Winzigkeiten (2)

Die Anregung, nur zum Beispiel Sun Ra oder Miles Davis nicht philosophisch, sondern als Philosophen zu betrachten, greife ich gerne auf (wie ich überhaupt, das muss mal gesagt werden, sehr gerne von Zuschriften und Kommentaren lerne), so wie man auch Art Blakey oder Charles Mingus als große Demokratie-Theoretiker begreifen kann. Man könnte wohl mit einem Mingus-Stück erklären, warum das keine Demokratie ist, in was wir leben.

Und dann könnte man es auch wieder nicht. Denn natürlich liegt das Problem in der „Übersetzung“. Es ist ja auch bei Bach immer noch leichter, das vollendete philosophische Denken in ein Bild als in einen mehr oder weniger philosophischen Text zu übersetzen. So viele Leute denken durchaus Bachsch oder Sun Rasch, können aber nicht erklären, was das bedeutet.

Aber man soll sich ja auch keine zu leichten Aufgaben stellen.

*

Dies ist mir ein wenig peinlich. Es handelt sich schließlich um eine Todesanzeige. Der Name tut nichts zur Sache, und der Toten soll nichts an Ruhe und Würde geraubt werden. Aber dann, unter dem Gedenken, die Unterschrift, da musste ich doch lachen (sehr leise), ich konnte nicht anders.

Da stand: „Vorstand, Geschäftsführung, Regionalteams und Mitglieder der Frauen in der Immobilienwirtschaft e.V. Frankfurt am Main“.

Es weht einen gelegentlich eine kosmische Melancholie an, darüber, dass auch Gründerinnen und Ehrenvorsitzende von Frauen in der Immobilienwirtschaft e.V. Frankfurt am Main sterben müssen, und dann hilft es nichts, dann muss man lachen. Leise halt. Weiterlesen

Newsletter (9) zur Kuchensucher-Forschung

Unter dieses bajuwarisch-philosophische Gedicht in den  blauen Heften fand sich mit kräftigem Strich die Bemerkung „sehr holprig“ angefügt. Sollte bereits damals Eichenweich in das Leben des postsituationistischen Lyrikers Edgar P. Kuchensucher eingegriffen haben? Mit jenen verheerenden Folgen, die wir kennen?

PHILOSOPHISCHER ALMRAUSCH

Kant I no a Bier ham?

Marx a no oans?

Die Negt Rund’ geht auf mi!

 

An Heurigen Schopenhauer da no oba!

For i zum hegeln geh.

Herder mit.

 

I glab i spin! Oza pft is! Weiterlesen

Hofberichterstattung 1914 / 2014

HOFNACHRICHTEN 1914

Seine Königliche Hoheit Prinz Johann Georg beging am Sonnabend die Feier seines Namenstages. Aus diesem Anlasse fand bei Seiner Königlichen Hoheit 1 Uhr mittags Familientafel statt, an der die Prinzen und Prinzessinnen des Königlichen Hauses teilnahmen.“

Dresdener Nachrichten / Dresdener Allgemeine 19. Mai 1914

 

HOFNACHRICHTEN 2014

„Anton Andreas Graf von Faber-Castell hat am Samstag im fränkischen Familienschloss Hochzeit mit der Australierin Kate Stahl gefeiert. Etwa 300 Gäste versammelten sich für die Trauung in der Luther-Kirche in Stein bei Nürnberg. Anschließend lud die Familie zur ‚eleganten Soirée’ ins Faber Castell’sche Schloss.“

Frankfurter Allgemeine / Zeitung für Deutschland 18. Mai 2014

WAS IST EINE REALISTISCHE LINKE POSITION?

Oder: Ein ganz persönlicher Aufruf, links zu wählen, trotz allem

Wenn in Deutschland ein Rechter etwas Rechtes sagt, dann johlen und applaudieren ihm alle anderen Rechten zu. Wenn in Deutschland ein Linker etwas Linkes sagt, dann fallen alle anderen Linken über ihn her. Die einen haben es ja schon viel früher und viel besser gesagt, die anderen sehen nur Denkfehler und Stilbrüche am Werk, wieder andere erkennen instinktiv die Möglichkeit zur nächsten Spaltung, und noch einmal andere finden sofort, dass dies nun aber entschieden zu weit gehe. Allen Linken scheint jedenfalls, sobald jemand etwas Linkes gesagt hat, klar: So geht es nicht. So wurde in Europa im Allgemeinen, in Deutschland aber ganz besonders aus der Linken (nicht die Partei, der Diskurs, Dummie!) das größte Projekt zur politischen Selbstverhinderung. Das hat, wie das meiste im Leben, auch seine Geschichte.

