DIE EINSCHLÄGE KOMMEN NÄHER (3)

Überall, außer vielleicht in diesem anarchistischen Griechenland, schaffen die postdemokratischen oder einfach sowieso antidemokratischen europäischen Nationalstaaten die freie Presse ab. Das geht meistens ohne großes Getöse, es sei denn, es findet in Ländern statt, die unsere Feinde sind, irgendwie. Also Putin, der macht die Pressefreiheit kaputt. Nato-Mitglieder kriegen höchstens einmal eine sanfte Ermahnung. Doch bitte nicht so auffällig! Aber „Zeichen setzen“, das muss schon sein. Und schon haben wir auch mal wieder einen „Abgrund von Landesverrat“, und schon kann auch unsere Regierung zeigen, dass sie sich nicht ins Handwerk pfuschen lässt, wo kämen wir da hin.

Der Generalbundesanwalt ermittelt gegen Verantwortliche des Blogs netzpolitik.org wegen „des Verdachts auf Landesverrat“. Es gibt keine andere Erklärungen dafür, als die der bewussten Oppression gegen die letzten Zuckungen der Pressefreiheit in der Postdemokratie. Die Whistleblower werden verfolgt und eingeschüchtert, hier wie woanders. Macht, die sich bedrängt fühlt, greift zu drastischen Mitteln. Dass und wie die deutsche Regierung in den NSA-Skandal verwickelt ist, und wie sie versucht, dies alles unter dem Deckel zu halten, das kann und darf offensichtlich nicht öffentlich werden. Weiterlesen

Kleine Anmerkung über Grundmodelle des Erzählens (in der Entstehung der Narrative) und was sie für den Film bedeuten könnten

  1. das epische Erzählen: Das fragt nach den Grundlagen, nach dem Herkommen, wohin ich will, wie wir wurden was wir sind.

Das Ziel eines epischen Textes ist die Bildung einer Erzählgemeinschaft oder einer Erzähl-Identität.

Das epische Erzählen ist eine Sinnstiftung nicht durch ihre Transzendenz, sondern durch sich selbst. Es dehnt sich aus.

 

  1. das situative Erzählen: Ein plötzlich auftauchender Konflikt wird mit den narrativen Mitteln bearbeitet. Beispiel: Ein Tatort-Krimi über Afghanistan-Heimkehrer.

Das situative Erzählen erzeugt Effekte des Erkennens und des Verstehens, sowie der Nähe. Es konzentriert sich.

Das erstaunliche an Filmen wie APOCALYPSE NOW besteht darin, dass situatives und episches Erzählen miteinander verwoben wird. Es kommt gar ein drittes hinzu:

 

  1. das investigative Erzählen. Exploration eines unbekannten Terrains, eines Charakters, womöglich das Ausprobieren einer Rolle.

Der Schnittpunkt von einer Reise als Biographie und Geschichte (episch) über eine Situation, die etwas verändert (situativ) hin zu einer „Reise ins Unbekannte“ (investigativ).

Die großen Fragen: Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? werden demnach gleichsam aufgebrochen. Die Elemente beginnen einander zu widersprechen. Weiterlesen

Eins auf die Presse, mein Herzblatt (43)

Zu einem Bericht über ein gentrifiziertes Viertel in Nürnberg sehen wir in der Süddeutschen Zeitung das Erdgeschoß eines Hauses mit der Schrift „Einkommen Rauf, Mieten Runter“ darauf. Die Unterschrift zum Foto lautet: „In Gostenhof gibt es noch unsanierte Häuser mit Schmierereien an den Fassaden“.

Tja.

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Im Comdirect Newsletter erfahren wir:

Normalität im Sinne der ökonomischen Theorie gibt es dennoch nicht. „Letztlich ist der Griechenland-Deal ein Signal, dass die Niedrigzinspolitik fortgesetzt wird“, analysiert Max Otte, Professor an der Universität Graz und Manager des Vermögensbildungsfonds AMI (Wertpapier-Kenn-Nummer A1J3AM). Weil der Zins seine Steuerungsfunktion verloren hat, wird der Markt durch die hohe Liquidität dominiert, die die EZB über ihr Anleihekaufprogramm zur Verfügung stellt. „Das ist zunächst einmal positiv für die Aktienmärkte“, so Otte.

