AUS DEM LYRISCHEN GESAMTWERK VON EDGAR P. KUCHENSUCHER (9)

KUCHENSUCHERS KUNSTGEDICHTE

 

Tage des Herrn D.

Am ersten Tage malt der Otto

Schwere Köppe nach sei’m Motto:

Die Welt ist hässlich wie sie ist

Am zweiten Tag zeigt er den Mist,

Den Menschen mit ihr angestellt

Am dritten Tag Spitzhund, der bellt

Kriegsgewinnler und Versehrte

Der Maler uns darauf verehrte

Am fünften ist er selber dran

Schonungslos schaut er sich an

Am sechsten zeigt die Pinselei

Eine Riesenschweinerei

Am siebten Tag malt Otto Dix

Mal nix.

 

Museumsbesuch

Auf einmal malte Emil Nolde

So wie keiner malen sollte

Gelbe Fratzen, schwerer Himmel

Man fragt sich doch: Was will der Lümmel?

Sind Damenwangen etwa weiß?

Ich bitte Sie: Was soll der Scheiß! Weiterlesen

Aufruf! – KAUFBEUREN GEGEN TTIP – Aktionstag gegen TTIP und CETA am 18.4.2015

Info -Stand in der Fußgängerzone

Salzmarkt 2

in der Zeit von 10 – 13 Uhr 

am globalen Aktionstag gegen TTIP und CETA  am 18.4.15

 

Wir rufen die Unterstützer-Organisationen des Bündnisses und Einzelpersonen auf, sich an der Durchführung des Info-Standes und der Unterschriften-Sammlung für das Anliegen der Europäischen Bürgerinitiative zu beteiligen.

Die geplanten Abkommen geben den Groß-Konzernen noch mehr Einfluss auf Gesetzgebungsverfahren. Sie sind geeignet, das politische System und den sozialen Frieden in Europa zu gefährden. Die EU-Kommission will den zunehmenden Widerstand der Bürger ausbremsen.

Die Europäische Bürgerinitiative hat sich zum Ziel gesetzt, diese Abkommen zu verhindern.

Die Zahl der Unterschriften soll von 1.6 auf 2 Millionen gesteigert werden, um den politischen Druck gegen TTIP etc. zu erhöhen.

Dazu wollen wir einen Beitrag leisten.

Wir hoffen auf Unterstützung von Naturschützern, Gewerkschaftern, Piraten, Grünen, Linken und allen,

denen diese geplanten Abkommen ein Dorn im Auge sind.

Der Info-Stand ist überparteilich und verwendet die Info-Materialien von Campact.

Wir wünschen uns, dass er gemeinsam von allen Bündnis-Organisationen die die Europäische Bürgerinitiative unterstützen

getragen wird.

Wir freuen uns, wenn Ihr teilnehmt und die Aktion in Eurem Umkreis und weiter bekannt macht.

 

Eins auf die Presse, mein Herzblatt (37)

Wozu braucht man eine EU-Kommission? In der FAZ (4. April 2015) erfährt man es. Die Kommission nämlich weiß jetzt (Erfahrungen lehrten es), „dass zwischen Erzeuger- und Konsumentenpreisen nicht zwingend ein Zusammenhang besteht.“ Echt, oder? So dass sich am Ende des Tages eine Europäische Kommission auch nicht mehr wundert, dass, was die Milch auf unserem Frühstückstisch anbelangt, „der Preis, der den Bauern gezahlt wurde, in der zweiten Jahreshälfte 2014 um 11,7 Prozent fiel, während gleichzeitig der Endverbraucher vier Prozent mehr für sein Milchprodukt berappen musste.“ Natürlich kann man sich noch weniger wundern, wenn brasilianische Kaffeebauern immer weniger für ihren Kaffee bekommen und deutsche Kaffeetrinker dafür immer mehr bezahlen müssen. Aber nicht ärgern, investieren! „Für Privatanleger gibt es börsengehandelte Fonds oder Zertifikate auf Indizes oder Körbe aus mehreren Rohstoffen und Waren, Auch in einzelne Rohstoffe wie Zucker oder Kaffee können sie investierten. Banken bieten Fonds, Zertifikate oder Derivate für spekulativere Anlegernaturen auf viele Rohstoffe an, vor alle auf diejenigen, die an Börsen gehandelt werden.“ So der Ratschlag, den die FAZ ihren gierigeren Lesernaturen erteilt. Der einzige Weg, von dem Geld, das zwischen dem Weniger der Hersteller und Mehr der Verbraucher, gemacht wird, etwas abzubringen, führt zur Bank Deines … – jetzt hätte ich beinahe „Vertrauens“ geschrieben.

