„Bringen wir es doch mal auf den Punkt.“

Ein Ideogramm ist eine kurze, verdichtete Aussage, die auf den ersten Blick wirkt, als sei sie die kürzeste Verbindung von Lebenserfahrung und Erkenntnis. Unter einem bestimmten Blickwinkel kann man daher das Ideogramm auch als eingedampften Mythos betrachten. Sein Ziel ist einerseits die rasche Verbreitung, weshalb das Ideogramm auf all die schmückenden und abschweifenden Beigaben verzichtet, welche die Lektüre des Mythos so interessant macht. Enthält der Mythos auf seine mehr oder weniger sublime Art noch den Widerspruch, den zu lösen er geschaffen wurde, so ist das Ideogramm dazu bestimmt, ihn radikal zu leugnen. Das Ideogramm ist daher von vorneherein a-logisch. Aber das scheint seinen Empfängern wenig bis gar nichts auszumachen.

In der bürgerlichen Welt werden Ideogramm sehr gern als „Aphorismen“ oder als „geflügelte Worte“ weitergegeben. Es handelt sich dabei um gleichsam verstellbare rhetorische Werkzeuge; es wäre falsch zu behaupten, sie passten immer, allerdings passen sie sich einer verblüffenden Anzahl von Situationen an.

Das Ideogramm ist das Paradoxon einer deskriptiven Behauptung. Sieht man die Behauptung genauer an, so verschwindet es im Deskriptiven; unterzieht man die Deskription einer näheren Betrachtung, so drängt sich dreist die Behauptung nach vorn. Weiterlesen

Titelschutz (20)

Und was muss ich „unter Hinweis auf § 5, 15 MarkenGesetz“ in meiner Lieblingsrubrik „titelschutz“ im Börsenblatt des deutschen Buchhandels lesen:

Ein gewisser Volker Murmann nimmt Titelschutz für

„1 : 7″

aber auch für

„eins zu sieben“

„in jeder Schreibweise, Darstellungsform, Wortverbindung und Kombination zur Verwendung in allen Medien“ in Anspruch.

Das nennt man Cleverness. Vielleicht sollte man vorsorglich für alle denkbaren Fußball-Ergebnisse Titelschutz  anmelden. Man denke nur: Bei jedem Toor! Toooor! Das ist das 1 : 0 –  klingelt die Kasse. Und nach jedem großen Fußballevent hat man den besten Titel für den Buch-Absahner schon im Kasten.

Aber auch dieser Titelschutz (von der Verlagsgruppe Droemer Knaur) ist nicht schlecht:

„Kruzitürken“.

Wenn man es gut meint, könnte man den Coup vielleicht mit

„Sackzement“

wiederholen.

Wenn nicht … Ach, das könnt ihr euch selbst ausdenken.

Titelschutz wird wohl auch schon (von der Deutsche Standards EDITIONEN GmbH) für das Zielpublikum in Anspruch genommen:

The German Mittelstand

oder gar

Best of German Mittelstand. Weiterlesen

DER ZOMBIE-KAPITALISMUS

In der mehr oder weniger großen Erzählung des Kapitalismus ist der plot point einer Selbstüberschreitung bereits Geschichte; man mag sich allenfalls darüber streiten, in welchem Kapitel er stattgefunden hat, und seit wann er absehbar war. Seitdem jedenfalls leben wir in einer Negativgeschichte des Kapitalismus. Er erzählt sich nicht nur, postmodern genug, nach rückwärts. Er brutalisiert sich auch in seinem äußeren Weiterleben nach dem inneren Tod. Auch deshalb nennen wir das System, in dem wir (noch) leben, den Zombie-Kapitalismus.

Der Zombie-Kapitalismus findet keine Welt mehr, die er erobern, unterwerfen und kapitalisieren kann, deswegen muss er selbst eine Gespensterwelt erschaffen, mit der er diesen Prozess der Landnahme simulieren kann, um einen simulierten Wert zu erzeugen. Der Wert kann in der (digitalen) Welt, in der Arbeit am wenigsten zur Produktion benötigt wird, nur noch durch seine zwei Negationen erzeugt werden. Durch eine willkürliche „untote“ Setzung und durch die Entwertung. Alles außer dem Kapital (einschließlich des Menschenlebens selbst) muss entwertet werden, damit sich das Kapital selbst künstlich aufwerten kann: Es drückt gleichsam nur noch sich selber aus, und in diesem Selbstausdruck spielen gerade jene, die es nicht haben, eine entscheidende Rolle. Dass die „Schere zwischen den Reichen und den Armen immer weiter aufgeht“, wie selbst die wohlwollendsten Kritiker bemängeln müssen (es ist eine Frage der schlichten Evidenz), ist demnach kein lästiger Nebeneffekt, es ist vielmehr eines der zentralen Elemente der Transformation des lebenden in den untoten Kapitalismus. Wenn es wirklich „Wohlstand für alle“ geben könnte, dann wäre das Kapital ja kaum noch etwas wert. Das Kapital ist so viel wert, wie es Elend produzieren kann. Weiterlesen

