Über populistischen und ökonomischen Diskurs, Putin-Versteher und Feindbildner

Stellen wir uns vor: Es gibt einen Diskurs der Interessen der ökonomischen Oligarchie, der sich durch beharrliche Lobby-Arbeit und, ganz nebenbei, durch Besitzverhältnisse in der „Medienlandschaft“ zeigt. Wir werden, „hegemonial“ erfahren, was den Interessen der „ökonomischen Elite“ dient, und wir werden nicht erfahren, was wir nach diesen Interessen eher nicht erfahren sollen. Und auf der anderen Seite gibt es den „populistischen Diskurs“, der uns, „das Volk“, ruhigstellen soll. Das beste Mittel dafür sind einerseits „Aufreger“ (am besten solche, die irgendwas mit Sex und Hitler zu tun haben), Skandale und moralische Metaphern, und andererseits Feindbilder und Sündenböcke.

Meistens ergänzen sich der eine und der andere Diskurs treffend; sozusagen wie Angebot und Nachfrage auf einem schwer manipulierten Markt. Immer wieder freilich kommen auch die beiden Erzählungen (die beiden Wahn- und Lügensysteme, in denen zu leben wir gezwungen sind) in überraschenden Konflikt miteinander. Der populistische Diskurs, nur zum Beispiel, hat in Russland im Allgemeinen und in Putin im Besonderen einen perfekten Feind ausgemacht. Das ist einigermaßen praktisch. Aber der ökonomische Diskurs hat andere Interessen, und die können sich nicht immer so trefflich verbergen, wie man es gern hätte. Die Geschäfte mit Russland nämlich sollen weitergehen, und daher reist Siemens-Manager Kaeser nach Moskau zu Putin und wird vom ZDF-„heute-journal“-Moderator Claus Kleber öffentlich mehr als nur gerügt. Diese Konstellation ist nicht wirklich geläufig, aber durchaus symptomatisch. Entsprechend sammeln sich die Diskurs-Bataillone auf beiden Seiten; der FAZ-Herausgeber Schirrmacher selber muss die „Inquisition“ des Fernsehens anprangern, offensichtlich handelt es sich um eine Art Majestätsbeleidigung.

Der postdemokratische Neoliberalismus hat offenkundig zwei konkurrierende politische Subjekte. Die Beobachtung, dass der ökonomischen Oligarchie die öffentliche Meinung zunehmend ganz einfach egal ist, da von ihr, solange Politiker wie Angela Merkel an der Regierung sind, keinerlei Gefahr für den Entfaltungsspielraum ausgehen kann, scheint sich an solchen Bruchstellen zu spalten. Weiterlesen

Newsletter (5) zur Kuchensucher-Forschung

Es wird ja immer wieder behauptet, der postsituationistische Lyriker Edgar P. Kuchensucher habe sich nie im Leben mit metaphysischen Themen beschäftigt. Elch ein Wirrtum! In seinen berühmten „Blauen Heften“ (die er im Übrigen gerne bei seinen Ausflügen in Auberbachs Keller bei sich trug) findet sich zum Beispiel folgende Skizze zu einem Gedicht, das, wie der Fachmann gleich erkennt, an manchen Stellen noch auf eine Überarbeitung wartete. Leider hat der Dichter die meisten seiner „Blauen Hefte“ in besagtem Bierkeller verloren, so dass wir auf eine überarbeitete Fassung verzichten mussten.

 

Lieber Gott, mach mich fromm,

Dass ich einen Benz bekomm,

Mit so einem Mercedes-Stern

Fahr’ ich zu deiner Kirche gern.

 

Wird’s jedoch ein BMW

Geh’ ich freitags zur Moschee

Mit einem der Modelle X

Lern ich den Koran wie nix.

 

Mit einem Audi Typ Q7

Lern ich auch den Sabbat lieben Weiterlesen

OCCUPY PHILOSOPHY!

Über das Grundrecht auf das Darauflosdenken (1)

1.

Jeder Mensch ist ein Philosoph, so wie jeder Mensch ein Künstler ist. Aber so wie nicht jeder Mensch ein Berufskünstler ist, ist auch nicht jeder Mensch ein Berufsphilosoph. Glücklicherweise.

Was den primären Wert eines Gedankens anbelangt, sind „Amateure“ genauso zu behandeln wie Berufsphilosophen. Ein interessanter Gedanke ist ein interessanter Gedanke und eine Plattitüde ist eine Plattitüde. Was hingegen die Diskurse anbelangt, gibt es große Unterschiede. Die Philosophie als Wissenschaft ist etwas anderes als die Philosophie als Lebensimpuls.