*

Aber es gibt das Gute doch auch, sogar in der FAZ, oder etwa nicht? Zum Beispiel in Gestalt von Tanja Gönner, Weiterlesen

JOE UND DER SOHN GOTTES – 2. Buch (VIII)

(Dieses Kapitel liest sich vielleicht leichter, wenn man dazu das Gemälde »Andrew Meets the Holy Broccoli Family in the mountains of India, 1857« von Andrew Gilbert (2010) betrachtet. Vielleicht aber auch nicht.)

 

Als der Sohn Gottes erwachte, sah er zunächst ein paar blankgeputzte Stiefel, und dann einen Gewehrlauf, der auf ihn gerichtet war.

»Da haben wir ja noch so einen Judenlümmel, der geglaubt hat, sich vor uns in diesem Wald verstecken zu können.«

Der Uniformierte, der das sagte, schlug den Sohn Gottes mit dem Gewehrkolben ins Gesicht. »Es wird wirklich Zeit, dass ihr merkt, wer hier das Sagen hat.«

Der Sohn Gottes verspürte zugleich einen heftigen Schmerz und gar keinen. Wie kann so etwas sein, dachte er. Nur weil ich auf dem Planeten Brocoli das Wort »egal« zu denken gelernt habe? Blut rann ihm übers Gesicht, und doch musste er lachen.

»Los, rüber zu den anderen, Du Judenlümmel«, schrie der Mann mit den Stiefeln und dem Gewehr. Und er trat ihm in die Seite.

Der Sohn Gottes sprang auf. Er versuchte, sich vor den nächsten Schlägen, Tritten und Stößen zu schützen. Er lief vorwärts. Er spürte das Blut, das an seiner Schläfe herunterlief, und es gefiel ihm nicht. Er griff mit den Händen in den Waldboden und fühlte, wie sich Dornen in seine Hände bohrten. Ihm war kotzelend. Er hatte auf den Mann mit dem Gewehr und den Stiefeln einen solchen Hass, dass er ihn angegriffen hätte, egal was dann geschehen wäre. Aber er hatte einfach die Kraft dazu nicht mehr.

»Warum bin ich so schwach?«, fragte der Sohn Gottes.

Er sah, dass etwa ein Dutzend junger Leute, Kinder eher, in einer Reihe vorwärts getrieben wurden. Sie waren so mager, so elend. Von noch mehr Männern mit Stiefeln und Gewehren erhielten sie Tritte und Schläge, obwohl sie sich kaum auf den Beinen halten konnten. Weiterlesen

Beute und Gespenst – Eine Skizze

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Kapitalisierung ist, seit dem, was wir uns eher mythisch als „ursprüngliche Akkumulation“ (nämlich den Gewaltakt der Entwendung und der Versklavung) vorstellen, ein unabgeschlossener und unabschließbarer Vorgang. Der Kapitalismus braucht etwas, das er „erobern“ kann. In jedem Jahrhundert seines Bestehens und in jeder seiner Erscheinungsformen scheint das etwas anderes zu sein: Ländereien, Rohstoffe, Arbeitskräfte, Ideen schließlich. In dem Stadium, in dem wir uns befinden, der Peak des „Finanzkapitalismus“, spielt die „innere Landnahme“, von der schon Rosa Luxemburg sprach, eine wichtige Rolle. Kapitalisierung greift nach den „Naturkapitalien“, wie Luft, Wasser, Bewegung etc. Nach den inneren „Werten“, der Phantasie, den Träumen, der Kunst, der Information und so weiter und zugleich übernimmt die Ökonomie, vollständiger als je, auch das Feld der Kunst. Kapitalisierung, mit einem Wort, betrifft nun nicht mehr allein das, was man umfassend genug „Gesellschaft“ nennt, sondern noch mehr das, was man früher „Seele“ nannte.

Das Nicht-Eroberte ist dem Kapitalismus zugleich Beute und Gespenst. Genau gesagt nicht Beute und Gespenst nacheinander oder gleichzeitig, sondern Gespenst als Beute, und Beute als Gespenst.

Alles Eroberte lebt als Gespenst und Beute weiter, von der Magie bis zum Kommunismus. Daher ist der Kapitalismus auch als ein gewaltiges Spukhaus zu beschreiben. Genauer gesagt, er beschreibt sich selber als solches. Er nennt das seine „Kultur“.

