Nov 06 2014

Aristoteles und der Mittelstand

Veröffentlicht von unter Gesellschaft.

Bereits für die Staatsidee des Aristoteles war eine Stärkung des Mittelstandes identisch mit einer Vorstellung von Balance und Stabilität: „In allen Staaten gibt es drei Teile, die sehr Reichen, die sehr Armen und die Mittleren. Wenn nun das Maß und die Mitte anerkanntermaßen das Beste sind, so ist auch in Bezug auf den Besitz der mittlere von allen der beste. Denn in solchen Verhältnissen gehorcht man am leichtesten der Vernunft.“

Das Projekt des Nachkriegskapitalismus bestand nun in einer solchen „aristotelischen“ Stärkung des Mittleren: Den Arbeitern wurde versprochen, dass sie durch Fleiß und Wohlverhalten in den Mittelstand aufsteigen konnten, was sich in Form von schmucken Eigenheimen, Glück aus dem Neckermann-Katalog, Automobilen und Reisen auch zu verwirklichen schien. Die Arbeiterklasse hörte auf, als Klasse zu existieren, der soziale Aufstieg hingegen war erkauft durch eine mehr oder weniger radikale Entpolitisierung, die, wie sich später herausstellen sollte, in Wahrheit nicht „Entpolitisierung“ sondern ein „radikales“, im Zweifelsfall militantes Eintreten für den Status quo war. (Gegen diese Korruption der Arbeiterklasse wandten sich in den 1970er Jahren ausgerechnet die linken, rebellischen Studenten in einem höchst fruchtbaren Durcheinander von Impulsen und Interessen. Und in anderen Ländern, wie etwa in Italien, träumten heftigere Linke von einem neuen Zusammenschluss mit einer entstehenden, buchstäblich an die Ränder der Gesellschaft gedrängten Klasse des „Subproletariats“.)

Die in die Mittelklasse aufsteigenden Arbeiter mussten sich entschieden gegen alles wenden, was diesen Aufstieg in Frage stellen würde. Aus einer Entpolitisierung wurde daher oft eine Wendung nach „rechts“, mit oder ohne die politischen Institutionen, die man sich geschaffen hatte, die Sozialdemokratische Partei, die Gewerkschaften, die Kultur der Arbeiterklasse. In dieses Vakuum aber floss ein neuer Mensch, der Migrant, zuerst in der Form des „Gastarbeiters“, dann in der einer neuen Unterschicht, die sich nicht nur durch ökonomische sondern auch politische und kulturelle Differenz markierte. An eine revolutionäre Kraft dieser neuen Klasse unterhalb der zur Mittelklasse aufgestandenen Arbeiter glaubte freilich so recht niemand. Stattdessen entstand ein eigenartiger medialer Proll-Kult; die Projektion einer kulturell „enthemmten“ Klasse (möglicherweise für diesen Mittelstand so faszinierend wie einst für den Adel das „Schäferspiel“).

Die drei Parameter der neuerlichen Wandlung des Systems waren dann ausschlaggebend für einen Rückschlag gegen diese „neue Mitte“: Der Zusammenbruch der Planwirtschaften der „sozialistischen Staaten“, mit dem die Notwendigkeit entfiel, einen starken gesellschaftlichen und politischen Rückhalt für die jeweils neuesten Varianten der immer weniger sozialen Marktwirtschaft zu bilden, die Globalisierung, die unter vielem anderen eine dynamische Entwertung der Arbeit mit sich brachte, und die Entkoppelung von Finanz- und „Realwirtschaft“, die eine neue staatlich-wirtschaftliche Verflechtung als Neo-Merkantilismus und Anti-Ökonomie hervorbrachte. Dieser neue Mittelstand, der aus Teilen des alten bestand, aus Teilen der aufgestiegenen Arbeiterschaft und nicht zuletzt auch aus „moderierten“ Teilen einer alten Oberschicht, die ihre Arbeit so gründlich abgewertet sah wie die der technologisch versierten (Fach-) Arbeiter aufgewertet, namentlich aus dem tertiären Sektor, der „intellektuellen“ Oberschicht, den Lehrern, der Beamten, der Ärzte etc. hatte nun seine Schuldigkeit für die Entfaltung des Kapitalismus getan und konnte gehen. Der einzige Impuls einer Repolitisierung kam dabei von der extremen Rechten; der Weg „zurück“ zu einer solidarischen, so oder so „klassenbewussten“ Politik schien schon mangels der gemeinsamen Positionierung unmöglich. Eine gemeinsame Politik konnte es für diesen neuen Mittelstand genau so wenig geben wie eine gemeinsame Kultur. Der Neckermann-Katalog, den Hans Magnus Enzensberger damals so treffend als Text für eine „Hölle des Kleinbürgertums“ beschrieb, erwies sich am Ende nicht so kanonisch wie erhofft. Denn die Phase, in der sich diese neue Mitte so zu konsolidieren schien, dass man gar von einer Verkleinbürgerlichung der ganzen Gesellschaft, des Staates, möglicherweise der Geschichte sprechen wollte, währte nur allenfalls zwei Jahrzehnte. (Die Furcht vor einem solchen „totalen“ Mittelstand und seiner muffigen Herrschaft über alle Lebensbereiche schien damals im Übrigen nicht unwesentlich die rebellischen und dissidenten Impulse zu bestimmen, die von einer Jugend dieses Mittelstands ausgingen, die gleichsam eine „letzte Chance“ sahen, sich aus diesem Gefängnis der allseitigen Reduzierungen zu befreien.)

