GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND VOM HERRN KAINER UND VOM HERRN N’BEMBÉ (32)

Die Dunkelheit senkte sich über die Stadt wie eine alte Zeitung über einen Dreckhaufen. Was das gnädigste war, das ihr an diesem Tag passierte. Aber unsere Freunde, der Herr Reiner und der Herr Kainer, saßen im Wirtshaus ihres Vertrauens und betrachteten andächtig ihre Weißbiergläser, aus denen die ersten Schlucke schon genommen waren. Und sie warteten auf ihren gemeinsamen Freund, den Herrn N’Bembé, der sich ein wenig zu verspäten schien.

„Manchmal“, sagte Herr Reiner bedächtig, „beschleicht mich ein sonderbares Gefühl.“

„Was mich anbelangt“, warf Herr Kaiser obenhin ein, „brauchen die sonderbaren Gefühle gar nicht zu schleichen.“

Wieder folgte eine längere Pause, in der draußen die große Zeitung mit dem genau so großen Dreckhaufen kämpfte, und drinnen die Ecken in ein andächtiges Halbdunkel versanken, weil, zuviel putzen ist auch nicht gesund.

Dann kehrte Herr Reiner zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen zurück und sagte entschieden: „Ich mein’ ja nur.“

„Ja, genau“, pflichtete ihm sein Freund bei.

Und dann war es auch schon Zeit, das nächste Weißbier bei der Kellnerin zu bestellen, die nur eines nicht vertragen konnte: Wenn man sie „Zenzi“ rief. Und jemand, der sich gar zu „Zenzi, Zahlen!“ verstieg, durfte manchmal lang warten. Sehr lang. Aber weder Herr Reiner noch Herr Kainer noch Herr N’Bembé hatte die Kellnerin jemals „Zenzi“ gerufen.

Nach dem ersten Schluck aus dem zweiten Glas, soviel Realismus muss sein, kam der Herr Reiner doch noch damit heraus: „Der Herr N’Bembé, so ein netter, humorvoller, verständiger und bei alledem so unaufgeregter Mensch – manchmal hab’ ich eben diesen Verdacht.“

„Was für einen Verdacht?“, fragte Herr Kainer ruhig. Weiterlesen

SPLITTER: Fragen über Fragen

Bevor man eine Frage stellt, muss man sich fragen, was sie bedeutet (ob sie von Bedeutung ist/wohin sie führt). Wie vieles, zum Beispiel, kann die Frage bedeuten:

Was gibt es heute abend zu essen?

Sie kann das eine oder das andere aussagen (denn jede Frage bezieht sich auf eine Aussage, so wie die Frage „Wer bin ich?“ nur Sinn macht in Bezug auf die Aussage „Ich bin“). Die Frage „Was gibt es heute abend zu essen?“ kann zum Beispiel bedeuten: Ich habe Hunger. Sie kann bedeuten: Mir ist langweilig. Sie kann bedeuten: Ich interessiere mich für den kulinarischen Diskurs.

Als Ableitung kann sie verstanden werden als „Wann gibt es endlich etwas zu essen?“ oder aber auch „Heute gibt es hoffentlich etwas anderes als gestern“.

In der Alltagspraxis wissen wir, dass die Frage

„Was gibt es heute abend zu essen?“

kolossalen Sprengstoff enthält und manch ein schwer einzudämmender Streit mit ihr begann. Es ist aber auch ebenso empirisch nachweisbar, dass die selbe Frage zu hoch interessanten Gesprächen, die Zubereitung von, sagen wir, Risotto, führen kann.

Man kann sich aber auch eine Frage vornehmen wie

Ist der Marxismus eine Wissenschaft?

Und schon sind wir wieder bei Foucault.

Jetzt kommen wir nämlich nicht mehr darum herum, die Frage zu beantworten: Warum ist es eigentlich wichtig, zu unterscheiden, ob Marxismus eine Wissenschaft ist oder nicht? Weiterlesen

Unterwegs (11)

 Lektüren in Frühstücksräumen und Hotellobbies

 

Ein Hotel ist eine Welt für sich, manchmal ein safe space. Erst wenn man dort einmal länger warten muss erkennt man es. Wer nicht gerade kommt oder nicht gerade geht ist ein Gespenst. Die Hölle ist ein Hotel, und der Himmel natürlich auch. In diese Gespensterwelt, die man nur wahrnimmt, wenn man nun eben gerade nichts macht, und schon gar nicht kommt oder nicht geht (man könnte sich vielleicht ein bisschen wichtigmachen, um zu prüfen, ob man überhaupt noch unter den Lebenden weilt) reichen Druckwaren aus deutschen Landen um es besonders gespenstich zu machen.

 

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Wo lernen die eigentlich dieses Haifischgrinsen? Da denkt man nichts böses und gabelt dann so etwas zum Frühstück: „Top 100 – Die attraktivsten Arbeitgeber Deutschlands 2015“. Da gibt es einerseits ganz viele Frauen und Männer in Business-Klamotten, gern auch mal bei Sport und in der Freizeit, und sie alle (wirklich alle) haben dieses Grinsen, das so gar nichts freundliches an sich hat, sondern einfach Raubtiere zeigt, die bereit sind, sich den besten Teil aus der Beute zu reissen. Dann gibt es auch „die Universum Top 100 Rankings“ als „ideale Arbeitgeber“. Die ersten Plätze belegen übrigens BMW, Audi, Porsche, Google, Volkswagen, Daimler / Benz, Lufthansa und so weiter beim „Business“-Sektor. Im „Bereich Engineering“ sind es dagegen Audi, BMW, Porsche, Volkswagen, Daimler / Benz, Siemens, Lufthansa. Und so geht das weiter, Seite um Seite. Vielleicht ist das eine Art Karrieristen-Porno?

Alles für die entsprechenden Typen nach dem „Persönlichkeitsprofil“ wie „Harmoniser“, „Karrierist“, „Leader“ oder „Hunter“. Weiterlesen