Was ist eigentlich „etwas Neues“?

Der Fortschritt, ohne den unserer Wirtschaftsform das Wachstum nicht möglich scheint (und ohne dieses nicht das Überleben), ist seinerseits nicht möglich ohne das Prinzip der „Innovation“. In aller Regel handelt es sich bei „Innovationen“ um euphemistische Beschreibungen von Variationen, Kombinationen und, nun ja, Verbesserungen. Die Frage, was nun eigentlich jeweils das Neue sei, wird höchst vage beantwortet: Das Ding ist so wie vorher keines war gestaltet, man kann etwas damit machen, was man vorher nicht machen konnte, es gibt eine soziale Praxis, die sich unter dem Einfluss des Dings und seines Gebrauches, sagen wir einer Kaffeemaschine mit „neuartigem“ Dosierungsmechanismus, verändert. Die eigentliche Innovation im Warenzyklus freilich bleibt meistens unsichtbar, sie betrifft die Herstellung der Ware, vom Gewinn der Rohstoffe über die Maschinen bis hin zur Organisation der Arbeit. Gewinner ist, wer etwas Altes neu erscheinen lassen kann, und dabei neue Produktionsmittel einsetzt, welche mehr Profit für weniger „Einsatz“ versprechen. Das gilt nicht nur für die gewöhnliche Waren-Produktion, sondern auch für die Herstellung von Nachrichten oder von „Wissen“. Eine Neuigkeit, die eigentlich das Alte ist (das Wiederkehrende), die Nachricht, die eigentlich die Aktualisierung des Mythos ist, ein Wissen, das uns hilft, uns nicht zu verändern – kurz: Die Neuigkeit, die als wesentlichen Inhalt die Verhinderung des Neuen hat.

Wir sprechen von einer Innovation, die eigentlich nur die Erfüllung von Projektionen ist, die eher Lücken schließt als ins Offene zu führen. Als das Neue nämlich, so definiert es Umberto Eco, können wir uns ein Faktum vorstellen, „für das die schon existierenden Rechtfertigungen nicht hinreichen und das darum die Revision der abstrakten Definitionen, die es zu erfassen behaupten, erfordert“.

Das Neue, das uns durch Politik und durch Ökonomie unentwegt versprochen wird, ist also etwas ganz anderes als ein Neues als Ereignis, das zunächst weder seine Erklärung noch seine Rechtfertigung enthält. Wenn die Produktion „Neues“ auf den Markt bringt, dann ereignet sich höchst selten, aber dennoch immer wieder, ein wirklich Neues, nämlich eine Veränderung der Welt, die erst erklärt werden muss. In aller Regel ist niemand so überrascht wie die Produzenten, wenn tatsächlich etwas Neues eintritt, dann nämlich, wenn das Objekt, das „auf den Markt geworfen“ wird, tatsächlich zum Teil einer Änderung sozialer Praxis wird. (Dass – nicht nur – im süddeutschen Raum die jungen Menschen der unteren und mittleren Mittelschicht mit einem Schlag die „Tracht“, wenn auch in einer Pop-Variante, für sich entdecken, um damit nicht nur einen Bruch mit dem Alltagsleben zu erzeugen, sondern auch ein Statement über „Identität“ abzugeben, ist nur einerseits das Werk raffinierter Werbestrategien der Dirndl- und Lederhosenhersteller – das Identitätsgewand für die Unterschicht wird dabei gleich in zweifelhaften Herstellungsprozessen jenseits der Meere erzeugt –, es ist nicht möglich ohne einen Wandel in Inklusions- und Exklusionsstrategien der angesprochenen und der tätig „neuernden“ Schichten.)

Die zwei großen Diskurse der Macht, die Politik und die Ökonomie, erhalten sich vor allem dadurch, dass sie „das Neue“ unterbinden, manipulieren, steuern, kontrollieren, benutzen. Aber in Wahrheit liegt „das Neue“ nicht wirklich in ihrer Macht, auch nicht in der Macht derer, die sich „Erneuerung“ gleichsam zum Programm erhoben haben. Die Macht, die sich erneuern muss, trifft auf eine Opposition, die das Neue erobern will. Das Neue tritt außerhalb der Macht ihr gegenüber.

Das Neue ist im Alten zwar enthalten, aber es ist ganz und gar nicht seine Fortsetzung (auch wenn es Narration und Mythos dann so erklären). Selbst die Subjekte der Erneuerung wissen nicht, was das Wesen des Neuen eigentlich ist. Das Neue ist das, was sich aus den Daten des Alten und mit den Methoden des Alten nicht errechnen lässt. Deswegen können wir unsere Sehnsucht nach dem Neuen, nicht aber das Neue selber beschreiben, jedenfalls nicht in den Diskursen, die „herrschen“.

