Apr 02 2015

Beute und Gespenst – Eine Skizze

Veröffentlicht von unter Demokratie,Denken,Gesellschaft.

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Kapitalisierung ist, seit dem, was wir uns eher mythisch als „ursprüngliche Akkumulation“ (nämlich den Gewaltakt der Entwendung und der Versklavung) vorstellen, ein unabgeschlossener und unabschließbarer Vorgang. Der Kapitalismus braucht etwas, das er „erobern“ kann. In jedem Jahrhundert seines Bestehens und in jeder seiner Erscheinungsformen scheint das etwas anderes zu sein: Ländereien, Rohstoffe, Arbeitskräfte, Ideen schließlich. In dem Stadium, in dem wir uns befinden, der Peak des „Finanzkapitalismus“, spielt die „innere Landnahme“, von der schon Rosa Luxemburg sprach, eine wichtige Rolle. Kapitalisierung greift nach den „Naturkapitalien“, wie Luft, Wasser, Bewegung etc. Nach den inneren „Werten“, der Phantasie, den Träumen, der Kunst, der Information und so weiter und zugleich übernimmt die Ökonomie, vollständiger als je, auch das Feld der Kunst. Kapitalisierung, mit einem Wort, betrifft nun nicht mehr allein das, was man umfassend genug „Gesellschaft“ nennt, sondern noch mehr das, was man früher „Seele“ nannte.

Das Nicht-Eroberte ist dem Kapitalismus zugleich Beute und Gespenst. Genau gesagt nicht Beute und Gespenst nacheinander oder gleichzeitig, sondern Gespenst als Beute, und Beute als Gespenst.

Alles Eroberte lebt als Gespenst und Beute weiter, von der Magie bis zum Kommunismus. Daher ist der Kapitalismus auch als ein gewaltiges Spukhaus zu beschreiben. Genauer gesagt, er beschreibt sich selber als solches. Er nennt das seine „Kultur“.

Diese Kultur produziert industriell, und dann postindustriell (digital) Bilder, Begriffe und Erzählungen, die von Beute und Gespenst in allen Dingen sprechen. Wenn man Beute und Gespenst denkt, „versteht“ man nahezu alles, was an Bildern, Begriffen und Erzählungen im Kapitalismus produziert werden kann. Allerdings: Das Geheimnis besteht in der Unzahl der Beute / Gespenst-Beziehungen.

Die „Arbeit“ des Kapitals besteht darin, das Gespenst in der Beute einzumauern; jede Revolte (gleichwohl sie stets wieder eingefangen und zur Produktion neuer Terrains für die innere Landnahme missbraucht werden wird) versucht, das Gespenst aus der Beute zu befreien. Dabei entstehen neue Gespenster, und damit entsteht neue Beute.

Geld ist „reine Beute“, „reines Gespenst“ und „reine Beziehung“, das heißt das zu Transformierende, die Transformation und das Transformierte, immer in neuer Gestalt (und immer in der alten: Das Geld von heute ist Beute und Gespenst des Geldes von gestern).

(Beute und Gespenst sind die  Motoren der Geschichte. Wird ihr Verhältnis prekär, so wird die Geschichte suspendiert. Geschichtslosigkeit ist ein Wesenszug des Finanzkapitalismus. Sie zu überwinden ist wohl nicht automatisch, wie man hier und da erhofft, die Überwindung auch des Kapitalismus’, sondern kann ebenso auch nur nächste Transformation bedeuten.)

Dass wir aus Angst und Lust zusammengesetzte Wahrnehmungsmuster pflegen, die wir wahlweise „freisetzen“ und zu „kontrollieren“ versuchen, in einer Form des Managements, ist der natürliche Rohstoff des Beute / Gespenst-Schemas, in dem die Lust des Seins zum Fetisch des Habens, und die Furcht vor der wirklichen Welt zur Angst vor der Unwirklichkeit in allem geworden ist. Anders als Lust und Angst ist Beute und Gespenst über-individuell zu managen. Der Beute-Aspekt und der Gespenst-Aspekt eines Dings trifft auf ein Wir, ein Ich und ein Es gleichermaßen. Zwar nimmt am Ende einer die Beute, doch haben „wir“ vordem das Ding durch seine Beutehaftigkeit identifiziert und gezähmt bzw. gelähmt. Das Ding, das auf diese Weise zur Beute geworden ist, ist für das Leben verloren. Beides, Beute und Gespenst, sind „untot“.

Wie das Ding, das Beute wurde, den Sieger erzeugt, der sich die Lefzen leckt, angesichts der anderen, die „leer ausgegangen“ sind, kommt es als Gespenst für eben jene zurück, die auch nur augenblicklich nicht erbeuten. Schon deswegen kann niemand genug Beute gemacht haben, denn mindestens so wichtig wie das Anhäufen von Beute ist für die Bannung des Gespenstischen das Erbeuten selbst. Das Erbeuten ist die Simulation von Lust (die Pornographie der Akkumulation).

