Jul
31
2010
Wenn man sagt: Der Sinn des Lebens ist das Leben (und fast alle nicken bedächtig und verständig mit dem Kopf), so macht man sich den Abgrund nicht recht klar zwischen dem Satz: “Selbstverständlich lebe ich.” und der Frage: “Wie verständlich lebe ich?” (Für mich und für die anderen.) Mehr als selbstverständlich, und zugleich weniger, nämlich verständlich zu leben, dürfte einem alten Griechen, auch wenn er nicht allzu großen philosophischen Ehrgeiz besaß, als erstrebenswert erschienen sein. Vor dem Anspruch verständlich zu leben flüchten wir Heutigen uns lieber, wenn auch in die unterschiedlichsten Richtungen.
Was uns auf die schmerzhafte Frage bringt: Warum eigentlich waren diese alten Griechen so klug? Und warum sind wir so hemmungslos blöde? Weiterlesen »
Jul
14
2010
Es war ein Seitenprojekt der Aufklärung, auch dem Körperlichen, Geschlechtlichen und Lustvollen eine Sprache zu geben, gegen die Heuchelei und das Verbergen vor einer gewaltigen „moralischen“ Instanz, der christlichen Kirche.
Eine Kirche ist der Ausdruck dessen, was an einer Religion nicht stimmt (und „Fundamentalismus“ wiederum ist der Ausdruck dessen, was an einer Kirche nicht stimmt). Drückte die Kirche also Augustinische Leibfeindlichkeit und Frauenfurcht aus, oder hatte sie vielmehr das Machtpotential einer Hysterisierung des Körpers erkannt? Weiterlesen »
Jul
09
2010
Etwas aus der Mode gekommen ist der biblische Gedanke vom Menschen, der „verdirbt“. Vielleicht spielt die bürgerliche Umdeutung in moralischem Sinn dabei eine Rolle. Vielleicht haben wir nur andere Bezugspunkte: Der Mensch geht kaputt (mechanisch), er baut ab (Zirkus), er gibt den Löffel ab (sarkastisch-kulinarisch-sozialstaatlich), er verfällt (architektonisch), er lässt nach (sportlich). Dabei scheint mir das Verderben immer noch das genaueste Bild. Menschen, die durch äußere Einflüsse das wesentliche verlieren: genießbar zu sein. Nahrung für die anderen und die kommenden. Der verdorbene Mensch muss im Angesicht des Todes Angst vor seinem zurückliegenden Leben haben. Weiterlesen »
Jun
17
2010
Meiner Lieblingsrubrik „Titelschutz“ im „Börsenblatt des deutschen Buchhandels“ entnehme ich, dass endlich, endlich auch die „Lesekultur“ auf den deutschen Nationalsport eingeht. So wird Titelschutz beansprucht für
eine Reihe mit dem Titel „Grillen wie in…“ (ich freue mich auf „Grillen wie in Darmstadt“; das wird ein Knüller; von „Grillen wie in Afghanistan“ rate ich ab).
Desweiteren wird es voraussichtlich geben: Weiterlesen »
Jun
17
2010
Egal was es ist, wenn es Kunst ist, muss es besprochen werden in einer Art, in der man weiß, dass es nie zu Ende besprochen ist. Eine Kritik, die behauptet, sie hätte so etwas wie ein endgültiges Urteil parat, kann man ohne weiteres in die Mülltonne klopfen. Alle dreißig bis vierzig Jahre, sagt man, gibt es ein große Revision, ein Neubewerten und Verstehen. Dann geht die Sache wieder von vorne los.
Doch die zyklische Neu-Entdeckung und Neu-Interpretation bedeutet nicht, dass es keine nachhaltigen Diskurswechsel in der Kunst und ihrer Theorie (mehr) geben könne. Weiterlesen »
Jun
16
2010
- Nicht das Fähnchen so in den Dreck, Peterle!
- Das gibt man ja auch eigentlich keinem Kind zum Spielen. So eine Deutschlandfahne. Das ist für Fußball oder für Politik.
- Ja mei, was soll ich machen. Wir haben ja so viel. Sogar da in der Micky Maus war eine drin, oder so was. Deutschlandfahne mein ich. Und mein Schwiegersohn hat doch schon alles so mit Fahnen. Die Autos, vor dem Fenster, sogar im Wohnzimmer und auf die Fernseher. Ich sag Ihnen, ich kann’s schon bald nicht mehr sehen.
- Also das dürfen Sie jetzt nicht sagen. Aber schon wahr: Mein Schwiegersohn hat sie auch überall.
- So, ist das auch ein Fußballfan?
