Archiv für die 'Denken'-Kategorie

Mai 04 2014

Der Abdruck des Subjekts, die Ware als Antwort und der fundamentale Konformismus

Veröffentlicht von + unter Denken.

„Bekämpft“, sagen Adorno und Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“, „wird der Feind, der bereits geschlagen ist, das denkende Subjekt“. Der Kampf gegen das denkende Subjekt, so scheint es, ist in die Endphase der Hysterisierung gelangt. Für die Gesellschaft der marktkonformen Demokratie ist es als Feindbild der Nachfolger des „Kommunisten“ (nicht, dass man nicht auch noch auf dieses tote Pferd einprügeln könnte). Doch wer nicht denkt wie alle anderen, den soll nicht so sehr der Hass treffen, als vielmehr die Verachtung. Wir leben in einer Kultur der Verachtung, und noch vor dem Lesen und Denken lernt der Insasse dieser Kultur das taktische und strategische Verachten. Unter den Objekten der Verachtung befindet sich an prominenter Stelle, und nur scheinbar paradox, das denkende Subjekt. Mainstream-Medien in dieser Kultur haben vor allem als heißen Kern ihrer Botschaften-Knäuel die Verachtung des denkenden Subjekts.

Aber warum ist es „bereits geschlagen“? Und warum muss es so vehement „bekämpft“ werden? Vielleicht hilft ein kleiner Rückgriff.

Der Aufklärung schon kam das Ich in die Quere; kein Ding, musste Kant zugeben, ohne die Begleitung „meiner Vorstellung“. Was wahrgenommen werden kann, das muss durch ein Subjekt wahrgenommen sein. Wir müssen das Ich an jedem Objekt mitdenken, so weit so gut.

Verändert dies aber nur die Wahrnehmung des Dings, oder auch das Ding selbst? Hat es eine Spur des Subjekts in sich, einen Abdruck des Gesehenwordenseins? Gewiss, einem Baum sieht man es nicht an, ob ich ihn gesehen habe oder nicht, ob ein Ich ihn gesehen hat oder nicht. Es sei denn, ich beginne ihn zu bearbeiten. Dann wird zum Beispiel ein Tisch daraus und ein Stuhl, oder der Baum wird zum Träger eines Zeichens, aber es wird auch Geld und „Ordnung“ daraus. Weiterlesen »

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Apr 25 2014

OCCUPY PHILOSOPHY!

Veröffentlicht von + unter Denken.

Über das Grundrecht auf das Darauflosdenken (1)

1.

Jeder Mensch ist ein Philosoph, so wie jeder Mensch ein Künstler ist. Aber so wie nicht jeder Mensch ein Berufskünstler ist, ist auch nicht jeder Mensch ein Berufsphilosoph. Glücklicherweise.

Was den primären Wert eines Gedankens anbelangt, sind „Amateure“ genauso zu behandeln wie Berufsphilosophen. Ein interessanter Gedanke ist ein interessanter Gedanke und eine Plattitüde ist eine Plattitüde. Was hingegen die Diskurse anbelangt, gibt es große Unterschiede. Die Philosophie als Wissenschaft ist etwas anderes als die Philosophie als Lebensimpuls.

Dennoch verdient beides den Namen Philosophie, insofern es sich erst einmal um nichts anderes als um eine Zuneigung zur Weisheit handelt. Zu einer potentiellen eigenen Weisheit und zur, nur zum Beispiel, in Texten festgehaltenen Weisheit anderer. Natürlich waren Plato, Hegel und Wittgenstein weiser als ich, aber sie wären ganz schön dumm gewesen, wenn sie mir deswegen das eigenständige Denken austreiben hätten wollen.

Philosophie, könnte man behaupten, sei nichts anderes als die Lust eines Menschen, sich der Welt durch Gedanken zu nähern (und nicht durch Berechnungen, durch Taten, durch Kampf oder durch Gastronomie – was nicht heißt, dass es nicht zu alledem wiederum Philosophie gebe).

Die „Liebe zur Weisheit“ reicht zur Begründung dieses Impulses wohl nicht hin. Denn was heißt schon „Weisheit“? Seien wir ehrlich: Allein der Gebrauch des Wortes derzeit ist vor allem komisch. Genauer gesagt ist Humor überhaupt die einzige verbliebene allseits anerkannte Form der Weisheit. Weiterlesen »

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Apr 01 2014

ON THE ROAD

Veröffentlicht von + unter Denken.

