Kleinigkeiten (40)

Hans Leyendecker schreibt in der Süddeutschen Zeitung „In eigener Sache“ über Alice Schwarzer:

„Steuerlich betrachtet ist die Angelegenheit allerdings gar kein so großer Fall, was die hinterzogene Summe angeht. Frau Schwarzer hatte viele Jahre dem Fiskus einen Schatz verschwiegen, den sie in der Schweiz verborgenen hatte. Bei einer Zürcher Privatbank hatte sie ein Konto mit ein paar Millionen drauf. Ende 2013 machte sie eine Selbstanzeige und zahlte etwa 200 000 Euro Steuern nach“.

So what? Ist das Ironie? Finanzkapitalistischer Gangsterrap fürs Feuilleton?

Mit den paar Millionen, sollt ihr uns verschonen, die lohnen kein Fahnden und Ahnden, ihr Spießer, Schweiz-Nicht-Genießer, du fieser Bild-Zeitungsverächter, Schrebergartenpächter, was soll dieses Schwätzchen übers Züricher Schätzchen, sind bloß Mätzchen, im Blingbling-Journalismus, Springerfaschismus, Boulevardfeminismus. Lasst das Geld bei uns Reichen, ihr lebenden Leichen, werdet uns nie erreichen! Wir sind schon ganz heiser als Leuteverscheißer, werd’n wir nicht leiser, verkaufen unsere Tönchen für ein paar Milliönchen, na schönchen. Und dann auch noch Steuer? Ist uns zu teuer! Alte Leier! Ihr selbstgerechten, schlechten Verdiener. Diener! Diener! Habt nichts kapiert, wie’s läuft wie geschmiert. Ihr Denunzianten! Querulanten. Finanzdilettanten. Wir Bildzeitungsschmierer sind keine Verlierer. Yo!

Aber wir. Die wir uns, wie man so sagt, den Arsch aufreißen und dann ein Leben lang nicht so viel verdient haben wie jene, die kein so großer Fall sind, freiwillig Steuern zurück zahlen wollen, damit eine Ruhe ist, weil einem ja niemand was gönnt. Wir dürfen uns schon verhöhnt vorkommen, oder? Es sei denn, es war doch Ironie. In der Süddeutschen Zeitung soll ja viel Ironie vorkommen, sagt man.

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Apropos Qualitätsjournalismus. Äh, dazu fällt mir gerade nichts ein.

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Liebe deutsche Buchverlage,
ich habe gerade die Ratgeber-Bestsellerliste des Focus gelesen und daraus das absolut totsichere Erfolgsbuch für Euch destilliert:

KARRIEREBEWUSSTES DIÄT-WINTERGRILLEN MIT DER DEUTSCHEN FUSSBALLNATIONALMANNSCHAFT UND WARUM ES DANACH AUCH WIEDER MIT DEM SEX KLAPPT

Nichts zu danken.

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Es ist schon schwierig genug, sich eine Ökonomisierung des Denkens vorzustellen. Nun müssen wir uns eine Ökonomisierung der Moral vorstellen. Was reich macht, kann nicht böse sein. Daher weinen wir mit Uli Hoeneß und Alice Schwarzer, nicht mit den verhungernden Kindern in Afrika. Weiterlesen

Eins auf die Presse, mein Herzblatt (34)

Eine neue „Klasse“, wie etwa die der ebenso voll verblödeten wie anti-sozialen „wirtschaftlichen Elite“ braucht natürlich auch eine neue Entourage zum Legen entsprechender Schleimspuren. Zum Beispiel sind diese Premium-Klasse-Menschen schon zu vertrottelt, nein quatsch, zu beschäftigt, um so etwas wie eine „Geschäftsreise“ zu planen (also das Zeug, wo man sich amüsieren kann, den Konkurrenten austrickst und das alles noch bezahlt bekommt). Man braucht dazu vielmehr einen „Mobilitätsdienstleister“, wie er in der Beilage  in der Tageszeitung Die Welt unter dem Titel „Neue Geschäftsreisen“  (die alten, so zwischen Seminarraum im Adlon und Luxus-Bordell sind ja auch ein bisschen langweilig geworden), „Mit Fokus auf nachhaltigem Travel Management“, ehrlich wahr, vorgestellt wird: „Die Geschäftsreise von morgen ist durch einen beratenden Rundum-Mobilitätsdienstleister organisiert. Geplant, begleitet und nachbearbeitet wird der Business Trip über ein einziges Tool“.

