Die Abschaffung des Luxus

Es besteht ein Zusammenhang zwischen Protz, Prunk und Luxus. Sie ähneln einander im äußerlichen so sehr wie sie im Inneren voneinander geschieden sind. Der Protz (den man eindeutig negativ konnotiert hat) ist eine reine Imponiergeste. Man zeigt den anderen, über welche Kaufkraft man verfügt, was man sich leisten kann (einschließlich geschmacklicher Abweichung), und vor allem, wie unterschieden man von ihnen ist. Der Prunk ist schon eine Sache des guten Geschmacks. Prunk adelt nicht nur den Besitzer, sondern auch den Ort. Ein protziges Haus ist kein angenehmer Anblick, ein prunkvolles kann es durchaus sein. Es kann schön sein über die Masken und Spiegeln des Besitzers hinaus. Vollends entrückt ist der Luxus, der nicht nur eines materiellen sondern auch eines sozialen Nutzens enthoben ist. Luxus kann einen Aspekt des Prunks haben, im Extremfall sogar einen Aspekt des Protzes, sein Wesen tangiert das aber nicht. Luxus kann etwas sein, das keine Berührung mit der Außenwelt hat, keinerlei performatives Element, sondern reine „unvernünftige“ Schönheit.

Nehmen wir als Beispiel das Schloß Neuschwanstein des späten „Märchenkönigs“ Ludwig II. in Bayern. Natürlich könnte man es zunächst als „protzig“ ansehen, schließlich samplet es ja Zeichen von Macht, Reichtum und Verschwendung. Aber dazu ist es, bei näherem Hinsehen, viel zu sehr schon aus seiner Zeit gefallen, es ist zu introvertiert, zu „krank“. Und damit eignet es sich letzten Endes auch nicht zum Prunk. Wirklich guten Geschmack wird diesem seltsamen Märchenschloss niemand zubilligen, auch in seiner Unfertigkeit zeigt es ja doch, wie eklektisch, wie kulissenhaft, wie zerrspiegelhaft es Macht widergab. Bleibt also nur der Luxus. Dieses Schloss gehört in die kleine Reihe der großen sinnlosen Bauten, die nichts meinen als sich selbst. In seinem Schloss sprach der König nicht zu seinem Volk, sondern er verweigerte sich ihm.

Natürlich kann sich ein Reicher mehr Luxus „leisten“ als ein Armer. Aber es gibt auch den Luxus der Armen, der darin besteht, etwas zu tun, was weder durch die Armut erklärt noch darauf gerichtet ist, sie zu überwinden oder sie zu vergessen (wie, sagen wir, der Gebrauch billiger Drogen, oder die Ausübung einer Religion). Man kann zum Beispiel auch als Armer seine Zeit füllen mit Dingen, die keinen „Sinn“ haben. War nicht die tanzende Armut seit jeher ein Schreckgespenst der „vernünftigen“ Reichen?

Es ist eine der eingebauten Widersprüche der Kunst, das sie, unter anderem, zugleich Protz, Prunk und Luxus sein konnte. Sie ist als Protz eine soziale Waffe, als Prunk eine dialektische Einheit von Besitz und Geschmack, Aneignung und Veröffentlichung, und als Luxus reiner ästhetischer Überschwang.

Protz dient dem Heute, Prunk dient einer Geschichte, Luxus aber überschreitet die Zeitlichkeit.

Es entstehen flickernde Bewegungen zwischen dem Erwerben, dem Besitzen, dem Haben und dem Sein. Die Gesellschaften haben unter anderem die Aufgabe, zu definieren, was das eigentlich bedeutet, etwas „gehöre“ einem. Wie selbstverständlich gehörten in gewissen Gesellschaften auch Menschen einem anderen Menschen. Und umgekehrt gab es immer Dinge, die nicht einem einzelnen Menschen gehören können.

Jeder Besitz muss auf mehrere Weisen legitimiert werden. Natürlich scheint die erste, die ökonomische Legitimation uns seit geraumer Zeit als die wichtigste. Mir gehört, was ich gekauft habe. (Nur dass die bürgerliche Gesellschaft eine Grenze der direkten Kaufbarkeit errichtet hat: Man kann sich nicht mehr einen ganzen Menschen als Sklaven kaufen, wohl aber dessen Arbeitskraft, dessen Ideen, dessen Sexualität.) Dazu kommt eine politische Legitimierung: Ich kaufe, wozu ich die Macht habe. Als Inhaber einer gewissen Macht-Position (zum Beispiel ausgedrückt in einer „Klasse“) stehen mit gewisse Dinge einfach zu. (Der Dienstwagen zum Beispiel, die Büro-Ausstattung, das Assecoir der Macht.) Mir stehen überdies Dinge zu, die ich, im meritokratischen Zweig unserer symbolischen Ordnungen, „verdient“ habe. Leistung soll sich da gelohnt haben, vielleicht sogar der Einsatz für die Allgemeinheit, die „Schaffung von Arbeitsplätzen“. Und schließlich ist auch Geschmack eine Form der Legitimation. Wer den besten Wein herausschmeckt, der darf auch den teuersten kaufen.

