ÜBER IDENTITÄT (UND IHREN WANDEL)

Ich kann nicht handeln. Ich kann nur als … handeln. Wer als Ich handelt, ist ein Verbrecher, ein Wahnsinniger, jedenfalls kein guter Mensch. Im als … steckt die Legitimation und die Erklärung des Handelns. Wer handelt, sucht sich ein als …

Ich als Deutscher. Ich als Linker. Ich als Mann. Ich als Autor.

Im als … steckt beides. Die Historizität. Ich als Jugendlicher wird zu Ich als Erwachsener, mehr oder weniger. Und die Stabilität. Ich bleibe Ich als … über bezeichenbare Etappen, im mythischen Fall gar ein ganzes Leben.

Das als … nennen wir „Identität“. (Obwohl es eigentlich genau das Gegenteil ist: eine Spaltung.)

Aber so gut wie niemand kann sich mit einem bloßen Ich zufriedengeben. Es wäre eine absolute Einsamkeit, die man nicht lange aushalten kann.

Aber so sehr dieses absolute Ich ein Schreckbild ist, so sehr ist es auch eine Utopie. Ich als Ich. Gleichsam das radikale Gegenbild zum, im Übrigen nicht minder gefährlichen Ich als Mensch.

Nicht nur die Identitäten selber, sondern auch die Techniken der Konstruktion sind historischem und sozialem Wandel unterworfen. Der Mensch eines Zeitalters konstruiert seine Identität anders als der des nächsten oder des vorherigen. (Deswegen fällt es uns so schwer, Menschen anderer Epochen wirklich zu verstehen.) Weiterlesen

DENKWÜRDIGER WANDEL IN ZEITUNGSPAPIEREN

Zwei Bilder von Zeitungen, die uns in literarischer wie in bildnerischer Form überliefert sind. Die eine, die vom biedermeierlich-patriarchalen Bürger, der sich wohlig und sicher im Lehnstuhl hinter seiner Zeitung „vergräbt“, und der Frau, allenfalls, „das Wichtigste mitteilt“. Ein Instrument der Weltbeherrschung, gewiss, im Großen wie im Kleinen. Ohne Zeitungen würde die Welt dieses Bürgers nicht funktionieren, und auch nicht ohne das Privileg ihres Gebrauchs.

Das zweite Bild, schon grauenvoller und doch mit dem ersten eng verbunden, stammt von Peter Weiss, der es in seinem Tagebuch notierte: „Morgens treten wir, ohne uns dessen recht bewusst zu werden, fast regelmäßig, zum Ritual eines Totengedenkens an. Während wir unserem Körper die erste Tagesnahrung zuführen, nehmen wir die Zeitungsmeldungen auf, kauend, schlürfend erfahren wir von den Erschlagenen, Zerstückelten, Verbrannten , Zerquetschten und Ertrunkenen, von der an Krankheit, Schwäche, Auszehrung oder Verzweiflung Zugrundegegangenen, von denen, die es einzeln niederstreckte, paarweise, in kleinen Gruppen, bis zu den Massen, den Ungezählten“.

Mit der Zeitung hat der Bürger es sich über Jahrhunderte mit dem Grauen der Welt gemütlich gemacht. Aber damit scheint jetzt so langsam Schluss. Mit den neuesten Todesritualen und Katastrophenmeldungen aus dem Internet macht man es sich so leicht nicht gemütlich. Die Zeitungen selber aber zerbrechen förmlich in Grauen in Gemütlichkeit; insbesondere am Wochenende, Weiterlesen

Unterwegs (8)

Bei der Suche nach einem Quartier ergab sich dies:

„Altea Hügel. Luxuriöses Erdbodenselbstbefriedigen von 2 Bettfeiertaganpassung, auf der Costa Blanca danach Norden zu lassen. Wunderbare Blicke, Teich und arbeitet im Garten.“

Theoretisch müsste man da unbedingt hin, auch wenn man sich luxuriöse Erdbodenselbstbefriedigen eher nicht im einzelnen vorstellen möchte.

Praktisch ist es aber dann doch zu teuer für unsereinen.

*

Je mehr man unterwegs ist, desto schwieriger wird es, zu unterscheiden, was noch wirklich ist. Ich meine nicht im Sinne einer Unterscheidung zwischen dem Wirklichen und dem Nicht-Wirklichen. Ich meine: Es wird schwieriger, zu verstehen, was mit „wirklich“ eigentlich gemeint ist.

