Jun 12 2015

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 4/15: Es geht bei der Frage nach dem, was das Bild ausmacht, um die fünf großen Unterscheidungen:

Veröffentlicht von unter Gesellschaft,Semiotik.

ERSTENS: Was unterscheidet das Bild von seinen Zeichen?

ZWEITENS: Was unterscheidet das Bild von einer Abbildung?

DRITTENS: Was unterscheidet das Bild von anderen Bildern?

VIERTENS: Was unterscheidet das Bild von seiner Erzählung?

FÜNFTENS: Was unterscheidet das Bild von seiner Produktion?

Man kann diese Unterscheidungen kaum in einer semantischen Klarheit treffen (eben weil es sich von Anbeginn um das vom Zeichen Unterschiedene handelt), als vielmehr in einer Art Möglichkeitsform. Die Unterscheidungen des Bildes sind nicht „getroffen“ sondern „vorhanden“, sie liegen im Bild, ohne ihm entnommen werden zu können.

Die „Lesbarkeit“ eines Bildes (ERSTENS) liegt in den drei Dingen, die sich vertexten lassen: In seinem Material (dem Strich, der Farbe, dem Zelluloid, den Vokabeln: es muss etwas sein), in seiner Beziehung zu einem Abgebildeten (es muss etwas darstellen), und in seinem Gebrauch von Zeichen (es muss etwas bedeuten).

Kein Bild, das auf sich hält (ZWEITENS) kann mit dem einverstanden sein, was es abzubilden gehabt hätte. Die erwähnte Differenz kann ebenso durch Aggression wie durch Ignoranz (sogar durch Demut) erzeugt werden.

Bild ist, was noch nicht oder nicht mehr Zeichen, Abbildung, Dokument ist. Was aber kann sein, was noch nicht oder nicht mehr Bild ist? (DRITTENS) sprechen die Bilder miteinander und erzeugen dabei Sprache, Kongruenz und Modell, aber eben auch neue Bilder. (Im Anfang war das Bild, oder?)

Ein Bild ist ein Bild. Aber schon zwei Bilder beginnen, eine Sprache zu bilden.

Bild und Sprache enthalten voneinander die „abgewandten Seiten“. Was ich in der Sprache nicht lesen kann, obwohl es vorhanden ist, das ist Bild, und was ich im Bild nicht sehen kann, obwohl es vorhanden ist, das ist Sprache. Unter anderem. (VIERTENS)

Das Bild wird hergestellt, damit es fremd wird. (FÜNFTENS). Im Bild ist die Fremdheit der Welt aufgehoben; im Bild ist die Fremdheit des Subjekts aufgehoben. Im Bild sprechen die Fremdheiten miteinander.

So entrückt das Bild ist, ist es doch eingekreist von Zeichen, Sprache, Analogie, Dokument, Erzählung, Gegen-Bild. Jedes Bild ist neben alledem das Dokument seiner eigenen Befreiung.

Befreiung wovon und wohin? Wenn das Bild dies enthält, so ist es nicht lesbar.

Die Tragödie des Bildes ist es, dass es überhaupt da ist. Es ist immer ein Verrat an sich selbst, es ist etwas, das es eigentlich nicht geben dürfte. Deshalb ist jedes Bild eine Einspruch gegen Religion und jedes Bild ein Einspruch gegen Wissenschaft.

Es ist der Trick des Neoliberalismus, dass man in ihm alles mögliche als Bild bezeichnet, nur nicht das Bild.

Die „konservative“ oder auch naiv kulturkritische Perspektive sieht in der Medienentwicklung eine Tendenz vom Text zum Bild. Alles soll Bild werden, Zeitungen und Zeitschriften scheuen sich vor Texten (und bezahlen entsprechend schlecht für ihre Produktion) und setzen auf eine gefühlte Allmacht des Bildes. (Und entsprechend hart wird der Kampf um „Bildrechte“.)

Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte der Wahrheit besagt, dass die Bilder immer mehr ihre Bildhaftigkeit verlieren, und immer mehr zu Zeichenketten, also zu „Texten“ werden. Diese Bilder sehen nichts sondern wollen etwas zeigen, da ihnen das aber nicht gelingen kann (sie scheitern an ihrer Aufgabe der Komplexitätsreduzierung, die einem „echten“ Bild vollkommen egal ist), verzichten sie auf das Zeigen und beschränken sich auf das Repräsentieren.

Nur das Bild, das weder sieht noch zeigt, sondern ausschließlich repräsentiert, kann vollständig Ware werden. Es stellt in erster Linie seinen Warencharakter dar. Ebenso wie von der Ikonisierung also könnte man auch von einer Entbildung der Welt im Zeichen des Neoliberalismus sprechen.

Auf die Sprachlosigkeit des Menschen folgt seine Bildlosigkeit.

Das Bild steht in einer Zeit? Nein, es steht in mindestens zwei Zeiten, in der eigenen wie in der des Betrachters. Diese Zeiten können sich einander annähern, ebenso können sie sich voneinander entfernen. Das Klassische strebt eine Parallelität an; das Romantische die Dynamik.

Das Bild ist das, was dem Blick widersteht.

Es enthält immer Unsichtbares. Dem gegenüber steht die kapitalistische Super-Sichtbarkeit. „Ich zeige alles!“, schreit dieses Bild. „Ich zeige alles deutlich!“, und: „Außerhalb meiner ist nicht das Unsichtbare, sondern das Nichts“.

Dieses Bild ist das Ausgestellte. Es erzeugt eine „Vitrine“. Es erfüllt sich in einem Preis.

Das Bild, in dem ich gefangen bin gegen das Bild, das mich befreit. (Die Gefangenschaft ist natürlich bequemer.)

Die Gefangenschaft in einem Bild ersteht unter anderem durch die Selbstwiederholung. Ein Bild ist ein Bild, zwei Bilder beginnen eine Sprache zu bilden, ein wiederholtes Bild aber ist ein Befehl. Es kann einerseits nicht mehr durch den Text „geschändet“ werden, es kann andrerseits aber auch nicht zurück zum reinen Bild.

Es ist der Irrtum des kapitalistischen Kunstmarktes, dass sich das Bild mit allein ästhetischen Mitteln gegen den inneren Zwang zur Selbstwiederholung schützen könnte. In Wahrheit ist eben das „wertvolle Bild“ dieses Kunstmarktes selbst nichts anderes als Wiederholung. Es sagt nichts, lässt nichts unsichtbar und befiehlt nur seinen Besitz.

Jedes Bild ist politisch, insofern es einen Machtkampf widerspiegelt und auslöst. Und jedes Bild ist anti-politisch, insofern es sich dem Machtanspruch entzieht.

Alles kann Bild werden, und jedes Bild kann entbildet werden.

Leider kann niemand das Bild verteidigen. Nur den Blick ändern, das kann jeder und jede.

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