Michel Kichka: Zweite Generation – DIE COMICOLUMNE (1)

DER HOLOCAUST IM COMIC – EINE PREKÄRE BEZIEHUNG

Notizen anlässlich der deutschen Ausgabe von Michel Kichkas „Zweite Generation“

 

Weltkrieg, Faschismus und  Massenmord

In der Zeit vor Art Spiegelmans Meisterstück „Maus“, das 1989 zum ersten Mal in Deutschland herauskam, schien es mehr oder weniger unmöglich, die Form des Comic Strip, wennzwar längst als eigenständige Kunstform anerkannt, zu wählen, um angemessen vom Weltkrieg, vom Faschismus und vor allem von den Massenmorden des nationalsozialistischen Deutschland an den Juden zu erzählen. Das mochte unter anderem mit drei ausgesprochen zweifelhaften Bilderfabrikationen zu tun haben: Die propagandistische Produktion der amerikanischen Comic-Industrie während und nach dem Krieg, in der, so seltsam es klingen mag, der Hitlerismus und seine Untaten noch verharmlost bzw. entwirklicht werden mussten, um den Glanz der einfachen G.I. Joes ebenso wie den der mythischen Superhelden hervorzuheben (Captain America und Superman ließen schon damals Adolf Hitler als jämmerlichen Popanz erscheinen). Das Genre der heroischen Kriegs-Comics, das nicht nur in den USA, sondern auch in Italien und Großbritannien als Massenproduktion bis in die 1970er Jahre hinein enorme Popularität genoss und eine machistisch-technizistische Gegenwelt entwarf, die selber von nationalistischen und militaristischen Phantasmen nicht vollkommen frei war. Und schließlich die Nazisploitation (in der Hitler und die SS gern als besonders funkelnde Bösewicht erscheinen, wie etwa als wahre Ausgeburten der Hölle in einem „Thor“- Abenteuer, oder als Schreckbild von Terrorherrschaft wie in der legendären „Star Trek“-Folge, die in Deutschland nicht ausgestrahlt wurde), allem voran die Nazi-Pornos, die (wie man in dem Dokumentarfilm über die „Stalags“ von Ari Libsker nachverfolgen kann) ausgerechnet in Israel besonders gefragt waren. Gewiss gab es stets auch andere Versuche, im Medium mit dem Thema umzugehen, satirische Verfremdungen (auch unser Freund Spirou geriet einmal nach „Pretzelburg“ und in die Fänge eines mehr oder weniger deutlich als faschistisches Deutschland zu identifizierenden Regimes, das es mit Individualität und Menschlichkeit zu besiegen galt), zornige Underground-Attacken (Der Nazi-Man, 1972) oder ehrbar didaktische Versuche wie „Hitler“ von Friedemann Bedürftig und Dieter Kalenbach (1995). Über den Wahnsinn der Hitler-Kulte half uns schließlich Walter Moers’ „Adolf – Äch bin wieder da!“ (2007).

Ein knalliges illustriertes „Movie-Tie“ zum Film „The Diary of Anne Frank“ (1959) oder die Geschichte von Anne Frank als Manga in der Ästhetik des kawai, der japanischen „Kultur der Niedlichkeit“ zu erzählen, das mag uns auf den ersten Blick höchst befremdlich erscheinen – und wie Ari Libskers Film uns versucht, den kulturellen Bruch zwischen Holocaust-Gedenken und Sex-Phantasien der Pubertät nahezubringen, kann uns etwa die intermediale Installation „Anne Frank im Land der Mangas“ von Alain Lewkowicz, Vincent Bourgeau, Samuel Pott und Marc Sainsauve dabei helfen, ob einer solchen Übertragung nicht gleich ohne nachzudenken den „Geschmacklosigkeit“-Knopf zu drücken. Man ist da sensibler geworden, gewiss. Ernie Colon und Sid Jacobson schufen 2009 eine realistische Version, die mit Fotografien und Dokumenten angereichert direkte Aufklärungsarbeit leistete.

Über den Faschismus, den Holocaust und die Nachwirkungen von alledem in der Form des Comic zu berichten, ist in drei Grundformen möglich.

