Unterwegs (10)

DER PFAD

Ein Pfad, muss man immer einmal wieder feststellen, ist kein Weg. Ein Weg ist von irgendjemandem angelegt worden, meistens zu einem Zweck. Daher führt er irgendwo hin. Auf die für den Anleger des Weges beste Art. Wenn Wege, nun ja, Umwege machen, dann hat das meistens eine Ursache, allerdings nicht unbedingt eine, die den meisten Menschen, die eine Beziehung zu diesem Weg haben, noch bekannt ist. Im Zeitalter der Straßen und Autobahnen sind Wege schon abenteuerlich genug. Pfade dagegen im Zustand von Vergessen und Verdrängen.

Als wäre die Gegenwart eines Pfades schon pure Magie. Weil ein Pfad nie Gegenwart ist, sondern immer nur die Aktualisierung einer Vergangenheit, die sich weder in Schrift noch in Bild, sondern ausschließlich in dieser Spur in der Landschaft mitteilt.

Von jedem Pfad wird geträumt, er sei „uralt“.

Ein Pfad wird von niemandem angelegt, sondern er entsteht dadurch, dass Menschen, aus welchem Grund auch immer, genau so gehen, wie vor ihnen schon andere Menschen gegangen sind. In der Stadt, da kennt man diese Pfade, die nur deswegen entstehen, weil Menschen die Umwege, die ihnen Wege vorschreiben wollen, nicht akzeptieren. Sie suchen den schnellsten Weg. Der aber eben kein Weg ist, und führte er durch jenen Rasen, vor dessen Betreten durch Verbotsschilder gewarnt wird.

Deutsche Menschen, aber das nur nebenbei, werden den Rasen nie wegen einer Revolution betreten, wohl aber im Namen der Effizienz. Weder Matsch noch Hundescheiße halten einen deutschen Menschen auf, der den direktesten Weg zu ALDI sucht. ALDI wehrt sich mit entsetzlichen Koniferen. Bodendeckern, die das Entstehen von urbanen Trampelpfaden verhindern sollen.

Die alten Pfade sind natürlich schöner. Sie führen durch gefährliches Gelände. Wenn man einem Pfad folgt, vertraut man dem Wissen und der Freundlichkeit seiner Vorgänger. Viele dieser Vor-Gänger, natürlich, waren genau so ängstlich-vertrauensselig wie du es jetzt bist.

Einer war der Erste. Dann kam der Zweite. Erst der Zweite, vielleicht sogar erst der Dritte machte den Pfad zum Pfad. Warum führt er jetzt hier linksherum und nicht rechtsherum? War das nichts anderes als eine Laune des ersten Gehers? Oder hatte er, Jäger, der er wahrscheinlich war, ein Tier entdeckt?

Man stelle sich vor: Der erste Geher war „in Gedanken“ gegangen. Nicht einmal mit einem festen Ziel vielleicht. Und möglicherweise war ihm auch der Zweite in Gedanken gefolgt, während bereits der Dritte eine Logik, eine Vorschrift, eine Übereinkunft vermutet.

Pfade müssen nicht irgendwohin führen. Das ist ihre Tücke und auch ihre Poesie. Davon abgesehen natürlich, dass der Pfad immer durch die Natur führt. Der Weg mag sich ihr anpassen, die Straße sie überwinden, und eine moderne Autobahn macht zumindest den Eindruck, sie vollständig zu ignorieren. Der Pfad dagegen ist dadurch entstanden, dass jemand die Lücken der Natur entdeckte. Der Pfad durch einen Wald oder über einen Berg hat der Landschaft das Menschenmögliche abgeschaut.

Wo verläuft der Pfad, dem man vertrauen kann, und wo eine trügerische Möglichkeit, die nichts als eine „Laune der Natur“ war? Vielleicht lockt etwas, das einem Pfad ähnelt, direkt ins Verderben. Wenn Pfade sich trennen, ist das dramatisch. Ein Abschied? Ein Zerwürfnis? Die Trennung der Kinder von ihren Eltern?

Auf einem Pfad spürt man die Nähe dessen, der ihn einst gegangen ist. Man muss ihm, man muss den Vielen vertrauen, die vorher hier gegangen sind. Vielleicht darauf bauen, dass Warnungen vor Gefahren angebracht sind, so oder so.

Wem folgte der erste Wanderer? Vielleicht einem Traum.

Natürlich verändern sich Pfade, so wie die Läufe von Bächen und Flüssen sich verändern. Auch verschwinden können Pfade ohne weiteres.

Denn der Pfad ist eine Spur, keine Vorschrift. So kann es durchaus gelegentlich notwendig sein, den Pfad der Tugend, oder den der Vorsicht zu verlassen. Bei einem Weg ist das etwas anderes. Der Weg hat einen Rand. Der Wegesrand ist interessanter als der Weg selbst, meistens. Der Pfad hat keinen Rand. Die Grenze zwischen Mensch und Natur ist fließend.

Fühltest du dich nicht wie ein Tier auf dem Pfad? Wie einer der sein Menschenkleid vergaß?

Hier, sagt man, seien Pilger gegangen. Dort Schmuggler und Wilderer. In einer Welt der Wege und Straßen sind Pfade schon ein Vergehen. Der Pfad führt außerhalb der Ordnungen.

Das ist es: Die Menschen haben ihre Pfade verlassen, nur um sich auf Wegen wieder zu finden! Sie haben Wege gebraucht, weil sie sich und ihren Vorgängern nicht trauten.

Dann freilich haben sie sich auch die Pfade wieder romantisch gemacht. Sie führen zu Ruinen, zu denen einen Weg zu errichten nicht lohnt. Pfade führen immer zu irgendetwas Vergessenem.

Denn natürlich sind Pfade in der Welt der Wege und Straßen nicht mehr das, was sie in der Welt der Pfade waren.

Der Pfad ist kindlich und barbarisch. Kein Verein und keine Versicherung kann einen Pfad anerkennen. Was die Ordnung der Welt anbelangt, über Versicherungswirtschaft und Polizeigewalt hinaus, könnte ein Pfad ebenso gut überhaupt nicht da sein.

Die meisten Pfade sind ohnehin Einbildungen. Als könnte man nicht glauben, dass eine Lücke in der Natur nicht schon von Vorgängern benutzt worden wäre. Erstaunlicherweise nennt man Pfade, die gewisse Tiere hinterlassen, „Wechsel“. Was haben sie, außer ihrem Standort, gewechselt?

Die neuen Pfade in der Stadt sind die Wiederholung der alten Menschenpfade als Farce. Etwas Pfadhaftes bricht sich in ihrer Rationalität, ja, gerade durch sie, Bahn. Diesen Pfaden wird dermaßen gefolgt, dass dort, wo sie entstanden, kein Gras mehr wächst. Sie entstehen zwanghaft; sie kennen keine Abschweifungen; sie sind nie in Gedanken und Träumen, sondern immer nur in Eile entstanden. Menschenwechsel.

Wer jetzt die alten Pfade geht, der indes lässt sich Zeit. Glück und Melancholie sind seine Begleiter. Er oder sie hat gerade mit der Welt nicht viel zu tun, sorry. Das Achtsame ist hier auch ratsam, und umgekehrt. Es ist ein Aus-der-Zeit-Gehen.

Und doch weiß man um die Fremdheit des Pfades. Die Kette des Vertrauens, die Kette zu den Ahnen, ist längst unterbrochen. Für dich, heute, ist das Begehen eines Pfades eher Kunst als Natur.

Der Pfad ist das erste Kunstwerk. Und das letzte.

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