Winzigkeiten (3)

Friedrich Schorlemmer hat ein Buch mit 768 Seiten herausgegeben, das der Verlag so bewirbt:

„Mit einem Wort in den Tag hineingehen. Den Tag mit einem Wort ausklingen lassen. Fünf Minuten innehalten“.

Da halte ich mit:

Guten Morgen. Scheißampel. Gute Nacht.

Gern geschehen.

*

Geldanlage 2016. Der Münchner Bankengipfel. Das ist eine „Sonderveröffentlichung in der Süddeutschen Zeitung“. Das ist schon ohnehin Realsatire, wie man so sagt. Aber das Titelblatt ist echt eine Wucht: Zwölf Männer in Anzug und Schlips fummeln mehr oder doch eher weniger, sehr viel weniger fachgerecht an Steuer, Tauen und Kurbeln einer Yacht herum: „Kurs halten. Weiterlesen

GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER UND VOM HERRN N’BEMBÉ (31)

„Wissen Sie“, frug Herr N’Bembé, als sich die Herrn Reiner und Kainer zu ihm gesetzt und stumm der Kellnerin das Weißbier-Signal gegeben hatten, „was mich an den Eingeborenen hier immer wieder verblüfft?“

Die Herrn Reiner und Kainer schwiegen erwartungsvoll.

„Diese Fröhlichkeit. Alles wird mit einem Lachen gemacht. Und die Lautstärke dazu. Es ist eben noch ein kindliches, unverdorbenes Volk.“

Die Herrn Reiner und Kainer sahen Herrn N’Bembé so verblüfft an, dass sie beinahe vergaßen, den magischen ersten Schluck zu nehmen. Herr N’Bembé legte daher eine rücksichtsvolle Pause ein. Dann fuhr er fort: „Sehen Sie sich etwa den Herrn Seehofer an. Immer lachen. Immer grinsen. Der kann die fürchterlichsten Dinge machen oder sagen, aber er grinst dabei. So sind die Eingeborenen hier. Sie lassen sich nie die gute Laune verderben.“

„Ja“, sagte Herr Reiner, „da haben Sie vielleicht recht. Wir haben ja früher den Verdacht gehabt, man habe ihm das Grinsen einoperiert. Aber vielleicht sind wir wirklich einfach ein grinsendes Volk.“

„Aber bestimmt.“ Herr N’Bembé sah versonnen aus dem Fenster auf den herbstlich ruhenden Biergarten hinaus. „Sehen Sie: wir Afrikaner. Wir kommen in dieses Land. Und was wollen wir? Arbeiten. Etwas Aufbauen. Demokratie. Und denken gar nicht daran, wie wir damit die Eingeborenen überfordern. Aber die lassen sich ja ihre Fröhlichkeit nicht nehmen. Weiterlesen

Eins auf die Presse, mein Herzblatt (47)

Das hätte ich auch nicht gedacht, dass ich in meinem Leben noch einmal das ZDF verteidigen müsste. Aber ausgerechnet in der F.A.Z. von einem Pegida-reifen Artikel auf der Medienseite mit dem Titel „Kopflos“ angegangen zu werden, weil man in der „Flüchtlingskrise“ zu soft sei und etwa einen Facebook-Post der Polizei in Mecklenburg-Vorpommern zitiere, nach dem es „angesichts des Flüchtlingszuzugs nicht mehr Kriminalität“ gebe, aber eine Sonderkommission in Braunschweig nicht erwähne, die Kriminalität unter Flüchtlingen untersucht, das hat nicht einmal das ZDF verdient.

Also, erst einmal die Fakten. Sonderkommission Braunschweig. Jaja: Die Polizei hatte im Laufe des Jahres einen – so berichtete FOCUS –  „bemerkenswerten Anstieg von Straftaten verzeichnet, bei denen Asylbewerber unter Tatverdacht standen, wie ein Sprecher sagte.“, so berichtete der Focus. Sagen wir mal so: Diese Kommission hat sich unter dem bemerkenswerten Namen „Soko Asyl“ gegründet. Und was man in der selben Zeitung, der F.A.Z nämlich, an anderem Ort hätte erfahren können, wird auch nicht erwähnt: Unter dem Strich, sagt nämlich Kriminaldirektor Küch da, würden ihn die Ergebnisse der Braunschweiger Soko nicht überraschen. „Ich bin seit 41 Jahren bei der Kriminalpolizei. Es ist ganz normal, dass bei so vielen Menschen auch Kriminelle dabei sind, so wie es auch niemand erstaunt, dass bei 80.000 Leuten im Stadion ein paar Idioten dabei sind.“ Weiterlesen