Dies ist das Missverständnis der Linken, meistenteils, dass sie glauben, man müsse nur die Beute gerechter verteilen, um die Gespenster zu bannen. So wie es das Missverständnis der Rechten ist, dass man durch Beutemachen die Welt entgeistern könne. Die Frage ist vielmehr: Gibt es eine Welt jenseits von Beute und Gespenst?

(Oder diesseits, wie man es nimmt.)

 

2

Es gibt keine nachhaltige Herrschaft, die vollkommen ohne Einverständnis der Beherrschten auskäme. Nicht aller Beherrschter und nicht zu jedem Aspekt der Herrschaft. Aber es entstehen die Felder des Einverständnisses, eines davon ist das ökonomische.

Wer vom „Markt“ ausgeschlossen ist, ist immer auch von einem Feld des Einverständnisses ausgeschlossen. Umgekehrt mag es eine ganz ähnliche Beziehung geben: Wer kein Einverständnis mit der Herrschaft zeigt, wird am Marktzugang gehindert (in mehreren Funktionen: als Anbieter, als Kunde, als Beobachter, als „Gaukler“ vielleicht).

So ist jeder Markt, unter anderem, eine Maschine, die politische in ökonomische und ökonomische Energie in politische verwandelt. Es ist der Ort, an dem die Beute verteilt wird.

Natürlich wird die Beute, die auf dem Markt verteilt wird, von diesem auch erzeugt. Sagen wir: als Gespenst des Begehrens. So erkennen wir, dass alles, was Beute werden kann, nicht nur hinterher, so wie als Abfall (wahrhafte Verdauungsprodukte des Marktes) auch als Gespenst wiederkehren muss, sondern schon vorher als Gespenst, also nicht nur als Bedürfnis, sondern auch als Schatten des kommenden Unglücks, „existiert“. Die Verwandlung der Dinge durch ihre Kapitalisierung kann also ebenso wie durch ihre Präsentation als Beute auch durch ihre Vergespensterung vorgenommen werden.

Beute ist, was dreifach Begehren weckt, das kulinarische, das sexuelle und das semantische. Geilheit, Fraß und Besitz. Die drei Beute-Aspekte widersprechen einander so sehr, wie eines ohne das andere nicht auskommt. Die Beute ist das verdinglichte Bleiben der erfolgreichen Jagd; gerade das „Gestorbene“ darin soll die Gier lebendig erhalten. (Wir haben dies am Beispiel der Kunst genauer zu beobachten versucht.)

Aber auch die Gespenster sind dreifaltig. Es ist die Angst, die Schuld und der Verlust. Und auch sie bedingen und widersprechen einander zugleich.

Mit

LUST  –––––––––  NAHRUNG (Vorsorge)  –––––––––   BESITZ

 

SCHULD  –––––––––  ANGST  –––––––––  VERLUST

 

haben wir ein Beziehungsgeflecht, das nicht wirklich mehr im Ganzen, wohl aber in partiellen Beziehungen zu beschreiben ist, insbesondere in Form jener Dreiecke, bei denen jeweils ein Impuls durch zwei andere bezeichnet werden, also etwa

besitz2_600oder

lust1_600

(Auf jeden Fall lässt sich aus jedem solcher Dreiecke trefflich Struktur für den einen oder anderen „Roman“ gewinnen.)

 

3

Was nicht Beute und nicht Gespenst ist, das ist außerhalb. (Beute ist Materie / Leben im Zustand ihrer Vernichtung / Umwandlung; Gespenst ist die in die soziale Praxis hinein geholte Transzendenz.) Der „kapitalistische Realismus“ ist jene Ästhetik, die uns anschaulich macht, dass das Außerhalb des Kapitalismus zugleich das Außerhalb der Welt ist.

(Das „islamistische“ Terror-System, das einen „islamischen Staat“ als Wiederkehr der verlorenen Einheit und Harmonie verspricht, ist ein böses Spiegelbild der Kapitalisierung. Selbst wenn der islamische Staat zu verwirklichen wäre, käme er doch wieder nur als Gespenst zur Welt, als angreifbarere Verdinglichung seiner eigenen Paranoia. Das Prinzip der Beute wird in einer Plünderungsökonomie verwirklicht, das des Gespenstischen in einer Vernichtung „ohnegleichen“:  Was also der Neoliberalismus „fröhlich“ und „unscharf“ betreibt, die Wandlung von Beute und Gespenst, wird im Dschihadismus mit blutigem Ernst betrieben. Die Umkehrung von Beute / Gespenst-Beziehung ist daher am Ende nicht Widerstand sondern Schmiermittel der Neoliberalisierung der Welt.)