Und negativ für… na? Na?

Für Schmierer in Gostenhof und anderswo vielleicht?

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Da gibt es übrigens Menschen zu bestaunen, die wie solche aussehen, Weiterlesen

Unterwegs (9)

Männer ohne Eigenschaften gibt es ja reichlich, das ist nichts besonderes. Aber neulich, in einer Hafenstadt, begegnete ich einer Eigenschaft ohne Mann (von einer Frau war da ohnehin nicht die Rede). Und das war dann doch ein bisschen unheimlich.

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Wie ich doch einmal stolz darauf war, ein Deutscher zu sein. Nämlich am Strandcafé. Wo ein deutscher Rentner sich standhaft weigerte, eine Bild-Zeitung auch nur in die Hand zu nehmen, obwohl freundliche Menschen meinten, ihm damit eine Freude zu machen.

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Am Strand von Tel Aviv. Ein paar Kids fragen interessiert: Where are you from? Germany, ist die schüchterne Antwort. Ah, Germany. Sagt der eine: „Hasta la Vista, Baby.“ Und verschwindet im Meer.

 

DIE EINSCHLÄGE KOMMEN NÄHER (2)

„Pressekrise“ gibt es beinahe überall auf der Welt. Und überall ist ganz gewiss nicht allein „das Internet“ daran schuld, sondern auch ein Diskurswechsel in der politischen Ökonomie und im „kulturellen Klima“, wie man so sagt.

Die Beispiele Ukraine und Griechenland haben es schmerzlich gezeigt: Wir verfügen nicht mehr über das demokratische Instrument einer „freien Presse“. Es geht dabei nicht um eine hegemoniale „Meinung“, die einmal entsteht, wenn Volk und Regierung sich gleichsam rauschhaft einigen (so etwas pflegt in aller Regel beim „Ausbruch“ von Kriegen stattzufinden, und wenn wir das gerade beobachten, lässt es sich möglicherweise auch als Symptom dafür verstehen, dass hier wie dort das Empfinden vorherrscht, sich in einem kriegsähnlichen Zustand zu befinden); vielmehr geht es um einen strukturellen Wandel, der uns als „Zeitungskrise“ und Modernisierungsproblem bei der Digitalisierung verkauft wird.

In Wahrheit geht es um einen fundamentalen Wandel der publizistischen Öffentlichkeit in einem Klima, das man als „post-diskursiv“ bezeichnen könnte. An die Stelle der Verhandlung von Werten, Absichten und Zielen sind die Abgleichungen von Geschmacksfragen getreten.

Alle fundamentalen Impulse des Menschen sind dem Wandel unterzogen: Die Arbeit, die Liebe, die Familie, die Kritik, die Schönheit, die Freiheit, die Vernunft …

Das Wesentliche ist nicht, dass alle diese Begriffe unter geänderten Bedingungen etwas anderes bedeuten; das, natürlich, haben sie immer getan, in der dialektischen Beziehung zwischen Diskurs und Praxis. Das Wesentliche ist vielmehr, dass sie anders bedeuten, dass die Funktion der Diskurs-Attraktoren eine andere wird. Weiterlesen

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 6/15: Der Konflikt zwischen Markt und Kultur der Kunst geht in die nächste Runde

Der Künstler Georg Baselitz hat seine Werke aus dem Albertinum in Dresden zurück gezogen. Er will damit ein politisches Zeichen setzen. Wogegen? Es gab Zeiten, da wollten Künstler Zeichen setzen gegen den Krieg, gegen den Hunger, gegen die Ungerechtigkeit oder wenigstens gegen den guten Geschmack. Nichts davon.

Wogegen Baselitz und andere Künstler demonstrieren ist das neue Gesetz, das Kulturministerin Monika Grütters einbringt, und das Restriktionen für den Kunstmarkt vorsieht. Kunstwerke, die mindestens 50 Jahre alt sind und einen Warenwert von 150 000 Euro überschreiten, könnten dann zum „nationalen Kulturgut“ oder etwas in der Art erklärt werden, und damit wäre der Verkauf ins Ausland untersagt.

