Jan 28 2014

Kleinigkeiten (35)

Veröffentlicht von unter Gesellschaft.

Geschwätz

Im „Süddeutsche Zeitung Magazin“ dürfen 45 Prominente eine Frage an den Bundestrainer Joachim Löw stellen und werden dafür mit einem mehr oder weniger künstlerischen Portrait belohnt. Und mit einer Sprechblase, die Löw, der sich auskennt mit Medien, darbietet oder darbieten lässt. Ausgewogen, nichtssagend, nett.

Löw hat noch nie an einer politischen Demonstration teilgenommen, nimmt aber seine „demokratischen Rechte wahr, indem ich immer zur Wahl gehe“. In Deutschland „hat sich der Umgang mit Nationalsymbolen sehr entkrampft“. Und: „Natürlich sind wir uns der dunklen Seiten unserer Geschichte stets bewusst, aber wir wissen auch, dass das heutige, demokratische Deutschland ein Staat ist, zu dem man sich klar bekennen kann“.  „Gewalttäter im Fußball sind eine Minderheit, sie missbrauchen den Fußball, sie sind keine Fans, sie haben in den Stadien nichts zu suchen“. Und auf die Frage von Tim Mälzer: „Wie weit würde die derzeitige Nationalmannschaft mit mir als Trainer kommen?“, folgt pflichttreu die Antwort: „Vor ein paar Tagen war ich in Ihrem Restaurant in Hamburg“.  Ja, und so viel ist klar, was die Frage von Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AGV anbelangt, was Vorstandsvorsitzende von einem Bundestrainer lernen könnten: „Man sollte klare Ziele formulieren und diese konsequent durchsetzen, aber bei allem Druck die Menschlichkeit nie vergessen“. Von Jogi Löw und unseren famosen Medien lernen heißt schwätzen lernen.

Das Geschwätz, wir wissen es und sind deshalb nicht gleich überheblich, gehört zum Zusammenhalt einer Gesellschaft und ihrer Subsysteme. Aber stellen wir uns eine Gesellschaft vor, die nur noch durch das Geschwätz zusammengehalten wird!

Notizen nach einem Übermaß an „Freiheits“-Floskeln

Der Begriff Freiheit kommt im Allgemeinen nur in einer Rhetorik der Macht vor. Menschen, die sehr viel von Freiheit sprechen ist daher grundsätzlich zu misstrauen.

Im Diskurs der Macht bedeutet Freiheit nichts anderes als die Perfektionierung der Kontrollmittel. Daher wird von den immer gleichen „Naiven“ jedes neue Kontrollmittel als „Befreiung“ begrüßt.

Freiheit in der Postdemokratie ist wie Geld im Neoliberalismus und seinem Merkantilismus: das, was jemand davon hat, muss vorher jemand anderem weggenommen werden.

Da sich Freiheit von den anderen Forderungen der Emanzipation, der Solidarität wie der Gerechtigkeit, verabschiedet hat, ist die Freiheit der einen Ausdruck der Unfreiheit der anderen.

Im nächsten Kapitel der Ökonomisierung, Privatisierung und Globalisierung wird man Freiheit kaufen müssen. Selbst in kleinen Dosierungen.

Der Fürst zieht sich nur solange und so weit in seine Schatzkammern zurück als sich die Untertanen gegenseitig kontrollieren.

Das Unkontrollierte ist das Ekelhafte, das zu Bekämpfende. Erfolg in unserer Politik hat, wer zugleich von Freiheit spricht und Kontrolle verspricht. Der postdemokratische Fürst ist halber Demokrat und halber Faschist. Ganz wird er nur durch Geld.

Und doch!

Es gibt dieses Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt: frei durchs Leben gehen zu können. Jeder für sich und alle zusammen.

Daher lohnt es sich auch, der Entwendung des Begriffs Freiheit Widerstand entgegenzusetzen.

Beim Berufsberater

Soso. Wie ich sehe, sind Sie eitel, ungebildet, unanständig, dumm und gierig. Tja, da habe ich nur einen einzigen Beruf für Sie. Fernsehmoderator.

Science Fiction

Alle glauben an den unbezwingbaren, den ewigen Kapitalismus. Nur die Kapitalisten wissen es besser. Deshalb verhalten sie sich so wie jemand, der weiß, dass es keinen Sinn macht, an eine Zukunft zu glauben. Und die Gelähmten und die Geblendeten halten das für ein untrügliches Zeichen ihrer Macht. Kein Bau mehr und keine Unternehmung, die länger halten müssen als die Zeit, in der sie sich die Taschen füllen. So entsteht unsere Abbruchswelt.

 

Ein Kommentar

Ein Kommentare zu “Kleinigkeiten (35)”

  1. Live-Ticker: Sitzend in den Abgrund | Cartaam 01 Feb 2014 um 12:37 Uhr.

    […] einer Gesellschaft und ihrer Subsysteme. Aber stellen wir uns eine Gesellschaft vor, die nur noch durch das Geschwätz zusammengehalten […]

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