LOST IN REALITY

1

Das einzige, was wir mit vollständiger Sicherheit von der Wirklichkeit wissen ist, dass wir uns einen Begriff von ihr machen. Man könnte sagen: Es gibt die Wirklichkeit, weil wir sie offensichtlich „irgendwie“ brauchen. Die äußere Wirklichkeit, das ist derzeit das Ensemble all jener Dinge und ihrer Beziehungen zu einander, von denen die Mehrzahl der anderen Menschen die selbe Anschauung und das selbe Wissen haben, wie ich selbst. Die Wirklichkeit ist der Ort, an dem am meisten Menschen miteinander leben können (sie leben „miteinander“ auch und gerade dann, wenn sie einander umbringen).

Für die Menschen war es also einst die Wirklichkeit, dass die Sonne sich um die Erde dreht. Sie änderte sich nicht mit Galileos Erkenntnis, sondern dadurch, dass sie sich einerseits kulturell durchsetzte, und dass sie andererseits zu Anwendungen, also zu einer Umwälzung des Wirklichen führte. Immer hoffen wir auf neue Umwälzungen des Wirklichen. Und wieder wird nicht die wissenschaftliche Lösung, sagen wir einer Ent- und Rematerialisierung menschlicher Körper, die Wirklichkeit verändern, sondern der Umstand, dass wir nichts besonderes dabei finden werden, uns mal eben von einem Raumschiff zu einem Planeten hinunterbeamen zu lassen.

Das Wirkliche ist eine Idee des Äußeren, die die Subjekte miteinander verbindet. Man könnte annehmen, die Wirklichkeit bestehe aus einem theoretischen Anteil (die Naturwissenschaften), einem praktischen Anteil (die Gesellschaft und ihre Subsysteme, bis zur Idee des Subjekts) und schließlich einem semantischen Anteil (die Bezeichnungen des Wirklichen).

Nichts ist wirklich, für das es keinen Begriff, keine Erzählung und kein Bild gibt.

Daraus entsteht das Paradoxon einer Wirklichkeit, die nur durch einen Vorgang der doppelten Negation zu begreifen ist: Durch die Bestimmung dessen, was definitiv nicht Teil der Wirklichkeit ist, und durch die Gegenwart des Wirklichen in ihrer Reflexion.

So ist Wirklichkeit mithin ein kollektiver Traum, der auf besondere Weisen kontrolliert wird. Kontrolle ist eine Funktion von Macht und Diskurs. (Und der Diskurs muss daher eine Funktion von Macht und Wirklichkeit sein, und so weiter.)

So kann man an eine „objektive Wirklichkeit“ nur glauben wie man an Götter glaubt: Ist es nicht absurd, an Götter zu glauben? Ja, schon. Aber ist es nicht genau so absurd, an eine Welt zu glauben, die ohne Götter entstanden wäre?

Es ist jedenfalls sehr unpraktisch, nicht an eine äußere Wirklichkeit zu glauben. Außerdem ist es nicht erlaubt.

2

Die Wirklichkeit ist das Gedachte, das sich nie ändert. Sie ist daher paradoxerweise die reinste Form von Metaphysik: Die Überzeugung, dass sich am Ende alles im Kosmos, im „All“ mithin, nach ewig gleich bleibenden Gesetzen vollzieht. Einen Beweis dafür kann es schon wegen der zeitlichen und räumlichen Marginalisierung des Menschen nicht geben, die ihrerseits freilich nur in Bezug auf diese absolute Wirklichkeit gedacht werden kann.

Wir beschränken uns daher auf das Wirkliche, das sich für das Leben als nützlich erweist. Und wir unterscheiden besser zwischen der philosophischen und der praktischen Wirklichkeit.

