Newsletter (4) zur Kuchensucher-Forschung

In der Badeanstalt Kleinsodingen wurde beim Abriss der hölzernen Umkleidekabinen das eine oder andere in den Fehlböden der maroden Bauten gefunden. Über manches davon wollen wir lieber gar nicht reden. Aber es gibt auch Erfreuliches zu berichten. Unter den Fundsachen nämlich befindet sich auch eine Kladde mit handgeschriebenen Gedichten, die nach längeren Untersuchungen dem Frühwerk des postsituationistischen Lyrikers Edgar P. Kuchensucher einigermaßen zweifelsfrei zugeschrieben werden konnten.

Im unreimen Rheinland

Abenteuergedichte

Springste mit in diesen Teich?

Oder biste da zu feich?

Bistes nich, dann tun wa’s gleich.

 

Kommste mit in diesen Bach?

Warte nich den ganzen Tach!

Guck, hier isses auch ganz flach. Weiterlesen

Filmkritik? Ein Neustart

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Die Geschichte der Filmkritik, wie wir sie nun wohl über ein Jahrhundert gewöhnt sind, ein überaus nützliches Gemisch diverser Funktionen für die Kultur wie für das Geschäft des Kinos, neigt sich ihrem Ende entgegen. Sie teilt dieses Schicksal mit einigen ihrer Trägermedien, dem Zeitungsfeuilleton, der Kulturzeitschrift etc., aber sie ist auch aus eigenem Antrieb in ihre post-mortem-Phase geraten. Filmkritik ist eine Text-Sorte, die dem eigentlichen Geschehen im Bereich des Bewegtbildes nicht mehr gerecht wird.

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Was waren die Hauptfunktionen der klassischen Filmkritik? Eine Konsumentenberatung, eine Hintergrund-Information, ein Diskursfeld, die Verbindung von aktueller Reflexion und Filmtheorie (oder anderen kulturellen Theorien), Begriffs- und Wertebildung, ein Archiv speziellen Wissens, die Schaffung einer Sprache (oder wenigstens eines Jargons), Querverbindungen zu anderen kulturellen Impulsen, ethische Rückversicherung, Ideologie und ihre Kritik, Vergegenwärtigung von grand theories im kulturellen Tagesgeschehen, Geschmacksbildung und einiges mehr. Das schöne an einer klassischen Filmkritik, vor allem wenn sie mit einer gewissen stilistischen und diskursiven Autonomie sowie Autorität der Autoren verbunden war, bestand gerade in dieser Verknüpfung von Funktionen, die ein mehr oder weniger magisches Zentrum hatten, Weiterlesen

LOST IN REALITY

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Das einzige, was wir mit vollständiger Sicherheit von der Wirklichkeit wissen ist, dass wir uns einen Begriff von ihr machen. Man könnte sagen: Es gibt die Wirklichkeit, weil wir sie offensichtlich „irgendwie“ brauchen. Die äußere Wirklichkeit, das ist derzeit das Ensemble all jener Dinge und ihrer Beziehungen zu einander, von denen die Mehrzahl der anderen Menschen die selbe Anschauung und das selbe Wissen haben, wie ich selbst. Die Wirklichkeit ist der Ort, an dem am meisten Menschen miteinander leben können (sie leben „miteinander“ auch und gerade dann, wenn sie einander umbringen).

Für die Menschen war es also einst die Wirklichkeit, dass die Sonne sich um die Erde dreht. Sie änderte sich nicht mit Galileos Erkenntnis, sondern dadurch, dass sie sich einerseits kulturell durchsetzte, und dass sie andererseits zu Anwendungen, also zu einer Umwälzung des Wirklichen führte. Immer hoffen wir auf neue Umwälzungen des Wirklichen. Und wieder wird nicht die wissenschaftliche Lösung, sagen wir einer Ent- und Rematerialisierung menschlicher Körper, die Wirklichkeit verändern, Weiterlesen