Dies ist eine der bürgerlichen Konstruktionen des Besitzes, das man „die schönen Dinge“ nicht nur materiell, sondern auch geistig „erwerben“ muss. Das System des Besitzens in der Gesellschaft also ist nicht nur eine ökonomische, eine politische, eine moralische und sogar eine religiöse, sondern auch eine ästhetische. Man muss mit dem, was man besitzt, „richtig umgehen“. Im Idealfall wird der Überfluss, all das, was ich besitzen kann, ohne es wirklich zu brauchen, in Prunk und Luxus gespalten. Fällt es in den Protz zurück, wird es lächerlich. Wir wissen um das Tödliche im Lächerlichen.

Die Reichen können sich den guten Geschmack leisten. Das ist die eine Seite. Die Reichen sind auch verpflichtet, einen guten Geschmack zu haben. Wenn sie protzen, haben sie ihren Status bereits halb verloren, der Prunk bleibt ambivalent, den Luxus aber neidet ihnen niemand. Selbst der rasendste Revoluzzer kann mit einem Luxus, den er den Reichen abnähme, nicht viel anfangen.

Luxus ist kein Kapital. Luxus ist im Gegenteil die „unvernünftige“ Umwertung, Luxus ist selber schon beinahe antikapitalistisch. (Daher unsere Erzählungen von Imperien, Unternehmungen, Familien, Subjekten, die ihren Reichtum verloren, weil sie zu viel Luxus betrieben.) Und so allmählich beginnen wir zu verstehen, warum sich Neoliberalismus und Luxus, trotz der Produktion von absurd Superreichen, nicht wirklich vertragen.

Es ist nicht so sehr die „neidische“ Öffentlichkeit, die dem Reichen den Luxus nicht gönnt, es ist vielmehr das Kapital selbst, das ihn dazu zwingen will, den Luxusgegenstand wieder als Kapital zu behandeln und einzusetzen. Der Reiche darf nur insofern Luxus betreiben, als es sich dabei gewissermaßen um Kapital im Ruhezustand, und nicht etwa um entkapitalisierten Reichtum handelt. Aber er kann auch keinen Prunk mehr schaffen, es sei denn, man ist Mafia-König von Rom und bekommt eine Beerdigung, wie sie längst kein realer König mehr bekommt. Der Prunk nämlich stellt eine Dauer dar, die der Dynamik des Kapitals zuwiderläuft.

Die Logik des Kapitals hat sich nicht nur die Armen unterworfen, sondern auch die Reichen. Ein „unverschämtes Glück“ können sie nicht genießen; sie werden, wie die Geissens im Reality-TV, nur noch zu ökonomisch superpotenten Kleinstbürgern, die über den Status des Protzens, was die teuren Dinge des Lebens anbelangt, nie hinauskommen, und das Kunstwerk, das sich die Reichen einst als Luxus aneigneten, gewiss auch zum Prunkt, verkommt zu Protz und Kapitalanlage.

Ein geglücktes Besitzen, als ein Besitz, der mit allen Legitimationen und mit allen Zusatzwerten ausgestattet ist, war die Utopie der bürgerlichen Gesellschaft. Aber ein geglücktes Besitzen, das den Luxus als Transzendenz in sich trägt, ist ein schwieriges Unterfangen. Deshalb, unter anderem, werden jene Dinge, bei denen der Gleichklang von materiellem und geistigem Inbesitznehmen offensichtlich ist (kurz gesagt: die „kulturellen Dinge“), im Zeitalter des Neoliberalismus einer solch radikalen Entwertung unterzogen. Damit es sich vollständig in Kapital zurück übersetzen lassen kann, muss das Kunstwerk geistig möglichst umfassend wertlos werden. Deshalb unterdrückt der Kunstbetrieb alle Kunst-Diskurse, die einem solchen „Luxus-Besitzen“ zugewandt wären, und stattdessen entsteht ein radikaler Bruch zwischen Kunstmarkt-Kunst und Nicht-Kunstmarktkunst. Was dabei verloren geht ist die Möglichkeit eine geglückten Besitzens von Kunst.

