Eins auf die Presse, mein Herzblatt (31)

Nachdem vor Gericht ein eindeutig denunziatorischer Internet-Artikel über einen Landtagsabgeordneten der Grünen verboten worden war, verteidigte der Axel Springer Verlag die Veröffentlichung in der Internet-Ausgabe von „Bild Plus“ mit dem Hinweis, es habe sich um „saubere Verdachtsberichterstattung“ gehandelt. Ein neuer Eintrag für die Enzyklopädie des Schweinejournalismus ist geboren: SAUBERE VERDACHTSBERICHTERSTATTUNG, Die. Schwurbelsprech für Dreckschleuderei, der man juristisch nichts anhaben können soll. Umgangssprachlich auch für Widerspruch in sich oder Üble Nachrede in indirekter Rede.

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Die Süddeutsche Zeitung, der vor Jahr und Tag unser Text über die „Redbullisierung“ von Sport und Freizeit („Kapitalismus als Spektakel“) so ganz und gar nicht gefallen hat, findet nichts dabei, zwei Jahre später eine Anzeige für die Zeitschrift Manager Magazin mit einer Titelgeschichte über dieses Phänomen zu bringen. Tja, wenn’s halt Mainstream wird …

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Je mehr die Nachrichten sich über Bilder vermitteln, desto schwieriger ist es, auf die Subjekte der politischen Macht zu reagieren. Denn, natürlich, es ist unschicklich Menschen, auch wenn es sich um die Repräsentanten in der Öffentlichkeit handelt, nach ihrem Äußeren zu beurteilen. Eine solche Zurückhaltung ist politisch korrekt und muss, wenn überhaupt, den Kabarettisten und Imitatoren überlassen werden. Weiterlesen

Neurose und Macht

Erste Skizze (verdammt, da gibt es noch viel zu tun)

Jeder Mächtige hat Sorgen. Einige von ihnen sind ganz pragmatischer Art: Wie man die Macht vermehrt und sie gegen Konkurrenten schützt. Wie man die Kontrolle über die Menschen, Maschinen, Instrumente behält, die man dafür benötigt. Wie man die Macht legitimiert und wie man das „Fließen“ der Macht erleichtert, damit nicht jede Einzelheit von Machterhalt auch eine Gewalttat oder eine Krise bedeuten muss. Wie man Macht strategisch teilt. Und so weiter.

Aber die Macht hat auch einige innere Probleme, die sehr schnell den Boden des Rationalen und des Angemessenen verlieren. Etliche Theoretiker der Macht gingen gewiss nicht zu Unrecht davon aus, dass Macht immer „absolut“ sein will, dass es freilich, weil das nicht möglich ist (schon wegen der Sterblichkeit des Machthabers), für einen Mächtigen nie genug Macht geben kann. Die Verrücktheit steckt mithin im doppelten Steigerungsfaktor der Macht. Sie will immer breiter werden (mehr Macht über mehr Menschen und mehr Territorien), sie will aber auch immer tiefer werden (alles, selbst der Kaffeelöffel und die Grußformel müssen von der Macht sprechen. Und zum dritten will die Macht höher werden, der Mächtige erhabener, einzigartiger, der Einzige. Jede dieser drei Expansionen, sie sind so notwendig, wie es dem Kapitalisten notwendig erscheint, eine weitere Milliarde (mit der man nichts anfangen kann) seinem Vermögen hinzuzufügen, weil es in seinem System kein „genug“ gibt. Und jede ist vollkommen verrückt. (Und hey, wenn es etwas Faszinierendes gibt, dann sind es die Erzählungen von der verrückten Macht!)

Wie also können wir uns Macht unter den Bedingungen einer Demokratie wie der unseren vorstellen? Als die Macht von einem oder einer, die durch andere Mächtige gebremst, kontrolliert, beschränkt wird (Debatte? Gewaltenteilung? Intrigantenstadel, Königsmord …), als eine Macht, die sich immer wieder Legitimation beim Volk holen muss (durch Wahlen und andere Formen, in denen sich Zustimmung oder Ablehnung offenbart), oder aber auch als durch Bildung, Bewusstsein und Verantwortung erworbene Selbstbeschränkung der Macht?

Im Absolutismus, und gar im aufgeklärten Absolutismus, sahen wir in Europa am deutlichsten, wie die Mächtigen (in Exzessen der Macht, wenn man so will, derweil und nicht zufällig, sich das Objekt der Macht zum Subjekt der Freiheit wandelte) an ihrer Macht „krank“ werden mussten, wie sie sich in die Bausucht und die Repräsentationen ihrer Macht mauerten, wie jede Faser und Pore von Macht durchdrungen wurde, so dass da einer entstand, der vor lauter Macht kaum  noch leben konnte. Die Macht und ihr Schauspiel funktionieren nach so unterschiedlichen Regeln, dass es nur in wenigen Momenten der Geschichte gelang, die Beziehung zu genießen. Weiterlesen

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 2/14

Ob es die Kunst gibt oder nicht, darüber mag man verschiedener Meinung sein, nicht nur der eine so und die andere so, sondern auch mit sich selber; das kommt, wie man so sagt, auf den Zusammenhang an. Was es aber zweifelsfrei gibt, ist die Frage nach der Kunst, die sich immer wieder neu stellt, wenngleich mit etlichen Konstanten.

