen Worten, eine ziemlich moderne Kulturtechnik, na, was heißt schon: Kultur.

Vielleicht ist diese Wortgeschichte wichtig, um die Funktion des Diskriminierens in einer kapitalistischen Gesellschaft zu verstehen. Die Grundlage aller profitorientierter Ökonomie ist das Vorhandensein von Unterschieden. Die Habenichtse und die Superreichen, kik und Armani, billige Arbeit, teure Bank. Im alltäglichen Leben begegnen wir der Diskriminierung zwar vor allem in ihrer Funktion als Aggressionsabfuhr gegenüber Ersatzopfern. Man sucht sich vermeintlich Schwächere, an denen man strukturelle, verbal oder institutionell eigene Überlegenheit konstruiert. Diskriminiert werden Menschen ob ihrer Verhaltensweisen, Fähigkeiten (diskriminiert werden „Behinderte“, „Schwächlinge“, „Loser“) oder wegen ihrer biologischen Eigenheiten (diskriminiert werden Menschen wegen ihres Geschlechts, wegen ihrer Hautfarbe, wegen ihres Alters).  Diskriminiert werden Menschen wegen ihres Denkens und Sprechens (diskriminiert werden „Außenseiter“, „Nestbeschmutzer“, „Intellektuelle“) und schließlich wegen ihres sozialen Status (diskriminiert werden „Versager“, „Prolls“, „Schmarotzer“). Man kann, wie die tägliche Lektüre der Bild-Zeitung belegt, einzelne Personen ebenso diskriminieren wie man Gruppen diskriminiert (man kann natürlich auch eine Gruppe erst durch Diskriminierung bilden), schließlich auch ganze Völker (wie die faulen und gierigen Griechen). Solange diskriminiert wird – und, um beim Beispiel der Bild-Zeitung zu bleiben, Diskriminierung ist offenbar eine gut verkäufliche Ware – kann Regieren nicht wirklich demokratisch sein. Je mehr Diskriminierung in einer Gesellschaft, desto undemokratischer die Regierung.

Diskriminierung, und sei sie noch so paranoid, hat immer einen psychischen (die Konstruktion von „Identität“ zum Beispiel), einen politischen (die gewaltsame Verteilung von Macht bzw. die Legitimierung gewaltsamer Machtverteilung) und einen ökonomischen Aspekt (irgendwo wird ein Vorteil oder die Eliminierung eines Nachteils erhofft). Es ist also in den Akten der Diskriminierung kein Widerspruch zwischen Paranoia und Zweckrationalität. Daher tut sich „lineare“ Aufklärung sehr, sehr schwer im Kampf gegen die Diskriminierung. Weiterlesen »

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Mrz 21 2015

Kleinigkeiten (41)

Veröffentlicht von + unter Gesellschaft.

Vielleicht ist Kunst, unter vielem anderen, ein Versuch, Gedanken sichtbar zu machen. Nicht als etwas, das man hat, sondern als etwas, das geschieht. Der Gedanke, sagt Friedrich Dürrenmatt, sei wiederum selbst ein Versuch, nämlich: „ein Versuch, eine Ordnung herzustellen, verschiedene Dinge zusammenzuziehen.” Wenn ein Gedanke die Einheit eines solchen Versuches ist, dann ist seine Grundvoraussetzung, dass es eine solche Ordnung vordem nicht gab und dass es sie möglicherweise auch jenseits des Denkens selber nicht gibt.

So könnte man wohl ohne weiteres behaupten, dass jemand, der generell an die Existenz von Ordnungen glaubt, eher weniger geeignet sei, Gedanken zu entwickeln. Umgekehrt freilich sehen wir des öfteren Denkenden zu, die vom, nun ja, Gedanken an Ordnung so besessen sind, dass sie all ihr Denken in den Dienst der Ordnungen stellen wollen. So sehen wir Gedanken zu, die sich selbst auffressen.

Im Augenblick, in dem ein Gedanke entsteht (noch bevor der Teufel es bemerkt, und ihn wieder in die Ordnungen sperrt), ist der größtmögliche Grad an Freiheit erreicht. Im Augenblick seines Gedankens erhebt sich der Mensch über alle Fährnisse und Verzweiflungen. Müssen wir uns daher den denkenden Menschen als glücklichen vorstellen?

Gewiss nicht, denn der Gedanke muss, um nicht zu einer paranoiden Implosion zu werden, „mitgeteilt“ werden. War der Gedanke schon immer Sprache, oder muss er erst zur Sprache gebracht werden?

Vielleicht könnten wir so etwas wie die Sprache der Gedanken erforschen, die sich als werdende begreift. Jeder wirklich neue Gedanke erneuert auch die Sprache, in der er vermittelt werden kann.

Aus dem Gedanken kann sehr viel entstehen. Kunst, Kritik, Theorie, aber auch Ware, Krieg und Macht. Ein Gedanke kann nicht das Recht in Anspruch nehmen, vor-moralisch zu sein, so wie er, in Bezug auf die üblichen Sprechweisen, vor-sprachlich ist. Kunst, Kritik und Theorie zum Beispiel entstehen auch ohne Gedanken, durch Fleiß und Mechanik, ebenso aber auch durch das emphatische Gespür für die Erwartungen rundherum.