Als Professor Knox seine alte Universität noch einmal betrat, weil er gerade in der Gegend war, fand er, wie er mir erzählte, folgende Tafel in der Eingangshalle. Jeder Begriff war mit Zahlen und Pfeilen versehen, es handelte sich offensichtlich um einen Wegweiser. Meinte Professor Knox.

 

USEFULL KNOWLEDGE                              UNUSEFULL KNOWLEDGE

UNUSEFULL NON-KNOWLEDGE                USEFULL NON-KNOWLEDGE

USEFULL DE-KNOWLEDGE                       UNUSEFULL DE-KNOWLEDGE

PRODUCING KNOWLEDGE/NON-KNOWLEDGE

USEFULL PRODUCING KNOWLEDGE/NON-KNOWLEDGE

UNUSEFULL PRODUCING KNOWLEDGE/NON-KNOWLEDGE

USELESS PRODUCING DE-KNOWLEDGE

USELESS USED KNOWLEDGE  – USED USELESS NON-KNOWLEDGE

USEFULL USELESSNES                              USELESS UNUSEFULLNESS

USED LESSNESS                LESS USED NEWS                   ULESS NESS U

 

Nachdem er die Tafel zwei Mal durchgelesen hatte, – bei der letzten Zeile war er sich nicht mehr ganz sicher, räumte er ein – beschloss Professor Knox zu verzweifeln. Er tat dies auf seine Art. Mit einem Spaziergang durch den Park. Dort haben wir uns getroffen, und er hat mir die Geschichte einer sonderbaren Tafel in seiner alten Universität erzählt.

 

 

 

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Dez 01 2013

LOST IN REALITY

Veröffentlicht von + unter Denken.

1

Das einzige, was wir mit vollständiger Sicherheit von der Wirklichkeit wissen ist, dass wir uns einen Begriff von ihr machen. Man könnte sagen: Es gibt die Wirklichkeit, weil wir sie offensichtlich „irgendwie“ brauchen. Die äußere Wirklichkeit, das ist derzeit das Ensemble all jener Dinge und ihrer Beziehungen zu einander, von denen die Mehrzahl der anderen Menschen die selbe Anschauung und das selbe Wissen haben, wie ich selbst. Die Wirklichkeit ist der Ort, an dem am meisten Menschen miteinander leben können (sie leben „miteinander“ auch und gerade dann, wenn sie einander umbringen).

Für die Menschen war es also einst die Wirklichkeit, dass die Sonne sich um die Erde dreht. Sie änderte sich nicht mit Galileos Erkenntnis, sondern dadurch, dass sie sich einerseits kulturell durchsetzte, und dass sie andererseits zu Anwendungen, also zu einer Umwälzung des Wirklichen führte. Immer hoffen wir auf neue Umwälzungen des Wirklichen. Und wieder wird nicht die wissenschaftliche Lösung, sagen wir einer Ent- und Rematerialisierung menschlicher Körper, die Wirklichkeit verändern, Weiterlesen »

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Mai 06 2013

Kleine Skizzen zur Veränderung der politischen Erzählung

Veröffentlicht von + unter Demokratie,Denken,Gesellschaft.

Stilbruch. Die Demokratie ist ein System, das den eigenen Bauplan enthält und in bestimmter Weise auch veröffentlicht. Die Aufgabe der Demokraten ist es, die Wirklichkeit, so gut es geht (und wir wissen, dass es nicht immer und überall gut geht) diesem Plan anzugleichen.

Die Postdemokratie ist ein System, das den eigenen Bauplan nicht enthält und schon gar nicht veröffentlicht. Die Aufgabe der Postdemokraten ist es, die Ideen, die man zum System haben kann, so gut es geht (und es geht am besten mit Hilfe der Medien) an die nicht-demokratische Wirklichkeit anzupassen.

Die Demokratie ist ein System, das die Nachricht zu rationalisieren trachtet.
Die Postdemokratie ist ein System, das die Rationalität zu vernachrichten trachtet.

