GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER (27)

Es war der Spätnachmittag eines heißen Sommertages. Die Sonne wurde mählich altersweise und sanft, in den Kastanien summte und brummte es noch taghaft, und manch eine Wespe bezahlte nun ihren Appetit auf Streuselkuchen und Softdrinks mit dem Leben.

Herr Reiner sah andächtig auf das schlanke Glas mit der Schaumkrone.

„Das erste Weißbier am Tag ist doch immer das beste“, bemerkte er philosophisch.

„Da haben Sie recht“, antwortete sein Freund, Herr Kainer. „Vielleicht sollte man sogar so weit gehen, es bei diesem ersten, also dem besten zu belassen.“

„Wo denken Sie hin“, entrüstete sich Herr Reiner. „Dann wäre ja das erste Weißbier zugleich das letzte. Das also, das nach Abschied und Verlust schmeckt.“

„Aber auch das ist ein großer Geschmack“, warf Herr Kainer ein.

„Ja, er verhält sich wie eine Tragödie zur Komödie. Die Kunst besteht daher, möglichst viele Weißbiere zwischen dem ersten und dem letzten zu leeren.“

„Aber auch nicht zu viele. Denn sonst vertrinkt man die Erinnerung an das erste und die Konzentration für das letzte.“

„Das ist wahr“, sagte Herr Reiner und gab sich eine Zeit tiefsinnigen Gedanken hin.

Sein Freund tat es ihm gleich.

Eine Wespe entkam den wütenden Schlägen eines verantwortungsbewussten Familienvaters.

„Wir dürfen“, nahm schließlich Herr Kainer den Faden wieder auf, „das zweite und das dritte Glas nicht vernachlässigen.“

„Auf keinen Fall dürfen wir das“, pflichtete Herr Reiner bei. „Das wäre eine grobe Beleidigung. Was denkt sich dann so ein Weißbier? Ihr liebt mich nie so wie ihr das erste Glas geliebt habt. Ihr trinkt mich nur, um das unvermeidliche Kommen des letzten Glases hinauszuzögern.“ Weiterlesen

Unterwegs (3)

Signore M., den wir hier Ercole nennen dürfen, denn so hieß er nicht (alles andere, ich schwöre es beim Leben meiner Mutter, Gott hab’ sie selig, ist wirklich und wahrhaftig geschehen) war ein fleißiger, solider Metallarbeiter, der mit seiner kleinen Familie, der Ehefrau Sophie und den Kindern Michele und Anita in der Peripherie einer großen norditalienischen Stadt lebte. Man konnte keine großen Sprünge machen, aber man kam zurecht in diesen späten 1960er Jahren. Ercole war Mitglied der Kommunistischen Partei, der er natürlich bei jeder Wahl seine Stimme gab, und deren Versammlungen er gelegentlich, sehr gelegentlich, besuchte. Ansonsten genügte ihm der Fußball, über den er sich in der Gazetta dello Sport informierte, die in der Bar um die Ecke auslag, in der er ab und an ein Glas Wein trank; am liebsten lag er sowieso bei gutem Wetter in einem alten Liegestuhl in dem winzigen Garten, den Sophia mit ein paar Tomaten, einem Rosmarinstrauch und einer Zitrone bepflanzt hatte, die tapfer ums Überleben kämpfte. Die kleine Anita und Michele, der eigentlich für so etwas schon zu alt war, vergnügten sich dann in einem winzigen Plastikbecken mit Wasser, das im Handumdrehen lau und schmutzig wurde.

Eines Tages verkündete Ercole seiner Familie, man werde einen „kleinen Ausflug“ in der Utilitaria unternehmen. Große Freude. Damals waren im ganzen Land noch kleine Zirkusunternehmen mit Tierschauen unterwegs, und in einem Vorort hatte eine davon die Zelte aufgeschlagen. Ercole wollte den Kindern die Tiere vorführen, die sie ansonsten nur von Bildern und aus dem Fernsehen kannten (den „richtigen“ Zoo hatte man nämlich geschlossen). Es gab einen Löwen, Affen, einen Wolf, Zebras, allerlei kleineres Getier, Papageien zu sehen. Und, die größte der Attraktionen: ein Elefant.

So machte sich die Familie M. also auf, die halbe Stunde Fahrt war eine Kleinigkeit. Ercole  fuhr gemächlich und sicher wie immer. Anita und Michele waren vor lauter Vorfreude auf die kommenden Attraktionen in friedfertiger Stimmung auf der engen Hinterbank des Cinquecento. Unterwegs kauften sie eine Flasche Wasser, denn es war heiß, das kann ich euch sagen, und eine Tüte Erdnüsse. Weiterlesen

Was der Kapitalismus bietet

Im Kapitalismus gibt es (beinahe) alles, was man sich vorstellen kann. Dieser Satz scheint zuerst einmal geblendet vom „Reichtum“ dieses Weltsystems, und selbst fundamentale Kritiker des Kapitalismus kommen in aller Regel nicht darum herum, diesen materiellen, ästhetischen und funktionalen Reichtum einzugestehen, der eine enorme verführerische Kraft zu entfalten scheint.

