Kleinigkeiten (34)

WAHLFIEBER

Das „magazin“ der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für Deutschland bietet die vermutlich subtilste Bestätigung für „Wahlmuffel“ mit erfreulichem Bankkonto: „Wählt“ heißt es auf dem Titelbild mit Mode-Model, und wenn man umblättert heißt es zum nun näher gerückten gleichen Model „Mode“. So wird das was! Wählt Mode! Zwischen Merkel und Steinbrück entscheide ich mich für MaxMara! Zwischen rechts und links entscheide ich mich für Rolex (Oyster Perpetual Datejust, um genau zu sein)! Zwischen Umwelt und Fortschritt entscheide ich mich für Malaysia (Endlose Strände, Im Paradies ist es am schönsten zu zweit)! Zwischen entschlossenem Regierungshandeln und Besonnenheit entscheide ich mich für „The Leading Man“ (Herrenmode von Hackett, London). So kommt Demokratie nicht aus der Mode.

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Weit von daheim das Titelbild einer kleinen Zeitung: Eine Tribüne gefüllt mit Menschen, die eher gelangweilt als begeistert aussehen, einige von ihnen halten ihre Handies zum Fotografieren hoch, alle tragen sie diese orangenen Sprechblasen-Logos mit „Angie“ hoch, die daran erinnern, dass der alte Supermarkt sich vom neuen nicht viel unterscheiden wird. Und dann schämt man sich ein bisschen. Und man tut so, als gäbe es in dieser Zeitung nichts wichtigeres als die Fußballergebnisse.

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Zur Zeit scheint es in Deutschland nichts Lustigeres zu geben, als Tests, Wetten und Prognosen, was den Ausgang der Wahl angeht. Es gibt sogar eine eigene Webseite „Wahlfieber – Politische Prognosen“. Da kann man so erheiternde Prognosen abgeben wie  „Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Grünen die meisten Zweitstimmen bekommen?“ oder „Wie viele Stimmen (in Prozent) erhalten die Kleinstparteien bei der Bundestagswahl 2013?“ Dabei geht es natürlich nicht bloß um Meinungen, sondern buchstäblich um Spekulationen, wenn auch erst einmal mit einem fiktiven Einstiegskapital, das sich, wie bei anderen Onlinespielen, wohl irgendwie auch wieder in echtes Geld verwandeln lässt. Weiterlesen

Kleinigkeiten (33)

„Derzeit“, so die F.A.Z. vom 6. September 2013, „scheint der Post alles zu gelingen: Höhere Preise, bessere Gewinnaussichten und Aufnahme in den Euro-Stoxx-50“. Tja, wenn nur dieses leidige Zustellen von Briefen, dieses unangenehme Schaltergeschäft, diese blöden Kunden mit ihren unziemlichen Wünschen nicht wären. Aber wer braucht denn zufriedene Kunden, wenn er höhere Preise und bessere Gewinnaussichten hat!

Und aus der Rubrik „Wieder was dazu gelernt“: Euro-Stoxx-50 ist ein Aktienindex, der seit 1998 50 große Börsen-notierte Unternehmen der Euro-Zone dokumentiert. Im Jahr 2008 brach er einmal um 44 % ein, im Jahr 2012 indes stieg der Wert um 13%. Die 50 Unternehmen werden immer wieder neu bestimmt, und zwar nach der Marktkapitalisierung bezogen auf den Streubesitz. Unter Marktkapitalisierung versteht man den Börsenwert der Aktie malgenommen mit der Anzahl der frei im Handel verfügbaren Aktien; der Streubesitz ist die Summe aller Aktien, die von Kleinaktionären gehalten bzw. gehandelt werden.

Marktkapitalisierung und Streubesitz scheinen eine gewisse Stabilität zu garantieren, um Gegensatz zu den besonders volatilen Unternehmungen, die durch eine einzige oder einige wenige Transaktion sehr schnell nach unten oder nach oben gebracht werden können.

Das Beispiel von Post, Bahn und Telekom zeigt im übrigen, dass Kundenzufriedenheit und Kompetenz nicht das Geringste mit Profit und Gewinnaussicht zu tun haben.

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Der faschistische Staatsanwalt im Prozess gegen Antonio Gramsci sprach als Individuum aus, was als strukturelle Maßnahme die Kultur der Postdemokratie leitet: „Man muss dieses Gehirn daran hindern, zu funktionieren“.

Es sind die „Missvergnügten“ (so Walter Benjamin über Siegfried Kracauer) deren Gehirne noch stets daran gehindert werden sollen, zu funktionieren. Nur die Mittel ändern sich.

Manche Gehirne lassen sich indes nicht so einfach daran hindern, zu funktionieren. Deshalb das Bild von Antonio Gramsci an der Wand meines Arbeitszimmers.

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Der lupenreine Postdemokrat Rainer Brüderle unterstellt einem politischen Gegner, er wähne sich wie ein Porsche und sei in Wirklichkeit ein Fiat. (Die PR-Fuzzis von Fiat schäumen!) Weiterlesen

Eins auf die Presse, mein Herzblatt! (24)

Aha! Der Spiegel holt sich also den BILD-„Macher“, der gerade für die niederträchtige Anti-Griechen-Kampagne in diesem Medium der Niedertracht verantwortlich war. Das ist, als würde sich jemand, der sich gerade vergiftet hat, auch noch ertränken wollen, um bei seinem Selbstmord auf Nummer sicher zu gehen. Ein Blick in die letzte Nummer dieses, nun ja, Nachrichtenmagazins, lehrt: Das hätt’s nicht gebraucht.

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Grusel-Fernsehen, aus der tz-Fernsehbeilage („Mit ShowView“, echt jetzt): „Kuschelrock – Die beliebtesten Lovesongs“: „Mit prominenten Gästen und Music-Acts präsentiert Oliver Geissen die neue Show voller Überraschungen. Erstmals haben die User bei ‚Clipfish.de’ in einem großen Online-Voting entschieden, welche aktuellen Top-Hits, Kuschel-Klassiker oder Lovesongs im Top 25 Ranking gespielt werden“. Meinen Vote hat natürlich mal wieder niemand berücksichtigt: „Gently Vomiting on Your TV-Set“ von Lemmy Oudahere.

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Auch „Die Welt“ kann Wichtiges vermelden (neben einer zähen Kolumne über die Frage „Sollte ein Hund Bademantel tragen?“): „US-Skirennläuferin Lindsay Vonn (28) hat ihren Traummann gefunden: Sie ist von ihrem Partner, Golf-Legende Tiger Woods (37) absolut begeistert: ‚Es gibt wirklich nichts an ihm, das mich stört. Er lässt nicht einmal den Toilettendeckel hochgeklappt! Fantastisch“, sagte Vonn dem US-Magazin People.“

Qualitätsjournalismus, das. Weiterlesen