Archiv für die 'Denken'-Kategorie

Okt 30 2011

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 3/11

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Denken, Kultur.

12 Anmerkungen zum Verhältnis von Kunst und sozialer Bewegung

1

Jede soziale Bewegung ist zugleich eine ästhetische Bewegung. Es ist daher nicht die Frage, ob die Kunst etwas für die Bewegung tun kann (ob man, mit Bildern, mit Liedern, mit Theater oder Film, zum Beispiel, „die Welt verändern“ kann); das eine ist schlicht ohne das andere nicht denkbar.

2

Warum wird die Kunst in bestimmten Situationen und in bestimmten (politischen, ökonomischen, kulturellen) Milieus von solcher Bedeutung? Ganz offensichtlich ist die Spannung zwischen dem Kunstmarkt und der gesellschaftlichen Konstruktion der Kunst um etliches größer als in vielleicht „ruhigeren“ Zeiten. Die Frage ist mehr denn je: Wem gehört die Kunst. Weiterlesen »

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Aug 02 2011

Ikon & Hyperikon im Bild

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Denken, Gesellschaft, Semiotik.

Das Ikon ist das Zeichen, das durch Ähnlichkeit auf das Lebende (das „Original“) verweist. Ein Bild kann Ikon sein oder Ikone enthalten oder nicht.

Das Hyperikon ist das durch Ähnlichkeit erzeugte Zeichen des Bezeichnens (das Bild des Bildermachens). Es funktioniert also anders als das Indiz des Bezeichnens (die Gegenwart eines „Strichs“ oder eines „Farbauftrags“ in einem Bild, die sich nicht verbergen). Es „ähnelt“ dem Akt des Bildermachens.

Wenn zwei identische Farblithographien, sagen wir von Andy Warhol, nebeneinander hängen, ist so wenig zu sagen, welches Ikon und welches Hyperikon ist wie es nicht zu sagen ist, welches eine „echte“ und welches eine „geklonte“ Zelle ist. Noch schlimmer wird es, wenn Ikon und Hyperikon ineinander „flackern“. Weiterlesen »

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Jul 31 2011

Kleinigkeiten (9)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Denken, Gesellschaft, Medien, Semiotik.

„Ausnahmen bestätigen die Regel“ ist eine Regel, deren Ausnahmen ihrerseits keineswegs die Regel bestätigen können, sonst wären es ja keine Ausnahmen. Was folgt daraus?

Die Frage ist zunächst, was eine Regel ist. Beschreiben wir sie empirisch als schrittweise Verwandlung einer „regelmäßigen Wiederkehr“ („Gewohnheit“) in eine „Regelhaftigkeit“ (eine „Konvention“) in eine „Spielregel“ (Abseits, Tiefschlag verboten etc.) von wo aus wir weitere Transformationen in „Systeme“, „Sprachen“ und „Gesetze“ verfolgen können. Der unscharfe Begriff „Regel“ enthält also einerseits eine Geschichte der Verwandlung von Natur in Kultur (so wie zum Beispiel, durch Beobachtung von Regelhaftigkeiten „Naturgesetze“ werden, auf die man sich mehr oder weniger verlassen kann, weshalb es hier auch keine „Ausnahmen“ geben kann, sondern nur Anlässe, sie neu zu fassen), andererseits eine Verwandlung von Beobachtung in Ordnung, und dieser Ordnung in Zwang. Weiterlesen »

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Jul 22 2011

Nachschrift zu den „BLÖDMASCHINEN“ (4)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Denken, Gesellschaft.

LOB DES RAUNENS

Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Diesen Satz aus dem Tractatus benutzen besonders gerne Menschen, die sich ansonsten den Wittgensteinschen Zumutungen gern entziehen. So wie Marshall McLuhans Satz „Das Medium ist die Botschaft“ eben genau das zu erklären scheint, wozu wir intellektuelle Idioten ansonsten ein paar hundert Seiten brauchen (und dann immer noch Fragen offen lassen, was soll das?).

Worum es geht indes, ist die Suche nach dem Ort, wo dem Ausdruck des Denkens eine Grenze gezogen werden kann. Einleuchtend ist dann schon, zu behaupten, die Grenze meines Denkens seien die Grenzen meiner Sprache, vorausgesetzt ich verstehe unter „Sprache“ nicht das, was der Deutschlehrer darunter versteht. Aber halt! Wenn ich, in welcher Sprache auch immer, eine Grenze meines Denkens erkennen kann, denke ich dann nicht automatisch über sie hinaus, metaphysisch, phantastisch oder ideologisch? Und ist, was jenseits der Sprache liegt, „verboten“, „unwirklich“ oder „unvorstellbar“?

Wenn die Philosophie die Grenze des Ausdrucks des Denkens in der Sprache sieht, darf sie artig im Schoß der Wissenschaften bleiben. Denkt sie „unwissenschaftlich“ darüber hinaus, wird sie entweder zur „Kunst“ oder zum Wahn. Aber vielleicht haben die Philosophen die Grenzen des Ausdrucks des Denkens immer nur beschrieben. Es kommt indes darauf an, sie zu verändern.

Nehmen wir einmal an, ein „Machtpolitiker“ Weiterlesen »

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Mai 07 2011

Kleinigkeiten (7)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Denken, Kultur, Kunst.

Ein Friedhof wäre ein so wundervoller Ort, wenn da nur nicht so viele Tote herumliegen würden.

Kunst ist, was du machst, Kultur ist, was mit dir gemacht wird. Nur, dass es so fataler- wie glücklicherweise Kunst weder ohne Kultur gibt, noch Kultur ohne Kunst.