- Nein, ich glaub, der hat einfach so gern Fahnen. Der sieht sie halt gern flattern, da fühlt er sich immer gleich besser, hat er gesagt.
- Jetzt tust aber das Fähnchen einmal aus dem Dreck, gell!
- Ich sag’s ja: Nicht einmal beim Hitler ham wir so viel Fahnen gehabt. Weiterlesen »
Jun
11
2010
Was soll der Mensch in der Welt, wenn er nicht arbeiten kann? Arbeiten und Leben ist so aufeinander bezogen, dass selbst die Alternativen – Ausruhen, Faulenzen, Dolce Far Niente – darauf bezogen sind. Die Welt bearbeiten mit immer besseren Werkzeugen, Natur unendlich zu verwandeln, bis, nach der Vorstellung von Karl Marx sie vollends menschlich geworden ist, oder bis sie, nach den Vorstellungen des Dagobert Duck-Kapitalisten alles Profit bringt, auch am Hindukusch.
Menschen, eben deswegen, haben nicht nur Instrumente, sie sind auch welche. Einer (der Reichere und Mächtigere) bedient sich des anderen (des Ärmeren und Ohnmächtigeren), und um das zu erreichen muss er zwei Dinge tun: den anderen unterwerfen und den anderen „effizient“ machen. Ein Sklave muss mehr einbringen als er an Nahrung und Kleidung kostet, sonst könnte man ihn ja gleich freilassen (bzw. in einen Lohnarbeiter verwandeln, der genau dann entlassen werden kann, wenn diese Rechnung nicht mehr aufgeht, und wieder eingestellt, wenn sich die Verhältnisse ändern). Deshalb kamen Sklavenhalter schon früh auf die Idee, ihre menschlichen Arbeitsinstrumente nicht nur zu rauben, sondern auch zu „züchten“. Weiterlesen »
Jun
08
2010
Das Komische, na klar, hat einerseits einen unbezweifelbar therapeutischen Zweck (wer sich krank lacht, will sich in Wahrheit gesund lachen); es hilft dem Unterdrückten (was Sexualität, Politik, Religion, Mamma und den Polizisten anbelangt) zum hinterrücksen Ausdruck. Aber genau da haben wir es schon. Die komische Umgehung der Zensur ist immer auch ihre Bestätigung.
Unsere mediale Lachkultur freilich (und sie geht einer nicht unerheblichen Anzahl von Menschen zunehmend auf die Nerven) leidet erst einmal unter einem sehr erheblichen Mangel an Zensur. Das widerspricht dem ollen Sigmund Freud doch fundamental, der behauptet hat, auch diesbezüglich sei das Komische vor allem eine Antwort auf die Repression. Nun sehen wir, dass in einer Gesellschaft, in der was Sexualität, das Bild und den Text dazu, anbelangt, eigentlich beinahe nichts verboten ist, alle Welt in Zoten, Obszönitäten und lustspielhaften Umkreisungen der Geschmacklosigkeit schwelgt. Weiterlesen »
Mai
25
2010
Die offene Kritik
Wenn man die Dinge kritisiert, wie sie sind, müsste man es im Namen einer besseren Möglichkeit oder gar im Namen der offenen Zukunft machen. Was aber, wenn es keine Zukunft gibt? (Und unendlich viele Möglichkeiten, die sich nicht als „richtig“ und „falsch“ ausweisen können.)
No Future – nicht in der Form, dass es kein Morgen gibt. Keine Entwicklung mehr, keine Geschichte. Sondern in der Form, dass es keine lineare Entwicklung, kein Projekt, in Wahrheit nicht einmal eine Hoffnung gibt. (Auf diesen Teil der philosophischen Grundfragen, „Was darf ich hoffen?“, fällt uns derzeit nicht wirklich etwas ein.) Weiterlesen »
Mai
21
2010
Ist der Kapitalismus noch zu retten? Antworten, und keine erfreulichen, gibt meine Lieblingsrubrik im Börsenblatt des deutschen Buchhandels. Dort nimmt ein gewisser FinanzBuch Verlag Titelschutz in Anspruch für kommende Werke mit Titeln wie
- Weltkrieg der Währungen
- Unser Weg in den Systemkollaps
- Der Staatsbankrott wird kommen!
Aber: Um die Zukunft des Systems muss man indes nicht fürchten, denn
- Große Erfolge entstehen in Krisen
- Der freche Vogel fängt den Wurm
- Nach der Krise ist vor dem Aufschwung
Wer immer noch voller Sorgen ist, darf auf dieses Buch gespannt sein:
- So erziehen Sie Ihr Kind im Umgang mit Geld. Weiterlesen »