Aug 31 2013

Kleinigkeiten (32)

Veröffentlicht von unter Gesellschaft.

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Es ist eine nicht besonders angenehme Zeit, in der wir leben, nämlich eine, in der, wie Antonio Gramsci aus der faschistischen Gefangenschaft schrieb, „das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann“. Das Sterben dieses Alten haben wir, an anderer Stelle, nämlich in zweien unserer Bücher („Untot“ und „Kapitalismus als Spektakel“), als ein Gegenteil von Verschwinden, nämlich als ein Verwandeln in ein allgegenwärtiges „lebendes Totes“ beschrieben. Dieser Verwandlung zuzusehen macht eine doppelte Mühe: Erstens, weil es wahrlich kein schöner Anblick ist, zuweilen in seiner obszönen Zähigkeit nicht einmal das, was man gemeinhin „faszinierend“ nennt. Und zweitens, weil offensichtlich eine Mehrheit auch und gerade im „kulturellen Sektor“ wütend entschlossen ist, sie nicht zur Kenntnis zu nehmen oder gar Blindheit zur Bürgerpflicht zu erheben.

Wir sehen, rundheraus gesagt, der Demokratie beim Sterben zu.

Die Verwandlung der Demokratie (die selber, ach! so weit von ihrer Vollendung, ja von den bescheidensten der eigenen Möglichkeiten entfernt war) in die „Postdemokratie“ ist dabei ein zentraler Vorgang, eben die Verwandlung der Demokratie in ihre gespenstische Simulation. Aber es ist nicht der einzige Vorgang. Parallel dazu verlaufen nämlich eine Ausbildung von vollkommen anti-demokratischen Institutionen (wir müssen nicht an die explosive Entwicklung der Geheimdienste und der „Experten“- und „Berater“-Kraken denken) und eine fundamentale Entkopplung zwischen ganzen sozialen Bereichen und der Demokratie. Es sind also drei (miteinander gekoppelte) Prozesse, die das Sterben der Demokratie bedingen:

Die AUFWEICHUNG

Die NEGATION

Die EXKLUSION.

 

Die Wirkmacht dieser Beendigung des Projektes Demokratie im Kapitalismus entstammt der Tatsache, dass es sich auf allen Ebenen verwirklichen kann, und auf den meisten ohne auf nennenswerten Widerstand zu treffen: Die Ökonomie, der Staat, die Wissenschaft, das Militär, die Parteien, die Kultur, „die Gesellschaft“, die Medien etc. Noch weiter, wenn auch weniger genau zu beobachten, vollzieht sich das Sterben der Demokratie auch auf der Ebene des Subjekts, der Sprache, der Phantasien, der Ästhetik, der Kunst, des Traums.

Das Geheimnis der Verwandlung von Demokratie in Postdemokratie liegt darin, dass viele Menschen davon profitieren.

Die Verwandlung ist so weit fortgeschritten, dass jemand, der sich ihr entgegensetzt, bereits seine soziale Existenz riskieren muss.

Das Sterben der Demokratie unterliegt einem kollektiven Schweigegebot.

Eine Gesellschaft, die von Profit, Konkurrenz und Performance angetrieben wird, kann Demokratie nicht bewahren.

Wie bei allen Prozessen der Macht-Akkumulation (nun in den Händen einer politisch-medial-ökonomischen Oligarchie) wären die Protagonisten und die Nutznießer nichts ohne die Heerscharen der Mitläufer und Duckmäuser.

Das Sterben der Demokratie wäre nicht möglich ohne die tätige Mithilfe all jener Kräfte, die ursprünglich eingesetzt wurden, um sie zu verteidigen und zu vertiefen.

Eine große Schuld am Sterben der Demokratie trifft das weite Feld des „Journalismus“, der Presse als politisches Regulativ- und Kontrollinstrument. Eine große Schuld am Sterben der Demokratie trifft die „Intellektuellen“. Eine große Schuld am Sterben der Demokratie trifft die „Kultur“.

Reparatur- und Korrekturmaßnahmen, die es zweifellos in Bezug auf die „großen Versprechungen“ der Demokratie auch noch gibt, nämlich auf Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, verlieren ihre Kraft, weil sie isoliert voneinander und ohne ein einigendes Projekt vorgenommen werden. Und nicht selten werden sie, wie sich anhand der Mehrzahl diesbezüglicher Gesetze nachweisen lässt, die in den letzten Jahren beschlossen wurden, in ihr genaues Gegenteil verkehrt.