Aber eben das erkennen wir nur zu gut: gedankenlose Kunst, gedankenlose Kritik, gedankenlose Theorie. Das destruktive Potential darin ist enorm. Eine Welt mag ersticken an gedankenloser Kunst, gedankenloser Kritik, gedankenloser Theorie. Wir nennen es, zum Beispiel, Ideologie. Es denkt, wo ich denken sollte.

Die Gedanken sind frei, das sang sich so schön in unfreier Zeit. Nun aber scheint es geradezu ins Gegenteil gekippt: Alles mögliche ist frei in dieser Zeit, nur die Gedanken nicht.

Denn der Gedanke – im Gegensatz zu einem „Einfall“ (nichts gegen Einfälle!) – geht ja schon immer einen entscheidenden Schritt aus dem Inneren zur Welt. Der Gedanke macht etwas Verborgenes sichtbar, ohne dass er je etwas anderes sein kann, als ein Vorschlag, eine Fiktion in der symbolischen Ordnung anderer Fiktionen. Gedanken, das ist das Tröstliche in ihnen, können nicht anders als einen Sinn in der Welt sehen, auch wenn sie durchaus dabei ihre vollkommene Sinnlosigkeit mitdenken können. Denn das ist der Gedanke: Nicht, was es ist, sondern was man daraus machen kann. Oder was man darin sehen kann. Oder was man daraus hören kann. Oder was man darüber (und dadurch) sprechen kann.

Jeder Gedanke ist mithin „schöpferisch“, was eine durchaus zweischneidige Angelegenheit ist. Indem er der Welt etwas hinzufügt, entfernt er sich von ihrem Wesen. Die Schwärze der Gedanken: Sie sind Symptome der Entfremdung.

Von ihrer Anmaßung ganz zu schweigen. Gedanken tendieren nicht nur dazu, sich selber wichtiger zu nehmen, als das, was sie ausgelöst hat, sie heben es gelegentlich durchaus pietätfrei auf, tilgen ihr Andenken. Es ist indes eine Frage der Kunst, genau anders herum zu verfahren. Nämlich weder den Gedanken im Gedachten verbergen, noch im Gedanken das verschwinden zu lassen, was ihn ausgelöst hat. Weiterlesen »

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Mrz 20 2015

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 1/15: Nachschrift zu „Kunst frisst Geld – Geld frisst Kunst“ (3)

Veröffentlicht von + unter Gesellschaft,Kunst.

Es war eine vergleichsweise kurze Zeit, in der Kunsthandel als honoriges Unternehmen gelten durfte. Ein Unternehmen wie Christie’s, gegründet als Christie, Manson und Woods, in der King Street von London, florierte, weil es die Not französischer Adeliger auszunutzen verstand, die im Exil nach der Flucht vor der Revolution ihr Hab und Gut versetzen mussten. Im 19. Jahrhundert etwa widmete sich die angesehene Bonner Arztfamilie Hanstein nebenher diesem Gewerbe. Da dies aber als durchaus anrüchig galt, besorgte man sich lieber einen maskierenden Firmennamen: „Matthias Lempertz“, unter dieser Bezeichnung geraume Zeit die Nummer eins unter den Kunsthäusern im westlichen Nachkriegsdeutschland. Die Anonymität war zu dieser Zeit von den Vermittlern auf die Kunden übergegangen. Im August 1965 formulierte das Bildungsbürger-Brevier „Westermanns Monatshefte“ das so: „Ihre Namen werden von den Händlern mit äußerster Diskretion wie ein Steuergeheimnis gehütet, um die Finanzämter nicht auf die Vermehrung des Privatvermögens der Sammler hinzuweisen.“

Das alles hat also seine Geschichte, nur über die Summen, die damals als „Rekorde“ galten, würden wir heute lachen, und die rekordigsten der Rekorde zahlten damals noch die Museen. Weiterlesen »

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Mrz 18 2015

Eins auf die Presse, mein Herzblatt (36)

Veröffentlicht von + unter Gesellschaft,Medien.

Seit der deutschen Qualitätspresse zu Ohren gekommen ist, dass ihren Käufern das Lesen längerer zusammenhängender Texte zwischen den Werbungen schon arge Probleme bereitet, haben Sie irgendwo in ihren Redaktionsräumen einen besonders forschen Praktikanten (er wollte ja eigentlich zum Fernsehen, aber, ach, da war er irgendwie überqualifiziert) sitzen, der sucht extrem endgeile Bilder heraus, wenn es zu einem Text jetzt eigentlich also so richtig gar keine Bilder bräuchte. Kinobilder zum Beispiel. Hollywood kommt gut.

