Nov 15 2013

Weitere Bemerkungen zur Abschaffung der Demokratie

Veröffentlicht von unter Gesellschaft.

Eine Gesellschaft bildet sich nicht, um Probleme zu lösen und Konflikte zu überwinden, sondern sie bildet sich – und bildet sich immer weiter, indem sie zugleich vielfältiger und verbindlicher wird – , um die Probleme in ihrem Sinne zu organisieren und die Konflikte für sich nutzbar zu machen. So ist verloren, wer glaubt, seine Gesellschaft könne oder wolle seine Probleme lösen. Oder die Probleme des „nächsten“.

Was ist nutzbar für eine Gesellschaft? Das, was der in ihr organisierten Macht dient, und das, was ihr in der Konkurrenz mit anderen (teils realen, teils fiktiven) Gesellschaften dient. Das Ziel einer Gesellschaft ist die eigene Erhaltung und Stabilisierung. Jedenfalls gilt dies, solange wir Gesellschaft auch mit „System“ übersetzen können. Vermutlich ist indes eine Gesellschaft zugleich mehr und weniger als ein System, mit einem solchen aber hinreichend verwandt.

Die Gesellschaft wird durch die in ihr organisierten Konflikte. Aber sie wird es nicht in einer vollkommen organisierten Form. Daher bedarf es eines Staates.

Einer der Konflikte, derzeit, lässt sich als „Abschaffung der Kultur“ beschreiben. Damit ist nicht nur die Überantwortung der Kunst zu einem Kapitalspiel der Oligarchen gemeint, und nicht nur der Missbrauch der Kreativen zur „Gentrifizierung“ für den Immobilienmarkt, nicht nur das Ende der publizistischen Vielfalt und die Überantwortung alles Kulturellen in einem Freihandelsabkommen, nach dem kein Kulturstein auf dem anderen bleiben wird. (Wer hätte das gedacht, dass der allerletzte Untergang des Abendlands die Form eines Freihandelsabkommens haben würde?)

Es ist eine gerechte und offene Bewahrung von Erfahrung, Erkenntnis und Wissen. Und ein Wissen vom Wissen.

Ob eine Gesellschaft überhaupt existieren kann ohne Kultur kommt auf die Definition von Kultur an. Denn irgendwie ist ja in der Tat, wie die Marxisten einst sagten, Kultur eben das, „wie der ganze Mensch lebt“. Aber vielleicht ist Kultur auch das genaue Gegenteil, nämlich das, was sich, in einer ästhetischen Projektion zum Beispiel, davon aufheben lässt, wie der Mensch (noch) nicht leben kann.

Wenn die Kultur als Transzendenz (mehr oder weniger) entfällt, muss eine Gesellschaft sich neue Transzendenzen suchen, was sich hier und dort in Form von Neoreligionen, Fundamentalismen oder sonstigen Arten des religiösen Wahnsinns austobt. Eine richtige Lösung auf Dauer ist dies allerdings nicht. Religiöser Wahnsinn vernichtet am Ende und am nachhaltigsten eben jene Gesellschaft zu deren letzter Rettung er erzeugt wurde. (So viel auch zum politischen Islam und so viel zum christlichen Fundamentalismus.)

Auch „der Erfolg“, „das Geld“ oder „die Ware“ werden als Transzendenz-Ersatz nicht lange vorhalten, sie halten in aller Regel nicht einmal ein einziges Leben durch. (Wenn sich Geldsäcke, Machtmenschen oder Konsumtrottel am Ende ihres Lebens eine Transzendenz suchen, die sie sich leisten können, scheint es meistens schon zu spät. Aber so spät wie bei den Menschen, die Zeit ihres Lebens unter der von ihnen erzeugten Ungerechtigkeit gelitten haben, ist es dann doch nicht. Auch Transzendenz ist nicht gerecht verteilt. Die schon gar nicht.)

Verstehen wir Staat und Gesellschaft als Systeme, die wachsen wollen, aber nicht ins Unendliche. Eine Gesellschaft existiert nur solange es eine andere gibt. Ein Staat ist keiner mehr, wenn er keine anderen Staaten neben und gegen sich hat.

Die Gesellschaft konstruiert mithin nicht allein „sich selbst“, sondern vor allem auch das andere. Es scheint sogar, als wisse jede Gesellschaft mehr vom Rest der Welt als von sich selbst.

Der Rest der Welt wird immer kleiner.