Die praktische Wirklichkeit ist eine Konvention oder eine Erzählung. Sie ist eine Maschine, in der Erfahrungen in Diskurse verwandelt werden. Keine Maschine funktioniert perfekt, keine Maschine funktioniert „von selbst“ (wir können uns die transzendentale, nicht aber die praktische Wirklichkeit als perpetuum mobile vorstellen), keine Maschine funktioniert ohne Störungen, ohne kaputt zu gehen und repariert zu werden, keine Maschine funktioniert ohne Energie und ihren Verlust, keine Maschine funktioniert, ohne „Abfall“ zu produzieren, keine Maschine funktioniert ganz ohne Maschinisten (wenngleich jede Maschine dazu tendiert, möglichst viele ihrer Maschinisten überflüssig zu machen). Maschinen existieren nur, weil sie Diskurs und Wissen in Macht und Profit verwandeln.

3

In jeder Gesellschaft gibt es eine Kaste (oder mehrere), die für die Konstruktion des Wirklichen zuständig ist. Sie reagiert auf Bedürfnisse und Interessen (ihre „Verkalkung“ ist das gefährlichste was ihr geschehen kann), aber sie kann keine grundsätzliche Abweichung dulden.

Daher unterscheiden wir zwischen dem erlaubten und dem unerlaubten Abweichen. Zwischen dem Kindlichen und dem Künstlerischen einerseits, dem Wahnsinn und dem Zorn andrerseits.

Diese Kaste funktioniert am besten, wenn es ihr gelingt, das Wirkliche mit dem Herrschaftsinteresse zu verschmelzen. Noch nie freilich gelang dies so vollständig und reibungsarm wie in der Welt, in der wir leben. Sie ist im Wesentlichen auf die Aussage konzentriert, dass der Kapitalismus und das Wirkliche mehr oder weniger (man hat ja auch „Freiheit“ versprochen) das gleiche ist.

Mechanisch könnte man das zunächst insofern ins Werk setzen, als man einfach jeden „Weg zum Wirklichen“ kapitalistisch besetzt. Dann nämlich ist es einigermaßen gleichgültig, ob es eine „objektive Wirklichkeit“ jenseits des Kapitalismus gibt. Sie wäre ja für „mich“ wie für „uns“ nicht zu erreichen. Jede Erfahrung, jede Kommunikation und jede Erkenntnis des Wirklichen ist nicht anders als „durch den Kapitalismus“ zu haben.

Das erinnert zweifellos an andere „totalitäre“ Konstruktionen.

Aber diese Beziehung geht sehr viel tiefer. Denn alles, was Erfahrung, Kommunikation und Erkenntnis des Wirklichen (des praktischen Teils der Wirklichkeit) wird zugleich Gegenstand kapitalistischer Verwandlung.

Ist ein Stein im Flussbett eines Wildbachs „wirklich“? Im alten Sinne nur, solange ich ihn, groteskerweise, nicht beachte. Bewundere ich ihn aber, will ich ihn gar „haben“, verwandelt er sich automatisch in eine Dienstleistung und in eine Ware. Man wird daher verhindern, dass ich ihn „einfach so“ betrachte. Man wird ihn mir vorenthalten oder verkaufen.

Wirklichkeit (nach Schönheit) wird man sich im praktischen Wirklichen des Kapitalismus nur noch kaufen können, es sei denn, man habe kein Interesse an ihr.

Das Wirklichste daher ist nun das Leben im Abfall. (Daher diese klammheimliche Sehnsucht der mehr oder weniger saturierten Nutzer der kapitalistischen Wirklichkeitsmaschine nach dem „Trash“, aus dem Energie, Vitalität, eben „Wirkliches“ erhofft wird; Vergiftungen müssen in Kauf genommen werden.)

4

Damit wir uns richtig verstehen: Das alles heißt keineswegs, dass das praktische Wirkliche nichts anderes wäre als das, was Macht, Interesse, Struktur und Profit in einer Gesellschaft ihren Mitgliedern vorschreiben würde. Dagegen steht der (übrigens auch bei Foucault bedeutende) „Wunsch zu wissen“. Die Science Fiction-Vorstellung, eine so oder so totalitäre Gesellschaft könne ihren Mitgliedern einfach eine Illusion für die Wirklichkeit verkaufen, durch die Medien, durch Drogen, durch Gewalt, oder auch das ideologische/ideologiekritische Pendant, in dem wahlweise der kommunistische Staat oder das kapitalistische Entertainment einen umfassenden Verblendungszusammenhang herstellt, erscheint eher unterkomplex.