Ob sie es so nennen oder nicht: Ein großer Teil der kulturellen Klasse befindet sich in einer Form der inneren Emigration (nicht wenige auch in einer äußeren). Diese Form der inneren Emigration mag sich von der „émigration enterieur“ am Ende des 18. Jahrhunderts unterscheiden (ein Adel, der sich mitsamt „seiner“ Kunst, der Philosophie und der Literatur freiwillig aus der Öffentlichkeit zurückzog, weil ihm die Obszönität und die Korruption eines neuen Bündnisses zwischen Königshaus, Industrie und beginnendem Finanzkapitalismus unerträglich schien). Sie folgt aber sehr ähnlichen Mustern. Sie vollzieht sich nicht zuletzt auf einer Ebene der Semantik – hat Kritik einmal einen bestimmten Grad des Fundamentalismus erreicht, so ist sie kein Einspruch mehr, sondern ein Exil.

Die Transformation von Kapitalismus und Demokratie macht viele Menschen unglücklich, manche „elend“. Es wird eine „neue Unterschicht“ konstruiert, nicht allein ökonomisch, sondern auch kulturell. Die Spannungen zwischen der verängstigten unteren Mittelschicht und der neuen Unterschicht (als Realität wie als mediale Fiktion) entladen sich auch politisch. Es werden Sündenböcke gesucht, und die postdemokratische Politik bedient nicht nur an den „populistischen“ Rändern die neuen Feindbilder.

Eine postdemokratische Gesellschaft trägt den Keim der Faschisierung in sich.

Das Bündnis von Postdemokratie und ökonomischer Oligarchie benutzt einen kontrollierten Faschismus als internes Machtmittel.

Im Verhältnis zu den „Verlierern“ entledigt sich die postdemokratische Politik ihrer humanistischen Grundierung, so wie sie es zuvor schon gegenüber anderen „Elenden“ getan hat, den Flüchtlingen, Asylbewerbern und anderen Migranten.

Aus einer „Kultur der Verachtung“ wird eine des Hasses. „Die Anderen“ sind schuld: die „Ausländer“, die mir den Arbeitsplatz wegnehmen, die billiger sind, als ich es sein kann, die, wie die „faulen Griechen“ von „unserem Geld“ leben. Der unerlaubte Antikapitalismus äußert sich, einmal mehr, in einem konsensuellen Antisemitismus.

Die ideale Begleitkultur der Postdemokratie ist ein Faschismus light.

Neoliberalismus und Postdemokratie schaffen Freiheit nicht einfach ab. Im Gegenteil. Die Gesellschaft, in der sich beides verwirklicht, in unserer Zeit und an unserem Ort, ist mit bislang unbekannten Freiheiten durchsetzt und gefüllt. Es geht in diesem Prozess vielmehr um eine neue Definition, um eine Umwertung von Freiheit.

Das Ziel von Neoliberalismus und Postdemokratie ist die Abschaffung der Gesellschaft als Kommunikationsraum zwischen Staat, Wirtschaft und Subjekt.

So tritt „subjektiver Freiraum“ an die Stelle von sozialer Freiheit.

Entertainment und populäre Kultur (die allgemeinsten Formen dessen, was wir an anderem Ort „Blödmaschinen“ nannten) übernehmen weitgehend Funktionen dessen, was früher Religion, Propaganda oder „große Erzählung“ erfüllten.

Ein Nebenprojekt von Finanzkapitalismus und Postdemokratie ist die Abschaffung der öffentlichen Kultur. An deren Stelle tritt eine ökonomisierte Sponsorenkultur, die Kunst, zum Beispiel, mehr und mehr zu einem Akkumulationsfetisch der neuen Oligarchien macht.

Nicht nur im „Merkelismus“, dort allerdings in besonders augenfälliger Weise, bedeutet die Verbindung von Postdemokratie und Neoliberalismus eine (möglicherweise episodenhafte) Wiederkehr des Merkantilismus, einschließlich einer Reaktion des „Nationalkapitalismus“, der letztlich auf Wirtschaftskriege unter angeblich Verbündeten hinausläuft. Die Gleichzeitigkeit von Nationalisierung und Globalisierung kann eine politische Ökonomie auf Dauer nicht mit demokratischer Transparenz dulden. Sie erhöht indessen die „Notwendigkeit“ mehr oder weniger begrenzter militärischer Eingriffe an weit entfernten Orten.

Die Grenzen der „Privatisierung“ werden stets weiter verschoben. Die Instrumente der staatlichen Gewalten, die Polizei, das Militär, die Verwaltung, die Justiz, die Bildung etc. werden zumindest teilprivatisiert und noch mehr ökonomisiert.

