Kleinigkeiten (35)

Geschwätz

Im „Süddeutsche Zeitung Magazin“ dürfen 45 Prominente eine Frage an den Bundestrainer Joachim Löw stellen und werden dafür mit einem mehr oder weniger künstlerischen Portrait belohnt. Und mit einer Sprechblase, die Löw, der sich auskennt mit Medien, darbietet oder darbieten lässt. Ausgewogen, nichtssagend, nett.

Löw hat noch nie an einer politischen Demonstration teilgenommen, nimmt aber seine „demokratischen Rechte wahr, indem ich immer zur Wahl gehe“. In Deutschland „hat sich der Umgang mit Nationalsymbolen sehr entkrampft“. Und: „Natürlich sind wir uns der dunklen Seiten unserer Geschichte stets bewusst, aber wir wissen auch, dass das heutige, demokratische Deutschland ein Staat ist, zu dem man sich klar bekennen kann“.  „Gewalttäter im Fußball sind eine Minderheit, sie missbrauchen den Fußball, sie sind keine Fans, sie haben in den Stadien nichts zu suchen“. Und auf die Frage von Tim Mälzer: „Wie weit würde die derzeitige Nationalmannschaft mit mir als Trainer kommen?“, folgt pflichttreu die Antwort: „Vor ein paar Tagen war ich in Ihrem Restaurant in Hamburg“.  Ja, und so viel ist klar, was die Frage von Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AGV anbelangt, was Vorstandsvorsitzende von einem Bundestrainer lernen könnten: „Man sollte klare Ziele formulieren und diese konsequent durchsetzen, aber bei allem Druck die Menschlichkeit nie vergessen“. Von Jogi Löw und unseren famosen Medien lernen heißt schwätzen lernen.

Das Geschwätz, wir wissen es und sind deshalb nicht gleich überheblich, gehört zum Zusammenhalt einer Gesellschaft und ihrer Subsysteme. Aber stellen wir uns eine Gesellschaft vor, die nur noch durch das Geschwätz zusammengehalten wird!

Notizen nach einem Übermaß an „Freiheits“-Floskeln

Der Begriff Freiheit kommt im Allgemeinen nur in einer Rhetorik der Macht vor. Menschen, die sehr viel von Freiheit sprechen ist daher grundsätzlich zu misstrauen. Weiterlesen

Winzigkeiten (1)

NACHTLIED EINES HUHNES

Ich wollt, ich wär’ Geflügelzüchter

Dann machte ich die Hügel lichter

Mit meinen Riesenhallen

Tät’ ich das Tal beschallen

Tagsüber würd’ ich Hühner quälen

Und abends die Profite zählen

  *

 Okay, das mit dem „Bildungsbürgertum“, das haben wir jetzt hinter uns. Aber das kriegt die deutsche Kultur schon hin, dass man zwar die Bildung abschafft, aber deswegen noch lange nicht die Schulmeisterei.

*

Ein bayerischer Daten-Satz: „Mir daten uns wundan, wann’s anderst waar!“

*

„Das Internet ist Neuland für uns alle.“
Angela Merkel (Bundeskanzlerin)

„Der Staat und die Internetnutzer sind Verbündete.“
Thomas de Maizière (CDU)

„Das Internet ist tot.“
Sascha Lobo (Netzaktivist)

*

„Schon wieder ein neues Rekordhoch für den Dax“, jubelt die FAZ. Und ist auf der gleichen Seite erschrocken: „Neue Ermittlungen erschüttern die Banken“. Und die, „die gegen Landwirtschaft demonstrieren, meinen den Kapitalismus“. Gegen Landwirtschaft demonstrieren und den Kapitalismus meinen, das kriegen nur richtig tückische Linke fertig.

Ich liebe diese Zeitung dafür, wie sie sich die Welt zusammenträumt. Wenn sie dabei nur ihren eigenen Humor verstünde!

DIE SANDKASTEN-PROTOKOLLE (IX) Winterausgabe 2014

„Ich hab’ zu Weihnachten einen Bobschlitten gekriegt. Aber jetzt. Kein Schnee.“
„Und ich hab’ Skier gekriegt. Und schneit einfach nicht. Mistwelt.“
„Ich hab’ Nintendo. Ich brauch’ keine Welt.“

*

„Jakob, jetzt komm’ aber. Ist doch alles so dreckig.“
„Darf der Justin mit zum Nintendo-Spielen zu uns?“
„Aber Jakob, du weißt doch, das geht nicht. Und außerdem hast du bald rhythmische Gestaltung.“

*

„Der kommt immer mit seinem Schäferhund und lässt ihn da her scheißen. Das macht der mit Fleiß. Aber keiner traut sich ihm was sagen.“

*

„So eine Wahl ist toll. Ich hab’ drei Kugelschreiber von der FDP, zwei von den Freien Wählern, zwei von den Grünen, drei von der SPD und fünf von der CSU.“
„Geh’n die alle?“

GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER (25)

„Eigentlich mag ich diese Wirtschaft sehr gern“, sagte Herr Reiner und nahm einen tiefen Schluck aus dem Weißbierglas.

„Aber?“, fragte ihn sein Freund, der Herr Kainer. Herr Reiner ließ sich Zeit mit der Antwort, und Herr Kainer hatte auch genügend davon. Von der Zeit. Zusammen Zeit haben ist die Grundlage einer langen Freundschaft.

