Kleinigkeiten (36)

Es gibt Worte, die nur von denen benutzt werden, die mit ihnen eine Zumutung von sich weisen wollen. „Politisch korrekt“ zum Beispiel. Ein Begriff, den fast nur Leute benutzen, die liebend gern eine rassistische oder sexistische Sauerei loswerden wollen, sich aber nicht getrauen würden, wenn man nicht eine Instanz verachten könnte, die es einem verbieten würde. Das selbe gilt für „Gutmenschen“. Auf „Gutmenschen“ schimpfen vor allem Leute, die echt keinen Bock haben, sich beim Kauf von T-Shirts die gute Laune durch Hinweise auf Kinderarbeit und Ausbeutung verderben zu lassen. Und natürlich geht „Tugendterror“ von jenen aus, die lieber ein paar weniger Waffenexporte an korrupte Diktaturen hätten oder frecherweise fordern, man könnte vielleicht auch Asylbewerber als Menschen behandeln. Idiotischerweise haben es sich auch genügend „Linke“ zur Gewohnheit gemacht, über das politisch Korrekte, die Gutmenschen und den Tugendterror zu feixen. Als wollten sie nicht bemerken, dass damit gar nicht bloß die paar Eiferer und Rechthaber gemeint sind, die auch uns den Tag verderben können, sondern sie selber. Der politisch korrekte, tugendterroristische Gutmensch ist nichts anderes als die Stürmer-Karikatur des Linken. Und wer lacht da am lautesten?

*

„Der ukrainische Markt ist einfach zu vielversprechend, um nicht zu versuchen, seine Ausrichtung zu ändern“, so sagt der stellvertretende russische Ministerpräsident Igor Schuwalow, laut der Wochenzeitung DIE ZEIT, „über die Interessen Russlands in der Ukraine“. Da sind wir aber froh, dass die Interessen Europas in der Ukraine nur in der Verwirklichung der Menschen- und Bürgerrechte, einer so toll wie bei uns funktionierenden Demokratie und in der Pressefreiheit bestehen. Der ukrainische Markt interessiert uns dagegen so wenig, dass hierzulande für die Ukrainer die Demonstrationsrechte gefordert werden, die bei uns selber schon längst abgeschafft sind. So demokratisch sind wir.

*

Nachdem uns die deutschen Politiker bei der „Sicherheitskonferenz“ den Krieg erklärt haben, wissen wir, wozu eine Große Koalition gut ist. Wir haben auch gleich zwei neue Formen deutscher Kriegserklärungen erhalten. Neben der Macht- und Markt-politischen (bei uns „Verantwortung“ genannt) nun: den Reproduktionskrieg von Frau von der Leyen, der dafür sorgen soll, dass Leutetotschießen und Kinderkriegen kein Widerspruch mehr sein soll (man nennt das wohl „Biopolitik“) und die bigotte Kriegserklärung unseres Präsidenten. Nicht dass seine Hintergrundorganisation keine Erfahrung im Panzersegnen hätte, aber das vorauseilende Absegnen von exportfreundlichen Kriegen ist doch noch eine andere Qualität.

Jedenfalls wurde das Gejammer der deutschen Kriegswirtschaft erhört. Und auch dem deutschen Volk darf’s wieder besser gehen: Wir sind wieder wer im Militärgeschäft. Und die deutsche Mainstream-Presse jubelt, als wären endlich die geheimen Wünsche offiziell erlaubt.

Soll aber niemand sagen, die demokratischen deutschen Politikerinnen und Politiker hätten ihrem Volk den Krieg nicht erklärt.

Ein Gedanke zu „Kleinigkeiten (36)

  1. Die Ablehnung von PC und Gutmenschen sehe ich ähnlich, aber den Tugendterror würde ich (noch) den Rechten zuordnen. Für mich sind das so Dinge, wie die Forderungen nach Sperrstunden, Alkoholverbote in Fußgängerzonen, Bettelverbote, eben alles, was was saubere Stadtbild stört und als Angriff auf Ruhe, Ordnung oder die Arbeitsmoral gesehen wird. Vielleicht auch, weil „Tugend“ für mich eher soldatisch oder nach Burschenschaften klingt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.