Die Schuldenkrisen werden im 21. Jahrhundert die Geschichte mehr prägen als es die zyklischen Krisen im Kapitalismus ohnehin tun. Wenn es stimmt, das sich mittlerweile die Wirtschaft einen Staat hält (so wie einst, in Preußen, das Militär sich einen Staat hielt), dann ist es zweifellos möglich, dass sich in naher Zukunft die Wirtschaft gewisse Staaten nicht mehr leisten wollen wird.

Gegenüber der Dissidenz baut die Transformationsmacht der Postdemokratie zwei ungeheure Drohpotentiale auf: Ein allgemeines, und ein individuelles.

Die allgemeine Drohung lautet: Alles andere ist noch viel schlimmer. Die Suche nach Alternativen zur derzeitigen Situation, jede Idee einer Wiedergewinnung gesellschaftlicher Projekte, ist bereits Einladung, ja Kooperation mit dem so oder so terroristischen Feind. Radikale Kritik ist mehr oder weniger kriminell, denn was außerhalb von Demokratie/Postdemokratie und Kapitalismus/Neoliberalismus liegt, ist nicht nur ineffizient, sondern auch unmoralisch.

Die individuelle Bedrohung betrifft die alten und neuen Formen der Exklusion. Nicht der Tod, nicht die Ächtung, nicht die Verbannung (das „Elend“, wie es einst beschrieben war) ist die größte Strafe, sondern es ist die Ausgrenzung. Das Verdikt, nicht mehr dazu zu gehören, eine neue Form der Vogelfrei-Erklärung, die gewiss nicht nur in einem besonders sichtbaren und besonders „skandalösen“ Fall auch dazu führen kann, dass eine lästige Person durch Psychiatrie, durch Justiz und, in anderen Fällen, durch willfährige Medien zum Verschwinden gebracht wird.

Das bedingte „Laisser-faire“ innerhalb des Systems ist das Negativ einer gesteigerten Gewaltbereitschaft des Staates gegenüber der wachsenden Zahl der „Lästigen“.

So wie einst das Begriffspaar Individualität und Gesellschaft (zum Beispiel in Bezug auf die „Freiheit“) den Diskurs bestimmte, bestimmen nun die Pole Lust und Kontrolle das Geschehen. Sowohl die Macht der Postdemokratie als auch der Profit des Neoliberalismus realisiert sich durch die Verbindung von Lust und Kontrolle. Das Ideal besteht in der Lust an der Kontrolle und in der kontrollierten Lust. Auf diese Weise werden Elemente einer terroristischen Herrschaft in der Form der Ökonomisierung, der Medialisierung und der Privatisierung problemlos in die Verbindung von Postdemokratie und Neoliberalismus integriert.

Diskursziel der Postdemokratie ist die möglichst fundamentale Distanzierung von sozialer und kultureller Revolte. Die Subjekte der sozialen Revolte und die Subjekte der kulturellen Revolte sollen einander nicht nur nicht verstehen können, man soll sie auch bei Bedarf aufeinander hetzen können.

Das Obszöne ist ein Mittel des Widerstands. Es ist, wenn man den entsprechenden soziologischen und ästhetischen Theorien trauen darf, so etwas wie ein Vorbote der Revolte (auch wenn diese dann womöglich gar nicht eintritt). Es muss seine Kraft verlieren in einer Gesellschaft, die sich selber das Obszöne zur Kultur gemacht hat. Dies scheint nur eine von vielen Mechanismen, sich oppositionelle Energien ökonomisch und politisch anzueignen.

Anders als ihr Vorgänger ist die Postdemokratie eine Bewegung ohne Programm, ohne erkennbares Ziel, ohne „Diskussion“. Das „alternativlose“ in der „marktkonformen Demokratie“, wie es Angela Merkel formulierte, ist demnach das vollständige Programm: die Tatsächlichkeit ist identisch mit der „Wahrheit“, und statt in einer narrativen Struktur von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft will Postdemokratie als ewige Gegenwart verstanden werden; das „Ende der Geschichte“ ist kein „historisches“ Phänomen, wohl aber eine Feelgood-Denkfigur angewandter Postdemokratie.

Die Postdemokratie hat kein Bewusstsein von sich selbst. Sie kann daher mit sich selbst nicht ins Reine kommen. Die Postdemokratisierung ist daher eine Bewegung, die sich so wenig wie ein Ziel eine Grenze setzen kann. Einmal in Gang gesetzt, kann sie sich nur immer weiter bewegen, bis sie entweder durch innere oder durch äußere Widerstände zum Stillstand kommen muss.