Jetzt hat man also in der Süddeutschen Zeitung als Aufmacher für das Feuilleton (16. März 2015) einen Text über die Drohung der griechischen Regierung „mit einer Flüchtlingswelle“.  In dem Text wird kurz auch der Film World War Z erwähnt, in dem „Migrantenströme als mörderische Zombiemasse gezeigt werden“, was man eine, sagen wir, ein wenig vereinnahmende Interpretation lesen kann, aber sei’s drum. Darüber aber sehen wir ein großes Bild aus dem Film, in dem eben jene „Zombiemasse“ eine gewaltige Mauer erstürmt.

Der emotionale Überschuss eines solchen Bildes gegenüber einem Text, den man ohne es vielleicht ein wenig, äh, diskursiver läse, gehört der On-Beat-Schule der neuen Zeitungsillustration an. Im Gegensatz zur Bild-Zeitungs-Illustration, in der ein Bild gleichsam die Parallelexplosion zu einer Textzeile ist, und im Gegensatz zu einer Off-Beat-Illustration (wie sie der taz in besten Zeiten gelingt), wo Text und Bild einen Spannungsraum bilden, ist die On-Beat-Illustration, die FAZ, Süddeutsche und Welt pflegen nichts als Verstärkung und Bestätigung, manchmal mit einer bildungshuberischen oder mit einer popkulturellen Nerd-Note. Und mit übrigens kognitiv verheerenden Folgen. Die Migrations-/Zombie-Analogie stellt die Metapher, die George A. Romero und die besseren seiner Nachfolger anboten (Zombies als Wiederkehr der „Verdammten dieser Erde“, wie Romero sagt), sozusagen auf den Kopf. Romero hat in den Zombies die Migranten gesehen; die FAZ sieht in den Migranten die Zombies. Weiterlesen »

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Mrz 17 2015

Volkes Stimme

Veröffentlicht von + unter Gesellschaft.

Ist auch nicht mehr das, was sie mal war, seit es Facebook gibt.
Da gibt es einen Herrn Kainer (was Herrn Reiner sehr erzürnt, Herrn Kainer aber nicht aus der gewohnten Ruhe bringt), der sich auf Facebook „Politikerhasser“ nennt. Und der geht so:
„Der Politiker, elitär, egozentrisch, bürgerfern, lobbynah, geldgierig, machtgeil, verzichtbar. Wir gebrauchen neue, offen und ehrliche politische Menschen.“
So ist es. Offen und ehrlich gesagt: Menschen, die Politiker gebrauchen wollen, will ich gar nicht erst gebraucht haben.

*

Die Bild Zeitung hat seit Jahr und Tag in „den Griechen“ ein Hass- und Verachtungsobjekt gefunden, das offensichtlich gut genug bei den Leserinnen und Lesern ankam, um die Kampagne immer wieder um eine Drehung weiter zu führen.
Statt allerdings ein Verächtlichmachen eines ganzen Volkes zu monieren, war dem deutschen Journalisten-Verband nur ein Einspruch wegen der „politischen Kampagne“ wert (wegen der berüchtigten Selfie-Kampagne). „Keine weiteren Millionen für die gierigen Griechen.“

Deutsche Medien sind natürlich vielfältig; was dem einen sein Selfie ist dem anderen seine Büldung. Weiterlesen »

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Mrz 07 2015

Eins auf die Presse, mein Herzblatt (35)

Veröffentlicht von + unter Gesellschaft.

Es gibt Überschriften, über die man einfach vor Fassungslosigkeit lachen muss. Zum Beispiel im „Wirtschaft Report“ der Süddeutschen Zeitung (07.03. 2015), wo es zu einem Portrait-Artikel zu Hartmut Mehdorn und dem Ende seiner „Ausnahmekarriere“ in großen Lettern heißt: „Es müsste mehr Typen wie mich geben.“ Noch mehr? Sind wir nicht schon längst alle ein bisschen Mehdorn? Einschließlich des ungebrochenen narzisstischen Selbstgefühls und einschließlich eben jener Attitüde, die der Artikel bewundern so beschreibt: „Natürlich traut sich Mehdorn den Job zu.” Das eben ist das Ende des „positiven Denkens“: Es geht nicht mehr darum, was man kann oder nicht, sondern nur darum, was man sich zutraut. Das ist die „Managerkultur“ dieser Jahre. Die Herrschaft von Männern, die sich alles zutrauen. Und die für alle Probleme nur eine Lösung sehen: mehr von sich selbst.

*

Im Feuilleton dieser Süddeutschen Zeitung wird konstatiert: „Ralph Schwingel leitet Filmakademie“. Kein Wort davon, dass die Studentenschaft der DFFB in Berlin und ein kritischer Teil der deutschen Filmkultur sowohl gegen die Person als auch gegen das undemokratische Prozedere seiner Inauguration heftigen Protest eingelegt haben. (Siehe die Dokumentation und den Kommentar auf „getidan“.) Die dürre Pressemeldung, die mit den großen Produktions-Erfolgen allerdings nicht hinterm Berg hält, tut ja vielleicht der Informationspflicht Genüge. Wenn allerdings auf 18 Zeilen über einen Wechsel an der Spitze einer bedeutenden europäischen Filmhochschule mit keiner davon auf einen dabei auftretenden Konflikt eingegangen wird, dann grenzt das schon — an was wohl? Weiterlesen »

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