Erstens als eine „realistische“ Form der Wiedergabe von Einzelschicksalen. Eine besondere Form der Grausamkeit im Lager schildert Reinhard Kleist in „Der Boxer“ (2012).  Die Geschichte des Juden Hertzko Haft im Lager Auschwitz-Birkenau. Wegen seiner kräftigen Statur wurde er nicht sofort in die Gaskammer, sondern als Faustkämpfer zum Gaudium der Wachmannschaften in den Ring geschickt. Kleist zeigt das in archaisch-einfachen, an Holzschnitte erinnernde Bilder, bleibt näher an der historischen Wahrheit als es etwa die Filme tun, die zu dem Thema erschienen sind. Auch diese Geschichte geht auf einen schwierigen Annäherungsprozess zwischen den Generationen zurück. Alan Scott Haft hat die Geschichte seines Vaters Hertzko Haft aufgeschrieben. „Eines Tages werde ich alles erzählen“ lautet bezeichnend auch der deutsche Titel des Buchs. Kleists Technik, neben dem radikalen, holzschnitthaften schwarz / weiß gibt eine gewisse Distanz. Er habe, so der Autor, „die Kamera“ oft sehr weit weg gestellt, etwa bei den Szenen, die die Arbeit der Häftlinge im Krematorium zeigen. Ansonsten setzt er die Geschichte eher direkt und unverfremdet um.

Zweitens lässt sich das Wissen und die Erinnerung in der Form der Integration bestehender Comic-Konzepte, -Genres und –Heroen vermitteln. Ein durchaus bemerkenswertes Beispiel aus der letzten Zeit (schon wegen seiner atmosphärischen Rekonstruktion einer Zeit, in der „Normalität“ eine Maskerade sein muss) ist Émile Bravos Phantasie über die Zeit, als Spirou, inmitten von Besatzung und Krieg, noch Hotelpage im Hotel Mustique war und von seiner ersten Liebe in den Kreis des Widerstands gegen die Nazis gezogen wird. In diesem „Porträt eines Helden als junger Tor“ steckt einerseits eine Suche nach den historischen und nicht zuletzt moralischen Wurzeln einer Comic-Figur. Durch diese Geschichte verstehen wir vielleicht, warum Spirou immer wieder in die Auseinandersetzung mit terroristischen und faschistischen Regimes gezogen wird. Andrerseits mag sich ein solcher Comic den Vorwurf einhandeln, die Geschichte zu verharmlosen, dem wirklichen Schrecken der Judenverfolgung nicht gerecht zu werden. Vielleicht helfen in diesem Zusammenhang die Worte von Dorit Novak, der Leiterin der International School for Holocaust Studies: „Für die Kinder ist es das Wichtigste, nicht nur über den Tod, sondern auch über das Überleben etwas zu erfahren. Wir müssen den Kindern alles erzählen, ohne etwas zu verbergen, ohne zu lügen oder zu maskieren, aber wir dürfen sie dabei nicht durch den Schrecken lähmen“. Comic-Geschichten, die über Identifikation, Heldentum und Abenteuer, auch durch ein relatives happy ending die Geschichte des Holocaust vermitteln wollen, arbeiten also zwar in der Gefahr einer Verharmlosung, aber sie arbeiten zugleich gegen den Fatalismus der kollektiven Erzählung vom „Man konnte nichts tun“. Was also solche Geschichten, wenn sie gelungen sind, vermitteln können, das ist die „Lust“ am Widerstand, die freilich immer Platz lassen muss für die Trauer, das Wissen um die Opfer.

In dieser Form, wenngleich ganz anders im Stil und Aufbau, wirkt auch Eric Heuvels „Die Suche“ (2007 in Zusammenarbeit mit der Anne-Frank-Stiftung veröffentlicht). Er erzählt die Geschichte eines jüdischen Mädchens, deren Eltern in Auschwitz ermordet wurden und das erst Jahre nach dem Ende des Krieges erfährt, welches Leid sie dort erfahren mussten. Es ist eine Form der aktiven Auseinandersetzung mit der Geschichte und eine Recherche der Motive von Widerstand und Mitläufertum. Eingedenk von Dorit Novaks Mahnung und unter Mitarbeit einer internationalen Beratergruppe entstanden, verzichtet auch dieser Comic auf die direkte graphische Darstellung des Grauens; er belässt es bei Leerstellen, Andeutungen und indirekter Widergabe. Bereits 2003 hatte Heuvel mit „Die Entdeckung“ eine Geschichte vom Überlebenskampf erzählt, und auch hier hat der gelernte Pädagoge und Zeichner, vergleichbar etwa Roberto Benignis Film „La Vita e Bella“, ganz bewusst mit märchen- und genrehafter Gestaltung gearbeitet, wie um deutlich zu machen, dass eine solche Geschichte die Wirklichkeit des Holocausts niemals wirklich darstellen kann.

