Archiv für die 'Filmwissenschaft'-Kategorie

Okt 06 2011

Anmerkungen über “Atmosphäre”

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Filmwissenschaft, Semiotik.

1: Vom Atmen der Bilder

Atmosphäre. Das ist eines jener merkwürdigen Worte mit mehrfacher Bedeutung, die erst in einem merkwürdigen Medium wie dem Kino wieder ein Ganzes meinen. Es spricht, ganz materiell, von jenem Raum um die Erde, in dem wir atmen können, ganz ideell von der Aura eines Raumes, und schließlich von der Stimmung eines Kommunikationsvorgangs. (Übrigens war früher die Atmosphäre eines Gespräches vielleicht angenehm, während heute eher die „Chemie“ zwischen zwei Politikern nicht stimmt, und auch im Kino bewerten wir gern die Chemie zwischen Stars, wenn es nicht gleich darum geht, ob es zwischen ihnen „knistert“: Physik!) Atmosphäre ist zugleich nicht sichtbar und eine Voraussetzung der Sichtbarkeit. Man kann sagen: Atmosphäre ist das Kino der Wirklichkeit.

Es ist das Unsichtbare, das durch das Sichtbare ausgedrückt wird. Die Einstellung der Kamera und ihre Bewegung auf Objekte, Architekturen, Landschaften und Personen, die uns auf der einen Seite in einer bestimmten Form vertraut sind, auf der anderen Seite uns auch etwas zu sagen haben (die also in dem Versuch gezeigt werden, ihre Fremdheit zu überwinden). Für die Kamera werden die Dinge arrangiert, um einerseits Informationen zu übermitteln, wobei Zeichen und Bezeichnetes beinahe identisch sein sollen. Weiterlesen »

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Feb 12 2011

Warum die Liebe so kinematografisch ist

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Filmwissenschaft, Gesellschaft.

Kein Mensch ist etwas, ohne zugleich etwas anderes zu sein. Und kaum sieht man ihn an, sucht er auch schon, diesem Blick entweder zu trotzen oder sich ihm anzupassen oder beides gleichzeitig. Deswegen fangen die meisten Probleme mit der Zahl drei an.

Als Liebe begreifen wir, vermutlich, eine Empfindung der vollkommenen Identität von Blick und Bild. Du siehst mich so, wie ich bin. Ich bin so wie du mich siehst. Manchmal dauert das einen Moment, manchmal (eher selten, um die Wahrheit zu sagen) ein ganzes Leben. Ob diese Identität von Blick und Bild „passiert“ oder ob sie „hergestellt wird“, das hängt von den kulturellen Codes ab. Jedenfalls muss durch die Liebe auch immer so viel verschwinden, wie erzeugt wird.

Denn, wie gesagt, kein Mensch ist etwas, ohne zugleich etwas anderes zu sein.

Deshalb wäre es wohl genauer zu sagen, dass die Liebe nicht nur kinematografisch ist, sondern sich viel mehr alles Kinemtaografische für die Liebe interessiert (und sei’s die Liebe des Cowboys zu seinem Pferd). Denn eine Kamera vermittelt zwischen Blick und Bild, mal dominant in jene, mal in die andere Richtung. Sie bearbeitet mit anderen Worten die Beziehung zwischen Blick und Bild, oder eben andersherum: Die Kamera bearbeitet die Liebe bzw. ihre Abwesenheit.

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Aug 15 2010

Was ist ein realistischer Film?

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Filmwissenschaft.

Realismus muss man mindestens fünf mal behandeln:

- Als eine besonders gelungene Illusionserzeugung (mit technischen Mitteln) („realistische“ Stunts, „realistische“ Special Effects).

- Als eine weitgehende Annäherung an das Körperliche, Organische, Schmerzhafte und Zerstörbare („realistische“ Darstellung der Enthauptung eines Zombie).

- Als eine direkte Wiedergabe historisch-sozialer Verhältnisse und der Situationen der Menschen in ihnen (eine „realistische“ Darstellung des Zweiten Weltkrieges, der Lebensbedingungen im Ghetto). Weiterlesen »

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Aug 04 2010

Der Körper und die Komödie (1)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Filmwissenschaft, Semiotik.