Während die Staaten sich reorganisieren als nationale Arme von Wirtschaftszusammenhängen, kämpfen die Gesellschaften um ihr Überleben. Wer braucht sie noch? Der Neoliberalismus jedenfalls braucht keine Gesellschaft und keine Gesellschaften.

Die Gesellschaften kämpfen zugleich um sich selbst wie um den Rest vom Rest der Welt, und sie kennen dabei ehrlich gesagt nur wenig Skrupel.

Der Erfolg in einer Gesellschaft und ihre Transzendenz stehen in einem dialektischen und in einem Konkurrenzverhältnis zueinander. Es mag sein, dass die Gesellschaft als System, das wachsen und sich stabilisieren will, ihre eigene Transzendenz, wenn sie nicht direkt nützlich ist (nämlich als zu verwendender Konflikt), aufzufressen beginnen muss.

Unter Transzendenz verstehen wir hier nicht allein ein Jenseitiges, wie wir es aus Religion, Kunst oder Utopie kennen, sondern jede Form von „anders“. Kultur ist die nur scheinbar simple Erkenntnis, dass a) ich nicht alles ist, und b) alles andere nicht vollständig in die Kategorie von Freund und Feind, Inklusion und Exklusion fällt. Es ist das Interesse am Offenen, Unberechneten und Un-Ökonomischen.

Wenn das Kultur ist, dann muss sie, wenn der Kapitalismus weiter tun soll, was er muss, nämlich zugleich wachsen und unendliche Schulden anhäufen, dringend abgeschafft werden. Kultur soll nur fortbestehen, wo sie etwas einbringt. Was etwas einbringt verliert seinen Kultur-Status, früher oder später. Mittlerweile ziemlich viel früher.

Doch das eine, das alles andere fressen will, stößt auf Hindernisse, wo das andere selber leben will. Es gibt keine Gesellschaft ohne Feinde, und es gibt keine Gesellschaft ohne Opposition.

Wenn die Gesellschaft ein System ist, das sich erhalten will und das wachsen will, wird verständlich, dass sie lieber Feinde als Opponenten oder Kritiker haben will.

Wir kennen die Grenzen unseres demokratischen Staates. (Sie haben mit Geld und mit den Interessen der Wirtschaft zu tun.) Was wir nicht kennen (weil wir es a) nicht können und b) nicht wollen) ist die Demokratie unserer Gesellschaft. Wir ahnen nur einiges. Zum Beispiel, dass unser Staat immer noch demokratischer ist als seine Gesellschaft.

Dummerweise ist die einzige Legitimation eines demokratischen Staates die Demokratie (in) seiner Gesellschaft.

Einige Menschen in dieser Gesellschaft leiden darunter, dass der Staat nicht demokratisch genug ist. Die meisten Menschen in dieser Gesellschaft leiden an zu viel Demokratie. Sie ist ihnen im tiefsten fremd.

Nun verschwinden, mit der Kultur, die „Übersetzer“. Die Abschaffung der Demokratie in der Gesellschaft und die Abschaffung der Demokratie des Staates verlaufen nicht synchron, vielleicht nicht einmal in die selbe Richtung.

Aus jenen, die die Demokratie des Staates und die Demokratie der Gesellschaft in einen mehr oder weniger fruchtbaren Dialog bringen sollten, sind jene geworden, die den wachsenden Widerspruch zwischen zwei Entdemokratisierungsprozessen verschleiern.

Das ist eine Frage der Bezahlung, aber auch eine Frage der Semantik.

Die Entdemokratisierung beginnt immer mit einer Entdemokratisierung der Sprache.

Wer oder was die Demokratie abschaffen will (unter anderem: das Geld selber) muss immer zuerst die Kultur abschaffen (bzw. sie innerhalb der Gesellschaft so verteilen, dass sie ausschließlich an Wohlverhalten und Erfolg gebunden ist).

Die Kultur muss auswandern. Sie wird migrantisch. Sie wird nomadisch. Sie ist auf der Flucht. Aber sie gewinnt ihren Stolz zurück.

2 Kommentare

2 Kommentare zu “Weitere Bemerkungen zur Abschaffung der Demokratie”

  1. Jens Prausnitzam 16 Nov 2013 um 11:26 Uhr.

    Sie sprechen mir und vielen anderen aus der Seele – Kultur ist heute ein Akt der Selbstverteidigung, der sich von keinem Medium vereinnahmen lassen darf. Als Plattform gibt es (noch, muß man leider sagen) das Internet, und aus einer gelebten Streit- und Diskussionskultur entsteht dort gerade dialogisch eine Geschichte, indem wir sie uns gegenseitig erzählen, immer besser, immer weiter.

