Jun 09 2015

DER NERD: EINE MINI-PHÄNOMENOLOGIE

Veröffentlicht von unter Gesellschaft.

Was ist ein Nerd? Zuerst einmal ein Mensch, der sich einer Sache verschrieben hat, die nicht notwendigerweise von allgemeinem Interesse ist, bzw. die eine Parallelkonstruktion der Welt anbietet. Daher ist der Nerd am meisten in Beziehung auf bestimmte Narrative und Ikonographien der Populären Kultur anzutreffen. Ein Fan tanz zur Musik seiner Lieblingsband, ein Nerd weiß alles über sie. Ein Fan feuert seine Mannschaft an, ein Nerd studiert Tabellen. Ein Fan spielt, ein Nerd codiert.

Nerds sind nicht notwendigerweise, aber doch signifikant durch eine gewisse Entkörperlichung ihrer Verhältnisse ausgezeichnet; im Gegensatz zur gewöhnlichen Couch Potatoe aber sind Nerds durchaus zu großen Gefühlen fähig. Die positive Eigenschaft des Nerds ist Hingabe. Die negative Eigenschaft des Nerds ist Ignoranz.

Der Nerd ist ein Phänomen der Popkultur beim Umschlag in die Sinnproduktion. Er ist viel mehr als ein Alles- und Besserwisser. Der Nerd lebt für die Verteidigung eines geschlossenen semantischen Systems gegen Angriffe (= Kritik) von außen. Er duldet keine Aussage über dieses System, die nicht in der Sprache dieses Systems formuliert wurde. Er wacht über alle Kleinigkeiten und Zwischentöne. Die Produktion von Nerds macht Segmente der Popkultur quasi unkritisierbar.

Der Nerd ist eine Spätfolge der zerfallenden Aufklärung. Er hat die Fähigkeit zur Rationalisierung geerbt, versucht aber zugleich, gelegentlich im Kampf gegen die Entzauberung der Welt, den Kult über die Kritik siegen zu lassen. Daher entsteht die paradoxe Tragik des Nerds: Er verteidigt seinen Kult mit Mitteln, die dieser Kult eben zu überwinden verspricht. Nerds schließen sich in immer kleineren Zimmern ein um von immer weiteren Welten zu träumen. Nerds verlangen nach streng geregelten Anarchien.

Der Nerd unterscheidet sich vom Fan durch die Bürokratisierung seiner Zuneigung, vom Sammler etwa wiederum durch seinen Hang zum Diskurs. Durch sein Wissen verschafft sich der Nerd jene Macht zurück, die er als unterworfener Fan verloren hat, und er verschafft sich eine Distanz, die der Sammler nicht hat, indem er der Ökonomie seines Kultes eine Theologie gegenüber stellt.

Natürlich sind Nerds in der Mehrzahl männlich, weiß und post-pubertär (oder auch schon post-post-pubertär, einige schaffen es auch in einen para-senilen Zustand). Doch es gibt keine Kultur und keine Lebensumstände, die gegen die Produktion von Nerds vollkommen gefeit wäre. Und beinahe jeder Mensch erlaubt sich in Partialbereichen seines kulturellen Lebens eine gewisse Nerdhaftigkeit.

Jede Kultur hat die Nerds, die sie verdient. Den Geist einer Comic-Serie, eines TV-Events, eines Star-Imagos oder einer Buchreihe, einer Sportart, einer Kommunikationstechnik, einer Produktlinie erkennt man an ihren Nerds. Dies, unter anderem, macht die Ambivalenz der Nerd-Produktion aus, dass sie einerseits die Kultware stabilisieren und ihren Wert erhöhen, dass sie andererseits aber auch Begrenzungen und Versteinerungen aufscheinen lassen. Zu viele und die falschen Nerds können der Dynamik eines Merchandising durchaus schaden. Denn der Nerd meldet einen semantischen Besitzanspruch an; seine Eifersucht kann einem Produkt (sagen wir, weil es ein so bekanntes Beispiel ist: „Star Trek“) zu unerwartetem Erfolg verhelfen, ein Produkt kann aber auch unter seinen Nerds ersticken.