Die Demokratie ist eine Erzählgemeinschaft, die um ihre eigene Aufklärung ringt.
Die Postdemokratie ist eine hysterisierte Erzählgemeinschaft.

Die Unfreiheit beginnt mit den Begrenzungen des Diskurses. Sie bestimmen, zunächst einmal, was nicht Diskurs werden darf. Die innere Begrenzung des Diskurses ist das Tabu, die äußere Begrenzung das Verbot. Das Tabu beschreibt den Gegenstand, der nicht berührt werden darf. Das ist Körperteil, Wesen, Ding, Thema oder Wort. Das Verbot indessen umfasst die Berührung, versieht sie aber zugleich mit einem großen „Nein“. So wird, auf einer zweiten Ebene, das Verbot zu einem Mittler (oder auch einem Mittelding) zwischen Tabu und Strafe. So muss die Hand abgeschlagen werden, die das Nicht-Diskurs-Ding oder das Tabu-Zentrum des Diskurses berührt hat.

So könnten wir einen Diskurs „Besitz“ oder „Eigentum“ (einschließlich der Unterscheidung von beidem) führen, indem wir uns seinem Kern entweder von den Begründungen, von den Praxen oder von den Strafen näherten, von der Grammatik des „mein“, „dein“, „unser“ und „ihrer“ oder im Archiv nach der ewigen Wiederkehr der göttlichen Übergabe des belebten und unbelebten Gegenstandes sähen. Weiterlesen »

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Mrz 02 2013

Skizzen zum Post-Menschen

Veröffentlicht von + unter Denken,Gesellschaft.

Die meisten Dinge, die sich radikal geändert haben, galten einst als fundamental unveränderbar.

 

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Die Ray Kurzweils dieser Welt behaupten, dass wir nur noch ein paar Jahre, maximal Jahrzehnte von einer dritten Schöpfung, der Schöpfung des Postmenschen, des Nachmenschen, sicher auch: des Übermenschen entfernt sind. Er ist wissenschaftlich neu erschaffen, tendentiell unsterblich, jedenfalls nicht den klassischen Prozessen von Alterung, Tod und Krankheit unterworfen, er ist inkludierend, insofern er permanent neue mechanische, digitale und medizinische Neuentwicklungen in seinen polyformen Körper aufnehmen kann, und er ist exkludierend, insofern er eine gegen die Gefahren der Umwelt nahezu perfekt gepanzerte Entität bildet. Das posthumane Wesen hat neue Schnittstellen zu den Maschinen und zu einander. Sexualität zwischen Menschen und Robotern zum Beispiel, was die Phantasie aktueller SF-Autoren und Wissenschaftsjournalisten beflügelt

Auf eine solche Gedankenblase kann man auf drei Arten reagieren. Erstens: Man kann es als neueste Spinnerei aus der technizistischen Pop-Kultur abtun und sich drängenderen Problemen wie, sagen wir der gerechten Verteilung von Nahrung und Energie auf der Welt widmen. Weiterlesen »

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Jan 20 2013

Skizze über das Interesse

Veröffentlicht von + unter Denken,Gesellschaft.

Das Interesse ist ein Begriff, den wir im allgemeinen situativ verwenden; was er bedeutet ist eine Frage des Zusammenhangs. Ganz allgemeinen könnte man es, der Herkunft des Wortes vom lateinischen „inter esse“, also dazwischen sein oder dabei sein, folgend, als den Wunsch des Ich begreifen, einen Teil der Welt für sich zu haben bzw. ein Teil der Welt zu sein. (Im Interesse scheint sich der Widerspruch zwischen dem Sein und dem Haben, den sich die Küchen-Philosophie gern leicht macht, in ein komplizierteres Geschehen aufzulösen.) Interesse ist ein Wort für die Beziehung zwischen dem Subjekt und der Welt