Der dümmste Gedanke der Welt ist derjenige, der behauptet, man sei nach etwas angestrengtem Nachdenken wieder genau da, wo man vorher war.

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Apr 18 2011

Positiv denken (II)

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Denken.

“Positiv gedacht”, sagte Professor L. (ich glaube, er nannte sich hauptsächlich zur Verkaufsförderung seines Buches und seiner Vortragsreisen so), “ist dieses Glas hier”, er zeigte triumphierend auf ein Glas, das bis zur Hälfte mit Wasser gefüllt war, “halb voll. Negativ gedacht ist es halb leer.”

“Positiv gedacht,” meinte die Forelle (es war, glaube ich, in einem erträglich hellen Bach), “habe ich mir einen leckeren Wurm gefangen. Negativ gedacht hänge ich an einer Angel. Wie schön, dass ich gelernt habe, positiv zu denken.”

Professor L. liebte Forelle “Müllerinnen Art”.

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Feb 11 2011

Randnotizen

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Denken.

Der Gag, behauptet Pierre Etaix, ist eine vergleichsweise neue Technik; bei Molière gibt es keine Gags, und auch nicht bei Kleist, könnten wir hinzufügen. Der Gag sei vielmehr eine Errungenschaft des Zirkus und des Kinos.

Vermutlich hängt das auch mit einer Form der Repräsentierung zusammen: Der Gag ist stets körperlich, das heißt übrigens auch, man kann ihn nicht einfach „erzählen“ (und doch muss man ihn „schreiben“). Und etwas an dieser Körperlichkeit des Gags ist stets zweifellos „echt“; es ist der Übergang vom Repräsentieren zum Simulieren. Ja, genau besehen ist jeder Gag eine Erinnerung an die Körperlichkeit des Lebens, zugleich Ausdruck der Verstofflichung und schließlich Verdinglichung und Protest dagegen. Im Gag wird der Körper wie ein Ding gesehen, und das Ding wie ein Körper. Glücklich am Gag ist, dass er diese Differenz sichtbar macht, die der Heroismus nebenan verschwinden lässt. Im Heroismus erscheint es sinnvoll, den Körper als Ding zu betrachten, und das Ding als Körper (den Körper zur Kampfmaschine machen und die Waffe zur Geliebten); im Gag bricht diese groteske Gleichung wieder auf.

Gags gibt es nur, wo es Heroismus gibt. Oder anders gesagt: Gags, als Manifestationen des verdinglichten und rebellischen Körpers, treten nur auf, wo Sprache zugleich herrscht und versagt. Dies unterscheidet den Gag von der Pointe: Weiterlesen »

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Feb 04 2011

Ideenskizze für ein Projekt zur theoretischen Begründung des zivilen Ungehorsams gegenüber der Abschaffung von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität durch Finanzkapitalismus und Postdemokratie

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Denken, Gesellschaft.

Für Menschen, die denken und fühlen, können „der Bürger“ und „die Bürgerin“ keine rundum sympathischen Erscheinungen sein. Deshalb sieht man sich gelegentlich gedrängt, das Bürgerliche zu überwinden, in der Welt und in sich selbst. Vermutlich indes gibt es nichts, was so tief bürgerlich ist wie die Sehnsucht nach dem Nicht-Bürgerlichen.

Die Hilfskonstruktion ist bekannt: Wir sprechen einerseits vom „Citoyen“, jenem Bürger des Staates, der diesem Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität abverlangt, wenn es sein muss auch mit den Mitteln des mehr oder weniger zivilen Ungehorsams. Das ist ein hellwacher, kritischer, aufgeklärter, zu Zeiten rebellischer, jedenfalls unruhiger Geist, der den Diskurs selber bestimmen will. Wir stellen uns den Citoyen und die Citoyenne als dynamische, empfindsame eher schlankere Menschen vor, die irgendwie immer mit einem „Projekt“ oder einer „Manifestation“ beschäftigt sind. Ausruhen können sie später, wenn die Welt eine bessere geworden ist.

Und wir sprechen andererseits vom „Bourgeois“, jenem Nutznießer des Kapitalismus, der sich gern dem Gerechtigkeits- und Solidaritätsfimmel des Staates entzieht, der möglichst alles beim alten belässt, es sei denn, es bringt ihm Profit und Vorteil, ein Mensch, der sich nichts daraus macht, zu genießen im Angesicht des Elends, der gleichwohl seine bigotten Rituale der Selbstbeweihräucherung hat, sei es in der Kirche oder vor dem Fernsehapparat, jemand, der sich blind stellt und sich gern verblenden lässt und der fette Speisen in einem fetten Körper begräbt. Weiterlesen »

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Sep 03 2010

Verblödung

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Denken, Kultur.

Wenn das, was Thilo Sarrazin angestoßen hat, eine „Debatte“ ist, dann ist Dieter Bohlen der Hegel von heute. Anders gesagt: Die Verblödung einer Gesellschaft hat nichts mit Genen zu tun, sondern mit ihrer Medien-Kultur. Und nur in einer ziemlich fortgeschritten verblödeten Gesellschaft kann jemand wie Sarrazin so viel publizistische Energie an sich binden, die man besser dazu verwenden könnte, Wege aus der medialen und pädagogischen Verblödung zu finden. Aber vielleicht ist das ja auch der End-Trick der ganzen Kampagne: Dass man lernt, nur noch auf die allerblödeste Art über Intelligenz zu reden.

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Sep 01 2010

Auf den Punkt

Veröffentlicht von Georg Seeßlen unter Denken.

Der Punkt, auf den man ein Problem gefälligst bringen soll, ist die gemeinsame Illusion seines Verschwindens. Ehrliche Menschen sind daher schon froh, wenn sie es zu einem Komma bringen.

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