Das Wirkliche lässt sich bis zu einem gewissen Grad kontrollieren, aber nicht nach Belieben herstellen. Denn für die erwähnte Maschine ihrer Verarbeitung gibt es Begrenzungen sowohl des Materials als auch der Nachfrage.

Der Kapitalismus kann das Wirkliche nicht vollkommen auffressen, sonst hätte er sich in der Tat zu Tode gesiegt. Daher muss er Wirklichkeit nicht nur aneignen, sondern auch produzieren. Daher kein Ende der Geschichte (der zeitlich gegliederten Wirklichkeit), wohl aber ihre Transformation. Er stößt Wirklichkeit aus, vorwiegend in Form von Krieg, Terror und Leiden.

5

Vollkommen praktisch wird die Wirklichkeit erst in einer Erzählung. In einem Ineinander von Begriffen (einer SPRACHE). In Bildern. Vor allem aber in Maschinen, die dies alles drei miteinander verbinden. Theater. Zeitungen. Museen. Filme. Fernsehen. Internet. Soziale Netzwerke.

Die Wirklichkeit ist jeweils etwas vollkommen anderes, je nachdem, ob wir es mit oder ohne eine nach der anderen dieser Maschinen denken. Wem gelingt es, das Wirkliche ohne Theater zu denken? Ohne Zeitungen? Ohne Museen (und anderes Bilder- und Event-Arrangement)? Ohne Filme? Ohne Fernsehen? Ohne Internet? Ohne Soziale Netzwerke?

Die Erzählungen, Begriffe und Bilder werden in ihren Maschinen immer perfekter miteinander verbunden, so perfekt, dass wir das eine vom anderen kaum noch zu unterscheiden verstehen (schon gar nicht ohne die Hilfe der Philosophen, die wir gleichwohl vertrieben oder zu Medien-Kaspern degradiert haben). Aber zur gleichen Zeit verlieren sie nicht nur an Verbindlichkeit und „Verlässlichkeit“. Sie sind so perfekt in der Widergabe des Wirklichen, dass sie dieses selber verlieren.

Was sie an Reichtum gewinnen, verlieren sie an Geschlossenheit. Die Erzählung schloss das Wirkliche ein. Der Begriff zog eine eindeutige Linie.  Das Bild schuf sich den Rahmen.

Um die „richtigen“ Bilder, Begriffe und Erzählungen für das Wirkliche zu bekommen, musste der Bürger einst Arbeit, Wege, Geld aufwenden. Vor allem musste er die Kunst des Wählens beherrschen und wurde dabei selbst zum Erwählten. So wusste er, aus ihren Bildern, Erzählungen und Begriffen, warum das Wirkliche der alten Feudalherren falsch war (wenn auch bemerkenswert schillernd und verführerisch), und er wusste, warum das Wirkliche „des Volkes“, der Bauern und Proleten falsch war (wenn auch von einem faulen Glanz des Kindlichen, des verlorenen „Natürlichen“ und „Echten“, und vom Heftigen und Sinnlichen überzogen).

Das Reale in der Kunst der Moderne war nicht das Verschwinden des Wirklichen, sondern seine Fragmentierung. So musste, nur zum Beispiel, das Abgebildete des Wirklichen vage werden, damit die Wirklichkeit eines Pinselstrichs erkannt werden konnte. Und das Reale in der Literatur war die Entdeckung des „Unwirklichen“, des unzuverlässigen Erzählers, das Verschwinden des ganzen und die Überdeutlichkeit des einzelnen.

Hatte da eine Maschine der Konstruktion des Wirklichen den Dienst quittiert oder sich einer Form der Kontrolle entzogen? Oder war, umgekehrt, die Fragmentierung und „Öffnung“ des Wirklichen eine überlebensnotwendige Kulturtechnik für die Gewinner der großen Modernisierungen?

