„Bringen wir es doch mal auf den Punkt.“

Ein Ideogramm ist eine kurze, verdichtete Aussage, die auf den ersten Blick wirkt, als sei sie die kürzeste Verbindung von Lebenserfahrung und Erkenntnis. Unter einem bestimmten Blickwinkel kann man daher das Ideogramm auch als eingedampften Mythos betrachten. Sein Ziel ist einerseits die rasche Verbreitung, weshalb das Ideogramm auf all die schmückenden und abschweifenden Beigaben verzichtet, welche die Lektüre des Mythos so interessant macht. Enthält der Mythos auf seine mehr oder weniger sublime Art noch den Widerspruch, den zu lösen er geschaffen wurde, so ist das Ideogramm dazu bestimmt, ihn radikal zu leugnen. Das Ideogramm ist daher von vorneherein a-logisch. Aber das scheint seinen Empfängern wenig bis gar nichts auszumachen.

In der bürgerlichen Welt werden Ideogramm sehr gern als „Aphorismen“ oder als „geflügelte Worte“ weitergegeben. Es handelt sich dabei um gleichsam verstellbare rhetorische Werkzeuge; es wäre falsch zu behaupten, sie passten immer, allerdings passen sie sich einer verblüffenden Anzahl von Situationen an.

Das Ideogramm ist das Paradoxon einer deskriptiven Behauptung. Sieht man die Behauptung genauer an, so verschwindet es im Deskriptiven; unterzieht man die Deskription einer näheren Betrachtung, so drängt sich dreist die Behauptung nach vorn.

Es gibt eine Art von Ideogrammen, die sich als „allgemeine Weisheit“ tarnen, und manche Ideogramme tarnen sich sogar als Abwehr eines anderen, wie zum Beispiel der ironische Verweis auf das „Früher war alles besser“. (Unnütz zu sagen, dass es das ernste „Früher war alles besser“, auf das sich die Ironisierung bezieht, nirgendwo gibt, es sei denn als letzten Seufzer eines zum Tod durch den Strang Verurteilten. Das Ideogrammatische des „Früher war alles besser“ liegt in der Abwehr eines noch so rudimentären Verdachts, etwas und vielleicht noch mehr könne sich verschlimmert haben.) Es gibt allerdings auch eine Art von Ideogramm, die sich dringlich und hartnäckig einen „Autor“ sucht. Von dieser Art ist:

„Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn.“

Was das Ideogramm aussagt ist nichts anderes als die Rechtfertigung des bürgerlichen politischen Subjekts im 20. Jahrhundert, das zugleich moralisch und vernünftig sein will und weiß, dass Moral unvernünftig und Vernunft unmoralisch ist. Biografisch sublimierte Ideologie: der Mythos eines richtig gelebten Lebens.

Man hat das Wort zunächst Georges Clemenceau zugeschrieben. Dafür gibt es weder ein schriftliches Dokument noch irgendeinen glaubwürdigen Zeugen. Das Ideogramm klang ganz einfach (ein bisschen, hinreichend) nach Clemenceau, oder umgekehrt: Clemenceau sah irgendwie so aus, als hätte er so etwas sagen können.

Danach wanderte die Autorenschaft zu Winston Churchill, der ein wandelnder Magnet für ideogrammatische Aphorismen gewesen sein muss. Zugleich wäre es ihm, ohne seine Aura zu verletzen, zuzutrauen, so ein „treffliches“ Wort einfach zu klauen. Im deutschen Sprachraum hat man das Wort freilich dem perfiden Albion nicht gegönnt und es wahlweise Bismarck oder aber auch dem armen Theodor Fontane zugeschrieben.

Ganz allgemein schließlich fand man auch in George Bernard Shaw einen geeigneten Autoren der politischen Spruchweisheit, weil er a) irgendwie unverdächtig und b) sowieso für jedes Bonmot gut ist.

Allen angeblichen Autoren von „Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn“ gemeinsam ist, dass sie sich gegen die Zuschreibung nicht zur Wehr setzen. Hauptsächlich deswegen, weil sie schon tot sind.