Der Verkauf der Warhols durch die Spielbanken in Nordrhein-Westfalen ist noch in Erinnerung. Einige der Museumsleiter sind für das neue Gesetz – Sammler, Galeristen, Kunstauktionäre usw. dagegen, das ist nicht so wahnsinnig schwer verständlich. Weiterlesen

Ein Blick in die Zukunft der Copyright Wars

Und wieder ein kleiner Blick in die Zukunft der Copyright Wars: So wie es im Filmbereich schon länger zu beobachten ist, so scheint sich nun auch auf dem Comic-Sektor eine Form der Erpressung durchzusetzen: Keine Bilder, wenn nicht kräftig daran verdient wird, keine Bilder, wenn man es mit einer kritischen Reflexion zu tun haben kann. Auf längere Sicht wird so eine kritische, historische Beschäftigung mit Popkultur unmöglich.

REDDITION über EC-Comics erscheint ohne Bildzitate

Die geplante Ausgabe 62 der REDDITION mit einem Dossier über die legendären EC-Comics und deren Herausgeber William M. Gaines darf keine Abbildungen aus den zwischen 1950 und 1956 publizierten Heftserien zeigen. Das teilte der Inhaber der Nutzungsrechte, William M. Gaines Agent, Inc. aus Los Angeles, im Juni 2015 mit. Es ist das erste Mal in der 31-jährigen Geschichte der REDDITION, dass sich ein Copyrightinhaber nicht kooperativ zeigt und damit verhindert, dass über Inhalte einer Comicreihe angemessen berichtet werden kann.*

Nun wird das Dossier im August 2015 auch ohne Artwork aus den genannten Comics veröffentlicht. Das stellt zwar eine erhebliche Einschränkung des Anspruchs der REDDITION dar, die sich immer darum bemüht hat, eine ideale Kombination aus Sekundärtexten und Bildbeispielen zu bieten, und im vorliegenden Fall ist es jammerschade, dass das Lebenswerk von William M. Gaines ohne Zitate des herausragenden Artworks von Zeichnern wie Jack Davis, Al Feldstein, Harvey Kurtzman, Graham Ingels u.v.a. dargestellt werden muss. Nichtsdestotrotz kommen einige sehr schöne Fotodokumente zur Veröffentlichung, die Cuno Affolter und Herbert Feuerstein zur Verfügung gestellt haben und die einen Blick auf den Menschen Bill Gaines und seine Arbeit erlauben. Eine Leseprobe mit einem Blick auf das geplante Layout kann hier heruntergeladen werden. >>>

REDDITION 62 wird als »Notausgabe« nur für Abonnenten, Vorbesteller und im ausgesuchten Fachhandel erscheinen und einen geringeren Umfang von 60 Seiten haben. Weiterlesen

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 5/15: Das Elend der Kunstkritik

Die Kunst verhandelt das Unbekannte. Metaphern, die noch nicht wissen können, was sie meinen, Zeichen, die nicht wissen, was sie bezeichnen, Räume, die ihre Ordnung schon verloren oder noch nicht gefunden haben. Deshalb kann man von der Kunst im Allgemeinen und vom Kunstwerk im Besonderen nie etwas sagen, was nicht in irgendeiner Weise „irgendwie“ richtig ist, und schon gar nichts, was nicht in irgendeiner Weise „irgendwie“ falsch ist. Wenn Kunstkritik auf nichts anderes als auf ein Urteil hinaus läuft (und wer sich ein wenig mit der Kunst beschäftigt hat, vermag ungefähr so treffsicher zu sagen, was „etwas taugt“, wie ein Weinkenner mit einer gewissen – keineswegs indes verlässlichen – Genauigkeit einen Qualitätswein von einem Fusel unterscheiden kann), dann ist sie lächerlich. Kunstkritik wäre vielmehr zunächst einmal nichts anderes als ein Textraum für den Diskurs. Das Museum hinter dem Museum, die Galerie hinter der Galerie.

