Das Geld und die Freiheit als Tauschobjekt

Onkel Dagobert lebt hier nicht mehr

Das Wesen des Geldes ist es, mehrere Wesen zu haben bzw. zu sein. Diese Wesen können sich durchaus widersprüchlich zueinander verhalten, so dass eine Theorie des Geldes ohne weiteres neben einer anderen bestehen kann, die etwas ganz anderes besagt. Die interessantesten Terrains sind natürlich jene, in denen sich die Felder unterschiedlicher Geld-Theorien überschneiden.

Wäre das Geld etwas, dann hätten die Menschen es wahrscheinlich schon längst wieder abgeschafft. Jede Utopie beinhaltet die Abschaffung des Geldes. Jedes historische Projekt zerbricht letztlich an der Unabschaffbarkeit des Geldes. Denn das Geld ist nicht nur etwas, sondern immer auch etwas anderes.

Eine Theorie, eine der kleineren, besagt, dass das Geld als Potential, als Wahlmöglichkeit im Waren- und Dienstleistungskreislauf dem Konsum(gut) gegenüberstehen würde. Geld ist also eine Form von Freiheit. Diese Freiheit (natürlich eine besondere und beschränkte Form der Freiheit auf dem Markt) wird gegen das Konsumgut eingetauscht, welches sich inszeniert hat als die Erfüllung eines Wunsches.

Es ist also verständlich, dass ich bei jedem Kauf-Akt Freiheit gegen Wunscherfüllung tausche. (Unnötig zu sagen, dass auch der Wunsch etwas sehr kompliziertes ist, in einer Linie zwischen Notwendigkeit, Begehren und Paranoia.) Je weniger Geld ich habe, desto größer ist der Verlust an Freiheit, den ich für eine Wunscherfüllung in Kauf nehmen muss. Viele Menschen wollen mehr Geld verdienen, als sie eigentlich brauchen, weil sie dies als Freiheit empfinden. Weiterlesen

Kleinigkeiten (44)

Jeder halbfaschistische Hampelmann hat eine Meinung zu Israel. Hat er vielleicht eine Meinung zu Kenia oder zu Osnabrück (es sei denn, er kommt zufällig aus Osnabrück)? Nein. Er hat nur zwei Meinungen. Eine zu Deutschland: Wird von Ausländern und Linken bedroht. Und zu Israel: Wird man doch noch sagen dürfen!

*

Vorsicht! Das sind BeBüs! Mit BeBüs ist nicht zu spaßen. Musst du nicht gleich zeigen, dass du Ausländer bist. Die schlagen gleich zu, da kennen sie nichts. Was BeBüs sind? Das weißt du nicht? Du weiß aber auch gar nichts. Besorgte Bürger sind das. Deren Sorgen muss man ernst nehmen, das hört man überall. Also lass uns die Straßenseite wechseln.

 *

Die einzige Art, eine Demokratie zu verteidigen ist, sie zu verändern. Die einzige Art, sie zu legitimieren, ist ihre Kritik.

*

Der besorgte Bürger hat natürlich, wenn es seine Zeitung ihm sagt, zu allem eine Meinung. Sogar zu Osnabrück.

*

Der neue deutsche Spießer mag es nicht zu kompliziert und nicht zu bitter. Man ist doch auf der richtigen Seite. Das muss genügen. Weiterlesen

Poem über die Freiheit

Wenn alles in der Natur vernünftig ist, und der Mensch ein Teil der Natur ist, dann gibt es für ihn keine Freiheit.

 

Wenn es für den Menschen Freiheit gibt, dann ist er entweder kein Teil der Natur, oder die Natur ist nicht vernünftig.

 

Ist die Natur halb vernünftig und halb unvernünftig und der Mensch Teil der Natur, dann ist er wohl auch halb frei und halb unfrei.

 

Kultur ist unter anderem die Verwandlung von Frei-Sein (was nicht zu ertragen ist) in Freiheiten-Haben.

 

Wie aber kann der Mensch vernünftig sein, wenn die Natur nicht vernünftig ist und er Teil der Natur ist?

 

So benutzte er seine Freiheit, um der unvernünftigen Natur (einschließlich der unvernünftigen Natur in sich selbst) seine Vernunft aufzudrängen. Weiterlesen

GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND VOM HERRN KAINER UND VOM HERRN N’BEMBÉ (30)

Sie sind wieder da!