Macht ist unter anderem der Versuch, das Neue zu unterbinden. Die Sehnsucht nach dem Neuen ist selbst dann stark genug, Macht in Frage zu stellen, wenn die Angst vor dem Neuen zehnmal größer ist.

Damit ist nicht nur das sattsam bekannte „Die Revolution frisst ihre Kinder“ (Sogar die „Revolution“ auf dem Haferflockenmarkt frisst ihre Protagonisten!) gemeint, als ein Neues, das die Erneuerer überrollt, sondern ein grundsätzlicher Gedanke zum Selbstwert des Neuen. Macht wird psychotisch beim Versuch, das Neue zu beherrschen, bevor es, nach Eco, zu seiner Legitimation gekommen ist.

Das Neue, im Mikro- wie im Makrobereich von Gesellschaften und Staaten, Ökonomien und Kulturen, ereignet sich an eben jenem Ort, mit dem niemand gerechnet hat.

Wir haben von der Wissenschaft einen bürokratischen, geheimdienstlichen und technokratischen Begriff bekommen, nämlich als Management der Erneuerungen. Ebenso gut könnte man von der Aufgabe sprechen, sie zu verhindern. Fortschritt soll nichts anderes sein als das Paradoxon der kontrollierten Neuerung. Diese Neuerung aber verhindert das Neue nicht wirklich, sondern drängt es nur an andere Orte.

Die Aufgabe liegt aber nicht so sehr darin, das Neue in der Neuerung zu verbergen und zu kontrollieren als es vielmehr zu erkennen, zu erklären und, in Umberto Ecos Modell, zu „rechtfertigen“.

Da „Fortschritt“ das Neue flüssig in den Alltag einschreiben will, verdrängt diese Mythe des Kapitals die Erkenntnis, die Erklärung, am Ende sogar die Rechtfertigung des Neuen. Was bleibt ist die Gewöhnung.

Das Subjekt im Neoliberalismus soll unfähig sein, das Neue in der Welt und in sich selbst zu erkennen. (Es gibt, wie gesagt, nicht nur die großen Ereignisse des Neuen, sondern auch scheinbar nachrangige Geschehnisse, die man als „Neues“ beschreiben müsste, wogegen sich freilich die reaktionäre Mehrheit wenden muss: War schon immer so! Hat seine Logik! Musste so kommen! Gehört schon zur Gewohnheit!)

Das Neue ist eine doppelte Frage der Erkenntnis. Zum einen wird es durch Erkenntnis erzeugt (durch wissenschaftliche „Entdeckungen“ zum Beispiel) zum anderen fordert es sie heraus. Das Neue ist das Zentrum der Erkenntnis.

Die Abschaffung des Neuen (durch den „Fortschritt“ unter anderem) bedeutet die Abschaffung der Erkenntnis. Wenn es „nichts Neues“ mehr gibt (wie man seit geraumer Zeit argwöhnt), gibt es auch keine Menschen mehr. (Wir arbeiten daran! Jubilieren die Life Sciences.)

Die Frage ist indes, ob es nichts Neues mehr gibt, oder ob es nur (nur?) keine Erkenntnis des Neuen mehr geben soll. Die Naturwissenschaft, das ist Konsens, darf das Neue nicht „unkontrolliert“ erzeugen oder beobachten. Das Neue kann nur Golem sein, macht kaputt, ist nicht zu halten, löst auf, zersetzt, tötet. Fortschritt, das ist der kontrollierte Golem, das von vorneherein nützlich gemachte Neue.

Aber das Subjekt der Kontrolle verschwindet. Es ist nicht einmal mehr in seiner Geld-Form zu fassen.

Kapitalismus! Neoliberalismus! Du lieber Himmel! Sollen die wieder mal an allem Schuld sein? Der Code der Erkenntnis ist gewiss auf mannigfache Weise restringiert. Das Nicht-Kapitalistische wäre ein Neues, das seine Rechtfertigung noch nicht enthält. Daher wird allein das Denken daran als Tabu-Bruch behandelt. Oder, anders gesagt: Es ist zugleich utopisch und apokalyptisch.

Das Neue als Nicht-Kolonialisiertes liegt offenbar jenseits dessen, was man gemeinhin „Kapitalismuskritik“ nennt. Es ist die Wiedergewinnung der Welt als Möglichkeit.

Etwas Neues, zum Beispiel in der Kunst, ist ein Vorschein des Neuen.

 

 

 

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