Die Kunst mag nämlich im anthropoligischen Sinne immer das gleiche sein, mehr oder weniger, insofern sie einem menschlichen Grundbedürfnis von Ausdruck und Freiheit entspricht. Der Mensch ist das Wesen, das Kunst macht, und der Mensch ist das Wesen, das Kunst sieht (auch da, wo sie nicht „gemacht“ ist), sind zwei leidlich umfassende Definitionen. Andererseits ist die Kunst, was das Soziale, das Kulturelle und vor allem das Politisch-Ökonomische anbelangt, mitnichten immer das gleiche. Was dies anbelangt überwiegen die Diskontinuitäten bei weitem die Kontinuitäten.

Was zwischen beidem, der anthropologischen Kontiniutät und der politisch-ökonomischen Diskuntinuität vermitteln soll, ist eine Kunstgeschichte, die Kontinuität und Diskontinuität in ein Narrativ zu bringen hat. Ein Narrativ ist eine aus Dokumenten zusammengesetzte Fiktion. Das Narrativ der Kunstgeschichte besteht in erster Linie in der Konstruktion der anthroplogischen Konstante als (teilweise unsichtbares) Skelett und historischen, soziologischen, philosophischen etc. Variablen. Die Ästhetik (als Schatten der Kunst) übernimmt indes den Ansatz einer verlässlichen Konstante, die in Historisches gespreizt wird: Jedes Kunstwerk, behauptet dieses Narrativ (und seine Protagonisten selber sind mehrheitlich davon überzeugt), ist eine Reaktion auf andere Kunstwerke (in bewusster Kontinuität bzw. bewusster Diskontinuität), so dass es die Kunst nun nicht nur als „Fixpunkt“ des Mensch-Seins, sondern auch als Linie einer konstanten Entwicklung gibt, die sich territorial und kulturell in verschiedene Linien aufspalten kann, in aller Regel aber einer Hauptlinie entlang erzählt wird. Weiterlesen

Eins auf die Presse, mein Herzblatt! (30)

Die Zeitung für Deutschland macht heute wieder ganze Arbeit. Und alles gleich auf Seite 1. Man blickt in die Augen eines Geiers (tolles dpa-Foto, echt), und dazu gibt es zur Überschrift „Niemand weint um dich, Argentinien“ einen Text zum Thema „Grillgut“, den, weil er so schön gaga ist, ich in voller Länge zitiere:
„Es wäre ein falsches Bild von Argentinien, wenn man nur das Unvermögen dieses stolzen Landes herausstellte, vernünftig mit Geld umzugehen. Immerhin tanzen die Leute am Rio de la Plata einen flotten Tango, und im Fußball sind sie auch nicht ganz schlecht. Argentinier gelten nicht als ängstlich, denn ‚el angst’ haben sie nur davor, dass ihnen die Glut beim Grillen ausgehen könnte. Weil ein einheimisches Sprichwort besagt, dass jedes Tier einmal auf dem Grill landet, sollten sie mit Blick auf die gierigen Geier zuversichtlich sein.“

Solch ein Text schafft es scheinbar spielend, zugleich vollkommen verblödet, rassistisch-überheblich und propagandistisch zu erscheinen. Was natürlich keine Tatsachenbehauptung ist, weil, wie die geneigten Leserinnen und Leser sicher bereits wissen, jetzt den Satirikern auch Tatsachenbehauptungen aufzustellen verboten werden soll, wobei es natürlich irgendwie widersprüchlich scheint, zum Beispiel in einer als solche gekennzeichneten Satire „Tatsachenbehauptungen“ aufzustellen. Satire darf alles, so lange sie sich nur von den Tatsachen fern hält, gell? Es handelt sich bei „verblödet, rassistisch-überheblich und propagandistisch“ um nichts als eine subjektive Meinung, und die wird man doch noch …, jaja, schon gut.

Kommen wir zu einem weiteren Jahrhundertsatz auf der Titelseite der  F.A.Z. vom 1. August des Jahres 2014:

„Deutschland ist in der glücklichen Lage, sich die Verteidigung seiner Werte leisten zu können.“

Auch dieser Satz ist so doof, pathetisch und bösartig (Meinungsäußerung!), dass er gar nicht anders kann, als die pure Wahrheit widerzugeben. Weiterlesen