Erste Skizzen zu einem Konfliktfeld
I. Der Exzess in der gesellschaftlichen Praxis
In der Statistik ist der Begriff des Exzesses einfach die Abweichung vom sogenannten Normalverlauf einer Kurve, dabei wird unterschieden zwischen positivem und negativem Exzess. Wichtig ist: Es geht nicht um die Abweichung eines Wertes, sondern um eine Kraft, die den Verlauf der Kurve selber bestimmt. Wenn der Exzess-Wert einer Kurve null ist nennt man sie normalgipflig, die Abweichungen machen sie entweder steilgipfelig oder flachgipfelig. Ich erwähne dies, um zu erklären, dass der Exzess keine „Abweichung“ ist, im sozialen Sinne also weder als bloßer Wahn noch als bloßes Verbrechen ausgegrenzt werden kann, im künstlerischen Sinne also weder eine Geschmacksverirrung oder ein schlichter Zensurfall.
Wenn wir von Exzessen sprechen, sprechen wir also nicht von Ausnahmen von der Regel, sondern von Änderungen der Regeln. Oder zumindest von der Infragestellung von Regeln. Es gibt ökonomische, kulinarische, sprachliche, politische, sexuelle und ästhetische Regeln. Und deswegen gibt es auch ökonomische, kulinarische, sprachliche, politische, sexuelle und ästhetische Exzesse. Man kann den Exzess als Symptom einer Veränderung begreifen, aber eben auch als Wirkkraft. Im Gegensatz zu einem Traum, einer Idee, einem einzelnen Bild etc. ist der Exzess etwas Unumkehrbares. Wird er wahrgenommen, hat er die Regeln auch schon verändert, manchmal freilich in einer Art, die das Gegenteil von dem scheint, was intendiert gewesen ist (zum Beispiel durch ein Verstärkung der Zensur, durch ein neues Schließen der Geschmacksgrenzen im Mainstream, durch eine heftige Gegenreaktion usw.).
Wir bewegen uns auf den Begriff mithilfe einiger Gegensatzpaare:
1. Qualität und Quantität
Der Exzess hat zunächst in seiner Sprachgeschichte vom lateinischen „excedere“ zwei Bedeutungen, nämlich das Heraustreten oder Hervortreten auf der einen Seite, also eine Form der Betonung, der Isolation und der Überdeutlichkeit, und auf der anderen Seite das über etwas hinausreichen, überquellen, überborden und hinausschweifen. Wir haben also einen qualitativen und einen quantitativen Aspekt und in vielen Zusammenhängen könnte man meinen, Weiterlesen »