GESCHICHTEN VOM HERRN REINER UND HERRN KAINER (24)

Graatschpritzlknrrrsch. Recording. Recording real time. Objective Reiner, 789500-ZU-45-Rei-03. Objective Kainer, 789500-ZY-45-Kai-03. Weißbierkeller, Germany, Bavaria. Drüüüprzlt. Recording. Transmitting.

 

„So, Herr Kainer, was sagen Sie jetzt? Jetzt hören die Amis schon unsere Kanzlerin am Handy ab.“

„Ja, das müssen die doch. Das ist eine Demokratie, Herr Reiner! Wie hätte das denn ausgeschaut, wenn die das ganze deutsche Volk ausspionieren möchten, bloß die Kanzlerin nicht. Das kann man doch nicht erwarten vom Mutterland der Demokratie. Weil der Terror lauert doch überall, g’rad da, wo man ihn am wenigsten vermutet.“

„Jetzt regt sie sich aber auf. Weil sie ist halt doch was Besonderes, so eine Kanzlerin. Die kauft ihre Kaffeewärmer doch nicht bei amazon.“

„Aber neulich hat sie im Neuland gegoogelt. Das war ganz schön mutig von ihr. Wie leicht geht man verloren in so einem Neuland“.

„Ja, da macht man sich leicht verdächtig. Oder sie hat gesimst, das hat die drauf, die Angela Merkel. Da hat sie vielleicht Skihasl geschrieben, und der Überwachungscomputer hat Dschihad gelesen, oder sie macht eine Rombe, wie sie das so gern macht, und die Amis verstehen nur Bombe.“

„Jetzt gehen Sie aber! Die Angela Merkel ist doch nicht verdächtig.“ Weiterlesen

SCHLUSS MIT LUSTIG? ÜBER DIE SEHR GERINGEN CHANCEN, VOR LACHEN EINEN KLAREN POLITISCHEN GEDANKEN ZU FASSEN.

Da sind sich alle Parteien einig: Das Abhören von Angela Merkels Handy, also wirklich, das gehört sich nicht, dadurch wird „die deutsch-amerikanische Freundschaft aufs Schwerste belastet“. Und der Noch-Außenminister bestellt den US-Botschafter ein. We are not amused. Are we? Ehrlich gesagt, doch. So etwas scheint das allgemeine Empfinden zu belegen: Die Lage ist hoffnungslos aber nicht ernst. Weltgeschichte und Politik, Sprache und Kultur, Ethik und Ästhetik: Vor unseren Augen hebt sich das auf als großer Witz. Der mächtigste Mann der Welt, die mächtigste Frau der Welt: Der eine hat von nichts gewusst, und für die andere ist das Internet noch Neuland. Nein, ernst nehmen kann man diese Mächtigen wirklich nicht mehr. Und das macht uns wohlig und gerade richtig temperiert erregt, dass der Kaffee noch schmeckt. Gerade haben wir noch „gewählt“. Pruuust!

Wir haben es uns nämlich, ob wir es nun „Postmoderne“ nennen oder nicht, in einer Kultur bequem gemacht, in der man lernt, nichts wirklich ernst zu nehmen. Menschen, die mit heiligem Eifer ein hehres Ziel, die Weltrevolution oder die Rettung des Sauwaldschlösschens, verfolgen, oder die sich noch „richtig“ aufregen können, bekommen leicht etwas unfreiwillig Komisches. Man sieht solchen Menschen dabei zu, wie sie sich verrennen, wie sie zu Karikaturen ihres Engagements, wie sie grotesk werden in diesem asymmetrischen Kampf zwischen einem System, das selbst seine Protagonisten bescheißt und seine Kritiker, die man gerne schon einmal in der Psychiatrie verschwinden lässt oder anderswie zum Schweigen bringt. Wer sich ernsthaft aufregt beweist nur seine Ahnungslosigkeit. Weiterlesen

Nachschriften zu den “BLÖDMASCHINEN” (5), oder Kleine Notizen beim Fragen nach der Freiheit

Nehmen wir an, der Mensch in der bürgerlichen Welt werde durch eine besondere Beziehung zwischen Subjekt und Gesellschaft bestimmt: Die Gesellschaft erzeugt das Subjekt, und das Subjekt erzeugt die Gesellschaft. Dies würde wohl, im Fall eines mehrheitlichen Gelingens, größtmögliche Stabilität mit größtmöglicher Dynamik verknüpfen. Die Medien dazu sind etwa Kritik, Kunst, Wissenschaft, Diskurs. Auf der anderen Seite gibt es die politische und ökonomische Macht, es gibt Sprache, Codes, Mythen, und es gibt „den Markt“. Es ist die Frage, ob diese Beziehungen ein „System“ bilden, oder aber eine historische Erzählung, die sich aus Konstanten und Variablen entwickelt.