Es gibt mein Interesse an einer Sache, die irgendwo und irgendwie zum Erwerb steht, in diesem Fall scheint mein Interesse (das ich übrigens so weit als möglich aus ökonomischen und kulturellen Gründen verberge) ein Impuls des Haben-Wollens. Es gibt mein Interesse an den Ideen einer bestimmten Autorin, den Gebrauch von Zeichen betreffend, und in diesem Fall scheint mein Interesse ein Impuls des Wissen-Wollens, der Neugier und des Erkenntnisdrangs. (Vermutlich haben wir hier einen Anknüpfungspunkt zu Foucaults „Willen zur Wahrheit“ im Diskurs.) Eine Unternehmung, ein Handel, ein Geschäft kann für mich interessant scheinen (und „interesse“ – Mehrzahl – bedeutet im italienischen Banksprech nichts anderes als „Zinsen“). In diesem Fall scheint mein Interesse ein Impuls des Nutzens und der Nützlichkeit. Und schließlich kann ich Interesse an einem anderen Menschen haben (oder, altmodischer, „nehmen“ – bezeichnender Wandel!), das heißt mein Interesse ist ein Impuls der Emotion, Sexualität, Sympathie, Solidarität.

Wie der Diskurs, so wird auch das Interesse also von vier Elementen bestimmt, die einander zugleich ergänzen, verstärken und widersprechen. Es geht um Besitz/Eigentum (was nicht das gleiche ist), Erkenntnis, Nutzen und Beziehungen. Weiterlesen »

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Jan 17 2013

Kleinigkeiten (26)

Veröffentlicht von + unter Demokratie,Denken,Gesellschaft,Kultur.

Und was liest man in Deutschland so, wenn kein neuer Sarrazin auf den Markt kommt und „Mein Kampf“ noch auf die Veröffentlichung wartet? Zum Beispiel: „Rote Lügen in grünem Gewand: Der kommunistische Hintergrund der Öko-Bewegung [Gebundene Ausgabe].“ Darin belegt ein gewisser Torsten Mann etwa folgendes, laut PR-Text: dass die “Klimakatastrophe” genau so eine Lüge ist wie zuvor schon das “Waldsterben” und das “Ozonloch”. Der grünen Politik liegen nicht etwa ökologische Absichten zugrunde, sondern rein ideologische Motive, die ausschließlich darauf abzielen, die Marktwirtschaft der westlichen Nationalstaaten in den Ruin zu treiben. An ihrer Stelle soll ein globaler Umverteilungsstaat nach dem Vorbild der Sowjetunion errichtet werden, der von einer zur Weltregierung ausgebauten UNO planwirtschaftlich kontrolliert wird.

Die Nationalstaaten sollen immer enger in die Zwangsjacke überstaatlicher Gebilde eingebunden werden. Von der Öffentlichkeit unbemerkt, befinden wir uns auf dem Weg in eine ökosozialistische Diktatur, die jedem einzelnen Menschen vorzuschreiben gedenkt, wie er zu leben und zu arbeiten hat.

Dieses Buch reißt den Protagonisten der Ökobewegung die Maske vom Gesicht. Es dokumentiert ihre Herkunft, ihre politischen Anschauungen und die verblüffenden Ähnlichkeiten zwischen den Planungen der einst sowjetischen Kommunisten und was kein Widerspruch ist der US-amerikanischen Hochfinanz anhand von zahlreichen Zitaten und Quellen. Unter dem Deckmantel des Umwelt- und Klimaschutzes droht die größte Umverteilung von Wohlstand in der Geschichte der Menschheit und eine Neue Weltordnung, die die Freiheit des Einzelnen nach den Prinzipien des Sozialismus massiv beschränken will.

Das haben wir uns doch gedacht, dass die Kommunisten dahinter stecken, wenn wir viel zu kleine Autos bauen, überall Bäume im Weg stehen und die Weltmeere voller Walfische sind. Vielleicht wollen die Kommunisten uns ja auch vergiften, mit Bio-Joghurt und linksdrehendem Schimmelkäse! Weiterlesen »

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Dez 16 2012

Kleinigkeiten (25)

Veröffentlicht von + unter Denken,Gesellschaft.

Das Projekt der Linken, wie immer sich diese selber definiert, ist nach wie vor in einer einfachen Aussage zusammenzufassen: Die Befreiung der Menschen von ungerechter, unterdrückender und ausbeuterischer Macht. Die Veränderung dieser Macht bzw. dieser Mächte verändert auch die Linke. Die Ungerechtigkeit, die Unterdrückung und die Ausbeutung sind vergleichbar konstant (da der Mensch als Objekt einigermaßen konstant bleibt und nicht, zum Beispiel, auf einmal fliegen oder gar mit einem Schlag „gut“ geworden sein kann); die Nutznießer von Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Ausbeutung wechseln Form und Methodik. Was man von der Macht sagen kann, bevor man ins einzelne geht: Die Macht ist immer auf der Höhe der Zeit. (Oder sie verschwindet.)