Die Frage nach dem von der Metapher gemeinten, vom durch das Bezeichnen Bezeichnete könnte demnach als semantische oder philosophische Zerstörung des Kunstwerkes verstanden werden. Anders gesagt: Ein Kunstwerk „verstehen“ ist grundsätzlich ein Missverstehen. Nicht weniger destruktiv freilich ist der Verzicht auf die Frage, eine anti-aufklärerische Heiligung des Unbekannten. Der Dialog ist demnach von vorneherein prekär, fragmentarisch und, nun ja, „tragisch“. Weiterlesen

Das ABC der Ordnung des 1-Euro-Ladens

Ein Gast aus der chinesischen Vergangenheit besuchte mit mir einen 1-Euro-Laden und konnte auf Anhieb die verborgene Ordnung all jener Dinge erstellen, die für einen einzigen Euro, wie man so sagt: den Besitzer wechseln. Er zählte auf:

a) Dinge die gelb sind, b) Dinge, die sich sofort verzehren lassen, c) Dinge, die an andere Dinge erinnern, d) Dinge, die eine Marke repräsentieren, die aus der Mode gekommen ist, e) Dinge für die Küche, f) Dinge, die sich gut anfühlen, wenn man darüber streicht, g) Dinge, die sehr stark verpackt sind, h) verblassende Dinge in Plastik, i) Spielzeug, das rasch verloren gehen soll, j) Dinge, deren Funktionsweisen im Unklaren bleibt, k) unappetitliche Dinge, l) Dinge, die Herren im Alter ab 50 Lachen machen sollen, m) Dinge aus Holz, n) Musik, die niemand hören will, o) Dinge, die sich über andere Dinge lustig machen, p) Dinge, die die Verkäuferin nicht erklären kann, q) Dinge aus China, r) Dinge, deren Namen den Buchstaben r enthält, s) Dinge, die zur Aufbewahrung anderer Dinge dienen sollen, t) Dinge, von denen es zu viel gibt, u) Dinge, die sehr unhandlich sind, v) Dinge, die an andere Dinge angeschlossen werden, w) Dinge, die an andere Dinge angeschlossen werden sollen, die es aber nicht gibt, x) Dinge, die an Tierbabies erinnern, y) Dinge denen nicht zu trauen ist, z) Dinge mit einem Schalter …

Mein Gast aus der chinesischen Vergangenheit hätte die Ordnung des 1-Euro-Ladens gerne weiter ausgeführt. Doch er bemerkte, dass er an das Ende des westlichen Alphabets gelangt war. Einmal mehr dachte er (ohne es zu sagen, denn er ist ein sehr höflicher Mensch), wie einfältig und limitiert diese Kultur doch sei.

ANGELAS SPIEGEL-BILD

MERKELS WEINENDE SCHÜLERIN. So titelt nicht etwa die Bild Zeitung, das Zentralorgan der deutschen Niedertracht, sondern der SPIEGEL, das Zentralorgan von, ach, Nix-viel-besserem. Das Wichtigste jedenfalls erfahren wir auch hier. Zum Beispiel: „RTL-Casting mit Dieter Bohlen: Inka Bause wird Jurorin beim ‚Supertalent’“. Und dazu das täglich blonde Grinsegesicht. Wow, jetzt aber. Und dann erfahren wir auch noch was übers Schlankwerden ohne fünf verbotene Lebensmittel. Ups, das ist ja Werbung, hätte man so nicht gleich erkannt. Aber ist doch schon alles so was von egal.

Und was gibt’s so bei Lidl (wenn ich schon mal auf der Spiegel Seite bin)? Aha. Eine Kaltzonenfritteuse. Ich habe keine Ahnung wie ich so lange leben konnte ohne eine Kaltzonenfritteuse.

Und was sagt Bild, außer dass man Löwenbabies süüüüüüüüüüüüss findet (mit zwölf üs): Bundestag sagt ‚Ja‘ zu Griechen-Milliarden. Na, wer würde da schon ‚Nein‘ sagen wollen. Und dass Frau Niernhaus ihre Hirn-Operation bereut, das ist fast die gleiche Story wie im Spiegel. Bloß in noch. Kürzeren. Sätzen.

Ich sehe den Tag kommen, wo Merkel-TV, Bild und Spiegel fusionieren, zu ANGELAS SPIEGEL-BILD.