Und dann sagte Herr Reiner: „Es gäbe halt doch ein paar Sachen, die ich gern verbessert hätte.“

„Nämlich?“, fragte Herr Kainer. Jetzt war es an ihm, ins Glas zu schauen, wie man so sagt. Zur gleichen Zeit zu trinken hätten Herr Reiner und Herr Kainer als würdelos empfunden.

„Es ist ja so…“, hub Herr Reiner an. Und Herr Kainer lauschte aufmerksam.

„Die Kellnerin ist ja so nett und freundlich und alles. Aber sie sollte halt nicht… Sie sollte halt nicht immer mit ihren Fingern… Ich meine, wegen der Hygiene.“

„Ah so“, sagte Herr Kainer.

„Und der Koch…“

„Was ist mit dem Koch? Der ist doch gut?“

„Ja, freilich ist er gut. Er kocht gut, und bei der Hygiene gibt’s nichts auszusetzen. Aber er könnte doch…“

„Was könnte er?“

„Er könnte doch einmal auch etwas anderes anbieten. Ich mein’, Schweinsbraten und Leberkäse, ja. Saure Lüngerl, bitte, wer’s mag. Aber doch nicht immer und jeden Tag!“

„Soso…“ Herr Kainer war nicht überzeugt, dass sich eine Aufregung darüber lohnen würde. Weiterlesen

Die Antwort des Kritikonkels

# John Loeber am 07. Jan 2014 um 13:49 Uhr:
Kommentar zum Beitrag „Filmkritik? Ein Neustart“ 

irre selbstgefälliger stuss, pseudometakritik als pose. wer lesen kann, findet in print wie im netz immer noch ausreichend exzellente kritische texte zu filmen und angrenzenden phänomenen. ist doch nicht zu übersehen, dass autoren wie herr seeßlen einfach ihre eigene karriere mit dieser form des klagetextes absichern. das ist schon ok, aber wer für weichspülblätter wie die zeit immer den kritikonkel gibt und trashverlage wie bertz mit nicht lektorierten proseminar-ergüssen vollschreibt, sollte sich  doch bitte nicht derart lächerlich machen. das problem der filmkritik sind leute wie sie, die seit jahrzehnten die gleichen zwei, drei gedanken wiederholen. und vermutlich trauen sie sich nicht einmal, diese antwort auch als post zu veröffentlichen.

Dies schreibt ein gewisser John Loebner, von dem meine (zugegeben: oberflächlichen) Recherchen nicht ergeben, ob es ihn wirklich gibt oder nicht. (Der Mixed Martial Arts-Kämpfer aus Ohio kann’s ja nicht sein, sonst hätten wir vielleicht ein Problem, ich kann nicht Karate, ich kann bloß Schach.)

Lieber Herr Loebner,

wir trauen uns nicht nur, Ihre Antwort als post zu veröffentlichten, ich antworte Ihnen auch gern, egal ob es Sie nun gibt oder nicht. Denn natürlich haben Sie mir einen großen Gefallen getan. Oder gleich mehrere. Der erste ist, mir noch einen fehlenden Punkt in meiner selbstgefälligen Pseudometakritik der deutschen Filmkritik im Allgemeinen und meiner Skepsis gegenüber ihrer Renaissance im Netz im Besonderen nachzuliefern: Bei Ihrem Griff in die untersten Schubladen des Shit-Stürmers nämlich belegen Sie, wie Neid, Missgunst, gekränkter Narzissmus und Sprachverachtung jede Debatte im Keim ersticken. Dass man den Unterschied zwischen Kritisieren und Auskotzen nicht kennt – geschenkt. Dass man an die Stelle von intelligenter Auseinandersetzung vage, schmutzige Unterstellungen setzt – geschenkt. Der Shit-Stürmer greift in die immer gleichen Schubladen, sie könnten die selbe Shit-Mail mit ein paar Namens- und Titeländerungen an jede andere Kritikerin, jeden anderen Kritiker schicken, der eine gewisse Position hat. Das ist der Trick an der Sache, nicht wahr? Haben Sie in letzter Zeit einmal amerikanische, französische und italienische Seiten besucht, in denen um Filme und Filmkritik gestritten wird? Ist Ihnen dabei etwas aufgefallen? Genau, es gibt Menschen, die mit Respekt miteinander umgehen, auch und gerade, wenn sie einander kritisieren. Aber der Shit-Stürmer will nicht kritisieren, er will nicht zu einem Diskurs beitragen, er will einen Diskurs kaputtkriegen.

Zum zweiten ist Ihr, nun ja, Text Anlass für mich zu einem Sturm der Selbstkritik. Da sitz’ ich also, und schreib an einem Artikel, so lange, bis er mir selber gefällt. Jaja, ich sitze da und schlag mir selber auf die Schenkel: Schorschel, das hast du aber wieder fein gemacht. Bist schon ein toller Hecht! Deine Karriere mit einem Klagetext abgesichert. Wie sie es in der Politik ja auch immer machen, gell. Mit einem Klagetext hat man seinen nächsten Posten schon so gut wie in der Tasche. Die Karriere geht steil bergauf! Und was das für eine Karriere war! Mit zwei, nein, seien wir großzügig, drei immer gleichen Gedanken in Weichspülerblättern und Trash-Verlagen. Das müssen aber, oder bin ich jetzt wieder zu selbstgefällig?, schon ziemlich große Gedanken gewesen sein. Vielleicht die, dass Filmkritik immer was mit Gesellschaftskritik zu tun hat? Weiterlesen