Archiv für die 'Gesellschaft'-Kategorie

Mai 28 2013

Neues aus der Kuchensucher-Forschung

Veröffentlicht von unter Gesellschaft.

Aus dem Nachlass des postsituationistischen Lyrikers Edgar P. Kuchensucher ist dieses Gedicht aus der Spätphase seines Schaffens von besonderer Bedeutung. Wir wollen es hier zumindest in Ausschnitten zur  Verfügung stellen. Die gesamte Ballade (immerhin 180 Strophen!) wird wohl erst in der kritischen Edgar P. Kuchensucher-Gesamtausgabe zugänglich zu machen sein (eine Gruppe von Germanisten in Sulm arbeitet noch an der Transskribierung), zu der aber leider noch keine Drittmittel eingeworben werden konnten (sieht man von einer vagen Zusage über 100 Euro Zuschuss und einen  Hinweis im Filialbetrieb der Leoni-Bank Sulm ab).

 

DIE BALLADE VOM PROBLEMBÄREN

 

Der Problembär, wie ihr wisst

Macht in den deutschen Alpen Mist

Erschreckt Touristen und Busfahrer

Knurrt abscheulich – und weg war er.

 

Der Problembär, wie ich höre

Meidet heftig die Frisöre

An den Pfoten, an den Haxen

Lässt er seine Zotteln wachsen.

 

Und der Problembär, geistig kregel

Liest am liebsten Marx und Hegel

Und hält die Dialektik noch

In des Waldes Hektik hoch. Weiterlesen »

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Mai 26 2013

EXCESS / CINEMA

Veröffentlicht von unter Filmwissenschaft,Gesellschaft.

Erste Skizzen zu einem Konfliktfeld

I. Der Exzess in der gesellschaftlichen Praxis

In der Statistik ist der Begriff des Exzesses einfach die Abweichung vom sogenannten Normalverlauf einer Kurve, dabei wird unterschieden zwischen positivem und negativem Exzess. Wichtig ist: Es geht nicht um die Abweichung eines Wertes, sondern um eine Kraft, die den Verlauf der Kurve selber bestimmt. Wenn der Exzess-Wert einer Kurve null ist nennt man sie normalgipflig, die Abweichungen machen sie entweder steilgipfelig oder flachgipfelig. Ich erwähne dies, um zu erklären, dass der Exzess keine „Abweichung“ ist, im sozialen Sinne also weder als bloßer Wahn noch als bloßes Verbrechen ausgegrenzt werden kann, im künstlerischen Sinne also weder eine Geschmacksverirrung oder ein schlichter Zensurfall.

Wenn wir von Exzessen sprechen, sprechen wir also nicht von Ausnahmen von der Regel, sondern von Änderungen der Regeln. Oder zumindest von der Infragestellung von Regeln. Es gibt ökonomische, kulinarische, sprachliche, politische, sexuelle und ästhetische Regeln. Und deswegen gibt es auch ökonomische, kulinarische, sprachliche, politische, sexuelle und ästhetische Exzesse. Man kann den Exzess als Symptom einer Veränderung begreifen, aber eben auch als Wirkkraft. Im Gegensatz zu einem Traum, einer Idee, einem einzelnen Bild etc. ist der Exzess etwas Unumkehrbares. Wird er wahrgenommen, hat er die Regeln auch schon verändert, manchmal freilich in einer Art, die das Gegenteil von dem scheint, was intendiert gewesen ist (zum Beispiel durch ein Verstärkung der Zensur, durch ein neues Schließen der Geschmacksgrenzen im Mainstream, durch eine heftige Gegenreaktion usw.).

Wir bewegen uns auf den Begriff mithilfe einiger Gegensatzpaare:

1. Qualität und Quantität

Der Exzess hat zunächst in seiner Sprachgeschichte vom lateinischen „excedere“ zwei Bedeutungen, nämlich das Heraustreten oder Hervortreten auf der einen Seite, also eine Form der Betonung, der Isolation und der Überdeutlichkeit, und auf der anderen Seite das über etwas hinausreichen, überquellen, überborden und hinausschweifen. Wir haben also einen qualitativen und einen quantitativen Aspekt und in vielen Zusammenhängen könnte man meinen, Weiterlesen »

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Mai 15 2013

Die Kriegsausstellung

Veröffentlicht von unter Gesellschaft.

In so genannten Friedenszeiten scheint es zu genügen, dem Volk immer wieder die eigenen technischen Kräfte und Bilder aus der heroischen Geschichte zu zeigen, sowie sich mit entsprechenden Glamour-Veranstaltungen (der Manöver-Ball für die höheren Stände, die militärische Werbung auf den Volksfesten für die unteren, so wie sie heute in der Bundesrepublik noch immer hoch populär ist) in das Zivilleben einzuschreiben. In „Kriegszeiten“ dagegen, wird es notwendig, eine engere Teilhabe, eine Verschmelzung zwischen dem militärischen und dem zivilen Sektor der Gesellschaft zu erzeugen. Diesem Zweck diente etwa die große Kriegsausstellung 1916, die sich nicht mehr mit der bloßen Zurschaustellung der eigenen Waffen zufrieden geben konnte, sondern mit der Einladung zu einem Ausflug in einen realistisch nachgebauten Schützengraben oder der Teilhabe bei der Reparatur eines U-Bootes ein gleichsam „totales“ Kriegserlebnis simuliert, wie es zu dieser Zeit auch der Film nicht vermochte, der gleichwohl bereits eine zentrale Stellung in dieser multimedialen Intimisierung des Kriegerischen innehatte. (Vergleichbar funktioniert heute das Angebot, in dem für den Kriegsfilm DAS BOOT hergestellten Unterseeboot herumzugehen; die militärische Intimisierung, die in den großen Museen ein wenig in den Hintergrund treten musste, kommt auf dem Umweg über die Filmkulisse zurück.)

Geändert hat sich im übrigen auch in der Doppelfunktion von Werbung (für den Krieg, für die Filmproduktion) und Einnahmequelle kaum etwas: Die „Intimisierung“ als propagandistisches und als ökonomisches Unternehmen scheint zunächst zwei höchst unterschiedliche Ziele zu verfolgen, nämlich einerseits den Krieg durch die eigene Empfindung denkbar zu machen und so auf ihn vorzubereiten, und andererseits aus dem Krieg eine Unterhaltungsmaschine zu formen, Weiterlesen »

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Mai 09 2013

Kleinigkeiten (30)

Veröffentlicht von unter Gesellschaft.

Und was sagt unsere Bundeslandwirtschaftsministerin zum Thema Massentierhaltung in einem Gespräch mit der Schriftstellerin Karen Duve?
(in: DIE ZEIT vom 8. Mai 2013 Nr. 20)

„Glauben Sie, dass eine Kuh, die gequält wird, überhaupt noch Milch gibt?“

Das ist ausbaufähig:

Glauben Sie, dass Kinder, die 12 Stunden am Tag in einem muffigen Raum schuften müssen, überhaupt so lustige Kik-Hemden nähen können?

Glauben Sie, dass man aus vergifteten Böden so leckere Popcorns ziehen kann?

Glauben Sie, dass man aus verschmutzten und überfischten Meeren die bei Kindern so beliebten Fischstäbchen bekommt?

Glauben Sie, dass man aus verdorbenen Politiker-Hirnen so lustige Sprechblasen quetschen könnte?

Ich muss noch einen Klasse-Aigner-Satz aus diesem Gespräch anfügen:

„Ich halte nichts davon, mit der Moralkeule auf andere einzuschlagen“.

Also hinaus mit unseren Panzern in Krisengebiete, lasst die Energiekonzerne doch machen, Jugendarbeitslosigkeit in europäischen Ländern, na und? Wir halten nichts von Moralkeulen. Weiterlesen »

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Mai 08 2013

Titelschutz (17)

Veröffentlicht von unter Gesellschaft.

Aus meiner Lieblingsrubrik „titelschutz“ im Börsenblatt des deutschen Buchhandels:

Ein gewisser Becker Jost Volk Verlag nimmt Titelschutz in Anspruch für:

Prominent mit Hund

Prominent und Hund

Promis mit Hund

Promis und Hund

Prominente und ihre Hunde

Promis und ihre Hunde

Schön, schön. Aber was ist mit Katzen? Goldfischen? Hamster? Prominent mit Vogel?

Kein Titelschutz, nirgends.

Und auch die Kinder werden interessanten Lesestoff kriegen, zum Beispiel von der arsEdition:

Ohlala, wer pupst denn da?

Für die Kinder von gaaanz, gaaanz frechen Eltern. Weiterlesen »

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Mai 07 2013

JOE UND DER SOHN GOTTES (IV)

Veröffentlicht von unter Gesellschaft.

Der Chor der Leihmütter versuchte sich gerade an einer eigenwilligen Version von „Lascia, speranza, ohimè“, als Gottvater in den Salon gestürzt kam.
„Ich versteh’ die Welt nicht mehr“, schimpfte er vor sich hin. „Da produziert man nun einen Erlöser nach dem anderen. Und was ist? Nichts ist es. Nummer 3: Zu den Hethitern übergelaufen. Nummer 5: Römer geworden. Nummer 7: Hat sich bemüht. Ehrlich. Aber ist auch nur ein Aas erlöst worden?“
Gottvater nahm seinen Lieblingsplatz am Fenster ein und betrachtete die Welt, von der es hieß, er habe sie erschaffen. Er selber hatte das zwar nie behauptet, aber er fand die Legende gar nicht mal so schlecht. Erlösungstechnisch gesehen.
„Vielleicht ist die Erlösung einfach nicht die Lösung“, sagte Petrus bedächtig.
„So, du Klugscheißer, und was ist dann die Lösung?“
„Kirche. Ganz viel Kirche. Die Menschen sehnen sich nicht nach Erlösung. Sie sehnen sich nach Ordnung. Sie wollen wissen, wo’s lang geht. Dreihundertfünfundsiebzig Millionen, viertausend und acht Euro und zweiundzwanzig Cent… Plus Abgeltungssteuer, das ergibt…“
„Was machst du da eigentlich?“
„Schon vergessen? Ich bin der Fels, auf dem du deine Kirche gebaut hast.“
„Nein, ich meine, was du da rumrechnest“.
„Ach das. Das sind die Abrechnungen der Vatikan-Bank. Da stimmt hinten und vorne nichts.“
„Das hätte ich dir auch so sagen können.“
„Ja, du, weil du allwissend bist.“ Weiterlesen »

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Mai 06 2013

Kleine Skizzen zur Veränderung der politischen Erzählung

Veröffentlicht von unter Demokratie,Denken,Gesellschaft.

Stilbruch. Die Demokratie ist ein System, das den eigenen Bauplan enthält und in bestimmter Weise auch veröffentlicht. Die Aufgabe der Demokraten ist es, die Wirklichkeit, so gut es geht (und wir wissen, dass es nicht immer und überall gut geht) diesem Plan anzugleichen.

Die Postdemokratie ist ein System, das den eigenen Bauplan nicht enthält und schon gar nicht veröffentlicht. Die Aufgabe der Postdemokraten ist es, die Ideen, die man zum System haben kann, so gut es geht (und es geht am besten mit Hilfe der Medien) an die nicht-demokratische Wirklichkeit anzupassen.

Die Demokratie ist ein System, das die Nachricht zu rationalisieren trachtet.
Die Postdemokratie ist ein System, das die Rationalität zu vernachrichten trachtet.

Die Demokratie ist eine Erzählgemeinschaft, die um ihre eigene Aufklärung ringt.
Die Postdemokratie ist eine hysterisierte Erzählgemeinschaft.

Die Unfreiheit beginnt mit den Begrenzungen des Diskurses. Sie bestimmen, zunächst einmal, was nicht Diskurs werden darf. Die innere Begrenzung des Diskurses ist das Tabu, die äußere Begrenzung das Verbot. Das Tabu beschreibt den Gegenstand, der nicht berührt werden darf. Das ist Körperteil, Wesen, Ding, Thema oder Wort. Das Verbot indessen umfasst die Berührung, versieht sie aber zugleich mit einem großen „Nein“. So wird, auf einer zweiten Ebene, das Verbot zu einem Mittler (oder auch einem Mittelding) zwischen Tabu und Strafe. So muss die Hand abgeschlagen werden, die das Nicht-Diskurs-Ding oder das Tabu-Zentrum des Diskurses berührt hat.

So könnten wir einen Diskurs „Besitz“ oder „Eigentum“ (einschließlich der Unterscheidung von beidem) führen, indem wir uns seinem Kern entweder von den Begründungen, von den Praxen oder von den Strafen näherten, von der Grammatik des „mein“, „dein“, „unser“ und „ihrer“ oder im Archiv nach der ewigen Wiederkehr der göttlichen Übergabe des belebten und unbelebten Gegenstandes sähen. Weiterlesen »

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Mai 04 2013

JOE UND DER SOHN GOTTES (III)

Veröffentlicht von unter Gesellschaft.