Als Enrico Berlinguer in den 1970er Jahren die Idee des „historischen Kompromisses“ der italienischen Kommunistischen Partei mit den wechselnden aber gerade im Wechsel stabilen „bürgerlichen“ Regierungen ausrief, tat er das im Bewusstsein der Krise in den Staaten des „Ostblocks“ und aus der Erfahrung heraus, dass eine sozialistische Hegemonie, wie sie sich Antonio Gramsci erträumt haben mochte, unter den gegebenen Bedingungen nicht zu erhoffen war, obwohl die Kommunisten sich so tatkräftig an der Entwicklung der Demokratie wie an der der ökonomischen Produktivität in den Nachkriegsjahrzehnten beteiligt hatten und auch von der politischen und ökonomischen Mitte in Wirklichkeit mehr als Verbündete denn als Feinde gesehen werden konnten (sieht man von den rhetorischen Schlachten ab, von denen die katholisch Konservativen nicht lassen wollten). Der „historische Kompromiss“ war neben vielem anderen auch eine Aufforderung, diesen Beitrag der Linken zu einer funktionierenden Demokratie zu würdigen, und aus der Rolle einer Kraft herauszufinden, die zugleich als „nützlicher Idiot“ und „Sündenbock“ dienen konnte. Weiterlesen

Newsletter (8) zur Kuchensucher-Forschung

Unter den Gedichten in den Blauen Heften des postsituationistischen Lyrikers Edgar P. Kuchensucher findet sich auch manches unfertiges und verworfenes. Einiges davon hat der Dichter selbst durch dicke Striche unkenntliche gemacht (im Auftrag der Kuchensucher-Gesellschaft arbeitet eine Expertengruppe um Professor Solbleich an einer computergestützten Dechiffrierung, was durch eine großzügige Spende des Freundeskreis Postsituationismus in der deutschen Wirtschaft ermöglicht wurde); im vorliegenden Fall aber hat der Verfasser sich mit dem Vermerk „wegschmeißen“ begnügt. Es war ihm offensichtlich klar, dass diese Arbeit nicht zu retten war. Aber lesen Sie selbst!

DER STURM
(frei nach W. Shakespeare)

MariJandl, Jandl, Jandl,

Schwimmt an das Strandl, Strandl, Strandl

Mit letzter Kraft.

Geschafft.

Afft.

AH!

FF!

T.

 

 

 

Klassenunterschiede

Hauptüberschrift des F.A.Z.-Wirtschaftsteils am 12. Mai 2014:

1 MILLIARDE EURO KINDERGELD FÜR AUSLÄNDER

 

Schlagzeile der Bild-Zeitung am 13. Mai 2014: 

SO KASSIEREN EU-AUSLÄNDER BEI UNS AB!

Jährlich fast 3 Milliarden Euro für Kindergeld und Hartz IV 

 

Bei der F.A.Z. geht es weiter mit:

GUTMENSCHEN SCHAFFEN KEINE ARBEITSPLÄTZE

 

Bei der Bild dagegen mit:

KNUTSCHT HIER DIE NÄCHSTE MALLORCA-SOMMERLIEBE?

 

So unterschiedlich kann Schweinejournalismus sein!

 

Kleine Skizze zu großen Baustellen

Wir sehen im Finanzkapitalismus als Kapitel der neoliberalen Transformation der Ökonomie vor allem jene Verschärfung der Ausbeutung und des Krieges von Kapital gegen Arbeit (und gegen Menschen, die arbeiten, aller Ideologie zum Trotz). Sein größeres Programm aber besteht im Auseinanderbrechen von ökonomischen, sozialen und technischen Fortschritt. Der Finanzsektor will sich von der Produktion, der Innovation, der Gesellschaft und der Politik lösen. Einer der negativen Folgen dieser Entwicklung bedeutet: Arbeit lohnt sich nicht, was mittlerweile sogar der Spiegel verstanden hat, der sich ansonsten so konsequent von einem Medium der demokratischen Wachheit zu einem der postdemokratischen Trägheit entwickelt hat.

Ein Symptom für das Auseinanderbrechen von Ökonomie, Arbeit und Technik ist das technische und soziale Scheitern der Mehrzahl der architektonischen und infrastrukturellen Projekte der letzten Zeit, die gleichwohl ihr ökonomisches Ziel, die Bewegung von Geld in die Taschen der Oligarchen und zwischen diesen Taschen hin und her. Die „skandalöse Großbaustelle“ ist das Ideogramm des neoliberalen Wahnsinns geworden, aber zur gleichen Zeit auch das perfekte Transfermodell zur Generierung von Profit aus unnützer Arbeit.