Daher hat Byung-chul Han natürlich vollkommen recht, wenn er sagt, die Macht sei beinahe perfekt, wenn sie gar nicht mehr bemerkt werde, und umgekehrt sei die Gewalt noch stets ein Anzeichen der Schwäche, nicht der Stärke der Macht. Die Macht ist demnach am perfektesten, die den Menschen ausbeutet, weil er ausgebeutet werden will, und die ungerecht ist, weil seine Adressaten Ungerechtigkeiten wollen, und  die unterdrückt, weil die Unterdrückten Geschmack an der Unterdrückung haben.

Wie kann man gegen die Ausbeutung eines Menschen sein, der ausgebeutet werden will (weil, zum Beispiel, die Ausbeutung Teil seines Weltbildes ist, seiner Ordnung, seiner religiösen Gewissheit, oder weil er die eigene Ausbeutung als ersten Schritt in einer Prozess-Kette sieht, in der er selber zum Ausbeuter werden darf)? Wie kann man eine Gerechtigkeit fordern, die denen, denen sie verwehrt wurde, als abscheulich, langweilig oder hinderlich erscheint? Es scheint ein leichtes, dem und der Linken einen Widerspruch zur Freiheit zu unterstellen. Wenn es ein Gutes war, was die Linke einmal gewollt haben mag, so wird sie, mindestens, zum Schlechten, im Zweifelsfall zum Bösen, wenn man Ausbeutung, Ungerechtigkeit und Unterdrücker gegen den Willen der Betroffenen abschaffen wollte. Oder gar mit Gewalt. Weiterlesen »

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Dez 04 2012

Was ist eigentlich Kritik, und warum steht es derzeit bei uns so schlecht damit?

Veröffentlicht von + unter Denken,Gesellschaft,Kultur,Kunst.

Wenn wir uns ein reiches und erfülltes Leben in einer demokratischen Zivilgesellschaft vorstellen – und augenblicklich scheint dies das Schönste, was wir uns auf Erden vorzustellen vermögen – dann spielt Kultur dabei eine nicht unerhebliche Rolle. Ein Zusammenspiel von Kunst, Alltagsleben und Wissenschaft. Kultur besteht einerseits aus schönen, interessanten, provozierenden und neuen Dingen und Ideen, die auf verschiedenste, nie ganz erklärbare Weise hervorgebracht werden, und andrerseits aus Menschen, die auf diese neuen Dinge und Ideen reagieren. Mit Wohlgefallen, Widerspruch oder Skepsis. Aber noch etwas gehört zur Kultur. Etwas, das zwischen beidem vermittelt, etwas, das beidem eine gemeinsame Sprache gibt, etwas, das aus vielen individuellen Begegnungen einen gesellschaftlichen Diskurs macht. Nennen wir es: die Kritik.

Im richtigen Leben ist Kritik etwas eher Lästiges, echt wahr. Man kann Leute nicht ausstehen, die dauernd an etwas herumzukritisieren haben. Ehepaare und Familien werden unausstehlich, wenn man einander permanent kritisiert. Und Erziehung, diese notwendige Traumatisierung – besteht sie nicht aus einer vollkommen ungleichen Verteilung des Rechtes auf Kritik und der Pflicht, sich ihr zu unterwerfen? Nichts ist am Ende demütigender, als öffentlich zur (politischen) Selbstkritik gezwungen zu werden.

Wenn sich jemand gar die Kritik als Beruf wählt, dann dürfen sie oder er nicht gerade mit einem Sympathie-Bonus rechnen. Und was haben wir für Bilder von Kritikern! Ignorante Stümper, deren Anmaßung im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Sachkenntnis steht. Sadistische Besserwisser, denen nichts solch großes Vergnügen bereitet wie die „Vernichtung“ eines Kunstwerkes durch das tückisch geschliffene Wort. Wichtigtuer und Wechsler in den Tempeln der Kultur. Weiterlesen »

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