Eins auf die Presse, mein Herzblatt! (29)

Vom Kapitalismus an sich kann man halten, was man mag. Vielleicht müssten wir ohne ihn ja tatsächlich immer noch ohne elektrische Zahnbürsten auskommen. Seine Verwandlung in eine globale kleptokratische Oligarchie aber müsste eigentlich selbst seinen glühendsten Verehrern bitter aufstoßen. Müsste. Dass dem nicht so ist, dafür sorgt ein Heer von Propagandisten und ideologischen Schmußproduzenten in den Medien. Während sich das allgemeine vage Murren über die Bankenmacht, die „Heuschrecken“ und die Enteignung des Mittelstands langsam legt, sehen sie die Gelegenheit, im Ton ein wenig schärfer zu werden. Das Kampfblatt des Neoliberalismus, die F.A.Z., die gerade konstatierte, dass Demokratie im Ringen um die Märkte doch erheblich störend sei, zeigt auch an anderer Stelle, wohin die Reise gehen soll. Zum Beispiel erklärt uns ein gewisser Patrick Welter (der übrigens an anderer Stelle geraten hat, wohlweislich alle Mahnungen den deutschen Exportüberschuss und seine verheerenden Folgen betreffend geflissentlich zu überhören), warum sich ein Staat wie die USA gefälligst aus den Kreisläufen der Kleptokratie heraushalten soll: „Wenn Obama und Lew (der US-Finanzminister Jacob Lew) von Steuerreform sprechen, geht es ihnen nicht um eine wirkliche Entlastung von Unternehmen“. Das ist natürlich unerhört, wenn es irgendjemandem auf dieser Welt um etwas anderes geht, als um die Entlastung von Unternehmen. Aber es kommt noch besser: „Mindeststeuern, Streichen von Steuerschlupflöchern und andere Folterinstrumente aus dem Gruselkabinett des Fiskalstaats beherrschen ihre Rede“ (F.A.Z. vom 17. Juli 2014, „Lews Gruselkabinett“).

Wie bitte? Das „Streichen von Steuerschlupflöchern“ für Unternehmen ist ein „Folterinstrument“ aus dem „Gruselkabinett“? Den Betrug der Konzerne und ihrer oligarchischen Führungsschicht an der Allgemeinheit zu stören ist demnach ein fiskalstaatliches Schwerverbrechen und wird, natürlich, bestraft, und zwar mit einer „erschreckend niedrigen Investitionsbereitschaft der heimischen Unternehmen“. So geht der neue Kapitalismus: Weiterlesen

Eins auf die Presse, mein Herzblatt! (28)

In der FAZ wird im Wirtschaftsteil schon einmal fürsorglich die Demokratie abgeschafft. Unter dem Titel „Demokratie ist überbewertet“ schreibt Rainer Hank (8.6. 2014) zum Beispiel: „Freihandel soll verhindern, dass Demokratien die Allgemeinheit schädigenden Blödsinn beschließen.“ So etwas nennen wir doch einmal Klartext. Gefolgt von einer Kernaussage der neoliberalistischen Ideologie, für die man Herrn Hank bestimmt irgendeinen Industriepreis verleiht: „Demokratische Selbstbindung an den Freihandel setzt dagegen darauf, dass – im Vergleich zur demokratisch gepamperten Klientelwirtschaft – am Ende alle Menschen sich besser stellen werden und ihre Freiheit gleichermaßen entfalten können.“ Die Freiheit, von der der Neoliberalismus träumt, verträgt sich nämlich einfach nicht mit der Demokratie. Das muss man den Leuten nur mal klarmachen, dafür haben wir ja unsere Zeitung für Deutschland.

Natürlich weiß diese FAZ auch, wie Fußball geht (15. 7. 2014): „Fußball der Zukunft: Die Kräfte der Vergangenheit vereint mit den Stärken der Gegenwart“. Jetzt, Boah, ey! Das ist, wie soll ich sagen, eine Super-Vorlage, für: „Der frische Weltmeister aus Deutschland hat sich mit dem vierten Stern zu einem weltweiten Vorbild entwickelt, gerade auch für den brasilianischen Rekordweltmeister, der sich nach dem Turnier im eigenen Land seiner fußballerischen Identität beraubt sieht“. Am deutschen Fußballwesen soll die Welt genesen. Adidas-WM-T-Shirts mit dem vierten Stern, die in China gefertigt werden und jetzt per Flugzeug auf unseren Markt kommen, kosten knapp 85 Euro das Stück. „Die Aktie des Ausrüsters, der dank der WM aus dem Verkauf von Trikots, Fußballschuhen und Bällen in diesem Jahr mehr als 2 Milliarden Euro Umsatz erzielen will, sprang am Montag an die Spitze des Dax.“ Den demokratischen Blödsinn lassen, das deutsche Vorbild fußballerisch durchsetzen, und mit der „fabelhaften Fußball-Ökonomie“ an die Spitze des Dax, so wird das was. Jedenfalls wenn man Sport, Politik und Wirtschaft à la FAZ zusammen denkt.