Doch ist es ratsam, diesen Satz noch einmal, von hinten her zu lesen. Dann heißt er nicht viel anderes, als dass der Kapitalismus nicht nur Dinge anbietet, sondern auch die Vorstellungen davon. Schärfer gefasst: Er produziert die Dinge überhaupt erst über die Vorstellungen von ihnen und erfüllt daher den in anderen Zusammenhängen nicht sehr hoch geschätzten Tatbestand einer selbsterfüllenden Prophezeiung.

Um die Dinge und die Vorstellungen in seinem Sinne zu regeln (wenn ein System einen solchen „Sinn“ haben kann) hat der Kapitalismus daher zwei große Regulatorien. Die Dinge, die er hervorbringt und die Vorstellungen, die er erzeugen kann. Eine kapitalistisch erzeugte Vorstellung verlangt nach kapitalistisch erzeugten Dingen, die ihrerseits kapitalistische Vorstellungen erzeugen.

So entsteht ein Kreislauf, der sich natürlich nach dem Prinzip der Landnahme immer auch am Außen, Jenseits und Metaphysischen bedient.

Es ist sicher richtig, die Kritik am Kapitalismus an seiner Art von Produktion anzusetzen. Aber vielleicht ist es zu wenig, ja vielleicht sogar ein verhängnisvoller Fehler der Kritik, der kapitalistischen Herrschaft über die Vorstellungen allenfalls eine nachrangige Funktion zuzuschreiben, oder sie als Teilaspekt der Produktion zu betrachten.

Versuchen wir stattdessen, Produktion und Vorstellung als eine dialektische Einheit zu denken.

Zunächst produziert der Kapitalismus immer mehr, und immer zu viel und zu wenig zugleich. Zuviel ist es nicht nur für den Konsumenten, sondern immer auch für den „Kapitalisten“ selber. Der Wettbewerb, zum Beispiel, zwingt ihn, sich selber die Preise zu verderben. Weiterlesen

Kleine Skizze für einen Hot Spot der Diskurse

WAS KOMMT DANN?

Die Gesellschaften des Westens befinden sich offensichtlich in einem Umbauprozess. Die Transformation der ökonomischen Praxen in ein Ineinander von Neoliberalismus, Finanzkapitalismus und Neomerkantilismus bedingt eine zweite Transformation, nämlich die der Regierungssysteme zu einem Ineinander von „Postdemokratie“, Medienpopulismus und ökonomisch-politischem Oligarchentum. Und diese Transformationen wiederum können nur funktionieren, wenn sich zum Dritten auch das transformiert, was man gemeinhin Kultur nennt. Diese Kultur muss wohl in einem doppelten Sinne verstanden werden, nämlich einerseits als Spielraum für Formen, Ideen, Dispute und Diskurse, andrerseits als Kultivierung bestimmter sozialer, politischer und ökonomischer Vorgänge. (Daher gibt es, so seltsam das klingen mag, immer auch eine Kultur der Kultur, und was wir gerade erleben könnte man Dekultivierung der Kultur nennen.)

Dieses doppelgesichtige Ungetüm von Erneuerung und Bewahrung, von Freiheiten und Kontrollen, entwickelt sich immer mehr zu einem Geflecht der Bilder, Narrative und Begriffe, das zu mehr als nur der Reflexion und der Kommunikation der Freiheiten und der Kontrollen dient. Kultur bzw. Kulturen sind es nämlich, die die widersprüchlichsten Beziehungen von Ökonomie und Politik, System und Alltag zusammenhalten. Weiterlesen

Europa ohne Linke

Und endlich einmal hatte der liebe Gott ein Einsehen und holte alle aufrechten linken Menschen Europas zu sich in den Himmel.  Dort gab er ihnen ein wunderschönes Tal (mehr brauchten sie nicht, denn es waren nicht allzu viele) und hieß sie, den Kommunismus zu verwirklichen, was sie denn auch nach Herzenslust taten. Und so leben die aufrechten Linken glücklich und zufrieden in ihrem himmlischen Tal in alle Ewigkeit, Amen. Die bösen Linken aber, die Staatssozialisten, Stalinisten und Dogmatiker, die schickte Gott der Herr in die Hölle, und dort verbannte sie ein gleichgültiger Unterteufel in eine riesige Plattenbausiedlung, wo sie ohne Unterlass um die Generallinie, die Parteiführung und den sozialistischen Realismus stritten.

