Neurose und Macht

Erste Skizze (verdammt, da gibt es noch viel zu tun)

Jeder Mächtige hat Sorgen. Einige von ihnen sind ganz pragmatischer Art: Wie man die Macht vermehrt und sie gegen Konkurrenten schützt. Wie man die Kontrolle über die Menschen, Maschinen, Instrumente behält, die man dafür benötigt. Wie man die Macht legitimiert und wie man das „Fließen“ der Macht erleichtert, damit nicht jede Einzelheit von Machterhalt auch eine Gewalttat oder eine Krise bedeuten muss. Wie man Macht strategisch teilt. Und so weiter.

Aber die Macht hat auch einige innere Probleme, die sehr schnell den Boden des Rationalen und des Angemessenen verlieren. Etliche Theoretiker der Macht gingen gewiss nicht zu Unrecht davon aus, dass Macht immer „absolut“ sein will, dass es freilich, weil das nicht möglich ist (schon wegen der Sterblichkeit des Machthabers), für einen Mächtigen nie genug Macht geben kann. Die Verrücktheit steckt mithin im doppelten Steigerungsfaktor der Macht. Sie will immer breiter werden (mehr Macht über mehr Menschen und mehr Territorien), sie will aber auch immer tiefer werden (alles, selbst der Kaffeelöffel und die Grußformel müssen von der Macht sprechen. Und zum dritten will die Macht höher werden, der Mächtige erhabener, einzigartiger, der Einzige. Jede dieser drei Expansionen, sie sind so notwendig, wie es dem Kapitalisten notwendig erscheint, eine weitere Milliarde (mit der man nichts anfangen kann) seinem Vermögen hinzuzufügen, weil es in seinem System kein „genug“ gibt. Und jede ist vollkommen verrückt. (Und hey, wenn es etwas Faszinierendes gibt, dann sind es die Erzählungen von der verrückten Macht!)

Wie also können wir uns Macht unter den Bedingungen einer Demokratie wie der unseren vorstellen? Als die Macht von einem oder einer, die durch andere Mächtige gebremst, kontrolliert, beschränkt wird (Debatte? Gewaltenteilung? Intrigantenstadel, Königsmord …), als eine Macht, die sich immer wieder Legitimation beim Volk holen muss (durch Wahlen und andere Formen, in denen sich Zustimmung oder Ablehnung offenbart), oder aber auch als durch Bildung, Bewusstsein und Verantwortung erworbene Selbstbeschränkung der Macht?

Im Absolutismus, und gar im aufgeklärten Absolutismus, sahen wir in Europa am deutlichsten, wie die Mächtigen (in Exzessen der Macht, wenn man so will, derweil und nicht zufällig, sich das Objekt der Macht zum Subjekt der Freiheit wandelte) an ihrer Macht „krank“ werden mussten, wie sie sich in die Bausucht und die Repräsentationen ihrer Macht mauerten, wie jede Faser und Pore von Macht durchdrungen wurde, so dass da einer entstand, der vor lauter Macht kaum  noch leben konnte. Die Macht und ihr Schauspiel funktionieren nach so unterschiedlichen Regeln, dass es nur in wenigen Momenten der Geschichte gelang, die Beziehung zu genießen.

In der dynastischen Macht tritt, wenn alles gut geht, der junge König das Erbe des alten an; die absolute Macht aber verlangt nach Auslöschung der Genealogie. Dann müssen neue Schlösser und neue Bilder her. Es ist für einen absoluten bzw. absolutistischen Herrscher unmöglich, in den Gemächern seines Vorgängers zu leben und zu „regieren“.

Denken wir an Shih Huang Ti, den „Ersten Kaiser“ von China, der einerseits die gewaltige Mauer um sein Reich errichten und andererseits alle Bücher verbrennen ließ, die vor seiner Regentschaft erschienen waren (da sie von Herrschaft vor seiner Herrschaft sprachen). Und noch etwas tat Shih Huang Ti: Er ließ alle Worte für „Tod“ aus der Sprache bannen. Er mauerte sich selbst in einen Palast ein, und so weit er dann doch noch an seine Sterblichkeit glaubte (obwohl er unter Aufwendung aller seiner Möglichkeiten an einem Serum zur Unsterblichkeit arbeiten ließ), sorgte er dafür, dass es nie wieder einen „Ersten Kaiser“ geben dürfe.