Jede Reise ist auch eine in den Traum.

Der Traum der Reise ist es nicht, wo anders zu sein, sondern wann anders. Gleichzeitigkeit frisst den Traum der Reise auf.

*

Daher ist es kein Wunder, am Ende der Welt deinen Nachbarn zu treffen.

*

Der Schnipsel eines deutschen Briefes in einer Gasse von Buenos Aires …

 

 

 

 

 

 

 

JOE UND DER SOHN GOTTES – 3. Buch (I)

Eine Detektivgeschichte

 

I

Okay, Sie haben jetzt vielleicht etwas anderes erwartet. Dass Ihnen der Autor diese Geschichte weiter erzählt, von den Kids und dem komischen Wald. Wieselscheiße!

Ich bin sonst nicht so, ehrlich. Soll er seinen Job machen, und ich mach’ den meinen. Er schreibt, ich schnüffele. So stehen die Dinge.

Aber, Sie haben es ja selbst gelesen. Es geht da auch um diese Wolfsohn-Geschichte. Um den Murkal-23. Sie erinnern sich, oder? Wenn nicht, macht das auch nichts. Scheint den Autor nicht sonderlich interessiert zu haben. Für mich war es der größte Fall in meinem Leben. Was heißt: war? Er ist es immer noch. Ich häng’ mitten drin, in der Elefantenscheiße.

Von mir aus kann so ein Autor doch schreiben, was er will. Ich les’ sowieso nur Sportnachrichten und Comics, alles andere schlägt mir auf den Magen.

Das heißt natürlich: Wenn es um einen Fall geht, ist das was anderes. Und die Wolfsohn-Geschichte, das ist mein Fall. Den lass’ ich mir doch von so einem windigen Autor nicht kleinschreiben, Dachsscheiße nochmal.

Naja, dieser Autor hat sich in den Süden verkrümelt. Ich bin hier in seinem Arbeitszimmer, an seinem Computer. Was wollen Sie? Ich bin nun mal ein Schnüffler. Die Tür aufzukriegen war wirklich ein Fliegenfurz. Und das Passwort. Mein Gott. Diesen Zeilenschindern fällt doch sowieso nie was ein. Schauen sie in ihre Bücherregale – wenn sie nicht irgendwelche Enkel oder Geliebte haben – dann nehmen sie den Dichter, der ihnen am meisten zusagt. Und glauben Sie bloß nicht, dass Autoren da besonders einfallsreich sind. Erst habe ich auf Kafka getippt, aber dann war es doch Dostojewski.

Und jetzt schreibe ich meinen Fall auf, das lass ich mir nicht nehmen. Das hau’ ich raus, das wird ins Netz gestellt. Danach kann der Autor sich ja wieder um den Wald und den Sohn Gottes und all den Mückenscheiß kümmern. So wahr ich J. P. Holmer heiße. Weiterlesen

Unterwegs (7)

Verletzte Taube in der B.-Straße.
Rush Hour in Tel Aviv. Es ist Pessach. Und einer dieser Tage mit ungewöhnlicher Hitze. Eine gewisse Gereiztheit liegt in der Luft.

Mitten auf die Straße steht ein junges Mädchen. Sie macht seltsame Bewegungen, geht hin und her, scheint Autofahrer zu beschimpfen und von diesen beschimpft zu werden.

„Eine Verrückte“, schreit einer. „Ach was“, meint ein anderer Fahrer. „Die ist doch mit Drogen vollgepumpt.“ „Oh, diese Jugend“, schimpft es im Bus. „Verkommen und Verdorben!“ „So geht das Land vor die Hunde“. Und so weiter.

Langsam, Fahrzeug für Fahrzeug rückt man der Szene näher. Die Wut steigt von Stop zu Go. Man ist sich einig. Man sollte aussteigen und dem trunkenen Mädchen eine Ohrfeige geben. Merkwürdig genug, dass es niemand schon getan hat.

Aber seht! Als man das Mädchen erreicht hat, wird klar: Weiterlesen

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 4/15: Es geht bei der Frage nach dem, was das Bild ausmacht, um die fünf großen Unterscheidungen:

ERSTENS: Was unterscheidet das Bild von seinen Zeichen?

ZWEITENS: Was unterscheidet das Bild von einer Abbildung?

DRITTENS: Was unterscheidet das Bild von anderen Bildern?