Der Nerd ist nicht von vornherein unsympathisch. (Einige meiner besten Freunde sind Nerds.) Man mag ihn darum beneiden, wie er seinen Lebenssinn gefunden hat. Im richtigen Leben können Nerds manchmal lästig werden, weil sie monomanisch Kommunikation auf einen Gegenstand konzentrieren oder ansonsten vollständig verweigern. Der Nerd wird indes ernsthaft dekultivierend, wo er den Geltungsbereich seines Kultes militant ausdehnen will. Wenn er aus der kontrollierten Regression in den Status der Ideologie übertritt. Normalerweise bricht sich dieser Anspruch an den Grundverabredungen der Popkultur. Es ist am Ende doch nur Pop. Deswegen kann, zumindest anderswo, ohne weiteres der Nerd in den Zustand von Selbstreflexion eintreten, und er kann dann auch ganz zwanglos seine Leidenschaft professionalisieren. Es ist nicht die schlechteste Musik, es sind nicht die schlechtesten Comics, es sind nicht die schlechtesten Filme usw., die von bekennenden Nerds gemacht werden.

Allerdings gibt es eine Steigerungsform, vor der sich der kultivierte Mensch in Acht nehmen sollte. Es ist der deutsche Nerd.

Der deutsche Nerd (nicht alle Nerds in Deutschland sind auch deutsche Nerds, wohlgemerkt!) verbindet die Monomanie des angelsächsischen Vorbilds, das sich, in eben dieser angelsächsischen Tradition durchaus selbstironisch zu seinem Spleen verhalten kann, mit deutscher Gründlichkeit und Oberlehrerhaftigkeit. Der deutsche Nerd treibt nicht nur seinen „Gegenübern“, sondern auch seinen Mit-Nerds die Lust an ihrem Gegenstand gründlich aus.

Der deutsche Nerd liebt nicht, was er sich erwählt hat, sondern er hasst, was dem entgegen oder auch nur außerhalb steht. Der deutsche Nerd denkt immer hierarchisch. Er will unbedingt Ober-Nerd werden. Er will das Nerd-Tum organisieren. Statt Exegesen produziert er Vorschriften, statt Gottesdiensten seines Kultes hält er Gerichte.

Der deutsche Nerd kommt uns bei dem Versuch in die Quere, uns den Nerd als glücklichen Menschen vorzustellen. Der deutsche Nerd ist niemals glücklich, und wenn er es wäre, würde er es unter keinen Umständen zugeben.

Wegen dieser seiner Verbohrtheit fällt es dem deutschen Nerd wesentlich schwieriger, seine Leidenschaften zu professionalisieren. Schon von daher sind die deutschen Nerds oft gekränkte Narzissten. Sie handeln und denken ausschließlich aus der Negation. Nicht der Gegenstand, sondern das eigene Alles- und Besserwissen ist ihnen heilig.

Von uns Partial-Nerds wäre daher, im Interesse des eigenen Lebensglücks vielleicht, eine critical nerdness zu fordern. Damit wir uns den Nerd als glücklichen Menschen vorstellen können, müssen wir ihn dringend entdeutschen.

Ein Kommentar

Ein Kommentare zu “DER NERD: EINE MINI-PHÄNOMENOLOGIE”

  1. […] DER NERD: EINE MINI-PHÄNOMENOLOGIE Georg Seeßlen, Das schönste an Deutschland sind die Autobahnen Georg Seeßlen hat eine schmissige Definition des Nerds formuliert, auf die man sich noch lange beziehen können wird. Einiges lässt sich aber sicher diskutieren oder erweitern, deshalb sind jetzt die Nerds gefragt: Liegt Seeßlen richtig? Ich finde ihn zutreffend wie sonst nur selten: „[D]ie paradoxe Tragik des Nerds: Er verteidigt seinen Kult mit Mitteln, die dieser Kult eben zu überwinden verspricht.“ […]

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