Der stabile Mittelstand schien einerseits eine Garantie für den wachsenden Wohlstand einer Gesellschaft (die „ausgeglichene Handelsbilanz“, so eine der Schimären dieser Zeit, konnte nur mithilfe eines solchen „gesunden“ Mittelstandes erzielt werden), andererseits war es umgekehrt nur dieser wachsende Wohlstand einer Gesellschaft, welche Ausbreitung und Festigung eines solchen von unten her aufgefüllten und sich immer erneuernden Mittelstand garantieren würde. Damit einher ging die bis weit in die kritische Intelligenz verbreitete Meinung, der Kapitalismus habe seine Krisenzyklen überwunden. Als sich das als Irrtum herausstellte, mit Vorwarnungen in den 70er Jahren (die noch auf äußere Einflüsse abzuwälzen waren) und vehementen Krisenerscheinungen in den folgenden Jahrzehnten, erwies sich dieser neue Mittelstand für das Kapital selber aber auch für die Politik als eher lästig. Denn seine ökonomische Grundlage war ja die relative Aufwertung der Arbeit gewesen; so nützlich die Erzeugung von „Kaufkraft“ in der Mitte der eigenen Gesellschaft gewesen war, so schädlich erwies sich diese Aufwertung der Arbeit im internationalen Wettbewerb. Die neuen Formen der Ausbeutung, nämlich die Schaffung einer neuen Unterschicht als neuer „Reservearmee“ (und zugleich als politische Projektionsfläche), die Verlagerung von Arbeit in „Billiglohnländer“ (einschließlich einer klammheimlichen Ausbeutung von Arbeit in den „sozialistischen“ Ländern) und die beschleunigte Rationalisierung (Technifizierung, Automatisierung, Standardisierung etc.) genügten allein schließlich nicht mehr, um den Profithunger der neuen oligarchen Strukturen zu befriedigen. Konzerne im Wettstreit miteinander müssen mehr generieren als einen „Wohlstand“, nämlich wahrhaft ungeheures Kapital als Waffe gegeneinander.

Die in den Mittelstand aufgestiegenen Arbeiter waren nicht einmal die ersten, die den großen Abstieg der neuen Mittelklasse zu spüren bekamen. Die Prekarisierung der Arbeit unter dem Motto von „Mobilität“, „Selbstverantwortung“ und „Liberalismus“ traf vor allem jene, die man einst als „Stützen der Gesellschaft“ bezeichnet hatte. Der Staat im Neoliberalismus baute nicht nur sich selber ab, sondern in seiner Gesellschaft auch jene Klasse, die ihn tragen, verteidigen, „gestalten“ konnte. Das ging (nahezu) reibungslos vonstatten, weil diese neue Mittelklasse ja weder eine eigene politische Identität hatte, geschweige denn eine „Vertretung“ fand (glaubte sie doch irrtümlich, der demokratische Kapitalismus sei selbst eine politische Institution, die ihr perfekt angemessen sei und ihre Interessen wie nichts anderes Denkbares auf der Welt vertreten würde), noch über eine eigene kulturelle Identität verfügte (man verachtete sich im Gegenteil nach Herzenslust). Daher war für diesen Stand im Stadium seiner Auflösung nicht nur ein Mangel an Solidarität zu beobachten. Entsolidarisierung, Empathie-Abbau (bei gleichzeitiger Sentimentalisierung von „Volk“ und „Nation“) und die Sehnsucht nach „alten“ Autoritäten und Werten wurden geradezu Programm. Eine Klasse, die sich temporär ökonomisch aufgewertet wähnte, und dafür einen „linken“ politischen Anspruch aufgegeben hatte, wandte sich bei ihrem Absturz verzweifelt nach rechts. Viele konterten die „Alternativlosigkeit“ ihrer Abwertung mit einer partiellen oder totalen Faschisierung; und so bildeten sich neue Attraktoren für die extreme Rechte, die sich neben dem sich auflösenden Mittelstand auch am Reservoir der neuen Verlierer, der Gekränkten und der Zukunftslosen bedienen konnte. Die Transformation des Kapitalismus erzeugte eine neue Verliererklasse, in der sich ein großer Teil mangels eines politischen Bewusstseins und einer gemeinsamen Kultur zum Nationalistischen, Rassistischen, „Völkischen“ und Anti-Demokratischen wandte und es weiter tut. (Die Faschisierung der eigenen Gesellschaft aus der Mitte heraus ist eine der unlösbaren Aufgaben der postdemokratischen Regierungen.) Denn in solchen Verhältnissen, um Aristoteles wieder aufzunehmen, gehorcht man am leichtesten der Un-Vernunft.

 

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