Beispiele: Stuttgart 21, der TAV in Italiens Norden, die Elbphilharmonie Hamburg, der Berliner Flughafen, jedes einzelne ein wunderbares Lehrbeispiel, jedes einzelne aber auch wiederum so konkret und absurd, dass es auch den Opponenten schwerfällt, das strukturelle Problem hinter der konkreten Farce zu sehen.

Es geht vor allem darum, aus einer Baustelle so gut als möglich eine endlose Geschichte zu machen. Die Verzögerungen und Umbauten schon während der Bauphase sind keine Pleiten, sondern strukturelle Notwendigkeiten der großen Geldmaschinen. Die Pleiten waren noch keineswegs überhaupt nur in den Griff zu bekommen, da verkündete Hartmut Mehdorn bereits (am 1. Mai des Jahres 2014 passenderweise), dass der Aufsichtsrat Gelder freigegeben habe, um nach den bestehenden acht Gepäckbändern ein weiteres zu errichten. Nach seinen Worten aber hielte er persönlich noch einmal ein zusätzliches für notwendig. Das Projekt also wird größer ohne zu wachsen, es verschlingt Gelder, für die im Wesentlichen nur ein paar armselige Wurmfortsätze sichtbar werden. Weiterlesen

Geheimprojekt Freihandelsabkommen

Sigmar Gabriel ist zweifelsfrei ein Meister der politischen Rhetorik. Er regt sich über die Kritiker des im Geheimen verhandelten Freihandelsabkommens zwischen den USA und der EU auf, die ja gar nicht wissen können, worüber da verhandelt wird. „470 000 Menschen haben gegen etwas unterschrieben, was es noch gar nicht gibt.“ Wir sind aber auch Dummies. Warum warten wir nicht ab, bis es das TTIP gibt und unterschreiben dann! Eine Abdankungsurkunde für den angeblichen Souverän der Macht in der Demokratie vielleicht?

„Hört endlich auf, Lügen zu verbreiten!“ schmettert er uns entgegen. Das sollten wir uns von einem „Sozialdemokraten“ wirklich nicht zweimal sagen lassen. Sagen wir also die reine Wahrheit: Was dem Volk nicht mitgeteilt wird, darüber soll es sich auch nicht das Maul zerreißen!

Was immer an Konflikten und Gefahren aus politischen und ökonomischen Handlungszentren öffentlich ruchbar wird, es folgt mit hoher Präzision und Wahrscheinlichkeit die große mediale Glocke, die darüber gestülpt werden soll. Weiterlesen

Der Abdruck des Subjekts, die Ware als Antwort und der fundamentale Konformismus

„Bekämpft“, sagen Adorno und Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“, „wird der Feind, der bereits geschlagen ist, das denkende Subjekt“. Der Kampf gegen das denkende Subjekt, so scheint es, ist in die Endphase der Hysterisierung gelangt. Für die Gesellschaft der marktkonformen Demokratie ist es als Feindbild der Nachfolger des „Kommunisten“ (nicht, dass man nicht auch noch auf dieses tote Pferd einprügeln könnte). Doch wer nicht denkt wie alle anderen, den soll nicht so sehr der Hass treffen, als vielmehr die Verachtung. Wir leben in einer Kultur der Verachtung, und noch vor dem Lesen und Denken lernt der Insasse dieser Kultur das taktische und strategische Verachten. Unter den Objekten der Verachtung befindet sich an prominenter Stelle, und nur scheinbar paradox, das denkende Subjekt. Mainstream-Medien in dieser Kultur haben vor allem als heißen Kern ihrer Botschaften-Knäuel die Verachtung des denkenden Subjekts.

Aber warum ist es „bereits geschlagen“? Und warum muss es so vehement „bekämpft“ werden? Vielleicht hilft ein kleiner Rückgriff.

Der Aufklärung schon kam das Ich in die Quere; kein Ding, musste Kant zugeben, ohne die Begleitung „meiner Vorstellung“. Was wahrgenommen werden kann, das muss durch ein Subjekt wahrgenommen sein. Wir müssen das Ich an jedem Objekt mitdenken, so weit so gut.

Verändert dies aber nur die Wahrnehmung des Dings, oder auch das Ding selbst? Hat es eine Spur des Subjekts in sich, einen Abdruck des Gesehenwordenseins? Gewiss, einem Baum sieht man es nicht an, ob ich ihn gesehen habe oder nicht, ob ein Ich ihn gesehen hat oder nicht. Es sei denn, ich beginne ihn zu bearbeiten. Dann wird zum Beispiel ein Tisch daraus und ein Stuhl, oder der Baum wird zum Träger eines Zeichens, aber es wird auch Geld und „Ordnung“ daraus. Weiterlesen