6

DIE WIRKLICHKEIT, haben wir behauptet, sei ein transzendentales Modell (wenn man sie nicht einfach als ein Dogma, eine Setzung oder eben einen Glauben betrachten will, und sich in seine Stanislav Lem-Lektüre zurückzieht). Daher könnten wir ableiten, die bürgerlich-demokratisch-wissenschaftlich-kapitalistische Gesellschaft habe für sich aus nachvollziehbarem Interesse heraus zur Wirklichkeit, zum Wirklichen, zu ihrer Wirklichkeit eine Beziehung entwickelt, die man als „leichte Metaphysik“ bezeichnen kann. Das heißt, so wie man in der leichten Metaphysik des Postreligiösen „irgendwie“ an Götter oder an ein Weiterleben glaubt, so glaubt der bürgerliche Mensch am Übergang vom zwanzigsten zum einundzwanzigsten Jahrhundert auch nur noch „irgendwie“ an die Wirklichkeit

Die Wirklichkeit ist nicht mehr der einzige Ort an dem wir gemeinsam leben können. Im Gegenteil, er ist der anstrengendste unter diesen Orten. Stattdessen lebt man am besten in gemeinsamen Räumen, in denen sich Fiktionen um einen Wirklichkeitsrest gruppieren. Diese Fiktionen sind nicht einfach Illusionen, sie täuschen keine Wirklichkeit vor, sondern sie erzeugen eine Wirklichkeit zweiten Grades. Diese Wirklichkeit wird einerseits durch die Gemeinschaftlichkeit selbst erzeugt. Das mag von den postreligiösen Kulten der Gemeinschaftlichkeit bis zur semantischen Doppelung von Parallelsprachen reichen. Die Gemeinschaftlichkeit, das Verbundene und Vernetzte, wird, als neue Form der traditionellen „Massensuggestionen“ wirklicher als die äußere Wirklichkeit.

7

Nicht umsonst bezeichnet man den „Wirklichkeitssinn“ auch als „gesunden Menschenverstand“, „Realismus“ oder „Räson“, oder auch, genauer als „wirklichkeitsnahe Einstellung, [nüchterner] Sinn für die tatsächlichen Verhältnisse, für das Nützliche“, so jedenfalls sieht es das „Universallexikon“ , und damit, wenn wir uns den gewöhnten Sprachgebrauch ansehen, eigentlich mehr ein Sich-Fügen als das Erkennen. Den gesunden Menschenverstand zu gebrauchen mahnt, wer uns von „verstiegenen“ Ansichten „runterholen“ will, Realist ist einer, der erkennt, was zu machen ist und was nicht (die moderne Ableitung „Realo“ macht daraus gleich ein politische Programm bzw. eine Strategie beim Umgang mit einem solchen, oder auch gleich das Absehen davon), und jemanden „zur Räson bringen“ kann auch einen ganz schön schmerzhaften Weg zum Realismus beschreiben. Das Wirkliche im Wirklichkeitssinn ist eine begrenzte aber verlässliche Lebenschance.

Dem setzt Robert Musil einen Gegenentwurf gegenüber: „Wenn es aber Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, dass er seine Daseinsberechtigung hat, dann muss es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann.“ So heißt es im „Mann ohne Eigenschaft“ (ein Satz, den sehr viel mehr Menschen kennen als jene, die einen Blick in das Buch geworfen haben).

Die Wirklichkeit steckt voller Möglichkeiten, so wär’s schön. Die Möglichkeiten stecken voller Wirklichkeit, das ist das Grauen.

Denn was immer man von der Wirklichkeit sagen mag, auf der philosophischen wie auf der praktischen Ebene, schön ist sie nicht. Auch nicht gerecht. Nicht einmal „wahr“ in dem Sinne, dass man das Zeichen und das Wesen ohne weiteres einander zuordnen könnte.

Die Wirklichkeit ist so scheußlich, das wir uns fragen, warum die Menschen so nach ihr verlangen.  Aushalten können sie sie ja auch nicht wirklich.

 

(Fortsetzung folgt)

 

Ein Gedanke zu „LOST IN REALITY

  1. Der trostspendende Hinweis auf die Serialität dieser erschütternden Analyse birgt den Halt des andauernden Zweifels am eigenen Verstand: Ich denke, also spinn ich. Spinne Wirklichkeit, an der das Preisschild noch nicht haften bleiben mag.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.