In den gewaltigen Events der Freizeitindustrie vollzieht sich ein ganz ähnlicher Prozess. Während der Luxusgegenstand buchstäblich mit aller Gewalt in die Kapitalisierung zurück gedrängt wird, wird der Luxus einer sinnfreien Betätigung mit nicht weniger Gewalt in die Selbstoptimierung zurück gedrängt. Es soll, auch in den Fun-Sportarten zum Beispiel, keinen puren Nonsense geben, sondern es wird den Zwecken der Inszenierung und der Kontrolle unterworfen. Man soll unbedingt gesünder und leistungsfähiger werden, oder man soll um jeden Preis einen Kult der Gleichgesinnten erzeugen, welcher, unnütz zu sagen, vor allem als Konsumraum gedeiht. Vor allem aber geht es darum, stets nicht nur etwas zu machen, sondern zugleich auch ein Bild davon. Ein Bild, das anders als zuvor, nicht mehr den Augenblick des raren Glücks „festhalten“ soll, sondern in Echtzeit in eine Bedeutungsmaschinerie eingespeist wird.

Die Abschaffung des Luxus trifft die Reichen, den Mittelstand und die Armen wennzwar mit verschiedenen Methoden so doch mit gleicher Wucht. Das Kapital hat, wie es scheint, die Arbeit angegriffen, ihre alle Konstanz, Würde und Glück genommen, aber es hat dabei auch die Kunst des Besitzens angegriffen und ist drauf und dran, sie zu vernichten. Das Haben-Wollen findet in keinem Haben-Können mehr ein Happy End.

In dem Augenblick, in dem Luxus im Wettbewerb oder im Sinn der sozialen Performance besteht, ist er auch schon verschwunden. Eine luxurierende Gesellschaft nämlich würde sich in erheblichen Bereichen entkapitalisieren. Es ist nicht „die Vernunft“, die den Luxus verbietet, es ist das Kapital selbst.

Luxus besteht auf einer Unverhältnismäßigkeit von Aufwand und Wirkung. Daher gibt es natürlich auch einen Luxus des Denkens. Sogar einen Luxus der Kritik. Kritisches Denken, das sich nicht unter das Effizienz-Gebot stellt, ist purer Luxus. Denkt jemand etwas, ohne die Frage zu provozieren: Was kann ich damit anfangen? Auch die Kritik scheint nur noch als Instrument der Machtfrage legitimiert. Das Verstehen will nur durch seine Effizienz anerkannt werden; die Philosophie, derzeit in Mode, vor allem in ihrer Form der Moralphilosophie bei Betriebswirtschaftsstudentinnen und -studenten, soll sogleich als Kontrollinstrument der „wild gewordenen“ Märkte eingesetzt werden. Sie ist selbst nur noch in Tauschgeschäften und Machtverteilungen zugelassen.

Jede Form von Luxus entzieht dem Kapital Energie zur Selbstreproduktion. So wie es einen Luxus des „übertriebenen Reichtums“ gibt, gibt es auch einen Luxus der „übertriebenen“ Verweigerung. Der eine hat etwas, was man nicht „braucht“, die andere erklärt gewöhnliche Konsumdinge zu solchen, die sie nicht „braucht“. So entsteht auf der einen Seite ein Produkt, das absurd viel Arbeit benötigt (ein künstlerisches Projekt, ein Schmuckstück) und auf der anderen Seite eine Arbeit, die absurd wenig produziert (zum Beispiel die Herstellung eines Abendessens mit eigenen Händen und ohne elektrische Küchengeräte). Gerechtfertigt wird all dies indes durch seine mediale und durch seine performative Ausbeute. Das heißt: Den Insassen des Neoliberalismus ist es gerade dort, wo es „techisch“ gesehen, sehr einfach wäre, Luxus zu produzieren, semantisch fast unmöglich.

In einer totalen Kontrollgesellschaft, in deren vorletzten Entwicklungsstadien wir uns befinden, ist Luxus undenkbar. Jede Luxus-Geste wird bereits enteignet und rationalisiert, während sie entsteht. Die Vorstellung, sich durch Luxus zu befreien, wird mithin erst möglich, wo man sich zur gleichen Zeit der Kontrolle verweigert.

Luxus ist eine Form von Anarchie, die nicht nur den Anhängern des totalen Kapitalismus suspekt sein muss, sondern auch seinen Gegnern. Ist Luxus nicht eine Verhöhnung der Opfer? Ist das, was in Luxus verwandelt wird, der materielle Reichtum ebenso wie der ästhetische Überschwang, Lebenslust ebenso wie Melancholie, nicht viel eher dazu da, geteilt zu werden? Nein. Luxus ist eine Form der Aufbewahrung, der Sicherung, der Verteidigung von Kultur, die sich dem Wert-Diskurs verweigert. Ohne Luxus haben die Dinge keine positive Transzendenz mehr.

Ein Gedanke zu „Die Abschaffung des Luxus

  1. Vielen Dank für diesen einsichtsvollen Essay! Mich hat er spontan zur Reflektion über die jahrelangen Diskussionen zur Umgestaltung der Berliner Museumsinsel angeregt. Wie ergeht es diesem Luxus-Ensemble des Kaiserreiches und der Weimarer Republik unter den heutigen Bedingungen? Was wird der „Kommentar“ des Humboldt-Forums sein?

    mfG

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