Noch haben wir keine soziologischen Modelle dafür, ob sich Ereignisse der Postdemokratisierung wieder rückgängig machen lassen. Die Wahrscheinlichkeit spricht eher für tendentielle Unumkehrbarkeit (was nicht heißen soll, es lohne nicht, sich für noch so kleine Schritte der Re-Demokratisierung einzusetzen; es warnt nur davor, solche Schritte außerhalb ihres Zusammenhangs zu sehen).

Wenn sich Staat und Ökonomie in diesem Prozess einem mehr oder weniger radikalen Umbau unterziehen, dann ist es durchaus wahrscheinlich, dass sich auch die dritte Kraft, das Subjekt, einem ebensolchen ausgesetzt sieht. Darin wohl nur dem Totalitarismus vergleichbar verlangen Postdemokratie und Neoliberalismus die Herstellung einer neuen Art von Person. Sie soll anders wahrnehmen, anders empfinden, anders denken, anders träumen und vor allem anders handeln als ihr Vorgänger.

Auch hierfür gibt es weniger ein Programm als vielmehr eine Ästhetik. Weder der Wert, noch das Interesse sollen dafür das Leitmotiv bilden, als vielmehr der Geschmack. Das Subjekt der Postdemokratie betritt die Schnittstellen der Lebensräume, die vom „öffentlichen Raum“ übrig geblieben sind, vom Geschmack geleitet. Es informiert sich nicht über Idee und Aktion, sondern über Geschmack, und die Macht fließt in ihn hinein und durch ihn hindurch durch die Pumpen des Geschmacks.

Das politische Geschehen wird Schritt um Schritt nach den Regeln der Unterhaltungsindustrie fiktionalisiert, es ist eine Mischung aus Soap Opera und Reality Show. Die Medien, die behaupten, die Politik mit den Mitteln der Unterhaltungsindustrie zu „vermitteln“, verschleiern, inwieweit sie diese dabei fundamental zu verändern helfen.

Die scheinbar freieste Gesellschaft in der Geschichte der Menschheit verwandelt sich in die fundamental konformistische, in der es für Veränderung nicht nur an Möglichkeiten, sondern auch an Sprache und Bildern mangelt.

An die Stelle der rebellischen Aufklärung ist eine ironische Abklärung getreten. Man arrangiert sich mit Verhältnissen, deren Schwächen man erkennt, und deren Widersprüche schon als Lebendigkeit missverstanden werden. Man sagt „gemach“, und grinst „Früher war alles besser“, und links und rechts lauern „Verschwörungstheorie“ und „Kulturpessimismus“. Welcher kritische Geist getraut sich noch die verbliebenen Plätze der freien Rede mit den Worten zu betreten: „Die Zeit drängt“. Wir leben nicht in der versprochenen besten aller Welten sondern in ihrem Gegenteil. Es haben sich Kräfte verschworen gegen die Freiheit, die Menschlichkeit und die Veränderung der Verhältnisse. Und es gibt Gründe, nicht sehr optimistisch die Kultur zu betrachten, die sich diese Kräfte noch leisten.

Wir müssen uns wohl, pathetisch gesprochen, die kritische Vernunft als eingekerkerte vorstellen. Wir müssen Briefe aus dem Gefängnis schreiben.

2 Kommentare

2 Kommentare zu “Kleinigkeiten (32)”

  1. Richard Mayram 09 Sep 2013 um 11:44 Uhr.

    Salzburg, am 9. September 2013

    Kommentar aus einer Arbeitervorstadt:

    I. Manifeste haben Konjuktur.

    Alain Badiou schreibt ein Manifest für die Philosophie und laboriert am Begriff der Subtraktion. Seine politische Praxis versteht sich als Präskription: als ein Vordenken dessen was bedacht werden muss, wenn die Gesellschaft(en) im Sinne der kommunistischen Hypothese ihre Zukunft entwerfen wollen.

    Wir befinden uns, wenn es um die kommunistischen Idee als neue Praxis in einem neuen historischen Modus handeln soll, im Jahr vor 1848, also im Inexistenten. Marx, Lenin, Mao oder Gramsci bleiben gedankliche Wegbegleiter. Aber es bedarf vor allem einer neuen sozialen nicht-militanten Praxis.