Dennoch verdient beides den Namen Philosophie, insofern es sich erst einmal um nichts anderes als um eine Zuneigung zur Weisheit handelt. Zu einer potentiellen eigenen Weisheit und zur, nur zum Beispiel, in Texten festgehaltenen Weisheit anderer. Natürlich waren Plato, Hegel und Wittgenstein weiser als ich, aber sie wären ganz schön dumm gewesen, wenn sie mir deswegen das eigenständige Denken austreiben hätten wollen.

Philosophie, könnte man behaupten, sei nichts anderes als die Lust eines Menschen, sich der Welt durch Gedanken zu nähern (und nicht durch Berechnungen, durch Taten, durch Kampf oder durch Gastronomie – was nicht heißt, dass es nicht zu alledem wiederum Philosophie gebe).

Die „Liebe zur Weisheit“ reicht zur Begründung dieses Impulses wohl nicht hin. Denn was heißt schon „Weisheit“? Seien wir ehrlich: Allein der Gebrauch des Wortes derzeit ist vor allem komisch. Genauer gesagt ist Humor überhaupt die einzige verbliebene allseits anerkannte Form der Weisheit. Weiterlesen

Die Frage nach dem Subjekt

Die Frage nach dem Subjekt wird dringlicher, da sie am Ende nicht nur über das Ziel eines politischen Systems – sagen wir: der Demokratie – sondern auch über seine Herstellung entscheidet. Jene Keimzelle des Staates, von der wir nicht zu träumen aufhören können, ist in einer Demokratie nicht die Familie und nicht die Fabrik, sondern es ist das freie Subjekt, bevorzugt in Form des mehr oder weniger autonomen Individuums. Der einzelne Mensch, der Rechte und Pflichten hat. Das andere, das ist entweder jenes, das dieses Subjekt unterdrückt (wie die Despotie und der terroristische Staat zum Beispiel) oder aber jenes, das dieses Subjekt auflöst (in der „Masse“ und durch die „Gleichmacherei“).

Ohne ein autonomes Subjekt (das sich freilich auch vernünftigerweise zivilisieren lässt und bereit ist, sich an Regeln zu  halten) macht Demokratie keinen Sinn. Umgekehrt können wir allerdings auch kein politisch-ökonomisches Regierungssystem als demokratisch bezeichnen, dem an der Schaffung und Erhaltung des autonomen Subjekts nichts gelegen ist.

Die soziale Ungleichheit, die auch und immer wieder die Grenzen der jeweiligen Vorstellungen von Gerechtigkeit überschreiten muss, ist also nicht nur Motor des Wirtschaftssystems namens Kapitalismus, sondern auch Ausdruck einer auf den Beziehungen freier Subjekte beruhenden politischen Systems namens Demokratie. Das eine wäre im Idealfall Ausdruck des Wettbewerbs der freien Subjekte, das andere Ausdruck der Kooperation der freien Subjekte. Anders gesagt: Beide Systeme, die Konkurrenz und Kooperation austarieren sollen, verhalten sich zueinander

Es liegt auf der Hand, dass diese beiden Begründungen dafür, dass das Subjekt sich überhaupt einem System wie einer Volkswirtschaft oder einem Staat unterordnen kann, die sich im Gegenzug für seine (Selbst-) Begrenzung mit einem Rahmen für die Entfaltung erkenntlich zeigen, sich zueinander nicht nur harmonisch verhalten. Die Spannung zwischen beidem erweist sich im Gegenteil immer wieder als brandgefährlich für die prekäre Harmonie von Subjekt und System. Weiterlesen

Unterwegs (1)

Am dritten Nachmittag in dem kleinen Café, in dem nicht einer der ungefähr 20 Stühle zum anderen passte, dafür aber alle zu dem Getränk, an das ich mich gewöhnt hatte, meinte der Mann, der immer am selben Platz saß und auf das verfallene Haus gegenüber starrte, als sei er mir eine Erklärung schuldig: „Da im dritten Stock ist sie ermordet worden“. Dann schwieg er wieder.

An den folgenden Tagen begrüßten wir uns jeweils mit einem kleinen Kopfnicken. Ich hätte nicht gewagt, unsere geheime Verabredung zu versäumen, zu einem Getränk und einer Portion Untröstlichkeit.

Ein echtes Scheißgefühl hielt ein paar Tage an, nachdem ich das Land verlassen hatte.