Der Herbst machte sich in Form von sehr vielen fallenden Blättern und der Notwendigkeit, einen Mantel zu tragen unbeliebt. Herr Reiner faltete gerade nachdenklich seine Zeitung zusammen, als ihn sein Freund, Herr Kainer begrüßte. Sie gingen ein paar Schritte.

„Wissen Sie“, meinte dann Herr Reiner, „was ich an der ganzen Sache mit den Flüchtlingen nicht verstehe. Es ist doch so: Da kommen tausende von Menschen zu uns, die es mit einem Diktator und einem Terrorstaat nicht aushalten. Aber hier werden sie von Menschen erwartet, die unbedingt einen Diktator und einen Terrorstaat haben wollen.“

„Ironie der Geschichte“, seufzte Herr Kainer. Das Laub raschelte unter den Füßen und erinnerte ihn, zur Unzeit, an seine Kindheit.

„Jetzt, warum nehmen wir nicht die Leute, die vor den Diktatoren und dem Terror geflohen sind, bei uns auf, und schicken dafür die Leute, die bei uns wohnen, und die unbedingt einen Diktator und einen gescheiten Terror haben wollen, dafür zu denen hinüber? Dann wäre doch alles ausgeglichen.“

Wieder musste Herr Kainer seufzen. Was hatten sie als Kinder für eine Freude, sich in die großen Blätterhaufen zu werfen, die die freundlichen Männer von der Stadtreinigung zusammengerecht hatten. Ganz ohne diese Laubblasgeräte, die einen so infernalischen Lärm machen.

„Das würde vielleicht gehen“, sagte er, „aber das geht nicht. Weil: Die Leute bei uns, die wollen ja unbedingt einen DEUTSCHEN Diktator, und sie wollen einen Terror auf DEUTSCHE Art. Weiterlesen

JOE UND DER SOHN GOTTES – 3. Buch (III)

III

Jetzt wollen sie sicher wissen, wie die Geschichte weitergeht. Das ist verständlich. Das verstehe ich gut. Man liest ja eigentlich Bücher bloß, weil man wissen will, wie es weitergeht. Kein Mensch liest ein Buch, bei dem es ihm egal ist, wie es weitergeht. Da machen Sie sich doch nicht einmal die Mühe, eine Seite umzublättern, oder auf den Knopf vom Lesegerät zu drücken, wenn Sie sagen: Das interessiert mich doch einen Zeisigfurz wie es weitergeht.
So ein Autor, Sie wissen ja, dass ich auf dem Platz von einem sitze, also so ein Autor hat es leicht. Er lässt sich einfach etwas einfallen. Und dann geht es eben weiter. Der kann sich doch einbilden was er will. Aber nicht mit mir. Nix da.
Ich, ich halte mich an die Fakten. Ich sage immer: Fakten, Fakten, Fakten. Alles andere ist Bullenscheiße.
Passen Sie auf:
10 Uhr 10 Der Beobachtete geht durch den Vorgarten zur Haustür.
10 Uhr 11 Der Beobachtete tritt nach mehreren Klingel- und Klopfversuchen gegen die Tür.
10 Uhr 12 Jemand macht die Tür auf. Er geht hinein. Die Tür wird wieder geschlossen.
10 Uhr 15 Nichts passiert.
10 Uhr 20 Nichts passiert.
10 Uhr 25 Nichts passiert. (Alles Fakten.)
10 Uhr 29 Der Beobachtete kommt durch die Tür. Er hat ein Messer in der Hand. Sein Hemd ist blutig. Er schreit.
10 Uhr 30 Der Beobachtete verschwindet in Richtung Stadtzentrum.
10 Uhr 31 Das Haus weiter beobachten oder den Flüchtenden? Die Entscheidung fällt für das Haus.
10 Uhr 45 Polizei trifft ein. Die Entscheidung war falsch.
10 Uhr 48 Verlasse den Beobachtungsposten.
Sehen Sie: So gehe ich mit der Welt um. Ich notiere Tatsachen. Genau das, was passiert.
Klar, kann man sagen, dass man mit einer Phantasie weiter kommt. Mir doch egal, sagt so ein Autor, was in der Welt los ist. Hauptsache ist doch, was in meinem Kopf los ist.
Aber passen Sie auf, jetzt sage ich Ihnen was. Wenn einer mit Phantasien und einer mit Fakten aufeinander treffen, dann gewinnt immer der mit den Fakten. Weil nämlich: Die Phantasie fängt da an, wo die Phantasie anfängt, und sie hört da auf, wo die Phantasie aufhört. Verstehen Sie. Aber die Fakten, die sind schon da, wo sie noch nicht aufgeschrieben sind, und sie sind immer noch da, wenn man aufhört. Die Fakten haben keinen Anfang und kein Ende. Das Universum besteht aus Fakten. Ein Mordfall besteht aus Fakten. Ich selbst bestehe aus Fakten. Die Phantasie ist ein Möwenschiss gegen das Tatsächliche.