„Die Suche“ ist so etwas wie das Verbindungsstück zu einer weiteren, vor allem durch „Maus“ bekannten Erzählhaltung im Holocaust-Comic: die autobiographische Reflexion über die Familie und Geschichte durch Angehörige der zweiten Generation der Holocaust-Überlebenden. Eine schwierige Annäherung ist das, nicht ohne Konflikte und Missverständnisse zu haben. Eines der gelungensten Beispiele aus jüngster Zeit ist gewiss Rutu Modans „Das Erbe, die in zart koloriertem Ligne Claire-Stil die Geschichte der Autorin erzählt, die zusammen mit ihrer Großmutter nach Warschau reist, um die Rückgabe einer Immobilie einzuklagen, die von den Deutschen geraubt wurde. Doch stellt sich heraus, dass noch etwas ganz anderes hinter dieser Reise steckt, eine sehr persönliche Erinnerung. Auch „Das Erbe“ erklärt, wie es zwischen den Generationen der Holocaust-Überlebenden immer wieder zu Spannungen kommt, nicht zuletzt, weil man ganz einfach nicht von allem sprechen kann, und weil die Erfahrungen in einem Konzentrationslager ganz sicher nicht in einfache Worte und einfache Bilder zu übertragen sind.

Dies nun sind ganz eindeutig Comics für (junge) Erwachsene, die sich nicht mit pädagogischen Rücksichten beschweren müssen. Das heißt nicht nur, dass man mit den Bildern des Schreckens nicht „vorsichtig“ umgehen muss, sondern auch, dass man darauf verzichten kann, einfache Heldenbilder, widerspruchsfreie Erzählungen, kurz Vereinfachungen vorzunehmen. Ruthu Modans lässt sich ganz auf den widersprüchlichen Charakter ihrer Großmutter (gelegentlich könnte man wohl von „Unerträglichkeit“ sprechen) ein, und entfaltet dann doch immer wieder die größte Zärtlichkeit gegenüber diesem Leben. Und ganz nebenbei erzählt sie ja auch von sich selbst, von einer Generation, die aus dem Schatten von Auschwitz und der Übermacht einer Mischung aus Erzählung und Verschweigen heraus treten will, ohne zu vergessen oder gar zu verdrängen.

Auch Pascal Croci verwendet in seiner Graphic Novel „Auschwitz“ (2005) die Erinnerungen von Überlebenden als Material. Es ist wohl, was die Annäherung an den Lager-„Alltag“ anbelangt, das härteste Vorgehen. Es wird hier nichts mehr ausgespart und angedeutet, dafür entstehen in der Schwarz-Weiß-Welt dieses graphischen Versuchs über das Grauen ganz direkte Eindrücke, die zugleich Möglichkeiten und Grenzen des Mediums darstellen: Immer wieder unterbricht der Autor die übliche lineare Abfolge der Bilder, zwingt den Leser zu Brüchen und Querverbindungen, und anstelle der gewohnten runden Sprechblasen, die schon als optische Hinführung einen Aspekt von Harmonie aufweisen, verwendet er blitzzackige Gebilde, die noch mehr Unruhe und Unversöhntheit vermitteln als es die Bilder schon tun. Zwischen einer Polyphonie der Opfer gibt es subjektive „Einstellungen“ etwa auf die Füße von Marschierenden. Über mehrere Seiten hinweg sehen wir dann nichts als Gaswolken und diese Anti-Sprechblasen mit den verzweifelten Versuchen, den Todeskampf der Opfer zu beschreiben, bis am Ende nichts als die verzerrten Gesichter der Getöteten bleiben. Stumm und ohne Trost ist dieses Schlussbild, das keines sein kann.

Noch einen anderen Weg wählen der Comic-Autor Neal Adams und der Historiker Rafael Medoff in ihrem Projekt „They Spoke Out: American Voices of Protest Against the Holocaust“, gleichsam ein Endergebnis der vielen Versuche der beiden, mit Mitteln von Comic Strip und Cartoon-Techniken den amerikanischen Schulkindern die Geschichte des Holocaust nahezubringen. Dieses Projekt ist nun in den elektronischen Netzen als eine der ersten eigenständigen Formen angekommen. Es ist ein entscheidender Anspruch, den es schon beim CD-Material zu „Maus“ gab, dass die Leser / Nutzer selbst bestimmen können, wie weit sie in die Materie hinein gehen, welche Informationstiefe sie wählen, und wie sehr sich traditionelle Comic-Animation ersetzt durch historisches Dokumentarmaterial und Zeugenaussagen (THEYSPOKEOUT). So wird, ganz direkt, die Comic-Lektüre zur Basis einer Konfrontation mit der Wirklichkeit.