 

 

Titelschutz (19)

In meiner Lieblingsrubrik „titelschutz“ im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels entdecke ich folgendes Projekt des Lampe Verlags in Leipzig:

Johannes der Verkäufer – Ein wildes Verkaufsbuch

Johannes der Verkäufer, hm? Das lässt sich ausbauen:

Wie wäre es mit

Jesaia der Prospektverteiler – Ein besonders wildes Verteilerbuch

Noahs Verarsche – Ein wildes Anlageberatungsbuch

Adams Ripperl – Ein wildes Schweinezucht-Buch

Moses’ zehn Sonderangebote – ein wildes Soll-Buch

Der Kreuzweg – Ein wildes Wahlbuch

Oder

Maria, Mutter des Lottos – Ein wildes Annahmestellenbuch?

Und, aufgemerkt! – jetzt wird wieder etwas gelernt! Der Koha-Verlag wird das Buch

„Resilienz in Zeiten extremer Veränderung“ herausbringen.

Was zum Teufel ist „Resilienz“? Bin ich aber wieder ein ungebildeter Dödel, ne? Weiterlesen

KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 1/14

Was macht das Bild zur Kunst, und was macht die Kunst so begehrenswert für das Kapital?

Das Wesen des Bildes als Kunstwerk, so viel ist klar, liegt in einer Mehrdeutigkeit. Es zeigt etwas, und es ist etwas. Es zeigt etwas, das es ist, und es ist etwas, das es zeigt. Daher öffnet es den Raum der Suche, die nicht gelingen will und nicht gelingen kann, denn was es zeigt, entfernt, was es ist, und was es ist, entfernt das, was es zeigt. Der Vorgang ist mehr oder weniger „unendlich“.

Es ist zugleich Vergangenheit und Gegenwart (eine Trauer um das, was vergangen ist, und eine Lust am Gegenwärtigen). Oder, um es mit den Worten von Walter Benjamin zu sagen: Das Bild der Kunst ist „das dialektische Bild“, also eines, in dem das Vergangene mit dem Gegenwärtigen „mit einem Schlag“ zusammenfällt. Man könnte auch sagen, es ist eine Sache, die zugleich da und nicht da ist. Alles, was ich unternehme, um es zu einem endgültigen Da-Sein zu zwingen, ist zum Scheitern verurteilt. Zugleich ist es unmöglich, es nicht zu versuchen. Im religiösen Kontext würde man wohl von einer Offenbarung sprechen.

Die Offenbarung zeigt etwas, was vorher nicht gesehen werden konnte oder gesehen werden durfte. Einen Abdruck der Götter zum Beispiel. Als „Kunst“ könnte man jenen Abdruck des Nicht-Gesehenen verstehen, in dem etwas, das schon immer da war mit etwas zusammentrifft, das vollkommen flüchtig, eben durch und durch gegenwärtig ist.

Die Offenbarung wirft die Schöpfung und die Apokalypse in eins. Sie steht im Widerspruch zu jenen Göttern, mit denen man „handeln“ kann (wie mit dem christlichen Gott, dem man durch ein ihm „gefälliges“ Leben, durch gute Taten und schlichte Zahlungen an seine Vertreter, Strafen im Jenseits und nach dem „jüngsten Gericht“ abhandeln kann). Weiterlesen

Wetten, dass ..?

Sie wird kommen, die traurige, die „Wetten, dass…?“-lose Zeit, und mit ihr eine Epoche, in der die „Zeitung für Deutschland“  (Einzelpreis 2,30 Euro) solche Nachrichten nicht mehr unter „Kurze Meldungen“ (7. April im Jahre 2014) bringen wird können:

„Veronica Ferres, Schauspielerin, will noch in diesem Jahr heiraten. ‚Wir wissen, wann und wo – und ich weiß auch, wen’, sagte die Achtundvierzigjährige am Samstagabend in der ZDF-Show ‚Wetten, dass…?“. ‚Es wird dieses Jahr sein’, fügte sie hinzu. Die Details werde sie aber noch nicht öffentlich machen: ‚Wir wollen es erst unseren Kindern sagen.’ Ferres und der 54 Jahre alte Unternehmer Carsten Maschmeyer sind seit längerem ein Paar. Die beiden leben in der Nähe von München. In den Neunzigern war Ferres mit dem Regisseur Helmut Dietl (‚Schtonk’, ‚Rossini’) liiert. Vom Marketingfachmann Martin Krug ist sie seit 2010 geschieden, mit ihm hat sie eine Tochter.“