Es geht nicht darum, dass alle Mächtigen offensichtlich erhebliche „Macken“ und neurotische Tics haben, es geht vielmehr um einen ursächlichen Zusammenhang von Macht und Neurose. Wir könnten beginnen, an der Macht als Instrument der Geschichte zu zweifeln.

Jorge Luis Borges hat, hinsichtlich Shih Huang Ti eine bedenkenswerte These aufgestellt, die es vielleicht zu erweitern gilt: Von diesem Kaiser nämlich ist bekannt, dass er die eigene Mutter wegen „Ausschweifung“ in die Verbannung geschickt hatte. So wäre also sowohl die Große Mauer als auch die ungeheuer aufwändige und gewalttätige Bücherverbrennung zu lesen als Abwehr gegen die (sexuelle) Untat bzw. Untreue der Mutter. Anders gesagt: Die Sexualität der Mutter ist der Macht des Sohnes, Kaiser oder nicht, entzogen. All diese vermeintlichen Aktionen zur Herstellung, Sicherung und Repräsentation einer absoluten Herrschaft (die eben auch eine Herrschaft über die Vergangenheit, eine Herrschaft über die Sprache sein muss) – nur wegen einer ödipal-familiären Verwerfung? Gewiss wird man, auf der Suche nach den Neurosen der Mächtigen, auf eine Vielzahl solcher Geschichten stoßen. Aber ihre lineare Erzählung verfehlt vielleicht den Kern der dialektischen Einheit von Neurose und Macht. Ödipus wäre ein verwirrter und gefährlicher Tropf geblieben, wenn es nicht um die Königswürde und die damit verbundene Macht gegangen wäre. (Der „Ödipus-Komplex“ ist eine dieser vielen Versuche des Kleinbürgertums, das Tragische über das Trauerspiel zur alltäglichen therapeutischen Soap Opera zu machen: Kuck mal, wir sind auch dramatisch!) Man kann über Menschen, die keine Macht haben, keine Tragödien schreiben. Die Tragödie hebt die Neurotik der Macht auf.

Die Neurose erzeugt Macht (oder wenigstens irgendeine Art Willen zu ihr), und die Macht erzeugt Neurose. Die Macht ist eine Antwort auf die Neurose, und die Neurose eine Antwort auf die Macht. Daraus müssen wir die Frage ableiten, ob es eine Neurose ohne Macht (Wunsch / Ersatz / Ritual etc.) gibt, und ob es eine Macht ohne Neurose gibt.

Kann Macht, anders gefragt, durch und durch vernünftig, „gesund“, zugleich frei und kontrolliert, moralisch reflektiert und schließlich „schadlos“ ausgeübt werden? Wenn es den negativen Part eines Menschen mit absoluter Macht gibt, sagen wir Adolf Hitler, dem wir alles Kranke, Böse, Unkontrollierte und Unfreie, Destruktive und Amoralische unterstellen und dabei sogar noch vollständige Unvernunft, muss es dann nicht auch einen Gegenpart der „guten Macht“ geben (in ewigem Kampf, wie im Kindertraum der „Star Wars“: die dunkle gegen die helle Seite der Macht. Es ist Aufgabe der populären Kultur, so scheint es, die Konsumenten mit der Überzeugung zu impfen, dass es die gute Macht gibt – manchmal mit kleinen Flecken, wie in einem „Tatort“-Krimi)?

Und würde nicht die Vorstellung, dass jede Macht neurotisch ist, jegliches Vertrauen in Regierungen, Ordnungshüter, Gesetzgeber, Repräsentanten, „Entscheider“ usw. unmöglich machen?