ALLES WISSEN. Abschweifung über die Bibliothek

Eine Bibliothek ist der Versuch, das Wissen zu veräumlichen. Selbst wenn man kein Buch lesen kann, ist eine Bibliothek ein Anblick des geordneten Wissens. Man weiß, dass eine Bibliothek Wissen bedeutet. Ein wenig so, wie man weiß, dass Geld Reichtum bedeutet. Nämlich etwas, das nicht allein durch eine Handhabung, sondern durch einen umfassenderen Gebrauch sein Potential entfaltet. Man muss das Buch lesen und auf eine oder andere Art verstehen, um es in Wissen zu verwandeln. Wer nicht lesen kann, der kann noch so viele Bücher haben, und hat doch kein Wissen davon, vielmehr hat er eine besonders unsinnige Art von Dekoration.

Bibliothek wird eine Ansammlung von Büchern erst, wenn sie mehr Bücher enthält, als ein einzelner Mensch lesen und verstehen kann. Es müssen sich subjektive Beziehungen und objektive Ordnungsprinzipen treffen. In der Ordnung seiner Bibliothek drückt ein Mensch seine Persönlichkeit aus.

Wann wird aus einer Ansammlung von Büchern eine Bibliothek? Offensichtlich müssen die Bücher den Raum erfassen. Eine Bibliothek ist nicht nur Dokumentation vergangener Lese-Erfahrungen, sondern auch Verheißung kommender. Schon deshalb müssen Bibliotheken wachsen. Sie wachsen gelegentlich über die Menschen, die sie angelegt haben, hinaus.

So wird die Bibliothek auch zu einem unheimlichen Ort. Es gibt Bibliotheken, in denen Menschen nur ermordet werden können. Es ist das Privileg einer vergangenen Bürgerlichkeit, in einer Bibliothek ermordet zu werden.

Die digitale Organisation des Wissens ist zugleich Fortsetzung und Ergänzung als auch Widerspruch zur Bibliothek. Durch die Digitalisierung des Wissens und der Texte wird die Bibliothek natürlich zu einem Ort des Luxus. Sie wird nicht wirklich gebraucht, und doch ertrüge man die Welt nicht ohne sie. Weiterlesen

Die Abschaffung des Luxus

Es besteht ein Zusammenhang zwischen Protz, Prunk und Luxus. Sie ähneln einander im äußerlichen so sehr wie sie im Inneren voneinander geschieden sind. Der Protz (den man eindeutig negativ konnotiert hat) ist eine reine Imponiergeste. Man zeigt den anderen, über welche Kaufkraft man verfügt, was man sich leisten kann (einschließlich geschmacklicher Abweichung), und vor allem, wie unterschieden man von ihnen ist. Der Prunk ist schon eine Sache des guten Geschmacks. Prunk adelt nicht nur den Besitzer, sondern auch den Ort. Ein protziges Haus ist kein angenehmer Anblick, ein prunkvolles kann es durchaus sein. Es kann schön sein über die Masken und Spiegeln des Besitzers hinaus. Vollends entrückt ist der Luxus, der nicht nur eines materiellen sondern auch eines sozialen Nutzens enthoben ist. Luxus kann einen Aspekt des Prunks haben, im Extremfall sogar einen Aspekt des Protzes, sein Wesen tangiert das aber nicht. Luxus kann etwas sein, das keine Berührung mit der Außenwelt hat, keinerlei performatives Element, sondern reine „unvernünftige“ Schönheit.

Nehmen wir als Beispiel das Schloß Neuschwanstein des späten „Märchenkönigs“ Ludwig II. in Bayern. Natürlich könnte man es zunächst als „protzig“ ansehen, schließlich samplet es ja Zeichen von Macht, Reichtum und Verschwendung. Aber dazu ist es, bei näherem Hinsehen, viel zu sehr schon aus seiner Zeit gefallen, es ist zu introvertiert, zu „krank“. Und damit eignet es sich letzten Endes auch nicht zum Prunk. Wirklich guten Geschmack wird diesem seltsamen Märchenschloss niemand zubilligen, Weiterlesen