Diese Kultur produziert industriell, und dann postindustriell (digital) Bilder, Begriffe und Erzählungen, die von Beute und Gespenst in allen Dingen sprechen. Wenn man Beute und Gespenst denkt, „versteht“ man nahezu alles, was an Bildern, Begriffen und Erzählungen im Kapitalismus produziert werden kann. Allerdings: Das Geheimnis besteht in der Unzahl der Beute / Gespenst-Beziehungen.

Die „Arbeit“ des Kapitals besteht darin, das Gespenst in der Beute einzumauern; jede Revolte (gleichwohl sie stets wieder eingefangen und zur Produktion neuer Terrains für die innere Landnahme missbraucht werden wird) versucht, das Gespenst aus der Beute zu befreien. Dabei entstehen neue Gespenster, und damit entsteht neue Beute.

Geld ist „reine Beute“, „reines Gespenst“ und „reine Beziehung“, das heißt das zu Transformierende, die Transformation und das Transformierte, immer in neuer Gestalt (und immer in der alten: Das Geld von heute ist Beute und Gespenst des Geldes von gestern).

(Beute und Gespenst sind die  Motoren der Geschichte. Wird ihr Verhältnis prekär, so wird die Geschichte suspendiert. Geschichtslosigkeit ist ein Wesenszug des Finanzkapitalismus. Sie zu überwinden ist wohl nicht automatisch, wie man hier und da erhofft, die Überwindung auch des Kapitalismus’, sondern kann ebenso auch nur nächste Transformation bedeuten.)

Dass wir aus Angst und Lust zusammengesetzte Wahrnehmungsmuster pflegen, die wir wahlweise „freisetzen“ und zu „kontrollieren“ versuchen, in einer Form des Managements, ist der natürliche Rohstoff des Beute / Gespenst-Schemas, in dem die Lust des Seins zum Fetisch des Habens, und die Furcht vor der wirklichen Welt zur Angst vor der Unwirklichkeit in allem geworden ist. Anders als Lust und Angst ist Beute und Gespenst über-individuell zu managen. Der Beute-Aspekt und der Gespenst-Aspekt eines Dings trifft auf ein Wir, ein Ich und ein Es gleichermaßen. Zwar nimmt am Ende einer die Beute, doch haben „wir“ vordem das Ding durch seine Beutehaftigkeit identifiziert und gezähmt bzw. gelähmt. Das Ding, das auf diese Weise zur Beute geworden ist, ist für das Leben verloren. Beides, Beute und Gespenst, sind „untot“. Weiterlesen

Kleinigkeiten (42)

In der taz (vom 20. 03.15) steht folgendes: „Karl Valentin, der große Münchner Komödiant mit Vogel-V, brachte die Verwirrung um Zeit, Raum und das ganze Gedöns einst auf den einzig wahren Punkt; ‚Wir treffen uns nach dem Krieg um halb vier’.“ Also, ich möchte jetzt nicht besserwisserisch sein, aber alles kann man nun dem Valle auch nicht in die Schuhe schieben. Nein, worum es natürlich geht ist: Eine kleine Lese-Erinnerung. Das ist natürlich aus dem „Schwejk“ (und es ist auch um sechs, und nicht um vier, und vielleicht sogar ein bissel später, für wenn man sich verspäten möcht’). Will sagen: Es wird viel zu wenig Hasek gelesen, bei dem ist manches zu finden zu dieser Zeit. Und Valentin wird auch viel zu wenig gelesen – und viel zu viel „zitiert“.

Weil, das ist das furchtbare Schicksal solcher Künstler, dass man „schwejkelt“ und „valentinisiert“, und das ist dann eine Ausrede für gleich beides. Etwas gescheites zu tun und die Künstler gescheit zu behandeln.

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Im Jahr 1966 schrieb Johannes Gaitanides über das Verhältnis der Griechen zu den Deutschen: „Was den Griechen zum Deutschen hinzieht, ist nicht das Gefühl einer gleichen Lebensgestimmtheit oder einer verwandten Lebensart, sondern vielmehr der Instinkt für die Fruchtbarkeit einer nur durch ihn vermittelten Spannung. Mit dem Engländer verbindet ihn die sportliche Einstellung zum Leben, die Lust am Spiel und Wettstreit, die Geringschätzung der Arbeit und die Fähigkeit zur positiven Faulheit. Am Romanen besticht ihn die Gemeinsamkeit der Fehler und Laster. Der Deutsche hingegen ist für ihn der schlechthin ‚Andere’, dessen harter Umgangston, dessen Disziplin und Sachlichkeit, die er oft als Kälte empfindet, ihm den Kontakt erschweren. Wo hat der Deutsche sein Herz?“

Fünfzig Jahre später gibt es da immer noch nichts zu finden. Weiterlesen