Neue Männer kriegt das Land! Gestern ließen sie sich von Julia Blösch im Outfittery-Paket einkleiden, damit sie gleich erkennen, wer zu ihnen gehört, heute kriegen sie eine Komplettlösung, die „den Geschäftsreisenden schnell und qualitativ hochwertig von Tür zu Tür bringt“. Genau gesagt nennt man so etwas, einen „Traum von der End-to-End-Door-to-Door-Lösung“.

Einen Traum übrigens, den sie meiner dementen Oma aus Kostengründen versagt haben. Aber das nur nebenbei. Weiterlesen

Der Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung

Der Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung. Jedes Jahr. Mordsauftrieb. Das muss man sich ungefähr so vorstellen wie ein Treffen aller Olsen-Banden dieser Welt. Natürlich kommen auch ein paar weniger ehrbare Menschen.

Zum Auftakt gibt es Hartmut Mehdorn, ja, genau den, der uns fröhlich entgegenruft (natürlich geht es um den Berliner Flughafen): „In 20 Jahren haben Sie das Theater vergessen“. Ja, genau, wir vergessen ja so viel, da wird uns das BER-Desaster zu vergessen ja auch noch gelingen. Wir sollten überhaupt viel mehr vergessen. Nur vergessliche Untertanen sind gute Untertanen.

Auf so einem Wirtschaftsgipfel erfahren wir natürlich auch sehr tief schürfende Wahrheiten, zum Beispiel von Martin Blessing, dem „Chef der Commerzbank“: „Geld zu verleihen ist einfach. Geld zurück zu bekommen ist schwierig“. Ach darum können wir unser Geld zur Bank tragen, diese Peanuts, und kriegen nichts dafür, aber uns krumm machen bis zum Verrecken, wenn wir etwas haben wollen. Weil die Banken es sich nämlich nicht mehr leicht machen wollen. Die Verleihnixe, die lieber das Kapital unter einander hin und her schieben.

Meine Oma hat da was anderes gesagt. „Geld soll man nur leihen unter Leuten, die sich gegenseitig trauen“. Aber natürlich hätte man meine Oma nie zu einem Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung eingeladen. Weiterlesen

Eins auf die Presse, mein Herzblatt (33)

Die Süddeutsche Zeitung ist relaunched; hübsch hässlich hätte Pater Brown vermutlich gesagt. Dafür aber liest man dann so etwas in der Rubrik „Geld“: „Der britische Glücksforscher Lord Layard glaubt, die Wirtschaftswelt mache die Menschen unzufrieden und krank. Für ein besseres Leben empfiehlt er mehr Zeit mit der Familie und weniger im Büro“. Boa ey! Wenn mir das eingefallen wäre, hätte ich es vielleicht auch zu einem Lord gebracht. Oder wenigstens zu einem Glücksforscher. Und wirklich, da sitzt er ja auch auf dem dazugehörigen Foto, in einem Bus mit quietschbunten Sitzbezügen und grinst sich glücklich eins, so wie ich mit zehn, elf gegrinst habe, wenn ich eine Schokoladenbrezel bekommen habe oder die Nachbarin in einen Hundehaufen getreten ist.

Was mich selber in dieser Süddeutschen Zeitung vom 28. November des Jahres 2014 durchaus glücklich hätte machen können, wäre ein Interview mit Melvin van Peebles, einem großartigen afroamerikanischen Fotografen, Musiker und Filmemacher gewesen. Eine Legende, wie man so sagt. Und was hat er da zu erzählen! Merkwürdigerweise von „schwarzen Filmdirektoren“, von denen es jetzt immer mehr gebe. Und auch er selber, Melvin van Peebles, war einmal ein Filmdirektor. Das hab’ ich nicht gewusst, aber ehrlich gesagt, ich wusste nicht einmal, dass es so etwas wie einen Filmdirektor gibt. Außerdem hat er ein „ghettozentrisches Broadway-Musical“ geschrieben, mit einer „Do-it-yourself-Attittüde“.  Oh, Brother, da gilt es nur noch zu staunen. Oder auch nicht. Weil, was man bei der Verpackung ausgibt, das muss man halt beim Inhalt wieder sparen. Bei Übersetzungen, nur zum Beispiel. Weiterlesen