VIERTENS: Was unterscheidet das Bild von seiner Erzählung?

FÜNFTENS: Was unterscheidet das Bild von seiner Produktion?

Man kann diese Unterscheidungen kaum in einer semantischen Klarheit treffen (eben weil es sich von Anbeginn um das vom Zeichen Unterschiedene handelt), als vielmehr in einer Art Möglichkeitsform. Die Unterscheidungen des Bildes sind nicht „getroffen“ sondern „vorhanden“, sie liegen im Bild, ohne ihm entnommen werden zu können.

Die „Lesbarkeit“ eines Bildes (ERSTENS) liegt in den drei Dingen, die sich vertexten lassen: In seinem Material (dem Strich, der Farbe, dem Zelluloid, den Vokabeln: es muss etwas sein), in seiner Beziehung zu einem Abgebildeten (es muss etwas darstellen), und in seinem Gebrauch von Zeichen (es muss etwas bedeuten).

Kein Bild, das auf sich hält (ZWEITENS) kann mit dem einverstanden sein, was es abzubilden gehabt hätte. Die erwähnte Differenz kann ebenso durch Aggression wie durch Ignoranz (sogar durch Demut) erzeugt werden.

Bild ist, was noch nicht oder nicht mehr Zeichen, Abbildung, Dokument ist. Was aber kann sein, was noch nicht oder nicht mehr Bild ist? (DRITTENS) sprechen die Bilder miteinander und erzeugen dabei Sprache, Kongruenz und Modell, aber eben auch neue Bilder. (Im Anfang war das Bild, oder?)

Ein Bild ist ein Bild. Aber schon zwei Bilder beginnen, eine Sprache zu bilden.

Bild und Sprache enthalten voneinander die „abgewandten Seiten“. Was ich in der Sprache nicht lesen kann, obwohl es vorhanden ist, das ist Bild, und was ich im Bild nicht sehen kann, obwohl es vorhanden ist, das ist Sprache. Weiterlesen

JOE UND DER SOHN GOTTES – 2. Buch (IX)

Albert hatte die fremde Frau schließlich zu dem geheimen Waffenlager der Kameraden geführt. Der Wald muss befreit werden, hatte sie gesagt. Die Stunde sei gekommen. Albert hing an ihren Lippen. Auch wenn er das meiste von dem, was sie sagte nicht verstand. Sie leuchtete für ihn. Irgendwie war er jemand anderes geworden. Albert war noch nie so sicher gewesen, das Richtige zu tun. Das Richtige tat sich in ihm. Er und die Frau, das war die Neue Einheit. Das würde alles anders machen.

Albert grub mit bloßen Händen. Zuerst entfernte er eine Schicht Laub und Zweige, dann kam eine Handbreit Erde. Es war wohl ein wenig feucht gewesen. Die Erde war schwer und klebte an den Händen.

»Nun mach schon, Alberich«, hatte die Frau gesagt.

Albert war irritiert. »Eigentlich heiße ich Albert. Nur Albert. Ohne Ich.«

»Das Ich bekommst du von mir«, lächelte die Frau.

»Alberich ist ein Zwerg. Das weiß ich«, hatte Albert leise gemurrt.

»Er ist der König der Zwerge. Willst du nicht König der Zwerge sein? Der Kids, der Kurzen, der Kinder und der Komödianten?«

»König!«, lachte Albert. »Nein, dieser ganze Märchenquark …«

Die Frau war fuchsteufelswild geworden. »Du darfst mir dienen, Alberich. Du darfst König der Kleinen werden. Du kannst mit den Kindern machen was du willst. Aber nie, hörst du, niemals wirst du es noch einmal wagen, mir zu widersprechen.«

Und mit diesen Worten war sie ihm mit scharfen Nägeln über das Gesicht gefahren. Albert schmeckte erst das Blut und fühlte dann den brennenden Schmerz. Etwas hatte sich in ihm eingebrannt. Albert würde ein Zeichen im Gesicht tragen. Eine wunderschöne Narbe. Er wäre endlich sichtbar.