Selbst wenn es jemand zufällig tatsächlich „erfunden“ hat, so ist doch generell eine Eigenschaft des Ideogramms, keinen wirklichen Autoren zu haben, dem man, so oder so, ja auch widersprechen, oder dem man ein Interesse nachweisen könnte. Die Dekonstruktion eines Ideogramms endet nicht mit dem Nachweis, dass es sich entweder um puren Nonsense oder um eine Trivialität handelt (so wie bei dem Blödsinn mit der Erkenntnis der Dinge, die man ändern kann, und der Einsicht in die, die man nicht ändern kann). Sie stößt vielmehr früher oder später auf den ideologischen Kern. Das Ideogramm nämlich ist nicht nur (maskierte) Aussage, sondern auch Bindemittel eines Milieus oder eine Szene. Der Austausch von Ideogrammen ist Kommunikationsstufe zwei nach dem Austausch reiner Floskeln (Wie geht’s? Schönes Wetter heute. Früher gab es noch richtige Sommer. Die im Fernsehen reden doch sowieso nur Mist. Wer das glaubt, dem ist nicht zu helfen. Nach Pressefreiheit schreit niemand, als der, der sie missbrauchen will. Hat Goethe gesagt. Ja, Goethe. Die Jugend heutigentags hat ja keine Werte mehr.)

Was also ist, wenn eine Gesellschaft in solche Szenen und Milieus zerfallen ist, die Aufgabe einer „freien Presse“? Man wird sie, unter anderem, in der Produktion von Ideogrammen sehen müssen. Das Vergnügen der Lektüre einer Zeitung, nur zum Beispiel, ist das Auffinden und Genießen der geschickt verpackten Ideogramme, die meinem Milieu entsprechen.

Das Ideogramm nämlich ist eine Form, auf eine emotionale Spannung zu reagieren. Die deutsche Journaille von taz bis Zeit, von allem, was rechts davon ist, ganz zu schweigen, offeriert derzeit geradezu wolkenmäßig Ideogramm zu Russland und der Ukraine, als gälte es, den nächsten Einmarsch publizistisch vorzubereiten. Vielleicht wollen das die meisten Menschen gar nicht (wenn man mal den Umfragen glauben will, die man nicht selber gefälscht hat), dennoch tut es ihnen offensichtlich gut. Das Lieblingsideogramm der deutschen Journaille derzeit lautet etwa, dass jemand, der droht, auch zuschlagen muss. Das kennt man aus der Pädagogik; man möchte es jeder Mutter mit einem Kind am Süßwarenregal vor der Supermarktkasse zurufen. Und Patsch! Nein, eigentlich soll man ja Kinder so wenig schlagen wie man einen Krieg anzetteln soll. Aber wenn man halt schon einmal gedroht hat … Und da erinnern wir uns: Ein Ideogramm ist ein Mittel gegen ein moralisch-intellektuelles Dilemma. Eine Antwort, die jedes Kind versteht. Nächstes Mal nehme ich dich nicht mehr mit zum Einkaufen. An dieser Trinkhalle ist der Eintritt für Hunde, Russen und andere Putinversteher verboten.

Der „Putinversteher“ ist im übrigen ein ideogrammatisches Wort par excellence. Es shifted die Bedeutung des „Frauenverstehers“ (irgendwas zwischen Weichei und Heuchler) ins Politische. Bei einem ideogrammatischen Wort handelt es sich um eine Form der Diskriminierung des anderen, die weniger durch den Wortinhalt als durch die Wortgeschichte erzeugt wird.

Erschreckend, so scheint es, ist nicht so sehr die Produktion von Ideogrammen als vielmehr der Mangel an kritischer Reflexion. Das Ideogramm ist soooo verführerisch. Die Welt wird immer unübersichtlicher (was, nebenbei gesagt, nichts anderes als ein Ideogramm ist, und wie jedes Ideogramm vor allem eine Entschuldigung für die eigene Blödheit und Korruption enthält), da wird man eine Sache doch noch auf den Punkt bringen dürfen. Und das Auf-den-Punkt-bringen ist das Meta-Ideogramm der Denkfaulheit, das Ideogramm der Ideogrammatik.

 

 

 

Ein Gedanke zu „„Bringen wir es doch mal auf den Punkt.“

  1. Das war natürlich ein kleines bisschen schlitzohrig, die ahnungslose Leserschaft über die linguistische Pforte in die Abgründe der Weltpolitik zu locken. Wobei zu ergänzen wäre, dass Gesprächsebene zwei kaum noch erreicht, geschweige denn überschritten wird. Putin ist übrigens auch ein gutes Beispiel für überhaupt keine Gesprächsebene. Da interessiert sich keiner mehr fürs Wetter. Da zählt der Reflex („WM bei dem??“). Zur Besänftigung könnte man ja einfach mal nach dem Weg zur nächsten Trinkhalle fragen. Oder vielleicht doch, vorsichtshalber, zum Bahnhof.

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