„Der Mensch“, so schrieb Georg Lucacs 1913 über das Kino, „hat seine Seele verloren, aber dafür den Körper gewonnen.” Aber natürlich war der Körper schon damals ein verteufelt widersprüchliches Empfinden; sehr einfach konnte man unterscheiden zwischen seinem Funktionieren von Arbeit und Lust, von der materiellen Nützlichkeit und der moralischen Verworfenheit, die in den Körperbildern auch des Kinos so schwer sich nur aufheben ließen.

Ein einfaches Modell besagt, die „proletarische“ Abbildung des Körpers im Kino zeige den Stolz darauf, was der Körper kann, während die „bürgerliche“ Abbildung des Körpers im Kino zeige, was der Körper will. Nicht erst seit es weder Proletariat noch Bürgertum mehr gibt ist klar, dass es nicht so einfach ist, dennoch sind „Können“ und „Wollen“ geeignete Koordinaten, um die Beziehung zwischen Körper und Welt im Bewegungsbild zu beschreiben: Impuls, Aktion, Reaktion, Ruhe. Wie aber „erstarrt“ der Körper im Bewegungsbild, wenn nicht zum Ding und Fetisch (zum Untoten)?

Immerhin: Der Körper scheint auch in den Kino-Geschichten aus 1001 einer Projektionsnacht Ausdruck der revoltierenden Macht; Kino-Geschichten handeln vom Aufstand des Körpers gegen die Ordnung, halbnackte Piraten im Kampf gegen Gouverneure, overdressed gewöhnlich, und was kann die jeweils nächste Generation gegen Unterdrückung durch die vorherige anderes einsetzen als den Körper? Weiterlesen »

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Mrz 30 2010

Die Dinge des Kinos

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Filmwissenschaft.

Das zweifache Objekt. Ein Spielfilm, natürlich, erzählt in der Regel eine Geschichte. Eine Geschichte ist einerseits die Kunst, auf eine Weise Menschen und Objekte im Raum und in der Zeit zu bewegen, die für den Empfänger so oder so einen Sinn erzeugt, in einem moralischen, ästhetischen und kulturellen Bezugsfeld. Und andrerseits hat diese Geschichte selber eine Form, sie hat eine Topographie, eine Architektur, einen Rhythmus der Bewegung, sie ist selber Körper und Objekt. (Ob die Bewegung den Raum oder der Raum die Bewegung erzeugt, sei für den Augenblick einmal dahingestellt.)

In einer Geschichte bewegen sich Menschen zwischen Objekten und Objekte zwischen Menschen. (Der Schatz, der Brief, das Indiz oder das Dokument wechseln mehrfach den Besitzer; fertig ist der Kino-Plot.) Ein Erzählziel unter vielen anderen kann es sein, lustvoll die Grenze zwischen Menschen und Objekten zu überschreiten, um sie am Ende angstvoll wieder zu ziehen, die Zauberbesen in die Ecke zu stellen. Das übergeordnete Erzählziel aber ist es, eine Einheit zwischen den Menschen und den Dingen zu schaffen; eine Geschichte erklärt, warum der Mensch erst vollständig ist als Ensemble von Körpern und Objekten. Weiterlesen »

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Mrz 04 2010

Perforationen. Das Filmische, das Dokumentarische, das Theatralische und die Vernetzung

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Filmwissenschaft.

Eventuell nützliche Abschweifungen

1

Das Dokumentarische im Allgemeinen und das Dokumentarische im Film im besonderen mussten sich in den neunziger Jahren einer Neubestimmung unterziehen lassen.  Auf der einen Seite entzog sich das Dokumentarische zunehmend dem Begriff, es drohte im Diskurs zu verschwinden. Was zum Teufel konnte noch „dokumentarisch“ sein zwischen Tagesschau und MTV? Auf der anderen Seite tauchte es an überraschenden Stellen wieder auf, beim Theater und in der Bildenden Kunst etwa (und zwar in ganz anderen Zusammenhängen als in denen man etwa in den sechziger und siebziger Jahren vom Dokumentarischen im Verhältnis zum Theater oder zur Kunst gesprochen hatte). Das Dokumentarische ist seit den neunziger Jahren auf eine nicht recht fassbare Weise „wieder da“. Und es musste „besprochen“ werden. Das geschah aus einer defensiven Haltung (im Mainstream) und einer offensiven Haltung (bei den ästhetischen Produzenten). Weiterlesen »

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Feb 15 2010

Notiz zu Heimat & Film

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Filmwissenschaft.