Die Neurose indes ist nicht nur ein Teil der Macht, sondern auch der Ordnung. Die Neurose, im freudianischen Kontext, ist Reaktion auf einen ungelösten / unlösbaren Konflikt. Diese Reaktion nimmt Formen des Zwanghaften, des Endlosen und der Steigerung ein. Entscheidend ist, wenn wir von Neurose im psychologischen Sinne sprechen (und nicht in einem literarischen oder mythologischen, was indes ebenso durchaus sinnvoll sein kann), dass das Verhalten, das durch den ungelösten Konflikt, das Trauma ausgelöst wurde, vom Neurotiker selbst nicht zu kontrollieren ist. Der Mächtige kontrolliert vielleicht eine Menge, seinen eigenen Willen zur Macht aber nicht. (Daher mit schönster Regelmäßigkeit: Das Scheitern des Mächtigen „an sich selbst“. Toll. Bloß hat das vielen Menschen das Leben gekostet.) Der gewöhnliche Neurotiker sieht sowohl das Problem als auch die „Lösung“ in der eigenen Person. Die Welt und die Person müssen zusammengebracht werden, gleichsam um das ungelöste Problem, das Trauma herum, und so etwas ist nicht ohne Macht zu haben: Durch die Macht zwingt der Neurotiker seiner Umwelt (und morgen der ganzen Welt) seine persönlichen Lösungen auf. Die anderen müssen einerseits „Zeuge“ sein, das neurotische Schauspiel der Macht / das Macht-Schauspiel der Neurose bewundern und bestätigen. Und sie müssen andererseits „mitmachen“, die Lösungen, Riten, Symbole, welche der Neurotiker aus dem ungelösten Konflikt entfaltet hat, verstärken. (Fragen wir uns, doch das leisten wir uns, ob nicht auch ein Text, zum Beispiel dieser hier, ein „Machtspiel“ ist. Also eine Neurose.)

Die Psychose dagegen sieht das Problem weniger in der eigenen Person, als in einer vollkommenen Entgrenzung das Außen und des Innen. Während die Neurose durchaus zu einer gesellschaftlichen Norm werden kann, die Paranoia anfällig für Propaganda und andere Wahnsysteme macht, erzeugt die Psychose eher Hilflosigkeit. Psychose, Neurose und Paranoia werden in der klinischen Psychologie als Begriffe längst mit höchster Vorsicht und selten ohne weitere Distinktionen verwandt, um so mehr haben sich die Begriffe als Erzähl-Modelle für mehr oder weniger gestörte Verhältnisse zwischen Subjekt und Welt etabliert. Wir wissen, was gemeint ist. (Von Neurotikern können wir durchaus mit Sympathie und Zärtlichkeit sprechen, nicht nur wenn sie so aussehen wie Woody Allen.) Das Neurotische und das Paranoide begegnen uns auf Schritt und Tritt; erfolgreiche Lebensgestaltung, so scheint es, besteht in einem strategischen und taktischen Umgang mit Neurose und Paranoia. Doch während die Paranoia stets aus einem Konflikt mit der Macht entsteht (überall Feinde und Verschwörungen), allenfalls eine Macht gegen die andere ausspielen muss (ohne einer wirklich zu vertrauen), ist die Neurose das probate Mittel, Macht zu legitimieren und zu verteilen. Neurotiker gegen Paranoiker, so, unter anderem, könnte man die absurden, blutigen, unerklärten Kriege unserer Tage beschreiben.

So wie es das „ungelöste Problem“ (oder eben das unlösbare) für den einzelnen Menschen gibt, der mit einer neurotischen Störung reagiert (indem er zum Beispiel als Ritual aufhebt, was als Handlung nicht möglich scheint), so gibt es auch ungelöste / unlösbare Probleme für Gesellschaften oder, wenn man so will, für Nationen. Immer wieder begegnen wir in der Geschichte den Traumata von Niederlagen, von Entwaffnungen, von Zwangsvereinigungen. So entwickeln Klassen, Kulturen, Gesellschaften neurotische Kulte (unentwegte „Ehrenhändel“ in einer politisch entmachteten Schicht beispielsweise, die wiederum Macht auf eine sekundäre Weise generieren), Politik in der deutschen Gesellschaft nach dem Krieg ist leicht beschreibbar als Trauma / Tabu-Bewältigungsmaschine.

