Mrz
04
2010
Eventuell nützliche Abschweifungen
1
Das Dokumentarische im Allgemeinen und das Dokumentarische im Film im besonderen mussten sich in den neunziger Jahren einer Neubestimmung unterziehen lassen. Auf der einen Seite entzog sich das Dokumentarische zunehmend dem Begriff, es drohte im Diskurs zu verschwinden. Was zum Teufel konnte noch „dokumentarisch“ sein zwischen Tagesschau und MTV? Auf der anderen Seite tauchte es an überraschenden Stellen wieder auf, beim Theater und in der Bildenden Kunst etwa (und zwar in ganz anderen Zusammenhängen als in denen man etwa in den sechziger und siebziger Jahren vom Dokumentarischen im Verhältnis zum Theater oder zur Kunst gesprochen hatte). Das Dokumentarische ist seit den neunziger Jahren auf eine nicht recht fassbare Weise „wieder da“. Und es musste „besprochen“ werden. Das geschah aus einer defensiven Haltung (im Mainstream) und einer offensiven Haltung (bei den ästhetischen Produzenten). Weiterlesen »
Feb
15
2010
Die Geschichte des Kinos kann man nach vielen verschiedenen Kategorien hin von den Anfängen bis heute durchforsten, ohne jemals das alles erklärende und alles enthaltende Modell zu erzeugen. Eine dieser Kategorien wäre die Möglichkeit, zwischen „Heimatfilmen“ und „Weltfilmen“ zu unterscheiden. Aber selbst in diesem Zusammenhang kommt man um die Frage nicht herum, was denn nun „Heimat“ sei, für die Kunst im Allgemeinen und für das Kino im Besonderen. Ist, zum Beispiel, der Western eher ein amerikanischer „Heimatfilm“ oder ein „Weltfilm“, das universale Männermärchen? Vermutlich eine falsche Frage. Welcher Western mag das eine, welcher das andere sein? Welcher von den jüngeren deutschen Filmen, die sich mit Themen der deutschen Geschichte, der deutschen Gesellschaft beschäftigen, ist ein Heimatfilm?
Am Anfang der Filmgeschichte gibt es zwei Tendenzen der kinematografischen Haltung gegenüber der Welt. Weiterlesen »
Jan
08
2010
Der Angriff der Kunst-Filme auf die Filmkunst
Eine kurze Geschichte des Kinos geht ungefähr so: Geboren aus dem Geist des Jahrmarkts, dann wandernd zwischen Schnaps-Destillen, Hinterzimmern von Wäschereien und verlassenen Kirchen (jedenfalls in Amerika, wo man es mit dem Sakralen und dem Profanen eher pragmatisch hält), konnte Film erst als eigenständiges Medium erkannt werden, als es feste Häuser, schließlich gar „Paläste“, Stars und „Autoren“ und so etwas wie eine Theorie entwickelt hatte. Aus den bewegten Bildern von boxenden Kängurus, Damen im Bade und Kaiser Wilhelm (oder seinem Double) auf der Truppenparade entstanden zwei Tendenzen, die man bis heute gegeneinander zu halten pflegt: Die Tendenz Lumière, die kinematografische Abbildung der Welt wie sie ist, mehr oder weniger, wo man Arbeiter beim Verlassen der Fabrik sehen kann, und die Tendenz Méliès, das Kino aus Zauber- und Traummaschine, mit der man auf den Mond gelangen und den Teufel aus dem Kasten springen kann. Weiterlesen »
Sep
29
2009
Niemand kann zwei Mal in denselben Fluss steigen. So sagte es wohl Heraklit, aber es würde mich nicht wundern, wenn andernorts andere Menschen auf die gleiche Idee gekommen wären. Eine Idee, nebenbei, mit der bei vielen Leuten „das Nachdenken“ (oder einfach: das Philosophieren) begonnen hat. Bei anderen hat es damit aber auch schon wieder aufgehört; das ist das Kreuz mit „wuchtigen Sätzen“. So als wäre damit nämlich sowieso schon alles geklärt und man könnte auf die Frage, wie viel drei mal vier ist ebenso wie auf die Frage nach dem Ursprung des Unrechts antworten: „Niemand kann zwei mal in denselben Fluss steigen“. Weiterlesen »
Sep
24
2009
Die Frage ist aufgetaucht: Ist die Filmkomödie eine Gattung oder ein Genre? Ich kann sie natürlich nicht beantworten, wie es ein Experte tun würde. Aber den einen oder anderen Gedanken dazu kann ich schon beisteuern, zum freien Gebrauch.
1. Verhält es sich möglicherweise so, dass Genre und Gattung als zwei Erklärungsmodelle für einander irgendwie verwandte ästhetische Produkte gar nicht direkt miteinander korrespondieren. So also könnte man weder von einem Genre sprechen, das sich aus dem „Zerfall“ oder der Diversifikation einer Gattung ergeben hätte, noch umgekehrt davon, dass sich eine Gattung aus verschiedenen Genres zusammensetzen würde. Vielmehr würde, zum Beispiel, eine Filmkomödie sehr unterschiedliche Diskurse provozieren, je nachdem, ob ich sie einem Genre oder einer Gattung zuordnen würde. Beide Diskurse wären durchaus sinnvoll, und beide Diskurse hätten ihre Grenzen. Beide Diskurse könnten sich gegenseitig freilich auch durchaus verblüffen – und missverstehen. Weiterlesen »
Jul
14
2009
„Einige wollten den Roman als eine Art kinematographisches défilé der Dinge. Diese Vorstellung war absurd“. So schrieb Marcel Proust. Einige andere aber wollten das Kino als eine Art romanesken Reigen der Dinge. Diese Vorstellung war genau so absurd.
Sherlock Holmes und das Denkverbot: Man kam überein, das Richtige nur dadurch zu erhalten, dass das Falsche ausgeschlossen wurde. Schritt für Schritt werden alle Alternativen beiseite gelegt, und was am Ende übrig bleibt, das wäre, nun ja, die Wahrheit. Die Welt ist das sorgsam geschiedene Material, das erschöpfend behandelt wird. So wurde die Sherlock-Holmes-Wissenschaft zum Todfeind intellektueller Offenheit: Die Widersprüche sind nicht nur zwischen den Dingen, sondern in den Dingen zu beschreiben. Weiterlesen »