    Siegfried Zielinski schreibt ein „Vademecum für die Vermeidung der psychopathia medialis“ und plädiert für eine cultura experimentalis. Beispielsweise, dass man das nicht systemische an den Künsten preist und gegen die tagtägliche Durchsetzung der Kybernetik als Kultur- und Sozialtechnik arbeitet.

    Wir befinden uns im tagtäglichen Denken und Schaffen von Brüchen und Störbildern (bis hin zur eigenen Verausgabung) und dem Ausloten von Möglichkeiten im Unmöglichen.

    Seeßlen denkt gar nicht daran, ein Manifest zu schreiben, denn einzig was sich tagtäglich manifestiert, ist der Neoliberalismus im postdemokratischen Gewand, der unsere Gesellschaft(en) in etwas verwandelt, für die wir mit Schrecken, wenn überhaupt, fürchterliche Begriffe finden.

    Wir befinden uns mitten in einer epochalen Wende!

    II. Büger erhebt euch

    „Bürger erhebt euch!“ verfasst von Georg Seeßlen Herrn Markus Metz, könnte man sich kaufen und lesen. Ich tat es: Kapitel für Kapitel, wie es sich gehört.

    Und dann kam es: Georg Fülberth liefert uns einen Gegenentwurf zu den von unseren von Politikern vorgetragenen und von den Medien- und Marketingunternehmen fiktionalisierten Wahnsinnigkeiten.

    Fülberths Modell folgt der Idee, dass jede bürgerliche Erhebung die Vernetzung von vier verschiedenen Ebenen suchen soll:

    Auf der pinkenen Ebene gilt es, sich über die Kindererziehung von 0 bis 10 Gedanken zu machen (Freie lernwillige und an Projekten teilhabende Kinder, die sich das Miteinander und ihr damit verbundenes Sprechen spielend aneignen?). Auf der roten Ebene gehört die Arbeitswelt komplett neu strukturiert. (Was sind freie Maschinenarbeiter, freie Journalisten, freie Fotografen, freie Filmemacher, … freiwillige Verausgabungen und was ist verschwenderisches Leben?). Auf der grauen Ebene gilt die Hereinnahme der Alten in unsere Mitte (Leute, die Alten haben uns ordentlich viel zu erzählen!). Und auf der grünen Ebene müssen sich neue Möglichkeiten ausschöpfen lassen, wenn wir der Natur als Kraft und Vielheit gerecht werden wollen (Freie Schmetterlingsraupen, welche sich als große Gedanken entpuppen?).

    Und genau da hielt ich inne. Eine Art „Vielheitsmoment“ durchfuhr mich. Von unten strömten die Kinder, in unseren Häusern empfingen wir die Alten, von der Mitte kamen die Werktätigen und oben, poetisch gesprochen, türmte sich eine sonnendurchflutete Quellwolke.

    Seltsamerweise hat mich diese Modellierung überwältigt. Ich sah mich mit so vielen Situationen konfrontiert, dass ich den Situation selbst nicht mehr gerecht werden konnte. Um mit Lacan zu sprechen: ich war im Realen getroffen.

    „Who the fuck is Georg Fülberth?!“
    „Warum widmet Dietmar Dath seinen fantastischen Science Fiction namens ,Pulsarnacht‘ Georg Fülberth?“ oder
    „Was bin ich für ein einsamer Idiot!“, waren so andere Gedanken.

    Ab jetzt gilt es Georg Fülberths Arbeiten zu lesen und in meinem Denken zu berücksichtigen!

    III. Vilem Flusser und Peter Weiss

    Ich bin gerade bei der Lektüre von „Bodenlos“ und „Gesten“ von Vilem Flusser. Und da ich gerade bei einem Autor mit jüdischer Abstammung und ähnlichem Schicksal bin, möchte nicht noch das Buch „Fluchtpunkt“ und der dokumentarische Theaterstück „Die Ermittlung“ von Peter Weiss als Lektüre empfehlen.

    Mann, was können wir von diesen Leuten lernen, die der Nazismus damals allesamt auslöschen wollten! Und beide haben nach einer langen Odyssee ihre Konsequenzen gezogen und wieder zu sich selbst gefunden. Bereichernd, kluge, lebensfrohe Menschen sind sie geworden … große Ideengeber und Denker!

  2. Schweigen | Zurück in Berlinam 13 Feb 2014 um 18:58 Uhr.

    […] Bitterernst, keine Frage. Und es fügt sich alles so wunderbar ein in den Totalitarismus der Postdemokratie. Man kann es kaum treffender formulieren als – mal wieder, immer wieder – Georg Seeßlen: […]

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