Newsletter (7) zur Kuchensucher-Forschung

Rede des postsituationistischen Lyrikers Edgar P. Kuchensucher bei der Entgegennahme des Michael H. Münde-Preises

(Unautorisierte Mitschrift, aus dem Fundus der Edgar P. Kuchensucher-Gesellschaft)

Unversehrte Damen und Herren,

der Name Michael H. Münte sagt mir zwar gar nichts, das Preisgeld aber kann ich gut gebrauchen. Da es leider nicht sehr üppig ist, werde ich mir wohl eine kleine Reise in den Spessart und ein paar Flaschen trinkbaren Wein leisten. Aber darum geht es je heute nicht. Sondern es geht um Lyrik.

Was ist eigentlich Lyrik? Diese Frage haben Sie sich, vermehrte Damen und Herren, so bildungsbürgerlich wie Sie gucken, seit Ihrer Schulzeit nicht mehr gestellt. Schwerer Fehler. Jetzt sitzen Sie hier und müssen mir zuhören, bevor es Prosecco und Schnittchen gibt. Es gibt doch Prosecco und Schnittchen? Ich hoffe doch sehr!

Also, was ist Lyrik? Zunächst einmal, so geht das los, brauchen Sie Wörter. Jede Menge Wörter. Vollmond, Reisekaskoversicherung, Spiegelbild, Hausrat, Unrat, Ratskeller… Im Ratskeller gibt es übrigens eine ausgezeichnete Gulaschsuppe. Mögen Sie Gulaschsuppe? Schreiben Sie einmal ein Gedicht über Gulaschsuppe, dann wissen Sie wie schwer Lyrik ist. Es muss sich gar nicht mal reimen. Weiterlesen

Weitere Bemerkungen zur Abschaffung der Demokratie

Eine Gesellschaft bildet sich nicht, um Probleme zu lösen und Konflikte zu überwinden, sondern sie bildet sich – und bildet sich immer weiter, indem sie zugleich vielfältiger und verbindlicher wird – , um die Probleme in ihrem Sinne zu organisieren und die Konflikte für sich nutzbar zu machen. So ist verloren, wer glaubt, seine Gesellschaft könne oder wolle seine Probleme lösen. Oder die Probleme des „nächsten“.

Was ist nutzbar für eine Gesellschaft? Das, was der in ihr organisierten Macht dient, und das, was ihr in der Konkurrenz mit anderen (teils realen, teils fiktiven) Gesellschaften dient. Das Ziel einer Gesellschaft ist die eigene Erhaltung und Stabilisierung. Jedenfalls gilt dies, solange wir Gesellschaft auch mit „System“ übersetzen können. Vermutlich ist indes eine Gesellschaft zugleich mehr und weniger als ein System, mit einem solchen aber hinreichend verwandt.

Die Gesellschaft wird durch die in ihr organisierten Konflikte. Aber sie wird es nicht in einer vollkommen organisierten Form. Daher bedarf es eines Staates.

Einer der Konflikte, derzeit, lässt sich als „Abschaffung der Kultur“ beschreiben. Weiterlesen

Weitere Notizen zum Sterben der Demokratie

Demokratie, im Idealfall, ist die zivilisierteste, freundlichste und vielleicht auch „kreativste“ Form des Bürgerkriegs. Sie bedeutet unentwegten Streit, und wenn es gut geht, dann ist es „offener Streit“. Die Gesellschaft, die sich Demokratie leisten will, muss gelernt haben, mit dauerndem, offenen Streit zu leben, und in gewisser Weise auch Gefallen und Nutzen davon zu tragen, auch und gerade eingedenk der Tatsache, dass dieser Streit weder garantiert, immer zu den besten Ergebnissen zu führen, noch eines Tages wirklich „beigelegt“ zu werden.

Streit ist anstrengend, aufregend und verstörend, weshalb die meisten Menschen den Streit lieber nicht sehen mögen. (Ist es im übrigen nicht bemerkenswert, dass es in der Regel jene Menschen sind, die im richtigen Leben keinem Streit aus dem Weg gehen, die am liebsten auf die Politiker schimpfen, die sich dauernd nur streiten?) Gerade wenn die Ergebnisse nicht zu besonders nützlichen, gerechten oder auch nur „vernünftigen“ Ergebnissen führen, mehren sich die Äußerungen wie „Man ist des Streitens müde“. (Und dies führt in aller Regel zur Wahl von Politikern, die sich auf eine Weise inszenieren, als stünden sie über oder jenseits des Streitens, ja, als seien sie sogar in der Lage, dem Streiten ein Ende zu bereiten. So werden die meisten demokratischen Politiker dafür gewählt, dass sie dafür sorgen, dass das mit der Demokratie nicht übertrieben wird, und in einer Erfolg-orientierten Partei arbeiten Spezialisten für den Streit mit jenen zusammen, die ihn öffentlich beenden.)

Was aber geschieht in einer Gesellschaft, in der jede Art von Kampf, Wettbewerb und Konkurrenz geliebt, der Streit (der Worte, der Argumente, der Rede) aber gehasst wird?

Mit der Demokratie also müssen sich die Menschen in einer gewissen Weise versöhnen, nämlich dergestalt, dass sie den kultivierten und offenen Streit als Wesen dieser Regierungs- und Lebensform akzeptieren. Weiterlesen