 

4

Wahrscheinlich ist es falsch, anhand der behavioristischen Oberfläche, die dem kapitalistischen Realismus als Menschenbild allein zur Verfügung steht, zwischen „Integrierten“ und nicht „Integrierten“ zu unterscheiden. Ebenso scheint es Illusion, von Menschen zu sprechen, die eine „Identität“ haben und solchen, die es nicht haben (und die deshalb, zum Beispiel, zu den Nazis oder zu den Dschihadisten gehen). Vielmehr verläuft die Linie zwischen Menschen, die mit dem Nicht-Integriertsein und der Nicht-Identität umgehen können und solche, die es nicht können.

Integration bedeutet nichts anderes, als die fundamentale Einigung auf ein Beuteschema und die nicht minder fundamentale Einigung auf die Gespenster, die uns „in helle Aufregung“ versetzen. Integriert ist jemand, der nicht verrückt wird, weil er den Ferrari, von dem er Zeit seines Lebens träumt, als realen Besitz von vornherein ausgeschlossen hat und als Feind nicht den Besitzer eines Ferraris ansehen muss, sondern einen Menschen, der bekennt, nicht vom Besitz eines Ferraris zu träumen. Der Ferrari, der zum Zeichen (archaisch genug zum „Wappen“) und zum Ritual (Werbung und Wettrennen) geworden ist, wird als Meta-Beute vergöttlicht. Und integriert ist, wer sich zur Front gegen die als Nicht-Integrierte gezeichneten findet, deren Hauptverbrechen darin besteht, eine geheimnisvolle Gegen-Ökonomie zu führen. Denn wie leben die, denen doch der Marktzutritt verwehrt sein soll, wenn nicht „auf unsere Kosten“?

So darf einerseits ökonomisch „nichts umsonst“ sein. Wenn die Welt aus Beute und Gespenst besteht, ist jede Art von Wohlfahrt und Verteilungs-Empathie selber nur gespenstisch. Andererseits aber muss es politisch einen Anspruch geben. Indem er auf diese Weise politisiert wurde, funktioniert auch der Arbeitsmarkt nicht mehr ökonomisch. Der Kampf um Arbeitsplätze einerseits, um Transferleistungen andererseits ist zwar von der extremen Rechten mit den bekannten „politischen“ Slogans unterfüttert, er ist in Wahrheit aber systemimanent.

Es wird „politisch“ ausgeschlossen, was „ökonomisch“ nicht taugt.  Umgekehrt ist ökonomisch zu opfern, was politisch nicht taugt. Regierung und Ökonomie unterhalten sich gegenseitig in ihren Ausschlussmechanismen. Man muss „Migration“ und „Arbeitsmarkt“ anders zusammendenken als es die Propaganda tut, um zu verstehen, dass der Kapitalisierung dieser Stufe auch der Mensch selber nichts anderes mehr sein kann als Beute oder Gespenst. Migranten und Arbeitslose werden zu den Gespensterheeren des Finanzkapitalismus; da diese Gespenster toxisch sind (wie die Zombies) werden sie von einer Mehrheit gehasst und bekämpft, die selber stets mit ihrem halben Sein schon Gespenster sind. Die Aufgabe eines Menschen im Neoliberalismus ist es, seinen eigenen Beute-Aspekt zu pflegen, denn so wie es in der „islamistischen“ Weltsicht klar ist, dass dreißig Jahre Tyrannei besser sind als ein Tag Anarchie (und mit nichts als mit diesem Phantasma lässt sich so viel Anarchie anrichten), so ist der neoliberalen Weltsicht klar, dass ein Leben lang Beute zu sein besser ist als ein Tag Gespenst (und nichts verwandelt Menschen todsicherer in Gespenster).

Beginnen wir mit einem Katalog der Dinge, die weder Beute noch Gespenst sind. Auch das ist eine Aufgabe der Kunst.

 

Ein Kommentar

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  1. […] Dass wir aus Angst und Lust zusammengesetzte Wahrnehmungsmuster pflegen, die wir wahlweise „freisetzen“ und zu „kontrollieren“ versuchen, in einer Form des Managements, ist der natürliche Rohstoff des Beute / Gespenst-Schemas, in dem die Lust des Seins zum Fetisch des Habens, und die Furcht vor der wirklichen Welt zur Angst vor der Unwirklichkeit in allem geworden ist. Anders als Lust und Angst ist Beute und Gespenst über-individuell zu managen. Der Beute-Aspekt und der Gespenst-Aspekt eines Dings trifft auf ein Wir, ein Ich und ein Es gleichermaßen. Zwar nimmt am Ende einer die Beute, doch haben „wir“ vordem das Ding durch seine Beutehaftigkeit identifiziert und gezähmt bzw. gelähmt. Das Ding, das auf diese Weise zur Beute geworden ist, ist für das Leben verloren. Beides, Beute und Gespenst, sind „untot“ …   weiterlesen Das Georg-Seeßlen-Blog […]

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