»Nun los, Alberich«, hatte die Frau geherrscht. Sie glühte vor Eifer. »Wir werden der Hexe und deinen Freak-Freunden ein Gefecht liefern.« Weiterlesen

DER NERD: EINE MINI-PHÄNOMENOLOGIE

Was ist ein Nerd? Zuerst einmal ein Mensch, der sich einer Sache verschrieben hat, die nicht notwendigerweise von allgemeinem Interesse ist, bzw. die eine Parallelkonstruktion der Welt anbietet. Daher ist der Nerd am meisten in Beziehung auf bestimmte Narrative und Ikonographien der Populären Kultur anzutreffen. Ein Fan tanz zur Musik seiner Lieblingsband, ein Nerd weiß alles über sie. Ein Fan feuert seine Mannschaft an, ein Nerd studiert Tabellen. Ein Fan spielt, ein Nerd codiert.

Nerds sind nicht notwendigerweise, aber doch signifikant durch eine gewisse Entkörperlichung ihrer Verhältnisse ausgezeichnet; im Gegensatz zur gewöhnlichen Couch Potatoe aber sind Nerds durchaus zu großen Gefühlen fähig. Die positive Eigenschaft des Nerds ist Hingabe. Die negative Eigenschaft des Nerds ist Ignoranz.

Der Nerd ist ein Phänomen der Popkultur beim Umschlag in die Sinnproduktion. Er ist viel mehr als ein Alles- und Besserwisser. Der Nerd lebt für die Verteidigung eines geschlossenen semantischen Systems gegen Angriffe (= Kritik) von außen. Er duldet keine Aussage über dieses System, die nicht in der Sprache dieses Systems formuliert wurde. Er wacht über alle Kleinigkeiten und Zwischentöne. Die Produktion von Nerds macht Segmente der Popkultur quasi unkritisierbar.

Der Nerd ist eine Spätfolge der zerfallenden Aufklärung. Er hat die Fähigkeit zur Rationalisierung geerbt, versucht aber zugleich, gelegentlich im Kampf gegen die Entzauberung der Welt, den Kult über die Kritik siegen zu lassen. Daher entsteht die paradoxe Tragik des Nerds: Er verteidigt seinen Kult mit Mitteln, die dieser Kult eben zu überwinden verspricht. Nerds schließen sich in immer kleineren Zimmern ein um von immer weiteren Welten zu träumen. Nerds verlangen nach streng geregelten Anarchien. Weiterlesen

BIER-POESIE

weisse280

„Commerzienrat Riegele’s Leichte Weisse überrascht mit seinem vollen Körper bei wenig Alkohol. Ein hefeblumiger, fruchtiger Geruch begrüßt den Genießer, eine feine, fast opale Trübung und ein kompakter Schaum erfreuen sein Auge und den Gaumen erfrischt der leichtmilde Geschmack. Commerzienrat Riegele und seine Braumeister sind stolz auf dieses Bier. Genießen Sie den Moment. Bitte unbedingt kühl und dunkel lagern und Überalterung vermeiden. Nur so ist der charakteristische frische Geschmack garantiert.“

(Bier)-Quelle: website www.bier-universum.de

 

*

fassbinder680

(Bierdeckel von Löwenbräu und Gaststätte Deutsche Eiche zu den Fassbindertagen 2015)

Weiterlesen

DIE EINSCHLÄGE KOMMEN NÄHER! (1)

Und das kann man natürlich auch aus meiner Lieblingsrubrik im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels ablesen:

Titelschutz wird unter anderem in Anspruch genommen für:

„Das gesunde Arme-Leute-Essen“

„Gesunde Arme-Leute-Küche“

„Gesunde Geiz-ist-geil-Gerichte“

„Schuss mit lustig“

„Stressorbasierte Psychotherapie“

„Elbphilharmonie Hamburg – Eine Symphonie aus Stein, Stahl und Glas“

„Business Bullshit für Ein- und Aufsteiger“

„Erfolg seit Generationen – Familienunternehmen in Niederösterreich“

*

Natürlich kann man sagen, die Welt ist so wie sie ist, weil es die Konzerne, die Banken, die Schäubles, die Merkels, die Bildzeitungen und das Fernsehen so wollen. Aber vielleicht verhält es sich auch ganz anders, nämlich so, wie wir es als Vorspann zum neuesten BATMAN-Heft erfahren (in dem dann natürlich alles noch viel komplizierter wird):

„Ex-Polizeichef James Gordon sitzt im Knast, denn er soll bei einer Schießerei den Tod von Dutzenden Menschen fahrlässig verursacht haben. Seine Tochter Barbara Gordon alias Batgirl glaubt an eine Intrige, Weiterlesen