Was den „pädagogischen“ Weg anbelangt, so hat es in den letzten Jahren beinahe schon ein Überangebot von Büchern, Broschüren etc. gegeben, die sich zumindest der Comic Strip-Ästhetik oder -Erzählweise bedienen, um den schwierigen Stoff den Kindern von Marvel und You Tube nahezubringen. Möglicherweise aber müssen gerade Comics, die ausschließlich zu dem Zweck geschaffen werden, „zugänglich“ für die Kids (und Erwachsene, denen das Lesen zusammenhängender Texte Schwierigkeiten bereitet) zu sein, auch an dieser Aufgabe scheitern müssen. Der Comic hat eine eigene Ästhetik, und dabei ist die Erzählhaltung bedeutend, vielleicht noch mehr als in anderen Darstellungsformen, die nicht so radikal einem Autorenwillen unterworfen sind. Der Comic kann, anders als andere Medien, seine Codes frei wählen. Daher ist auch jeder Holocaust-Comic ein neues Wagnis. Es ist eher unwahrscheinlich, dass gleichsam eine eigenes „Genre“ entsteht, auch wenn es mittlerweile in Form und Inhalt so viele Beispiele gibt, dass man eine eigene Geschichte schreiben kann. Im Comic multipliziert sich einerseits das Zeichenhafte (was besonders in Bezug auf die politischen Symbole zutrifft), und auf der anderen Seite ist der Übergang von „Traum“ und „Wirklichkeit“ nirgendwo so fließend, fast unsichtbar wie hier. Text und Bild sind autonomer als zum Beispiel im Film.

Michel Kichkas „Zweite Generation“

Offensichtlich scheint, dass jeder Comic zum Thema zunächst einmal auch das Ringen um die eigene Darstellungsmittel enthalten muss, eine Definition des Abstands zwischen Darstellung und Wirklichkeit, die Reflexion von Distanz und Annäherung. Der autobiographische Aspekt ist dabei natürlich ein Leitfaden, der zugleich Möglichkeiten und Fallen bietet. Michel Kichkas „Zweite Generation“ gelingt es, nicht zuletzt durch jenen gewaltigen Arbeitsaufwand, der nötig ist, um einer Comic-Erzählung das Flair einer selbstverständlichen Kongruenz zu geben. Am Ende muss ein guter Comic so wirken, als würde er sich von selbst erzählen.

Geboren in Lüttich (1954),  arbeitet Michel Kichka seit Mitte der 1970er Jahre für das israelische Fernsehen und für das französische TV 5, liefert Karikaturen für L’Humanité und israelische Zeitungen. Sein primäres Feld ist aber das Kinderbuch. Er ist Vorsitzender der Vereinigung israelischer Cartoonisten und unterrichtet an der Bezalel Academy of Arts and Design in Jerusalem. Kichka hat lange gebraucht, um sich des Themas anzunehmen, das so bestimmend für sein Leben war, und er verschweigt in seiner Arbeit nicht, welche Widerstände, manchmal Qualen es für ihn bedeutete.

Er erzählt die Lebensgeschichte seines Vaters Henri, 1926 geboren, 1942 nach Auschwitz deportiert. Seine Familie wurde von den Nazis ermordet. Die Erinnerung an diese Tragödie ist in der Familie unentwegt präsent, zugleich aber gibt es Riten und Modalitäten, die den direkten Zugang schwer machen, und darüber hinaus gibt es Eigenheiten und Spannungen, wie in jeder anderen Familie auch. Das direkte Gespräch über die Vergangenheit im Lager kommt nicht wirklich zustande, stattdessen ist die ganze Welt, der Alltag und die Nachrichten, von diesen Geschehnissen bestimmt. Das erste was wir von der Familie Kichka erfahren ist: „Papa sprach nicht von seiner Familie. Oder nur selten“. Daher muss sich Michel immer wieder seinen eigenen Reim machen, auf die tätowierte Nummer auf dem Arm des Vaters zum Beispiel. Und zugleich gibt es dieses sonderbare Privileg: Vater darf beim Essen rülpsen, Michel nicht. „Bei Papa ist das was anderes. Er war im Lager“. Man empfindet das als kleiner Junge gewiss sehr ungerecht, vor allem, wenn man nicht einmal weiß, was das eigentlich ist, ein Lager.  Aber der Vater hat eine Bibliothek mit vielen Büchern über das Dritte Reich und den Holocaust. Und das ist das Dilemma des Jungen Kichka, wenn er die Fotos aus Auschwitz und Buchenwald sieht: „Ich hatte Angst, ihn nicht zu erkennen. Ich hatte Angst, ihn zu erkennen“.