Die Geschichte des Kinos kann man nach vielen verschiedenen Kategorien hin von den Anfängen bis heute durchforsten, ohne jemals das alles erklärende und alles enthaltende Modell zu erzeugen. Eine dieser Kategorien wäre die Möglichkeit, zwischen „Heimatfilmen“ und „Weltfilmen“ zu unterscheiden. Aber selbst in diesem Zusammenhang kommt man um die Frage nicht herum, was denn nun „Heimat“ sei, für die Kunst im Allgemeinen und für das Kino im Besonderen. Ist, zum Beispiel, der Western eher ein amerikanischer „Heimatfilm“ oder ein „Weltfilm“, das universale Männermärchen? Vermutlich eine falsche Frage. Welcher Western mag das eine, welcher das andere sein? Welcher von den jüngeren deutschen Filmen, die sich mit Themen der deutschen Geschichte, der deutschen Gesellschaft beschäftigen, ist ein Heimatfilm?

Am Anfang der Filmgeschichte gibt es zwei Tendenzen der kinematografischen Haltung gegenüber der Welt. Weiterlesen »

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Jan 08 2010

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 1/10

Veröffentlicht von admin unter Filmwissenschaft, Kunst.

Der Angriff der Kunst-Filme auf die Filmkunst

Eine kurze Geschichte des Kinos geht ungefähr so: Geboren aus dem Geist des Jahrmarkts, dann wandernd zwischen Schnaps-Destillen, Hinterzimmern von Wäschereien und verlassenen Kirchen (jedenfalls in Amerika, wo man es mit dem Sakralen und dem Profanen eher pragmatisch hält), konnte Film erst als eigenständiges Medium erkannt werden, als es feste Häuser, schließlich gar „Paläste“, Stars und „Autoren“ und so etwas wie eine Theorie entwickelt hatte. Aus den bewegten Bildern von boxenden Kängurus, Damen im Bade und Kaiser Wilhelm (oder seinem Double) auf der Truppenparade entstanden zwei Tendenzen, die man bis heute gegeneinander zu halten pflegt: Die Tendenz Lumière, die kinematografische Abbildung der Welt wie sie ist, mehr oder weniger, wo man Arbeiter beim Verlassen der Fabrik sehen kann, und die Tendenz Méliès, das Kino aus Zauber- und Traummaschine, mit der man auf den Mond gelangen und den Teufel aus dem Kasten springen kann. Weiterlesen »

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Sep 29 2009

BILDER/FLÜSSE (1)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Filmwissenschaft.

Niemand kann zwei Mal in denselben Fluss steigen. So sagte es wohl Heraklit, aber es würde mich nicht wundern, wenn andernorts andere Menschen auf die gleiche Idee gekommen wären. Eine Idee, nebenbei, mit der bei vielen Leuten „das Nachdenken“ (oder einfach: das Philosophieren) begonnen hat. Bei anderen hat es damit aber auch schon wieder aufgehört; das ist das Kreuz mit „wuchtigen Sätzen“. So als wäre damit nämlich sowieso schon alles geklärt und man könnte auf die Frage, wie viel drei mal vier ist ebenso wie auf die Frage nach dem Ursprung des Unrechts antworten: „Niemand kann zwei mal in denselben Fluss steigen“. Weiterlesen »

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Sep 24 2009

Die Filmkomödie, eine Gattung oder ein Genre?

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Filmwissenschaft.

Die Frage ist aufgetaucht: Ist die Filmkomödie eine Gattung oder ein Genre? Ich kann sie natürlich nicht beantworten, wie es ein Experte tun würde. Aber den einen oder anderen Gedanken dazu kann ich schon beisteuern, zum freien Gebrauch.

1. Verhält es sich möglicherweise so, dass Genre und Gattung als zwei Erklärungsmodelle für einander irgendwie verwandte ästhetische Produkte gar nicht direkt miteinander korrespondieren. So also könnte man weder von einem Genre sprechen, das sich aus dem „Zerfall“ oder der Diversifikation einer Gattung ergeben hätte, noch umgekehrt davon, dass sich eine Gattung aus verschiedenen Genres zusammensetzen würde. Vielmehr würde, zum Beispiel, eine Filmkomödie sehr unterschiedliche Diskurse provozieren, je nachdem, ob ich sie einem Genre oder einer Gattung zuordnen würde. Beide Diskurse wären durchaus sinnvoll, und beide Diskurse hätten ihre Grenzen. Beide Diskurse könnten sich gegenseitig freilich auch durchaus verblüffen – und missverstehen. Weiterlesen »

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