Ausbeutung, Selbstausbeutung, Querausbeutung

Nur wer arm ist muss Geld ausgeben

Die Entwertung der Arbeit zugunsten des Kapitals hat einige wahrhaft verheerende Folgen. Kein Mensch kann sich durch das, was man einst Arbeit nannte (die Sache selbst, nicht die Karriere, die man damit vorantreibt, nicht das Geld, das man damit „macht“), hinreichend definieren. Pathetisch gesagt: Kein Mensch kann sich mehr durch Arbeit „würdigen“. Entweder müsste man sich einer Arbeit schämen, die in sich entwürdigend und gleichzeitig pauperisierend ist, oder einer anderen, die ihren Aneignungs- und Simulationscharakter gar nicht verbergen kann. Entweder verdient man mit guter Arbeit schlechtes Geld, oder man verdient mit schlechter Arbeit gutes Geld. Neoliberalismus bedeutet, sich für das erstere zu schämen, für das zweite nicht (jedenfalls nicht mehr, als man im Nebenhinein kompensieren kann).

Mit dem Untergang des Bürgertums als Klasse verschwindet auch jener Typ des reichen Müßiggängers, der das (durch Aneignung) erworbene Geld in mehr oder weniger öffentlich gelebten Genuss umsetzt. Er vollzieht die natürlich luxuriöseste Form des Opfers, indem er das Geld verprasst, statt es entweder in neues Geld, in mehr Geld zu verwandeln, oder seinen Zeitgewinn in politische Macht umzusetzen (eine Macht wiederum, der kaum etwas so sehr wie der offene Selbstgenuss verboten ist). Von der protestantisch-bürgerlichen Abspaltung der Kapitalismuskritik blieb indessen nichts als der Hass auf diesen „Müßiggänger“. Und in der Tat konnte die (deutsche) Sozialdemokratie nur deswegen vom Moderieret zum Motor der Neoliberalisierung werden weil es dieses Feindbild nicht mehr (oder nur noch als Mediengespinst) gibt. (Dietmar Dath: Klassenkampf im Dunkeln. Hamburg 2015 S. 25)

Wie sagt doch Dagobert Duck? „Wer Geld ausgibt, hat von den wahren Freuden des Kapitalisten nichts verstanden.“ Das klingt nur auf den ersten Blick nach dem protestantisch-analen Geizkragen, der er nun einmal ist, es ist aber auch eine wirkliche Nutzanwendung. Nur wer arm ist muss Geld ausgeben. Der Reiche lässt nicht nur andere für sich arbeiten, er gibt auch das Geld anderer Leute aus.

So verstehen wir, dass sich der spekulative Hass, den die Medien der Niedertracht wie die Bild-Zeitung verbreiten, eben nicht denjenigen treffen, der unentwegt zwischen ökonomischer und politischer Macht bzw. zwischen Macht-Anhäufen und Geld-Machen pendelt, sondern nahezu jeden, der es sich „auf unsere Kosten“ gut gehen lässt. Das sind dann „faule Griechen“ oder Rentenbetrüger, Asylanten als „Wirtschaftsflüchtlinge“, Sozialschmarotzer, und es sind die Banker, wenn sie auf dem Golfplatz oder bei der Party gesehen werden. Es ist nicht das Geld, auf das wir da neidig sind. Im Gegenteil, es ist das Leben, das in ihm gestorben sein soll.

Diese Verblendung hat einen einfachen Urgrund, nämlich die Arbeit als Strafe und Geld als einzige Erlösung davon. Der Hass trifft alle, die „etwas geschenkt“ bekommen. Reichtum und Macht werden indes dann „erlaubt“, wenn die Anstrengung, die man dafür aufbieten musste, Teil der Performance ist. (Hier setzt die Kunst der Simulation ein.) Politiker haben in Deutschland kaum Chancen, die zu erkennen geben, dass ihr Job ihnen a) Spaß macht und b) leicht fällt. Weiterlesen

Meist ruft die Bafin nur an

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) macht bei Verstößen, so steht es im Bogen „Finanzmarkt“ in der F.A.Z. vom 7.9., und zwar in 101 von 105 Fällen, etwas ganz böses: Sie ruft bei Verletzungen von Pflichten wie etwa der, „Geschäfte von Führungspersonen mit Aktien des eigenen Unternehmens zu veröffentlichen (directors’ dealings)“ nur kurz mal an. Dann ist aber auch gut. Dieses „unbürokratische Vorgehen“, so erfahren wir weiter, „spiegele sich in der geringen Rate von Bußgeldern wider“.

Das wird die nächste Discounter-Kassiererin freuen, die wegen eines Pfand-Bons entlassen wird. Auch in unbürokratischem Vorgehen.

Kleinigkeiten (4)

Es mag ja sein, dass die Wahrheit immer einfach und konkret ist. Wer weiß das schon, hat sie doch noch niemand gehabt, gesehen oder gehört. Egal. Wenn die Wahrheit auch einfach wäre, so ist es der Weg dorthin doch niemals. Aufgabe der Kritik ist es nicht nur, einfache Wahrheiten in Aussicht zu stellen, sondern auch den schwierigen Weg dorthin zu beschreiben. Der Versuch, einen schwierigen Gedanken in einfachen Worten auszudrücken, ist eine mindere Form der Lüge. Aber umgekehrt ist es natürlich auch nicht besser.

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Wir Bayern, Angehörige eines tückischen kleinen Bergvolkes, verzeihen einem betrügerischen Gewaltmenschen schon gerne einmal mit dem bei Preußens gern zitierten Spruch: „Aber ein Hund ist er schon“.

Aber jetzt haben wir einen Horst Seehofer, und der wäre gern so einer, von dem man das sagt.

Er ist aber kein Hund, sondern nur ein Opportunist. Ein Hund wird man so leicht nicht, und schon gar nicht bloß, weil man es gern werden will. Und wenn man sich dann auch noch beim Hund-Sein von Krawattenbürscherln aus dem hohen Norden beraten lassen muss: Aus ist es, Horst, sag’ ich. Zefix! Das reicht ja noch nicht einmal für einen Dackel.

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Arbeit im Spätkapitalismus ist ein Witz. Kein guter. Weiterlesen

Der Mensch als Instrument

Was soll der Mensch in der Welt, wenn er nicht arbeiten kann? Arbeiten und Leben ist so aufeinander bezogen, dass selbst die Alternativen – Ausruhen, Faulenzen, Dolce Far Niente – darauf bezogen sind. Die Welt bearbeiten mit immer besseren Werkzeugen, Natur unendlich zu verwandeln, bis, nach der Vorstellung von Karl Marx sie vollends menschlich geworden ist, oder bis sie, nach den Vorstellungen des Dagobert Duck-Kapitalisten alles Profit bringt, auch am Hindukusch.

Menschen, eben deswegen, haben nicht nur Instrumente, sie sind auch welche. Einer (der Reichere und Mächtigere) bedient sich des anderen (des Ärmeren und Ohnmächtigeren), und um das zu erreichen muss er zwei Dinge tun: den anderen unterwerfen und den anderen „effizient“ machen. Ein Sklave muss mehr einbringen als er an Nahrung und Kleidung kostet, sonst könnte man ihn ja gleich freilassen (bzw. in einen Lohnarbeiter verwandeln, der genau dann entlassen werden kann, wenn diese Rechnung nicht mehr aufgeht, und wieder eingestellt, wenn sich die Verhältnisse ändern). Deshalb kamen Sklavenhalter schon früh auf die Idee, ihre menschlichen Arbeitsinstrumente nicht nur zu rauben, sondern auch zu „züchten“. Weiterlesen