    Wer einen Blick riskieren, oder sich daran beteiligen möchte – hier geht’s lang: http://wasbleibtistprost.de/2013/10/w-das-crowdwriting-projekt/

    Für Tipps und Hinweise sind wir empfänglich.

  2. Richard Mayram 17 Nov 2013 um 09:52 Uhr.

    Werter Leser!

    Wenn du morgen das Cineplexx Salzburg City nahe beim Hauptbahnhof betrittst, sei nicht überrascht, wenn dir gleich rechts nach dem Haupteingang hinter einer Glaswand strampelnde, hipp-hoppende und durchtrainierte Frauen und Männer in Trainingsanzügen begegnen. Es handelt sich lediglich um eingeschriebene Mitglieder einer Fitnesswelle, die das Prekariat und die neue Unterschicht erfasst hat.

    Und es soll dich auch nicht wundern, wenn auf den einen oder anderen Kinderspielplatz in Salzburg abends das eine oder andere Grüppchen zusammenfindet, um am dortigen Reck die einen oder anderen Klimmzüge oder Körperüberschläge übt.

    Sei nicht traurig, wenn du nach dem Kauf einer Kinokarte im nächsten Kaffee Platz genommen hast, um zur Überbrückung der Zeit einen Verlängerten trinken willst. Dass das Licht – in diesem Fall im Segafredo – herunter gedimmt ist, liegt daran, dass zurzeit Wasserpfeifenrauchen angesagt ist. Du hast eine große Tabakauswahl und kannst beispielsweise zwischen Pfirsich und Erdbeergeschmack entscheiden. Und die Jungs sitzen rum und sprechen über den zukünftig bestmöglichen Sex oder den Fehlkauf einer Lederhose, weil vielleicht so ein Ding doch nicht der letzte Schrei am Platz ist.

    Und wenn die Jugendlichen sich nicht gerade beim Burger King oder bei MacDonald den Wanst vollschlagen, dann sitzen manche von ihnen gerne in ihrem Kaffee mit aufgeschlagenen Handydisplays. Sie lassen sich von ihren Mails und Messages anleuchten. Das zarte Licht des Displays strahlt auf ihre zarten Gesichter und oft leuchten die Gesichter selbst innerlich auf, weil ihnen aus ihren Apparaten soeben was Nettes mitgeteilt oder ins Ohr genuschelt wurde.

    Und wenn du nach dem Kinobesuch von „Blue Jasmine“ (von Woody Allen) noch ein Weilchen die verzweifelte, weinende, mental zerrüttete und etwas kaputte Jasmine (gespielt von Cate Blanchett) im Kopf hast, dann denk dir einfach: Sie hat’s verbockt. Sie wollte um jeden Preis wieder zurück in die hehre Welt des materiellen Wohlstands und nur kein Loser sein.

    Liebe Zukunft!

    Der Gang in die demokratischen Gesellschaft(en) bleibt in Zukunft bis auf weiteres blockiert, weil uns ihr streitbarer Zugang zunehmend genommen wurde. Denn: „Was nicht Markt ist, soll es auch nicht existieren.“, sagt der Neoliberalismus. Dadurch wird unsere streitbare Demokratie mehr und mehr ins Inexistente oder in die Illegalität getrieben.

    Man könnte nun auf die Philosophie von Alain Badiou setzen, welcher an ewige Wahrheiten in künstlerischen, wissenschaftlichen, politischen Bereichen sowie an Liebesdinge glaubt. Er ist sich ganz gewiss, dass Kraft der (aufblitzenden) Idee, Neues entstehen kann.

    Aber was, wenn wir in den nächsten Jahren nicht mit zahlreichen neuen IDEEN und neuer Vielfalt sowie neuen Möglichkeiten (demokratischer, künstlerischer, politischer, wissenschaftlicher Art) terrorisiert werden, sondern mit einer Art Geschmacksterror? Dann befinden wir uns wieder im Cineplexx City in Salzburg: „Willst du nun die Wasserpfeife mit Pfirsich- oder mit Erdbeergeschmack rauchen, Mädchen/Junge?“

    Und auf den klassischen Bürgerschreck können wir bis auf weiteres oder bis zum „Sankt Nimmerleinstag“ warten.

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