Da ist es ganz egal, ob da ein Auto vorbeifährt, ein Krieg anfängt oder die Relativität entdeckt wird. Aber: Man macht immer Fehler. Wenn ich damals nicht vor dem Haus geblieben wär, sondern ordnungsgemäß mein Observierungsobjekt verfolgt hätte, dann hätte ich vielleicht den Fall Mahner damals geklärt. Oder ich wäre jetzt tot. Weiterlesen

Eins auf die Presse, mein Herzblatt (46)

Wir Deppen haben ja bislang geglaubt, der Seehofer und seine Spezln von der CSU seien halt bloß ein Haufen opportunistischer, rücksichtsloser Machtmenschen, die so gern über die Leichen von Flüchtlingen gehen wie andere Leute zum Frühschoppen. Aber wenn man die F.A.Z. liest, weiß man das natürlich besser. Da erfährt man folgendes: „Seehofer treibt weniger die Lust an Rankünen als die blanke Not, die in seinem Land mit Händen zu greifen ist“.

Endlich spricht einmal wieder jemand Klartext. Von wegen „Lügenpresse“. Ich, als Bewohner dieses kleinen tückischen Vielvölkerstaates namens Bayern, kann allen versichern, dass die blanke Not hierzulande wirklich mit Händen zu greifen ist. Besonders in Münchner Vorstädten wie Bogenhausen, Nymphenburg oder Grünwald, aber auch in Gemeinden wie Tutzing oder Starnberg. Da müssen die Immobilienhändler aus blanker Not die Preise noch einmal verdoppeln, damit nicht gar noch irgendwelche Flüchtlinge nach Wohnraum schreien. Aus den SUVs und Porsches wird nachts der Treibstoff ausgelassen. Die Juweliere lassen polnische Putzmannschaften rund um die Uhr Dienst schieben, weil sich Flüchtlinge an ihren Schaufenstern die Rotznasen plattgedrückt haben. Die Boulevardtheater haben ihre Sicherheitsdienste verdoppeln müssen. Bei Feinkost Käfer kaut man nur noch mit vorgehaltener Hand, die fressen einem doch noch das letzte Kaviarsemmerl weg, diese Flüchtlinge.

Die blanke Not in Bayern sieht man doch schon auf dem Oktoberfest. Weiterlesen

AUS DEM LYRISCHEN GESAMTWERK VON EDGAR P. KUCHENSUCHER (10)

NEUES AUS DER KUCHENSUCHER-FORSCHUNG

Wieder einmal konnte die Jahrestagung der Edgar P. Kuchensucher-Gesellschaft im Seitentrackt des alten Schlosses von Mönckersheim mit einer „kleinen Sensation“ aufwarten. Genauer gesagt handelt es sich um den zufälligen Fund eines Dokumentes, das ein wenig Licht in die am wenigsten erforschten Lebensjahre des postsituationistischen Poeten bringt, freilich nicht ohne gleich wieder neue Fragen aufzuwerfen.

Bei dem Fund handelt es sich um eine Postkarte (mit Drachenbaum-Motiv) an eine gewisse Hedwig Schmidt, deren Neffe sie beim Entrümpeln des Hauses in einer Schuhschachtel fand. Der Text, so einfach wie vielsagend.

„Liebe Hedwig,

mir geht es eigentlich ganz gut.

Dein

Edgar“

Entscheidend für die Kuchensucher-Forschung ist zweierlei. Einerseits der Nachweis, dass sich Kuchensucher zu dieser Zeit tatsächlich (und nicht nur im Geiste, wie früher angenommen) in Lateinamerika aufhielt. Und andrerseits die Beziehung zu eben jener Hedwig Schmidt, von der bis dahin nichts bekannt war. War sie eine Geliebte des Dichters? Oder nur eine flüchtige Bekannte, gar eine Gönnerin? Wir wissen es nicht. Die Kuchensucher-Forschung, so viel ist sicher, hat noch sehr viel Arbeit vor sich.

Beinahe noch interessanter aber war die Nachschrift. Weiterlesen