So ist Macht, in jeder ihrer Ausprägungen, ein doppeltes Versprechen: Die Überwindung des Trauma (die heroische Übermalung der Kränkung, die symbolische Einigung der ökonomisch und politisch nicht zu vereinenden, die Ablösung von einem „falschen“ Herrscher- oder Gottesbild, gern auch „Befreiung“ genannt, usw.) und die endlose, erlaubte Fortsetzung des neurotischen Rituals. Die Wiederkehr dessen, der erlauben oder bestrafen konnte.

Wenn wir also davon ausgehen, dass es keinen Mächtigen gibt ohne Neurose (tatsächlich darf man sich doch fragen, warum jemand Macht haben will, wenn es doch eindeutig mehr Glück verspricht, in der Sonne zu liegen oder seinen Garten zu bestellen, und mit einem „naturgegebenen“ „Willen zur Macht“ geben wir uns nicht ab), müssen wir auch davon ausgehen, dass das Empfangen von Macht nicht weniger neurotisch sein kann. Vom Mächtigen nämlich wird nicht allein eine Garantie der Ordnung verlangt sondern die Lösung der unlösbaren Probleme (die lösbaren Probleme bekämen wir auch ohne Macht hin). Vom Mächtigen erwarten wir mithin dass er unser Trauma auflöst / ausdrückt (ohne es, was wir fürchten müssen, zu benennen). Der Mächtige hat seine Macht, weil er / sie „in unser Inneres blicken“ kann; Angela Merkel ist die Antwort auf ein paar deftige „ungelöste“ Probleme. Warum wollen Menschen Macht spüren? Weil sie so „erzogen“ wurden? Weil Macht dem Subjekt verspricht, das Fehlende zu geben, und das Tabu zu bewahren. Es gibt keine Macht ohne Tabu.

Dass die Strukturen und Erscheinungen der Macht durch Neurosen bestimmt sein sollen, mag erst einmal vergleichsweise harmlos und vertraut erscheinen. Was ist schon gegen ein bisschen Neurose zu sagen? Der Haken daran liegt in der Grundvereinbarung der Demokratie. Sie kennt Interessen, sie kennt Regeln, sie kennt, bis zu einem gewissen Grad, auch Gerechtigkeit und Freiheit. Sie kennt Kontrollen und Rückversicherungen. Aber wie sollten Neurose und Paranoia Gegenstand, sagen wir, eines Grundgesetzes, eines contrat social sein?

Die Antwort auf einen ungelösten / unlösbaren Konflikt ist das, was man klassisch-psychoanalytisch „Verdrängung“ genannt hat. Es ist der Entstehung des Tabu vergleichbar. Man darf es nicht beim Namen nennen. Es bekommt Masken. (Die Macht ist eine Maske der Verdrängung.)

Die Psychologie der Macht wird im Allgemeinen als eine Verknüpfung rationaler Ziele mit emotionalen Mitteln beschrieben (Propaganda als negative Therapie). Der wahnsinnige Diktator ist ein Bild, das suggeriert, dass es auch nicht-wahnsinnige Diktatoren gebe.

Der Wille zur Macht, wenn es ihn denn gibt, würde demnach aus dem Wunsch / der Notwendigkeit entstehen, eine Kränkung durch eine vorherige Macht auszulöschen und zugleich ihr Geheimnis zu bewahren. Ganz gewiss hat der Erste Kaiser in China auf die Große Mauer nicht geschrieben: Mami ist eine Hure!

Aber halt! Was wissen wir eigentlich von den „Ausschweifungen“ von Shih Huang Tis Mutter? Könnte es nicht sein (ich widerspreche Jorge Luis Borges ja nur ungern), dass diese nur ein Vorwand waren, eine Projektion, oder eben schon ein Urbild der Paranoia des Herrschers? Im Wesentlichen ist das egal. Der Bruch zwischen Mutter und Sohn erzeugt den Willen zur Macht. Oder der Wille zur Macht erzeugt den Bruch zwischen Mutter und Sohn. Das Gerüst der Erzählung bleibt das gleiche. Nur zum Beispiel.

Und nun beginnt die Erzählung von Macht und Neurose aus einem neuen Blickwinkel heraus. Aber davon ein andermal.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *