Jan
31
2012
In „chrismon – Das evangelische Magazin“, das kostenlos zum Beispiel der F.A.Z. beiliegt, gibt es zu Beginn eine Rubrik „Geschichten aus der Welt der Paten“, in der die Patin Klocki Klockenbusch (61) von ihrem Patenkind Tim Steinbeck (12) schwärmt: „Tim ist ein so fröhlicher Junge, der mit viel Zuneigung, Urvertrauen und Wortwitz mein Leben reicher macht. Unvergessen: Nach dem 11. September bauten Tim und Max ein Gefängnis aus Legos – für Bin Laden“.
Sind sie nicht süß, unsere kleinen Patenkinder? Im nächsten Jahr bauen sie Guantanamo mit Playmobil. Ken und Barbie werden Spezialisten für robuste Befragungen. Undsoweiter.
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Jede Handlung – nehmen wir einen Film-Plot, nehmen wir einen „politischen Prozess“ – wird von uns normalerweise in eine Kette von Ursache und Wirkung aufgelöst: Auf Ereignis A folgt Ereignis B, was wiederum nur Ereignis C nach sich ziehen kann. Wie wäre es, wenn wir stattdessen einmal statt solcher Folgen jene Strukturen betrachteten, wie sie Claude Lévy-Strauss für die Mythen vorgeschlagen hat. Dann beginnen wir damit, dass wir zunächst Elemente einer „Erzählung“ unter der Vorgabe sammeln: A,B,C… „kommt vor“. So kommen wir auf ganz andere Beziehungen als die der bloßen Folgerichtigkeit eines „Narrativs“: Zum Beispiel A verhält sich zu B wie C zu D. Oder: A löst den Widerspruch zwischen B und C.
Nehmen wir nun die mehr oder weniger politische Erzählung von unserem Bundespräsidenten. Und fragen nicht, wie sich eines aus dem anderen ergibt, sondern vielmehr welche Elemente die „Erzählung“ enthält, und welche Beziehungen sie zueinander und zu Elementen anderer „Erzählungen“ haben. So könnten wir beginnen, eine Struktur zu erkennen. Und wesentlich mehr zu erschrecken, als wir über „Skandalgeschichten“ erschrecken! Weiterlesen »
Nov
07
2011
Auf den Alpen glühte das Alpenglühn. Ein bayerischer See gluckste verständnisvoll. Von fern pulste die Autobahn.
„Es gibt eben Sachen“, sagte Herr Reiner und sah versonnen auf den Hintern der Kellnerin, „die kann man für Geld nicht kaufen“.
„Oder“, antwortete Herr Kainer, „von den Dingen, die man für Geld nicht kaufen kann, kann man getrost zweifeln, ob es sie überhaupt gibt“.
„Dann muss man sie eben erfinden“, entgegnete trotzig Herr Reiner.
„Damit man sie doch kaufen kann“, murmelte Herr Kainer und sah wieder in sein Weißbierglas.
Und die Alpen versanken beschämt im Abenddunst. Der bayerische See schwappte grimmig. Und die Autobahn bereitete sich auf ihren täglichen Infarkt vor.
Nov
04
2011
In den Metropolen, auch denen der reichen Industrieländer mit ihren langen Traditionen von „bürgerlicher Zivilisation“, schauen die Manager der Banken und Konzerne auf die Slums, auf Hunger, Verbrechen, Schmutz, jede Form von menschlichem Elend.
Die Frage ist: Nehmen sie diesen Anblick in Kauf? Ist ihnen „alles andere“ schon so gleichgültig, dass sie ohnehin nichts anderes mehr sehen als Bewegungen des Geldes einerseits, die Erfüllung der Codes in ihren geschlossenen Welten andrerseits? Oder genießen sie diesen Blick sogar, als Angstlust gegenüber jener Wirklichkeit, über die sie sich in jeder Hinsicht erhoben haben?
Diese Frage dreht sich schließlich ins Ungeheuerliche, denn sie läuft auf die Meta-Frage hinaus, ob das Elend lästiger Abfall der kapitalistischen Weltmaschine ist, oder aber ein reales Produkt, ohne dass die Erhebung der Oligarchien nicht spürbar würde, und ohne die die Herrschaft der Angst in seinem Innenraum nicht denkbar wäre. Weiterlesen »
Okt
30
2011
Brief an eine junge Polizistin, an einen jungen Polizisten
Was haben Schuldenkrisen, Staatskrisen, Bankenkrisen, die starr neoliberale Politik der meisten europäischen Regierungen und die neuen „bürgerlichen“ Oppositionsbewegungen gegen sie mit der Polizei und ihrer Rolle in der Gesellschaft miteinander zu tun? Eine ganze Menge, insofern es um die staatlichen Reaktionen auf die verschiedenen Formen des zivilen Ungehorsams gegen eine Politik geht, die sich um das Wohl von Banken mehr kümmert, als um das der eigenen Bevölkerung. Es ist abzusehen, dass der Widerstand in der Bevölkerung gegen diese Politik der ungerechten Verteilung der Gewinne und der Lasten zunehmen wird, und dass an mehreren Orten, wie jetzt in Griechenland, entstehen wird, was unsere Medien „bürgerkriegsähnliche Zustände“ nennen. Und es ist absehbar, dass die Regierungen, der populistischen Lippenbekenntnisse zum Trotz, in diesem Zustand einer an ihrer eigenen Ungerechtigkeit auseinanderbrechenden Gesellschaft gegen ihre unbotmäßigen Bürger immer mehr die Polizei einsetzen wird. Eine Polizei, die möglicherweise zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, auch in Deutschland um ihr demokratisches Grundverständnis ringen muss. Weiterlesen »
Okt
27
2011
Odysseus, der listenreiche, lässt, um sein Schiff vor dem Verderben zu retten, seinen Leuten die Ohren mit Wachs verstopfen, damit sie den verhängnisvollen Gesang der Sirenen (die Angst/das Begehren) nicht hören. Er selber aber lässt sich an den Mast des Schiffes binden. Er will diesen Gesang hören und zugleich das Schiff retten. Ist es Erkenntnis oder Genuss was ihn treibt? Auf jeden Fall geht es um eine Trennung zwischen den Rudernden und dem Steuernden. Oder auch den Handelnden und dem Zeugen. Odysseus wird, so vermuten Adorno und Horkheimer, wohl zum ersten Bürger. (Aber würden sich die späteren, die „echten“ Bürger tatsächlich so einer Qual aussetzen?)
Um seine beiden Impulse, das Schiff zu retten und den Gesang der Sirenen zu hören, zu erfüllen, muss Odysseus sich widersprüchlich verhalten. Frei bleiben und sich selbst dem extremsten Zwang aussetzen. Und er muss wissen, dass Erkenntnis oder Lust dabei mit Qual verbunden sein wird. Er unterwirft sich einer Gefangenschaft, die er selber organisiert. Damit, in der Tat, begründet er eine neue, bürgerliche Form der Gefangenschaft, die man später „Selbstkontrolle“ nennen wird. Hier geht es nur darum, dass das Subjekt und das Objekt einer Fesselung (Unterwerfung, Machtausübung, Ordnung etc.) ein und dieselbe Person ist. Das ist, scheint mir: „neu“. Weiterlesen »
Okt
25
2011
Es war einer jener wunderbaren Herbsttage, an denen die Sonne noch einmal protzt und das Laub vor Vergnügen raschelt, wenn die Schulkinder ihre Schuhe darin versauen. Wo anders als im Biergarten ihres Vertrauens hätten die Herrn Reiner und Kainer ihn verbringen sollen?
„Stellen Sie sich vor, was ich gelesen habe“, begann Herr Reiner nach einem tiefen Schluck das Gespräch. „Es gibt mehr Menschen, die an Engel glauben als solche, die an Gott glauben. Das hat man statistisch herausgefunden.“
„Das verstehe ich nur zu gut“ antwortete Herr Kainer. „Ich zum Beispiel, ich mag Postboten. Aber ich glaube nicht an Post. Jemand, der mir einen interessanten Brief schreiben könnte, ist schon längst gestorben.“
„Das ist doch kein Vergleich“, protestierte Herr Reiner, „Engel und Postboten!“
„Sagen Sie so was nicht“, warf eine Dame mit einem sehr kecken Hut ein, die gegenüber ihrer Freundin (oder war es vielleicht eine Schwester) auf der Bank Platz genommen hatte, auf der Herr Reiner, dem Herrn Kainer gegenüber, saß. „Mein Postbote, das war ein rettender Engel. Weiterlesen »
Okt
09
2011
Wie unser System funktioniert (für die da oben) und nicht funktioniert (für uns hier unten) zeigt eine Meldung der dpa vom 8. Oktober: „Bahn steuert zwei Milliarden Euro Gewinn an. Die Bahn will in diesem Jahr die Marke von zwei Milliarden Euro beim Gewinn übertreffen: ‚Wir sind das einzige Bahnunternehmen Europas, das in der Krise Gewinne gemacht hat’, sagte Bahnchef Rüdiger Grube.“
Wer sich über Unpünktlichkeit, schlechten Service, unverschämte Preisgestaltung, bürokratischen Wahnsinn, Weiterlesen »
Okt
08
2011
Natürlich kann man eine „Finanzkrise“ als eine Systemkrise verstehen. Trotzdem kann es nicht schaden, sich gelegentlich ein Bild von den Menschen zu machen, die dahinter stecken.
Dazu zwei „Nachrichten“ aus der Financial Times Deutschland vom Freitag, dem 7. Oktober 2011:
„Es gibt ja viele gute Gründe, zu einer Messe zu fahren. Bei der Immobilienmesse Expo Real, die diese Woche in München stattfand, kamen weiter Argumente hinzu – zumindest für die Damen. Als Münchner Veranstaltungstipp riet das Branchenblatt ‚Immobilien Zeitung’ im Messeplaner zum Besuch einer Tabledance-Bar, wo sich täglich wohlgeformte Herren entblättern. Weiterlesen »
Okt
07
2011
1
„Wir sind eine tolle Truppe“, sagte der Werwolf stolz. „Ja, uns entgeht so leicht nichts“, pflichtete der Waswolf bei. „Wir kennen uns aus!“ rief der Wiewolf fröhlich. „Karte und Gebiet“ murmelte der Wowolf. „Historisch genau“ meinte der Wannwolf.
„Äh, Jungs, ich habe da noch eine kleine Frage.“, grummelte der Warumwolf.
„Das musste ja kommen“, seufzte der Werwolf. „Es ist immer das Gleiche“, stimmte der Waswolf ein. „Das kennen wir schon!“ rief der Wiewolf barsch. „Sicher wie die Sonne in der Wüste!“ führte der Wowolf aus. „So wird das nie was mit unserer Truppe“ klagte der Wannwolf. „Warum?“ fragte der Warumwolf.
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Sep
16
2011
1. Akt
Das Paar vor dem Fernseher
Er
I woas net. Muas des sei? Imma da söbe Kas.
Sie
Jo, genau. Imma da söbe Kas.
(Vorhang)
2. Akt
Das Paar vor dem Fernseher
Er
I woas net. Imma müasn’s ois anderscht macha. Des war frühra do so sche. Weiterlesen »