Nach Niklas Luhmann gäbe es im System weder Werte noch Interessen als „invariante“ Größen, und selbst Entscheidungen wären nichts anderes als Reaktionen des Systems auf seine Umwelt. Doch so gewiss es „dumme Zufälle“ gibt, so gewiss gibt es auch „freie“ Entscheidungen, die man indes, vom Standpunkt eines Systems aus, durchaus als Sonderformen der „dummen Zufälle“ denken kann. Vom Standpunkt des Menschen, der Subjekt seiner Geschichte werden möchte, sind sie indes der Glücksfall. Rückkoppelungen der unabgeschlossenen und retardierten Menschwerdung sozusagen.

Interessanterweise scheinen wir uns in einer Phase zu befinden, in der die Frage ob es um den Menschen oder um das System geht, auf hunderterlei wieder gestellt wird, in hochkomplizierten und supersimplen Formen, in wissenschaftlichen Debatten oder in Comedy-Auftritten. Eine der einfachsten Ableitungen: Gibt es so etwas wie einen freien Willen, oder ist alles nur Teil eines neurologisch erklärbaren Systems? Weiterlesen

Eins auf die Presse, mein Herzblatt! (25)

Die Leserschaft einer Zeitschrift erkennt man am besten an den Anzeigen, um die herum die redaktionellen Beiträge „gestrickt“ werden.

„chrismon – Das evangelische Magazin“ bietet den ihren: Herrenhemden („kerniges Karo, weicher Griff“), Bücher („Joachim Gauck: Nicht den Ängsten folgen, den Mut wählen“, „Stoner“ von John Williams, „Alles Märchen! –Insider packen aus“), Rotwein („Spaniens Top-Weine“), Fernsehen („mdr-Topnews: Völkerschlacht überrollt Sachsen“) vor allem aber Reisen (Namibia-Rundreise, Türkei, „Faszination Amerika“, Schwarzes Meer oder Ostsee: „Zauberhafte Schiffserlebnisse“, „Im Land der Maharadschas“, „Portugal – Auf den Spuren der Seefahrer“, „Andalusien-Rundreise mit Madrid!“). Dazu kommen noch Eigenanzeigen, (neben der einschlägigen Literatur auch „Jesus“-T-Shirts). Mit so viel, naja, Lebensgenuss kann man dann Sachen wie diese aushalten: „Ich muss Gott nicht nur anhimmeln – Gott hält auch meine Wut aus“. So sagt es in chrismon eine Pfarrerin für Notfallseelsorge, und eine Professorin für praktische Theologie erklärt, dass Studien belegen, „dass Religion nicht vor Vorurteilen schützt“. Wer hätt’s gedacht. Und eine Malerin bekennt: „Ich komme aus dem Staunen nicht raus, wie wahnsinnig schön diese Welt ist. Das macht auch meinen Glauben stärker“.

Im „Zeit-Magazin“ dagegen gibt es: Damenhandtaschen („Céline“), Männerjacken („Brioni“, „Timberland“), Autos („Mercedes-Benz“), Uhren („TAGHeuer“, „Cartier“, „Audemars Piguet“, Patek Philippe“), DVD („Hannah Arendt“, „Das Leben ist nichts für Feiglinge“, „Borgia“), DB („Nächster Halt: Prag“), Lufthansa („Frankfurt. Bordeaux. Peking.“), Private Banking („Frankfurter Sparkasse“), Möbel („Marktex“), Kunst („Lumas“), Textilien („Hermès“) und ein „Premium-Event des Marketing“ namens Frankfurter Marken Gala, veranstaltet vom Marketing Club Frankfurt.

Im Magazin der Süddeutschen Zeitung, Themenschwerpunkt Design, gibt es: Uhren („Patek Philippe Diamond Ribbon für Damen“, „Rado“), Herrenschuhe („Tod’s“), T-Shirts („Lacoste“), Bücher („Ein gutes Herz“ von Leon de Winter, „Jenseits der Untiefen“ von Favel Parrett), Möbel( („B&B Italia“, „ligne roset“, „rochebobois“, „Jori“, „L. Heinen“, „Marktex“), Textilien („Brunello Cucinelli“, „Denim“), Fotoapparate („Olympus“), Bleistifte („Faber-Castell“), Autos („Audi“), Weiterlesen