Der Sohn Gottes lag im Gras und träumte. Wovon träumen Gottes Söhne?
Einerseits natürlich das selbe wirre Zeug wie normale Menschen auch. Andrerseits sind Träume für Leute wie SG 33 nicht so ganz ungefährlich. Sie sind dann schutzlos den himmlischen Shitstorms ausgeliefert.
Und deswegen erschien auch Gottvater in all seiner drohenden Gewalt im Traum seines Sohnes und fing, wie gewöhnlich, sogleich an, mächtig zu schreien und zu toben.
Aus den Weiden am Fluss regnete es Kühe und Esel mit Flügeln, die um den Fluss kreisten. Päpste marschierten gravitätisch vorbei, einige von ihnen machten obszöne Gesten gegenüber dem Sohn Gottes. Eine Blaskapelle spielte „Ave Maria“. Onkel Lutz zeigte seinen Schwanz und stieß mit dem Klumpfuß auf. Jemand schlachtete ein Lamm. Es schrie fürchterlich. Der Sohn Gottes hätte es gern gerettet. Aber er war machtlos in seinem Traum. Jemand nagelte ein Känguru an ein Holzkreuz, aus dessen Beutel eine zweite Ausgabe des Sohnes Gottes Nummer 33 frech herausschaute und fröhlich „Grüss’ Euch, Ihr Kleingläubigen“ schrie.
Ja, dachte sich der Sohn Gottes in einer ruhigeren Phase seines Träumens: Warum nicht „kleingläubig“ werden? In einem kleinen Häuschen, mit einem Kleinwagen davor, mit einer Kleinfamilie, und alles auf Kleinkredit? Was hatten sein Vater und seine Brüder eigentlich gegen Kleingläubige? Sie stehen einfach auf Großgläubige mit großen Wummen. Weiterlesen »

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Mai 04 2013

JOE UND DER SOHN GOTTES (II)

Veröffentlicht von unter Gesellschaft.

„Ach du heilige Scheisse“, sagte der Sohn Gottes.
Sie hatten den Fluss erreicht, über den die neue Brücke führte, und keine fünfhundert Meter weiter flussabwärts sah man die alte Brücke. Die mit den Bögen.
„Was ist los?“, fragte Joe.
„Die Brücken!“, meinte der Sohn Gottes etwas mutlos.
„Das ist ein Fluss“, sagte Joe, „Da sind Brücken keine Seltenheit“.
„Brücken sind gefährlich.“ sinierte der Sohn Gottes.
„Seit wann sind Brücken gefährlich?“
„Wegen der S.E.“
„Wegen was?“ fragte Joe.
„Mein Gott! Wegen der Schutzengel.“ Maulte der Sohn Gottes.
„Verstehe ich nicht.“
„S.E.! Schutzengel. Kennst du doch. Aber ihr, ihr stellt euch die ja immer so nett vor. Als würden sie hauptsächlich damit beschäftigt sein, kleine Kinder über die Straße zu führen, oder eben über Brücken. Ihr macht euch keine Vorstellungen, was die Schutzengel wirklich sind. Immer auf der Suche nach den verlorenen Seelen. Die bringen es fertig, und lassen eine Brücke zusammenkrachen, nur damit sie eine dieser verlorenen Seelen zurück bekommen. Weiterlesen »

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Mai 03 2013

JOE UND DER SOHN GOTTES: WIE ALLES BEGANN

Veröffentlicht von unter Gesellschaft.

Johannes, den sie alle nur Jo nannten, manche auch Joe, wie in einem alten amerikanischen Film, war dem Sohn Gottes an einem Aprilnachmittag begegnet. Er war ungefähr zwölf Jahre und wischte sich den Rotz mit schöner Regelmäßigkeit mit einem Leinentuch von der Nase, das er um seinen, nebenbei ziemlich mageren, Körper geschlungen hatte.
„Hi“, sagte Jo, „ich heiße Johannes. Kannst Joe zu mir sagen, wenn du willst“.
„Hallo, Joe.“
„Und du?“
„Ich, ach ich bin der Sohn Gottes, weißt du. Einen Namen habe ich noch nicht. Oder ich hab’ ihn nicht mitgekriegt, in all’ dem Trubel.“
„Was für’n Trubel?“, fragte Joe.
„Ach, so Familienzeugs. Vater kann ziemlich zornig sein, weißt du. Wenn man sich dann nicht in Acht nimmt, dann macht er gleich eine Sündflut, oder eine Heuschreckenplage. Oder irgend so was. Und hey, er war wirklich verdammt wütend.“
„Warum war er so wütend. Haste was ausgefressen?“
„Nee, ich hatte nur einfach keine Lust“. Weiterlesen »

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