Unterwegs (6)

Es ist ein zweifellos großes Bild, was man da vor den Kameras und Smartphones hat, eine Schlucht, eine Burg, viele Bäume. Die Menschen drängen sich an den Punkt, von dem aus man dieses Bild machen kann, nur wer unter Zuhilfenahme seiner Ellbogen nach vorne kommt, kann auch das richtige Bild machen, das alle machen wollen. Daneben gibt es einen Kiosk, der bessere Zeiten gesehen hat, weil die Menschen keine Ansichtskarten mehr kaufen.

Ein schlaues Mädchen, das sich auf die Kraft der Ellbogen nicht verlassen konnte oder wollte, schlich sich an den Kiosk, hielt sein Smartphone sehr nahe an eine der verblassenden Postkarten und erhielt so das authentischste aller Bilder von der Schlucht, der Burg, den vielen Bäumen. Es enthielt die Zeit, die die anderen Fotografierenden gerade vertrieben hatten.

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Morgendliche Trübnis im Rotlichtbezirk. Eine hellhäutige Frau um die dreißig scheucht ein dunkelhäutiges Mädchen im Teenageralter vor sich her. Sie schimpft, mahnt und flucht, das Mädchen reagiert trotzig. Was mag das sein? Weiterlesen

Michel Kichka: Zweite Generation – DIE COMICOLUMNE (1)

DER HOLOCAUST IM COMIC – EINE PREKÄRE BEZIEHUNG

Notizen anlässlich der deutschen Ausgabe von Michel Kichkas „Zweite Generation“

 

Weltkrieg, Faschismus und  Massenmord

In der Zeit vor Art Spiegelmans Meisterstück „Maus“, das 1989 zum ersten Mal in Deutschland herauskam, schien es mehr oder weniger unmöglich, die Form des Comic Strip, wennzwar längst als eigenständige Kunstform anerkannt, zu wählen, um angemessen vom Weltkrieg, vom Faschismus und vor allem von den Massenmorden des nationalsozialistischen Deutschland an den Juden zu erzählen. Das mochte unter anderem mit drei ausgesprochen zweifelhaften Bilderfabrikationen zu tun haben: Die propagandistische Produktion der amerikanischen Comic-Industrie während und nach dem Krieg, in der, so seltsam es klingen mag, der Hitlerismus und seine Untaten noch verharmlost bzw. entwirklicht werden mussten, um den Glanz der einfachen G.I. Joes ebenso wie den der mythischen Superhelden hervorzuheben (Captain America und Superman ließen schon damals Adolf Hitler als jämmerlichen Popanz erscheinen). Das Genre der heroischen Kriegs-Comics, das nicht nur in den USA, sondern auch in Italien und Großbritannien als Massenproduktion bis in die 1970er Jahre hinein enorme Popularität genoss und eine machistisch-technizistische Gegenwelt entwarf, die selber von nationalistischen und militaristischen Phantasmen nicht vollkommen frei war. Und schließlich die Nazisploitation (in der Hitler und die SS gern als besonders funkelnde Bösewicht erscheinen, wie etwa als wahre Ausgeburten der Hölle in einem „Thor“- Abenteuer, oder als Schreckbild von Terrorherrschaft wie in der legendären „Star Trek“-Folge, die in Deutschland nicht ausgestrahlt wurde), allem voran die Nazi-Pornos, die (wie man in dem Dokumentarfilm über die „Stalags“ von Ari Libsker nachverfolgen kann) ausgerechnet in Israel besonders gefragt waren. Gewiss gab es stets auch andere Versuche, im Medium mit dem Thema umzugehen, satirische Verfremdungen (auch unser Freund Spirou geriet einmal nach „Pretzelburg“ und in die Fänge eines mehr oder weniger deutlich als faschistisches Deutschland zu identifizierenden Regimes, das es mit Individualität und Menschlichkeit zu besiegen galt), zornige Underground-Attacken (Der Nazi-Man, 1972) oder ehrbar didaktische Versuche wie „Hitler“ von Friedemann Bedürftig und Dieter Kalenbach (1995). Über den Wahnsinn der Hitler-Kulte half uns schließlich Walter Moers’ „Adolf – Äch bin wieder da!“ (2007).

Ein knalliges illustriertes „Movie-Tie“ zum Film „The Diary of Anne Frank“ (1959) oder die Geschichte von Anne Frank als Manga in der Ästhetik des kawai, der japanischen „Kultur der Niedlichkeit“ zu erzählen, das mag uns auf den ersten Blick höchst befremdlich erscheinen – und wie Ari Libskers Film uns versucht, den kulturellen Bruch zwischen Holocaust-Gedenken und Sex-Phantasien der Pubertät nahezubringen, kann uns etwa die intermediale Installation „Anne Frank im Land der Mangas“ von Alain Lewkowicz, Weiterlesen

JOE UND DER SOHN GOTTES – 2. Buch (VI)

6

Nach einer langen Weile meldete sich der Planet Broccoli wieder: „Du bist also der Sohn eines Gottes, hm?“
„Tja, sozusagen. Aber ich bilde mir nichts darauf ein.“
„Aber du bist nicht allwissend?“
„Nein, habe ich doch gesagt. Ich bin ein Kind.“
„Mist“, sagte der Broccoli-Planet. „Ich hatte gehofft, du könntest mir sagen, was das hier alles soll. Ich meine, hey, ein Riesenbroccoli mitten im Weltall. Worin liegt denn da der Sinn?“
„Du  meinst also, irgendwas anderes ist sinnvoller?“
„Alles andere ist sinnvoller! Du kommst wohl nicht gut aus mit deinem Vater?“
„Er ist mir egal.“
„Oh je. Dann könntest du ihn wohl auch nicht fragen, was?“
„Was?“
„Wegen meiner Broccoli- und Planeten-Existenz, meine ich.“
„Was sollte er denn dazu sagen?“
„Na, weil er doch allwissend ist. Das sind diese monotheistischen Götter doch, oder?“
„Er weiß ja nicht einmal, wer er selber ist. Er hat nur keine Frage dazu. Es ist ihm egal. Er ist die Ursache seiner Existenz. Er ist die Antwort auf alle Fragen. Aber auf keine einzelne. Vielleicht ist er überhaupt nur die Antwort auf die Fragen, die sich ohne ihn gar nicht stellen würden. Wer weiß?“
„Er…?“
„Nie im Leben. Außerdem hat er immer was anderes zu tun. Die Leute stellen sich meinen Vater immer viel zu intellektuell vor. Er is’ was er is’, das is’ alles was er is’. Nur jetzt hat er so einen Hals, weil ich mich nicht mit der Erlösung beschäftigen will. Und jetzt bin ich hier.“
„Tja. Und das gibt auch keinen Sinn. Das macht mich ganz melancholisch. Obwohl, eigentlich ist es ja ganz nett, dass du da bist …“
„Ja, ganz nett …, sag’ mal …, Fernsehen oder so was gibt’s hier wohl nicht, oder? Vielleicht ’nen Fluss zum Baden, ’nen Berg zum Raufsteigen?“
„Was?“
„Vergiss es“, sagte der Sohn Gottes und fragte sich, was die anderen wohl gerade machten. Weiterlesen