Das alles und noch viel mehr hätten wir nie erfahren ohne die F.A.Z., hinter der ja bekanntlich immer ein kluger Kopf steckt, der unbedingt wissen muss, mit wem Frau Ferres liiert und verheiratet war und dass sie weiß, wen sie das nächste Mal heiraten wird, wenn man die Kinder gefragt hat, die vielleicht gar nicht „Wetten, dass?“ anschauen, was auch die klugen F.A.Z.-Leserinnen und Leser wahrscheinlich nicht getan haben, denn sonst wüssten sie das ja schon und müssten nicht 2,30 Euro ausgeben, um zu erfahren, mit wem Veronica Ferres liiert und verheiratet war. Weiterlesen

Notiz über Mehrheit

Einerseits, so scheint es, hat es noch nie eine Gesellschaft gegeben, in der es wie in der unseren einfach und gefahrlos ist, nicht nur eine Meinung zu haben, sondern sie auch in die (mediale) Öffentlichkeit zu tragen. Auf meinem blog kann ich sagen und veröffentlichen, was ich will, und wenn es auch der größte Blödsinn wäre. Die Grenze meiner Rechte zur Äußerung wäre immer nur die Grenze zu den Rechten der anderen. (Gewiss sind diese Grenzen auch nicht vollkommen unabhängig von der Machtposition eines Menschen, über einen wehr- und machtlosen Mitbürger herzuziehen birgt weniger Gefahren, als über die Bundeskanzlerin oder den lokalen Mafia-Boss herzuziehen.)

Andrerseits aber waren wohl auch noch nie die Kräfte der Vereinnahmung, der Kontrolle, der Überwachung so groß wie derzeit. Meinungsäußerungen in den alten und neuen Medien scheinen geradezu prädestiniert, beim freien Umherwandern eingefangen und ins Netz des Mainstreaming gedrängt zu werden. Ein Gedanke ist kaum heraus, da ist er auch schon von Gedankenpolizisten umzingelt. Man kann gar nicht politisch und ökonomisch machtlos genug sein, um sich sogleich zum Gedankenpolizisten berufen zu fühlen. Offensichtlich interessiert es kaum, ob ein Gedanke dazu geeignet ist, die Adressaten weiter zu bringen, anzuregen oder zu befreien, bzw. das alles eher nicht zu tun. Was zählt ist, ob man diesen Gedanken haben und verbreiten darf oder nicht.

Das hat nicht das Geringste mit einem Zwang zur „politischen Korrektheit“ zu tun, denn dabei geht es nicht um eine Einschränkung der Gedankenfreiheit, wie es die rechte Kritik gern unterstellt, sondern um eine Form des semantischen Respekts. Es ist das ur-demokratische Recht über die eigene Bezeichnung auch dann mitzubestimmen, wenn eine Mehrheit es aus Gewohnheit oder auch aus Bosheit unterbinden will. Dass man ein Wort wie „Neger“ nicht benutzen soll (wenn es einem schon nicht die historisch-moralische Sensibilität bestimmt), hat mit dem Respekt vor Menschen zu tun, die mit diesem Begriff leidvolle Erfahrungen verbinden. Die größte Ignoranz spricht aus dem, der auf sein Mehrheitsrecht pocht, den Begriff weiter zu verwenden, weil er doch in sich gar nicht diskriminierend gemeint sei.

Nicht die political correctness sondern ihre Gegnerschaft ist es, die das Denk- und Sprechverbot generiert, denn sie impliziert das Recht einer Mehrheit, sich (schon einmal) verbal respektlos gegenüber einer Minderheit zu verhalten. Weiterlesen

Poesie online

Auch beim dreistesten Versuch des Betruges entsteht gelegentlich eine seltsame Form der Poesie, an die man sich indes so sehr gewöhnt hat, dass man sie nicht mehr erkennt:

Sehr geehrter Kunde,

im vergangenen Jahr Sparkasse, zusammen mit vielen anderen deutschen Banken wurde das Ziel einer weit verbreiteten Internet-Betrug. Deshalb haben wir ein Projekt, dies zu verhindern Zukunft gestartet.
Alle Online-Bankkonten zu einem neu entwickelten Safety-System, das überwacht und verdächtige Aktivitäten in unserem Online-Bankkonto verbunden werden.
Wir können sehen, dass Ihrem Online-Bankkonto ist noch nicht mit dem neu entwickelten Sicherheitssystem ausgestattet. Daher bitten wir für 5-10 Minuten Ihrer Zeit, um dieses Sicherheitsupdate installieren.

Bitte auf den Link unten, um diesen Prozess zu beginnen klicken Sie auf