Auf Erden aber war der Jubel groß! Endlich keine Linken mehr! Keine Marktmuffel und Kritikaster mehr. Keine Gerechtigkeitsapostel, Anarchisten und Gesellschaftsanalytiker. Keine Spinner, Chaoten, Träumer und Revoluzzer! Den Karl Marx hatten sie zurückgelassen, und der erwies sich als durchaus brauchbar, man musste ihn nur von den Füßen auf den Kopf stellen. Endlich konnte der Kapitalismus nach Gutdünken prosperieren und akkumulieren. Fortschritt, Wettbewerb, Marktfähigkeit und Konsumfreude entfalteten sich aufs prächtigste; Versager, Verweigerer und Verlierer wurden in Außenbezirke der Zentren gedrängt, wo sie der freien Entfaltung der Marktkräfte und den Karrieren der Tüchtigen nicht weiter im Weg standen. Junge idealistische Menschen durften Tierschützer, Friedensfreunde oder Genmaisgegner werden, das schadete nicht weiter, sondern schuf nur nette kleine Nischenmärkte. Im Leben jedes dieser Menschen kommt einmal das Angebot, das er nicht ausschlagen kann. Unsinnige Reste des Sozialstaates wurden abgebaut. Handelshemmnisse beseitigt. Das Rote Kreuz dem Pharmakonzern angegliedert. Die Polizei privatisiert. Wenn es keine Linken mehr gibt, dann ist der Mensch nämlich endlich frei, zu sehen, wo er bleibt.

Und doch lief nicht alles so geschmeidig wie erhofft. Man hatte plötzlich niemand mehr, auf den man, wenn etwas schief gelaufen war, die Schuld schieben konnte. Diese Linken, mit ihrer vermaledeiten politischen Ökonomie, wo doch nur ökonomische Politik Segen bringt! Der Staat konnte nicht mehr behaupten, man müsse Polizei, Justiz und Geheimdienste gegen die Extremisten von rechts und links, vor allen diese, einsetzen. Weiterlesen

Eins auf die Presse, mein Herzblatt! (27)

Kennen Sie den?

„Wenn Frauen sagen: ‚Ich bin fertig, wir können gehen’, dauert es mindestens noch 30 Minuten. Während sich der Mann in dieser Zeit mit Daunenjacke, Mütze und Schal im Flur acht Kilo abschwitzt.“

Hahaha! Ist der gut, mein Gott ist der gut. Er stammt ja auch von Mario Barth und ist, laut Bild-Zeitung einer seiner zehn besten Gags.

Dieser Mario Barth also, laut Süddeutsche Zeitung ein „Comedian“, hat gerade  mit genau 116.498 Zuschauern im Berliner Olympiastadion einen neuen Weltrekord an Life-Comedy-Zuschauern („Das größte Publikum für einen Komiker in 24 Stunden“) aufgestellt und sich somit einen Eintrag ins GUINNESS WORLD RECORDS 2015 Buch gesichert.

Zu hören waren natürlich echte Granaten:

„Warum mein bester Freund und Chantal sich getrennt haben? Sie stand vor ihm und sagte: ‚Ich geh zum Fitness. Bauch, Beine, Po.’

Daraufhin er: ‚Wieso? Davon hast Du genug. Mach doch lieber Brüste’.“

Äh, Hallo? Lachen! Das ist ein ganz toller Witz. Da muss man doch lachen. Weil, sonst kriegt man vielleicht keine von den tollen Urkunden bei dem Rekord, echt mit Namen und so, da steht man dann irgendwie selber mit im Guiness Buch.

„Ich habe mich gefragt, warum Frauen das Fenster öffnen, wenn ihnen heiß ist. Einfacher: Macht endlich die Heizung aus.“

Also, wer da nicht lacht! Ich sage bloß, wer da jetzt nicht lacht. Das ist vielleicht einer, der hat auch keine Deutschlandfahne am Haus. Das kann überhaupt kein Deutscher sein, der da jetzt nicht laut lacht. Mehr als 100 000 Leute, die über so einen Bombenwitz lachen, das müssen Sie sich einmal vorstellen. Da wollen wir den totalen Witz!

Eine Chance kriegen Sie noch:

„Männer kennen nur fünf Farben: Rot, Gelb, Grün, Blau und Schwarz. Seit Frauen für die Mode zuständig sind, gibt es 256 Millionen Farben: unter anderem Latte macchiato, Mocha, Aubergine, Lachs, Pflaume …“

Gut, man könnte jetzt sagen, das sind halt Witze mit Barth (bruhahaha! Haben Sie den Wortwitz erkannt?), aber 116.498 Zuschauer im Berliner Olympiastadion (vier Wochen vor den beiden Shows schon ausverkauft) können nicht irren.

Deutschland lacht! Aber sofort!

 

*

 

GEMEIN! SENSATIONELL! KARL-THEODOR FREIHERR ZU GUTTENBERG ZWANGSKOMMERZIALISIERT!

Was muss man da in der Süddeutschen Zeitung lesen? Das „Klatschblatt Die Aktuelle aus Ismaning“ muss den früheren Verteidigungsminister mit 5900 Euro entschädigen. Was war da los?

Dieses Klatschblatt aus Ismaning hatte sich öffentlich gefragt: „Ehebruch und Unfalldrama. Was hat er damit zu tun?“ Ehebruch und Unfalldrama betreffen den Professor Rüdiger Bormann, der als Präsident der Uni Bayreuth für die Aberkennung von Guttenbergs Doktortitel „bekannt geworden war“. Und „er“, das ist natürlich seine Dings, seine Durchlaucht oder was, der Freiherr halt. Wird man doch noch mal grübeln dürfen: „Wie unheimlich! Der rätselhafte Tod seines größten Feindes!“ Weiterlesen