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Vaters

Und daraus entsteht auch eine seltsame Verpflichtung. „Ich habe die Schule wegen der Nazis nicht beenden können“, ermahnt der Vater Henri seinen Sohn, „Also sei du immer Klassenbester, versprochen?“. Und auch die Brüche des Familienromans sind nicht ausgespart. „Mama bekam gerne Kinder für Papa. Aber sie mochte sich nicht um sie kümmern.“ Dem Vater war die Familie ein „Sieg über die Boches“ und deshalb musste alles dem Bild einer „idealen Familie“ entsprechen. Gleichwohl teilen sich die Lasten der Erinnerung in anderer Form; Vater und Sohn zeichnen gemeinsam Karikaturen von Hitler und Goebbels, und auf einem Familienfest in späteren Jahren werfen sich alle vor Lachen über Holocaust-Witze weg.

Natürlich kommt man nicht darum herum, so eine Geschichte mit dem grandiosen „Maus“ von Art Spiegelman zu vergleichen. Um diese Beziehung klarzustellen, lässt Kichka Spiegelmans Arbeit gleich selbst wieder aufscheinen und bekennt sich dazu, von „Maus“ inspiriert zu sein. Diese lässige Reflexion macht es umso leichter, zu beschreiben, worin die Unterschiede bestehen, und warum Kichka einen neuen Zugang findet.

Die Biographie ist näher, es gibt keine epische Verfremdung, die Handlung hat mehr mit episodischer Auflösung als mit dem panoramatischen Blick zu tun. Die Erzählung hat einen größeren Grad an Intimität. Und es ist der Ton einer ständigen Verbindung des Komischen mit dem Tragischen, der „Zweite Generation“ so einzigartig macht. Er zeigt den Weg eines Menschen von der Kindheit über eine mehr oder weniger rebellische Jugend bis zu den Melancholien und Bewusstseinsschüben des Erwachsenen, der sich zur Erinnerungsarbeit entschließt. Durch alle diese Lebenssituationen zieht sich die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Vaters. „Meine Nächte waren von Gespenstern bevölkert.“

In seinem Zeichenstil benutzt Kichka Traditionen der École Marcinelle und speziell André Franquin: Dessen komische Taugenichts-Figur „Gaston“ ziert das Kinderzimmer des Helden, während in einer Szene Michel und sein Freund aus dem Belgisch-Kongo, von dem er entdeckt hat, dass auch er beschnitten ist, gemeinsam in Hergés „Tintin au Congo“ lesen. („Das hätte sich nicht einmal Hergé selbst träumen lassen“.) In der Klasse sitzt hinter Henri Tintin und murmelt „Streber“, und hinter Michel sitzt Gaston und murmelt ebenfalls „Streber“, so schreibt sich, in winzigen Einschüben, eine Comic-Kulturgeschichte. In Kichkas atmosphärischen Straßen- und Architekturzeichnungen ist dagegen der Einfluss von Robert Crumb zu spüren, und bei den Figurenzeichnungen ist die Arbeit als Karikaturist präsent, wobei er gelegentlich auch derbere Striche nicht verschmäht. Wenn es Art Spiegelman gelang, eine einzigartige Bildsprache für sein Thema zu entwickeln, erweist sich Kichka als großartiger Eklektizist. Bei seinen Kinderphantasien über den Holocaust gibt es durchaus drastische und sarkastische Momente. Etwa die Angst vor dem Keller im Internat in Spa, wo hinter gepanzerten Türen womöglich die Skelette von SS-Soldaten lauern könnten.

Am Ende bekennt sich Kichka in einem Epilog zur befreienden Wirkung seiner Arbeit, er fliegt über die fertigen Seiten seiner Geschichte. Und er fliegt befreit über sie, über die Geschichte der Welt und die der Familie: „Noch niemals hatte ich mich so gut gefühlt“. Und Leserin und Leser fühlen mit ihm, diese Befreiung, die aus einer einfachen Erkenntnis kommt. Dass man mit der Geschichte nur leben kann, wenn man sich ihr stellt. Bis in alle Einzelheiten hinein. Der Comic Strip ist die Kunst, mit Einzelheiten umzugehen.

 

„Zweite Generation“ ist bei Egmont Graphic Novel erschienen, 180 Seiten im Hardcover, 19,99 Euro.

 

 

 

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